{"id":673940,"date":"2020-06-18T06:00:41","date_gmt":"2020-06-18T04:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=673940"},"modified":"2021-09-02T12:37:55","modified_gmt":"2021-09-02T10:37:55","slug":"buchauszug-frederike-probert-mission-female-frauen-macht-karriere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/06\/18\/buchauszug-frederike-probert-mission-female-frauen-macht-karriere\/","title":{"rendered":"Buchauszug Frederike Probert: &#8222;Mission Female. Frauen. Macht. Karriere.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Frederike Probert: &#8222;Mission Female. Frauen. Macht. Karriere.&#8220;<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_677440\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677440\" class=\"size-full wp-image-677440\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/Probert.Fotogruenewald.fazverlag.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/Probert.Fotogruenewald.fazverlag.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/Probert.Fotogruenewald.fazverlag-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/Probert.Fotogruenewald.fazverlag-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-677440\" class=\"wp-caption-text\">Frederike Probert (Foto: FAZ\/Gr\u00fcnewald)<\/p><\/div>\n<p><strong>KARRIEREALLTAG: <\/strong><strong>GESCHICHTEN AUS DEM WIRKLICHEN LEBEN<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Jobeinstieg eine Experimentierphase ist, in der Frauen wie M\u00e4nner gelegentlich Lehrgeld zahlen und hoffnungsfrohe Joberwartungen mit rauen Tatsachen konfrontiert werden, sieht man die Jobwelt nach einigen Jahren und etlichen Erfahrungen kritischer und geht Herausforderungen strategischer an. Hat man sich f\u00fcr Aufstieg und Karriere entschieden, wird man sein Umfeld sorgf\u00e4ltiger w\u00e4hlen, erst recht, wenn man als Frau die ersten desillusionierenden Erlebnisse hatte. Doch auch das sch\u00fctzt nicht vor b\u00f6sen \u00dcberraschungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>FRAUEN MACHEN DIE ARBEIT, M\u00c4NNER MACHEN KARRIERE<\/strong><\/p>\n<p>Einige Jahre vor der eingangs geschilderten Maschinengewehr-Episode, als Key-Account-Managerin bei einem gro\u00dfen Software-Unternehmen, war ich f\u00fcr den Aufbau eines Vertriebsb\u00fcros in Norddeutschland verantwortlich, stellte Mitarbeiter ein, verhandelte immer relevantere Deals mit immer gr\u00f6\u00dferen Umsatzvolumen. Ich wollte allen zeigen, dass ich es bis nach oben schaffe, und die Rahmenbedingungen schienen daf\u00fcr perfekt. Bei der Aufbauarbeit konnte ich zeigen, dass es mir gelingt, ein Team zum Erfolg zu f\u00fchren, und unsere Zahlen sprachen f\u00fcr sich \u2013 so dachte ich jedenfalls. Ich hatte das klare Ziel, die Niederlassungsleitung zu \u00fcbernehmen. Dann wurde von heute auf morgen ein externer Manager eingestellt, um den Job zu \u00fcbernehmen, f\u00fcr den ich zwei Jahre\u00a0alles gegeben hatte. Der Mann war zehn Jahre \u00e4lter als ich, mit l\u00e4ngerer Erfahrung, aber deutlich weniger fachlicher Expertise und Verbindung<br \/>\nzum Team. Sowohl das Team als auch ich waren geschockt, dass uns ohne<br \/>\nVorank\u00fcndigung jemand vor die Nase gesetzt wurde.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/cover.probert.Titel_Mission-Female.jpg\"><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-673941\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/cover.probert.Titel_Mission-Female.jpg\" alt=\"\" width=\"551\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/cover.probert.Titel_Mission-Female.jpg 551w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/06\/cover.probert.Titel_Mission-Female-254x300.jpg 254w\" sizes=\"auto, (max-width: 551px) 100vw, 551px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Frederike Probert: &#8222;Mission Female. Frauen. Macht. Karriere.&#8220; Frankfurter Allgemeine Buch, 224 Seiten, 22 Euro \u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/fazbuch.de\/produkt\/mission-female\/\">https:\/\/fazbuch.de\/produkt\/mission-female\/<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lieber Kompetenz von aussen<\/strong><\/p>\n<p>Der neue Manager hielt sich zwar nicht lange, da er nicht die erwarteten<br \/>\nVerkaufszahlen vorweisen und sich nicht im Team integrieren konnte. Doch auch danach setzte man wieder auf \u201eKompetenz von au\u00dfen\u201c. Als mir dann noch auf der Betriebsfeier ein betrunkener Kollege sein Gehalt ins Ohr lallte, das fast doppelt so hoch wie meines war, kam ich ernsthaft ins Gr\u00fcbeln, ob ich am richtigen Platz bin.<\/p>\n<p>Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Nachdem auch der neue Chef mein (halbes) Gehalt f\u00fcr ausreichend befand, habe ich meine Zielmarke woanders erfolgreich verhandelt und das Unternehmen verlassen. Gelernt hatte ich, dass auch sichtbare Erfolge nicht f\u00fcr eine Bef\u00f6rderung pr\u00e4destinieren, sondern dass der M\u00e4nnerbonus f\u00fcr eine Frau in manchen Kontexten nicht zu brechen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Offen thematisiert werden die Faktoren nicht<\/strong><\/p>\n<p>Und wieder einmal best\u00e4tigte sich, dass keineswegs nur \u201esachliche\u201c Kriterien bei der Besetzung einer Position eine Rolle spielen. Ob es Kontakte hinter den Kulissen gab (die bekannten M\u00e4nnerseilschaften) oder ob es einfach die implizite Erwartung (das \u201eUnconscious Bias\u201c) gab, ein Mann w\u00fcrde auf dieser Position in jedem Fall noch mehr erreichen als jede Frau \u2013 ich wei\u00df es bis heute nicht, denn offen thematisiert werden solche Faktoren nat\u00fcrlich nicht. Ein gern zitierter Hinderungsgrund schied jedenfalls aus: Ich hatte meine Karriereziele offen angesprochen und nicht etwa still gehofft, man w\u00fcrde meine Qualit\u00e4ten entdecken und mich f\u00fcr mein Engagement von sich aus \u201ebelohnen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Karriereorientierung der Frauen: Unbedingt<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser Erfahrung stehe ich nicht allein da. Vor einigen Jahren ver\u00f6ffentlichten Soziologen der Technischen Universit\u00e4t Berlin eine qualitative Studie unter dem Titel \u201eGeneration 35 plus \u2013 Aufstieg oder Ausstieg?\u201c In leitfadengest\u00fctzten ausf\u00fchrlichen Interviews gingen sie den Karrierewegen in Wirtschaft und Wissenschaft auf den Grund. Im Bereich Wirtschaft befragten sie 18 weibliche und 13 m\u00e4nnliche junge<br \/>\nF\u00fchrungskr\u00e4fte. Ein zentrales Ergebnis: \u201eIn der Wirtschaft sind M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen karriereorientiert. Auff\u00e4llig ist jedoch, dass bei Weitem mehr Frauen als M\u00e4nner den Aufstieg in der Hierarchie explizit als Karriereziel angeben bzw. planen. Die jungen weiblichen F\u00fchrungskr\u00e4fte unseres Samples konterkarieren damit die unterstellte \u2013 und zur Erkl\u00e4rung der Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen in F\u00fchrungspositionen h\u00e4ufig herangezogene \u2013 fehlende weibliche Karriereorientierung.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf diese stereotype Zuschreibung kommunizieren die jungen<br \/>\nF\u00fchrungsfrauen \u2013 und das ist neu \u2013 ihre Karriereorientierung offensiv und vermeiden es offenbar tunlichst (\u2026) ihren weiteren Aufstieg den Dynamiken der Strukturen zu \u00fcberantworten.\u201c Doch berechtigte Anspr\u00fcche anzumelden, ist nicht immer von Erfolg gekr\u00f6nt, sodass etliche der Befragten, M\u00e4nner wie Frauen, einen Ausstieg erw\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Studienautoren differenzieren dabei zwischen \u201eKulturkritischen\u201c, die mit<br \/>\ndem Widerspruch zwischen organisationalen Leitbildern und \u201eeinem als \u00e4u\u00dferst restriktiv erlebten Konzernumfeld\u201c nicht l\u00e4nger leben wollen, \u201eDynamikern\u201c, die flexibel auf die Umst\u00e4nde reagieren, und \u201eEntschleunigern\u201c, die sich von ihren Karrierezielen verabschieden, sozusagen in die innere Emigration fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unfaire Bef\u00f6rderungsmechanismen, intransparent und von Seilschaften beeinflusst<\/strong><\/p>\n<p>Das Leben ist nicht fair, und auch die Bef\u00f6rderungsmechanismen im Unternehmen sind es nicht. Das ist keine neue Erkenntnis. Doch je weniger transparent und je weniger formalisiert Bef\u00f6rderungen gehandhabt werden, desto st\u00e4rker k\u00f6nnen Nebenziele, Partikularinteressen und die altbekannten Seilschaften Einfluss nehmen darauf, wer es auf der Karriereleiter weiter nach oben schafft und wer nicht. Und nicht selten ist es tats\u00e4chlich so, dass Frauen die K\u00e4rrnerarbeit leisten d\u00fcrfen, w\u00e4hrend M\u00e4nner die Fr\u00fcchte ernten.<\/p>\n<p>Ein Beispiel in meinem Netzwerk ist die Personalleiterin, die ihr Leben jahrelang ganz auf den Job ausrichtet, weitgehend auf Privatleben verzichtet und obendrein in einer schwierigen Zeit massiven Personalabbau organisiert \u2013 nur, um dann mit fadenscheinigen Gr\u00fcnden einen Aufhebungsvertrag pr\u00e4sentiert zu bekommen. Hintergrund: Ein erfolgloses Vorstandsmitglied, dessen Ausscheiden f\u00fcr das Unternehmen\u00a0angeblich \u201ezu teuer\u201c w\u00fcrde, muss kurzfristig mit einem Posten versorgt werden. Und \u201ePersonal\u201c kann ja angeblich jeder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>BITTE GUT AUSSEHEN, L\u00c4CHELN UND SCHWEIGEN<\/strong><\/p>\n<p>Mein anschlie\u00dfender Job als Gesch\u00e4ftsleitung f\u00fcr ein amerikanisches<br \/>\nTechnologieunternehmen war noch m\u00e4nnerlastiger als die vorigen. Ich ging jedoch davon aus, dass aufgrund der scheinbaren Fortschrittlichkeit und Akzeptanz von Frauen in der US-Wirtschaft bessere Voraussetzungen f\u00fcr Frauen herrschten. Zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere wollte ich mich auf meinen Job konzentrieren und nicht zus\u00e4tzliche Energie auf Grabenk\u00e4mpfe verschwenden, die ausschlie\u00dflich mit meinem Geschlecht zu tun hatten.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich waren die Strukturen f\u00fcr Frauen im neuen Unternehmen auch deutlich professioneller. Es gab Mentoring und Coaching-Programme, Netzwerktreffen der globalen weiblichen F\u00fchrungskr\u00e4fte und \u00f6ffentlich beworbene Veranstaltungen zum Thema \u201eFrauen in Technologieunternehmen\u201c. Ich f\u00fchlte mich endlich richtig aufgehoben und startete voller Elan mit dem Aufbau des Gesch\u00e4fts. Hier war gefragt, was ich am besten konnte \u2013 Vertrieb und Unternehmensf\u00fchrung f\u00fcr meinen eigenverantwortlichen Bereich, so dachte ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch US-Unternehmen sind nicht besser in puncto Frauenf\u00f6rderung<\/strong><\/p>\n<p>Leider bekam das Bild vom amerikanischen Tech-Unternehmen, das Frauen in F\u00fchrungspositionen f\u00f6rdert, schon bald Risse. In Meetings mit dem US-Management \u00e4u\u00dferte ich offen meine Einsch\u00e4tzung zu Marktaufbau, Produkt- und Preisstrategie, Teamaufbau und Kundenmanagement. Das war mein Job, und Frauen durften sich hier schlie\u00dflich voll einbringen. Davon war ich \u00fcberzeugt, bis unter dem Konferenztisch<br \/>\nder erste Tritt gegen mein Schienbein kam \u2013 von meinem Vorgesetzten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Profane Tricks gegen Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Ach, das war sicher nur ein Versehen, nahm ich an. Wenig sp\u00e4ter wurde<br \/>\nich in einer Videokonferenz auf einmal ausgeblendet. Ich f\u00fchrte das<br \/>\nauf eine schlechte Internetverbindung zur\u00fcck. Dass mein Vorgesetzter<br \/>\nmich \u201eremote gemutet\u201c, also von au\u00dfen stumm geschaltet hatte, wurde<br \/>\nmir erst klar, als er mich kurz darauf nach einer Konferenz mit den US-Kollegen schroff aufforderte, bitte zuk\u00fcnftig ausschlie\u00dflich ihm das Reden zu \u00fcberlassen. Ich k\u00f6nne in Meetings ab sofort gut aussehen und solle weiter nett l\u00e4cheln, aber das Reden mit dem Management sei sein Job. Und nur seiner.<\/p>\n<p>Waren Frauen hier also nur als stille M\u00e4uschen geduldet? Oder handelte es sich bei diesem Szenario um einen Einzelfall einer egozentrischen Pers\u00f6nlichkeit? Nach ein paar Wochen k\u00fcndigte ich. Die Frage blieb f\u00fcr mich unbeantwortet, aber ich f\u00fchlte mich deutlich besser.<\/p>\n<p>Eine wiederkehrende Erfahrung zieht sich wie ein roter Faden durch mein Berufsleben: Die sch\u00f6nsten Leitbilder und die vollmundigsten Versprechungen n\u00fctzen einem nichts, wenn der direkte Vorgesetzte oder der unmittelbare Kollegenkreis ein Problem mit selbstbewussten Frauen hat.<\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen ist durchaus verbreitet, und in vielen Feldern hofft man, sich mit einer pflegeleichten Alibifrau aus der Genderaff\u00e4re zu ziehen. Im Pr\u00e4sidium eines Branchenverbands erlebte ich, dass es nach hinten losgeht, wenn man fortschrittliche Absichtsbekundungen ernst nimmt. Mein ausdr\u00fcckliches und erkl\u00e4rtes Ziel war es, Frauen in der Branche mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und sie aktiv auf Veranstaltungsb\u00fchnen zu holen.<\/p>\n<p>Nach einigen Anlaufschwierigkeiten klappte das \u00fcberraschend gut \u2013 offenbar zu gut f\u00fcr eine Fortsetzung unserer Zusammenarbeit. Denn vor den n\u00e4chsten Vorstandswahlen legten mir meine ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Kollegen den freiwilligen R\u00fccktritt nahe. Angeblich aus Gr\u00fcnden wie \u201efachlicher Fit\u201c, \u201estrategische Ausrichtung\u201c und \u201eInteressenvertretung\u201c der Vereinigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die geschlossene Front der M\u00e4nner<\/strong><\/p>\n<p>Interessant ist, wie perfekt sich die sonst durchaus nicht immer einigen m\u00e4nnlichen Vorstandsmitglieder im Vorfeld abgestimmt hatten. Ich sah mich unverhofft einer geschlossenen Front gegen\u00fcber. In punkto Seilschaften k\u00f6nnen wir Frauen noch viel von den M\u00e4nnern lernen. Das Beispiel illustriert, dass niemand \u2013 erst recht keine Frau \u2013 allein erfolgreich sein kann. Selbst ganz an der Spitze braucht man Verb\u00fcndete, und klugerweise sichert man sich diese, bevor man kontroverse Themen angeht. Dazu braucht es manchmal mehr Geduld und Langmut, als mir pers\u00f6nlich eigen ist.<\/p>\n<p>Die Doppelb\u00f6digkeit progressiver, frauenfreundlicher Parolen und einem \u201eWeiter so!\u201c hinter den Kulissen, das m\u00e4nnliche Pfr\u00fcnde sichert, ist weit verbreitet. Dabei bleibt man meistens politisch korrekt und verschanzt sich hinter den immergleichen Pseudoargumenten.<\/p>\n<p><strong>Die AllBright Stiftung hat sie in einem \u201eF\u00fchrungsFrauenFloskel-Bingo\u201c zusammengestellt. Ausz\u00fcge:<\/strong><\/p>\n<p>1. \u201eEs gibt doch schon Frauen in F\u00fchrungspositionen. Das erledigt sich<br \/>\nmit der Zeit von allein.\u201c (AllBright bestreitet das zu Recht, denn das<br \/>\ntats\u00e4chliche Ver\u00e4nderungstempo ist bekannterma\u00dfen minimal.)<\/p>\n<p>2. \u201eDass Frauen in Unternehmen diskriminiert werden, habe ich noch<br \/>\nnicht erlebt.\u201c (Dazu AllBright: \u201eStrukturelle Benachteiligung im Unternehmen<br \/>\nbemerken vor allem die, die von ihr betroffen sind.\u201c)<\/p>\n<p>3. \u201eIn unserer Branche arbeiten haupts\u00e4chlich M\u00e4nner. Daher gibt es<br \/>\nauch wenige Frauen in F\u00fchrungspositionen.\u201c (AllBright weist darauf<br \/>\nhin, dass in frauendominierten Branchen ja auch M\u00e4nner f\u00fchren, warum<br \/>\nalso nicht umgekehrt?)<\/p>\n<p>4. \u201eBei uns spielt das Geschlecht keine Rolle. Was z\u00e4hlt, ist Qualifikation.\u201c<br \/>\n(AllBright verweist darauf, dass die m\u00e4nnliche Dominanz nicht so<br \/>\nextrem w\u00e4re, w\u00fcrde das wirklich stimmen.)<\/p>\n<p>5. \u201eFrauen interessieren sich nicht f\u00fcr Wirtschaft, die studieren Sozialp\u00e4dagogik<br \/>\noder Kultur.\u201c (Dagegen spricht, dass seit 2012 sogar mehr<br \/>\nals die H\u00e4lfte der BWL-Absolventen Frauen sind.)<\/p>\n<p>6. \u201eFrauen entscheiden sich halt eher f\u00fcr die Familie als f\u00fcr die Karriere.\u201c<br \/>\n(AllBright: \u201eFrauen entscheiden sich eher f\u00fcr die Familie, wenn ihnen<br \/>\ndas Unternehmen keine attraktive Perspektive bietet.\u201c)<\/p>\n<p>7. \u201eEs haben sich keine Frauen f\u00fcr die F\u00fchrungsposition beworben.\u201c<br \/>\n(AllBright: \u201eDann hat das Unternehmen etwas falsch gemacht, denn<br \/>\nFrauen sind nicht weniger ehrgeizig als M\u00e4nner.\u201c)<\/p>\n<p>Am beliebtesten ist sicher Argument 4, die vermeintliche Bef\u00f6rderung<br \/>\nnach Leistung. Polemisch r\u00fcckgefragt: Wenn das tats\u00e4chlich stimmt, woher kommen dann all die m\u00e4nnlichen Minderleister in Wirtschaft oder Politik? Die Verkehrsminister, die die Steuerzahlenden Hunderte von Millionen kosten durch \u00fcbereilte Mautvertr\u00e4ge? Oder die Supermanager, die ein Riesenunternehmen wie ThyssenKrupp erfolgreich zugrunde richten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer will schon Macht abgeben?<\/strong><\/p>\n<p>Und wo bleiben die Frauen, die mit Bestleistungen ihre Ausbildung abschlie\u00dfen? Ich f\u00fcrchte, Robert Franken, Unternehmensberater und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer im Online-Busines, hat Recht, wenn er sagt, \u201eMeritokratie\u201c (Herrschaft nach Leistung und Verdienst) sei \u201ein Wahrheit m\u00e4nnliche Systemerhaltung\u201c. Machen wir uns nichts vor: Die Genderfrage ist auch eine Machtfrage, und es passiert \u00e4u\u00dferst selten, dass eine Gruppe freiwillig Macht an eine andere Gruppe abgibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eNIEMAND MIT VERSTAND IST AUTHENTISCH!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine Frau ernsthaft Karriere machen will, muss sie stets auf der Hut sein \u2013 so viel d\u00fcrfte inzwischen klar geworden sein. Und mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein. Ein besonders d\u00fcsteres Bild vom beruflichen Aufstieg zeichnet die Unternehmensberaterin und Headhunterin Wiebke K\u00f6hler, die es bis zur Personalvorst\u00e4ndin eines internationalen Konzerns brachte. Ihre schonungslose Abrechnung \u00fcber \u201eMachtspiele<br \/>\nim Management\u201c war sogar dem &#8222;Spiegel&#8220; einen Bericht wert.<\/p>\n<p>Nicht in allen Unternehmen geht es so gnadenlos zu, sicher. Aber die Zusammenstellung von Schreckensbeispielen sollte Frauen (und auch M\u00e4nner, falls<br \/>\nn\u00f6tig) von einem grundlegenden Irrtum heilen: dem Glauben, wer Karriere<br \/>\nmachen will, k\u00f6nne und solle \u201eauthentisch\u201c sein. Frei nach dem bekannten,<br \/>\naber selbstm\u00f6rderischen Motto \u201eIch will mich nicht verbiegen\u201c.<\/p>\n<p>Eine kleine Auswahl der nur halb ironisch gemeinten Empfehlungen von K\u00f6hler:<\/p>\n<p>\u2022 \u201eIntriganten gibt es \u00fcberall! Wenn keine sichtbar sind, hei\u00dft das nicht, dass keine da sind \u2013 sondern dass Sie noch nicht genau genug hinschauen.\u201c<\/p>\n<p>\u2022 \u201eNat\u00fcrlich reden Sie als F\u00fchrungskraft nicht offen und ehrlich. Woher haben Sie denn diesen Unfug? Von der Uni? (\u2026) Niemand, der bei Verstand und in einer F\u00fchrungsposition ist, ist authentisch.\u201c<\/p>\n<p>\u2022 \u201eLass deine Pers\u00f6nlichkeit zu Hause! (\u2026) Je weniger Sie sich mit Ihrer Meinung und Ihrem Charakter exponieren, umso leichter k\u00f6nnen Sie jederzeit die Richtung \u00e4ndern.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eSie wollen geliebt werden? Legen Sie sich einen Hund zu!\u201c<\/p>\n<p>K\u00f6hler schildert eine Unternehmenswelt, in der eine F\u00fchrungsfrau als \u201eDie mit dem Smart\u201c abgestempelt wird, weil sie nicht den \u00fcblichen, sondern einen kleineren Dienstwagen bestellt hat und in der ihr trotz bester Ergebnisse die weitere Bef\u00f6rderung versagt bleibt, weil sie deshalb \u201enicht repr\u00e4sentabel\u201c genug ist. Sie skizziert ein System, in dem einer Marketing-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin mit einer glatten L\u00fcge die Erfahrung<br \/>\nabgesprochen wird und in der die achtlose Bemerkung einer neuen kaufm\u00e4nnischen Leiterin dazu f\u00fchrt, dass Ger\u00fcchte \u00fcber ihre angebliche \u201eSeniorenfeindlichkeit\u201c in Umlauf gebracht werden, mit dem einzigen Ziel, ihre Position zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: Nicht nur Frauen werden mit solchen Tricks attackiert, das passiert auch M\u00e4nnern. Aber offenbar rechnen M\u00e4nner eher damit und wissen sich eher zu wehren als Frauen, die h\u00e4ufig glauben, man k\u00f6nne Konflikte<br \/>\noffen ansprechen, Loyalit\u00e4t werde belohnt und eine pers\u00f6nliche Note k\u00f6nne auch im Business nicht schaden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lieber Pokerface als Vorpreschen mit eigener Meinung<\/strong><\/p>\n<p>Auch meine Erfahrung best\u00e4tigt: Sp\u00e4testens, wenn frau im Mittelmanagement<br \/>\nangekommen ist und sich dort f\u00fcr die Topebene empfehlen will, ist Vorsicht geboten. Ein Pokerface ist oft ratsamer als ein Vorpreschen mit der eigenen Meinung, Schweigen kl\u00fcger als ein Kommentar, der angreifbar macht, und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Machtverh\u00e4ltnisse wichtiger als gute Beziehungen zu jedermann. Wenn mit \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c un\u00fcberlegte Spontaneit\u00e4t sowie das unverstellte Zeigen von Gef\u00fchlen<br \/>\ngemeint sind, dann ist Authentizit\u00e4t im Management tats\u00e4chlich problematisch.<\/p>\n<p>Was auf Sachbearbeiterinnen-Ebene vielleicht noch durchgeht,\u00a0wird beim Aufstieg zum gef\u00e4hrlichen Hemmnis. Das sollte Frauen jedoch nicht abschrecken, denn aus der diffusen Forderung \u201eIch will authentisch (ich selbst) bleiben!\u201c spricht eine geh\u00f6rige Portion Naivit\u00e4t. Wir alle nehmen tagaus, tagein viele soziale Rollen ein: Wir treten im Sportverein anders auf als auf einer Fachkonferenz, argumentieren gegen\u00fcber Kunden<br \/>\nanders als gegen\u00fcber Mitarbeitern und gehen auf Freunde anders zu als auf einen m\u00e4chtigen Vorstand. Verhalten wir uns etwa \u201eauthentisch\u201c, wenn wir am Telefon einen mehrt\u00e4gigen Besuch anstrengender Schwiegereltern abwenden wollen? Wenn wir pubertierende Spr\u00f6sslinge von der Notwendigkeit eines Schulabschlusses \u00fcberzeugen m\u00f6chten? Oder wenn wir beim Jahresempfang einer Rede applaudieren, die das, was<br \/>\nim Unternehmen im Argen liegt, mit hohlen Motivationsfloskeln \u00fcberspielt?<\/p>\n<p>In welcher dieser Situationen ist man wirklich authentisch, ganz \u201eman selbst\u201c? In Wahrheit w\u00e4re eine Welt, in der jede und jeder immerzu \u201eauthentisch\u201c ist, furchtbar anstrengend. Kaum jemand m\u00f6chte, dass einem die Kollegin auf die Frage, \u201eWie geht\u2019s?\u201c tats\u00e4chlich von Magenschmerzen oder Geldsorgen erz\u00e4hlt. Soziale Rollen schaffen Distanz und machen das Miteinander ertr\u00e4glicher. Angemessener sollte es bei dieser Debatte nicht um \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c als diffuses Konzept mit unreflektiertem<br \/>\nWohlf\u00fchlanspruch gehen, sondern um die eigenen Werte und darum, welche davon unantastbar sind. Kernwerte definieren die eigene rote Linie. Diese Linie markiert, wo Strategie und Taktik enden und wo frau\/man bereit ist, Flagge zu zeigen und daf\u00fcr gegebenenfalls auch pers\u00f6nliche Nachteile in Kauf zu nehmen \u2013 frei nach Luther: \u201eHier stehe ich. Ich kann nicht anders.\u201c<\/p>\n<p>Dann sollte es aber um etwas mehr gehen als um die Marke des Dienstwagens oder darum, dass frau statt Businesskleidung lieber blumige R\u00f6cke tragen w\u00fcrde. Zur souver\u00e4nen Haltung im Management geh\u00f6rt auch die Entscheidung, auf welchen Feldern sich zu k\u00e4mpfen lohnt und wo man sich das Leben durch taktische Anpassung<br \/>\nleichter macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-673624\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Frederike Probert: &#8222;Mission Female. 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