{"id":671133,"date":"2019-07-20T01:31:26","date_gmt":"2019-07-19T23:31:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=671133"},"modified":"2019-07-20T01:31:26","modified_gmt":"2019-07-19T23:31:26","slug":"buchauszug-wiebke-koehler-schach-der-dame-was-frau-und-mann-ueber-machtspiele-im-management-wissen-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2019\/07\/20\/buchauszug-wiebke-koehler-schach-der-dame-was-frau-und-mann-ueber-machtspiele-im-management-wissen-sollte\/","title":{"rendered":"Buchauszug Wiebke K\u00f6hler: &#8222;Schach der Dame!: Was Frau (und Mann) \u00fcber Machtspiele im Management wissen sollte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug <a href=\"https:\/\/www.arbeit-und-arbeitsrecht.de\/wiebke-koehler-aus-aua-718\">Wiebke K\u00f6hler<\/a>, Ex-Vorst\u00e4ndin der Axa Versicherung und Ex-Strategieberaterin bei Roland Berger und McKinsey:&#8220;Schach der Dame!: Was Frau (und Mann) \u00fcber Machtspiele im Management wissen sollte.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>der einzige F\u00fchrungsstil: Angst machen<\/p>\n<div id=\"attachment_671134\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-671134\" class=\"size-full wp-image-671134\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-2.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-2.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-2-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-671134\" class=\"wp-caption-text\">(Wiebke K\u00f6hler (Foto: K\u00f6hler)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eChefs haben keinen Charakter. Chefs haben Macht.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1 Lass deine Pers\u00f6nlichkeit zu Hause!<\/strong><br \/>\n<strong>Charakter schadet Chefs<\/strong><\/p>\n<p>Wie macht frau Karriere? Dazu h\u00f6rt man immer wieder von Top Managern: \u201eWenn du als F\u00fchrungskraft erfolgreich sein m\u00f6chtest, musst du deine Pers\u00f6nlichkeit zu Hause lassen!\u201c Hm. Man fragt sich: Wie l\u00e4sst man seine Pers\u00f6nlichkeit zu Hause? Wie eine Handtasche oder das Handy?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J\u00fcngere F\u00fchrungskolleginnen monieren manchmal: \u201eDas ist unerh\u00f6rt! Ich soll mich im Job verstellen?\u201c \u00c4ltere finden diese Emp\u00f6rung s\u00fc\u00df. Ein Aufsichtsrat frotzelte: \u201eEin Teil Ihres Gehalts ist eigentlich Schauspiel-Gage.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Karriere-Ratgeber raten: \u201eStarke Pers\u00f6nlichkeiten machen starke Karriere!\u201c Zum Wiehern. Jeder Vorstand wei\u00df: Je mehr ein(e) hierarchisch Exponierte(r) von ihrer Meinung, Pers\u00f6nlichkeit oder \u00dcberzeugung in den Job einbringt, desto angreifbarer macht er und sie sich. Je weniger Sie sich mit Ihrer Meinung und Ihrem Charakter exponieren, umso leichter k\u00f6nnen Sie jederzeit die Richtung \u00e4ndern. Darauf kommt es an \u2013 wenn Sie sich lange halten wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ausnahmen gibt es nat\u00fcrlich. Wenn der Dachstuhl schon brennt, dann muss man\/frau auch mal ein klares, ehrliches, pers\u00f6nliches und authentisches Wort sprechen. N\u00f6tigenfalls im Kommando-Ton, weil Sie damit dann Leben (und das Unternehmen) retten. In allen anderen F\u00e4llen: Verkneifen Sie sich das Pers\u00f6nliche.<\/p>\n<p>Das ist blanker Opportunismus?\u00a0Nein, das ist Management.<\/p>\n<p>Ein guter Manager schaut st\u00e4ndig, woher der Wind weht und h\u00e4ngt sein M\u00e4ntelchen danach. Das ist r\u00fcckgratlos \u2013 wie immer wieder in der Politik zu beobachten?<\/p>\n<p>Das denkt auch nur, wer noch nie im Management gearbeitet hat. Denn tats\u00e4chlich macht Charakterlosigkeit Sinn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Sinn der Charakterlosigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Ich erlebte vor Jahren tats\u00e4chlich mal einen Vorstand, der Feuer und Flamme f\u00fcr das Paradigma \u201eF\u00fchrungskraft als Coach\u201c war. \u00dcberall predigte er: \u201eWir d\u00fcrfen nicht nur Chefs sein. Wir d\u00fcrfen nicht nur anweisen und kontrollieren. Wir m\u00fcssen auch gute Coaches sein!\u201c Die Mitarbeiter liebten es. Die F\u00fchrungskr\u00e4fte dito. Dann setzte ein einflussreiches Aufsichtsratsmitglied das Ger\u00fccht in die Welt, dass vorgesetzte Coaches weibliche Coachees unter dem M\u00e4ntelchen des Coachings \u00fcbergriffig bedr\u00e4ngt h\u00e4tten. Warum tat er das? Er mochte den Vorstand nicht, er wollte ihn raushaben, vor allem weil dessen Sympathiewerte nach oben gingen. Das war ihm zuwider. Also verbreitete er besagtes Coaching-Ger\u00fccht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ger\u00fccht war sauber und pr\u00e4zise gelogen. Doch \u00fcber Nacht galt pl\u00f6tzlich: Coaching = sexuelle Bel\u00e4stigung. Alle waren nun pl\u00f6tzlich strikt gegen coachende Vorgesetzte. Auch der Vorstand, der es vorher mit viel Herzblut propagierte. Leider glaubte ihm niemand mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn wer sich vorher so vehement f\u00fcr etwas ausspricht, kann ja jetzt nicht glaubhaft dagegen sein!\u00a0Das ist nicht v\u00f6llig logisch?<\/p>\n<p>Entschuldigung: Seit wann ist Wirtschaft logisch? Die au\u00dfer\u00f6konomischen schlagen die \u00f6konomischen Motive 28:1.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie machen sich f\u00fcr ein Thema, eine Position, eine Ma\u00dfnahme oder auch f\u00fcr einen Menschen stark und aus politischen oder anderen Gr\u00fcnden \u00e4ndert sich die Gro\u00dfwetterlage und das Thema ist pl\u00f6tzlich tabu? Dann wissen alle, wof\u00fcr Sie sich committed haben, wof\u00fcr Sie stehen \u2013 und grenzen Sie aus. So funktioniert die Horde (nicht \u00fcberall). Doch weil erfahrene F\u00fchrungskr\u00e4fte das wissen, reden sie wie Politiker: Niemals zu irgendetwas konkret Stellung beziehen und immer sch\u00f6n die Dinge aussitzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immer wischiwaschi bleiben. Unverbindlich, nebul\u00f6s. Immer sch\u00f6n vage daherreden! Der Berliner Flughafen ist drei Monate hinter dem Terminplan? Mensch, sagen Sie das blo\u00df nicht laut! Wollen Sie Ihre Karriere torpedieren? Die Verantwortlichen merken das schon fr\u00fch genug selber. Was die Spatzen von den D\u00e4chern pfeifen, darf noch lange kein Vorgesetzter \u00e4u\u00dfern. Redefreiheit gilt nur f\u00fcrs gemeine Volk. Wer F\u00fchrungskraft ist, hat gef\u00e4lligst zu l\u00fcgen oder bestenfalls lediglich jene Dinge zuzugeben, die sowieso offensichtlich sind. Dass das mit dem Flughafen nichts mehr wird, merken die Verantwortlichen doch auch, ohne dass Sie sich den Mund verbrennen.<\/p>\n<p>\u201eOderint dum metuant.\u201c Accius: Atreus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>M\u00f6gen sie mich auch hassen \u2013 wenn sie mich nur f\u00fcrchten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>2 Verbreite Angst und Schrecken!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Angst schl\u00e4gt Motivation<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte f\u00fchren? Wie der B\u00fcro-Kalauer sagt: Wer glaubt, dass F\u00fchrungskr\u00e4fte f\u00fchren, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Im BWL-Studium lernt man siebzehnkommaf\u00fcnf verschiedene F\u00fchrungsstile. In der Praxis gibt es haupts\u00e4chlich einen: Angst. Es wird nicht gef\u00fchrt, es wird Angst gemacht. Das funktioniert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Sachbearbeiter hat Angst, dass er den Abgabetermin nicht schafft und deshalb ger\u00fcffelt wird. Der Vertriebler hat Angst, dass er seine Umsatzziele nicht packt. Die Projektleiterin hat Angst, dass sie ihr Projekt nicht on time, on budget und on target ins Ziel bringt. Selbst der Vorstand hat Angst. N\u00e4mlich davor, dass der Aufsichtsrat seinen Vertrag nicht verl\u00e4ngert; Psychologen sagen \u201eExistenzangst\u201c dazu. Es gibt nat\u00fcrlich Ausnahmen. Es gibt Unternehmen, in denen F\u00fchrungskr\u00e4fte und Mitarbeiter nicht unter Existenzangst leiden, weil das Arbeitsklima repressalienfrei und kooperativ ist. Seien Sie froh, wenn Sie in so einem Umfeld arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In allen anderen F\u00e4llen gilt: Von der Vorstandsebene abw\u00e4rts hat jede anst\u00e4ndige F\u00fchrungskraft Angst vor Macht- und Statusverlust, vor Misserfolg, Intrigen, St\u00fchles\u00e4gen und der n\u00e4chsten L\u00fcgenkampagne. Der einfache Mitarbeiter hat Angst vor einer miesen Bewertung im n\u00e4chsten Mitarbeitergespr\u00e4ch, vor Versetzung, Rausschmiss oder vor seiner Frau, wenn er den f\u00fcr die neue K\u00fcche verplanten Jahresbonus dieses Jahr wieder nicht nach Hause bringt. Oder dass er wegrationalisiert oder wegdigitalisiert wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Angst haben alle.<\/strong><\/p>\n<p>Manche fragen sich, warum sich der Hamster im Rad so sinn- und fruchtlos abstrampelt. Dass das arme Kerlchen eine irre Angst hat, die es auf Trab h\u00e4lt, wird gerne ignoriert. Angst ist die Triebfeder der modernen Marktwirtschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gesetze der Angst<\/strong><\/p>\n<p>Angst erkl\u00e4rt so manches, was in der Wirtschaft schiefl\u00e4uft: Wer Angst hat, schwimmt in der Mitte mit, betreibt Cover Your Ass, will blo\u00df nicht auffallen, vor allem nicht durch Fehler oder offene Kommunikation. Wer Angst hat, arbeitet und kommuniziert nach der Ma\u00dfgabe: Blo\u00df nichts Herausragendes leisten, denken oder sagen! Beziehungsweise: Erst mal pr\u00fcfen, woher der Wind weht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und behaupte blo\u00df keiner, dass das eine ungewollte Begleiterscheinung der modernen Arbeitsverdichtung ist. Das wird im Gegenteil ganz bewusst eingesetzt! Wer Angst hat, macht auch anderen Angst. Und je weiter oben eine(r) sitzt, desto gr\u00f6\u00dfer wird die Angst: Fliegt ein Sachbearbeiter raus, f\u00e4hrt einen grandiosen Misserfolg ein oder kriegt eins auf die M\u00fctze, dann erf\u00e4hrt das au\u00dfer den unmittelbaren KollegInnen keiner. Wenn dagegen ein Vorstand oder Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer was verbockt, lesen das morgen Millionen im Internet. Wozu das f\u00fchrt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu mehr desselben. Wer Angst hat, will und wird nicht allzu innovativ sein oder den Vorstand darauf aufmerksam machen, dass der neue Diesel Milliardenklagen in den USA ausl\u00f6sen k\u00f6nnte: Die Wahrheit sagen? Dem Vorstand? Allein der Gedanke l\u00f6st Panik aus. Deshalb bleiben alle unverbindlich, strecken den Kopf nicht zu weit raus, verteidigen sich st\u00e4ndig, sichern sich nach hinten, oben, unten und zur Seite ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als bei einem Hersteller eine komplette Bauserie \u2013 man denke! \u2013 ohne voll funktionsf\u00e4hige Steuerung ausgeliefert werden soll (Software-Fehler), weigern sich s\u00e4mtliche F\u00fchrungskr\u00e4fte auf der operativen Ebene, die Bad News der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung zu \u00fcberbringen. Alle wissen: Die da oben spielen \u201eKill the Messenger!\u201c. Alle haben viel zu sehr Angst, das n\u00e4chste Opfer abzugeben. Deshalb bewegt sich h\u00e4ufig so wenig in vielen Unternehmen: zu viel Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In vielen Firmen und Abteilungen hat sich Lethargie ausgebreitet. Keiner traut sich mehr was zu. Es wird nur noch verwaltet. Solche Lethargos wieder wachzur\u00fctteln, ist kaum machbar. Es hilft dann auch nichts, wenn einer reinkommt und angesichts der vorherrschenden Lethargie sagt: \u201eSo, wir reorganisieren jetzt mal alles sch\u00f6n neu! Dann kommt endlich wieder Leben in die Bude!\u201c Nein, tut es nicht. Denn \u201eReorganisation!\u201c macht noch mehr Angst, weshalb sich noch weniger bewegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gab mal eine Umfrage, in der gefragt wurde: Angenommen, Sie bekommen f\u00fcnf Jahre lang Ihr Gehalt weiter, ohne arbeiten zu m\u00fcssen \u2013 w\u00fcrden Sie trotzdem weiter zur Arbeit gehen?<\/p>\n<p>Was tippen Sie? Wie viele haben mit Ja geantwortet?<\/p>\n<p>Weniger als f\u00fcnf Prozent. 95 Prozent der Menschen arbeiten also nicht, weil sie gro\u00dfe Freude an ihrer Arbeit haben, ihnen die Arbeit so viel Spa\u00df macht oder sie etwas bewegen wollen, sondern weil sie Angst haben und\/oder das Geld brauchen. Motivierte Arbeit sieht anders aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eThey are perfectly comfortable with selfishness because they don\u2019t think there\u2019s any other form of motivation.\u201c<br \/>\nAlbert J. Bernstein, Ph.D. Emotional Vampires<\/p>\n<p><strong>3 Sei ein verdammter Egoist!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zirkus der Egozentriker<\/strong><\/p>\n<p>Erinnern Sie sich an Ihre erste berufliche Station? Damals glaubten Sie, Sie kommen in ein Unternehmen und werden Teil von etwas Gr\u00f6\u00dferem, von einem Team: Gemeinsam ist man besser! Der Teamgedanke z\u00e4hlt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und mit jedem Jahr, das verstrich, sp\u00fcrten Sie immer irritierter: Von wegen Team! Vielleicht gibt\u2019s das gelegentlich an der Basis. Doch im Management f\u00fchlen sich die meisten vor allem welchem Interesse verpflichtet? Dem eigenen. \u201eJa was denn sonst?\u201c, fragte mich mal eine Spartenleiterin, mit der ich \u00fcber das Thema sprach. \u201eDu musst doch zuerst an dich selber denken \u2013 sonst bringst du es zu nichts!\u201c. Haben unsere Eltern uns das wirklich so beigebracht? Jedenfalls scheint das der Tenor im Management zu sein (Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Folgerichtig stellt sich der Abteilungsleiter wie selbstverst\u00e4ndlich nicht mit ganzer Kraft in den Dienst von Kunden, Mitarbeitern und Unternehmen. Nein, er gibt nur dann volle Leistung, wenn er damit seine Chancen steigern kann, bald Bereichsleiter zu werden. Der Vorstand will nicht nur den Unternehmenserfolg, sondern vor allem, dass der Aufsichtsrat seinen Vertrag verl\u00e4ngert. Und selbst der Betriebsrat, der ja eigentlich von Natur aus f\u00fcr andere, n\u00e4mlich f\u00fcr die Belegschaft da sein sollte, verfolgt Eigeninteressen \u2013 zum Beispiel, weil auch er immer erst eine Mehrheit f\u00fcr seine Ideen finden muss (und weil er wiedergew\u00e4hlt werden will). Jeder denkt zuerst an sich. Ist das nicht gut?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn jede(r) immer nur an sich selbst denkt, ist an alle gedacht? Mag sein \u2013 doch zu welchen Konsequenzen? Betrachten wir ein Beispiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Losgel\u00f6st von der Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Ein Unternehmen f\u00fchrt die Rolle des Digital Product Owners ein: Wer Karriere machen m\u00f6chte, muss daf\u00fcr nicht l\u00e4nger disziplinarische Personalverantwortung \u00fcbernehmen, also formeller Vorgesetzter einer Abteilung oder eines Bereiches werden. Nein, bef\u00f6rdert wird jetzt auch, wer digital fit ist. Es geht um IT-Kompetenz, gute Kenntnisse digitaler Gesch\u00e4ftsmodelle und Kundenverst\u00e4ndnis: Wer das alles gut kann, kann eine neue Rolle \u00fcbernehmen. Eigentlich eine gute Idee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die neue Rolle eingef\u00fchrt wird, fragt der Leiter der F\u00fchrungskr\u00e4fteentwicklung auch beim Leiter der After Sales-Abteilung an: \u201eIhr habt derzeit 80 Leute. Was sch\u00e4tzen Sie: Wie viele Ihrer Mitarbeitenden haben diese speziellen digitalen Kenntnisse, dass sie f\u00fcr die Rolle als Digital Product Owner in Frage kommen?\u201c Und der Abteilungsleiter antwortet:<br \/>\n\u201eAlle 80.\u201c<br \/>\n\u201eMoment mal \u2013 sagten Sie gerade 80?!\u201c<br \/>\n\u201eJa, genau.\u201c<br \/>\n\u201eDas verstehe ich nicht. In anderen Abteilungen sind f\u00fcr diesen Karriereschritt h\u00f6chstens 20 Prozent der Mitarbeiter qualifiziert.\u201c<br \/>\n\u201eBei uns sind es alle. Meine Leute haben alle super spezielles IT-Wissen und Digital-Know-how.\u201c<br \/>\n\u201eAber haben Sie denn anhand der festgelegten Leistungskriterien \u00fcberpr\u00fcft, ob alle 80 Mitarbeiter diese Kriterien \u00fcberhaupt erf\u00fcllen?\u201c<br \/>\n\u201eMachen wir nicht. Brauchen wir nicht. Die sind alle qualifiziert!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Leiter der F\u00fchrungskr\u00e4fteentwicklung sagte Vertrauten Tage danach: \u201eIch hatte bei dem Gespr\u00e4ch den Eindruck, dass einer von uns beiden nicht mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Und ich glaube, ich war es nicht. Der Kerl ist komplett von der Rolle!\u201c Das ist die h\u00e4ufigste Fehldiagnose nach solchen Vorkommnissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war und ist der Kerl nicht von der Rolle, sondern ganz einfach ein spitzenm\u00e4\u00dfiger Egoist. Er wollte nicht, dass nur die Besten seiner Leute diese Chance erhielten. Er wollte, dass alle Karriere machen, denn in dieser neuen Rolle genie\u00dft man Visibilit\u00e4t und bei Erfolg einen \u201efast career track\u201c. Wie kann man blo\u00df auf so eine Idee kommen \u2013 alle 80 sollen Karriere machen? Warum tut jemand sowas?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einfach: Weil der Abteilungsleiter es allen seinen Mitarbeitern Wochen zuvor in einem Anflug von Selbstprofilierung versprochen hatte. Au\u00dferdem versprach er sich extreme Aufmerksamkeit seitens seiner Vorgesetzten, wenn alle seine Mitarbeiter diesen Karriere-Status erhalten w\u00fcrden: \u201eDas schafft sonst kein Abteilungsleiter au\u00dfer mir!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das alles klingt haneb\u00fcchen \u2013 aber eben nicht f\u00fcr den Abteilungsleiter mit seinem Wunsch nach einem gro\u00dfen Auftritt. Als der Personalvorstand ihm in einem informellen Gespr\u00e4ch auf dem Flur der Vorstandsetage erkl\u00e4rt, dass er die Rollenbeschreibung eines Digital Product Owners nicht verstanden habe, ist der Abteilungsleiter emp\u00f6rt: \u201eWas hat der Vorstand gegen mich? Meine Leute sind alle spitze! Warum versteht der das nicht?\u201c Auch das ist ein Signatursymptom solcher Vorf\u00e4lle: normalen Argumenten nicht zug\u00e4nglich. Nicht willens oder in der Lage, die eigene egozentrische Weltsicht aufzugeben: \u201eAlles dreht sich um mich!\u201c Wer das Gegenteil behauptet, wird ignoriert, angefeindet oder l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle der Safari ins wilde Reich der Wildgewordenen hebt immer ein(e) Young Potential oder eine Nachwuchsf\u00fchrungskraft die Hand und sagt: \u201e\u00c4h, ich hab aber so einen Egoisten als Vorgesetzten. Was mach ich mit dem?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-671135\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-Cover-002.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-Cover-002.jpg 425w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Wiebke-K\u00f6hler-Cover-002-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/p>\n<p><strong>Wiebke K\u00f6hler: &#8222;Schach der Dame!: Was Frau (und Mann) \u00fcber Machtspiele im Management wissen sollte&#8220;, 19,80 Euro, 212 Seiten; BoD \u2013 Books on Demand.\u00a0 <\/strong><strong><a href=\"https:\/\/www.thalia.de\/shop\/home\/artikeldetails\/ID142784855.html?ProvID=11000522&amp;gclid=CjwKCAjw67XpBRBqEiwA5RCocfVrf9gTh4E8rmqez4DwMekO2ZfbCpNKsYSxDjhZ2HMYwbVRB6OBQRoC8sgQAvD_BwE\">https:\/\/www.thalia.de\/shop\/home\/artikeldetails\/ID142784855.html?ProvID=11000522&amp;gclid=CjwKCAjw67XpBRBqEiwA5RCocfVrf9gTh4E8rmqez4DwMekO2ZfbCpNKsYSxDjhZ2HMYwbVRB6OBQRoC8sgQAvD_BwE<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Egomanen-Fl\u00fcsterer<\/strong><\/p>\n<p>Der Egoist im Management ist typischerweise nicht zuerst an seiner Aufgabe, seinem Unternehmen, seinen Leistungszielen, seinen Mitarbeitern oder Kunden interessiert. Es geht ihm auch nicht vorrangig um die Sache, die Projekte und Vorhaben. Es geht ihm zuvorderst um seine eigenen Interessen. Das bringt ihn t\u00e4glich in Konflikt mit Menschen, die daran interessiert sind, ihre Arbeit zu erledigen. Sie denken oder sagen oft verzweifelt: \u201eAber es geht doch um die Sache!\u201c \u2013 \u201eN\u00f6\u201c, f\u00fchlt der Egozentriker. \u201eEs geht um mich!\u201c Deshalb ist er F\u00fchrungskraft geworden. Damit es noch st\u00e4rker um ihn gehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dieser Einstellung treibt er alle, denen es um die Sache, das Unternehmen, die Ziele oder die Kunden geht, in den Wahnsinn. Irgendwann haben sie die Nase voll und wollen ihm seine egoistischen Ideen ausreden. Manchmal gelingt das. Auch Egoisten sind unter Einsatz besonderer didaktischer Mittel einsichtsf\u00e4hig. Manchmal gelingt das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das merkt man zuverl\u00e4ssig daran, dass der Egoist schon beim leisesten Widerspruch, beim kleinsten Einwand gegen seine egoistischen Pl\u00e4ne an die Decke geht, emotional wird, \u00fcberzogen reagiert, ausrastet, droht oder das Gespr\u00e4ch abbricht. Was kann oder soll man dann tun?<\/p>\n<p>Nichts.<\/p>\n<p>Einen vorgesetzten Egozentriker, der auf dem Ego-Trip ist, h\u00e4lt nur noch ein entgegenkommender ICE auf \u2013 oder sein eigener Vorgesetzter, sofern dieser nicht selbst auf dem Ego-Trip ist. Ohne ICE jedoch sollte allen, die sich in so einer Situation befinden, blitzschnell klarwerden: Es geht nicht mehr um die Sache, die Aufgabe, das Unternehmen, die Kunden. Es geht blo\u00df noch um den Ego-Tripper. Es geht nicht mehr um die gemeinsame Sache, denn \u201egemeinsam\u201c ist kein Adjektiv, das im Vokabular des Egozentrikers auftaucht. Es geht nicht mehr darum, das Richtige zu tun, sondern nur noch um seine eigenen Interessen. Mit dieser Erkenntnis f\u00e4llt es einem sehr viel leichter, sich aus der Profilierungsorgie des Egomanen abzuseilen, pro forma vielleicht mitzumachen, sich aber vorzugsweise wieder um Sinnvolleres zu k\u00fcmmern. Bis der Egomane wieder runter vom Trip ist. Aber ist das nicht feige? Sollten wir uns nicht st\u00e4rker gegen Egoisten im Management wehren?<\/p>\n<p>Warum wird das so selten gemacht? Weil wir uns viel zu oft kaufen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die N\u00fctzlichkeit des Egoisten<\/strong><\/p>\n<p>Alle in der Firma m\u00fcssen sparen. Die Branchenkonjunktur ist vor wenigen Wochen total eingebrochen: Minus drei Prozent im Branchenschnitt, nach Jahren des ungebrochenen Wachstums. Also verh\u00e4ngt die Firmenleitung ein Spardekret. Der Verkaufsleiter will aber nicht sparen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn obwohl die Branche drei Prozent runterging, hat er mit seiner Sales Force die vereinbarten Jahresziele voll erreicht. Das muss gefeiert werden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andere Abteilungen m\u00fcssen sogar beim B\u00fcromaterial sparen, bekommen keine neuen Flachbildschirme, obwohl die alten einen Wackelkontakt haben. Der Fertigung wurde mitgeteilt, dass die Leute demn\u00e4chst mit den alten Arbeitshandschuhen arbeiten m\u00fcssten, blo\u00df weil sie drei\u00dfig Cent das Paar billiger sind als die richtigen Handschuhe: Alle sparen, nur der Verkauf nicht. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Verkauf schmei\u00dft eine M\u00f6rderparty! Um seine Erfolge zu feiern. Party-Kostenpunkt im niedrig f\u00fcnfstelligen Bereich. Das ist ein eklatanter Versto\u00df gegen das Spargebot der Gesch\u00e4ftsleitung. Aber was soll\u2019s? Wer ernsthaft Party machen m\u00f6chte, l\u00e4sst sich von sowas nicht abhalten. Jacke ist n\u00e4her als Hose, wir sind hier im Verkauf und nicht in der Gesch\u00e4ftsleitung und jeder ist sich selbst der n\u00e4chste. Wenn es um die Wahrung der Eigeninteressen geht, findet sich immer ein Weg. Und warum wehrt sich niemand gegen den Ego-Trip des Verkaufsleiters? Weil nat\u00fcrlich die gesamte Verkaufsmannschaft von der illegalen Sause profitiert, die der vorgesetzte Egoist schmei\u00dft. Deshalb gibt es so viele Egoisten im Management: Solange auf ihren manischen Trips auch einige Krumen f\u00fcr andere abfallen, widerspricht ihnen kaum einer ernsthaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668407\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668407\" class=\"size-medium wp-image-668407\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-668407\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2018<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Wiebke K\u00f6hler, Ex-Vorst\u00e4ndin der Axa Versicherung und Ex-Strategieberaterin bei Roland Berger und McKinsey:&#8220;Schach der Dame!: Was Frau (und Mann) \u00fcber Machtspiele im Management wissen sollte.&#8220; &nbsp; der einzige F\u00fchrungsstil: Angst machen &nbsp; \u201eChefs haben keinen Charakter. 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