{"id":671110,"date":"2019-08-19T11:00:22","date_gmt":"2019-08-19T09:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=671110"},"modified":"2019-08-19T16:49:22","modified_gmt":"2019-08-19T14:49:22","slug":"warum-gelassen-sein-so-anstrengend-ist-uebernahme-aus-dem-philosophie-magazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2019\/08\/19\/warum-gelassen-sein-so-anstrengend-ist-uebernahme-aus-dem-philosophie-magazin\/","title":{"rendered":"Warum Gelassen sein so anstrengend ist. \u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220; 5\/20019<\/p>\n<div id=\"attachment_671204\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-671204\" class=\"size-full wp-image-671204\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Fla\u00dfpo\u0308hler_Copyright-Johanna-Ruebel-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Fla\u00dfpo\u0308hler_Copyright-Johanna-Ruebel-Kopie.jpg 640w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Fla\u00dfpo\u0308hler_Copyright-Johanna-Ruebel-Kopie-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/Fla\u00dfpo\u0308hler_Copyright-Johanna-Ruebel-Kopie-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-671204\" class=\"wp-caption-text\">Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler (Foto: &#8222;Philosophie Magazin&#8220;\/Johanna Ruebel)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Gelassen sein. Warum ist das so anstrengend?<\/b><\/p>\n<p>von Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler<\/p>\n<p>Ist es zu k\u00fchn zu behaupten, dass gelassene Menschen Gr\u00f6\u00dfe besitzen? Eine Souver\u00e4nit\u00e4t, die fast r\u00e4tselhaft anmutet\u00a0\u2013 und eine Ruhe, die sie aufs Sch\u00f6nste abhebt aus der grellen Masse der Lauten, Schnellen, Hyperaktiven? Vielleicht kennen auch Sie einen solchen Menschen. Bewundern ihn. Fragen sich, worin sein Geheimnis besteht und woher es nur kommt: dieses tiefe Urvertrauen in die Welt, das eine solch befreiende Erhabenheit zeitigt und ein Genie\u00dfen just in jenen Momenten erm\u00f6glicht, in denen Sie in Gedanken Ihre innere To-do-Liste abhaken oder sich zweifelnd fragen, ob eine Entscheidung, die Sie getroffen haben, auch wirklich die richtige war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun, schaut man genauer hin, ist die Gelassenheit weitaus weniger metaphysisch, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Vielmehr beruht sie, folgt man antiken Stoikern wie Seneca oder Marc Aurel, auf einer zentralen und glasklaren Regel. Diese Regel der Stoa lautet: K\u00fcmmere dich um das, was du verf\u00fcgen kannst. Was unverf\u00fcgbar ist, lass geschehen und nimm hin. Nur so gelangst du zu vollkommener Seelenruhe, zur\u00a0<i>ataraxia<\/i>, dem h\u00f6chsten Ideal der Stoa. Zur Unverf\u00fcgbarkeit z\u00e4hlt das schlichte Faktum unserer Geburt genauso wie der unwiederbringliche Tod, der uns fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ereilt. Unserer Handlungsmacht entziehen sich ferner: Krankheiten, Zugversp\u00e4tungen, der Wille der anderen. Wenn Ihr Kind mit einer Grippe aufwacht und Sie Termine absagen m\u00fcssen: Akzeptieren Sie es. Wenn die Kollegen Ihre neue Spitzenidee nicht mittragen: Was soll\u2019s. Lehnen Sie sich zur\u00fcck. Genie\u00dfen Sie die Sonne, die gerade so sch\u00f6n Ihr Gesicht bescheint. Und sammeln Sie erneut Kraft f\u00fcr Dinge, die Sie tats\u00e4chlich auf den Weg bringen, die Sie gestalten und bewirken, f\u00fcr die Sie sich stark machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So weit, so eindeutig. Sobald man allerdings die Probe aufs Exempel macht, zeigt sich eine Problematik, die innere Unruhe eher erzeugt, anstatt sie zu verhindern. Denn: Zweifelsfrei zu entscheiden, ob sich ein Zustand wirklich meiner Kontrolle entzieht, ist leider gar nicht so einfach. Der Wille der anderen ist unverf\u00fcgbar? Nun, wenn das stimmen w\u00fcrde, g\u00e4be es keine Politik, keine \u00dcberzeugungsarbeit, keine Propaganda.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, mehr noch: In unserer technisch hochger\u00fcsteten Moderne wird der Bereich des Unverf\u00fcgbaren\u00a0\u2013 und damit auch der Anlass, die F\u00e4higkeit zur Gelassenheit zu erproben\u00a0\u2013 immer kleiner. Krankheiten sind in den meisten F\u00e4llen heilbar, t\u00f6dliche lassen sich durch Therapien zumindest hinausz\u00f6gern. Wo fr\u00fcher schlicht das Schicksal zuschlug, sind heute medizinische Handlungsoptionen gegeben: Das Geschlecht annehmen, mit dem man geboren wurde, auch wenn man sich nicht wohl im eigenen K\u00f6rper f\u00fchlt? Tja und der Tod: Selbst an seiner Abschaffung arbeiten Transhumanisten wie Nick Bostrom. Hat sich der Grundgedanke der Stoa also schlicht er\u00fcbrigt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Annahme, die sich in der Tat erh\u00e4rtet, wenn man sich die Folgen der Digitalisierung vergegenw\u00e4rtigt. Anstatt seelenruhig auf die gro\u00dfe Liebe zu warten, frequentiert der vernetzte Single algorithmenbasierte Partnerb\u00f6rsen: Gelassene Schicksalsergebenheit, m\u00f6chte man meinen, geht anders. Und wie lie\u00dfe sich noch entspannt durch eine fremde Stadt schlendern, getragen von der Lust, sich \u00fcberraschen zu lassen, wenn das Smartphone doch l\u00e4ngst wei\u00df, was ich will und mir die besten Optionen ganz in der N\u00e4he anzeigt? Mehr denn je sind wir bestrebt, das, was wir als grundlegend f\u00fcr unser Gl\u00fcck erachten, in \u201eReichweite\u201c zu bringen, so formuliert der Soziologe Harmut Rosa. Der Gegenstandsbereich der Gelassenheit\u00a0\u2013 das Unverf\u00fcgbare\u00a0\u2013 schwindet mehr und mehr dahin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen diese kulturpessimistische Sicht lie\u00dfe sich nun nat\u00fcrlich ein Einwand formulieren, der auch Ihnen wom\u00f6glich schon auf der Zunge liegt: Schluss mit der Unverf\u00fcgbarkeitsromantik. Vielmehr ist es doch gerade die Verf\u00fcgbarkeit von Welt, die uns Gelassenheit schenkt. Wer will schon darauf verzichten, eine Arztpraxis in Reichweite zu haben und an ein schnelles Netz angeschlossen zu sein\u00a0\u2013 und ja, bitte gerne auch im Urlaub? Was ist nervt\u00f6tender als Gezanke im Auto, weil das Navi keinen Empfang hat? Wie herrlich ist es dagegen, tiefenentspannt an der K\u00fcstenstra\u00dfe entlang zu fahren, w\u00e4hrend eine angenehme Stimme uns zum einsam gelegenen Badespot lenkt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allein, so zutreffend es sein mag, dass Verf\u00fcgbarkeit beruhigt: Man sollte diese Ruhe nicht mit Gelassenheit verwechseln. Immerhin geraten nachweisbar gerade jene besonders leicht aus der Fassung, die es gewohnt sind, alles in der Hand zu haben. Oder anders gesagt: Was die Reichweitenerweiterung der Moderne erzeugt, ist eine extrem niedrige Toleranzschwelle. Um nur ein Beispiel zu nennen: Nie zuvor in der Geschichte und nirgendwo sonst auf der Welt leben die Menschen so sicher wie hierzulande. Trotzdem\u00a0\u2013 oder gerade deshalb\u00a0\u2013 werden wir von Angst beherrscht, lassen uns nur allzu leicht und ganz buchst\u00e4blich terrorisieren. Je unwahrscheinlicher ein Ereignis ist, desto gr\u00f6\u00dfer ist sein vorweggenommener Schrecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grund genug also, die antike Tugend der Gelassenheit gerade jetzt wieder einzu\u00fcben: Wie w\u00e4re Gelassenheit zu erlangen in einer Zeit, in der ein jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen und verantworten muss? Ja, w\u00fcrde uns gerade ein in diesem Sinn gelassenes Dasein bef\u00e4higen, da aktiv zu werden, wo es wirklich n\u00f6tig ist\u00a0\u2013 oder gar in \u201ePanik zu geraten\u201c, wie Greta Thunberg angesichts der drohenden Klimakatastrophe fordert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-671111\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/PMD_2019_05_72dpi_Cover_ohne_EAN_RGB.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/PMD_2019_05_72dpi_Cover_ohne_EAN_RGB.jpg 499w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/07\/PMD_2019_05_72dpi_Cover_ohne_EAN_RGB-230x300.jpg 230w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das &#8222;Philosophie Magazin&#8220; ist bis 11. September 2019 am Kiosk erh\u00e4ltlich. <a href=\"https:\/\/philomag.de\/nr-5-2019\/\">https:\/\/philomag.de\/nr-5-2019\/<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220; 5\/20019 &nbsp; Gelassen sein. Warum ist das so anstrengend? von Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler Ist es zu k\u00fchn zu behaupten, dass gelassene Menschen Gr\u00f6\u00dfe besitzen? 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