{"id":669290,"date":"2019-05-28T00:19:12","date_gmt":"2019-05-27T22:19:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=669290"},"modified":"2019-05-28T00:19:12","modified_gmt":"2019-05-27T22:19:12","slug":"daimler-und-benz-stiftung-internet-und-seelische-gesundheit-wissenschaftler-jan-kalbitzer-ueber-forschung-jenseits-von-technikangst-und-bedenkenlosigkeit-gastbeitrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2019\/05\/28\/daimler-und-benz-stiftung-internet-und-seelische-gesundheit-wissenschaftler-jan-kalbitzer-ueber-forschung-jenseits-von-technikangst-und-bedenkenlosigkeit-gastbeitrag\/","title":{"rendered":"Daimler und Benz Stiftung: Internet und seelische Gesundheit &#8211; Wissenschaftler Jan Kalbitzer \u00fcber Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit (Gastbeitrag)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was macht das Internet: gesund, krank \u2013 oder einfach nur die Psychiater verr\u00fcckt? Gast-Beitrag von Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung \u00fcber einer Vortrag des Wissenschaftlers Jan Kalbitzer.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_669291\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-669291\" class=\"size-full wp-image-669291\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/12\/daimlerstiftungJan_Kalbitzer.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/12\/daimlerstiftungJan_Kalbitzer.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/12\/daimlerstiftungJan_Kalbitzer-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/12\/daimlerstiftungJan_Kalbitzer-449x300.jpg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-669291\" class=\"wp-caption-text\">Jan Kalbitzer, Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie und einer der wissenschaftlichen Leiter des Ladenburger Kollegs \u201eInternet und seelische Gesundheit\u201c der Daimler und Benz Stiftung. (Foto: Daimler und Benz Stiftung\/Oestergaard)<\/p>\n<p><\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Internetsucht als Krankheitsbild<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist es amtlich: Das Spielen im Internet kann s\u00fcchtig machen. So steht es zumindest in der allerneusten Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten. Doch die Einf\u00fchrung des weltweit definierten Krankheitsbilds Internet-Spielsucht ist nicht nur ein Erfolg derer, denen die Gesundheit besonders von Kindern im Umgang mit neuen Technologien ein ernsthaftes Anliegen ist \u2013 sondern ebenso ein Erfolg jener, die voreilig und irrational sind.<\/p>\n<p>Psychiater haben immer wieder Diagnosen erfunden, die r\u00fcckblickend falsch waren \u2013 allerdings zum Zeitpunkt ihres Entstehens gut f\u00fcr die eigene wissenschaftliche oder klinische Karriere. Im Zuge der Digitalisierung, die f\u00fcr viele Menschen mit gro\u00dfer Verunsicherung einhergeht, besteht die Gefahr, dass das Entstehen neuer Krankheitsbilder exponentiell zunimmt.<\/p>\n<p>Diesen Ausw\u00fcchsen stellt sich der Psychiater Jan Kalbitzer entgegen: Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, wesentliche menschliche Grundfertigkeiten zu f\u00f6rdern, statt bei jedem neuen Fortschritt kollektiv in Panik zu verfallen. Hier sein Vortrag bei der Daimler und Benz Stiftung:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Macht uns das Internet gesund, krank \u2013 oder einfach nur die Psychiater verr\u00fcckt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJede neue technische Innovation macht uns Angst\u201c, so Jan Kalbitzer, Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie an der Charit\u00e9 &#8211; Universit\u00e4tsmedizin Berlin und einer der wissenschaftlichen Leiter des F\u00f6rderprojekts \u201eInternet und seelische Gesundheit\u201c der Daimler und Benz Stiftung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDieses Ph\u00e4nomen zeigte sich in der Vergangenheit immer wieder \u2013 und das Internet bildet dabei keine Ausnahme.\u201c So habe etwa die Erfindung der Taschenuhr oder der ersten Automobile auch unter Experten teilweise heftige Ablehnungsreaktionen und schwere Bef\u00fcrchtungen f\u00fcr die Gesundheit der Nutzer hervorgerufen. Der Verlauf sei dabei \u00fcber die Jahrzehnte immer derselbe geblieben: Erst verbreite sich eine immense Angst, dann komme es zu Gew\u00f6hnungseffekten und schlie\u00dflich werde die vormals mit so viel Nachdruck ge\u00e4u\u00dferte Besorgnis schlicht wieder verdr\u00e4ngt. Gerade vor dem Hintergrund nicht selten effekthascherischer angeblicher Sachartikel \u00fcber eine spiels\u00fcchtige, in den Weiten des Internets bereits verloren gegangene ganze Generation an Jugendlichen sei es hilfreich, sich dieses wiederkehrende Muster vor Augen zu halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eProblematisch wird es vor allem auch dann, wenn sich Psychiater als professionelle Bedenkentr\u00e4ger in die Reihen der Mahner einreihen\u201c, stellte Kalbitzer fest, \u201edenn von ihnen diagnostizierte Krankheitsbilder k\u00f6nnen mit einer schweren Stigmatisierung einhergehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGerade da wir heute wissen, wie wahnsinnig unzuverl\u00e4ssig psychiatrische Diagnosen eigentlich sind, m\u00fcssen wir \u2013 wenn wir uns aus \u00e4rztlicher Sicht der Frage stellen, welche gesundheitlichen Auswirkungen das Internet auf uns hat, vorsichtig und vor allem kritisch gegen\u00fcber sogenannten Experten sein\u201c, stellte Kalbitzer fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fehldiagnosen f\u00fcr Schauspieler<\/strong><\/p>\n<p>Dies lasse sich gut am sogenannten Rosenhan-Experiment erl\u00e4utern, das zwischen 1968 und 1972 durchgef\u00fchrte wurde. Dabei hatten sich v\u00f6llig gesunde Patienten in Kliniken einweisen lassen und behauptet, sie w\u00fcrden Stimmen h\u00f6ren, obwohl sie v\u00f6llig symptomfrei waren. Bei allen wurde eine falsche Diagnose gestellt und nicht bemerkt, dass es sich um Schauspieler gehandelt habe. In einem zweiten Teil des Experiments behauptete David Rosenhan gegen\u00fcber den psychiatrischen Anstalten, er habe Pseudopatienten eingeschleust, was jedoch nicht der Fall war. Trotzdem gaben die \u00c4rzte an, mehrere von ihnen erkannt zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auff\u00e4lliges Verhalten oder nur Arbeitserleichterung f\u00fcr Akademiker<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Problem mangelnder G\u00fcltigkeit bei psychiatrischen Diagnosen betreffe auch die Frage, ob eine Internetsucht vorliege. Wenn er selbst etwa einen angeblich aussagekr\u00e4ftigen Fragebogen bez\u00fcglich seiner Internetnutzung ausf\u00fclle, so stehe am Ende eigentlich immer, dass sein Verhalten auff\u00e4llig sei und man ihm rate, sich Hilfe zu holen. \u201eDabei bin ich als Akademiker doch eigentlich gl\u00fccklich, dass ich meine Artikel zuhause und online am Computer schreiben, sie \u00fcber das Internet verschicken, dort ebenso Zeitung lesen, bloggen oder auch Fachartikel recherchieren kann\u201c, res\u00fcmierte Kalbitzer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gamer k\u00f6nnen einfach aufh\u00f6ren, Alkohols\u00fcchtige nicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen normalem und krankhaftem Nutzungsverhalten seien derart flie\u00dfend, dass nur ein genaues Betrachten des Einzelfalles weiterhelfe. Dies h\u00e4tten auch die Forschungsergebnisse des von Daimler und Benz Stiftung gef\u00f6rderten Ladenburger Kollegs \u201eInternet und seelische Gesundheit\u201c verdeutlicht. \u201eWenn wir den Langzeitverlauf betrachten, h\u00f6ren viele Gamer auch einfach wieder mit ihrem extremen Spielverhalten auf und zwar ohne Therapie oder anderweitig \u00e4u\u00dfere Intervention.\u201c Vergleiche man das mit anderen S\u00fcchten, etwa nach Heroin oder Alkohol, ergebe sich ein radikal unterschiedliches Verhaltensmuster.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vorgebliche medizinische Gr\u00fcnde zur Umerziehung von Abweichlern<\/strong><\/p>\n<p>Des Weiteren gelte es auch ein politisches Problem zu bedenken, das sich aus vorschnellen Diagnosen ergebe \u2013 n\u00e4mlich das Moment der \u201emoralischen Panik\u201c. Hierbei w\u00fcrden in manchen L\u00e4ndern medizinische Argumente gezielt dazu genutzt, abweichende Verhaltensweisen als krank und unerw\u00fcnscht zu klassifizieren \u2013 und etwa unangepasste Jugendliche oder Blogger in Bootcamps zur Umerziehung zu zwingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Gegensatz und als Gegenentwurf zu psychiatrischen und psychologischen Modellen, die die Gefahren des Internets in den Vordergrund r\u00fccken, gehe es im F\u00f6rderprojekt der Daimler und Benz Stiftung darum, auch die gesunderhaltenden Elemente der Internetnutzung zu erforschen. \u201eIn der Krisenstation der Tagesklinik der Charit\u00e9 f\u00fchre ich Interviews und frage die Betroffenen, welche Rolle das Internet in der Entwicklung ihrer psychischen Erkrankung spielte\u201c, so Kalbitzer. Erg\u00e4nzend werden an den Standorten M\u00fcnster und Paderborn gro\u00dfe Populationsstudien mit Internet-Hochintensivnutzern durchgef\u00fchrt, um auf diese Weise statistische Aussagen treffen zu k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich werden Philosophen mit einbezogen, die den Untersuchungen zugrunde liegende Krankheitsbilder kritisch hinterfragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Entscheidend: Nicht die Dauer, sondern der Kontrollverlust<\/strong><\/p>\n<p>Als wichtiges Kriterium daf\u00fcr, ob eine m\u00f6gliche St\u00f6rung vorliege, kristallisiere sich dabei derzeit heraus, dass eben nicht die Zeitdauer der Internetnutzung entscheidend sei, sondern vielmehr, ob die Befragten das Gef\u00fchl der eigenverantwortlichen Steuerung oder eines Kontrollverlusts h\u00e4tten. Auch die F\u00e4higkeit auf innere und \u00e4u\u00dfere Reize nicht impulshaft zu reagieren, scheine ein vielversprechender Ansatz zu sein. Menschen, die am Anfang einer psychischen Krise stehen, suchen mitunter im Internet reflexhaft st\u00e4ndig nach neuen Nachrichten. \u201eSie scheinen dabei dem Gef\u00fchl zu unterliegen, dass sie so Einfluss auf eine Ver\u00e4nderung ihres Zustandes erreichen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Effekthascherische und alarmistische Meldungen erkennen<\/strong><\/p>\n<p>Zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt sei sein Fazit, so Kalbitzer, dass es im Zeitalter eines allgegenw\u00e4rtigen und alle Lebensbereiche durchdringenden Internets darauf ankomme, sich der permanenten medialen Verzerrung bewusst zu sein, die wir durch Online-Medien erfahren. Die oft alarmistischen und effekthascherischen Meldungen m\u00fcssten als solche erkannt und mit pers\u00f6nlichem Abstand betrachtet werden. Vielmehr rate er dazu, die neuen Medien gezielt f\u00fcr die eigenen Interessen zu nutzen; dar\u00fcber hinaus sei es wichtig \u2013 wie in der analogen Welt auch, falls diese Unterscheidung denn \u00fcberhaupt noch sinnvoll sei \u2013 klare inhaltliche und zeitliche Priorit\u00e4ten zu setzen und sich der eigenen Ziele und Verantwortlichkeiten bewusst zu sein und diese zu verfolgen. Ob online oder offline spiele dabei nicht die entscheidende Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Audio-Video-Podcast des Vortrags: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mZ-SfRgzCMo\">www.youtube.com\/watch?v=mZ-SfRgzCMo<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Person: Jan Kalbitzer studierte Medizin und Philosophie in Freiburg, Hannover und Haifa und promovierte in Kopenhagen sowie Oxford. Es folgte die Weiterbildung zum Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, anschlie\u00dfend eine wissenschaftliche T\u00e4tigkeit an der Charit\u00e9 \u2013 Universit\u00e4tsmedizin Berlin. 2015 erhielt er f\u00fcr seine Forschung zu den Auswirkungen des Internets auf die Psyche den Max Rubner-Preis, seit 2016 ist er einer der wissenschaftlichen Leiter des Ladenburger Kollegs \u201eInternet und seelische Gesundheit\u201c der Daimler und Benz Stiftung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri;font-size: medium\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_668407\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668407\" class=\"size-medium wp-image-668407\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-668407\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2018<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht das Internet: gesund, krank \u2013 oder einfach nur die Psychiater verr\u00fcckt? 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