{"id":668861,"date":"2018-10-09T01:02:51","date_gmt":"2018-10-08T23:02:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=668861"},"modified":"2018-10-09T14:19:52","modified_gmt":"2018-10-09T12:19:52","slug":"gastbeitrag-von-ulrich-hemel-ueber-ex-audi-chef-rupert-stadler-in-u-haft-das-risiko-von-managerkarrieren-steigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/10\/09\/gastbeitrag-von-ulrich-hemel-ueber-ex-audi-chef-rupert-stadler-in-u-haft-das-risiko-von-managerkarrieren-steigt\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag von Ulrich Hemel \u00fcber Ex-Audi-Chef Rupert Stadler in U-Haft und die Frage nach der Fairness: Das Risiko von Managerkarrieren steigt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rupert Stadler oder: Ethik und Risikomanagement bei der eigenen Karriere von\u00a0<\/strong><strong>Ulrich Hemel, Direktor vom Weltethos-Institut T\u00fcbingen, Theologe, Unternehmer und Ex-Vorstand der Paul Hartmann AG.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_666089\" style=\"width: 439px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-666089\" class=\"size-full wp-image-666089\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw.jpg\" alt=\"\" width=\"429\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw.jpg 429w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 429px) 100vw, 429px\" \/><p id=\"caption-attachment-666089\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Hemel<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rupert Stadler ist ein umg\u00e4nglicher Zeitgenosse. \u00dcber viele Jahre stand er als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von Audi. Er genoss das Vertrauen der Eigent\u00fcmerfamilie und war hoch angesehen. Seit einigen Wochen ist alles anders. Das gewachsene Misstrauen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch das vertrauenssch\u00e4dliche Verhalten speziell des VW-Konzerns beim Dieselskandal hat zu einer der ersten Verhaftungen von Spitzenmanagern gef\u00fchrt. Hintergrund war ein Telefongespr\u00e4ch, das mitgeh\u00f6rt wurde und das den Eindruck erweckte, Rupert Stadler wolle an der weiteren Vertuschung des Skandals mitwirken.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Journalistinnen und Journalisten und f\u00fcr viele Menschen aus der Bev\u00f6lkerung hat es jetzt endlich mal einen der Bosse erwischt. Das tut gut, das ist wie ein St\u00fcck \u201ekollektives Dampf-Ablassen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Staatsanw\u00e4lte profilieren sich, Medien bewerten einzig den Nachrichtenwert<\/strong><\/p>\n<p>Aber ist das alles? Wie so oft, gibt es eben auch eine Kehrseite, die zu betrachten sehr sinnvoll sein kann. Denn nichts im Leben geschieht ohne spezifische Werturteile handelnder Personen. So sieht der Richter einen so dringenden Verdunkelungsverdacht, dass er eine in der Zwischenzeit mehrmonatige Untersuchungshaft &#8211; seit Mitte Juni &#8211; f\u00fcr angemessen h\u00e4lt. So profilieren sich Staatsanw\u00e4lte mit besonders scharfen Schritten gegen\u00fcber Managern. Und in der publizistischen Landschaft wird nicht mehr unterschieden, wie schuldig oder unschuldig jemand sein mag, sondern bewertet wird der Nachrichtenwert. Das f\u00fchrt dann leicht zu einem impliziten Voyeurismus und zur ethisch wenig hochstehenden F\u00f6rderung von Schadenfreude.<\/p>\n<p>Ich kann und will nicht beurteilen, wie schuldig Rupert Stadler ist. Eine Reihe von Beobachtungen sind freilich auff\u00e4llig: Warum nur er und kein anderer? Hat er sich besonders ungeschickt angestellt? Ist er st\u00e4rkerer Drahtzieher als der politisch doch sehr gut vernetzte VW-Konzern in Wolfsburg? Und gilt f\u00fcr ihn die Unschuldsvermutung etwa nicht?<br \/>\nGerade diese letzte Frage ist f\u00fcr Manager hoch brisant. Denn der Aufsichtsrat von Volkswagen hat ihn seiner Aufgabe entbunden und die Fortzahlung seiner Bez\u00fcge an einen f\u00fcr ihn g\u00fcnstigen Ausgang des Verfahrens gekn\u00fcpft. Zu diesem Vorgehen gab es viele beif\u00e4llige Kommentare.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Risiko einer Managerkarriere steigt &#8211; schon Beschuldigungen reichen<\/strong><\/p>\n<p>Es h\u00e4tte aber auch anders sein k\u00f6nnen, etwa so: \u201eDer Aufsichtsrat l\u00e4sst das Arbeitsverh\u00e4ltnis von Herrn Stadler bis zur endg\u00fcltigen Kl\u00e4rung ruhen, da er einem gerichtlichen Urteil nicht vorgreifen kann und will.\u201c<\/p>\n<p>Genau das ist nicht passiert. Zur Folge hat es eine kaum absch\u00e4tzbare Verunsicherung von Managern. Das Risiko einer Managementkarriere steigt. Denn sanktioniert wird eben nicht ein gerichtliches Urteil, sondern schon die Beschuldigung. Dieser Unterschied ist elementar. Denn vor einer Beschuldigung ist niemand gefeit. Wenn die Beschuldigung zum Mittel der F\u00f6rderung eigener Karriere und zur Hemmung anderer Karrieren dient, werden die Sitten weiter verrohen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Juristen mit eher formal ausgebildetem Verstand urteilen &#8211; und gar nicht zu inhaltlichen Fragen kommen<\/strong><\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man argumentieren: Gerade das Durchgreifen gegen\u00fcber Rupert Stadler zeigt den gestiegenen Stellenwert von Compliance. Nur wird dabei vergessen, dass Compliance eine ganz spezifische Aufgabe hat: n\u00e4mlich die Beurteilung, ob geltende Spielregeln eingehalten werden. Ein solches Urteil ist manchmal leicht, manchmal gerade nicht. In unserer Gesellschaft wird es oft dem scharfen, aber eher formal ausgebildeten Verstand von Juristen \u00fcberlassen. Inhaltliche Fragen, also etwa solche zum Sinn gewisser Regeln, werden gar nicht gestellt. Ethik kommt nur im R\u00fcckspiegel vor, also als Anwendung von in Gesetzes- oder Vorschriftsform geronnenen Wertvorstellungen.<\/p>\n<p>Die reine Betrachtung des Rechts reicht aber nicht aus. Dies zeigt ja gerade der VW-Dieselskandal. Amerikanische Verbraucher stehen besser da, weil die amerikanischen Gesetze anders ausgestaltet sind.<\/p>\n<p>Ist das gerecht? Sicher nicht, wenn ich es aus Sicht eines europ\u00e4ischen Verbrauchers betrachte. Und das bedeutet, dass die ethische W\u00fcrdigung des Verhaltens von VW gegen\u00fcber Verbrauchern sehr kritisch ausf\u00e4llt, auch wenn sie juristisch in Ordnung sein mag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die ethische Perspektive: Das Gebot der Folgenabsch\u00e4tzung<\/strong><\/p>\n<p>Aus der ethischen Perspektive gilt beispielsweise das Gebot der Folgenabsch\u00e4tzung. Und auch hier st\u00fcmpert VW weiter. Denn der Konzern f\u00f6rdert ein funktionales und egoistisches Managementverhalten mehr, als ihm lieb sein kann. Wenn ein Manager erf\u00e4hrt: \u201eIm Zweifelsfall l\u00e4sst man mich fallen\u201c, dann hat er innerlich ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis zu seinem Arbeitgeber. Loyalit\u00e4t oder gar Begeisterung sehen anders aus. Fairness \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man ja argumentieren, dass es hier nicht den Falschen trifft und dass doch vermutlich alle Konzernmanager \u201eDreck am Stecken\u201c haben. Ob dies wirklich zutrifft, sei dahin gestellt. Aber selbst dann muss man sich fragen: Mit welchem Recht greift VW einem gerichtlichen Urteil vor?<\/p>\n<p>Noch weiter: Mit welchem Recht wird Ungleichheit bef\u00f6rdert? Denn eine Haftstrafe ist in vielen F\u00e4llen mit der Anforderung verbunden, gleichwohl den Arbeitsplatz frei zu halten. Nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr Manager. Und was folgt daraus? Offenbar nur, dass Manager h\u00f6here Risikopr\u00e4mien ben\u00f6tigen, dass Managementgeh\u00e4lter tendenziell steigen, die Versicherungspr\u00e4mien f\u00fcr Manager aber auch\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wo bleibt die Fairness?<\/strong><\/p>\n<p>Ist das fair?\u00a0Mir scheint die gegenw\u00e4rtige Entwicklung zumindest eine kritische Anfrage wert zu sein. Denn in einer demokratischen Gesellschaft ist es nicht angemessen, Personen mit zweierlei Ma\u00dfstab zu behandeln.<\/p>\n<p>Damit wird gerade kein Sonderstatus f\u00fcr Manager beansprucht. An der Zeit ist aber die Forderung, dass Unternehmen endlich lernen m\u00fcssen, ein Gesp\u00fcr f\u00fcr ethische Fragen zu entwickeln. Daf\u00fcr gibt es Konzepte wie etwa den Weltethos-Ambassador oder den Weltethos-Beirat (www.weltethos.institut.org). Konzerne sollten sich jedenfalls bei ethischen Fragen nicht einfach auf Juristen verlassen, sondern auf eigenst\u00e4ndige Art und Weise an ihrer ethischen Sprach- und Handlungsf\u00e4higkeit arbeiten.<br \/>\nUnd ich bin gespannt, wie es mit Rupert Stadler und mit unserer Gesellschaft weiter geht\u2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668407\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668407\" class=\"size-medium wp-image-668407\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-668407\" class=\"wp-caption-text\">Der neue Blogger-Relevanz-Index 2018<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rupert Stadler oder: Ethik und Risikomanagement bei der eigenen Karriere von\u00a0Ulrich Hemel, Direktor vom Weltethos-Institut T\u00fcbingen, Theologe, Unternehmer und Ex-Vorstand der Paul Hartmann AG. &nbsp; &nbsp; Rupert Stadler ist ein umg\u00e4nglicher Zeitgenosse. \u00dcber viele Jahre stand er als Vorstandsvorsitzender an &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/10\/09\/gastbeitrag-von-ulrich-hemel-ueber-ex-audi-chef-rupert-stadler-in-u-haft-das-risiko-von-managerkarrieren-steigt\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2062,7124,7715,428,731,7713,5202,6928,7714],"class_list":["post-668861","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bauernopfer","tag-dieselskandal","tag-fairness","tag-gastbeitrag","tag-manager","tag-rupert-stadler","tag-staatsanwalte","tag-ulrich-hemel","tag-weltethos-institut-tuebingen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/668861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=668861"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/668861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":668875,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/668861\/revisions\/668875"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=668861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=668861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=668861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}