{"id":672093,"date":"2019-11-09T22:27:31","date_gmt":"2019-11-09T21:27:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=672093"},"modified":"2019-11-09T22:27:31","modified_gmt":"2019-11-09T21:27:31","slug":"buchauszug-donald-robertson-denke-wie-ein-roemischer-herrscher-die-stoische-philosophie-des-mark-aurel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2019\/11\/09\/buchauszug-donald-robertson-denke-wie-ein-roemischer-herrscher-die-stoische-philosophie-des-mark-aurel\/","title":{"rendered":"Buchauszug  Donald Robertson: &#8222;Denke wie ein r\u00f6mischer Herrscher. Die stoische Philosophie des Mark Aurel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Donald Robertson: &#8222;Denke wie ein r\u00f6mischer Herrscher. <span id=\"ebooksProductTitle\" class=\"a-size-extra-large\">Die stoische Philosophie des Mark Aurel.<\/span>&#8222;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_672095\" style=\"width: 444px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672095\" class=\"size-full wp-image-672095\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/Robertson.Donald-Robertson-credit-Mandy-Robertson.jpg\" alt=\"\" width=\"434\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/Robertson.Donald-Robertson-credit-Mandy-Robertson.jpg 434w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/Robertson.Donald-Robertson-credit-Mandy-Robertson-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 434px) 100vw, 434px\" \/><p id=\"caption-attachment-672095\" class=\"wp-caption-text\">Robertson.Donald Robertson (Foto: Mandy Robertson)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6><span style=\"font-family: Calibri;font-size: xx-large\">Vor\u00fcbergehender Irrsinn<\/span><\/h6>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Mai des Jahres 175 \u00fcberreichte ein nerv\u00f6ser Kurier Gaius Avidius Cassius, dem Befehlshaber der syrischen Legionen und Generalgouverneur der \u00f6stlichen Provinzen, ein Schreiben. Es enthielt nur ein einziges griechisches Wort. Zu seiner Konsternierung stand dort <i>emanes<\/i>, was so viel bedeutet wie \u00bbDu bist verr\u00fcckt\u00ab, \u00bbDu hast den Verstand verloren\u00ab. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Cassius geriet in Wut und zerfetzte das Schreiben. Er war niemand, der sich von so etwas einsch\u00fcchtern lie\u00dfe. Tats\u00e4chlich war er f\u00fcr seine Brutalit\u00e4t ber\u00fcchtigt. Eine seiner bevorzugten Strafen bestand darin, M\u00e4nner in Zehnergruppen zusammenketten zu lassen und sie mitten im Fluss zu ertr\u00e4nken. Es kursierten Ger\u00fcchte, dass er einst Dutzende seiner Feinde an einen fast sechzig Meter hohen Mast gebunden und diesen angez\u00fcndet hatte, sodass ihre Landsleute noch in Kilometern Entfernung sehen konnten, wie diese bei lebendigem Leib verbrannten. Selbst an den brutalen Standards des r\u00f6mischen Heeres gemessen, galt das als unglaublich grausam. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Bei seinen Truppen war Cassius f\u00fcr seine strenge Disziplin bekannt, die gelegentlich brutale Z\u00fcge annahm. Deserteuren schnitt er die H\u00e4nde ab, brach ihnen die Beine und H\u00fcften und lie\u00df sie verkr\u00fcppelt zur\u00fcck \u2013 als Warnung an alle anderen, was mit ihnen geschehen w\u00fcrde, falls sie seinen Befehlen nicht gehorchten. Allerdings war er auch ein herausragender milit\u00e4rischer Held. Nach dem Kaiser war er der zweith\u00f6chste Befehlshaber des r\u00f6mischen Heeres und wom\u00f6glich der zweitm\u00e4chtigste Mann im gesamten Reich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Cassius\u2019 strenges Regiment war legend\u00e4r und machte ihn f\u00fcr Rom unverzichtbar. Mark Aurel und Cassius waren seit Urzeiten Familienfreunde, wenngleich Cassius Ger\u00fcchten zufolge den Kaiser hinter dessen R\u00fccken kritisierte. Mark sagte seinen H\u00f6flingen: \u00bbEs ist unm\u00f6glich, die Menschen so zu machen, wie man sie gerne h\u00e4tte; wir m\u00fcssen sie nehmen, wie sie sind.\u00ab Sein Ruf, Gnade walten zu lassen und zu verzeihen, stand in scharfem Kontrast zu Cassius\u2019 Unbarmherzigkeit. Trotz ihrer gegens\u00e4tzlichen Charaktere setzte Mark jedoch sein volles Vertrauen in Cassius als General. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im R\u00f6misch-Parthischen Krieg, w\u00e4hrend Lucius Verus weit entfernt von den Schlachtfeldern seinen Lastern fr\u00f6nte, errang Cassius einen Sieg nach dem anderen und verfolgte K\u00f6nig Vologaeses bis tief ins Partherreich. In kurzer Zeit stieg er als Befehlshaber zu Lucius\u2019 rechter Hand auf. Gegen Ende des Kriegs lie\u00df er jedoch zu, dass seine M\u00e4nner die Zwillingsst\u00e4dte Seleukia-Ktesiphon am Tigris pl\u00fcnderten, wo sie sich angeblich mit der Pest infizierten. Die heimkehrenden Truppen schleppten die Pest in ihre Milit\u00e4rgarnisonen in den Provinzen ein, und von da aus breitete sich eine Pestepidemie \u00fcber das gesamte Reich aus. Cassius wurde f\u00fcr die Vertreibung der Parther aus Syrien jedoch mit der Ernennung zum Legat des Kaisers (ein Gouverneur mit h\u00f6chster Befehlsgewalt) der Provinz Syrien belohnt und unterstand nun direkt dem Kaiser. Einige Jahre sp\u00e4ter, im Jahre 169, hinterlie\u00df Kaiser Lucius\u2019 verfr\u00fchter Tod ein Machtvakuum, das gef\u00fcllt werden wollte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Jahre 172, w\u00e4hrend der erste Markomannenkrieg an der Nordgrenze des Reichs Mark Aurels gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, stiftete der Stamm der Bucoli oder \u00bbHerdenmenschen\u00ab aus der nordwestlichen Region des Nildeltas in der N\u00e4he von Alexandria die lokale Bev\u00f6lkerung zu einer Revolte gegen die r\u00f6mischen Autorit\u00e4ten an \u2013 eine schwere Krise, die Cassius\u2019 Einmarsch mit zwei syrischen Legionen nach \u00c4gypten erforderlich machte. Das wiederum bedeutete, dass ihm <i>imperium<\/i> verliehen werden musste, also die h\u00f6chste milit\u00e4rische Autorit\u00e4t, durch die er in Abwesenheit des Kaisers diesem gleichgestellt war. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die eingeborenen \u00c4gypter hatten indes die Last der Steuererh\u00f6hungen zur Finanzierung von Mark Aurels Kriegen im Norden satt. Immer mehr von ihnen verlagerten sich in der Folge auf \u00dcberf\u00e4lle und Wegelagerei und bildeten aus Verzweiflung schlie\u00dflich eine Rebellenarmee, die von einem charismatischen jungen kriegerischen Priester namens Isidorus angef\u00fchrt wurde. Es hei\u00dft, eine Handvoll dieser M\u00e4nner habe sich als Frauen verkleidet und einen r\u00f6mischen Zenturion angesprochen, unter dem Vorwand, sie wollten ihm eine Summe in Gold zahlen, damit er ihre gefangengenommenen Ehem\u00e4nner freilasse. Anschlie\u00dfend lockten sie ihn in einen Hinterhalt, nahmen danach einen weiteren Offizier gefangen und t\u00f6teten ihn, wobei sie \u00fcber seinen blutigen Eingeweiden angeblich einen Eid schworen, bevor sie diese auf rituelle Weise verspeisten. Die Nachricht von diesem angeblichen Akt des Terrorismus verbreitete sich wie ein Lauffeuer in \u00c4gypten und f\u00fchrte schlie\u00dflich zu einem allgemeinen Aufstand. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Innerhalb kurzer Zeit gewannen die Bucoli gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung durch andere St\u00e4mme, um Alexandria zu umzingeln und anzugreifen. Bei einer offenen Feldschlacht, die sich die \u00e4gyptischen Legionen mit den Stammeskriegern lieferten, erlitten die zahlenm\u00e4\u00dfig weit unterlegenen r\u00f6mischen Truppen eine dem\u00fctigende Niederlage. Die Bucoli und ihre Verb\u00fcndeten belagerten Alexandria noch weitere Monate, w\u00e4hrend Pest und Hunger in der Stadt w\u00fcteten. Wenn Cassius und seine Truppen nicht aus Syrien herbeigeeilt w\u00e4ren, um die alexandrische Garnison zu befreien und den Aufstand niederzuschlagen, w\u00e4re Alexandria gepl\u00fcndert und gebrandschatzt worden. Doch Cassius stand so vielen Stammeskriegern gegen\u00fcber, dass er es nicht wagte, zum direkten Gegenangriff \u00fcberzugehen, obwohl er drei vollst\u00e4ndige Legionen befehligte. Stattdessen setzte er auf Zeit, s\u00e4te Streit und Zwietracht unter den feindlichen St\u00e4mmen, bis er sie schlie\u00dflich trennen und bezwingen konnte. Zur Belohnung durfte er das <i>imperium<\/i> in den \u00f6stlichen Provinzen behalten, was ihm eine einzigartige Macht und einen Status verlieh, die der des Kaisers kaum nach standen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Alter von f\u00fcnfundvierzig Jahren war Cassius aufgrund seiner dramatischen Milit\u00e4rsiege bei seinen Landsleuten zum Helden avanciert. Seine Autorit\u00e4t wurde von seiner adeligen Herkunft noch verst\u00e4rkt: Seine Mutter, Julia Cassia Alexandra, war Angeh\u00f6rige der altr\u00f6mischen Familie der Cassii, die f\u00fcr ihre Z\u00e4higkeit alter Schule ber\u00fchmt war. Sie war eine Prinzessin, die v\u00e4terlicherseits von K\u00f6nig Herodes dem Gro\u00dfen von Jud\u00e4a und m\u00fctterlicherseits von Augustus, dem ersten r\u00f6mischen Kaiser, abstammte. Dar\u00fcber hinaus machte sie die Abstammung von einem weiteren r\u00f6mischen Vasallenk\u00f6nig geltend, n\u00e4mlich Antiochus IV. Epiphanes von Commagene, was Cassius zu einem Mitglied der kaiserlichen Dynastie der Seleukiden machte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Kurzum, Cassius war zum Herrschen geboren. Vor dem Hintergrund seines adeligen Stammbaums und seiner gefeierten milit\u00e4rischen Siege betrachtete er sich zweifellos als nat\u00fcrlicher Nachfolger von Kaiser Lucius Verus. Weit weg im Norden hatte Mark Aurel jedoch Claudius Pompeianus, einen anderen syrischen General von weitaus bescheidenerer Herkunft, bef\u00f6rdert. Pompeianus hatte sich im R\u00f6misch-Parthischen Krieg bereits einen Namen gemacht und Marks Tochter Lucilla, die Witwe von Lucius Verus, geheiratet. W\u00e4hrend der Markomannenkriege diente er als rangh\u00f6chster General an der n\u00f6rdlichen Grenze und wurde zur rechten Hand des Kaisers. Ger\u00fcchten zufolge hatte Mark Aurel Pompeianus sogar angetragen, Caesar zu werden, was dieser jedoch aus irgendeinem Grund abgelehnt hatte. H\u00f6chstwahrscheinlich war f\u00fcr Cassius die Vorstellung, ein gew\u00f6hnlicher r\u00f6mischer B\u00fcrger k\u00f6nne ihm \u00fcbergeordnet sein, unertr\u00e4glich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Anschluss an Lucius\u2019 Tod hat er stetig und unaufhaltsam die Leiter der Macht erklommen. Im Jahre 175 h\u00e4lt er in den \u00f6stlichen Provinzen seit bereits drei Jahren quasikaiserliche Macht. Um an die Spitze des Reichs zu gelangen, fehlt ihm nur noch eine Stufe, und Mark Aurel ist die einzige Person, die ihm noch im Weg steht. Das einzelne Wort, das er nun in den H\u00e4nden h\u00e4lt \u2013 <i>emanes <\/i>\u2013 stammt von Herodes Atticus, dem Sophisten, der Mark Aurel in seiner Jugend in griechischer Rhetorik unterrichtet hat. Herodes war f\u00fcr seine Eloquenz und seine elaborierten Reden ber\u00fchmt. Dieser Brief zeichnet sich jedoch durch die Art lakonischen Hieb aus, der eher f\u00fcr Stoiker als f\u00fcr Sophisten typisch war. Ein einziges Wort gen\u00fcgt, um seine Botschaft zu \u00fcbermitteln. Getrieben von seinem Hunger nach absoluter Macht hat Cassius einen B\u00fcrgerkrieg angezettelt, der das gesamte Reich entzwei zu rei\u00dfen und ein Blutvergie\u00dfen auszul\u00f6sen droht, das das Leben vieler Millionen Menschen ausl\u00f6schen k\u00f6nnte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Weit weg, auf der anderen Seite des Reichs, in mehr als eintausendf\u00fcnfhundert Meilen Entfernung, trifft ein ersch\u00f6pfter Depeschenreiter im Feldlager in Sirmium ein, der Hauptstadt von Niederpannonien (dem heutigen Serbien). Die Soldaten, die ihn in Empfang nehmen, bringen ihn eilig zur Residenz des Kaisers im Zentrum des Feldlagers. Mehr als zehn Tage hat es \u00fcber die Eilkommunikationswege gedauert, bis die Nachricht aus den \u00f6stlichen Provinzen \u00fcber Rom an die Nordgrenze gelangt ist. Der \u00dcberbringer z\u00f6gert, bevor er zu sprechen ansetzt; seine Neuigkeiten sind so \u00fcberraschend, dass er sie selbst kaum glauben kann: \u00bbMein Herr und Caesar, General Avidius Cassius hat euch verraten \u2026 <i>die \u00e4gyptische Legion hat ihn zum Kaiser ausgerufen<\/i>.\u00ab Der Kurier \u00fcberreicht Mark Aurel ein Schreiben des Senats, in dem die Nachricht best\u00e4tigt wird: Am 3. Mai 175 wurde Avidius Cassius von der \u00e4gyptischen Legion in Alexandria zum Kaiser von Rom ausgerufen. \u00bbMein Herr, sie erz\u00e4hlen allen, Ihr w\u00e4ret tot\u00ab, erkl\u00e4rt der Kurier. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die Nachricht stammt von Publius Martius Verus, Gouverneur der r\u00f6mischen Provinz Kappadokien (die heutige T\u00fcrkei). Martius Verus hatte im R\u00f6misch-Parthischen Krieg mit gro\u00dfer Auszeichnung als General neben Cassius und Pompeianus gedient. Allerdings geht seine alarmierende Nachricht mit der Versicherung einher, er und die drei Legionen unter seinem Kommando h\u00e4tten ihre unverbr\u00fcchliche Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Mark Aurel erkl\u00e4rt. Cassius hat jedoch angeblich Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine Rebellion in der Region s\u00fcdlich des Taurus-Gebirges erhalten, die ungef\u00e4hr der H\u00e4lfte des \u00f6stlichen Reichs entspricht. Eine Reihe r\u00f6mischer Senatoren, die gegen den Markommanenfeldzug gewesen waren, haben die Gelegenheit ergriffen, sich f\u00fcr Cassius zu verwenden. Bislang steht der Senat als Ganzes jedoch loyal zu Mark Aurel. Allerdings ist Cassius ein hochkompetenter General, dem sieben Legionen unterstehen. Au\u00dferdem kontrolliert er \u00c4gypten \u2013 den Brotkorb des Reichs und bei Weitem die reichste Provinz im Osten. Ihre Hauptstadt Alexandria ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt und besitzt den gr\u00f6\u00dften Hafen des Reichs. Falls die Exporte aus \u00c4gypten unterbrochen w\u00fcrden, w\u00fcrde in Rom irgendwann das Brot ausgehen. Unruhen und Pl\u00fcnderungen w\u00e4ren die Folge. Das Schicksal des gesamten Reichs h\u00e4ngt also am seidenen Faden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Tats\u00e4chlich ist Mark Aurel vor Kurzem sehr krank geworden, vielleicht ist er sogar dem Sterben nahe. Im Alter von f\u00fcnfundvierzig Jahren und weithin als gebrechlich und von schlechter Gesundheit bekannt, ist er schon seit Langem Stadtgespr\u00e4ch in Rom. Seine Frau Faustina ist mehrere Monate zuvor nach Rom zur\u00fcckgereist. Ger\u00fcchten zufolge f\u00fcrchtete sie sich vor der M\u00f6glichkeit seines nahenden Todes, und dr\u00e4ngte Cassius dazu, Anspruch auf den Thron zu erheben. Mark Aurels einziger \u00fcberlebender Sohn Commodus ist dreizehn Jahre alt und wei\u00df genau, dass sein Leben in ernster Gefahr ist, falls sein Vater stirbt oder ein Usurpator den Thron besetzt, bevor er das Erwachsenenalter erreicht. Angeblich soll Faustina geplant haben, Marks Tod zuvorzukommen und daf\u00fcr zu sorgen, dass Cassius andere Thronanw\u00e4rter ausman\u00f6vrieren kann und vielleicht sogar Commodus\u2019 Nachfolge sichert, indem er sie heiratet. Andere sagen, Cassius habe aus eigenem Antrieb gehandelt und gezielt das falsche Ger\u00fccht gestreut, Mark sei tot, um die Macht zu ergreifen. Oder vielleicht hat er einfach nur voreilig gehandelt und nicht verr\u00e4terisch, weil er sich von den falschen Nachrichten \u00fcber den Tod des Kaisers hat t\u00e4uschen lassen. Der Senat ist in jedem Fall alarmiert und erkl\u00e4rt Cassius umgehend zum <i>hostis publicus<\/i> \u2013 zum \u00f6ffentlichen Feind \u2013 und konfisziert sein Verm\u00f6gen und das seiner Familie. Das f\u00fchrt allerdings nur zur Versch\u00e4rfung des Konflikts. Cassius muss das Gef\u00fchl haben, dass die Situation au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Er kann nicht mehr zur\u00fcck; ein B\u00fcrgerkrieg scheint unvermeidlich.<br \/>\nWas auch immer Cassius\u2019 Motive sein m\u00f6gen, Mark Aurel ist mit einer der schwersten Krisen seiner Regierungszeit konfrontiert. Der Kaiser hat sich von seinem j\u00fcngsten Krankheitsanfall erholt und verschwendet keine Zeit, um auf den Hochverrat zu reagieren. Er l\u00e4sst seinen Blick \u00fcber die Gesichter seiner Gener\u00e4le schweifen. Sie wissen bereits, dass er sich darauf vorbereiten muss, die Nordgrenze des Reichs zu verlassen und in gro\u00dfer Eile eine Armee in den Osten zu f\u00fchren. Cassius\u2019 Legionen marschieren wom\u00f6glich nach Rom in der Absicht, seinen Anspruch auf den Thron zu sichern. Die unmittelbare Bedrohung hat die Stadt in einen Zustand gr\u00f6\u00dfter Panik versetzt und Marks Kritikern im Senat Nahrung gegeben. Der Ruf, den Mark Aurel bei den m\u00e4chtigen Legionen hat, die unter ihm am Ufer des Danubius gek\u00e4mpft haben, ist jedoch unersch\u00fctterlich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Am folgenden Morgen sendet er einen berittenen Kurier nach Rom, dem er Schreiben an den Senat, an seinen Verb\u00fcndeten Martius Verus in Kappadokien und, noch wichtiger, an Cassius in \u00c4gypten mitgibt. Seine Botschaft ist unmissverst\u00e4ndlich: <i>Der Kaiser best\u00e4tigt, dass er am Leben und guter Gesundheit ist, und schon bald zur\u00fcckkehren wird.<\/i> Nun muss er eilig f\u00fcr Frieden im Norden sorgen, sodass er ruhigen Gewissens in den S\u00fcdosten des Reichs marschieren, seine loyalen Anh\u00e4nger in Kappadokien st\u00e4rken und die Unruhen durch pers\u00f6nliches Erscheinen ersticken kann. Es w\u00e4re jedoch verfr\u00fcht, seine Truppen \u00fcber den Vorfall zu informieren, solange er nicht sicher wei\u00df, dass ein B\u00fcrgerkrieg unvermeidlich ist. Seine Truppen m\u00fcssen noch immer hie und da aufflammende Widerst\u00e4nde unter den nordischen St\u00e4mmen niederschlagen, und er will nicht, dass die Barbaren entlang des Danubius Wind von der Krise im Reich bekommen, solange die Friedensverhandlungen noch nicht in trockenen T\u00fcchern sind. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Insgeheim denkt er immer noch \u00fcber seine Reaktion auf die Nachricht nach. Das Schwierigste ist die Ungewissheit der Situation. Mark geht davon aus, dass Cassius bis zu einem gewissen Grad glaubt, er tue das Richtige: Er handelt aus Unwissenheit, was wirklich richtig und was falsch ist, denn \u2013 so lehrten es Sokrates und die Stoiker \u2013 <i>kein Mensch handelt wissentlich falsch<\/i>. Nat\u00fcrlich ist es genau diese philosophische Haltung, die Cassius Mark \u00fcbelnimmt, weil die F\u00e4higkeit zu verzeihen f\u00fcr ihn ein Zeichen von Schw\u00e4che ist. Das f\u00fchrt zu einem Machtkampf zwischen ihren beiden Pers\u00f6nlichkeiten, zwei unterschiedlichen Herrschaftsstilen und zwei Lebensphilosophien: die eine harsch und unerbittlich, die andere barmherzig. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mehrere Wochen sind inzwischen vergangen, seit Mark Aurel die Depesche erreicht hat, die ihn \u00fcber die Ereignisse in \u00c4gypten in Kenntnis gesetzt hat. Seine erste Handlung nach Erhalt der Nachrichten \u00fcber die Rebellion bestand darin, seinen dreizehnj\u00e4hrigen Sohn Commodus zu sich nach Sirmium zu rufen, wo ihm die <i>toga virilis<\/i> verliehen wurde, womit er in Vorbereitung seiner Ernennung zum Kaiser zu einem erwachsenen r\u00f6mischen B\u00fcrger erkl\u00e4rt wurde. Er wird den Truppen als Mark Aurels legitimer Nachfolger vorgestellt, um Cassius\u2019 Anspruch auf den Thron zunichte zu machen. Die Nachricht, dass der Kaiser lebt, muss Cassius erreicht haben, aber es ist nichts dar\u00fcber bekannt, dass er seine Ambitionen daraufhin zur\u00fcckgezogen h\u00e4tte. Die Tatsache, dass es Cassius nicht gelungen ist, den Aufstand \u00fcber das Taurus-Gebirge hinaus bis nach Kappadokien auszudehnen, bedeutet jedoch, dass er nicht gen\u00fcgend Truppen hatte, um sicher sein zu k\u00f6nnen, dass er Syrien gegen eine Gro\u00dfoffensive der loyalen Armee verteidigen konnte. Dennoch nimmt in Mark Aurels Lager die Unruhe zu und es werden Ger\u00fcchte laut. F\u00fcr den Kaiser ist die Zeit gekommen, zu seinen M\u00e4nnern zu sprechen und ihnen zu verk\u00fcnden, dass er Richtung S\u00fcdosten marschieren wird, um sich mit Martius Verus in Kappadokien zu vereinen, bevor sie sich gemeinsam Cassius\u2019 Hauptarmee in Syrien entgegenstellen werden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel bereitet sich f\u00fcr den folgenden Tag vor, indem er \u00fcber Cassius\u2019 Vorgehen und die Senatoren nachdenkt, die gegen ihn arbeiten. Wie immer sagt sich Mark, dass er bereit sein muss, Intrigen, Undank, Gewalt, Verrat und Missgunst hinzunehmen. Den Stoikern zufolge begehen Menschen moralische Irrt\u00fcmer, weil die Mehrheit von ihnen keine feste Vorstellung von der wahren Natur des Guten und B\u00f6sen hat. Niemand wird weise geboren, vielmehr m\u00fcssen wir durch Erziehung und \u00dcbung Weisheit erlangen. Mark ist davon \u00fcberzeugt, dass die Philosophie ihm den Unterschied zwischen richtig und falsch und die F\u00e4higkeit vermittelt hat, die Natur von Menschen wie Cassius zu begreifen, der unrecht zu handeln scheint. Er ruft sich in Erinnerung, dass selbst diejenigen, die ihm feindlich gesinnt sind, seine Br\u00fcder sind \u2013 nicht Br\u00fcder im Blute, aber seine Mitmenschen in der Universalgemeinschaft, die grunds\u00e4tzlich das Potenzial f\u00fcr Weisheit und Tugend besitzen. Auch wenn sie wom\u00f6glich unrecht handeln, k\u00f6nnen sie ihm nicht ernsthaft schaden, weil ihre Handlungen seinen Charakter nicht tr\u00fcben k\u00f6nnen. Solange sich Mark das bewusst macht, kann er ihnen gegen\u00fcber weder Ver\u00e4rgerung noch Wut empfinden. Auch diejenigen, die ihm feindlich gesinnt sind, sind auf der Welt, so sagt er, um mit ihm und allen anderen zusammenzuarbeiten, so wie die obere und die untere Zahnreihe zusammenarbeiten, um Nahrung zu zermahlen. Sich zornig gegen M\u00e4nner wie Cassius zu wenden oder sie gar fallen zu lassen, w\u00e4re unvern\u00fcnftig und gegen das Naturgesetz. Mark ermahnt sich, die Aufst\u00e4ndischen nicht als Feinde zu betrachten, sondern ihnen mit dem Wohlwollen zu begegnen, mit dem ein Arzt zu seinen Patienten spricht. In stiller Betrachtung und dem Wissen, wie wichtig es ist, in einer widrigen Situation einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren \u2013 vor allem angesichts der ungeheuren Macht, mit der ihn das r\u00f6mische Volk ausgestattet hat \u2013, nimmt er sich Zeit f\u00fcr eine Meditation. Danach wirft er sich das Milit\u00e4rcape um; Pompeianus und einige andere Berater treffen ihn vor dem Zelt. Es ist an der Zeit, dass er sich an die Soldaten wendet, die sich in der Mitte des Garnisonslagers versammelt haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark gr\u00fc\u00dft sie als einer von ihnen. Er sagt, es habe keinen Sinn, Verbitterung \u00fcber die Rebellion im Osten zu empfinden. Er akzeptiere, was immer auf ihn zukommen m\u00f6ge, als Zeus\u2019 Wille. Er bittet die Soldaten, nicht zornig mit dem Himmel zu sein, und spricht ihnen sein aufrichtiges Bedauern dar\u00fcber aus, dass sie in seinen Diensten von Krieg zu Krieg ziehen m\u00fcssen. Er w\u00fcnschte, Cassius w\u00e4re zuerst zu ihm gekommen und h\u00e4tte seine Argumente vor der Armee und dem Senat vorgetragen. Mark verspricht ihnen, er w\u00e4re sogar zur\u00fcckgetreten und h\u00e4tte das Reich kampflos an ihn \u00fcbergeben, wenn er davon \u00fcberzeugt gewesen w\u00e4re, dass dies dem allgemeinen Wohl diene. Daf\u00fcr sei es jedoch zu sp\u00e4t, denn der Krieg sei bereits da. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark erinnert seine Truppen daran, dass ihr Ruf den der \u00f6stlichen Legionen bei Weitem \u00fcbertreffe, und so h\u00e4tten sie jeden Grund, optimistisch zu sein. Zwar sei Cassius einer der am meisten gesch\u00e4tzten Gener\u00e4le, so Mark, aber letztlich sei er ein \u00bbAdler, der einen Schwarm Dohlen anf\u00fchrt\u00ab \u2013 ein Kommentar, mit dem er einige d\u00fcstere Lacher erzielt. Es war n\u00e4mlich nicht Cassius selbst, der all die ber\u00fchmten Siege errungen hat, sondern genau die Soldaten, die jetzt vor ihm, Mark, stehen. Au\u00dferdem werde ihnen der loyale Martius Verus zur Seite stehen \u2013 ein General, der nicht weniger kompetent ist als Avidius Cassius. Mark sagt ihnen, er hoffe, dass Cassius noch Reue zeigen werde, nun, da er wisse, dass der Kaiser am Leben sei. Er m\u00fcsse annehmen, dass dieser einst so loyale General nur wegen der f\u00e4lschlichen Annahme, er sei tot, ihn auf so sch\u00e4ndliche Weise verraten habe. Andernfalls, und sollte Cassius auf seinem Aufstand beharren, w\u00e4re er gezwungen, noch einmal dar\u00fcber nachzudenken, wenn Mark Aurel an der Spitze einer derart gro\u00dfartigen Armee aus erfahrenen Veteranen aus dem Norden gegen ihn aufmarschierte. (Der r\u00f6mische Geschichtsschreiber Cassius Dio pr\u00e4sentiert den angeblichen Originaltext dieser bemerkenswerten Rede.)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die Legion\u00e4re, die sich vor Mark versammelt haben, wissen gut genug, dass ihr geliebter Kaiser und Befehlshaber ein stoischer Philosoph ist. Was nun folgt, muss aber selbst sie zutiefst verbl\u00fcfft haben. Mark versichert ihnen, sein gr\u00f6\u00dfter Wunsch sei, Gnade walten zu lassen: <\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Einem Mann zu vergeben, der Unrecht getan hat; einem Mann die Freundschaft zu halten, der diese mit F\u00fc\u00dfen getreten hat; jemandem treu zu sein, der diese Treue gebrochen hat. Was ich sage, mag euch unglaublich erscheinen, aber ihr d\u00fcrft nicht daran zweifeln. Denn das sittliche Gut ist noch nicht g\u00e4nzlich unter den Menschen ausgestorben; es gibt immer noch \u00dcberreste einer alten Tugend in uns. Falls jemand es nicht glauben sollte, dann st\u00e4rkt das einfach nur meinen Wunsch, damit die Menschen mit ihren eigenen Augen Dinge sehen k\u00f6nnen, die niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Denn das w\u00e4re der eine Gewinn, den ich aus meinen gegenw\u00e4rtigen Problemen ziehen k\u00f6nnte: Wenn es mir gelingen w\u00fcrde, die Sache zu einem ehrenvollen Ende zu bringen und der ganzen Welt zu zeigen, dass es einen richtigen Weg gibt, selbst mit einem B\u00fcrgerkrieg umzugehen. <\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mit anderen Worten: Es ist kein Ungl\u00fcck; eine schwierige Situation mit W\u00fcrde zu erdulden, ist ein gutes Schicksal. Das hatten ihm Rusticus und die anderen Stoiker in seiner Kindheit beigebracht. In Mark Aurels Worten ist keine Spur von \u00c4rger zu entdecken, obwohl die Nachricht von Cassius\u2019 Rebellion die Stadt Rom auf den Kopf gestellt und das ganze Reich in Aufruhr versetzt hat. Die Soldaten unter seinem Kommando wissen, dass er ruhig und w\u00fcrdevoll reagieren w\u00fcrde, selbst auf einen schockierenden Verrat wie diesen. Dennoch muss es f\u00fcr einen durchschnittlichen Legion\u00e4r, der an jenem Tag im Matsch stand und dem Kaiser Mark Aurel lauschte, bemerkenswert gewesen sein, dass sein oberster Feldherr nicht nur seinem Usurpator, sondern auch all seinen Feinden verzieh. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Nachdem er seine Rede beendet hat, weist Mark seinen Sekret\u00e4r an, eine Kopie an den Senat zu senden. Dann zieht er sich wieder in seine Residenz zur\u00fcck, schlie\u00dft die Augen und f\u00e4hrt fort, \u00fcber den besten Umgang mit der aufkommenden Krise nachzudenken und bei seiner Philosophie Orientierung zu suchen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">WIE MAN WUT \u00dcBERWINDET <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel hatte eigentlich kein friedvolles Naturell; vielmehr musste er sich anstrengen, sein aufbrausendes Temperament in den Griff zu bekommen. Schon im ersten Satz der <i>Meditationen <\/i>preist er seinen Gro\u00dfvater f\u00fcr dessen Milde und Sanftmut und kehrt im Laufe seiner Aufzeichnungen immer wieder zu dem Problem der Beherrschung seines J\u00e4hzorns zur\u00fcck. Es ist bekannt, dass er gegen seine Wut ank\u00e4mpfte und daran arbeitete, ruhiger, gelassener und vern\u00fcnftiger zu werden, weil er dar\u00fcber schreibt. Buch 1 der <i>Meditationen<\/i> schlie\u00dft er ab, indem er den G\u00f6ttern daf\u00fcr dankt, dass er nie in der schlechten Sitte verfallen ist, seine Freunde, Familie oder Lehrer zu beleidigen, auch wenn er gelegentlich sp\u00fcrte, dass er die Beherrschung zu verlieren drohte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Menschen, die unter Ersch\u00f6pfung und chronischen Schmerzen leiden wie Mark Aurel, k\u00f6nnen oft reizbar und aufbrausend sein. Wenn ein gebrechlicher Mann, der schlecht geschlafen hat und von Brust- und Magenschmerzen geplagt wird, gelegentlich \u00fcber die zahllosen Menschen irritiert ist, die versuchen, ihn zu manipulieren und zu t\u00e4uschen, ist das kein Wunder. F\u00fcr Stoiker ist Wut eine irrationale und ungesunde Leidenschaft, der wir niemals nachgeben sollten. Wie wir gesehen haben, liegt es in der Natur des Menschen, <i>automatische<\/i> Gef\u00fchle der Irritation als Reaktion auf die Probleme des Lebens zu versp\u00fcren. F\u00fcr Stoiker ist diese \u00bbUrleidenschaft\u00ab unvermeidlich, daher akzeptieren sie ihre Manifestation mit Gleichmut. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Auch einem Stoiker w\u00e4re es nat\u00fcrlich lieber, wenn sich andere Menschen angenehmer verhalten w\u00fcrden. Er k\u00f6nnte auch etwas unternehmen, um der betreffenden Person Einhalt zu gebieten, aber der weise Mensch regt sich nicht \u00fcber Dinge auf, auf die er keinen Einfluss hat, wie etwa das Verhalten anderer Leute. Stoiker besitzen eine ganze Bandbreite an psychologischen Techniken, mit denen sie aufkommender Wut entgegenwirken und diese durch eine gelassenere, aber gleicherma\u00dfen entschlossene Haltung ersetzen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die \u00dcberwindung von Wut und \u00c4rger durch die Kultivierung einer gr\u00f6\u00dferen Empathie und eines besseren Verst\u00e4ndnisses anderer Menschen ist eines der wiederkehrenden Themen in den Meditationen. W\u00e4hrend sich die moderne Psychotherapie typischerweise auf \u00c4ngste und Depressionen konzentriert, widmeten sich die Stoiker vermehrt dem Problem der Wut. \u00dcbrigens hat Seneca ein ganzes Buch \u00fcber dieses Thema geschrieben, der Titel lautet <i>\u00dcber die Wut<\/i>. Es ist bis heute erhalten und behandelt mit gro\u00dfer Ausf\u00fchrlichkeit die stoische Theorie und die \u00dcberwindung von Leidenschaften. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Wie in den meisten Lebensbereichen war Mark Aurels gr\u00f6\u00dftes Vorbild sein Adoptivvater. Von Kaiser Antoninus hatte er zuallererst \u00bbSanftmut\u00ab und ein mildes Temperament gelernt. Antoninus zeigte selbst gegen\u00fcber den h\u00e4rtesten Kritikern seines besonnenen Umgangs mit den Ressourcen des Reichs stets \u00bbgeduldige Toleranz\u00ab. Mark ruft sich insbesondere in Erinnerung, wie w\u00fcrdevoll sein Adoptivvater bei einer Gelegenheit die Entschuldigung eines Zollbeamten in Tusculum annahm; das sei f\u00fcr seinen freundlichen Charakter typisch gewesen. Anders als sein Vorg\u00e4nger Hadrian war Antoninus niemals grob, \u00fcbergriffig oder gewaltt\u00e4tig gegen\u00fcber anderen Menschen, und er fiel auch nie aus der Rolle. Er betrachtete jede Situation f\u00fcr sich, und das mit Ruhe, Gelassenheit und methodisch, so als tue er das aus reiner Mu\u00dfe. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Auch anderswo h\u00f6ren wir von Antoninus\u2019 sanftm\u00fctiger Art und \u00bbwie er diejenigen ertrug, die ihn unfairerweise kritisierten\u00ab, sowie seiner \u00bbToleranz gegen\u00fcber Menschen, die sich offen seinen Vorstellungen widersetzten, und seine Freude, wenn jemand eine bessere L\u00f6sung fand\u00ab. Die Geduld und die Sanftmut, die Antoninus als Herrscher bewies, geh\u00f6rten zu den wichtigsten Tugenden, die Mark erlernte. In der Tat war Mark Aurel daf\u00fcr ber\u00fchmt, vollkommene Ruhe zu bewahren, wenn er provoziert wurde. Allerdings musste er das lange \u00fcben und sich darin schulen, seinen J\u00e4hzorn zu b\u00e4ndigen. Wie lautet das stoische Rezept? Die Stoiker hielten Wut f\u00fcr eine Form des Wunsches, \u00bbRache an jemandem zu \u00fcben, der unangemessenerweise etwas Unrechtes getan hat\u00ab, so Diogenes Laertius. Weniger f\u00f6rmlich ausgedr\u00fcckt k\u00f6nnte man sagen, dass Wut typischerweise der Wunsch ist, jemanden zu kr\u00e4nken, weil wir glauben, dass derjenige uns Unrecht getan hat und eine Strafe verdient. (Gelegentlich k\u00f6nnte es wom\u00f6glich eher der Wunsch sein, ein Dritter m\u00f6ge dieser Person eine Lektion erteilen, wie zum Beispiel in dem Ausruf: \u00bbIch w\u00fcnschte, jemand w\u00fcrde ihr eine Lektion erteilen!\u00ab) Das \u00e4hnelt den modernen kognitiven Wuttherapien, nach deren Definition Wut ein Gef\u00fchl ist, das auf dem Glauben basiert, eine Regel, die Ihnen pers\u00f6nlich wichtig ist, sei von jemand anderem verletzt worden. Wut entspringt der Vorstellung, jemand habe eine Ungerechtigkeit begangen, oder jemand habe etwas getan, das er nicht h\u00e4tte tun d\u00fcrfen. Oft wird sie mit dem Eindruck assoziiert, man werde durch das Verhalten dieser Person bedroht oder gesch\u00e4digt, was die Wut zu einem engen Gef\u00e4hrten der Angst macht: \u00bbEr hat mir etwas angetan, das er nicht h\u00e4tte tun d\u00fcrfen \u2013 <i>das war falsch!\u00ab<\/i> <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-672094\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/cover.robertson.jpg\" alt=\"\" width=\"457\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/cover.robertson.jpg 457w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/10\/cover.robertson-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 457px) 100vw, 457px\" \/><\/p>\n<p><strong>Donald Robertson: &#8222;Denke wie ein r\u00f6mischer Herrscher&#8220; &#8211; 304 Seiten, 24,99 Euro, FinanzbuchVerlag,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/16894-denke-wie-ein-roemischer-herrscher\/\">https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/16894-denke-wie-ein-roemischer-herrscher\/<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Dementsprechend \u00e4hnelt das stoische Gegenmittel gegen Wut der allgemeinen Therapie, die auf ungesunde W\u00fcnsche und Begierden angewendet wird und \u00fcber die wir bereits gesprochen haben. Es lohnt sich jedoch, die typischen Schritte dieses Ansatzes zu wiederholen und sich zu \u00fcberlegen, wie sie sich auf die Leidenschaft Wut anwenden lassen: <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b>Selbstbeobachtung.<\/b> Achten Sie auf fr\u00fche Warnsignale f\u00fcr aufkommende Wut, damit Sie sie gleich bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, bevor sie eskalieren. M\u00f6glicherweise merken Sie, wie sich Ihre Stimme zu ver\u00e4ndern beginnt, oder dass Sie Ihre Stirn runzeln oder sich Ihre Muskeln anspannen. M\u00f6glicherweise denken Sie auch, dass jemand unrecht gehandelt hat oder eine Ihrer pers\u00f6nlichen Regeln verletzt hat: \u00bbWie kann sie es wagen, mir so etwas zu sagen!\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b>Kognitive Distanz.<\/b> Erinnern Sie sich daran, dass es nicht die Ereignisse sind, die Sie w\u00fctend machen, sondern Ihre Meinung dar\u00fcber: \u00bbIch merke, dass ich mir sage, \u203aWie kann sie es wagen\u2039, und es ist diese Betrachtung der Dinge, die mir Wut verursacht.\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b>Aufschieben.<\/b> Warten Sie, bis Ihre Wut von alleine nachl\u00e4sst, bevor Sie entscheiden, wie Sie auf die Situation reagieren wollen. Holen Sie tief Luft, gehen Sie weg und kommen Sie nach einigen Stunden wieder. Wenn Sie dann immer noch das Gef\u00fchl haben, Sie m\u00fcssten reagieren, entscheiden Sie in Ruhe, was die beste Antwort ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">4.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b>Modellierung der Tugend.<\/b> Fragen Sie sich, was eine weise Person wie Sokrates oder Zenon tun w\u00fcrde. Welche Tugenden k\u00f6nnten Ihnen dabei helfen, weise zu reagieren? In Ihrem Fall ist es wom\u00f6glich leichter, an ein Vorbild zu denken, mit dem Sie vertrauter sind, wie Mark Aurel oder jemand, den Sie aus Ihrem eigenen Leben kennen: \u00bbEine weisere Person w\u00fcrde versuchen, Empathie zu zeigen, sich in ihre Situation zu versetzen und geduldig zu reagieren \u2026\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">5.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <b> Funktionale Analyse<\/b>. Stellen Sie sich die jeweiligen Konsequenzen vor, wenn Sie Ihrer Wut nachgeben oder Ihrem Verstand folgen und sich m\u00e4\u00dfigen: \u00bbWenn ich mich von meiner Wut leiten lasse, werde ich sie wahrscheinlich anschreien und anfangen zu streiten, und dann wird die Situation noch schlimmer, bis wir gar nicht mehr miteinander sprechen. Wenn ich warte, bis ich mich beruhigt habe, kostet mich das zwar zun\u00e4chst \u00dcberwindung, aber mit ein wenig \u00dcbung wird es mir leichter fallen, und wenn sie sich ebenfalls beruhigt hat, h\u00f6rt sie mir vielleicht zu und kann auch meinen Standpunkt sehen.\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die Stoiker lernten das alte Konzept, mit der Reaktion auf eine Situation zu warten, bis sich ihr \u00c4rger gelegt hat, wahrscheinlich von den Pythagoreern, deren Schule zu Mark Aurels Zeiten bereits fast siebenhundert Jahre alt war. Sie waren daf\u00fcr bekannt, nie im \u00c4rger zu sprechen, sondern sich f\u00fcr eine Weile zur\u00fcckzuziehen, bis sich ihre Gef\u00fchle beruhigt hatten. Sie reagierten erst, wenn sie sich in der Lage f\u00fchlten, rational und ruhig zu handeln. Heutige Therapeuten bezeichnen das gelegentlich als \u00bbAuszeit\u00ab von der Wut, die man sich nehmen sollte, um zur inneren Ruhe zur\u00fcckzufinden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Neben diesen grundlegenden Strategien beschreibt Mark Aurel zudem ein ganzes Repertoire an stoischen kognitiven Techniken, die auf die Behandlung der zugrunde liegenden \u00dcberzeugungen abzielen, die den \u00c4rger \u00fcberhaupt ausl\u00f6sen. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Formen der Betrachtung der wutausl\u00f6senden Situation, das hei\u00dft <i>alternative Sichtweisen<\/i>. Man kann sie jederzeit einnehmen. So lange man sich aber noch im Klammergriff der Wut befindet, f\u00e4llt es schwer, den eigenen Blickwinkel zu ver\u00e4ndern. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">\u00dcbrigens ist einer der h\u00e4ufigsten Fehler, die wir machen, zu versuchen, unsere w\u00fctenden Gedanken zu hinterfragen, wenn wir dazu eigentlich gar nicht in der geistigen Verfassung sind. Wenden Sie diese mentale Strategie daher lieber schon <i>im Vorhinein<\/i> an, also bevor Sie sich mit Situationen auseinandersetzen, die Sie m\u00f6glicherweise in Wut versetzen, oder <i>nachdem<\/i> Sie sich die Zeit genommen haben, um Ihre Ruhe und Gelassenheit wiederzufinden. Mark Aurel ermahnte sich selbst, einige dieser Dinge gleich am Morgen zu tun, w\u00e4hrend er sich darauf vorbereitete, dass er im Laufe des Tages mit schwierigen Menschen zu tun haben w\u00fcrde. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">In einer der beeindruckendsten Textpassagen seiner <i>Meditationen<\/i> nennt Mark eine Liste mit zehn Denkstrategien, die er anwenden kann, um sich \u00bbgegen die Ver\u00e4rgerung \u00fcber andere zu sch\u00fctzen\u00ab. Er beschreibt diese Techniken zum Wutmanagement als die <i>zehn Geschenke Apollons<\/i> und seiner neun Musen. Apollon ist der Gott der Medizin und der Heilung \u2013 der Gott der Therapie, k\u00f6nnte man heute sagen \u2013, und es handelt sich dabei um stoische psychotherapeutische Konzepte. Die <i>Meditationen<\/i> enthalten zahlreiche weitere Hinweise auf die gleichen Methoden, die deutlich machen, was Mark Aurel meinte.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>1. WIR SIND VON NATUR AUS SOZIALE WESEN, DIE DAF\u00dcR GESCHAFFEN SIND, SICH GEGENSEITIG ZU HELFEN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die erste Strategie, die Mark Aurel als eine m\u00f6gliche Reaktion auf Wut beschreibt, besteht darin, dass er sich die stoische Doktrin ins Ged\u00e4chtnis ruft, dass rationale Wesen von Natur aus soziale Wesen sind, die daf\u00fcr geschaffen sind, in Gemeinschaften zu leben und sich gegenseitig in Wohlwollen zu helfen. Als solche haben wir die Pflicht, weise und in Harmonie mit unseren Mitmenschen zu leben, um unser nat\u00fcrliches Potenzial auszusch\u00f6pfen und zu prosperieren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">In einem seiner ber\u00fchmtesten Zitate aus den <i>Meditationen<\/i>, dem zuvor erw\u00e4hnten einleitenden Text von Buch 2, beschreibt Mark, wie er sich jeden Morgen geistig darauf vorbereitet, im Laufe des Tages mit problematischen Menschen umzugehen. Er schreibt: \u00bbWeder kann ich auf meinen N\u00e4chsten w\u00fctend sein noch ihn hassen, denn wir leben, um uns gegenseitig zu helfen und zu unterst\u00fctzen\u00ab, und dass die gegenseitige Behinderung durch Groll oder Ablehnung unserer rationalen und sozialen Natur zuwiderlaufe. Tats\u00e4chlich, schreibt er, f\u00fcr ein rationales Wesen liege das sittliche Gut zum Teil in seiner Haltung gegen\u00fcber seinen Mitmenschen. Mark geht sogar so weit zu behaupten, die Missachtung unserer N\u00e4he zu unseren Mitmenschen sei eine Form der Ungerechtigkeit, ein Laster und eine Gottlosigkeit, da sie f\u00fcr Menschen unnat\u00fcrlich ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Das stoische Ziel, in Harmonie und Einklang mit der \u00fcbrigen Menschheit zu leben, hei\u00dft nicht, dass wir davon ausgehen sollten, dass uns jedermann freundlich gesinnt ist. Im Gegenteil, wir sollten darauf vorbereitet sein, in unserem Leben auf viele dumme und b\u00f6se Menschen zu treffen und dies als unvermeidliche Tatsache akzeptieren. Unangenehmen Menschen und Feinden sollten wir jedoch nicht mit Wut entgegentreten, sondern sie als Chance betrachten, unsere Weisheit und unsere Tugend unter Beweis zu stellen. Stoiker betrachten problematische Menschen, als handele es sich um ein \u00e4rztliches Rezept oder einen Sparringspartner, der uns von einem Boxtrainer zugewiesen wurde. \u00bbWir leben f\u00fcreinander\u00ab, so Mark Aurel, \u00bbund wenn wir diejenigen, die uns feindselig gesinnt sind, nicht erziehen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir zumindest lernen, sie zu tolerieren.\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Diese Herausforderungen helfen uns dabei, unsere Tugend weiterzuentwickeln und widerstandsf\u00e4higer zu werden. Wenn Ihre Geduld nie auf die Probe gestellt wurde, dann fehlt Ihnen die Gelegenheit, in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen Tugend zu beweisen. In dem Werk <i>Eulogium on Marcus Aurelius<\/i>, einer historischen Fiktion, die eng auf den r\u00f6mischen Chroniken beruht, werden dem stoischen Lehrer Apollonius die folgenden Worte in den Mund gelegt: \u00bbEs gibt b\u00f6se Menschen \u2013 sie sind dir von Nutzen; wozu g\u00e4be es Tugenden ohne sie?\u00ab<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>2. WIR BETRACHTEN DEN CHARAKTER EINES MENSCHEN ALS GANZES<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die n\u00e4chste Strategie besteht darin, die Person, auf die man w\u00fctend ist, ganzheitlicher zu betrachten, und sich nicht nur auf die Seiten ihres Charakters zu konzentrieren, die man am \u00e4rgerlichsten findet. Mark Aurel ruft sich selbst dazu auf, sorgf\u00e4ltig dar\u00fcber nachzudenken, welche Art von Mensch ihn typischerweise verletzt. Dann stellt er sich diese Menschen geduldig in ihrem Alltag vor: Sie essen an ihren Esstischen, schlafen in ihren Betten, haben Geschlechtsverkehr, erholen sich und so weiter. Dann denkt er dar\u00fcber nach, wie arrogant, anma\u00dfend und w\u00fctend sie sein k\u00f6nnen, aber er denkt auch dar\u00fcber nach, dass sie bisweilen die Gefangenen anderer W\u00fcnsche und Begierden sind. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die Idee dahinter ist, dass wir unser Bewusstsein erweitern und nicht nur an die Handlungen eines Menschen denken sollten, mit denen er uns verletzt hat, sondern ihn aus ganzheitlicher Sicht betrachten und uns daran erinnern sollten, dass niemand perfekt ist. Wenn wir unser Blickfeld erweitern, wird sich unsere Wut auf diesen Menschen wahrscheinlich legen. Dieses Vorgehen ist eine Variante der Minderung durch Analyse. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">In der Tat sagt Mark, wir sollten uns vorstellen, wir w\u00fcrden in ihre Seelen blicken und verstehen, was in ihnen vorgeht, wenn sie ihren Hass auf uns abladen, die Schuld f\u00fcr irgendwelche Dinge bei uns suchen und uns kr\u00e4nken. Je besser wir sie verstehen, desto eher wird uns ihre Feindseligkeit als fehlgeleitet und machtlos erscheinen. Mark scheint das mit Cassius getan zu haben, was ihm wahrscheinlich dabei half, ruhig und gelassen auf die pl\u00f6tzliche Gefahr eines B\u00fcrgerkriegs zu reagieren, w\u00e4hrend der Senat reflexartig handelte. Mark Aurel zufolge sollte man sich nicht nur in andere Personen hineinversetzen, sondern ihren Charakter so analysieren, dass man direkt zu den Kernfragen vordringt: Wem wollen sie gefallen, mit welchem Zweck und mit welcher Art von Handlungen? Welche sind ihre Leitprinzipien im Leben, womit besch\u00e4ftigen sie sich, und wie verbringen sie ihre Zeit? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Stellen Sie sich vor, ihre Seele l\u00e4ge nackt und blo\u00df vor Ihnen und all ihre Fehler und Schw\u00e4chen w\u00fcrden sich Ihnen offenbaren. Wenn Sie sich das vorstellen k\u00f6nnen, wird es Ihnen am Ende absurd vorkommen, dass die Schuldzuweisungen oder das Lob einer anderen Person jemals Macht \u00fcber Sie gewinnen konnten. Ein weiser Mensch legt nur Wert auf die Meinungen derjenigen, die \u00bbim Einklang mit der Natur\u00ab leben, daher achtet er stets darauf, mit wem er sich umgibt. Er versteht, wer diese Menschen sind, \u00bbzuhause und unterwegs, bei Nacht und bei Tag, welchen Lastern sie fr\u00f6nen, und mit wem\u00ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die Stoiker glauben, dass es b\u00f6sen Menschen grundlegend an Selbstachtung mangelt und sie sich selbst entfremdet sind. Wir m\u00fcssen lernen, empathisch mit ihnen zu sein und sie als Opfer fehlgeleiteter \u00dcberzeugungen oder Fehlurteile betrachten, aber nicht als b\u00f6se Menschen. Mark Aurel zufolge sollten wir erkennen, dass sie von ihren eigenen fehlgeleiteten Meinungen geblendet und zu ihrem Verhalten gezwungen wurden, weil sie es nicht besser wussten. Wenn Sie das erkennen, wird es Ihnen leichter fallen, ihre Kritik zu ignorieren, ihnen zu verzeihen und sich dennoch, wo n\u00f6tig, gegen ihr Verhalten zu wehren. Alles verstehen hei\u00dft alles verzeihen, wie ein Sprichwort sagt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>3. NIEMAND TUT WILLENTLICH UNRECHT<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Diese Feststellung folgt aus dem vorherigen Punkt. Dabei handelt es sich um eines der zentralen Paradoxe der sokratischen Philosophie, das von den Stoikern \u00fcbernommen wurde: Kein Mensch tut wissentlich B\u00f6ses, und das beinhaltet, dass niemand willentlich B\u00f6ses tut. Mark Aurel gew\u00e4hrte Cassius einen Vertrauensbonus, indem er annahm, dass der Usurpator vermutlich glaubte, er tue das Richtige, und sich damit einfach geirrt habe. In den <i>Meditationen<\/i> sagt er, man solle die Handlungen anderer Menschen als eine einfache Dichotomie betrachten: Entweder t\u00e4ten sie das Richtige oder das Falsche. Wenn sie das Richtige t\u00e4ten, solle man es akzeptieren und sich nicht l\u00e4nger \u00fcber sie \u00e4rgern. In diesem Fall w\u00e4re es das Beste, man lasse seinen \u00c4rger verrauchen und lerne von ihnen. Wenn sie jedoch das Falsche t\u00e4ten, solle man davon ausgehen, dass sie es eben nicht besser w\u00fcssten. Wie Sokrates betonte, will niemand Fehler machen oder get\u00e4uscht werden; alle vernunftbegabten Wesen sehnen sich von Natur aus nach der Wahrheit. Wenn jemand sich vollkommen im Irrtum befindet \u00fcber das, was richtig ist, sollten Sie \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 Mitleid mit ihnen haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Niemand mag es, wenn er als unehrenhaft oder b\u00f6se bezeichnet wird. In gewisser Hinsicht sind Menschen davon \u00fcberzeugt, dass das, was sie tun, richtig oder zumindest akzeptabel ist. Egal wie pervers diese \u00dcberzeugung auch sein mag, ihrer Auffassung nach ist sie gerechtfertigt. Wenn wir andere stets als im Irrtum befindlich und nicht als b\u00f6se betrachten, als Menschen, die gegen ihren Wunsch der Weisheit beraubt sind, werden wir ihnen gegen\u00fcber automatisch milder gestimmt sein. Mark Aurel sagt daher, wann immer man glaube, jemand habe einem Unrecht getan, solle man zun\u00e4chst \u00fcberlegen, welche zugrunde liegenden Wertkonzepte diese Person hat, die bestimmen, was sie f\u00fcr richtig oder falsch erachtet. Wenn Sie ihr Denken erst einmal verstehen, haben Sie keinen Grund mehr, um von ihren Handlungen \u00fcberrascht zu sein, und das sollte Ihre Wut auf nat\u00fcrliche Weise abklingen lassen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Fehlurteile beherrschen Menschen genauso wie Krankheit oder Irrsinn. In diesem Wissen k\u00f6nnen wir anderen gegen\u00fcber wohlwollend und verzeihend sein. Wir gehen ja auch nicht hart mit Kindern ins Gericht, wenn sie Fehler machen, weil sie es eben nicht besser wissen. Erwachsene machen die gleichen moralischen Fehler wie Kinder. Sie wollen nicht ignorant sein, aber sie handeln unwissentlich und unbeabsichtigt wie Ignoranten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel glaubte, die Menschen verdienten grunds\u00e4tzlich unser Wohlwollen, weil sie unsere Mitmenschen sind. Sie verdienen aber auch insoweit unser Mitgef\u00fchl, so sagt er, als sie nicht zwischen Gut und B\u00f6se unterscheiden k\u00f6nnen \u2013 eine soziale \u00bbBehinderung\u00ab, die genauso schwer wiegt wie Blindheit. Unsere moralischen Irrt\u00fcmer verf\u00fchren uns zu Leidenschaften wie Wut, die leicht au\u00dfer Kontrolle geraten k\u00f6nnen. Wir sollten uns ermahnen, dass andere Menschen von ihrer Ignoranz verleitet werden, so zu handeln, wie sie es tun, und unseren \u00c4rger verklingen lassen. Epiktet r\u00e4t seinen Sch\u00fclern, sich diese Maxime einfach immer wieder aufzusagen: \u00bbIhm schien es richtig\u00ab, wenn sie auf einen Menschen mit fragw\u00fcrdigem Verhalten treffen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>4. NIEMAND IST PERFEKT \u2013 UND DAS GILT AUCH F\u00dcR UNS SELBST<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Sich daran zu erinnern, dass alle Menschen eben nur Menschen und mit Fehlern behaftet sind, kann dazu beitragen, Kritik (oder Lob) gelassener und auf weniger emotionsbeladene Weise anzunehmen. Und wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie selbst auch nicht perfekt sind \u2013 niemand ist das \u2013, kann Ihnen das dabei helfen, Ihren \u00c4rger auf andere zu d\u00e4mpfen. Den Splitter im Auge anderer zu sehen, aber nicht den Balken im eigenen Auge, ist Doppelmoral. Mark Aurel ruft sich daher ins Bewusstsein, dass auch er vieles falsch macht und in dieser Hinsicht genauso ist wie alle anderen Menschen. Tats\u00e4chlich empfiehlt er, Verletzungen, die uns andere zuf\u00fcgen, als Signal zu nehmen, um innezuhalten, unsere Aufmerksamkeit auf unseren eigenen Charakter zu lenken und uns bewusst machen, dass wir oft \u00e4hnlich unrecht handeln. Mark macht die sehr ehrliche psychologische Beobachtung, dass er selbst oftmals vor Unrecht zur\u00fcckscheut, weil er sich vor den Konsequenzen oder dem Verlust seiner Reputation f\u00fcrchtet. Oftmals ist es nichts weiter als ein Laster, das uns von einem anderen Laster abh\u00e4lt, sagt Mark \u2013 eine weitere Idee, die mindestens bis zu Sokrates zur\u00fcckreicht. Viele Menschen scheuen zum Beispiel vor einer Straftat zur\u00fcck, weil sie Angst davor haben, ertappt zu werden, nicht weil sie tugendhaft w\u00e4ren. Selbst wenn wir also nicht in die gleichen Fehler verfallen wie andere Menschen, kann es durchaus sein, dass eine Neigung dazu besteht. Mark war demnach gewillt, Cassius anzuh\u00f6ren, weil er sich trotz seines Status als Kaiser nicht f\u00fcr unfehlbar hielt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Stoizismus gibt es keine Gurus. Selbst die Gr\u00fcnder der Schule \u2013 Zenon, Kleanthes und Chrysippos \u2013 behaupteten nie, sei seien durch und durch weise. Sie glaubten, wir alle seien dumm, b\u00f6se und bis zu einem gewissen Grad Sklaven unserer Leidenschaften. Der Idealtyp des weisen Menschen ist per definitionem perfekt, aber eben nur ein <i>hypothetisches Ideal<\/i>, so wie das Konzept einer utopischen Gesellschaft eine Utopie ist. Ironischerweise kann genau die Wut, die wir auf andere haben, die uns verletzt haben, als Beweis f\u00fcr unsere <i>eigene Fehlbarkeit<\/i> gesehen werden. Unsere Wut beweist, dass wir durchaus in der Lage sind, unter dem Einfluss starker Emotionen das Falsche zu tun. Denken Sie stets daran, dass Fehlbarkeit das gemeinsame Schicksal aller Menschen ist \u2013 Sie eingeschlossen \u2013, das kann Gef\u00fchle von Wut und \u00c4rger d\u00e4mpfen. Wenn Sie in Ihrer Wut mit dem Finger auf jemanden deuten, denken Sie daran, dass drei Finger derselben Hand zur\u00fcck in Ihre Richtung weisen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>5. WIR K\u00d6NNEN NIE GEWISSHEIT \u00dcBER DIE MOTIVE ANDERER MENSCHEN HABEN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Wir wissen nicht, was anderen Menschen im Kopf herumgeht, daher sollten wir keine Vermutungen \u00fcber ihre Absichten anstellen. Ohne die Absichten eines Menschen zu kennen, k\u00f6nnen wir nicht sicher sein, dass er etwas Unrechtes tut. Menschen k\u00f6nnen Dinge tun, die schlecht erscheinen, f\u00fcr die sie aber gute Gr\u00fcnde haben. Mark Aurel selbst war ein erfahrener Richter am r\u00f6mischen Gerichtshof und noch dazu ein guter Menschenkenner. Er erinnerte sich daran, dass man erst sehr viel \u00fcber einen Menschen in Erfahrung bringen muss, bevor man sich \u00fcber dessen Pers\u00f6nlichkeit und Motive eine feste Meinung bilden kann. Und selbst dann sind unsere Vermutungen nur Wahrscheinlichkeiten. Als der B\u00fcrgerkrieg ausbrach, ging Mark daher davon aus, dass er letztlich keine Gewissheit dar\u00fcber hatte, was Cassius\u2019 Herz wirklich bewegte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Gegensatz dazu hat die Wut eine <i>nicht fundierte Gewissheit<\/i> \u00fcber die Motive anderer Menschen. Kognitive Therapeuten bezeichnen das als den <i>Trugschluss des Gedankenlesens<\/i>, der darin besteht, dass man Schlussfolgerungen \u00fcber die Motive anderer zieht, auch wenn uns diese letztlich immer verborgen bleiben. Wir sollten daher stets f\u00fcr die M\u00f6glichkeit offen bleiben, dass unser Gegen\u00fcber keine unlauteren Motive hat. Bedenken Sie, dass es m\u00f6glicherweise auch andere plausible Interpretationen f\u00fcr ein Verhalten gibt. Offen f\u00fcr andere Interpretationen zu bleiben als Ihre eigene, tr\u00e4gt dazu bei, dass Ihre Wut verraucht.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>6. DENKEN WIR DARAN, DASS WIR ALLE IRGENDWANN STERBEN WERDEN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel ermahnte sich, sich stets die Verg\u00e4nglichkeit der Ereignisse im gro\u00dfen Plan der Dinge in Erinnerung zu rufen. Er regte an, man m\u00f6ge bedenken, dass man selbst und die Person, auf die man w\u00fctend sei, irgendwann tot und vergessen sein w\u00fcrden. Aus dieser Perspektive betrachtet scheint es die Sache nicht wert zu sein, sich \u00fcber das Verhalten anderer Menschen zu ereifern. Nichts dauert ewig. Wenn Ereignisse im R\u00fcckblick irgendwann banal erscheinen, warum sollten wir uns dann hier und jetzt dar\u00fcber aufregen? Das soll nicht hei\u00dfen, dass wir gar nichts tun sollten. Aber wenn wir die Ruhe bewahren, k\u00f6nnen wir unsere Reaktion besser planen und dementsprechend handeln. Mark blieb nicht unt\u00e4tig, als Cassius die Bev\u00f6lkerung zu einem B\u00fcrgerkrieg anstachelte. Z\u00fcgig mobilisierte er die Armee gegen seinen General. Aber dabei lie\u00df er nicht zu, dass Angst oder Wut seine Urteilskraft vernebelten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die<i> Meditationen <\/i>wurden vermutlich vor dem B\u00fcrgerkrieg geschrieben, wahrscheinlich nahm Mark Aurel bei dessen Ausbruch aber dieselbe philosophische Haltung gegen\u00fcber Cassius\u2019 Verrat ein. \u00bbErinnere dich, dass dieser Moment schon bald vorbei sein wird\u00ab, sagte er sich, \u00bbund dann werden sich die Dinge unvermeidlicherweise \u00e4ndern.\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Wie wir sehen werden, erwies sich der B\u00fcrgerkrieg als \u00e4u\u00dferst kurzlebig. Von Avidius Cassius sind keine Denkm\u00e4ler erhalten geblieben. Nur wenige Menschen kennen heute \u00fcberhaupt seinen Namen, obwohl er <i>technisch<\/i> betrachtet ein r\u00f6mischer Herrscher war, wenn auch nur f\u00fcr einige Monate. Eines Tages wird aber auch Mark Aurel vergessen sein. Das rief er sich immer ins Bewusstsein, wenn er Entscheidungen traf. Stets ermahnte er sich, sich nicht dar\u00fcber zu sorgen, wie zuk\u00fcnftige Generationen ihn beurteilen w\u00fcrden, sondern nur das zu tun, was der Verstand ihm in der konkreten Situation als richtigen Handlungspfad empfahl. Wenn wir uns bewusst machen, dass nichts f\u00fcr die Ewigkeit ist, ist es den Aufwand nicht mehr wert, sich \u00fcber andere Menschen zu \u00e4rgern.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>7. WAS UNS AUFREGT, IST UNSER EIGENES URTEIL<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri\"><span style=\"color: #000000\">Es sollte keine \u00dcberraschung sein, dass Mark Aurel die vielleicht bekannteste stoische Technik erw\u00e4hnte, die als kognitive Distanz bekannt ist. Wenn Sie w\u00fctend sind, erinnern Sie sich also daran, dass es weder Dinge noch andere Menschen sind, die Sie \u00e4rgern, sondern Ihre Meinung \u00fcber sie. Wenn es Ihnen gelingt, damit aufzuh\u00f6ren, Dinge und Menschen zu bewerten und deren Handlungen als \u00bbfurchtbar\u00ab zu bezeichnen, wird auch Ihr \u00c4rger verfliegen. Wie Seneca betonte, ist es normal, dass wir spontan in Wut geraten \u2013 eine nat\u00fcrliche Reaktion, die die Stoiker als Urleidenschaft bezeichneten (<i>propatheiai<\/i>). Diese emotionalen Reaktionen teilen wir bis zu einem gewissen Grad mit Tieren; sie sind nat\u00fcrlich und unvermeidlich, wie die Angst des stoischen Lehrers, der in einen Sturm geriet, wie Gellius einst beschrieb. Mark sagte, es liege jedoch an uns, ob wir in unserem \u00c4rger schwelgen wollen. Zwar k\u00f6nnen wir unsere erste, spontane Reaktion nicht kontrollieren, aber wir k\u00f6nnen entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen: <i>Es z\u00e4hlt nicht das, was spontan passiert, sondern das, was wir als N\u00e4chstes bewusst tun. <\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Wie k\u00f6nnen wir lernen, innezuhalten und kognitive Distanz zu unseren spontanen Wutgef\u00fchlen zu gewinnen, anstatt uns von ihnen fortrei\u00dfen zu lassen? Indem wir erkennen, dass die Handlungen eines anderen Menschen unseren Charakter nicht besch\u00e4digen k\u00f6nnen, so Mark Aurel. Alles, worauf es im Leben wirklich ankommt, ist demnach, ob Sie ein guter oder ein schlechter Mensch sind \u2013 und das liegt nur an Ihnen. Andere Menschen k\u00f6nnen sich an Ihrem Eigentum vergehen oder an Ihrem K\u00f6rper, aber nicht an Ihrem Charakter, es sei denn, Sie w\u00fcrden es zulassen. Wie Mark ganz richtig feststellte, wird das Gef\u00fchl, verletzt worden zu sein, verschwinden, wenn es Ihnen gelingt, auf eine Bewertung dieses Ereignisses zu verzichten. Und wenn das Gef\u00fchl verschwindet, dann tut es auch die empfundene Verletzung. Oft gen\u00fcgt es schon, sich bewusst zu machen, dass es nicht die Ereignisse sind, die uns w\u00fctend machen, sondern ihre Bewertung, damit die Wut verraucht. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>8. WUT RICHTET BEI UNS SELBST MEHR SCHADEN ALS NUTZEN AN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Oft verkn\u00fcpft Mark Aurel die Gewinnung kognitiver Distanz mit der funktionellen Analyse. Denken Sie \u00fcber die Folge einer w\u00fctenden Reaktion nach und vergleichen Sie sie mit den Folgen einer rationalen, gelassenen Reaktion, die vielleicht sogar von Empathie und Freundlichkeit begleitet wird. Alternativ k\u00f6nnen Sie sich einfach in Erinnerung rufen, dass Wut mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Die Stoiker betrachteten gerne, wie h\u00e4sslich und unnat\u00fcrlich Wut aussieht \u2013 ein verzerrtes Gesicht, eine w\u00fctende Grimasse, ein unsch\u00f6nes Err\u00f6ten, ganz so wie jemand, der an einer grauenhaften Krankheit leidet. Mark betrachtet die tiefe H\u00e4sslichkeit der Wut als Zeichen, dass sie unnat\u00fcrlich und unvern\u00fcnftig ist. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Und au\u00dferdem, was bringt sie uns? Oftmals ist sie vollkommen <i>ohnm\u00e4chtig<\/i>. Man solle immer daran denken, so Mark, dass die Menschen sowieso weitermachen wie gehabt, selbst wenn wir selbst vor Wut platzen. Schlimmer noch, unsere Wut ist nicht nur vergeblich, sondern <i>kontraproduktiv<\/i>. Mark merkte an, es bed\u00fcrfe oft wesentlich gr\u00f6\u00dferer Anstrengungen, um die Folgen eines Wutanfalls zu bew\u00e4ltigen, als die Handlungen zu tolerieren, die uns so w\u00fctend machen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Stoiker glauben, wir f\u00fchlen uns verletzt und beleidigt, weil wir davon ausgehen, dass die Handlungen anderer Menschen auf irgendeine Weise unsere Interessen verletzen. Sobald wir jedoch erkennen, dass unsere Wut eine <i>gr\u00f6\u00dfere Gefahr<\/i> f\u00fcr uns ist als die Dinge, \u00fcber die wir w\u00fctend sind, verliert die Wut automatisch an Macht. Die Wut \u00fcber wahrgenommene Kr\u00e4nkungen schadet uns wesentlich mehr als die Kr\u00e4nkung selbst. Die Handlungen Dritter haben nichts mit uns zu tun und k\u00f6nnen unseren Charakter nicht ber\u00fchren. Unsere Wut macht uns aber zu einer anderen Sorte Mensch \u2013 sie l\u00e4sst uns animalisch werden \u2013, und f\u00fcr Stoiker ist das der gr\u00f6\u00dfere Schaden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel erinnerte sich daher stets daran, dass die Laster anderer Menschen dem eigenen Charakter nichts anhaben k\u00f6nnen, es sei denn, man lasse es zu. Ironischerweise schadet die Wut am meisten der Person, die sie empfindet, wobei diese gleichzeitig die Einzige ist, die ihr Einhalt gebieten kann. Daher sollte es in den meisten F\u00e4llen Ihre oberste Priorit\u00e4t sein, etwas gegen Ihre eigene Wut zu unternehmen, bevor Sie versuchen, gegen die Ereignisse vorzugehen, die diese Wut ausgel\u00f6st haben. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">In den <i>Meditationen<\/i> dr\u00fcckt Mark dies auf immer andere Weise aus, n\u00e4mlich indem er sich ermahnt, das Unrecht bei denen zu belassen, die es begangen haben: \u00bbTut jemand mir Unrecht? Das ist sein Problem, nicht meins.\u00ab Derjenige, der unrecht handele, handele gegen sich selbst. Derjenige, der ungerecht sei, schade nur sich selbst, so Mark. Er schade seinem eigenen Charakter. Man solle ihm in seinem Elend keine Gesellschaft leisten, indem man seine Handlungen als kr\u00e4nkend und beleidigend werte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Man ger\u00e4t in Versuchung, sich vorzustellen, dass Mark Aurel dabei wom\u00f6glich an Gegner wie Cassius dachte, als er sich dazu ermahnte, die Gef\u00fchle seiner Feinde ihm gegen\u00fcber nicht auf die gleiche Weise zu erwidern. Sie sollten Ihrem Gegen\u00fcber die empfundene Kr\u00e4nkung also nicht mit gleicher M\u00fcnze heimzahlen. Kurzum: Die beste Form der Rache ist, sich nicht auf sein Niveau zu begeben, indem man zul\u00e4sst, dass man auf ihn w\u00fctend wird. Wenn jemand Sie hasst, ist das, Mark Aurel zufolge, sein Problem. Ihre einzige Sorge ist es zu vermeiden, irgendetwas zu tun, das Hass <i>verdient.<\/i> <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>9. DIE NATUR HAT UNS DIE TUGENDEN VERLIEHEN, UNSERE WUT ZU BEW\u00c4LTIGEN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel empfiehlt au\u00dferdem, eine weitere vertraute stoische Technik auf Wutgef\u00fchle anzuwenden: die Betrachtung der eigenen Tugenden. Sie sollten sich fragen, welche Tugend oder F\u00e4higkeit Ihnen die Natur verliehen hat, um Situationen wie die, mit der Sie konfrontiert sind, zu bew\u00e4ltigen. Es gibt mehrere eng verwandte Fragen, die Sie sich in diesem Zusammenhang stellen k\u00f6nnen: \u00bbWie gehen andere mit Wut um? Was w\u00fcrden meine Vorbilder tun? Was bewundere ich an der Art und Weise, wie bestimmte Menschen mit Situationen umgehen, in denen andere einen Wutanfall bekommen?\u00ab <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark sagte, man solle akzeptieren, dass in der Welt unvermeidlicherweise Unrecht geschieht, und sich dann fragen: \u00bbWelche Tugend hat die Natur den Menschen gegeben, um auf Unrecht zu reagieren?\u00ab Daf\u00fcr vergleicht er Tugenden mit Medikamenten, die die Natur als Gegenmittel gegen Laster verschreibt. Das vorrangige Gegenmittel gegen Wut ist f\u00fcr ihn die stoische Tugend der <i>Freundlichkeit<\/i>, die gemeinsam mit der Fairness die soziale Kardinalstugend der Gerechtigkeit bildet. W\u00e4hrend Stoiker Wut als den Wunsch betrachten, anderen Schaden zuzuf\u00fcgen, ist die Freundlichkeit im Wesentlichen das Gegenteil: Wohlwollen gegen\u00fcber Dritten und der Wunsch, ihnen zu <i>helfen.<\/i> Was andere Menschen tun, unterliegt aber nicht unserer Kontrolle, daher sollten wir stets die Vorbehaltsklausel \u00bbwenn das Schicksal es erlaubt\u00ab im Hinterkopf behalten, wenn wir freundlich und wohlwollend sind. Wie Catos Bogensch\u00fctze sollte ein Stoiker ein Ziel (anderen Gutes zu tun) anpeilen, aber sich damit zufriedengeben, dass er selbst freundlich gehandelt hat, und bereit sein, mit Gleichmut hinzunehmen, ob seine Freundlichkeit Wirkung zeigt oder nicht. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel nennt ein konkretes Beispiel, indem er eine fiktive Begegnung mit jemandem beschreibt, der seine Geduld mit feindseligem Verhalten auf die Probe stellt. Er stellt sich vor, dass er die betreffende Person freundlich in die richtige Richtung lenkt, indem er sinngem\u00e4\u00df folgenderma\u00dfen antwortet: \u00bbNein, mein Sohn, wir wurden f\u00fcr andere Dinge gemacht. Mir kann das nichts anhaben, du schadest dir nur selbst.\u00ab Mark sagt, wir sollten behutsam zu unseren Feinden sprechen und sie daran erinnern, dass Menschen daf\u00fcr geschaffen sind, in Gemeinschaften zusammenzuleben wie Bienen und andere soziale Wesen, und sich nicht feindselig zu bekriegen. Wir sollten weder sarkastisch sein noch unser Gegen\u00fcber harsch tadeln, sondern mit herzlicher Freundlichkeit reagieren. Wir sollten schlicht und anst\u00e4ndig sein und andere nicht schulmeisterlich belehren, als wollten wir zuf\u00e4llige Beobachter beeindrucken. Auch hier besteht die Versuchung, sich zu fragen, ob Mark \u00fcberlegte, wie er mit M\u00e4nnern wie Cassius oder sogar seinem Sohn Commodus umgehen sollte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">F\u00fcr Stoiker bedeutet Freundlichkeit zuallererst, andere zu erziehen oder zu w\u00fcnschen, sie w\u00fcrden weise, frei von Lastern und Leidenschaften werden. Das ist der Wunsch, aus Feinden Freunde zu machen \u2013 falls es das Schicksal erlaubt. Marks Beispiel des freundlichen Verhaltens beinhaltet die Erziehung des Gegen\u00fcbers in zwei der wichtigsten Strategien, die bereits erw\u00e4hnt wurden: <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wut schadet demjenigen, der sie empfindet, mehr, als dem, dem sie gilt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Menschen sind im Wesentlichen soziale Wesen. Die Natur wollte nicht, dass wir uns bek\u00e4mpfen, sondern dass wir einander helfen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel betrachtet dies als eine weitere Dichotomie: Entweder es gelingt uns, unser Gegen\u00fcber zu erziehen und seine Meinungen zu \u00e4ndern, oder nicht. Wenn wir dieser Person einen anderen Weg aufzeigen k\u00f6nnen, sollten wir es tun. Wenn nicht, sollten wir diese Tatsache ohne Ver\u00e4rgerung akzeptieren. Mark zeigte daher gro\u00dfen Respekt f\u00fcr die Person, auf die er w\u00fctend war, und \u00fcberlegte sich eine taktvolle Methode, um sich mit ihr zu vers\u00f6hnen. War dies eine Lektion, die er aus der Art und Weise gezogen hatte, wie Rusticus und andere mit ihm umgegangen waren und sein Verhalten korrigiert hatten, als er noch ein junger Mann war? <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>10. ES IST VERR\u00dcCKT, VON ANDEREN PERFEKTION ZU ERWARTEN<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel beschreibt diese ersten neun Strategien als Geschenke von Apollons Musen, die wir uns seinen Worten zufolge zu Herzen nehmen sollen. Anschlie\u00dfend erg\u00e4nzt er sie um einen weiteren Ratschlag von dem F\u00fchrer der Musen selbst: <i>Von schlechten Menschen zu erwarten, dass sie nichts Schlechtes tun, ist verr\u00fcckt, weil man sich damit das Unm\u00f6gliche w\u00fcnscht.<\/i> Zu akzeptieren, dass sie anderen gegen\u00fcber Unrecht tun, aber gleichzeitig zu erwarten, dass sie sich uns gegen\u00fcber einwandfrei verhalten, ist r\u00fccksichtslos und dumm zugleich. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Die abschlie\u00dfende Strategie handelt vom stoischen <i>Determinismus<\/i>: Der weise Mensch, der die Welt auf rationale Weise betrachtet, wird im Leben niemals von irgendetwas \u00fcberrascht. Das ist ein weiteres stoisches Standardargument. Wir wissen, dass es gute und schlechte Menschen gibt. Schlechte Menschen neigen dazu, schlechte Dinge zu tun. Daher w\u00e4re es irrational, irgendetwas anderes von ihnen zu erwarten. \u00bbUnm\u00f6gliches zu wollen ist verr\u00fcckt, und einem schlechten Menschen ist es unm\u00f6glich, anders zu handeln.\u00ab Sich zu w\u00fcnschen, ein schlechter Mensch m\u00f6ge niemals Unrecht tun, ist genauso dumm wie der Wunsch, ein Baby m\u00f6ge niemals schreien, und b\u00f6se zu werden, wenn es dann schreit. Man kann sich leicht vorstellen, dass sich Mark Aurel auf diese Weise auf Cassius\u2019 Verrat vorbereitet hat. Der Senat dagegen wurde unvorbereitet getroffen und war schockiert, und seine hastige Reaktion erh\u00f6hte die Wahrscheinlichkeit eines B\u00fcrgerkriegs. Mark dagegen reagierte ruhig und selbstsicher, als habe er damit gerechnet, dass solche Dinge im Leben passieren k\u00f6nnen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri\"><span style=\"color: #000000\">Menschen sagen oft: \u00bbIch kann es einfach nicht glauben!\u00ab, wenn sie sich aufregen, aber \u00fcblicherweise meinen sie damit Dinge, die sich h\u00e4ufig im Leben ereignen, wie zum Beispiel Verrat, T\u00e4uschung und Kr\u00e4nkung. Die Stoiker haben erkannt, dass die \u00dcberraschung in dieser Hinsicht nicht wirklich echt ist und unsere emotionale Reaktion unn\u00f6tigerweise \u00fcbertreibt. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnte ein Mensch mit einer philosophischeren Einstellung sagen: \u00bbDas ist keine \u00dcberraschung; solche Dinge geschehen nun mal \u2013 <i>c\u2019est la vie.\u00ab <\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel sagte sich: \u00bbAlles, was geschieht, ist so \u00fcblich und normal wie eine Rose im Fr\u00fchling und Fr\u00fcchte im Sommer\u00ab \u2013 einschlie\u00dflich Verleumdung und Verrat. Wenn wir \u00fcberrascht sind, weil ein schlechter Mensch sich schlecht verh\u00e4lt, dann ist es unsere Schuld, weil wir das Unm\u00f6gliche erwarten. Wir k\u00f6nnen uns leicht die vielf\u00e4ltigen Gemeinheiten vorstellen, zumindest in abstrakter Form, die Menschen tun k\u00f6nnen, aber wenn sie es dann tats\u00e4chlich tun, geben wir vor, schockiert zu sein. Wenn jemand Sie mit seinem schamlosen Verhalten verletzt, sollten Sie sich sofort die folgende rhetorische Frage stellen: \u00bbKann es wirklich sein, dass es <i>keine<\/i> unausstehlichen Menschen auf der Welt gibt?\u00ab Selbstverst\u00e4ndlich nicht! Verlangen Sie also nichts Unm\u00f6gliches und wenden Sie diese Technik auf alle Arten des Unrechts an. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mark Aurel glaubte, dass man anderen Menschen gegen\u00fcber freundlich bleiben kann, wenn man auf den fingierten Schock und die vermeintliche \u00dcberraschung verzichtet und eine philosophischere Haltung gegen\u00fcber lasterhaftem Verhalten einnimmt. Er \u00fcberwand seinen J\u00e4hzorn mithilfe der zehn Geschenke des Apollon. In den <i>Meditationen<\/i> kommt er immer wieder auf ausgew\u00e4hlte Strategien zur\u00fcck: <\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Es ist dem Menschen zu eigen, selbst die zu lieben, die Unrecht tun. Und das geschieht, wenn man sich daran erinnert, dass die, die sich unrecht verhalten, Mitmenschen sind, die unabsichtlich unrecht handeln, weil sie es nicht besser wissen; und dass wir bald beide sterben werden, und vor allem, dass der, der unrecht handelt, einem nichts anhaben kann, weil er [den Charakter des Geistes] nicht schlechter machen konnte, als er zuvor schon war. <\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Das sind eindeutig Taktiken, die von den zehn Geschenken des Apollo abgeleitet sind. Das gilt auch f\u00fcr die Folgenden: <\/span><\/p>\n<p><i><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Womit bist du unzufrieden? Der B\u00f6sartigkeit der Menschen? Nimm dir diese Schlussfolgerung zu Herzen, dass die vernunftbegabten Wesen f\u00fcr einander geschaffen wurden; dass Nachsicht Teil der Gerechtigkeit ist; dass Unrecht unfreiwillig geschieht; und denke daran, wie viele Menschen vor uns bestattet und zu Asche verbrannt wurden, nachdem sie ihr Leben in unvers\u00f6hnlicher Feindschaft, Misstrauen, Hass und gegenseitiger Bek\u00e4mpfung verbracht haben. Denke daran, sage ich, und h\u00f6re zumindest auf zu klagen. <\/span><\/i><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Am h\u00e4ufigsten verl\u00e4sst sich Mark bei der Bew\u00e4ltigung von Wut und \u00c4rger jedoch auf das erste Geschenk Apollons und seiner Musen: Er ermahnt sich, andere als Mitmenschen zu betrachten, als Br\u00fcder oder Schwestern, und dass die Natur wollte, dass die Menschen f\u00fcreinander da sind. Wir sollten selbst unsere Feinde als Mitglieder unserer erweiterten Familie betrachten. Es ist unsere Pflicht zu lernen, in Harmonie mit ihnen zu leben, damit unser Leben reibungslos verl\u00e4uft, selbst wenn sie versuchen, uns zu schaden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Calibri\"><span style=\"color: #000000\">Nachdem er den zehn Geschenken des Apollons gelauscht hatte, ermahnte sich Mark au\u00dferdem, diese Strategien stets zur Hand zu haben, wenn er merkte, dass er kurz vor einem Wutanfall stand. \u00bbW\u00fctend zu sein, ist nicht m\u00e4nnlich; vielmehr ist es m\u00e4nnlich, mild und sanftm\u00fctig zu sein, weil es menschlicher ist.\u00ab Ein bemerkenswerter Satz, denn Cassius hatte ihn angeblich beleidigt, indem er ihn als ein \u00bbphilosophisches altes Weib\u00ab bezeichnete. Damit wollte er andeuten, Mark sei schwach. Mark glaubte jedoch, dass jemand, der f\u00e4hig ist, angesichts einer schweren Provokation freundlich und sanft zu bleiben, in Wirklichkeit st\u00e4rker und mutiger ist als jemand, der seiner Wut freien Lauf l\u00e4sst, wie es Cassius gerne tat. W\u00e4hrend Menschen wie Cassius ihre leidenschaftliche Wut oft mit St\u00e4rke verwechseln, betrachteten Stoiker sie als ausgesprochenes Zeichen der <i>Schw\u00e4che<\/i>. Das f\u00fchrt uns zur\u00fcck zu unserer Geschichte: <i>Wie ging der B\u00fcrgerkrieg zwischen Cassius, dem Falken, und Mark, der Taube, aus?<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>DER MARSCH NACH S\u00dcDOSTEN UND CASSIUS\u2019 TOD<\/strong> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Mithilfe t\u00e4glicher Meditationen wie diesen gelingt es Mark Aurel trotz Cassius\u2019 Rebellion seine ber\u00fchmte Haltung zu wahren. Die Philosophie hat ihn gelehrt, Ereignisse wie das pl\u00f6tzliche Auftreten eines Ursurpators ruhig und gelassen zu antizipieren. Als Stoiker ist f\u00fcr ihn nun der Zeitpunkt gekommen, auf die Akzeptanz Handlung folgen zu lassen, und so macht er sich zu einem weiteren Krieg weit weg von zu Hause auf. Die Truppen betrachten ihn inzwischen als einen gesegneten, g\u00f6ttlichen Herrscher. Die gelassene Haltung, mit der er Widrigkeiten begegnet \u2013 wobei dieser Verrat der gr\u00f6\u00dfte in einer Reihe von Verraten ist \u2013, macht sie dem\u00fctig. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Rom befindet sich nach der Nachricht \u00fcber Cassius\u2019 Hochverrat in einem Zustand der Hysterie, der von der \u00fcbereilten Reaktion des Senats noch verschlimmert wird. Die Menschen haben furchtbare Angst, dass Cassius in Marks Abwesenheit in Rom einmarschieren und aus Rache die ganze Stadt brandschatzen und pl\u00fcndern k\u00f6nnte. Einer der ranghohen Offiziere an der Nordgrenze, Marcus Valerius Maximinianus, wurde bereits vorausgeschickt, um Cassius\u2019 Legionen in Syrien mit einem zwanzigtausend Mann starken Kavallerieregiment aufzuhalten. Mark Aurel hat zudem den verdienten Milit\u00e4rkommandeur Vettius Sabinianus mit einem Kommando aus Pannonia nach Rom entsandt, damit er die Stadt sch\u00fctze, falls die feindlichen Legionen nach Italien vorsto\u00dfen sollten. Cassius scheint sich zun\u00e4chst in einer starken Position befunden zu haben. Mit den syrischen Legionen unter seinem Kommando und \u00c4gypten, den Brotkorb des R\u00f6mischen Reichs, auf seiner Seite, haben auch andere begonnen, sein Vorhaben zu unterst\u00fctzen. Allerdings ist es ihm nicht gelungen, die Rebellion in die Gebiete n\u00f6rdlich von Syrien zu tragen. Die Legionen von Kappadokien und Bithynia stehen beide fest zu Mark Aurel, der auch den r\u00f6mischen Senat hinter sich wei\u00df. Damit bleibt Cassius das Kommando \u00fcber sieben Legionen: drei in Syrien, zwei im r\u00f6mischen Jud\u00e4a, eine in Arabien und eine in \u00c4gypten. Sie machen jedoch nur weniger als ein Drittel der Truppen des restlichen R\u00f6mischen Reichs unter Mark Aurels Kommando aus. Au\u00dferdem sind Marks n\u00f6rdliche Legionen \u00e4u\u00dferst kampferprobte und hochdisziplinierte Veteranen, wohingegen die Legionen unter Cassius ber\u00fcchtigt f\u00fcr ihre Schw\u00e4che sind \u2013 trotz der drakonischen Ma\u00dfnahmen zu ihrer Disziplinierung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Genau drei Monate und sechs Tage nachdem Cassius zum Herrscher ausgerufen wurde, ist Mark Aurels Armee auf dem Weg nach Syrien, als ein anderer Kurier mit neuen alarmierenden Nachrichten eintrifft: W\u00e4hrend Cassius in seinem Milit\u00e4rlager umherging, sei er von einem Zenturion namens Antonius angegriffen worden, der ihn zu Pferd attackiert und ihm im Vorbeireiten ein Messer in den Nacken gesto\u00dfen habe. Cassius sei schwer verletzt worden, habe aber knapp dem Tod entrinnen k\u00f6nnen. Allerdings sei dem Zenturion bei diesem Hinterhalt ein junger Kavallerieoffizier zu Hilfe gekommen. Beide h\u00e4tten dem soeben ausgerufenen Kaiser den Kopf abgehackt und seien nun auf dem Weg, um Mark Aurel das Haupt des Verr\u00e4ters zu \u00fcberreichen. Cassius\u2019 Revolte fand also ein abruptes Ende, nachdem seine Legionen erfahren hatten, dass Mark Aurel lebte und ihnen entgegenmarschierte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Inzwischen sind mehrere Tage vergangen, und Antonius und sein Gef\u00e4hrte sind mit dem gruseligen Beweisst\u00fcck f\u00fcr den Tod des Ursurpators eingetroffen. Mark Aurel weist sie jedoch ab; er weigert sich, den abgeschlagenen Kopf eines Mannes zu betrachten, der einst sein Freund und Verb\u00fcndeter war. Er befiehlt den beiden M\u00e4nnern, Cassius\u2019 Haupt zu begraben. Wenngleich seine Truppen in euphorischer Stimmung sind, verzichtet Mark darauf zu feiern. Indem er den aufst\u00e4ndischen Legionen verzieh, unterschrieb er unbeabsichtigt Cassius\u2019 Todesurteil. Cassius\u2019 M\u00e4nner hatten keinen Grund mehr, gegen eine \u00fcberlegene Armee zu k\u00e4mpfen, die aus dem Norden auf sie zumarschierte. Das Einzige, was zwischen ihnen und dem Pardon durch den Kaiser stand, war Cassius, der sich weigerte, klein beizugeben \u2013 und so besiegelte er sein eigenes Schicksal. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Im Juli des Jahres 175 wurde Mark Aurel als Alleinherrscher \u00fcber das gesamte R\u00f6mische Reich anerkannt. Cassius hatte sich den Ruf eines grausamen, launischen und nicht vertrauensw\u00fcrdigen Mannes erarbeitet. Am Ende widerfuhr ihm die gleiche gef\u00fchlskalte Behandlung, die er anderen jahrelang hatte angedeihen lassen. Die Geschichte bewies, dass sein autorit\u00e4res Gehabe letztlich zum Bumerang wurde. Mark dagegen war f\u00fcr seine Best\u00e4ndigkeit und Aufrichtigkeit und seinen Anstand bekannt, und als seine Legionen in Kappadokien ihm das mit ihrer unverbr\u00fcchlichen Treue dankten, war ihm der Sieg sicher. Mark ehrte die Zw\u00f6lfte Legion, auch bekannt als <i>Legio XII Fulminata<\/i> (\u00bbBlitz-Legion\u00ab) mit dem Titel <i>certa constans<\/i> (\u00bbMit Gewissheit best\u00e4ndig\u00ab) und die F\u00fcnfzehnte, Apollons Legion, mit dem Titel <i>pia fidelis<\/i> (\u00bbverl\u00e4sslich und loyal\u00ab). Cassius hatte dagegen versucht, seine M\u00e4nner einzusch\u00fcchtern und mit Drohungen zu zwingen, ihr Leben f\u00fcr ihn zu riskieren. Beim ersten Anzeichen der Gefahr wandten sie sich daher gegen ihn. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Nach dem Ende des B\u00fcrgerkriegs in Syrien verzichtete Mark Aurel auf Vergeltungsma\u00dfnahmen gegen Cassius\u2019 Familie und Verb\u00fcndete. Lediglich eine Handvoll M\u00e4nner, die direkt an der Verschw\u00f6rung beteiligt gewesen waren, wurden hingerichtet, und auch nur die, die sich weiterer Verbrechen schuldig gemacht hatten. Wie versprochen, bestrafte er die Legion\u00e4re unter Cassius\u2019 Kommando nicht, sondern sandte sie zur\u00fcck zu ihren Garnisonen. Au\u00dferdem verzieh er den St\u00e4dten, die mit Cassius gemeinsame Sache gemacht hatten. In der Tat schrieb Mark einen Brief an die Mitglieder des Senats und appellierte an die W\u00fcrdentr\u00e4ger, den Beteiligten an Cassius\u2019 Rebellion gegen\u00fcber Barmherzigkeit walten zu lassen. Er bat darum, dass kein Senator bestraft werden m\u00f6ge, kein Mann von edler Abstammung hingerichtet werde, dass die Verbannten nach Hause zur\u00fcckkehren d\u00fcrften und denjenigen, deren G\u00fcter konfisziert worden waren, diese zur\u00fcckgegeben w\u00fcrden. Cassius\u2019 Komplizen sollten vor jeder Art Strafe oder Verfolgung gesch\u00fctzt werden. \u00bbWenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich auch die Verdammten aus dem Grab zur\u00fcckholen\u00ab, sagte er. Cassius\u2019 Kinder sollten verschont bleiben, wie auch sein Schwiegersohn und seine Frau, weil sie sich keines Vergehens schuldig gemacht hatten. Mark ging sogar noch weiter und ordnete an, sie sollten unter seinem Schutz leben, sich frei bewegen und reisen d\u00fcrfen, und Cassius\u2019 Reicht\u00fcmer sollten gerecht zwischen ihnen aufgeteilt werden. Mark wollte sagen k\u00f6nnen, dass nur diejenigen, die w\u00e4hrend des Aufstands get\u00f6tet wurden, als unmittelbare Folge dieser Rebellion ihr Leben gelassen hatten. Unter ihm w\u00fcrde es keine Hexenjagd oder Vergeltungsma\u00dfnahmen geben. Commodus begleitete ihn nun nach Syrien und \u00c4gypten, und Mark stellte ihn den Legionen als seinen offiziellen Thronfolger vor, bevor sie sich schlie\u00dflich auf den Weg zur\u00fcck nach Rom machten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Zweifellos wollte Mark Aurel in Rom z\u00fcgig den Frieden wiederherstellen, damit er an die Nordgrenze zur\u00fcckkehren konnte, wo es immer noch sehr viel zu tun gab. Daher lie\u00df er gegen\u00fcber den Senatoren, die Cassius unterst\u00fctzt hatten, Gnade walten. Allerdings musste er zuerst in die \u00f6stlichen Provinzen reisen, um die Ordnung wiederherzustellen. In der Tat war seine Popularit\u00e4t im Osten erheblich gestiegen; es hie\u00df, die Menschen h\u00e4tten sich durch ihn inspiriert gef\u00fchlt, Aspekte der stoischen Philosophie zu \u00fcbernehmen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Kaiserin Faustina starb im Fr\u00fchjahr 176 innerhalb eines halben Jahres nach der Niederschlagung des Aufstands. Ger\u00fcchten zufolge soll sie wegen ihrer Verbindung zu Avidius Cassius Selbstmord begangen haben. Mark, der sie nach ihrem Tod deifizieren lie\u00df, hielt ihr Ansehen jedoch in hohen Ehren. Trotz allem Gerede \u00fcber ihre mutma\u00dfliche Beteiligung an der Verschw\u00f6rung blieb sie im Volk \u00fcberaus beliebt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\">Nicht lange nach Faustinas Tod wurde Commodus zum Konsul ernannt, und im Jahre 177 zum zweiten Kaiser neben Mark Aurel. Kurz nach dessen Tod \u2013 und entgegen der Anordnung seines verstorbenen Vaters, gegen\u00fcber Cassius\u2019 Nachkommen Milde walten zu lassen \u2013 lie\u00df Commodus sie alle als Verr\u00e4ter verfolgen und bei lebendigem Leib verbrennen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Donald Robertson: &#8222;Denke wie ein r\u00f6mischer Herrscher. 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