{"id":673907,"date":"2020-06-03T17:00:17","date_gmt":"2020-06-03T15:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=673907"},"modified":"2020-06-03T16:02:48","modified_gmt":"2020-06-03T14:02:48","slug":"bueros-sind-orte-der-zugehoerigkeit-fuer-rueckhalt-und-zusammenarbeit-und-damit-unverzichtbar-menschen-brauchen-hoehlen-und-nicht-den-chef-am-kuechentisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/06\/03\/bueros-sind-orte-der-zugehoerigkeit-fuer-rueckhalt-und-zusammenarbeit-und-damit-unverzichtbar-menschen-brauchen-hoehlen-und-nicht-den-chef-am-kuechentisch\/","title":{"rendered":"B\u00fcros sind Orte der Zugeh\u00f6rigkeit f\u00fcr R\u00fcckhalt und Zusammenarbeit &#8211; und damit unverzichtbar. Menschen brauchen ihre H\u00f6hlen und nicht den Chef am K\u00fcchentisch."},"content":{"rendered":"<div class=\"post-title-wrapper\">\n<h1 class=\"post-title\">Homeoffice ist die falsche Antwort auf richtige Fragen, findet Marketingexpertin und Unternehmensberaterin Sabine H\u00fcbner (Gastbeitrag).<\/h1>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_670848\" style=\"width: 362px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/h\u00fcbner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-670848\" class=\"size-full wp-image-670848\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/h\u00fcbner.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/h\u00fcbner.jpg 352w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/h\u00fcbner-285x300.jpg 285w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-670848\" class=\"wp-caption-text\">Sabine H\u00fcbner (Foto: PR)<\/p><\/div>\n<div class=\"post-title-wrapper\">\n<h1><\/h1>\n<h1 class=\"post-title\"><\/h1>\n<\/div>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen: Wie arbeiten wir innovativer, effektiver, weniger gestresst? Wie reduzieren wir teuren Meeting-Tourismus, turmhohe B\u00fcromieten und das zeitraubende Chaos des st\u00e4dteverpestenden Berufsverkehrs? Kurz: Was k\u00f6nnen wir f\u00fcr ges\u00fcndere Mitarbeiter, f\u00fcr profitablere Unternehmen und f\u00fcr eine bessere Umwelt tun? Nach Corona meinen wir, auf all diese Frage eine einzige Antwort gefunden zu haben: Es ist das Home office.<\/p>\n<p>Dabei: Diese Antwort ist wie eine gro\u00dfe Fliegenklatsche. Sie trifft, haut aber auch daneben und zus\u00e4tzlich Anderes platt, von dem wir uns nicht so schnell verabschieden sollten. Nehmen wir das System einmal auseinander. Da sind:<\/p>\n<ol>\n<li>Menschen, die zusammenarbeiten<\/li>\n<li>Der reale Ort ihres Unternehmens als gebaute Identit\u00e4t.<\/li>\n<li>Das private Zuhause jedes Einzelnen<\/li>\n<li>Dritte Orte wie Parks, Caf\u00e9s, Sportst\u00e4tten undsoweiter.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich denke, wir haben uns bisher nicht gen\u00fcgend Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie in diesem System alles zusammenspielt \u2013 und was wir verlieren, wenn wir die realen Orte der Unternehmen von heute auf Morgen f\u00fcr obsolet erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Zusammenarbeit: Nicht alles geht gleich gut auf Distanz und via Bildschirm<\/h4>\n<p><i><\/i>Stellen wir uns eine Praktikantin um die 20 vor, Marketingabteilung, jung und unverstellt. Und stellen wir uns einen leitenden Entwicklungsingenieur um die 50 vor, beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit, Charisma. Beide werden ins Home office geschickt. Die Praktikantin kommt super klar, sie war auch vorher schon permanent online und da laufend in Kontakt mit ihren Freunden. Der Ingenieur aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Arbeitstypen und Positionen sind zu verschieden, um \u00fcber einen Kamm geschoren zu werden<\/strong><\/p>\n<p>Sie sind unterschiedliche Arbeitstypen \u2013 von introvertiert-strukturiert bis betriebsnudelhaft-chaotisch. Wir haben es mit unterschiedlichen Positionen zu tun, die sich unterschiedlich gut auf Heimarbeit umstellen lassen \u2013 von stiller T\u00fcftelarbeit bis People-Business. Und wir haben es auf der Zeitachse mit unterschiedlichen, sich \u00fcberlagernden Prozessen zu tun: Lebensphase und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung, Digitalisierungsgrad und Projektfortschritt. Schon diese erste Sammlung an Faktoren zeigt glasklar: Es kann nicht die eine L\u00f6sung geben, die f\u00fcr alle passt.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>Unternehmen als Ort der Kommunikation und Inspiration zwecks Zusammenarbeit<\/h4>\n<p>Ein Unternehmen ist sehr viel mehr als ein Kasten mit einem Drehstuhl f\u00fcr jeden Angestellten und Kaffeemaschinen auf jedem Stockwerk. Ein Unternehmen ist ein Ort f\u00fcr Kommunikation und Interaktion, f\u00fcr Kollaboration und Inspiration mit dem Ziel der Zusammenarbeit. Bestenfalls eine Mischung aus Uni-Campus und Marktplatz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>B\u00fcros als Orte der Zugeh\u00f6rigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Und es ist noch mehr als das: Weil hier Menschen sprechen und sich widersprechen, debattieren und experimentieren, entsteht ein Ort der Kultur. Friedrich Schiller hat das Theater einmal als &#8222;moralische Anstalt&#8220; bezeichnet. Vielleicht sind Unternehmen heute auch so etwas: Hier wird Haltung gelebt, um Haltung gestritten, Haltung weitergegeben. Und damit sind wir beim Unternehmen als Ort der Zugeh\u00f6rigkeit. Corporate Architecture ist \u201egebaute Identit\u00e4t\u201c. Es sind Orte, die immateriellen Werten eine materielle Form geben. Das trifft auf die Headquarters \u2013 Google, BMW, Deutsche Bank \u2013 genauso zu wie auf die Verkaufsfl\u00e4chen: Apple, Ikea oder Mini. Wer hier arbeitet oder einkauft, sucht viel mehr als ein Produkt. Er sucht das Erlebnis, vielleicht den Austausch mit anderen Fans \u2013 \u00e4hnlich wie in der Sportarena.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit im B\u00fcro als Faktor f\u00fcr seelische Wohlbefinden<\/strong><\/p>\n<p>Wie Campus und Markplatz, Theater und Arena bieten Unternehmen den hier arbeitenden Menschen die M\u00f6glichkeit, bewusst anzukommen und wieder zu gehen, sich im Meeting bewusst zu \u00f6ffnen und sich im eigenen B\u00fcro zu stiller Arbeit zur\u00fcckzuziehen. Sie bieten die M\u00f6glichkeit, Erfahrungen, Ideen und Dinge zu sammeln, zu ordnen und wieder zu verwerfen. Dies alles hat einen enormen Effekt auf das seelische Wohlbefinden und auf die innere Stabilit\u00e4t jedes Einzelnen. Weil Unternehmen g\u00fcnstigenfalls mit ergonomischen M\u00f6beln und Monitoren, mit Klimaanlagen und Akustikl\u00f6sungen, Gr\u00fcnpflanzen und guten Kantinen ausgestattet sind, kommt der positive Effekt auf das k\u00f6rperliche Wohlbefinden noch dazu.<\/p>\n<p>Auf dies alles w\u00fcrden wir verzichten, schickten wir nun alle F\u00fchrungskr\u00e4fte und Angestellte nach Hause an den K\u00fcchentisch, ins sogenannte Homeoffice. Und damit sind wir beim n\u00e4chsten Thema.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Wohnung als privater R\u00fcckzugsort: Der Mensch braucht seine H\u00f6hle<\/h4>\n<p>Ein oft untersch\u00e4tzter Effekt der B\u00fcroarbeit ist das Kommen und Gehen. Es sind Transferzeiten mit ganz pers\u00f6nlichen Ritualen, die den \u00dcbergang von privat zu \u00f6ffentlich &#8211; und zur\u00fcck &#8211; markieren und beim Rollenwechsel helfen. Das Zuhause ist Ort des R\u00fcckzugs, der Erholung und auch der Care-Arbeit f\u00fcr Kinder, Kranke, \u00c4ltere, die wir im Leben vor Corona sorgf\u00e4ltig aus dem Blick der Anderen herausgehalten haben. Das Zuhause ist H\u00f6hle und Nest, ist B\u00e4renfell und Lagerfeuer. Eigentlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn der Chef pl\u00f6tzlich mit am K\u00fcchentisch sitzt<\/strong><\/p>\n<p>Seit Corona sitzt der Chef mit am K\u00fcchentisch, die Kollegin auf der Bettkante und die ganze Schulklasse auf dem Sofa. Es gibt keine Grenze mehr zwischen privat und \u00f6ffentlich. Es gibt keinen Transfer mehr zwischen den Orten und den Rollen. Und es gibt, zumindest wenn alle im Lockdown sitzen, auch keine Pause mehr, weil man sich nicht mehr zum Au\u00dfentermin oder ins ICE-Funkloch verkr\u00fcmeln kann. Kurz: Entgrenzung, Verdichtung, Beschleunigung. Im ung\u00fcnstigen Fall bei weniger Kommunikation, Innovation, Inspiration. Das ist purer Stress. Dem man im Lockdown-Fall nicht einmal durch einen Abstecher ins n\u00e4chste Caf\u00e9 entgegenwirken kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>Dritte Orte: Caf\u00e9s, Parks undsoweiter als neutraler Boden f\u00fcr alle<\/h4>\n<p>Kaffeeh\u00e4user, Pubs und Parks, Bibliotheken und Kinos, Sportst\u00e4tten, Museen, Theater, Vereine aller Art: Das Leben an sogenannten Dritten Orten (auch: \u201eThe Great Good Place\u201c, Ray Oldenburg 1989), ist ein wichtiger Teil der europ\u00e4ischen Kultur. Es sind Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugeh\u00f6rigkeit. Es sind vorpolitische R\u00e4ume, an denen Haltungen gemeinsam ausprobiert und verhandelt, an denen Freundschaft gelebt und auch Gesch\u00e4fte gemacht werden. Es ist kein Wunder, dass Freelancer eben nicht durchgehend im Homeoffice, sondern hier arbeiten: im Caf\u00e9, in der B\u00fccherei oder im Co-Working-Space, der wie oft wie ein Mittelding zwischen beiden ausschaut.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>Menschmomente: Ohne reale Orte geht es nicht<\/h4>\n<p>Menschen brauchen reale R\u00e4ume der Begegnung. Sogar die Introvertierten \u2013 sie nutzen diese R\u00e4ume eben auf ihre Weise. Menschen brauchen Menschen, und das hat etwas mit ihrer Evolution zu tun. Die Evolution, schreibt der US-Soziologe Randall Collins, hat \u201ebeim Menschen zu einer besonders hohen Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr mikrointeraktiven Signale von anderen Menschen gef\u00fchrt. Menschen sind zu intersubjektiver Aufmerksamkeit pr\u00e4destiniert und dazu, die Emotionen zwischen zwei K\u00f6rpern in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen.\u201c Das ist die Resonanz, die wir in Menschmomenten sp\u00fcren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich frage Sie: Geht das bei Zoom? Am K\u00fcchentisch? W\u00e4hrend im Hintergrund die Kinder \u00fcber dem Mathematikbuch verzweifeln, der Hund bei jedem Klingeln lautstark bellt und die Nachbarn ebenso lautstark ihren Rasen m\u00e4hen?\u00a0Ich sage: Nein. Geht nicht. Zumindest nicht f\u00fcr jeden, immer, \u00fcberall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die wichtigsten Quellen von Spannung und Entspannung sind unverzichtbar<\/strong><\/p>\n<p>Menschen brauchen Orte. Viele Orte der Kommunikation, der Kultur, der Zugeh\u00f6rigkeit und zus\u00e4tzlich Orte des R\u00fcckzugs, an denen die \u00f6ffentlichen Orte nichts zu suchen haben. Wenn wir den zusammenarbeitenden Menschen diese Vielfalt nehmen, dann nehmen wir ihnen die wichtigsten Quellen der Spannung und der Entspannung. Wenn wir sie vom heimischen K\u00fcchentisch aus nahtlos in tausend Meetings und wieder zur\u00fcck beamen, ohne Kommen, Gehen und pers\u00f6nlichen Austausch, wenn wir keine Pausen mehr haben, kein Abtauchen, keinen R\u00fcckzug, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir eines Tages mit den Raum- und Reisekosten auch jegliche Kreativit\u00e4t zusammengestrichen haben und die Begeisterung der Kunden gleich mit.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>Homeoffice: Gerne, wenn es wirklich passt<\/h4>\n<p>Deshalb: Home office? Sehr gerne da, wo Menschen tats\u00e4chlich inspirierende Home-office-Pl\u00e4tze haben, wo es zum Arbeitstyp passt, zum Prozess-Timing, zur Aufgabe. Sonst eher nicht. Erst recht nicht, wenn die Mitarbeiter unter inakzeptablen Arbeitsbedingungen arbeiten sollen, die vor\u00fcbergehend in der Krise, im Ausnahmezustand hinnehmbar sind, aber nicht dauerhaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich meine, wir d\u00fcrfen die enorme Macht der realen Orte nicht untersch\u00e4tzen. Unternehmen sind keine Un-Orte. Sie sind gebaute Identit\u00e4t, nicht zuletzt f\u00fcr die Kunden. Und jeder Mitarbeiter ist ein Mikro-Influencer, der die Serviceleidenschaft eines Unternehmens voranbringen kann, weil er ab Tag eins informell lernt, weil er immer wieder R\u00fcckhalt und Zusammenhalt findet, Raum f\u00fcr Haltungsreflexion und neue Ideen, weil er sich au\u00dferhalb seines Zuhauses zu 100 Prozent auf den Kunden konzentrieren kann und au\u00dferhalb des Unternehmens zu 100 Prozent auf das, was ihm zus\u00e4tzlich Sinn, Gl\u00fcck und Gesundheit schenkt. Das sollte es doch sein, wo wir hinwollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mein Fazit: Die Frage ist nicht digital oder pers\u00f6nlich. Beides geht auch nebeneinander.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Homeoffice ist die falsche Antwort auf richtige Fragen, findet Marketingexpertin und Unternehmensberaterin Sabine H\u00fcbner (Gastbeitrag). &nbsp; Fragen \u00fcber Fragen: Wie arbeiten wir innovativer, effektiver, weniger gestresst? 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