{"id":670645,"date":"2019-07-02T06:00:49","date_gmt":"2019-07-02T04:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=670645"},"modified":"2019-07-02T01:53:35","modified_gmt":"2019-07-01T23:53:35","slug":"buchauszug-doris-maertin-habitus-sie-sie-bereit-fuer-den-sprung-nach-ganz-oben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2019\/07\/02\/buchauszug-doris-maertin-habitus-sie-sie-bereit-fuer-den-sprung-nach-ganz-oben\/","title":{"rendered":"Buchauszug Doris M\u00e4rtin: &#8222;Habitus &#8211; Sie Sie bereit f\u00fcr den Sprung nach ganz oben?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Doris M\u00e4rtin: &#8222;Habitus &#8211; Sind Sie bereit f\u00fcr den Sprung nach ganz oben?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_670669\" style=\"width: 456px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-670669\" class=\"size-full wp-image-670669\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/habitus-autorin.maertin-doris.jpg\" alt=\"\" width=\"446\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/habitus-autorin.maertin-doris.jpg 446w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/habitus-autorin.maertin-doris-206x300.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 446px) 100vw, 446px\" \/><p id=\"caption-attachment-670669\" class=\"wp-caption-text\">Doris M\u00e4rtin (Foto: Campus Verlag\/Marcus Merk)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt<\/strong><\/p>\n<p>Psychologisches Kapital:<\/p>\n<p>1. Ressourcen, die Menschen stark machen: zum Beispiel Hoffnung, Selbstvertrauen,<br \/>\nOptimismus, Widerstandskraft.<\/p>\n<p>2. H\u00e4ngt eng zusammen mit der geistigen Leistungsf\u00e4higkeit, dem emotionalen Wohlbefinden, dem Streben nach Weiterentwicklung und dem erfolgreichen Agieren auch in stressreichen Situationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber einen Menschen sagen, er oder sie habe Klasse, dann denken wir dabei nur bedingt an Geld, Aufmachung und Herkunft. Vor allem wollen wir zum Ausdruck<br \/>\nbringen: Die betreffende Person hat Format. Sie zeichnet sich durch Charakter aus. Sie beeindruckt durch eine Haltung, die sie aus der Masse heraushebt.<\/p>\n<p>Klasse besitzt die Frau mit dem Gehirntumor, die sich, obwohl todkrank, f\u00fcr andere interessiert und freut. Klasse hat der Politiker, der einen gro\u00dfen Bockmist zugibt und sein Amt zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p>Klasse beweist der Fu\u00dfballspieler, der in der letzten Minute das entscheidende Tor schie\u00dft, obwohl alle anderen die Meisterschaft schon abgeschrieben haben. Klasse zeigen Menschen, die an der Supermarktkasse lieber einem Dr\u00e4ngler den Vortritt lassen, als sich wegen der Reihenfolge zu streiten.<\/p>\n<p>Marlene Dietrich, die Grande Dame der goldenen \u00c4ra von Hollywood, hat f\u00fcr die Mischung aus Courage, Contenance und Coolness den wunderbaren Satz gepr\u00e4gt: \u00bbI am at heart a gentleman.\u00ab \u2013 Im Herzen bin ich ein Gentleman.<\/p>\n<p>Klasse zu leben, ist im 21. Jahrhundert weniger denn je von der Klassenherkunft<br \/>\ndiktiert. Jeder von uns kann sein psychologisches Kapital trainieren, optimistische Denkweisen entwickeln, das Ego kontrollieren und sich darin \u00fcben, Widrigkeiten gefasst zu ertragen. Zwar glauben manche Entscheider immer noch, ein Habitus des couragierten Handelns lie\u00dfe sich vornehmlich bei Menschen aus einem gehobenen, vorzugsweise unternehmerischen Familienumfeld finden. Doch die Normalbev\u00f6lkerung<br \/>\nholt auf. Nicht nur ganz oben ist bekannt: eine starke Pers\u00f6nlichkeit ist wichtiger als gute Noten.<\/p>\n<p><strong>Hohe Ziele, hohe Sicherheit: So kann das Selbst sich optimal entfalten<\/strong><\/p>\n<p>Im Sommer 2018 durchsegelte der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Tom Goron auf einer Kinderjolle in Rekordzeit den \u00c4rmelkanal. Gut 14 Stunden brauchte der franz\u00f6sische Sch\u00fcler f\u00fcr die 60 Seemeilen von der Isle of Wight nach Cherbourg. Mit zehn hatte Tom sich das Projekt in den Kopf gesetzt, zwei Jahre lang trainierte er f\u00fcr seinen Traum. Auf den 60 Seemeilen folgte ihm sein Vater auf einem gr\u00f6\u00dferen Segelboot. N\u00e4her als 300 Meter<br \/>\nkam er nie an seinen Sohn heran \u2013 den Rekord holte der Zw\u00f6lfj\u00e4hrige allein, obwohl er mehrfach seekrank wurde. \u00bbIch bin stolz auf ihn\u00ab, sagt seine Mutter. \u00bbEr ist dickk\u00f6pfig, ehrgeizig und hartn\u00e4ckig.\u00ab<\/p>\n<p>Tom Goron ist ein typisches Beispiel, wie sich ein Habitus der mentalen St\u00e4rke am besten herausbilden kann: Hohe eigene Ziele verwirklicht man am erfolgreichsten in einem sicheren, f\u00f6rderlichen Umfeld. Die erste und gr\u00f6\u00dfte Rolle spielt dabei die Familie. Mit welchen Freir\u00e4umen kann sie den Nachwuchs unterst\u00fctzen, Potenziale auszusch\u00f6pfen? Umwege zu gehen? Tr\u00e4ume zu verwirklichen?<\/p>\n<p>Bis vor wenigen Jahrzehnten war es einer schmalen Oberschicht vorbehalten, den Spr\u00f6\u00dflingen alle M\u00f6glichkeiten zu er\u00f6ffnen. Wirtschaftliche Sicherheit, hohe schulische Bildung, eine tiefe Vertrautheit mit Musik und Kultur, bewusst herbeigef\u00fchrte Entspannung genau wie ausgedehnte Auslandsaufenthalte gab es bis weit in die 1960er Jahre hinein nur f\u00fcr die obersten f\u00fcnf Prozent.<\/p>\n<p>Als Fr\u00fchst\u00fcck bei Tiffany in Deutschland in die Kinos kam, besuchten in einem Jahrgang nur sechs von hundert eine Universit\u00e4t. Die \u00fcbrigen 94 hatten eine Ausbildung absolviert, sich verwertbare Fachkenntnisse angeeignet, schon mit vierzehn<br \/>\noder sechzehn das erste Geld nach Hause gebracht. Wer mehr wollte, bekam eher Gegenwind als Anerkennung. Ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter hat sich das Bild so gr\u00fcndlich gewandelt wie es nur geht: In einem Jahrgang studiert jeder zweite. Und<br \/>\nnicht nur der Bachelor- und Masterabschluss, auch die musikalische Fr\u00fcherziehung, gute B\u00fccher, das Gap Year, das Auslandssemester, die Einliegerwohnung im Hotel Mama und ein eher z\u00f6gerlicher Einstieg in die Arbeitswelt sind f\u00fcr eine halbe Generation zwar nicht selbstverst\u00e4ndlich, aber mit ein paar Einschr\u00e4nkungen doch total normal.<\/p>\n<p>Typischerweise heiraten Frauen mit 30 Jahren, M\u00e4nner mit 32. In den 1970er Jahren tat man den gleichen Schritt schon mit 22 beziehungsweise 24 Jahren. Der Gewinn sind acht Jahre, die noch weitgehend frei bleiben von den Verpflichtungen des Erwachsenenlebens, acht Jahre, in denen man studiert, feiert und erste Projekte stemmt, acht Jahre, in denen ein Habitus der Weltl\u00e4ufigkeit entstehen kann, mentale St\u00e4rke, Pers\u00f6nlichkeit, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Viele wachsen in<br \/>\ndieser Phase der Selbstfindung \u00fcber die Eltern hinaus, digital ohnehin, aber auch im Auftreten und Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_670670\" style=\"width: 423px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-670670\" class=\"size-full wp-image-670670\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/coverhabitus.jpg\" alt=\"\" width=\"413\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/coverhabitus.jpg 413w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2019\/05\/coverhabitus-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 413px) 100vw, 413px\" \/><p id=\"caption-attachment-670670\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Campus)<\/p><\/div>\n<p><strong>Doris M\u00e4rtin: &#8222;Habitus -Sind Sie bereit f\u00fcr den Sprung ganz nach oben?&#8220;. Campus Verlag, 320 Seiten, 22,95 Euro <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/leben\/habitus-15324.html\">https:\/\/www.camp<\/a><a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/leben\/habitus-15324.html\">us.de\/buecher-campus-verlag\/leben\/habitus-15324.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbF\u00fcr Ben ist das bei uns alles ein paar Nummern zu klein\u00ab, sagt ein Freund, Ingenieur, Reiheneckhaus, Griller aus Leidenschaft, \u00fcber seinen 22-j\u00e4hrigen Sohn. In seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Bewunderung und Irritation. Ben studiert aktuell in<br \/>\nStanford, f\u00fcr das Jahr danach fasst er ein Praktikum bei einem BMW-Joint-Venture in China ins Auge. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einem Luxus f\u00fcr wenige eine<br \/>\nChance f\u00fcr viele. Nicht nur die h\u00f6heren sozialen Schichten, auch die mittleren bieten dem Nachwuchs ein Umfeld, das neben der Leistung auch die Pers\u00f6nlichkeit f\u00f6rdert. Hier wie dort bekommen T\u00f6chter und S\u00f6hne Zeit, die Welt kennenzulernen, selber zu denken und kreativ zu agieren. Sollten sie daf\u00fcr eine Garage brauchen, findet sich im Elternhaus Platz und Ermutigung daf\u00fcr, auch wenn der Vater Kaminkehrermeister<br \/>\nund kein Konzernlenker ist.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnlicher Paradigmenwechsel vollzieht sich in den Unternehmen. Fortschrittliche Arbeitgeber unterst\u00fctzen den Lifestyle, den Millennials f\u00fcr ihren Lebensentwurf brauchen: Selbstverwirklichung und Stabilit\u00e4t, flexible Arbeitszeiten und flache Hierarchien, dezentrales Arbeiten, familienfreundliche Angebote, Wertsch\u00e4tzung und, selbstredend, gen\u00fcgend Eigenzeit und ein gutes Gehalt. Unter diesen Bedingungen n\u00e4hert sich der Habitus (nicht das Einkommen) der mittleren Schichten dem der oberen an. Mehr und mehr streift die Mittelschicht den Arbeitseifer ab, den Eliten als Streberei bel\u00e4chelten, anerkennenswert, gewiss, aber in seiner Verbissenheit doch frei von Grazie und Eleganz.<\/p>\n<p>Stattdessen sehen sich die obersten Prozent mit der Tatsache konfrontiert: Nicht nur f\u00fcr die eigenen Kinder, f\u00fcr die H\u00e4lfte eines Jahrgangs ist Realit\u00e4t geworden, was zur Bildung einer runden, starken Pers\u00f6nlichkeit am meisten beitr\u00e4gt: Zeit. Die Oberen sehen die Aufholjagd der jungen Mittelschicht durchaus mit gemischten Gef\u00fchlen. Einerseits ist v\u00f6llig klar: F\u00fcr ihre Unternehmen und Konzerne brauchen sie das Wissen und die Innovationskraft der Vielen. Diese Ressourcen kommen aus der breiten Bev\u00f6lkerung, nicht nur aus einer schmalen Elite. Andererseits wird f\u00fcr die eigenen<br \/>\nS\u00f6hne und T\u00f6chter pl\u00f6tzlich wichtig genommen, was vorher oft eine Formalie war: eine Bildungskarriere, die den Klassenvorsprung erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>In der gesamten oberen H\u00e4lfte der Gesellschaft nimmt der Ansturm auf Privatschulen, bilingualen Unterricht, Musikgymnasien und konfessionelle Schulen zu. Wer mehr als das monatliche Kindergeld investieren kann, legt noch eine Schippe drauf und bringt den Nachwuchs \u00f6fter als noch vor wenigen Jahren an britischen Internaten und Spitzenunis im Ausland unter. Die Schul- und Studiengeb\u00fchren dort reichen bis in den hohen f\u00fcnfstelligen Bereich hinein. Sie sorgen nicht nur f\u00fcr ein sehr individuelles Betreuungsverh\u00e4ltnis. Der Nachwuchs distinguiert sich auch fr\u00fchzeitig von der breiten Masse.<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich denken die Wirtschaftseliten realistisch: Es ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich, dass der eigene Nachwuchs die in ihn gesetzten Hoffnungen ohne Hilfestellung erf\u00fcllt. Insbesondere Eliten, die erst seit einer Generation zur Oberschicht geh\u00f6ren, machen sich Gedanken, dass ihre Kinder den Status ganz schnell wieder verlieren k\u00f6nnten. \u00bbDie erste Generation schafft Verm\u00f6gen, die zweite verwaltet Verm\u00f6gen, die dritte studiert Kunstgeschichte.\u00ab Der Spruch klingt, als h\u00e4tte ihn Oliver<br \/>\nWelke in der heute show rausgehauen. Tats\u00e4chlich stammt er von Otto von Bismarck, dem ersten deutschen Reichskanzler. Auch im 19. Jahrhundert ging die Sorge um, der Aufstieg k\u00f6nnte vor\u00fcbergehend sein und in der n\u00e4chsten Generation schon wieder vorbei.<\/p>\n<p>Zum 17. Geburtstag bekommt er ein Porsche Cabrio. Die Schulferien verbringt er im Sacher, auf Madeira im Reids oder im Four Seasons Resort Maldives. Bei der Golf-Clubmeisterschaft hat er dem Landrat den Titel abgenommen. Seit er 14 ist, hospitiert er in Papas Firma, jedes Mal in einer anderen europ\u00e4ischen Gro\u00dfstadt, immer direkt unter den Fittichen der jeweiligen Gesch\u00e4ftsleitung, \u00bbdas bringt am meisten\u00ab. Nicht wirklich bringt er es in der Schule. Das Gymnasium hat er abgebrochen, v\u00f6llig weltfremd, findet er, was soll er mit linearer Algebra und Fotosynthese. Demn\u00e4chst<br \/>\nschlie\u00dft er die Realschule ab, die Eltern haben es auch ohne Abi weitergebracht, als es die meisten Akademiker je schaffen. Sein Berufsziel: in die Firma einsteigen, auf jeden Fall, f\u00fcr den Anfang vielleicht etwas mit Werbung, die technische Seite sei nicht so<br \/>\nsein Ding, \u00bbdaf\u00fcr haben wir unsere ITler\u00ab<\/p>\n<p>.<br \/>\nViele Oberschichtseltern k\u00f6nnen ihren Kindern eine fertig gebaute Welt zu F\u00fc\u00dfen legen. Doch was, wenn Sohn oder Tochter sich allzu sehr \u00fcber den Erfolg der Eltern definieren? Was, wenn sie kein eigenes K\u00f6nnen, keinen eigenen Antrieb vorzuweisen haben? Und ihnen zugleich ein Leben unterhalb und au\u00dferhalb der Elite so unvorstellbar ist wie ein verkratzes iPhone-Display? Im Vergleich zum Nachwuchs der Mittelschicht, von den Kindern der Unterschicht ganz zu schweigen, bekommen<br \/>\ndie T\u00f6chter und S\u00f6hne sehr statushoher Eltern vieles geschenkt. Sie k\u00f6nnen diesen Vorsprung aber nur ausspielen, wenn sie unabh\u00e4ngig vom Ansehen ihrer Familien selbst eine reife Pers\u00f6nlichkeit mit eigenen Zielen entwickeln. Daf\u00fcr braucht es einen Lernprozess, der sich von dem der Mittelschichtsspr\u00f6sslinge unterscheidet. Deren Herausforderung besteht darin, \u00fcber den ererbten Habitus des Leistungsstrebens<br \/>\nhinauszuwachsen und sich auch auf h\u00f6heren Ebenen sicher und zwanglos zu bewegen.<\/p>\n<p>Erbinnen und Erben sind demgegen\u00fcber gefordert, eigene Ziele zu entwickeln und den geerbten Habitus der Distinktion zu erden. Der \u00bbDilettantismus des kultivierten Sohns aus gutem Hause\u00ab allein, wie Bourdieu es in Aussparung der T\u00f6chter formulierte, tr\u00e4gt in einer digitalisierten, globalisierten Welt n\u00e4mlich nicht mehr allzu weit. Angesichts<br \/>\ndes kulturellen Aufstiegs der mittleren Milieus sind Erbinnen und Erben mehr als fr\u00fcher in der Pflicht: Ihre Vertrautheit mit dem Stil der Oberschicht muss durch K\u00f6nnen und Kompetenz abgerundet sein.<\/p>\n<p>Anderenfalls droht das Rich-Kid-Syndrom: Der m\u00fchelos erworbene Auftritt wird als inhaltliche Leere wahrgenommen, die Zugeh\u00f6rigkeit zur Upper Class als Verw\u00f6hntheit, der bekannte Name als Zeichen f\u00fcr unverdienten Erfolg. Erfolgsgewissheit: Der verinnerlichte\u00a0 Glaube an sich selbst \u00bbNat\u00fcrlich ist es ein Riesenjob; aber ich kenne niemanden, der ihn besser machen k\u00f6nnte als ich.\u00ab Der Ausspruch stammt von einem, der in den Erfolg hineingeboren wurde, wie wenige Menschen davor oder danach: John F. Kennedy. Sein Elternhaus galt als Amerikas k\u00f6nigliche Familie, und lange, bevor Kennedy das Amt des 35. Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten anstrebte, bekam er eingepr\u00e4gt: Ein Kennedy kommt nie als zweiter ins Ziel.<\/p>\n<p>Wie ordnen Sie Kennedys Anspruch ein? Ihre Reaktion hat viel damit zu tun, wo Sie sich selbst gesellschaftlich verorten. F\u00fcr jemandem, der zu Hause gelernt hat, auf dem Teppich und bei seinen Leisten zu bleiben, klingt Kennedys Selbstaussage fast schon obsz\u00f6n gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. Entstammt man dagegen einer alteingesessenen Fabrikantenfamilie, nimmt man Kennedys Machtanspruch als weit weniger vermessen<br \/>\nwahr. Letztendlich traute er sich nur zu, was seine Familie ihm vorlebte und abverlangte: Weitsicht zeigen. F\u00fchrung \u00fcbernehmen. Verantwortung tragen. Nat\u00fcrlich nicht bei einem Kleinkramprojekt, sondern in gro\u00dfem Stil. Diesen Anspruch in Worte zu fassen, zeugt nur aus der Perspektive von Menschen mit weniger g\u00fcnstigen Voraussetzungen von D\u00fcnkel. Hat man es nie anders gekannt, sind ambitioniert formulierte Ziele so selbstverst\u00e4ndlich wie der Umgang mit Messer und Gabel. Eingebettet in ein saturiertes Umfeld entsteht schon in fr\u00fchen Jahren die<br \/>\nGewissheit, auch selbst zur Spitze zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>So viel Sicherheit ist ein wertvolles psychologisches Kapital, das gro\u00dfe eigene Erfolge beg\u00fcnstigt. Eine Gew\u00e4hr daf\u00fcr gibt es allerdings nicht. Ist Erfolgsgewissheit n\u00e4mlich nicht durch K\u00f6nnen geerdet, verwandelt sie sich in Anma\u00dfung. Das zeigte im Sommer 2018 das fr\u00fche WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. Die Erfolge der Vorg\u00e4nger wiegten Mannschaft und Trainer in falscher Sicherheit. Es dauerte gerade mal drei Spiele, und die weltmeisterliche Hybris zerbrach. Das Politmagazin Cicero kommentierte: \u00bbDie Satten blieben satt, die innere Spannung stellte sich nicht ein, das Team verlor jeden Fokus.\u00ab<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl, erw\u00e4hlt zu sein, kann sich als Eigentor erweisen. Ohne ein gesundes Ma\u00df an Erfolgsgewissheit geht es trotzdem nicht. Denn die Erfolgstreiber Wagemut und Souver\u00e4nit\u00e4t fu\u00dfen auf dem Glauben an sich selbst. Was die Erfolgsgewissheit im Einzelnen n\u00e4hrt, hat die Organisationspsychologie erforscht. Das wichtigste ist das Gef\u00fchl: Es wird schon gut gehen. Was immer auch passiert, Auf-die Nase-zu-Fallen mag peinlich sein. Aber es ist nicht t\u00f6dlich. Obere bekommen von diesem Gef\u00fchl der Unverwundbarkeit erheblich mehr als Mittlere mit, Mittlere bei weitem mehr als Untere. Risikobereitschaft ist daher weniger eine Frage des Charakters als der vorhandenen Ressourcen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer mehr hat, kann mehr verspielen.<\/strong><\/p>\n<p>Wer weniger hat, geht auf Nummer sicher. Was absolut vern\u00fcnftig ist. Wir m\u00fcssen uns ja nur vorstellen: Ist man ohne Helm und Karabiner unterwegs, sieht ein Klettersteig unbezwingbar aus. Wer lieber abwinkt und eine einfachere Route w\u00e4hlt, ist nicht<br \/>\nvon Natur aus \u00e4ngstlich, er oder sie verh\u00e4lt sich situationsangemessen klug. Klettert man mit Klettersteig-Set, geht man die gleiche Herausforderung bedeutend lockerer an.<br \/>\nUnser Wagemut h\u00e4ngt also von den vorhandenen Ressourcen ab. Diese Einsicht er\u00f6ffnet Handlungsspielr\u00e4ume: Wenn Sie von einer Sache \u00fcberzeugt sind und nur das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit Sie zur\u00fcckh\u00e4lt, identifizieren Sie als Erstes, was Sie pers\u00f6nlich, materiell und sozial in die Waagschale werfen. Kn\u00fcpfen Sie Sicherheitsnetze, sch\u00f6pfen Sie alle zur Verf\u00fcgung stehenden Kraftquellen aus. Die Vorarbeit erfordert Kreativit\u00e4t und Eigensinn. Daf\u00fcr wird vielleicht pl\u00f6tzlich m\u00f6glich, was<br \/>\nvorher verstiegen schien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bertha Benz.<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWieder nur ein M\u00e4dchen\u00ab, schrieb ihr Vater nach ihrer Geburt 1849 in die Familienbibel. Obwohl Bertha sich f\u00fcr Technik begeisterte, stand ein Studium nicht zur Debatte. Wie zum Ausgleich heiratet sie 1872 Carl Benz, einen mittellosen Ingenieur<br \/>\nmit gro\u00dfen Pl\u00e4nen: Er will einen Wagen ohne Pferde bauen, und Bertha macht es mit ihrer Mitgift m\u00f6glich. Jahre vergehen. Endlich, nach \u00fcber zehn Jahren, k\u00f6nnen sie den Motorwagen zum Patent anmelden. Doch kein Mensch interessiert sich daf\u00fcr. Im<br \/>\nAlleingang unternimmt Bertha mit dem Wagen eine \u00dcberlandfahrt. \u00bbTreibstoffmangel, verstopfte Ventile oder durchgescheuerte Kabel \u2013 sie findet unterwegs f\u00fcr alles eine L\u00f6sung. Sei es ein Strumpfband, eine Hutnadel \u2026\u00ab Berthas Spirit zahlt sich aus: Auf<br \/>\nJahre der H\u00e4me folgen Wohlstand, Bewunderung und der Durchbruch der Marke mit dem Stern.<\/p>\n<p>Sich etwas zu trauen, bedeutet immer auch, dass man sich etwas zutraut. Das geht besonders leicht, wenn man schon zu Hause von erfolgreichen, unabh\u00e4ngigen Pers\u00f6nlichkeiten umgeben ist. Wenn die Eltern anspruchsvolle Aufgaben \u00fcbernehmen, Menschen f\u00fchren, Projekte anschieben, Entscheidungen f\u00e4llen, Banken \u00fcberzeugen, n\u00e4hrt das die Gewissheit, dass man auch selbst Gro\u00dfes hinbekommt. Man erlebt ja<br \/>\nt\u00e4glich mit, dass und wie es geht. Ebenso selbstverst\u00e4ndlich ist es, nach L\u00f6sungen zu suchen, Unw\u00e4gbarkeiten durch einen Plan B abzusichern, Ziele f\u00fcr sich anzustreben, die weniger Privilegierten als vermessen erscheinen, und Karrierevorstellungen klar zu formulieren.<\/p>\n<p>Nachk\u00f6mmlinge erfolgreicher Eltern k\u00f6nnen genau das. Anders als der Nachwuchs aus den mittleren Milieus fassen sie von Anfang an die besten Schulen und Universit\u00e4ten f\u00fcr sich ins Auge, die h\u00f6chsten Einkommen und die einflussreichsten Positionen im jeweiligen Berufsbereich. Nicht Schauspielerin, sondern Intendantin. Nicht Metzgerei-<br \/>\nErbe, sondern Handwerkskammerpr\u00e4sident. Nicht Rechtsanw\u00e4ltin, sondern Ministerialdirigentin. Genau so dachte auch John F. Kennedy: nicht Hinterb\u00e4nkler, sondern Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was bef\u00e4higt die Kinder aus der Oberschicht dazu? Ganz einfach. Wer in eine erfolgreiche Familie hineingeboren wird, bekommt von klein auf die Gewissheit mit: Spitzenziele sind erreichbar.<\/p>\n<p>Personalchefs finden \u00fcbrigens keineswegs, dass Kinder aus betuchten Familien den Mund zu voll nehmen. Im Gegenteil. Entscheider bewerten es als au\u00dferordentlich positiv, wenn Bewerber sich zu H\u00f6herem berufen f\u00fchlen. Zu einem erfolgreichen Habitus geh\u00f6rt es, klar zu kommunizieren, was man kann und anstrebt. Diese F\u00e4higkeit ist \u00fcbrigens nicht erst beim Sprung an die Spitze gefragt. Auf jeder Ebene zahlt es sich aus, die eigenen Anliegen und Absichten zur Sprache zu bringen: \u00bbMein Ziel ist es, mich zunehmend breit aufzustellen und sowohl das Marketing als auch den Vertrieb in verschiedenen Positionen mitzugestalten.\u00ab Nicht gro\u00dfe Ziele l\u00f6sen Irritation aus, sondern der offen ge\u00e4u\u00dferte Kleinmut, ob man einer neuen Aufgabe gewachsen und<br \/>\n\u00fcberhaupt schon so weit sei.<\/p>\n<p>In den 1950er Jahren wurde die Informatikprofessorin Susan Eggers mit dem Satz gro\u00df: \u00bbKleine M\u00e4dchen sieht man, aber man h\u00f6rt sie nicht.\u00ab 2018 nimmt sie als erste Frau einen der angesehensten Preise f\u00fcr Computerarchitektur in Empfang. In ihrer<br \/>\nAnnahmerede erz\u00e4hlt sie von einem fr\u00fchen Meilenstein ihrer Karriere: Als Studentin in Berkeley durfte sie zusammen mit ein paar Kommilitonen mit dem Turing-Award-Preistr\u00e4ger und IBM-Forscher John Cocke zu Mittag essen. Nat\u00fcrlich wollte Cocke<br \/>\nwissen, woran die Studierenden arbeiteten. Der erste Student murmelte: \u00bbIch mache Betriebssystementwicklung.\u00ab Der zweite sekundierte: \u00bbIch auch.\u00ab Eggers ging die Sache anders an: \u00bbIch sagte etwas wie: \u203aAn diesem Problem arbeite ich. Das ist mein<br \/>\nL\u00f6sungsansatz. Und das unterscheidet meine L\u00f6sung von der der anderen.\u2039\u00ab Cocke war so beeindruckt, dass Eggers \u00fcber Jahre hinweg von IBM mit Stipendien und Forschungsgeldern unterst\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Noblesse oblige: Sich gro\u00dfz\u00fcgig zeigen<\/strong><\/p>\n<p>Von der Oberschicht hei\u00dft es, sie wolle kein Lob. Schlie\u00dflich sei es in gehobenen Kreisen selbstverst\u00e4ndlich, dass der Geschmack untadelig, die Einladungen erlesen und die Leistungen \u00fcberragend seien. Wer Gelungenes dennoch anerkennt, g\u00e4be sich nach dieser Logik als ein Mensch zu erkennen, der keine Ahnung hat, wie man der Topliga taktvoll begegnet.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das also, auf dem Weg nach oben beh\u00e4lt man Bewunderung besser f\u00fcr sich? Macht man sich am Ende unm\u00f6glich, einem Gesch\u00e4ftspartner ein Dankschreiben zu schicken f\u00fcr die Einladung zum Kabarett samt anschlie\u00dfender Weinprobe? Ist es wirklich unangemessen, einen Clubfreund zu seinem Vortrag zu begl\u00fcckw\u00fcnschen, weil sein Verm\u00f6gen sicher um eine Null h\u00f6her ist als das eigene? Es w\u00e4re traurig, wenn<br \/>\nes so w\u00e4re. Zurecht bezeichnet der \u00e4thiopische Prinz Asfa-Wossen AsseHabitus rate in seinem Bestseller Manieren die vermeintliche Unvornehmheit des Lobens als Abt\u00f6tung des ungezwungenen Empfindens.<\/p>\n<p>Eine T\u00fccke wohnt dem Loben dennoch inne: Wer lobt, stellt sich mit dem, den er lobt, auf eine Stufe. Deshalb kann es auf den ersten Blick wirklich ein wenig seltsam wirken, wenn man einen Polyesterschal tr\u00e4gt und sich zugleich f\u00fcr das Kaschmirtuch einer finanziell viel besser gestellten Freundin begeistert. Unterschiede im Status oder<br \/>\nder Wirtschaftskraft verbieten uns aber nicht, unsere Anerkennung, Hochachtung und Bewunderung zu zeigen. Oscar Wilde hat wie f\u00fcr so viele gesellschaftliche Feinheiten auch f\u00fcr diese den passenden Leitsatz: \u00bbKomplimente sind wie Parfum. Sie d\u00fcrfen duften, aber nie aufdringlich werden.\u00ab Wertsch\u00e4tzung braucht also ein bisschen Fingerspitzengef\u00fchl.<\/p>\n<p>Davon abgesehen aber gilt: Egal, wo Sie gesellschaftlich stehen, seien Sie nicht kleinlich! Denn eine gro\u00dfz\u00fcgige Haltung verfehlt ihre Wirkung nie. Jeder, wirklich<br \/>\njeder Mensch freut sich, wenn seine Anstrengungen, seine Leistungen, seine Entscheidungen und ja, auch sein Geschmack und seine Statussymbole Anklang finden. Wenn jemand ein rauschendes Fest gibt, einen besonderen Wein aufmacht, einen begehrten Preis errungen hat oder einem irgendwie im Leben weiterhilft, ist das der Rede wert. Es verdient Respekt und Bewunderung, auch dann, wenn der andere ohnehin jeden Luxus genie\u00dft und seine Leistung schon lange nicht mehr unter Beweis stellen muss.<\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe anderer anzuerkennen, erst recht, wenn es ihnen ohnehin viel besser geht, fordert dem Ego einiges ab. Nat\u00fcrlich w\u00e4ren die meisten von uns gern selbst am erfolgreichsten, beliebtesten, kreativsten, was auch immer. Stattdessen verlangt der gute Stil, sich dar\u00fcber zu freuen, dass anderen genau das zufliegt, was bei einem selbst auf sich warten l\u00e4sst. Neidische Menschen l\u00f6sen das Dilemma auf und reden sich ein, dass sie die Errungenschaften anderer nicht einmal geschenkt haben<br \/>\nwollten. Den aufreibenden Job. Den umweltsch\u00e4dlichen Diesel-SUV.\u00a0 Den Ehrenpreis, von dem man sich eh nichts kaufen kann. Stopp. Wer so denkt und redet, macht sich selbst zum Kleingeist. Aus dem Vollen zu sch\u00f6pfen hingegen adelt, selbst wenn man weniger gut gestellt ist als andere. \u00bbGro\u00dfz\u00fcgigkeit ist mehr zu geben als man kann, und Stolz ist, weniger zu nehmen, als man braucht\u00ab, philosophierte der libanesisch-<br \/>\namerikanische Maler und Dichter Khalil Gibran.<\/p>\n<p>Eine anr\u00fchrende Geschichte dazu findet sich auf der Plattform Karrierebibel.de: Zu jener Zeit, als Eiscreme noch ein paar Cents kostete, kam ein kleiner Junge in einen Coffee Shop. \u00bbWas kostet bei Ihnen ein Milcheis?\u00ab, fragte er. \u00bb25 Cent\u00ab, sagte die Kellnerin. Der Junge kramte ein paar M\u00fcnzen aus der Tasche und z\u00e4hlte. \u00bbUnd wie viel kostet ein Wassereis?\u00ab \u2013 \u00bb20 Cent! Also was jetzt?\u00ab Der Junge rechnete noch einmal. Dann bestellte er das Wassereis. Eis und Rechnung kamen, der Junge a\u00df, legte alle seine M\u00fcnzen auf den Tisch und ging. Als die Serviererin sp\u00e4ter abr\u00e4umte, sah<br \/>\nsie die Rechnung, die M\u00fcnzen und schluckte: Auf dem Tisch lagen 25 Cent. Der Junge hatte auf das Milcheis verzichtet, damit die Kellnerin ihr Trinkgeld bekam.<\/p>\n<p>Den Habitus der Gro\u00dfz\u00fcgigkeit kann sich jeder leisten. Zumal Gro\u00dfz\u00fcgigkeit viele Facetten hat. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wer anderen Glauben, Zeit oder Interesse schenkt. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wenn man den Brotkorb herumreicht und sich erst danach selbst bedient. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wer nicht auf sein Recht pocht. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wenn jemand kleine Fehler \u00fcbergeht, als w\u00e4ren sie nie passiert. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wer sich nicht auf fremde Kosten<br \/>\nprofiliert, obwohl sich die M\u00f6glichkeit bietet. Gro\u00dfz\u00fcgig ist, wenn man sich selbst eine Bl\u00f6dheit verzeihen kann. Gro\u00dfz\u00fcgig ist aber auch, wer lieber in gro\u00dfen Linien denkt als in engen Bahnen. Das f\u00e4ngt, so paradox es klingt, mit Kleinigkeiten an.<\/p>\n<p>Ein Gesch\u00e4ftsessen in einem Frankfurter Edelrestaurant. Zwei Deutsche und ein Amerikaner fachsimpeln \u00fcber Golf, den gro\u00dfartigsten Platz, den sensationellen Ein-Putt, das letzte Turnier.\u00a0 Der eine Gastgeber hat sich in diesem Jahr auf Handicap 20,8 vorgearbeitet, der andere liegt bei vergleichsweise neiderregenden 17,1. Der amerikanische Gast teilt auf Nachfrage mit: \u00bbOh, Im just a bogey golfer.\u00ab Im Klartext: Er spielt typischerweise so um Handicap 18 herum. Also in etwa so gut oder schlecht wie die anderen auch. Er redet nur anders dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Die deutschen Manager geben ihre Amateurleistung aufs Komma genau an. Der amerikanische Gesch\u00e4ftsgast \u00e4u\u00dfert sich vager, l\u00e4ssiger. Genau deshalb erscheint er selbstbewusster, selbst wenn er m\u00f6glicherweise nur ein eingelerntes Sprachmuster abspult. Denn ja, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit l\u00e4sst sich mit stereotypen Floskeln und guten Manieren vortrefflich faken. Im Idealfall steht allerdings mehr dahinter als eine statusf\u00f6rderliche Attit\u00fcde. Als mentale St\u00e4rke entspringt Gro\u00dfz\u00fcgigkeit einem Bewusstsein von F\u00fclle und \u00dcberfluss \u2013 und der t\u00e4glich gepflegten Gewohnheit, kleinliche Gef\u00fchle in gro\u00dfm\u00fctige Gesten zu verwandeln. Nach und nach bildet sich ein Habitus heraus, der sich am Ideal des noblesse oblige orientiert: Eine hohe gesellschaftliche Stellung verpflichtet \u2013 und zwar zu Verhaltensweisen jenseits gemeiner Profit- und Profilierungsgier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Irgendwas ist immer m\u00f6glich: Die Wirkkraft eines dynamischen Selbstbilds<\/strong><\/p>\n<p>Geht es um Oper, ein neues Smart-Home-Produkt, moderne Kunst oder vegane K\u00fcche, h\u00f6rt man oft den Satz: Damit kann ich nichts anfangen. Oder: F\u00fcr mich ist das nichts. Oder sogar: Wer braucht das denn? Meistens klingen solche \u00c4u\u00dferungen ein bisschen beleidigt, und die Umstehenden wechseln das Thema oder gehen \u00fcber die Abfuhr hinweg. Es ist ja v\u00f6llig in Ordnung, wenn jemandem Tschaikowsky nichts gibt, Cy Twombly nichts sagt und ein 25 Jahre alter Talisker nichts bedeutet. Schlie\u00dflich w\u00e4chst jeder mit unterschiedlichen Einfl\u00fcssen und Werten auf, jeder bekommt von zu Hause aus einen anderen Habitus mit.<\/p>\n<p>Bei aller Toleranz f\u00fcr andere Meinungen und Lebensweisen wissen und sp\u00fcren wir aber genau: Nicht jeder Habitus z\u00e4hlt gleich viel. Nicht jeder Habitus ist die ideale Voraussetzung f\u00fcr den Sprung nach ganz oben. Er kann es aber werden. Denn:<br \/>\nKein Habitus ist in Stein gemei\u00dfelt. Es sei denn, jemand h\u00e4lt rigide am einmal Gelernten fest. Und kann sich \u00fcberhaupt nichts anderes vorstellen, als genauso zu sein und zu bleiben wie er schon immer war. Die US-amerikanische Psychologieprofessorin<br \/>\nCarol Dweck bezeichnet eine solche fixe mentale Grundeinstellung als statisches Selbstbild. Menschen, die davon gepr\u00e4gt sind, denken wie Kinder, die steif und fest \u00fcberzeugt sind: Ich kann kein Mathe. Sie glauben, dass der Mensch mit bestimmten F\u00e4higkeiten auf die Welt kommt und sich im Lauf des Lebens kaum ver\u00e4ndert. Egal, was jemand heute tut, er wird morgen der gleiche Mensch sein wie heute: f\u00fcr Sprachen<br \/>\nbegabt, ausgestattet mit zwei linken H\u00e4nden, zu Weihnachten gibt es immer Fondue und im Urlaub ist es am sch\u00f6nsten auf Korsika. Diese konservative Haltung l\u00e4sst sich in allen Bev\u00f6lkerungsschichten beobachten, oben wie unten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein statisches Selbstbild hat Vorteile. Das hat der Psychologe Satoshi Kanazawa erforscht: Zwar stellte er bei Menschen, die eisern die von der Familie \u00fcbernommene Grundorientierung bewahren, einen im Durchschnitt etwas niedrigeren Intelligenzquotienten fest als bei Menschen, die auch unerprobte Wege wagen. Daf\u00fcr gehen Bewahrer aber zufriedener durchs Leben, k\u00fcmmern sich mehr um Familie und Freunde und verdienen mehr Geld. Es hat also seine Berechtigung, beim eingelernten Habitus zu bleiben. Oder wie der Wiener Journalist Erich Kocina schreibt: Es muss nicht jeder Pippi Langstrumpf sein. Die Annikas und Tommys sind genauso wichtig. Schon allein deshalb, weil es Pippis nur dann geben kann, \u00bbwenn gen\u00fcgend Annikas den Laden inzwischen am Laufen halten\u00ab.<\/p>\n<p>Menschen mit einem statischen Selbstbild kommen in den besten Kreisen vor. Tradition und Konvention sind n\u00e4mlich ein sicherer Weg, Besitzst\u00e4nde zu wahren. Will jemand allerdings erst nach oben kommen, bringt ein dynamisches Selbstbild mehr Aufwind. Moderner ist es obendrein: Der Anteil der Traditionsbewahrer in der Bev\u00f6lkerung<br \/>\nnimmt laufend ab. Vor allem die j\u00fcngeren Generationen setzen auf Lernen, Selbstoptimierung, Ver\u00e4nderung und das \u00dcberwinden von Grenzen. Ihr Selbstbild fu\u00dft auf dem Glauben: Das Ich ist verbesserlich. Was wir heute erleben, lesen, h\u00f6ren und f\u00fcr uns tun, beeinflusst, wer wir morgen sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles, was uns auf Dauer umgibt, pr\u00e4gt unser Wesen. Mit jeder interessanten<br \/>\nBegegnung, jeder Reise, jedem Podcast, selbst jedem gegangenen Schritt bauen wir neues kulturelles, soziales, fachliches oder physisches Kapital auf. Zwar ist der Einfluss jeder einzelnen Erfahrung nicht sonderlich gro\u00df, zumal der Habitus tr\u00e4ge ist und gut Ding daher Weile braucht. Doch auf lange Sicht kommt einiges zusammen, und Millimeterschritte schaukeln sich gegenseitig hoch.<\/p>\n<p>Wenn Sie bei jeder beruflichen Veranstaltung den Kontakt zu Menschen suchen, die Sie noch nicht oder nicht sehr gut kennen, erweitert sich Ihr berufliches Netz messbar.<\/p>\n<p>Wenn Sie auf Babbel oder Duolingo jeden Tag nur sechs Vokabeln einer neuen Sprache lernen, haben Sie nach einem Jahr den gesamten Grundwortschatz verinnerlicht.<\/p>\n<p>Wenn Sie t\u00e4glich drei Euro weniger ausgeben, haben Sie nach einem Jahr 3000 Euro und nach 10 Jahren 30.000 Euro gespart, Anlageeffekte nicht mitgerechnet.<\/p>\n<p>Wenn Sie sich jedes Wochenende auf Google Arts durch die Archive der Museen klicken, verleiben Sie sich nicht nur den Kanon ein. In winzigen Schritten erwerben Sie Kunstsinnigkeit.<\/p>\n<p>Wenn Sie jedes Mal das Brustbein heben, wenn Sie durch eine T\u00fcr Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt gehen, pr\u00e4gt sich die Bewegung ein. Ihre Haltung wird auf Dauer h\u00f6her und souver\u00e4ner.<\/p>\n<p>Kein Selbstbild ist zu einhundert Prozent statisch oder zu einhundert Prozent dynamisch. Jeder von uns hat eine Mischung aus beidem im Gep\u00e4ck. Wenn wir allerdings den Habitus signifikant ver\u00e4ndern wollen, bringt uns eine dynamische Sichtweise schneller ans Ziel. Denn ein Growth Mindset, wie das dynamische Selbstbild auf Englisch hei\u00dft, ist wie eine angelehnte T\u00fcr: Wir m\u00fcssen zwar erst noch hindurchgehen, wissen aber, im Prinzip steht uns der Weg hinaus ins Freie offen.<\/p>\n<p>Ohne die mentale St\u00e4rke seiner Autorin h\u00e4tte es die Harry-Potter-Serie nie gegeben. W\u00e4hrend der erste Band entstand, verlor Joanne Rowling ihre Mutter, schlitterte in eine \u00fcberst\u00fcrzte Ehe, fand sich als alleinerziehende Mutter wieder und lebte von Arbeitslosenhilfe. Irgendwann hatte sie die ersten drei Kapitel trotz aller Widrigkeiten geschafft. Sie sandte das Manuskript an zw\u00f6lf Verlage und erntete Absagen. Zu viele Adverben, zu altmodisch, zu unverk\u00e4uflich \u2026 Schlie\u00dflich verlegte Bloomsbury das Buch, allerdings nicht ohne den Hinweis: Rowling solle sich einen festen Job suchen, mit Kinderb\u00fcchern w\u00fcrde sie kaum Geld\u00a0verdienen. Rowling ignorierte den Rat, feilte weiter an Themen, Charakterisierung und Stil und wurde zur ersten Autorin, die mit ihren B\u00fcchern Milliarden einnimmt. Inzwischen arbeitet sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith am vierten Band ihrer n\u00e4chsten Buchserie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen mit einem dynamischen Selbstbild glauben, dass Erfolg auf Entschlossenheit und harter Arbeit fu\u00dft. Diese Weltsicht erm\u00f6glicht Wachstum und Entwicklung. Ein fixes statisches Selbstbild ist im Vergleich dazu limitierend. Es h\u00e4lt uns genau dort fest, wo wir schon immer waren. Ist jemand arriviert und am Ziel seiner W\u00fcnsche angelangt,<br \/>\nmacht die Kontinuit\u00e4t Sinn. Sich auf seinen Lorbeeren aus zuruhen und allenfalls inkrementelle Ver\u00e4nderungen anzustreben, f\u00fchlt sich komfortabel an und sichert oft, wenn auch nicht immer, den Status quo.<\/p>\n<p>Hat man noch mehr vor, geh\u00f6rt ein Growth Mindset dagegen zu den wichtigsten Voraussetzungen, damit der Sprung nach oben gelingt. Die gr\u00f6\u00dften Pers\u00f6nlichkeiten pflegen den Habitus des Wachsens \u00fcbrigens sogar noch dann, wenn sie den Olymp des Erfolgs l\u00e4ngst erreicht haben.<br \/>\n\u00bbPerfektion ist ein bewegliches Ziel\u00ab, sagt der vierfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton. \u00bbMan wird \u00e4lter \u2013 und definiert sie neu. Man wird kl\u00fcger, wieder eine neue Definition. Und am Ende l\u00e4sst die Kraft nach, ich vermute, dass man dann noch einmal anders auf \u203aPerfektion\u2039 blickt. Dann ist es perfekt, wenn man noch einigerma\u00dfen Sport treiben kann.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Ego kontrollieren: Warum Anstand nicht von gestern ist<\/strong><\/p>\n<p>Sommer 2018. In Deutschland sitzt einer der Hauptakteure des Diesel-Skandals in Untersuchungshaft. Die reichsten 0,01 Prozent der Bev\u00f6lkerung schleusen 30 Prozent ihrer Steuern an den Steuerbeh\u00f6rden vorbei. Im Wei\u00dfen Haus rei\u00dft Donald Trump moralische Hemmschwellen. Im Silicon Valley erleben die Mitarbeiter von Unternehmer-<br \/>\nLegenden wie Jeff Bezos Bespitzelungen, Nervenzusammenbr\u00fcche, vernichtende Kritik und darwinistische Auslese.10 In New York steht ein ehemaliger Hollywood-Mogul wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht.<\/p>\n<p>Zeitgleich ver\u00f6ffentlicht die Pr\u00fcfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst &amp; Young eine Studie \u00fcber regelwidriges Verhalten im Unternehmensalltag, die allen Ethikstandards der Unternehmen Hohn spottet: 23 Prozent der deutschen Manager sagen von sich, dass sie f\u00fcr das eigene berufliche Fortkommen unethisch handeln w\u00fcrden. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder bekennen sich dazu nur 14 Prozent. Besonders aufschlussreich: Jeder zehnte Manager Psychologisches Kapital:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>in Deutschland w\u00fcrde die Unternehmensf\u00fchrung falsch informieren, wenn es dem eigenen Fortkommen und Einkommen dient. Deutschland belegt in diesem Punkt nach der T\u00fcrkei Platz 2 in der Korruptionsskala unter 30 befragten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Es darf spekuliert werden, ob deutsche F\u00fchrungkr\u00e4fte ehrlicher \u00fcber robuste Gesch\u00e4ftspraktiken Auskunft geben als F\u00fchrungskr\u00e4fte aus anderen Nationen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass auch f\u00fcr Nationen gilt, was f\u00fcr Einzelpersonen nachgewiesen ist: Erfolg steigt zu Kopf und erh\u00f6ht die Bereitschaft, sich seine eigenen Regeln aufzustellen.<\/p>\n<p>In einem TED-Talk mit dem Titel Macht Geld gemein? erz\u00e4hlt der Psychologieprofessor<br \/>\nPaul Piff von der University of California, wie er das Verhalten von 152 Autofahrern am Zebrastreifen getestet hat. Sein Ergebnis best\u00e4tigt alle Vorurteile: Fahrer von Kleinwagen hielten ohne Ausnahme an wie es sich geh\u00f6rt. Autofahrer in Wagen der Oberklasse bremsten dagegen seltener f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und nahmen an Kreuzungen<br \/>\nanderen Fahrzeugen viermal so oft die Vorfahrt. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr das regelwidrige Verhalten sind vielf\u00e4ltig: Das Anspruchsdenken ist oben ausgepr\u00e4gter, das direkte Erreichen von Zielen tief in die Psyche eingepr\u00e4gt, die Angst vor Sanktionen gering. Geld und gute Anw\u00e4lte biegen vieles gerade. Zudem machen sich sehr erfolgreiche Menschen im Vergleich zur Mittelschicht weniger Gedanken, was andere von ihnen<br \/>\ndenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Wohlstand steigt deshalb auch die Neigung, Regeln und Normen nicht ganz so ernst zu nehmen. Selbst sehen sich die Eliten nat\u00fcrlich ganz anders: Keine F\u00fchrungskraft, die nicht die Begriffe Authentizit\u00e4t und Empathie im Munde f\u00fchrt. Kein Gesellschaftsclub, der nicht auf sein besonderes soziales Engagement verweist. Keine Hochschule, die nicht die Verantwortung f\u00fcr Gesellschaft und Wissenschaft im Profil stehen hat. Keine Aktion\u00e4rsversammlung, die ohne Worte wie Transparenz, Vertrauensw\u00fcrdigkeit und Gemeinwohl auskommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Kunden, Mitarbeitern und Stakeholdern kommen die hehren Worte gut an. Insbesondere die obere Mittelschicht definiert sich \u00fcber Achtsamkeit und Weltverbesserung, Fair Trade, Gendering und Inklusion. Sie sch\u00e4tzt es, wenn Wirtschaft sich ethisch und ehrlich gibt. Lippenbekenntnisse und spektakul\u00e4re Einmalaktionen allerdings werden entlarvt. Als Elon Musk im Sommer 2018 zur Rettung der eingeschlossenen Kinder in der Tham-Luang-H\u00f6hle ein Mini-U-Boot nach Thailand<br \/>\nschickte, reagierten die sozialen Medien verstimmt: Allzu offensichtlich nutzte der Tesla-Gr\u00fcnder das H\u00f6hlen-Drama f\u00fcr die Eigen-PR. Nur wer Humanit\u00e4t und F\u00fcrsorge lebt, wird als anst\u00e4ndig wahrgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Chefin des Maschinenbau-, Laser- und Softwareunternehmens Trumpf Nicola Leibinger-Kamm\u00fcller gilt als Vorzeigeunternehmerin. Von daheim wurde ihr mitgegeben, F\u00fchrungsf\u00e4higkeit sei zuvorderst eine Frage der Haltung. Heute leitet sie das Familienunternehmen nach genau diesen Werten. Als nach der Lehmannkrise der Maschinenbau einbrach, musste die Belegschaft auf Kurzarbeit gesetzt werden. Die Familie schoss damals 75 Millionen aus dem Eigenkapital hinzu. Gleichzeitig strich Leibinger-Kamm\u00fcller ihren Kindern den Familienurlaub: \u00bbDas war ein symbolischer Akt. Wir wollten als Familie zeigen, dass wir zur Firma stehen.\u00ab<\/p>\n<p>Keine Frage: Ambition braucht Aggression. Alphatier zu werden und zu bleiben, geht nicht im Wollwaschgang. Ehrgeiz und Hartn\u00e4ckigkeit d\u00fcrfen aber nicht gleichbedeutend mit Egomanie, Narzissmus oder psychopathologischen Verhaltensmustern sein. Erfolg geht auch mit Formgef\u00fchl und Freundlichkeit. Was das konkret bedeutet, sagt der<br \/>\nWirtschaftsvordenker Reinhard K. Sprenger, der sich mit Anstand in Unternehmen besch\u00e4ftigt: \u00bbMan muss seine Rolle kennen, den Affekt beherrschen, die Leidenschaften z\u00fcgeln. Dazu ist Distanz erforderlich. Distanz zu sich selbst, zu seinen Launen, Reflexen, seinem \u00c4rger.\u00ab\u00a0Wichtig ist eben nicht nur, was unten rauskommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedenfalls dann nicht, wenn man sich einen \u00bbvornehmen Habitus\u00ab w\u00fcnscht. Menschen mit Haltung und Anstand stellen eigenes Handeln infrage, lassen auch mal andere gelten, akzeptieren, dass es selten nur die eine richtige L\u00f6sung gibt. In anderen Worten: Sie stellen ihr Ego hintan. Diesen Habitus erwirbt man nicht durch Reden und spektakul\u00e4re Aktionen. Er erw\u00e4chst aus dem t\u00e4glichen Tun und f\u00e4ngt mit Kleinigkeiten<br \/>\nan. Zuh\u00f6ren, obwohl es m\u00fchsam ist. Kritik gesichtswahrend formulieren, auch wenn man schreien k\u00f6nnte. Clickworker fair bezahlen, obgleich es anders profitabler w\u00e4re.<br \/>\nZugegeben: Neben dem Erfolg auch die Umst\u00e4nde zu sehen, unter denen er zustande kommt, kann pers\u00f6nlich ziemlich fordernd sein. Es ist aber kein sozialromantisches Projekt. Eine vern\u00fcnftige Kombination aus Ehrgeiz, Ethik und Shareholder-Denken zahlt sich auch betriebswirtschaftlich aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2017 hat das Wirtschaftsmagazin Harvard Business Review in seinem j\u00e4hrlichen CEO-Ranking den Spanier Pablo Isla zum leistungsst\u00e4rksten Unternehmenschef der Welt gek\u00fcrt. Isla leitet seit 2005 Inditex, den Mutterkonzern von Modelabels wie Zara und<br \/>\nMassimo Dutti. Seit er CEO ist, stieg das Unternehmen zum wertvollsten spanischen Unternehmen auf. Islas Managementstil gilt als leise und partnerschaftlich. Er meidet das Rampenlicht, lehnt Ego-Spiele ab und holt die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer seiner Stores fast<br \/>\nausschlie\u00dflich aus dem eigenen Unternehmen: \u00bbWas unser Unternehmen stark macht, ist die Kombination von uns allen, nicht nur einer einzelnen Person. Und wir versuchen als Unternehmen sehr zur\u00fcckhaltend, sehr bescheiden zu sein, nat\u00fcrlich sehr ehrgeizig,<br \/>\naber auf eine bescheidene Art.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Produktiv mit Druck umgehen: Scheitern lernen, Krone richten<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich bei einer Bergwanderung in den Allg\u00e4uer Alpen. Der Pfad schl\u00e4ngelt sich eng am Hang, der Weg ist rutschig. Ein Vater und zwei Kinder \u00fcberholen in flottem Tempo, alle drei perfekt ausgestattet. Pl\u00f6tzlich rutscht die kleine Tochter aus, f\u00e4ngt sich gerade noch, findet an einem d\u00fcrren Baumstamm Halt, neben ihr f\u00e4llt der Almhang ab. Nicht<br \/>\ndirekt gef\u00e4hrlich, aber doch ganz sch\u00f6n steil. Um ihre Mundwinkel zuckt es. \u00bbMacht nichts\u00ab, sagt der Vater. \u00bbAlles okay bei dir?\u00ab Das M\u00e4dchen nickt. Er reicht ihr die Hand. \u00bbSuper Reaktion, Lilly. Weiter geht\u2019s. In einer Viertelstunde kommt die H\u00fctte.\u00ab Eine Minute sp\u00e4ter sind die drei um die Wegbiegung verschwunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht finden Sie die Reaktion des Vaters hart. Er h\u00e4tte auch eine Pause anbieten k\u00f6nnen, pusten, tr\u00f6sten, Riegel auspacken, das volle Programm \u2026 Stattdessen macht er weiter, als w\u00e4re nichts passiert. Was ja auch der Fall ist. Die T\u00f6chter lernen aus der Reaktion: Ein Ausrutscher ist kein Beinbruch und erfordert daher auch kein Drama. Auf der H\u00fctte ist der kurze Schreck vermutlich schon vergessen. Doch die Gleichm\u00fctigkeit, die der Vater vorlebt, pr\u00e4gt den Habitus, der wiederum bestimmt, wie die T\u00f6chter der n\u00e4chsten kleinen oder gr\u00f6\u00dferen Krise begegnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufstehen, durchatmen, weitermachen. Ob englische Upper Class, amerikanische Ostk\u00fcsten-Aristokratie oder preu\u00dfischer Adel \u2013 eine gewisse Abh\u00e4rtung geh\u00f6rte in der elit\u00e4ren Erziehung von jeher dazu. In den zugigen Herrenh\u00e4usern der Eliteinternate wurde der Nachwuchs darauf getrimmt, dass Bildung nicht nur aus Fachwissen besteht. Mindestens genauso wichtig war Charakterst\u00e4rke: Sportsgeist, Selbstdisziplin, Belastbarkeit, Nehmerqualit\u00e4ten. Sport bei Wind und Wetter,strenge Regeln, spartanische Kost, dazu die Zumutungen von Altgriechisch und Latein lehrten die k\u00fcnftige Elite, sich zusammenzunehmen und Widrigkeiten stoisch auszuhalten. Die harte Schule formte einen Habitus, der die Widerstandskraft st\u00e4rkt und auch dann tr\u00e4gt, wenn Verm\u00f6gen, Schloss und\/oder Firma verloren gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das schrieb die fr\u00fchere Zeit-Herausgeberin Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff (1909\u20132002) in ihrer Biografie Ostpreu\u00dfische Erinnerungen: \u00bbDie n\u00e4chsten drei Klassen bis zum Abitur absolvierte ich dann in Potsdam; \u2026 wohnte bei einer bekannten Familie und ging in eine Jungensschule, wo ich das einzige M\u00e4dchen in der Klasse war. Fr\u00fch lernte ich also die Wechself\u00e4lle des Lebens kennen und mich in die jeweiligen Gegebenheiten zu schicken.\u00ab17 Im Januar 1945 verlie\u00df sie das ostpreu\u00dfische Familiengut vor der vorr\u00fcckenden Roten Armee. Auf dem Ritt nach Westfalen legte sie \u00fcber tausend<br \/>\nKilometer zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Schlechte Zeiten, Verluste, Kr\u00e4nkungen, Durststrecken, Stress: Wenn wir unter Druck stehen, brauchen wir ein anderes Repertoire von F\u00e4higkeiten als wenn das Leben nach unserer Pfeife tanzt. Dazu geh\u00f6rt es zum Beispiel, harte Urteile auszuhalten, Fehler einzur\u00e4umen, von Wunschtr\u00e4umen Abschied zu nehmen und nicht zu verbittern. Zum Teil helfen uns dabei die Gene. Eines von ihnen ist das Gen 5-HTT. Es reguliert den Transport des Gl\u00fcckshormons Serotonin im Gehirn und tritt in einer kurzen und einer langen Variante auf. Wer die lange Version in sich tr\u00e4gt, hat mehr Botenstoffe zur Verf\u00fcgung, die ihm helfen, mit Belastungen gut klarzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch auch wer mit einem weniger robusten Nervenkost\u00fcm zur Welt kommt, kann seine psychische Stabilit\u00e4t st\u00e4rken. Denn: Resilienz ist \u00dcbungssache. Jedes Mal, wenn wir uns einer schwierigen Situation stellen, machen wir wertvolle Lernerfahrungen. Ob im schier nicht endenwollenden Stau, beim Durchh\u00e4nger in einem Wettkampf, nach der zw\u00f6lften Absage oder bei einer beunruhigenden Diagnose, Widrigkeiten k\u00f6nnen uns lehren, ruhig zu reagieren, nicht zu explodieren, das Unvermeidbare zu akzeptieren, das Gute im Schlechten wahrzunehmen, Hilfe zu akzeptieren und nach L\u00f6sungen und<br \/>\nAlternativen zu suchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbIn der Krise beweist sich der Charakter\u00ab, sagte einmal Altkanzler Helmut Schmidt. Ein hochverm\u00f6gender Unternehmer benennt das Gleiche direkter: \u00bbEine Party zu machen, wenn die Bude da riesig Geld verdient, das kann jeder, aber Haltung zu bewahren,<br \/>\nwenn es mal schlecht l\u00e4uft, und zu sagen: \u203aLos, Leute, war zwar schei\u00dfe, aber wir gehen erstmal eine Runde essen und sprechen mal dar\u00fcber\u2039, das finde ich cooler. Und das immer wieder hinzukriegen, also dazu muss man sich auch zwingen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Psychologe Andreas Utsch identifizierte die Handlungsorientierung nach Misserfolgserlebnissen als eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten erfolgreicher Menschen: W\u00e4hrend weniger Erfolgreiche nach einem R\u00fcckschlag gr\u00fcbeln und vielleicht sogar hadern, k\u00f6nnen Menschen mit einer hohen Handlungsorientierung Schlappen schnell abhaken und sich neuen Zielen zuwenden.19 Die mentale F\u00e4higkeit dazu hat ihnen keine gute Fee in die Wiege gelegt, und die wenigsten Menschen halten<br \/>\nin Krisen einfach deshalb den Kopf \u00fcber Wasser, weil ihnen einleuchtet: \u00bbWenn Plan A nicht funktioniert, keine Panik, das Alphabet hat noch 25 weitere Buchstaben.\u00ab Wenn man schwierige Situationen mit mehr W\u00fcrde als andere bew\u00e4ltigt, dann weil man seine innere Widerstandskraft ebenso systematisch trainiert wie Bauch, Beine, Po.<\/p>\n<p>2015 ist der Mann von Facebook-COO Sheryl Sandberg tot im Fitnessstudio zusammengebrochen. Ein Jahr sp\u00e4ter gab sie den Absolventen der Universit\u00e4t Berkeley mit auf den Weg: \u00bbIhr seid nicht mit einer fest definierten Menge von Resilienz geboren. Ihr k\u00f6nnt sie wie einen Muskel aufbauen und dann davon zehren, wenn ihr sie braucht. In diesem Prozess findet ihr heraus, wer ihr wirklich seid \u2013 und werdet dabei wom\u00f6glich die beste Version eurer selbst.\u00ab<\/p>\n<p>Am besten lernt man schon als Kind, wie das \u00dcberwinden von Schwierigkeiten<br \/>\ngeht. Vor allem zartbesaitete Kinder profitieren von einer Erziehung, in der sie Erfahrungen selbst machen und Probleme selbstst\u00e4ndig l\u00f6sen d\u00fcrfen \u2013 auch wenn dabei mal nicht Harmonie im Sandkasten und Vollst\u00e4ndigkeit im Schulranzen herrscht. Zur\u00fcckweisung auszuhalten oder Fehler auszub\u00fcgeln, ist nicht angenehm. Daf\u00fcr macht es stark und (katastrophen-)sicher, wenn man lernt, sich selbst zu helfen, auch<br \/>\nwenn man an Grenzen st\u00f6\u00dft oder etwas versemmelt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kinder brauchen f\u00fcr diese Erfahrung keine verw\u00f6hnenden, alles-besser-k\u00f6nnenden Helikoptereltern, sondern entspannte Begleiter, die vermitteln: Es geh\u00f6rt zu einer starken Pers\u00f6nlichkeit dazu, gelegentlich Anstrengung, Frustration und Unp\u00e4sslichkeiten auszuhalten und aus Widrigkeiten das Beste zu machen. Ohne die F\u00e4higkeit, Schwierigkeiten wegzustecken, gestaltet es sich n\u00e4mlich schwierig, kalkulierte Risiken einzugehen. Ohne Risikobereitschaft aber sind gro\u00dfe Erfolge kaum denkbar. Oder wie Kanadas Eishockey-Legende Wayne Gretzky sagt: \u00bbWenn Du nicht schie\u00dft, triffst Du zu 100 Prozent daneben.\u00ab<\/p>\n<p>Interessanterweise finden sich ein ausgesprochen hohes Ma\u00df an Resilienz h\u00e4ufig bei Menschen ganz oben und Menschen weit unten. Ganz oben sind Nehmerqualit\u00e4ten das Ergebnis des emotionalen Drucks, seinen Platz innerhalb einer sehr erfolgreichen Familie zu finden und zu behaupten. Ganz unten resultieren sie aus dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Die Mitte kennt solche H\u00e4rten weniger. Wer sich weder an der Spitze halten noch ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen muss, verl\u00e4sst die eigenen Komfortzonen nur, wenn ihm H\u00f6heres vorschwebt. Bei allen anderen \u00fcberwiegt das Gef\u00fchl: Man hat, was man braucht. Jedenfalls, so lange es gelingt, pannenfrei im Mainstream mitzuschwimmen. Aus diesen Lebensbedingungen resultiert ein eher abw\u00e4gender, Risiken vermeidender Habitus. Die Vorsicht verhindert Bruchlandungen und Peinlichkeit \u2013 raubt aber auch die M\u00f6glichkeit, Chancen wahrzunehmen und an Krisen zu wachsen.<\/p>\n<p>Abh\u00e4rtung oder Abschirmung? Dieser Frage ging die amerikanische<br \/>\nSoziologin Annette Lareau nach. In einer Studie \u00fcber den Erziehungsstil von Arbeiter- und Akademikereltern stellte sie fest: Arbeiterkinder bleiben mehr als Akademikerkinder sich selbst \u00fcberlassen, \u00bbd\u00fcrfen\u00ab mehr und bewegen sich freier. Akademikereltern\u00a0 gehen im Vergleich dazu Erziehung als Managementaufgabe an und haben Sicherheit und Zukunftschancen ihrer Kinder fest im Blick. Beide Erziehungsstile haben sowohl Vor- als auch Nachteile: Akademikerkinder schneiden in der Schule besser ab. Andererseits beklagen sie sich h\u00e4ufiger \u00fcber Langeweile und erwarten, dass ihre Probleme von den Eltern gel\u00f6st werden. Arbeiterkinder leisten schulisch weniger, wissen sich aber bei Widrigkeiten oft besser zu helfen und wachsen zu resilienteren Menschen heran.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jenseits des Ego: Der Lebenswerk-Gedanke<\/strong><\/p>\n<p>Sie haben h\u00e4ufig drei und mehr Kinder, sitzen in Beir\u00e4ten und Kuratorien, schreiben gern Chroniken, spenden f\u00fcr soziale Ziele und wenn sie eine Regatta segeln oder per Rad zur Alpentour starten, dann flie\u00dfen die Startgelder an benachteiligte Jugendliche, krebskranke Menschen oder den \u00f6rtlichen Hospizverein. Wer hat, der hat, k\u00f6nnte man einwenden, doch so simpel ist es nicht. Gewiss ist der Familiensinn der Oberschicht<br \/>\nebenso wenig ausschlie\u00dflich dem Gemeinwohl verpflichtet wie ihr gesellschaftlicher Einsatz. Nur um Eitelkeit, Selbstdarstellung und Status geht es aber auch nicht. Eher k\u00f6nnte man von einer Win-Win-Situation f\u00fcr Ego und Gesellschaft sprechen: Die oberen Schichten setzen ihren Wohlstand und ihre Visionen daf\u00fcr ein, dem Leben einen tieferen Sinn zu geben und sich einen w\u00fcrdevollen Abgang zu sichern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Lebenszeit ist begrenzt, also bewegt man etwas, was Bestand hat, \u00fcber den Tag und die eigene Existenz hinaus. Psychologen nennen die F\u00e4higkeit Gene rativit\u00e4t \u2013 abgeleitet vom lateinischen generare = erzeugen, hervorbringen. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter hat im Rahmen ihrer humanit\u00e4ren Projekte zwei Waisenh\u00e4user in Rum\u00e4nien umgebaut. Sie nehme das Musizieren sehr ernst, sagt sie, doch die Waisenh\u00e4user in Orl\u00e1t und Victoria werden ihr zunehmend wichtiger: \u00bbUnd sie sind auch das, was ich f\u00fcr am sinnvollsten erachte. Es z\u00e4hlt das, was man hinterl\u00e4sst.\u00ab<\/p>\n<p>Was bleibt? Wie werde ich erinnert? Was will ich weitergeben? In etablierten<br \/>\nKreisen stellt man sich diese Fragen nicht erst kurz vor dem Renteneintritt.<br \/>\nGesellschaftliches und generations\u00fcbergreifendes Handeln werden von Anfang an erfahren: der Weihnachtsschmuck der Gro\u00dfmutter, die Wiege, in der seit drei Generationen alle Babys der Familie schlummern, Spendenaktionen und Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltungen, die zum Jahresablauf geh\u00f6ren wie Skiferien und Ostern, das Gymnasium, in dem schon die Tanten und Onkel die Schulbank dr\u00fcckten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer in eine angesehene Mehr-Generationen-Familie hineingeboren ist, erlebt den<br \/>\nGeist der Generativit\u00e4t schon als Kind: Die \u00c4lteren geben Familiennamen, Familientraditionen und Familienerbe an die J\u00fcngeren weiter und etwas von ihrem<br \/>\nReichtum an die Gesellschaft zur\u00fcck. Ob alteingesessene Apothekerfamilie oder Unternehmerdynastie in der dritten Generation \u2013 jung und alt f\u00fchlt sich als Teil einer anhaltenden Geschichte, die \u00fcber mehrere Generationen verl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Anders als in der Mitte der Gesellschaft, wo sich Erfolg vor allem \u00fcber individuelles K\u00f6nnen und eigene Leistung vollzieht, ist der Habitus ganz oben von einem starken\u00a0 Standesbewusstsein gepr\u00e4gt. Eine sehr angesehene, weitverzweigte Familie macht h\u00e4ufig von Kindheit an sehr stolz. Status und Verm\u00f6gen werden als einem zustehend begriffen, obwohl man als Sohn oder Tochter kaum einen Finger daf\u00fcr ger\u00fchrt hat. \u00bbWas viele Million\u00e4re verbindet,\u00ab beobachtet der Wirtschaftsjournalist Christian<br \/>\nRickens, \u00bbist ihr ausgepr\u00e4gtes Selbst- und Sendungsbewusstsein: Alle glauben, dass sie ihr Geld zurecht besitzen, selbst wenn sie es nur geerbt haben. Die Reichen sehen sich selbst als \u00fcberdurchschnittlich verantwortungsvolle und leistungsbereite St\u00fctzen der Gesellschaft.\u00ab<\/p>\n<p>In einem Punkt sind sich allerdings alle Schichten \u00e4hnlich: Kinder und Enkel vermitteln ein Gef\u00fchl von Unsterblichkeit. Unabh\u00e4ngig von ihren finanziellen M\u00f6glichkeiten wachsen M\u00fctter und V\u00e4ter, Gro\u00dfm\u00fctter und Gro\u00dfv\u00e4ter \u00fcber das eigene Ego hinaus und geben etwas von dem weiter, was sie selbst in fr\u00fcheren Jahren erhalten haben. Der Psychologe Heiko Ernst hat sich in seinem Buch Weitergeben! mit dem Thema<br \/>\nbesch\u00e4ftigt und res\u00fcmiert: \u00bbDas ist keineswegs reiner Altruismus. Wer hilft, die Welt auf eine gute Zukunft zuzusteuern, sch\u00f6pft daraus auch f\u00fcr sich selbst Sinn.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gelebte Generativit\u00e4t verbindet also beides: Gemeinwohl und Eigenwohl. Wenn man so will, macht sie das Leben reicher \u2013 und den Abschied davon leichter. In der Elite hat Generativit\u00e4t aber noch eine zweite, weitgehend unbekannte Bedeutung: Familie und humanit\u00e4re Aktivit\u00e4ten dienen als Distinktionsmerkmal und Auslesekriterium. Unausgesprochen erfordert eine F\u00fchrungsposition im Vorstand oder Verwaltungsrat eine vorzeigbare Partnerschaft, Familienleben, ein sichtbares ehrenamtliches<br \/>\nEngagement und m\u00f6glichst auch eine gute Herkunft. Fehlen diese informellen<br \/>\nVoraussetzungen, l\u00e4sst sich die gl\u00e4serne Decke sehr viel schwerer durchbrechen. In einer Studie des Bundesministeriums f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit mit der Einsch\u00e4tzung zitiert: \u00bbWenn Sie nicht verheiratet sind, fehlt Ihnen einfach ein St\u00fcck in Ihrer Vita. Da k\u00f6nnen Sie nach Hause gehen, da ist Feierabend.\u00ab Wenigstens verheiratet gewesen sollte man sein, und am<br \/>\nbesten ein bis vier Kinder haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fazit: F\u00fcr den Sprung an die Spitze ist Generativit\u00e4t eine heimliche Vorbedingung. Nur wer schon oben ist, ermisst ihre signifikante Rolle. Generativit\u00e4t tr\u00e4gt aber nicht nur gesellschaftliches Ansehen ein. Sie beeinflusst auch das Lebensgl\u00fcck. Der Psychoanalytiker Erik Erikson hat sie in seiner Theorie der Lebensstadien als die \u00bbzentrale psychische Entwicklungsaufgabe im mittleren Erwachsenenalter\u00ab definiert.<br \/>\nNur wer mithelfe, den Boden f\u00fcr die n\u00e4chste Generation zu bereiten, dessen Leben vollziehe sich auf sinnvolle und erf\u00fcllende Art. Erikson meinte mit generativ sein prim\u00e4r: Kinder zu bekommen und zu erziehen. Heute verbucht die Psychologie alle Verhaltensweisen als generativ, die \u00fcber die eigene Existenz hinausweisen. Generativ ist demnach nicht nur, wer neues Leben hervorbringt. Sondern auch, wer seine Erfahrung und Kontakte f\u00fcr andere Menschen einsetzt, Wissen weitergibt, Werte<br \/>\nvorlebt, Verantwortung \u00fcbernimmt, Umwelt und Ressourcen f\u00fcr nachfolgende<br \/>\nGenerationen erh\u00e4lt oder etwas schafft, was die Welt \u00fcber den Tag hinaus bereichert: ein Unternehmen, einen Garten, eine Stiftung, einen Film, einen Algorithmus, eine Kunstsammlung, eine Entdeckung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im hohen Alter schlie\u00dflich bedeutet Generativit\u00e4t zu akzeptieren, dass es ohne Hilfsmittel und Hilfe nicht mehr geht und sich die Rollen zwischen Eltern und Kindern immer weiter verkehren. Das Leben in Hinblick auf die eigene Sterblichkeit sinnhafter zu f\u00fchren, das ist es, was ein Lebenswerk ausmacht. Nat\u00fcrlich geht das in besonders gro\u00dfem Stil, wenn man Anne-Sophie Mutter, Steffi Graf oder Bill Gates hei\u00dft. Wie \u00fcberdurchschnittlich viele reiche Menschen bringen sie in ihre Stiftungen und Hilfsprojekte gro\u00dfe Verm\u00f6gen ein, f\u00f6rdern sie \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg und mobilisieren Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre Ziele. Doch Generativit\u00e4t geht auch ein paar Nummern kleiner: Jeder hat M\u00f6glichkeiten, sich durch Beitr\u00e4ge zu einer lebenswerten<br \/>\n(Nach-)Welt auszuzeichnen und mit dem guten Gef\u00fchl belohnt zu leben: Spuren zu hinterlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So setzen Sie zum Sprung nach oben an: Vervollkommnen Sie Ihre Pers\u00f6nlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>In Hemingways Kurzgeschichte Schnee am Kilimandscharo erinnert sich der Erz\u00e4hler Harry Street an einen Journalisten, der einen Artikel mit dem Satz begonnen hatte: \u00bbDie Reichen sind anders als Sie und ich.\u00ab Woraufhin irgendein Witzbold anmerkte: \u00bbJa, sie haben mehr Geld.\u00ab Das stimmt nat\u00fcrlich. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Der Habitus verm\u00f6gender Menschen ist auch davon gepr\u00e4gt, dass sie ein anderes<br \/>\nMindset in sich tragen: Selfmade-Million\u00e4re und Erben eint ein ausgepr\u00e4gtes \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Sind sie in ein gehobenes Milieu hineingeboren, bringen sie von Haus aus ein hohes Ma\u00df an Erfolgsgewissheit mit. Je besser es einer Familie geht, desto souver\u00e4ner f\u00fchlt sich auch der Nachwuchs. Kreativit\u00e4t wird gef\u00f6rdert und kann sich frei entfalten. Gute Beziehungen und finanzielle Polster erm\u00f6glichen Experimente<br \/>\nund puffern R\u00fcckschl\u00e4ge ab. Selbst wenn etwas nicht so klappt, erleben<br \/>\ndie Kinder: Irgendeine L\u00f6sung findet sich immer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwas vom psychologischen Kapital der Oberschicht l\u00e4sst sich auch entwickeln, wenn man nicht mit dem goldenen L\u00f6ffel im Mund geboren ist. Man muss nur wissen, worauf es zu achten gilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 Never let them see you sweat.<\/p>\n<p>Statushohe Menschen verleihen nicht jedem Gef\u00fchl Ausdruck. Zum Streben nach Distinktion geh\u00f6rt es, dass man Launen, \u00c4ngste und Abneigungen f\u00fcr sich beh\u00e4lt. Indem man jederzeit die Form wahrt, sch\u00fctzt man Beziehungen und hebt sich positiv ab. Am besten \u00fcben Sie in allen Lebenslagen Gleichmut ein: Denken Sie sich Ihren Teil, aber unterdr\u00fccken Sie Ausrufe des Erstaunens oder der Ver\u00e4rgerung, filtern Sie Misstimmungen wie Neid, Ekel oder \u00c4ngstlichkeit, gehen Sie \u00fcber Fauxpas hinweg, beherrschen Sie Mimik und K\u00f6rpersprache.\u00a0Wichtig: Ein gefasstes Verhalten erfordert st\u00e4ndiges Training. Nur so entgehen Sie der Gefahr, unter Stress in \u00fcberwunden geglaubte Gewohnheiten<br \/>\nzur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<p>2 Never explain, never complain.<\/p>\n<p>So schwer es f\u00e4llt: Stecken Sie R\u00fcckschl\u00e4ge weg. Halten Sie sich nicht mit Schuldzuweisungen auf. Zum Habitus der Eliten geh\u00f6rt es, sich von Schlappen nicht<br \/>\nersch\u00fcttern zu lassen. Niederlagen sind dazu da, um etwas beim n\u00e4chsten Mal besser zu machen. Apple-Gr\u00fcnder Steve Jobs wurde diesem Anspruch auf beispielhafte Weise gerecht. In seiner legend\u00e4ren Stanford-Rede erz\u00e4hlte er, wie er vom eigenen Unternehmen gefeuert wurde \u2013 von einem Manager, den er selbst angeheuert hatte. \u00bbIch war raus. Und das ziemlich \u00f6ffentlichkeitswirksam.\u00ab<\/p>\n<p>Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht: Jobs hakte die Niederlage ab, baute Apple zur Kultmarke auf und krempelte mit dem iPhone, Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt dem iPad und iTunes das Leben von Hunderten von Millionen von<br \/>\nMenschen um.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3. Verm\u00f6gende gelten als wesentlich offener f\u00fcr neue Erfahrungen,<br \/>\nwissbegieriger und toleranter als \u00c4rmere.<\/p>\n<p>Woran sich das konkret zeigt, hat der Reichenforscher Thomas C. Corley in einer<br \/>\nF\u00fcnf-Jahres-Studie \u00fcber die Lesegewohnheiten reicher und armer Menschen untersucht. Als \u00bbreich\u00ab definiert Corley Menschen, die \u00fcber ein Verm\u00f6gen von gut 3 Millionen US-Dollar verf\u00fcgen. Von ihnen lesen 88 Prozent mehr als 30 Minuten am Tag, vorzugsweise Fach- und Sachb\u00fccher und Biografien \u00fcber gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeiten.<br \/>\n\u00c4rmere lesen im Vergleich sehr viel weniger und falls doch, dann haupts\u00e4chlich, um sich zu unterhalten und abzulenken. Warren Buffet, einer der reichsten Menschen der Welt, sagt von sich, er verbringe 80 Prozent seiner Zeit mit Lesen: Handb\u00fccher,<br \/>\nBusiness-Literatur, B\u00fccher \u00fcber Investment. Studenten der Columbia University empfahl er, es ihm nachzutun: \u00bbLesen Sie jeden Tag 500 Seiten wie diese. So entsteht Wissen. Es baut sich auf wie Zinseszins. Sie alle haben die M\u00f6glichkeit dazu, aber ich<br \/>\ngarantiere Ihnen, nicht viele von Ihnen werden sie nutzen.\u00ab<\/p>\n<p>4. Menschen mit niedrigerem sozialem Status warten auf den gl\u00fccklichen<br \/>\nZufall, die n\u00e4chste Bef\u00f6rderung, die gro\u00dfe Liebe, den Lottogewinn.<\/p>\n<p>Menschen mit hohem Status arbeiten dagegen auf klar definierte berufliche, famili\u00e4re und gesundheitliche Ziele hin. Von den von Corley befragten Reichen verfolgten 70 Prozent mindestens ein gro\u00dfes Ziel im Jahr, bei den \u00c4rmeren waren es nur 3 Prozent. Auch der Self-Made-Multimillion\u00e4r Steve Siebold h\u00e4lt Zielorientierung f\u00fcr einen entscheidenden Erfolgsfaktor: \u00bbDie Reichen sind finanziell erfolgreicher, weil sie einem Aktionsplan folgen, nicht weil sie intelligenter sind. Sie warten nicht darauf, dass ihr Schiff in den Hafen einl\u00e4uft. Sie bauen sich ihr eigenes Schiff.\u00ab<\/p>\n<p>5. Menschen aus einfacheren Verh\u00e4ltnissen lassen sich mehr als<br \/>\nandere von der Masse leiten.<\/p>\n<p>Bessergestellte denken und handeln weniger konform. Mit diesem Unterschied besch\u00e4ftigt sich die Managementprofessorin Nicole Stephens von der Kellogg School of<br \/>\nManagement. Ihre Studien zeigen: High-School-Abg\u00e4nger finden es gut, das gleiche Auto zu kaufen, das auch die Nachbarn fahren. Uniabsolventen weisen die gleiche Idee von sich. Das Verhalten setzt sich bei gro\u00dfen Entscheidungen fort: Wohlhabende heben sich vom Mainstream ab. Sie folgen nicht den Trends, sie setzen sie.<\/p>\n<p>6 Nicht nur Spitzenjobs, sogar Ausbildungspl\u00e4tze werden danach<br \/>\nbesetzt, ob jemand Unternehmergeist zeigt.<\/p>\n<p>Ganz offen sagt das Marion Dedora, Personalchefin der Mayr-Melnhof Gruppe, dem<br \/>\nweltweit gr\u00f6\u00dften Hersteller f\u00fcr Recyclingkarton: \u00bbUnsere k\u00fcnftigen Lehrlinge m\u00fcssen schon mit einem Gef\u00fchl f\u00fcr Verantwortung gro\u00df geworden sein. Nicht wir bringen ihnen das bei, es muss schon im Elternhaus gelebte Realit\u00e4t gewesen sein.\u00ab Im Klartext: Auch Mitarbeiter sind gefordert, unternehmerisch zu denken: \u00dcber den Tellerrand der eigenen Abteilung zu schauen. Die Kosten im Blick zu behalten. M\u00e4rkte, Trends und Mitbewerber zu kennen. Oder schlicht zu sehen, was eine Kundin braucht. Auch wenn man nicht f\u00fcr sie zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>7 Entwickeln Sie sich weiter und weiter.<\/p>\n<p>F\u00fcr Melinda Gates gibt es auch ganz oben keinen Grund, sich auf den erworbenen Lorbeeren auszuruhen: \u00bbSeit ein paar Jahren suchen meine Freunde und ich uns ein Wort des Jahres als Leitstern f\u00fcr die folgenden zw\u00f6lf Monate aus. Mir hilft diese Methode mehr als der \u00fcbliche Neujahrsvorsatz, denn statt mir radikale \u00c4nderungen abzuverlangen, wirkt sie auf meine Denkweise ein. Im letzten Januar habe ich mir das Wort \u203agentle\u2039 auserkoren und das Jahr damit verbracht, mit dieser Vorstellung im Kopf zu leben \u2013 behutsamer mit Menschen umzugehen und auch behutsamer mit mir selbst.\u00ab<\/p>\n<p><strong>\u00bbWer tut, was er liebt, hat den gr\u00f6\u00dften Erfolg\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die einen fangen ganz unten an. Die anderen starten von Haus aus auf der Erfolgsspur. Wie geht man mit so ungleichen Ausgangsbedingungen um? Und zeigt mit Selbstvertrauen die eigenen St\u00e4rken? Ein Gespr\u00e4ch mit der Diplom-Psychologin und<br \/>\nBestseller-Autorin Eva Wlodarek. Doris M\u00e4rtin: Frau Wlodarek, aufsteigen und gesellschaftlich vorankommen m\u00f6chten viele. Doch wer sich auf den Weg nach oben<br \/>\nmacht, gilt schnell als abgehoben und unzufrieden. Eva Wlodarek: Ja, leider \u00e4u\u00dfert sich die Umgebung h\u00e4ufig abwertend im Sinne von: \u00bbDer (die) h\u00e4lt sich wohl f\u00fcr etwas Besseres\u00ab oder \u00bbEr (sie) ist offenbar von Ehrgeiz zerfressen\u00ab.<\/p>\n<p>Das kommt am ehesten von Menschen, die selbst wenig Ambitionen zeigen. Und ihre Einsch\u00e4tzung ist meist falsch. Dem Wunsch nach Weiterkommen liegt n\u00e4mlich keine undankbare, sondern eine kreative Unzufriedenheit zugrunde. Zu wachsen ist ein zutiefst menschliches Bed\u00fcrfnis, dem wir uns nicht verweigern sollten. Indem wir unsere einzigartigen Interessen verfolgen und uns bem\u00fchen, unsere Herzensw\u00fcnsche<br \/>\nzu erf\u00fcllen, entfalten wir unser Potenzial. Bei dem Wunsch nach einem reicheren, erf\u00fcllteren Leben handelt es sich keineswegs um \u00dcberheblichkeit \u2013 im Gegenteil, f\u00fcr unsere Entwicklung ist die Sehnsucht weiterzukommen eine Notwendigkeit. Deshalb ist es wichtig, sich gegen ungerechte negative Zuschreibungen abzugrenzen. Dabei hilft die Frage: Wer \u00e4u\u00dfert die Kritik? Welches Motiv steckt dahinter?<\/p>\n<p>Wer aufsteigen will, entfernt sich kognitiv und kulturell von seiner Herkunft. H\u00e4ufig bedeutet das eine Entfremdung. Andere f\u00fchlen sich abgeh\u00e4ngt \u2026 Wir sind soziale Wesen, Zugeh\u00f6rigkeit spielt f\u00fcr uns eine gro\u00dfe Rolle. Die erste und tiefste Verbindung, die wir erfahren, ist die zur Familie und zu alten Freunden, mit beiden wachsen wir auf. Jede Gruppe \u2013 eben auch diese \u2013 hat ihre eigenen Werte, \u00dcberzeugungen und Verhaltensweisen.<\/p>\n<p>Entfernen wir uns innerlich und \u00e4u\u00dferlich davon, verlieren wir das Vertrauen oder die Zustimmung der Mitglieder. Das macht den betroffenen Menschen zun\u00e4chst einsam. Hier muss er die Balance finden: Sich nicht verbiegen, nur um doch noch dazuzugeh\u00f6ren, und sich gleichzeitig nicht endg\u00fcltig abwenden, denn schlie\u00dflich<br \/>\nhandelt es sich um die eigenen Wurzeln. Ein radikaler Bruch sollte m\u00f6glichst nur erfolgen, wenn Unverst\u00e4ndnis, Neid oder Minderwertigkeitsgef\u00fchle der anderen am Fortkommen hindern. Ein Indikator daf\u00fcr ist, wie traurig, deprimiert oder w\u00fctend man sich nach einer Begegnung mit ihnen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Die Kinder sehr statushoher Eltern sind oft von dem Gef\u00fchl getragen, erw\u00e4hlt zu sein. Was l\u00f6st das psychologisch aus, was weniger Privilegierte so nicht haben? T\u00f6chter und S\u00f6hne ber\u00fchmter, reicher oder anderweitig elit\u00e4rer Eltern wachsen in dem Bewusstsein auf, etwas Besonderes zu sein. Das muss ihnen nicht einmal verbal vermittelt werden. In der Verhaltenspsychologie spricht man vom \u00bbLernen am Modell\u00ab. Wer schon als Kind st\u00e4ndig sieht, wie seine Eltern hofiert werden, erwartet ebenfalls, bevorzugt behandelt zu werden. Hei\u00dft das, Erfolgsgewissheit wird weitergegeben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitergegeben werden die mit der sozialen Zugeh\u00f6rigkeit verbundenen Chancen, etwa finanzielle Unterst\u00fctzung und beste Kontakte. Auch die Erziehung ist ein Bonus, man kennt die Codes und benutzt sie selbstbewusst. Dieser Habitus ist eine gute Grundlage, aber keine Garantie f\u00fcr Erfolg. Eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr Vorankommen und Einkommen<br \/>\nspielen Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale, etwa wie engagiert man ist, wie viel soziale Intelligenz man im Umgang mit anderen zeigt und wie hartn\u00e4ckig man seine Ziele verfolgt.<\/p>\n<p>Kann es f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsbildung auch von Nachteil sein, wenn<br \/>\nman aus einer sehr erfolgreichen Familie stammt? Die Kinder erfolgreicher Eltern stehen enorm unter Druck, weil sie an deren F\u00e4higkeiten gemessen werden. Das gilt vor allem, wenn sie den gleichen Beruf ergreifen, aber auch generell in puncto Erfolg.<br \/>\nDie Anspr\u00fcche kommen sowohl aus der Familie als auch von au\u00dfen. Das kann zu Versagens\u00e4ngsten f\u00fchren. Zudem hat der Nachwuchs meist nicht gelernt, sich durchzubei\u00dfen, weil ihm alle M\u00f6glichkeiten auf dem Silbertablett serviert werden.<br \/>\nUnd der Nachwuchs aus Normalfamilien? Kindern aus einem normalen Milieu wird nichts oder jedenfalls weniger geschenkt. Wer aufsteigen will, muss Risikofreude, Disziplin und Durchhalteverm\u00f6gen entwickeln, Niederlagen wegstecken. Das ist<br \/>\nzwar wesentlich anstrengender, schult aber den Charakter und ist ein gutes Training f\u00fcr soliden Erfolg.<\/p>\n<p>Bildungsaufsteiger berichten immer wieder von dem Gef\u00fchl, nicht gen\u00fcgen zu k\u00f6nnen. Trotz hoher fachlicher Leistungen qu\u00e4lt sie die Angst, als Hochstapler aufzufliegen.<br \/>\nDaf\u00fcr gibt es sogar einen Fachausdruck, \u00bbImpostor-Syndrom\u00ab, Hochstapler-Syndrom: Die eigene Leistung wird untersch\u00e4tzt, Erfolg wird g\u00fcnstigen \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden zugeschoben. Die Ursachen daf\u00fcr liegen meist in Kindheit und Jugend, denn dort entsteht grundlegendes Selbstvertrauen. Dagegen hilft, sich immer wieder die eigenen<br \/>\nF\u00e4higkeiten bewusst zu machen. Dazu kann man ganz konkret eine Liste anlegen, was man alles schon erreicht und geleistet hat. Ebenso sollte man das Lob von anderen ernst nehmen und nicht abwiegeln: \u00bbAch, da habe ich blo\u00df Gl\u00fcck gehabt\u00ab oder \u00bbIch war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.\u00ab Last but not least ist es sinnvoll, sich wie<br \/>\nein Mantra vorzusagen: \u00bbDie anderen kochen auch nur mit Wasser.\u00ab Genau das ist n\u00e4mlich der Fall!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Je weiter jemand beruflich nach oben kommt, desto mehr z\u00e4hlt der Habitus. Wie besteht man gegen Konkurrenten, die von Haus aus den \u00bbrichtigen\u00ab Stallgeruch mitbringen? Es ist durchaus wichtig, den Habitus der Gruppe zu beherrschen, zu<br \/>\nder man geh\u00f6ren m\u00f6chte. Wie man sich benimmt, kleidet, spricht, welche Themen und Hobbys angesagt sind. Das l\u00e4sst sich durch Beobachten von Vorbildern und gezieltes Coaching erreichen. Aber man sollte nie versuchen, \u00fcbertrieben mithalten zu wollen, sondern authentisch bleiben und seine Herkunft nicht verleugnen. Ich erinnere mich an eine hochkar\u00e4tige Podiumsdiskussion, auf der ein erfolgreicher Verleger zwischen lauter Akademikern sa\u00df und selbstbewusst zugab, dass er kein Studium absolviert hat. Das beeindruckte mehr, als wenn er mit den Teilnehmern intellektuell konkurriert<br \/>\nh\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Welches psychologische Gep\u00e4ck hilft beim Sprung nach weiter oben? An erster Stelle sollte nicht der Wunsch nach Geld, Macht oder Prestige stehen, sondern die Leidenschaft f\u00fcr eine Aufgabe. Wer tut, was er wirklich liebt, hat den gr\u00f6\u00dften Erfolg, weil er alles gibt, was in seinen M\u00f6glichkeiten steht. Dann muss der Wunsch hinzukommen, sich der Gruppe anzuschlie\u00dfen, die auf dem eigenen Gebiet bereits<br \/>\nerfolgreich ist. Dazu geh\u00f6rt, deren Habitus zu erlernen und mutig den Kontakt aufzunehmen. Doch Dabeisein ist nicht alles \u2013 dann w\u00e4re man am Ende vielleicht nur ein Empork\u00f6mmling. Diesen Eindruck m\u00f6chte gewiss niemand erwecken<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb ist es wichtig, weiterhin die eigenen Werte zu leben, dankbar und empathisch zu bleiben, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen. Oben zu sein bedeutet auch die Verpflichtung, weiterzugeben, was man hat, sei es Geld, Wissen oder Unterst\u00fctzung. Wer das beherzigt, geh\u00f6rt nicht nur zur \u00e4u\u00dferen, sondern auch zur inneren Elite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei Menschen, die f\u00fcr Sie Elite sind?\u00a0Mein Auswahlkriterium: Diejenigen m\u00fcssen auf ihrem Gebiet etwas Bedeutendes f\u00fcr die Gesellschaft leisten. In der Kunst ist das f\u00fcr mich der Maler Gerhard Richter. In der Mode der kreative Karl Lagerfeld. In der Finanzwelt sch\u00e4tze ich Christine Lagarde. Aber es gibt noch so viele andere Frauen und M\u00e4nner, die man dazuz\u00e4hlen kann. Dr. phil. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin mit langj\u00e4hriger Praxis f\u00fcr Psychotherapie und Coaching in Hamburg. Sie ist eine gefragte Referentin mit Schwerpunkt Pers\u00f6nlichkeit und Kommunikation. Als Expertin vermittelt sie fundiertes Wissen in den Medien, u.a. 20 Jahre f\u00fcr die Zeitschrift Brigitte. Ihre B\u00fccher zu den Themen Selbstvertrauen, Charisma, Einsamkeit und Lebenskunst sind Bestseller und wurden in 8 Sprachen<br \/>\n\u00fcbersetzt. <a href=\"http:\/\/www.wlodarek.de\">www.wlodarek.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668407\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668407\" class=\"size-medium wp-image-668407\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-668407\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2018<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Doris M\u00e4rtin: &#8222;Habitus &#8211; Sind Sie bereit f\u00fcr den Sprung nach ganz oben?&#8220; &nbsp; &nbsp; Psychologisches Kapital: Wie man die Dinge anpackt Psychologisches Kapital: 1. Ressourcen, die Menschen stark machen: zum Beispiel Hoffnung, Selbstvertrauen, Optimismus, Widerstandskraft. 2. 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