{"id":673356,"date":"2020-03-24T16:43:07","date_gmt":"2020-03-24T15:43:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=673356"},"modified":"2020-03-24T21:00:51","modified_gmt":"2020-03-24T20:00:51","slug":"673356","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/03\/24\/673356\/","title":{"rendered":"Buchauszug Christoph Kuckelkorn \/ Melanie K\u00f6hne: &#8222;Der Tod ist dein letzter gro\u00dfer Termin. Ein Bestatter erz\u00e4hlt vom Leben.&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"western\"><span style=\"color: #000000\"><strong><a style=\"color: #000000\" href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/autor\/christoph_kuckelkorn\/a1013290\">Buchauszug Christoph Kuckelkorn<\/a> \/ <a style=\"color: #000000\" href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/autor\/melanie_koehne\/a1014545\">Melanie K\u00f6hne: <\/a><\/strong><\/span><strong>&#8222;Der Tod ist dein letzter gro\u00dfer Termin. Ein Bestatter erz\u00e4hlt vom Leben.&#8220;<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/03\/kuckelkorn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-673342\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/03\/kuckelkorn.jpg\" alt=\"\" width=\"407\" height=\"648\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/03\/kuckelkorn.jpg 407w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/03\/kuckelkorn-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 407px) 100vw, 407px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fischer Verlag, 288 Seiten, 16 Euro<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/christoph_kuckelkorn_melanie_koehne_der_tod_ist_dein_letzter_grosser_termin\/9783651000810\">https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/christoph_kuckelkorn_melanie_koehne_der_tod_ist_dein_letzter_grosser_termin\/9783651000810<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kann mein Jobverst\u00e4ndnis auf eine klare Formel bringen: 24\/7\/365. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Stirbt jemand im Krankenhaus und die Familie ruft mich nachts um drei Uhr an, kann ich zun\u00e4chst gar nichts tun. Diese Menschen rufen aber trotzdem an, und ich halte es in meinem Beruf f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich, f\u00fcr sie ein offenes Ohr zu haben und da zu sein. Eigentlich k\u00f6nnte man in solch einem Fall auch sagen: \u00bbDas h\u00e4tten wir doch morgen kl\u00e4ren k\u00f6nnen.\u00ab Aber f\u00fcr mein Verst\u00e4ndnis geht das gar nicht! Man muss verstehen, dass derjenige, der nachts zum Telefon greift und einen Bestatter anruft, nicht rational handelt. Absolut nicht rational, sondern emotional.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn der Tod pl\u00f6tzlich eine Lebenssituation radikal und unwiederbringlich ver\u00e4ndert, ist das schockierend und traumatisierend. Ein Mensch, der eine andere Person sein Leben lang begleitet hat, existiert pl\u00f6tzlich nicht mehr. Ein festes zwischenmenschliches Gef\u00fcge st\u00fcrzt innerhalb eines Moments zusammen. F\u00fcr die betroffenen Personen bleibt die Welt pl\u00f6tzlich stehen. Zeit und Raum spielen kaum mehr eine Rolle. Ich glaube mittlerweile, dass man es selbst erlebt haben muss, um diese Situation verstehen zu k\u00f6nnen. Oftmals kommen diese Leute am n\u00e4chsten Tag zu uns ins Beerdigungsinstitut und entschuldigen sich f\u00fcr den Anruf inmitten der Nacht. Ich versuche, ihnen den Druck zu nehmen, und entgegne dann: \u00bbDadurch wusste ich ja gleich Bescheid und konnte meinen heutigen Tag schon einmal darauf ausrichten, dass wir uns treffen. Das war genau richtig, was sie getan haben.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das macht es f\u00fcr mich unterm Strich aus: die pers\u00f6nliche Ansprache zu jeder Zeit. Wenn man an dieser Stelle pl\u00f6tzlich ein Callcenter dran h\u00e4tte, w\u00fcrde das nicht mehr funktionieren. Das geht eben nur, wenn die Person am anderen Ende der Leitung ist, die man am n\u00e4chsten Tag treffen kann. Hierdurch wird sofort eine pers\u00f6nliche Beziehung m\u00f6glich gemacht. Gro\u00dfe Systeme k\u00f6nnen das an dieser Stelle nicht leisten. Wenn, dann ist das schlichtweg Business und ausschlie\u00dflich kommerziell ausgerichtet. Es ist heute durchaus m\u00f6glich, eine Bestattung im Internet zu bestellen. Dann wird abgeholt, entsorgt, im Anschluss eine Rechnung gestellt, und das war\u2019s.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das entspricht aber \u00fcberhaupt nicht meiner pers\u00f6nlichen Philosophie. Ich stehe quasi rund um die Uhr meinen Kunden zur Verf\u00fcgung. Ich schreibe \u00bbquasi\u00ab, weil einen gewissen Teil meiner Zeit seit gut vierzehn Jahren ein arbeitsintensives Ehrenamt in Beschlag nimmt. Mehr oder weniger mein ganzes Leben lang bin ich nun schon in der Organisation des K\u00f6lner Karnevals t\u00e4tig. Zuerst als Kind in einer Tanzgruppe, dann im Hintergrund beim Rosenmontagszug und schlie\u00dflich in den Jahren von 2005 bis 2017 als Leiter des K\u00f6lner Rosenmontagszugs und Vizepr\u00e4sident des Fest- komitees K\u00f6lner Karneval. 2017 wurde ich schlie\u00dflich Pr\u00e4sident, was ein sehr anspruchsvolles und umfangreiches Ehrenamt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Infolgedessen gleicht mein Terminkalender einem Tetris-Spiel. Meine beiden T\u00e4tigkeitsfelder werden von zwei wunderbaren Mitarbeiterinnen gemanagt und in Einklang gebracht. Beide haben \u2013 gemeinsam mit meiner Ehefrau und meinem Sohn \u2013 uneingeschr\u00e4nkten Zugriff auf meinen Kalender und verwalten eigenst\u00e4ndig meine Termine. Diesbez\u00fcglich bin ich absolut fremdbestimmt. Die besondere Herausforderung ist dann noch, regelm\u00e4\u00dfig mit den unvorhergesehenen Terminverschiebungen klarzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war ein beliebter Spruch von mir: \u00bbAls Bestatter wei\u00df man nicht einmal, ob man abends wirklich im eigenen Zuhause schl\u00e4ft.\u00ab Es gab Tage, an denen fuhr ich morgens in die Firma, wo mir meine Mutter schon mit den Worten entgegenkam: \u00bbWir haben einen Sterbefall. Da ist ein Ehepaar in Italien verungl\u00fcckt, und wir m\u00fcssen morgen fr\u00fch in Verona sein, um das Paar zu \u00fcberf\u00fchren.\u00ab Gut, Verona ist jetzt nicht allzu weit, aber es ist immerhin in Italien. Ich bin dann also wieder nach Hause, habe meine Tasche gepackt, bin ab ins Auto und losgefahren. Am selben Abend befand ich mich dann schon in Norditalien. Einerseits ist das nat\u00fcrlich gerade in j\u00fcngeren Jahren total cool, und es f\u00fchlt sich irgendwie ein bisschen nach Feuerwehreinsatz an. Andererseits wirft so ein Termin alles durcheinander.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es muss nicht immer gleich eine \u00dcberf\u00fchrung sein, die in meinen Terminkalender hereinplatzt. Es kommt manchmal auch vor, dass ich morgens ins B\u00fcro komme und keine nennenswerten Termine habe. Auf solche Tage freue ich mich regelrecht. Ich nehme mir dann vor, mich hinzusetzen und ein bisschen Buchhaltung zu machen. Meist stelle ich mir das recht gem\u00fctlich vor: ein wenig Musik h\u00f6ren, ein K\u00e4ffchen trinken und vielleicht sogar noch das Schaufenster neu dekorieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich klingelt das Telefon, und es gibt den Sterbefall, der mich f\u00fcr die n\u00e4chste Woche komplett aus allem raushaut. Wenn beispielsweise\u00a0ein Bekannter anruft, weil seine Frau gestorben ist, oder ein ber\u00fchmter Schauspieler verstirbt oder ein kirchlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger. Das sind die Sterbef\u00e4lle, wo du sofort wei\u00dft, das ist jetzt ein Fall, der mehr braucht als ein \u00bbnormaler\u00ab Sterbefall. Hier ist es jetzt nicht mit einer Beratung getan, deren vereinbarte Inhalte ab morgen abgearbeitet werden. Da steckt dann meist viel mehr dahinter. Seelsorgerische Komponenten und ganz andere Planungsabl\u00e4ufe spielen dabei eine Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stirbt beispielsweise ein Bischof oder ein Kardinal, dann ist die Bestattung f\u00fcr uns mit einem ungemein h\u00f6heren Aufwand verbunden. Und schon ist der Terminkalender f\u00fcr die ganze n\u00e4chste Woche \u00fcber den Haufen geworfen. In der Regel kann ich dann alles andere absagen, weil gar nichts mehr so geht, wie es geplant war. Die erste halbe Stunde brauche ich in solch einer Situation, um mich zu organisieren: Was war in der n\u00e4chsten Woche \u00fcberhaupt geplant? Wo kollidiert jetzt aufgrund der ver\u00e4nderten Umst\u00e4nde etwas? Anschlie\u00dfend wird alles um den neuen Sterbefall herum geplant, weil dieser nun die absolute Priorit\u00e4t hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mein gesamtes Umfeld, insbesondere f\u00fcr meine Familie, nicht ganz einfach. Oftmals m\u00fcssen sie zur\u00fcckstecken und R\u00fccksicht auf meine Termine nehmen. Ich bem\u00fche mich zwar, dass das nicht passiert, aber es ist auch schon vorgekommen, dass ich unsere gemeinsame Urlaubs- reise in Frage stellen musste. Gott sei Dank habe ich mittlerweile ein so gutes Team um mich herum, zu dem noch immer meine Mutter und inzwischen auch mein Sohn Marcel z\u00e4hlen, dass ich besten Gewissens Wochenenden und Urlaubszeiten von Arbeit freihalten kann. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir gerade so einen Sterbefall mit extrem hohem Arbeitsaufwand, den meine Mitarbeiter w\u00e4hrend meines Urlaubs komplett alleine abgewickelt haben. \u00dcber so gute Leute in meinem Bestattungshaus bin ich sehr froh, dankbar und auch ein wenig stolz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In meinem Beruf l\u00e4sst es sich kaum vermeiden, dass man zu einem Perfektionisten mutiert. Man erlebt so viele Situationen, in denen etwas passiert, das eigentlich nach gesundem Menschenverstand nie vorkommt. Daher f\u00e4ngt Bestatter m\u00fcssen Improvisationstalente sein, und ich habe immer einen Plan B in der Tasche. Man f\u00e4ngt mehr und mehr damit an, die Dinge zu kontrollieren, zu \u00fcberpr\u00fcfen und das scheinbar Unm\u00f6gliche zu erwarten. Wenn zum Beispiel ein katholischer Pfarrer zu einer von uns organisierten Beerdigung erscheint, dann nehme ich immer einmal das Aspergill, den Weihwassersprenger, heraus und kontrolliere, ob auch alles festsitzt. Ich habe n\u00e4mlich wirklich erlebt, dass der Pfarrer zu segnen beginnt und sich genau in diesem Moment die Kugel des Aspergills l\u00f6st, mit einem lauten Knall auf den Sarg f\u00e4llt, \u00fcber diesen entlangrollt und hinter ihm im ausgehobenen Grab verschwindet \u2013 plopp und weg. Wieder so eine Situation, in der sich alle anschauen und denken: \u00bbNur nicht lachen; blo\u00df jetzt nicht lachen!\u00ab Aber wer guckt schon nach, ob die Kugel des Aspergills festsitzt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es gibt noch viel mehr Dinge, die trotz einer peniblen Planung schiefgehen k\u00f6nnen. Selbstverst\u00e4ndlich bem\u00fchen wir uns immer, keine Fehler zuzulassen, weil die Menschen bei einer Bestattung emotional sowieso schon sehr angespannt sind. Oftmals fehlt nicht viel und die Situation eskaliert, denn Trauer ist\u00a0nicht immer traurig, sie kann durchaus auch aggressiv sein. Deswegen k\u00f6nnen Fehler in den Abl\u00e4ufen rund um einen Sterbefall zu massiven unerwarteten Reaktionen f\u00fchren. Es gibt unendlich viele Beispiele, wie eine Situation aufgrund von Kleinigkeiten urpl\u00f6tzlich eskalieren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer Trauerfeier nannte ein Pfarrer versehentlich mal einen falschen Namen. Er hatte an diesem Tag vielleicht drei oder vier Beerdigungen. So kam es, dass er sich den Namen nicht richtig gemerkt hatte oder vielleicht im Kopf auch schon bei der n\u00e4chsten Trauerfeier war und den Verstorbenen beim falschen Namen nannte. Und das passierte nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal. Da stand die Ehefrau auf und fuhr den verdutzten Pfarrer an: \u00bbSie haben jetzt schon zwei Mal Hans gesagt, aber mein Mann hei\u00dft nicht Hans, der hei\u00dft Fritz.\u00ab In solchen Situationen ist emotional keine Reserve mehr f\u00fcr charmanten oder nachsichtigen Umgang miteinander vorhanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies ist einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, weshalb wir Bestatter darauf konditioniert sind, mit penibler Planung jegliche Fehlerquelle auszumerzen. Sollte die Musikanlage ausfallen, ist es immer gut, eine zweite im Auto zu haben. Wir haben f\u00fcr alles ein Backup, haben immer alles doppelt und dreifach dabei, um uns abzusichern. Kommt es dennoch bei einer Bestattung zu einem Fauxpas, wird f\u00fcr die Zukunft ein System geschaffen, das diese Situation nach M\u00f6glichkeit verhindern wird. Daf\u00fcr gibt es dann jedoch irgendwann an einer anderen Stelle \u2013 an der man es niemals erwartet h\u00e4tte \u2013 ein Problem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So kam es dazu, dass eines Morgens einer meiner Mitarbeiter zum Floristen fuhr, um Blumen f\u00fcr eine Trauerfeier abzuholen. Der Florist kam und \u00fcbergab Blumen, die mein Mitarbeiter in seinen Wagen lud und mitnahm. Nur waren die gar nicht f\u00fcr uns! Der Florist hatte einen Bestatter gesehen und gar nicht weiter registriert, welcher Bestatter das nun genau ist. Wir haben diese Blumen eingeladen und sie auf einen ganz anderen Friedhof gefahren als den, auf den sie eigentlich geh\u00f6rten. Da war auch kein Schildchen dran, nichts, das diesen Fehler h\u00e4tte vermeiden k\u00f6nnen. Da war in diesem Fall auch nichts mehr dran zu machen. Die Zeit war zu knapp, um die Blumen noch einmal umzutauschen. Die Trauerfeier fand also mit den falschen Blumen statt \u2013 nicht gerade zur Freude der Hinterbliebenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der schlimmste nur denkbare Fehler \u2013 eigentlich ist er so schlimm, dass ich ihn hier am liebsten gar nicht erw\u00e4hnen m\u00f6chte \u2013 ist die Verwechslung zweier Verstorbener. Dar\u00fcber gibt es ja sogar ganze Filme. Wir unternehmen alles, damit das bei uns nicht passiert. Wir machen Schildchen und dokumentieren alles, um immer den richtigen Verstorbenen zur richtigen Bestattung zu fahren. Fakt ist aber, dass es uns au\u00dferhalb unseres Zust\u00e4ndigkeitsbereichs zwei Mal passiert ist. Einmal haben wir nach einem Flugzeugabsturz zwei Opfer abgeholt. Leider hatte die Polizei die Verungl\u00fcckten falsch identifiziert und auch entsprechend beschriftet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war schlimm, aber nicht unser Fehler. Nach solch einem Unfall kann man oftmals die Verstorbenen auch nicht mehr unbedingt erkennen und zuordnen. Das soll nat\u00fcrlich keine Entschuldigung sein, aber zumindest eine Erkl\u00e4rung. Das andere Mal ist es im Krematorium passiert, also wiederum au\u00dferhalb unserer Handlungshoheit. Die Verwechslung ist erst drei oder vier Wochen sp\u00e4ter aufgedeckt worden. Da kam das Krematorium auf uns zu und fragte, wann sie denn die Papiere von der Verstorbenen XY bek\u00e4men. Daraufhin sagte ich: \u00bbWieso? Die haben wir doch schon vor vier Wochen beigesetzt.\u00ab \u2013 \u00bbNein, das kann nicht sein, der Sarg steht noch hier.\u00ab Im Anschluss an diesen Vorfall haben wir direkt das Krematorium gewechselt. Hier war das Vertrauen in die Prozesse zerst\u00f6rt und damit Konsequenzen f\u00e4llig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal sind die gro\u00dfen Aufreger eigentlich eine ganz kleine Sache. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Beerdigung einer bekannten Pers\u00f6nlichkeit, die wir ausgef\u00fchrt haben. Bei einem so gro\u00dfen und umfangreichen Ereignis gibt es unendlich viele Dinge zu bedenken. Da wurden Einbahnstra\u00dfen umgelegt, Sichtschutze aufgestellt, die Kirche wurde in ein Fernsehstudio umgebaut, weil der WDR die Trauerfeier \u00fcbertrug \u2013 dutzende Dinge waren zu bedenken und zu erledigen. An der Umsetzung der Trauerfeier waren damals wirklich Hunderte Menschen beteiligt, und alles hat reibungslos funktioniert. Das Schlie\u00dfen des Grabes haben wir sogar mit mehreren Leuten abgesichert, damit die Presse nicht den Bagger am Grab fotografiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Beerdigung vorbei und das Grab verschlossen war, ging ich noch einmal zur\u00fcck, stellte das Holzkreuz auf und verlie\u00df den Friedhof. Leider war mir ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail nicht aufgefallen: Das Geburtsdatum auf dem Kreuz war falsch! Ungl\u00fccklicherweise stimmte eine Zahl nicht. Das war f\u00fcr die Medien ein gefundenes Fressen, und die Meldungen am folgenden Wochenende waren voll davon. Das war nicht zu fassen. Da hatten wir zwei Wochen nahezu 24 Stunden am Tag organisiert und alles war gut abgelaufen, und dann passiert am Ende so ein kleiner Zahlenfehler \u2013 aus einer 1 wurde eine 7. Da denkt man nur: \u00bbDas darf doch nicht wahr sein!\u00ab Das Kreuz haben wir innerhalb einer halben Stunde ausgetauscht, aber die Fotos mit dem falschen Geburtsdatum gibt es leider heute noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass der meinem Beruf zugrundeliegende Perfektionismus h\u00e4ufig auch die Triebfeder ist, weshalb viele Bestatter in Vereinen an exponierter Position t\u00e4tig sind. Sie organisieren einfach besonders gut, und man wei\u00df genau, dass Bestatter es nicht aushalten, wenn etwas nicht so abl\u00e4uft, wie man es geplant hat. Wenn bei einer Veranstaltung die Mikrophonanlage das dritte Mal knarzt, dann sagt der Bestatter in der Regel: \u00bbKomm, ich bringe das n\u00e4chste Mal meine Anlage mit.\u00ab Oder wenn der dramaturgische Ablauf einer Veranstaltung nicht aufgeht, sagt er: \u00bbDu meine G\u00fcte, wenn dir das bei einer Beerdigung passieren w\u00fcrde &#8230; Also, wenn du m\u00f6chtest, \u00fcbernehme ich f\u00fcr euch das n\u00e4chste Mal die Organisation.\u00ab Und pl\u00f6tzlich ist man in einem Amt und \u00fcbernimmt eine Verpflichtung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mein Yoga ist Motorradfahren<\/strong><\/p>\n<p>Je st\u00e4rker man eingespannt ist, je mehr Termine man in seinem Alltag zu bew\u00e4ltigen hat, umso wichtiger wird der pers\u00f6nliche Ausgleich, den man sich selbst schaffen muss. Mein Gegengewicht sind meine Familie und das Motorradfahren. Wenn ich am Wochenende auf mein Bike steige, dann fahre ich einfach los, ohne Ziel und ohne Plan. Ob ich irgendwann in Holland lande oder in Frankreich, oder ob ich einfach nur durch Deutschland fahre und vielleicht am Biggesee im Sauerland ein Eis esse und wieder zur\u00fcckfahre, wei\u00df ich vorher nicht. Meine Route richtet sich nach der Wetterkarte. Ich fahre dahin, wo keine Wolken sind, die Sonne und der blaue Himmel bestimmen meine Fahrten. Nur sehr selten habe ich beim Motorradfahren ein Ziel \u2013 in der Regel fahre ich um des Fahrens Willen. F\u00fcr mich bedeutet das, den Kopf freizumachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Zeitlang war Motorradfahren f\u00fcr mich das Vehikel, um aus allem aus- zusteigen, nur noch verantwortlich f\u00fcr mich selbst zu sein und um den Alltag zu vergessen und nicht mehr zu denken. Viele werden jetzt sagen, man denkt doch immer. Stimmt\u00a0nat\u00fcrlich irgendwie, aber beim Motorradfahren denke ich ans Fahren, ans Reagieren, ans Wetter, aber eben nicht mehr an die aktuelle Situation auf der Arbeit oder an die Familie. Inzwischen habe ich dieses Bed\u00fcrfnis nicht mehr, mich f\u00fcr kurze Zeit auszublenden, doch die Lust, Motorrad zu fahren und mich durchpusten zu lassen, besteht nach wie vor. Danach komme ich gest\u00e4rkt nach Hause, gehe mit neuer Motivation wieder ins B\u00fcro und habe meine Energiereserven neu aufgeladen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich komme aus einer Generation, in der selbstbestimmte Mobilit\u00e4t noch extrem wichtig war. F\u00fcr uns stand es fr\u00fcher au\u00dfer Frage, direkt mit achtzehn Jahren einen F\u00fchrer- schein zu machen \u2013 im Gegensatz zu meinen Kindern heute. Ohne F\u00fchrerschein ging damals gar nichts. Ich habe mir sogar schon mit sechzehn Jahren ein Moped zusammen- gespart. Damals fing gerade langsam die Helmpflicht beim Mofafahren an, was ich nicht besonders prickelnd fand. Auf so einer Kreidler Flory mit einem fetten Helm sitzen, sah meiner Meinung nach total bl\u00f6d aus. Dann doch lieber gleich ein Leichtkraftrad. Somit fahre ich seit meinem 16.Lebensjahr motorisierte Zweir\u00e4der. Nicht immer ging alles gut. Einige schwere Unf\u00e4lle habe ich bereits hinter mir, lag schon im Krankenhaus mit einem kaputten Bein und konnte mich anschlie\u00dfend zu Hause nur im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem bin ich bis heute dem Motorradfahren treu geblieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine lange Pause gab es, in der ich kein einziges Mal mit dem Motorrad gefahren bin \u2013 eine Pause von fast zehn Jahren. Das war, nachdem meine erste Frau bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Dieses Ereignis f\u00fchrte dazu, dass ich ein knappes Jahrzehnt nicht mehr mit meiner Maschine gefahren bin. Und zwar nicht, weil ich es nicht mehr wollte, sondern weil ich es meinen Kindern versprochen hatte. Sie wussten nat\u00fcrlich, wodurch ihre Mutter gestorben war, und hatten verst\u00e4ndlicher Weise starke Verlust\u00e4ngste. Daher habe ich ihnen in der damaligen Situation ohne Umschweife versprochen, dass ich nicht mehr aufs Motorrad steigen w\u00fcrde. Vermutlich h\u00e4tten sie das auch gar nicht zugelassen. Ich habe ihnen aber auch gesagt: \u00bbWenn ihr gro\u00df genug seid, dann m\u00fcsst ihr damit leben, dass ich wieder fahre.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich muss zugeben, dass ich unter meiner Abstinenz sehr gelitten habe. Jeden Sommer, wenn ich an einer Ampel neben einem Motorrad stand und selbst in meinem Auto sa\u00df, habe ich die Scheiben runter- gefahren, um diesen Sound zu h\u00f6ren. Es ist ganz verr\u00fcckt, aber dieses Gef\u00fchl ist einfach in einem drin. Als die Kinder erwachsen waren und die Erziehungsarbeit weitestgehend erledigt war, bin ich dann wieder auf mein Motorrad gestiegen. Ich denke, ab einem gewissen Alter sind Kinder in eigener Verantwortung unterwegs, da darf man dann auch als Elternteil wieder ein etwas risikoreicheres Hobby pflegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In meinem Leben gibt es ansonsten kein zielloses Handeln. \u00dcberall sonst bin ich strukturiert und habe Pl\u00e4ne, die ich abarbeite. Ich mache To-do-Listen, zudem ist mein Alltag vielfach auch fremdbestimmt. Und pl\u00f6tzlich tut sich so ein Raum auf, in dem ich frei bin. Das wei\u00df auch meine Frau, dass mir das guttut. Wenn ich daher frage: \u00bbDu, kann ich heute fahren?\u00ab, dann l\u00e4sst sie mich immer ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Christoph Kuckelkorn \/ Melanie K\u00f6hne: &#8222;Der Tod ist dein letzter gro\u00dfer Termin. 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