{"id":672882,"date":"2020-01-30T01:28:57","date_gmt":"2020-01-30T00:28:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=672882"},"modified":"2020-01-30T10:39:10","modified_gmt":"2020-01-30T09:39:10","slug":"buchauszug-christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab-warum-wir-einen-neustart-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/01\/30\/buchauszug-christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab-warum-wir-einen-neustart-brauchen\/","title":{"rendered":"Buchauszug Christoph Lixenfeld: &#8222;Schafft die Pflegeversicherung ab! Warum wir einen Neustart brauchen.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Christoph Lixenfeld: &#8222;Schafft die Pflegeversicherung ab! Warum wir einen Neustart brauchen.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_672888\" style=\"width: 496px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672888\" class=\"size-full wp-image-672888\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.Christoph.neu_.2020.png\" alt=\"\" width=\"486\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.Christoph.neu_.2020.png 486w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.Christoph.neu_.2020-224x300.png 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><p id=\"caption-attachment-672888\" class=\"wp-caption-text\">Christoph Lixenfeld (Foto: Rowohlt\/Bernhard Ludewig)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lukrativer als Drogenhandel und Prostitution: Warum Betrug in der ambulanten Pflege so eintr\u00e4glich ist<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00abWir haben da einfach ein grunds\u00e4tzliches Problem.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>\u00abIn der ambulanten Pflege scheinen Betr\u00fcgereien eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Die AOK Hessen stellte bei der \u00dcberpr\u00fcfung von 307 ambulanten Pflegediensten im Land fest, dass etwa jeder zweite falsch abrechnete.\u00bb<\/p>\n<p>Diese Passage stammt aus meinem ersten Buch zum Thema Pflege, das 2008 erschien.<\/p>\n<p>Im Februar 2019 zitierte &#8222;Stern.de&#8220; den Berliner Bezirksb\u00fcrgermeister Stephan von Dassel mit dem Satz: \u00abMit Betrug in der Pflege verdient man so gut wie im Drogenhandel, es ist nur weniger gef\u00e4hrlich.\u00bb[53]<br \/>\nDieser Vergleich ist keineswegs \u00fcbertrieben, und er verdeutlicht, dass in den elf Jahren, die zwischen den beiden Beschreibungen der Zust\u00e4nde in der ambulanten Pflege liegen, niemand den Betr\u00fcgern das Handwerk gelegt hat, ja dass das Problem im Gegenteil mittlerweile erschreckende Ausma\u00dfe annimmt.<br \/>\nLaut Bundeskriminalamt erleichtern bandenm\u00e4\u00dfig agierende Pflegedienste, \u00c4rzte, Apotheker und Sanit\u00e4tsh\u00e4user unsere Sozialsysteme mittlerweile um Milliarden. Unz\u00e4hlige Frauen aus Osteuropa w\u00fcrden nicht mehr f\u00fcr das Sexgewerbe nach Deutschland geholt, sondern f\u00fcr die Pflegebranche.[54]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Niemand durchblickt das System wirklich<\/strong><\/p>\n<p>Dass der deutsche Pflegemarkt \u00abgenerell anf\u00e4llig\u00bb f\u00fcr Betrugsstraftaten ist, wie es das BKA einmal ausdr\u00fcckte[55], liegt daran, dass seine Strukturen absurd komplex sind. Denn Akteure des Systems sind nicht nur Kranken- und Pflegekassen, sondern auch Rentenversicherer, Sozial\u00e4mter, Pensionsstellen, Grundsicherungs\u00e4mter, Beihilfestellen etc. pp. Und weil es in Deutschland diesen unvergleichlichen F\u00f6deralismus gibt, verteilen sich die Zust\u00e4ndigkeiten noch dazu auf verschiedene Bundesl\u00e4nder, die Regeln und Tarife h\u00f6chst unterschiedlich festlegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All das f\u00fchrt dazu, dass heute buchst\u00e4blich niemand in der Lage ist, dieses System mannigfacher, unlogischer, dabei streng reglementierter Zuteilung, dieses Durcheinander von Verantwortlichkeiten und Zahlungsstr\u00f6men vollst\u00e4ndig zu durchblicken: die Pflegekassen nicht, die Sozial\u00e4mter nicht, und die Staatsanwaltschaften auch nicht. Das ganze System sei \u00ab\u00fcberhaupt nicht kontrollierbar\u00bb und ein \u00abEinfallstor f\u00fcr versehentliche oder absichtliche Falsch- und Doppelabrechnungen\u00bb, wie Transparency International bereits 2013 anmerkte.[56]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie man sich unschwer vorstellen kann, durchblickt das Gros der eigentlichen Hauptdarsteller dieser Trag\u00f6die, die Pflegebed\u00fcrftigen, das System noch viel weniger als die Experten. Diese Tatsache machen sich einige Pflegedienste zunutze, indem sie zum Beispiel ambulante Leistungen abrechnen, obwohl der Kunde zur betreffenden Zeit im Krankenhaus lag. Oder man l\u00e4sst sich f\u00fcr den Monat sechzehn Hausbesuche quittieren, obwohl es de facto nur zehn waren. Pflegebed\u00fcrftige m\u00fcssen die Leistungen einmal in der Woche \u2013 und zum Teil sogar nur einmal im Monat \u2013 gegenzeichnen. Wie sollen sich da alte, zum Teil verwirrte Menschen merken, wie oft die Pflegerin montags bei ihnen war und wie oft mittwochs?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manche Betr\u00fcger lassen sich die Blankonachweise unterschreiben, in die sie dann sp\u00e4ter nicht erbrachte Leistungen eintragen. Oder sie besch\u00e4ftigen einen der Angeh\u00f6rigen per Untervertrag als 450-Euro-Kraft, stellen der Kasse aber das volle Honorar einer Pflegefachkraft in Rechnung und bereichern sich so an der Mithilfe der Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem ist so virulent und allgegenw\u00e4rtig, dass Verbraucherzentralen dazu Merkbl\u00e4tter mit Warnhinweisen herausgeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Manche Familien verdienen mit<\/strong><\/p>\n<p>Wobei es auch Familien gibt, die solche Hinweise nicht ben\u00f6tigen, weil sie nicht nur das System verstanden haben, sondern auch an der Abzocke mitverdienen.<br \/>\nWas es dazu braucht, ist ein Pflegedienst, der mit der Kasse eine professionelle ambulante Versorgung abrechnet, obwohl der Pflegebed\u00fcrftige in Wahrheit von den Angeh\u00f6rigen gepflegt wird. Bei Pflegegrad 3 erh\u00e4lt der Dienstleister monatlich 1298 Euro von der Kasse. Gibt er der Familie davon 800 ab, verdient er 498 Euro mit Nichtstun, und die Familie hat deutlich mehr als jene 545 Euro Pflegegeld, die sie auf legalem Wege bezogen h\u00e4tte. Bei zwanzig solcher F\u00e4lle verdient der Pflegedienst damit fast 10000 Euro im Monat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am besten laufen diese Deals nat\u00fcrlich, wenn der Betreffende gar nicht pflegebed\u00fcrftig ist oder nur ein kleines bisschen, wenn seine Versorgung also wenig Arbeit macht und die Kasse trotzdem reichlich bezahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Sch\u00e4den gehen in die Milliarden<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6glich wird diese Abzocke mit Hilfe eines gewissen schauspielerischen Talents \u2013 und der erw\u00e4hnten Bandenstrukturen: Beim Besuch des Medizinischen Dienstes, der \u00fcber den Pflegegrad und damit \u00fcber die H\u00f6he der Zahlung entscheidet, pr\u00e4sentiert ihm die Familie einen maladen, m\u00e4\u00dfig gepflegten alten Menschen, der vorher haarklein instruiert, ja zum Teil mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurde. \u00c4rzte haben ihm eine ganze Reihe von Krankheiten und Alterserscheinungen attestiert, verschriebene Medikamente liegen auf dem Tisch.<\/p>\n<p>Die Masche funktioniert so gut, weil dabei alle unter einer Decke stecken: Familie, Pflegedienst, Arzt, Apotheke und Sanit\u00e4tshaus bescheinigen sich gegenseitig Leistungen, die nie oder nur zum Teil erbracht wurden, und rechnen sie ab. Betrogen wird dabei nicht nur die Pflegeversicherung, denn der Arzt hat zus\u00e4tzlich Krankenkassenleistungen verordnet. Und wenn der angeblich Pflegebed\u00fcrftige mehr Hilfe braucht, als die Pflegeversicherung bezahlt, und die Rente daf\u00fcr nicht reicht, dann springt das Sozialamt ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, der Reibach der Betr\u00fcger stammt sowohl aus Beitr\u00e4gen zur Pflege- und Krankenversicherung als auch aus Steuermitteln.<br \/>\nEntsprechend gro\u00df sind die Sch\u00e4den, deren H\u00f6he sich zwar nicht exakt beziffern, wohl aber aus der angenommenen Schadensh\u00e4ufigkeit hochrechnen l\u00e4sst. Der Berliner Bezirksb\u00fcrgermeister Stephan von Dassel, der sich seit Jahren mit dem Thema besch\u00e4ftigt, sagte 2017 dem Deutschlandfunk, wenn man nur annehme, dass jede zehnte Abrechnung betr\u00fcgerisch sei, dann komme man schnell auf einen Gesamtschaden zwischen zwei und zehn Milliarden Euro j\u00e4hrlich.[57]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Solche Zahlen erscheinen vor allem dann realistisch, wenn man den mit Abstand lukrativsten Zweig dieser Gesch\u00e4fte mit einbezieht: die au\u00dferklinische Versorgung von Intensivpatienten. In Deutschland bekommen ungef\u00e4hr 19000 Menschen, die Schwerstpflegef\u00e4lle sind und im Wachkoma liegen oder k\u00fcnstlich beatmet werden, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung in den eigenen vier W\u00e4nden. Die Pflege dieser Patienten ist enorm aufwendig, weil dabei s\u00fcndteure medizinische Ger\u00e4te zum Einsatz kommen, weil der Personalaufwand hoch ist und weil diesen Job nur daf\u00fcr ausgebildete Fachkr\u00e4fte machen d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Kassen bezahlen f\u00fcr jeden dieser F\u00e4lle pro Monat etwa 20000 Euro, eine Summe, die Pflegedienste anlockt wie Licht die Motten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-672887\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.CoverGro\u00df.jpg\" alt=\"\" width=\"428\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.CoverGro\u00df.jpg 428w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Lixenfeld.CoverGro\u00df-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab.html\">Christoph Lixenfeld: &#8222;Schafft die Pflegeversicherung ab! Warum wir einen Neustart brauchen.&#8220;<\/a> 224 Seiten, 12 Euro, Rowohlt Verlag.\u00a0<\/strong><strong><a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab.html\">https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Je mehr Geld flie\u00dft, desto mehr l\u00e4sst sich abzweigen<\/strong><\/p>\n<p>Mehr als 1400 Unternehmen bieten in Deutschland mittlerweile solche Leistungen an, und ihre Zahl w\u00e4chst deutlich schneller als die konventioneller Pflegedienste.[58]<br \/>\nAu\u00dferdem tummeln sich in diesem Segment \u00e4hnlich wie bei den Heimen immer mehr internationale Investoren \u2013 ein sicheres Zeichen, dass die Renditen (zu) hoch und die wirtschaftlichen Risiken niedrig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wof\u00fcr sich Investoren besonders interessieren, sind Intensivpflege-WGs, Wohnungen, in denen meist vier bis acht Patienten gemeinsam versorgt werden. Der Vorteil dieser Einrichtungen liegt darin, dass pro Bewohner nicht nur weniger Fl\u00e4che, sondern auch weniger Personal ben\u00f6tigt wird. Aktuell gibt es fast 1000 solcher Wohngemeinschaften in Deutschland, Tendenz auch hier stark steigend.[59]<br \/>\nDass die Intensivpflege und besonders entsprechende Wohngemeinschaften nicht nur f\u00fcr Investoren, sondern auch f\u00fcr Betr\u00fcger der eintr\u00e4glichste Zweig der ambulanten Versorgung sind, hat einen profanen Grund: Je mehr Geld flie\u00dft, desto mehr l\u00e4sst sich abzweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Findet die Intensivpflege in der eigenen Wohnung statt, kann es vorkommen, dass die Betreuer lediglich zwei- bis dreimal am Tag vorbeischauen, anstatt rund um die Uhr pr\u00e4sent zu sein. Das ist f\u00fcr den Patienten zwar gef\u00e4hrlich, und es hat auch schon Anklagen wegen fahrl\u00e4ssiger K\u00f6rperverletzung gegeben, aber sogenannte Cash-Back-Zahlungen an die Familien sorgen daf\u00fcr, dass niemand allzu laut protestiert oder die Sache gar an die gro\u00dfe Glocke h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Pflege-WGs besteht der Betrug vor allem darin, zu wenig oder v\u00f6llig unterqualifiziertes Personal einzusetzen \u2013 gef\u00e4lschte Ausbildungszeugnisse machen\u2019s m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pro Bewohner sind 10000 Euro \u00dcberschuss drin<\/strong><\/p>\n<p>Eine fiktive Beispielrechnung verdeutlicht die Dimensionen: Ein Intensivpflegedienst, der eine WG betreibt, hinterzieht pro Bewohner und Monat 10000 Euro, das hei\u00dft sein personeller und organisatorischer Aufwand ist nur halb so hoch wie das, was die Kasse ihm verg\u00fctet. Dieser Betrag ist keineswegs unrealistisch hoch angesetzt, es gibt Experten, die von h\u00f6heren Margen ausgehen. Bei sechs Patienten in der WG summiert sich der Betrug auf 60000 Euro pro Monat oder 720000 im Jahr, und das in einer einzigen Intensivpflege-WG.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch diese Art von Kriminalit\u00e4t verdanken wir den Fehlanreizen des Systems. Egal, ob ehrlich oder unehrlich, alle beteiligten Pflegedienste verdienen dann am besten, wenn ihre Patienten m\u00f6glichst dauerhaft beatmungspflichtig und damit von ihnen abh\u00e4ngig bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnte nach Ansicht von Fachleuten zumindest ein Teil dieser Patienten durchaus lernen, wieder selbst\u00e4ndig zu atmen. Der Verband der Betriebskrankenkassen meinte in einem Statement vom Juli 2019 sogar, dass man durch eine Entw\u00f6hnung dauerhaft k\u00fcnstlich beatmeter Patienten von den Maschinen zus\u00e4tzlich 9500 Altenpfleger f\u00fcr die ambulante oder station\u00e4re Versorgung gewinnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die T\u00e4ter sind schwer zu \u00fcberf\u00fchren<\/strong><\/p>\n<p>Dass von Zeit zu Zeit F\u00e4lle von Pflegebetrug aufgedeckt werden, \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass die T\u00e4ter schwer zu \u00fcberf\u00fchren sind. Denn der Betrug findet zum Gro\u00dfteil in privaten R\u00e4umen statt, und die sind in Deutschland sehr gut vor staatlicher Kontrolle gesch\u00fctzt. \u00abDeswegen haben wir da einfach ein grunds\u00e4tzliches Problem\u00bb, wie Karl-Josef Laumann, der damalige Pflegebeauftragte der Bundesregierung, 2016 feststellte, als mal wieder ein gro\u00dfer Betrugsfall aufgeflogen war.[60]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hinterzogenes Geld zur\u00fcckzuholen ist nicht einfach. Manch \u00fcberf\u00fchrter Betr\u00fcger meldet f\u00fcr seinen Pflegedienst Insolvenz an und entzieht sich so dem Zugriff der Kassenermittler \u2013 um wenig sp\u00e4ter eine neue Pflegefirma in einem anderen Bundesland zu er\u00f6ffnen. Dass er dort oft ohne Probleme eine Zulassung erh\u00e4lt, liegt daran, dass sich die Krankenkassen nur selten untereinander \u00fcber kriminelle Pflegedienste und andere Betr\u00fcger austauschen, eine bundesweite Betrugsdatenbank gibt es nicht.[61]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verluste der Pflegekassen sind den Krankenkassen egal<\/strong><\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr die weitgehende Tatenlosigkeit der Krankenkassen d\u00fcrfte das schizophrene Verh\u00e4ltnis zwischen Krankenversicherung und Pflegeversicherung sein. Letztere wird zwar gerne als vierte S\u00e4ule unseres Sozialversicherungssystems bezeichnet \u2013 neben Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Doch fehlt dieser S\u00e4ule das Fundament: Die Pflegeversicherung verf\u00fcgt nicht \u00fcber Strukturen, mit denen sie pr\u00fcfen, zertifizieren und Geld eintreiben k\u00f6nnte. All das soll \u2013 so die Theorie \u2013 die Krankenversicherung f\u00fcr sie miterledigen. Diese Konstruktion hatte man gew\u00e4hlt, um f\u00fcr die Pflegeversicherung keine zus\u00e4tzlichen Verwaltungsstrukturen schaffen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Absurd und sch\u00e4dlich ist das deshalb, weil die Pflegekasse damit von einer Organisation abh\u00e4ngig ist, die sich f\u00fcr ihre Interessen konstruktionsbedingt wenig interessiert. Macht die Pflegekasse Verluste \u2013 zum Beispiel weil die Versorgung im Heim immer teurer wird \u2013, kann das der Krankenkasse egal sein, weil es keinen Einfluss auf den eigenen Beitragssatz hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um den m\u00f6glichst niedrig zu halten, sparen die Krankenkassen sogar auf Kosten der Pflegekassen, zum Beispiel indem sie Pflegebed\u00fcrftigen keine Reha bezahlen. Muss der Betreffende dann ins Heim umziehen, geht das ausschlie\u00dflich zu Lasten der Pflegekassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Kontrollen sind Teil des Problems<\/strong><\/p>\n<p>Wann immer \u00fcber Betrug in der ambulanten Pflege berichtet wird, erheben Politiker, Kassen und Verb\u00e4nde die Forderung nach mehr, effektiveren oder anderen Kontrollen. Die AOK Hessen hatte vor einigen Jahren \u2013 als Konsequenz aus einem Betrugsfall \u2013 \u00f6ffentliche Pr\u00fcfberichte einer neutralen Stelle vorgeschlagen, beispielsweise durch die Stiftung Warentest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich wird heute deutlich mehr kontrolliert als etwa vor zehn Jahren. Dass die Abzocke dennoch nicht weniger geworden ist, sondern mehr, beweist, dass es damit nicht getan ist, solange wir das System, das dem Betrug Vorschub leistet, unangetastet lassen. Eine Maschine, die von Grund auf fehlkonstruiert ist, wird nicht dadurch zum Wunderwerk, dass man ihre Funktionen \u00f6fter und intensiver checkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was es in Deutschland nicht gibt, ist eine funktionierende Selbstkontrolle, was daran liegt, dass die Beziehung zwischen den Akteuren ein Dreieck bildet:<br \/>\nAkteur A \u2013 die Pflegekasse \u2013 bezahlt Akteur B \u2013 den Pflegedienst \u2013 f\u00fcr eine Hilfsleistung, die Akteur C \u2013 der Pflegebed\u00fcrftige \u2013 bekommt. So ziemlich \u00fcberall dort, wo es eine solche Konstruktion gibt, wird betrogen. Erh\u00e4lt der Pflegebed\u00fcrftige dagegen Geld statt einer zugeteilten Hilfe beim Waschen oder Essen, kann er mit diesem Geld genau die Hilfen einkaufen, die er braucht \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Leistungskatalog und Verrichtungsbezug. Und dann wird er auch selbst darauf achten, nicht \u00fcber den Tisch gezogen zu werden, sodass jeder Dienstleister, der Geld verdienen will, schlicht gute Arbeit leisten muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kritiker werden an dieser Stelle einwenden, dass es diese M\u00f6glichkeit ja gibt, dass Familien mit dem Pflegegeld ja Cash bekommen k\u00f6nnen als Erg\u00e4nzung oder als Alternative zur Sachleistung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leider nur macht gerade dieses Instrument deutlich, wie schlecht das System funktioniert. Denn es verleitet Familien und Pflegedienste dazu, mit der Kasse eine Versorgung durch Profis abzurechnen, den Pflegebed\u00fcrftigen aber durch die eigene Familie pflegen zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Differenz zwischen Sachleistung \u2013 also dem, was die Profis bekommen \u2013 und dem Pflegegeld sorgt daf\u00fcr, dass sich solche \u00abGesch\u00e4fte\u00bb auch dann f\u00fcr alle Beteiligten rechnen, wenn man die Ertr\u00e4ge durch zwei teilt. Bei Pflegegrad 3 betr\u00e4gt dieser Unterschied 753 Euro pro Monat, eine Differenz, die seit dem Inkrafttreten des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes 2008 kontinuierlich gewachsen ist. Bis 2007 betrug der Unterschied (in der Pflegestufe II) lediglich 511 Euro.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier gilt: Die Entwicklung hin zu mehr Geld f\u00fcr die Profis spielt Abzockern massiv in die H\u00e4nde. W\u00fcrde man die beschriebene Differenz deutlich verringern, w\u00e4re zumindest dieser Form von Betrug von einem Tag auf den anderen die Grundlage entzogen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Pflegebudget h\u00e4tte vieles ge\u00e4ndert<\/strong><\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die \u00fcberproportionale Entlohnung des Pflegedienstes einer wirklich konstruktiven, f\u00fcr alle fruchtbaren Verteilung von Aufgaben eher im Wege steht. Sie sorgt daf\u00fcr, dass sich Art, Umfang und Timing der Leistungen mehr daran orientieren, was dem Pflegedienst \u00f6konomisch n\u00fctzt, und weniger daran, was der Kunde braucht und sich w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Pflegebudget wollte man hier Abhilfe schaffen. Von 2004 bis 2008 wurde es in sieben deutschen St\u00e4dten und Landkreisen im Rahmen eines Modellversuchs getestet. Pflegebed\u00fcrftige und behinderte Menschen konnten sich das Geld der Kassen auszahlen lassen und selbst entscheiden, welche Leistungen sie damit bei wem einkaufen wollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das durften nicht nur die \u00fcblichen Verrichtungen wie Waschen oder Anziehen sein, sondern zum Beispiel auch ein Spaziergang oder eine Massage. Noch wichtiger war allerdings, dass sich mit Hilfe des Budgets Pflege ma\u00dfgeschneidert planen und steuern lie\u00df, weil es auch bei der Auswahl der Helfer einen gr\u00f6\u00dferen Spielraum gew\u00e4hrte. F\u00fcr mein erstes Buch zu diesem Thema hatte ich 2008 \u00fcber einen solchen Fall in Erfurt berichtet. Heinrich Taschner[*], damals 59 Jahre alt und an Multipler Sklerose erkrankt, ben\u00f6tigte sehr individuelle Unterst\u00fctzung, die sich mit Verrichtungsbezug und getakteter Minutenpflege durch einen ambulanten Dienst nur schlecht organisieren l\u00e4sst. Taschner hatte seit Jahren deprimierende Erfahrungen gemacht, bevor er 2007 im Rahmen des Modellprojekts ein Pflegebudget bekam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Geld, das am Anfang jeden Monats auf sein Konto \u00fcberwiesen wurde, engagierte er die Mitarbeiterin einer Assistenz-Agentur und einen Theologiestudenten, au\u00dferdem unterst\u00fctzte ihn seine Partnerin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Entscheidend sei, dass endlich seine W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse im Mittelpunkt stehen, so Taschner damals, und dass \u00abes keine engen Vorschriften daf\u00fcr gibt, was die Leute hier machen\u00bb. Wobei nat\u00fcrlich Regeln f\u00fcr die Verwendung der Budgets existierten. Eine Case Managerin kontrollierte regelm\u00e4\u00dfig, ob diese Regeln eingehalten wurden.<br \/>\nObwohl das Modellprojekt zu Beginn von allen Parteien im Bundestag unterst\u00fctzt wurde, und obwohl viele Teilnehmer \u00e4hnlich positive Erfahrungen machten wie Heinrich Taschner, existierte das Pflegebudget nur bis 2008.[*] Seine fl\u00e4chendeckende, dauerhafte Einf\u00fchrung scheiterte am massiven Widerstand der Heim- und Pflegedienstlobby. Wie genau dieser Kampf ablief und wie die \u00fcberaus erfolgreiche Lobbyarbeit der Pflegebranche insgesamt funktioniert, darum geht es in Kapitel 7.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Geschichte des Pflegebudgets lieferte den Beweis, dass sich die Pflegeversicherung nicht \u2013 wie damals von einigen erhofft \u2013 von innen heraus revolutionieren l\u00e4sst. Trotzdem setzen im politischen Berlin des Jahres 2020 viele wieder auf genau diese Idee. Warum das so ist, und warum der Ansatz erneut scheitern wird, darauf gehe ich im Schlusskapitel ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fazit: Das System diskriminiert die Ehrlichen, indem es mit seiner Komplexit\u00e4t und mit falschen Anreizen Betr\u00fcgern T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet, indem es Hunderttausende von Familien, die noch nie jemanden betrogen haben, dazu verleitet, mit Betr\u00fcgern zusammenzuarbeiten oder sie zu illegaler Besch\u00e4ftigung einer 24-Stunden-Betreuungskraft f\u00fcr ihre Eltern oder Gro\u00dfeltern n\u00f6tigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><span style=\"float: none;background-color: transparent;color: #333333;cursor: text;font-family: 'Helvetica Neue', Helvetica, Arial, 'Nimbus Sans L', sans-serif;font-size: 15px;font-style: normal;font-variant: normal;letter-spacing: normal;text-align: left;text-decoration: none;text-indent: 0px;text-transform: none\">Zum Autor: htmlhttps:\/\/www.rowohlt.de\/autor\/christoph-lixenfeld.html<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_671683\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-671683\" class=\"size-thumbnail wp-image-671683\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/09\/IMG-20190906-WA0016-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><p id=\"caption-attachment-671683\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019: Blogs von Frauen<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Christoph Lixenfeld: &#8222;Schafft die Pflegeversicherung ab! Warum wir einen Neustart brauchen.&#8220; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Lukrativer als Drogenhandel und Prostitution: Warum Betrug in der ambulanten Pflege so eintr\u00e4glich ist \u00abWir haben da einfach ein grunds\u00e4tzliches Problem.\u00bb \u00abIn der ambulanten Pflege &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/01\/30\/buchauszug-christoph-lixenfeld-schafft-die-pflegeversicherung-ab-warum-wir-einen-neustart-brauchen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[8951,1890,228,4474],"class_list":["post-672882","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-schafft-die-pflegeversicherung-ab-warum-wir-einen-neustart-brauchen","tag-buchauszug","tag-christoph-lixenfeld","tag-rowohlt-verlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/672882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=672882"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/672882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":672893,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/672882\/revisions\/672893"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=672882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=672882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=672882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}