{"id":673279,"date":"2020-03-13T11:30:17","date_gmt":"2020-03-13T10:30:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=673279"},"modified":"2020-03-13T12:14:00","modified_gmt":"2020-03-13T11:14:00","slug":"hermann-simon-ueber-preisethik-und-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/03\/13\/hermann-simon-ueber-preisethik-und-corona\/","title":{"rendered":"Hermann Simon \u00fcber Preisethik und das Coronavirus: Preise erh\u00f6hen oder Hamsterk\u00e4ufern Vorschub leisten &#8211; das unaufl\u00f6sbare Dilemma"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><strong>Preisethik in Coronavirus-Zeiten. Ein <\/strong><strong>Gastkommentar von Hermann Simon, Chairman und Gr\u00fcnder der Unternehmensberatung Simon &#8211; Kucher &amp; Partners \u00fcber Hersteller, die in einem Dilemma stecken, dem sie nicht entrinnen k\u00f6nnen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Corona-Krise sorgt f\u00fcr Verunsicherung und Angst. Produkte wie Schutzmasken, Desinfektionsmittel, bestimmte Medikamente sind ausverkauft. Die Nachfrage nach allem, was bei einer Verschlimmerung der Krise von Nutzen sein kann, explodiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die normale marktwirtschaftliche Folge einer derartigen Nachfrageerh\u00f6hung ist, dass die Preise steigen. Die Anbieter der knappen Waren fordern einfach h\u00f6here Preise. Bei den K\u00e4ufern f\u00fchrt diese Preistreiberei zu Ver\u00e4rgerung und Emp\u00f6rung. Preistreiberei wird als unethisches Ausnutzen einer Notsituation empfunden und trifft deshalb auf breite Ablehnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Problematik ist keineswegs neu. Bereits Thomas von Aquin (1225-1274) hat sich damit besch\u00e4ftigt und das Konzept des \u201egerechten Preises\u201c entwickelt. Seine Ideen wurden von der traditionellen christlichen Einstellung gegen Wucher und gegen Zinserhebung im Allgemeinen beeinflusst. Preise als Reaktion auf steigende Nachfrage zu erh\u00f6hen, ist in seinem Weltbild Diebstahl. Als \u00e4u\u00dferst unethisch klassifiziert er Preiserh\u00f6hung im Zuge von Naturkatastrophen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668930\" style=\"width: 443px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/10\/simon.kucher._hermann_2012.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668930\" class=\"size-full wp-image-668930\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/10\/simon.kucher._hermann_2012.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/10\/simon.kucher._hermann_2012.jpg 433w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/10\/simon.kucher._hermann_2012-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-668930\" class=\"wp-caption-text\">Hermann Simon (Foto: Privat)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch ganz so eindeutig sind die Dinge nicht. L\u00e4sst der Verk\u00e4ufer die Preise n\u00e4mlich konstant, so kaufen die schnellsten Verbraucher die Regale leer, horten die Produkte und verkaufen sie m\u00f6glicherweise zu stark erh\u00f6hten Preisen weiter. Die nicht so schnellen Kunden gehen leer aus oder m\u00fcssen auf dem Zweitmarkt h\u00f6here Preise zahlen. Um das zu verhindern, verbietet die japanische Regierung ab Mitte M\u00e4rz die Spekulation mit Schutzmasken. Der Maskenhersteller Moldex, der aktuell in drei Schichten produziert, wettert gegen die \u201eWucherpreise\u201c auf Ebay. Dort werden die Masken, die bei Moldex 1,80 Euro kosten, zu 25 bis 30 Euro angeboten. Ist das gerecht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Preiserh\u00f6hung in der Notsituation<\/strong><\/p>\n<p>Was passiert hingegen, wenn der Anbieter in der Notsituation die Preise erh\u00f6ht? Die fr\u00fchen Kunden kaufen nur die Menge, die sie wirklich brauchen. Die sp\u00e4teren Kunden kommen auch noch zum Zuge. Gleichzeitig sendet der h\u00f6here Preis ein Signal an den Produzenten, dass es sich lohnt, schnell gr\u00f6\u00dfere St\u00fcckzahlen des Produkts herzustellen. Die Chance auf h\u00f6heren Gewinn bildet einen starken Anreiz, mehr auf den Markt zu werfen. Das Angebot und damit die Versorgung der Verbraucher steigen. Diese m\u00fcssen zwar mehr bezahlen, was sie \u00e4rgert, aber sie bekommen das ben\u00f6tigte Produkt. Immerhin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Situation betrifft einen Fall des Fahrdienstleisters Uber nach einem Terroranschlag in Australien im Jahre 2014. Die Nachfrage nach Uber-Fahrten stieg nach dem Anschlag schlagartig an, und die Uber-Software erh\u00f6hte automatisch die Preise. Diese h\u00f6heren Preise lockten mehr Uber-Fahrer an den Ort, von dem die Menschen fliehen wollten. Die Medienresonanz fiel allerdings sehr negativ aus. Uber wurde f\u00fcr die Preistreiberei massive kritisiert. In anderen gab es \u00e4hnlich geartete Vorf\u00e4lle. Im Falle eines Londoner Terroranschlags im Jahr 2017 erstattete Uber den Passagieren, die den Zuschlag bezahlt hatten, diesen zur\u00fcck. Uber lernte aus diesen Erfahrungen und greift heute manuell ein, wenn die Nachfrage pl\u00f6tzlich und stark steigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Dilemma des Anbieters: Preise erh\u00f6hen wegen h\u00f6herer Produktionskosten &#8211; und als Profiteur dastehen<\/strong><\/p>\n<p>Oft hat der Anbieter kaum eine andere Wahl als die Preise zu erh\u00f6hen. Denn es ist wahrscheinlich, dass die Preise f\u00fcr Vorprodukte aufgrund der erh\u00f6hten Nachfrage anziehen. In den Vorstufen der Wertsch\u00f6pfungskette geht es knallhart nach Angebot und Nachfrage, dort spielen ethische Erw\u00e4gungen eine untergeordnete Rolle. Das kann f\u00fcr den Endprodukthersteller unangenehm werden. Er muss die Preise aufgrund seiner gestiegenen Kosten erh\u00f6hen. Die Verbraucher sehen das aber leicht als eine Ausnutzung der Notlage, ein echtes Dilemma.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn das teuerste Medikament der Welt vom Hersteller verlost wird<\/strong><\/p>\n<p>Die Probleme, die sich bei sehr innovativen, lebensrettenden Medikamenten stellen, sind ethisch noch schwieriger. Kymriah, eine genbasierte Therapie von Novartis, heilt eine bestimmte Art von Leuk\u00e4mie mit einer einzelnen Injektion. Was ist ein gerechter Preis f\u00fcr ein solches Produkt? In den USA kostet eine Anwendung bis zu 475.000 US-Dollar. In Deutschland liegt der Preis bei 320.000 Euro. Das Produkt Luxurna heilt einen Gendefekt, der bei Kindern zu Erblindung f\u00fchrt. Es soll in den USA 850.000 Dollar kosten, aber eine Teilr\u00fcckerstattung wird angeboten, wenn die Genesungsziele nicht erreicht werden.<\/p>\n<p>Das teuerste Medikament der Welt ist Zolgensma, das in USA 2019 zugelassen wurde. In Deutschland ist das Produkt &#8211; eine Gentherapie &#8211; noch nicht zugelassen, kann aber eingesetzt werden. Es heilt eine Atrophie der Wirbels\u00e4ulenmuskulatur &#8211; eine katastrophale Erkrankung, die Babys treffen kann &#8211; mit einer einzigen Injektion. Die Preish\u00f6he von etwa zwei Millionen Euro sorgte f\u00fcr Emp\u00f6rung. Novartis hat angeboten, 100 Therapien zu verlosen, was ebenfalls umstritten ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Frage der Ethik von Preisen ist in Notsituationen: Lieber pl\u00f6tzlich teuer und zu haben &#8211; oder lieber gleich teuer und l\u00e4ngst vergriffen<\/strong><\/p>\n<p>Sind solche Preise gerecht und ethisch vertretbar? Ich habe auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Ich will mit diesem Artikel nur klar stellen, dass die Frage der Ethik von Preisen in Notsituationen wie der gegenw\u00e4rtigen Corona-Krise nicht so einfach ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Jeder muss f\u00fcr sich selbst entscheiden, ob es ihm lieber ist, einen h\u00f6heren Preis zu zahlen und das ben\u00f6tigte Produkt tats\u00e4chlich zu erhalten oder ob er einen konstanten Preis vorzieht, bei dem aber viele Verbraucher leer ausgehen und auf dem Zweitmarkt dann doch h\u00f6here Preise zahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_671683\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/09\/IMG-20190906-WA0016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-671683\" class=\"size-thumbnail wp-image-671683\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/09\/IMG-20190906-WA0016-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-671683\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019: Blogs von Frauen<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Preisethik in Coronavirus-Zeiten. 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