{"id":668503,"date":"2018-09-19T23:09:57","date_gmt":"2018-09-19T21:09:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=668503"},"modified":"2018-09-19T23:09:57","modified_gmt":"2018-09-19T21:09:57","slug":"daimler-und-benz-stiftung-internet-und-seelische-gesundheit-forschung-jenseits-von-technikangst-und-bedenkenlosigkeit-interview-mit-medienethiker-tobias-matzner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/09\/19\/daimler-und-benz-stiftung-internet-und-seelische-gesundheit-forschung-jenseits-von-technikangst-und-bedenkenlosigkeit-interview-mit-medienethiker-tobias-matzner\/","title":{"rendered":"Daimler und Benz Stiftung: Internet und seelische Gesundheit \u2013 Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit. Interview mit Medienethiker Tobias Matzner."},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Internet und seelische Gesundheit \u2013 Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Internettechnologien durchdringen unseren Alltag in allen Lebensbereichen. Dies wirkt sich auf unser psychisches Befinden aus. Aber was bedeutet das f\u00fcr den Einzelnen und welche Konsequenzen ergeben sich f\u00fcr moderne Gesellschaften? Besteht Handlungsbedarf \u2013 und falls ja, f\u00fcr welche Akteure? Beim 22. Berliner Kolloquium der Daimler und Benz Stiftung diskutierten Forscher und Denker \u00fcber den Umgang mit technischem Fortschritt in einer schnelllebigen Zeit und er\u00f6rterten die Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft. Als wissenschaftlicher Leiter der Veranstaltung sprach der Medienethiker Professor Tobias Matzner mit Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung \u00fcber den aktuellen Stand der Forschung und der Diskussion.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_668768\" style=\"width: 443px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668768\" class=\"size-full wp-image-668768\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/09\/daimlerstiftung.matzner.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/09\/daimlerstiftung.matzner.jpg 433w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/09\/daimlerstiftung.matzner-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><p id=\"caption-attachment-668768\" class=\"wp-caption-text\">Tobias Matzner (Foto: Daimler und Benz Stiftung)<\/p><\/div>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Johannes Schnurr f\u00fcr die Daimler und Benz Stiftung: Herr Matzner, welche gesellschaftliche Rolle nehmen Internettechnologien ein? Weshalb ist der Zusammenhang von Internet und Psyche denn \u00fcberhaupt ein Thema f\u00fcr uns?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Matzner:<\/strong> Internettechnologien betreffen eigentlich alle Bereiche der Gesellschaft. Das Internet ver\u00e4ndert die Art und Weise, wie wir arbeiten, es ver\u00e4ndert unsere Freizeitgestaltung, es ver\u00e4ndert Beziehungen usw. Diese Ver\u00e4nderungen gehen sehr, sehr schnell und sie stellen \u00fcbliche Handlungsweisen, Vorstellungen und Normen, die wir haben in unserer Gesellschaft, infrage. Immer, wenn sich etwas so schnell ver\u00e4ndert und wenn diese Ver\u00e4nderung etwas fraglich macht, dann ist ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach Orientierung da. Nat\u00fcrlich sind die Psychologie, die Psychiatrie, \u00fcberhaupt die Medizin Bereiche der Gesellschaft, die hier gro\u00dfe Orientierung versprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Spielsucht, Handysucht, Fake News in den sozialen Netzwerken, Verletzung der Privatsph\u00e4re, Cybermobbing unter Sch\u00fclern \u2013 gibt es einen Medienhype um die Gefahren des Internets? Wie sch\u00e4tzen Sie als Medienethiker die Situation ein?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben in den vergangenen Jahren das Internet vor allem als gro\u00dfes Potenzial gesehen, als gro\u00dfes soziales Potenzial, aber vor allem auch als gro\u00dfes wirtschaftliches Potenzial. Wir waren alle beeindruckt von den enormen Gewinnen, die IT-Firmen, Start-ups undsoweiter gemacht haben. Und jetzt kommen wir in eine Zeit, in der wir sehen, dass alles gar nicht so rosig ist. Alles hat auch seine Schattenseiten. Ich glaube, an all den von Ihnen angesprochenen Debatten ist etwas dran. Aber gleichzeitig halte ich es nicht f\u00fcr zielf\u00fchrend, jetzt von der gro\u00dfen Euphorie zu der totalen Skepsis und der Bewertung dieser Technologie als etwas B\u00f6sem und Gef\u00e4hrlichem \u00fcberzuschwenken, sondern wir m\u00fcssen irgendwie versuchen, hier jetzt einen Mittelweg zu treffen. Das ist auch das, was wir beim Berliner Kolloquium versucht haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beim Berliner Kolloquium kommen Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen zusammen. Auch in Ihrem von der Daimler und Benz Stiftung gef\u00f6rderten Ladenburger Kolleg forschen unter anderem Mediziner, Psychologen und Psychiater, P\u00e4dagogen und Medienexperten gemeinsam. Weshalb ist dieses interdisziplin\u00e4re Vorgehen wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir gerade \u00fcber Technologien reden, ist der Fokus oft sehr eng. Es ist so: Ich und meine Technologie \u2013 was macht dieses Smartphone mit mir, was bedeutet das f\u00fcr mich? Das ist nur ein Teil der Geschichte.<\/p>\n<p>Was in dieser Perspektive fehlt, das sind die sozialen Bedingungen, die kulturellen Bedingungen, die ethischen Werte und Normen, aber auch die wirtschaftlichen und \u00f6konomischen Bedingungen in unserem Leben. In unserem Forschungsprojekt wollen wir eine detaillierte Auseinandersetzung mit der einzelnen Person und ihren psychischen Problemen, die dann aber in Bezug gesetzt wird zu einem gesellschaftlichen Gesamtbild. Und sie wird auch in Bezug gesetzt zu einer Reflexion, welche Menschenbilder und Werte wir eigentlich gerade haben, wo diese herkommen und ob diese noch treffend sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche Gruppen in unserer Gesellschaft sind von dem Thema \u201eInternet und seelische Gesundheit\u201c besonders betroffen und in welcher Form?<\/strong><\/p>\n<p>Betroffen sind fast alle, auch deswegen, weil man sich Internettechnologien eigentlich nicht mehr entziehen kann. Selbst wenn man sie individuell gar nicht nutzt, nutzen Menschen in unserer Umgebung diese Technologien, machen Fotos von uns und laden diese hoch. Ganz besonders relevant ist zum Beispiel auch der Bereich Arbeit. Internettechnologien f\u00fchren dazu, dass das Arbeits- und Privatleben zunehmend verschwindet. Man kann \u00fcberall arbeiten. Das ist f\u00fcr viele eine gro\u00dfe Bereicherung und bedeutet Flexibilit\u00e4t, es kann aber auch enormen Druck aufbauen. Ganz besonders betroffen sind sicher auch Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen und hier gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis haben nach Orientierung. Folgende Frage ist ja fast schon ein Klassiker: Wie gehe ich mit einer Technologie um, die meine Kinder viel besser verstehen als ich selbst?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welchen besonderen Fokus haben Sie als Medienwissenschaftler und -ethiker auf das Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Was mich gerade besonders interessiert, ist tats\u00e4chlich der Fakt, dass wir eine Debatte dar\u00fcber haben, dass Technologien auch affektiv und emotional auf uns wirken. Das wird aber oft sehr negativ gesehen. Die Idee ist immer noch, dass wir eigentlich rationale, selbstbestimmte Menschen sein m\u00fcssen. Wenn wir dann affektiv unbewusst angesprochen werden, dann ist das etwas B\u00f6ses, fast schon: Wir werden ausgetrickst. Das finde ich eine verengte Perspektive, denn unser affektives, emotionales Leben geh\u00f6rt zum Menschsein dazu. Ich suche eine Perspektive, die dem ganzen Menschen gerecht wird, nicht nur dem vern\u00fcnftigen Teil von uns, aber auf eine Art und Weise, die eben einen Missbrauch dieser M\u00f6glichkeiten versucht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche konkreten Empfehlungen geben Sie uns als Gesellschaft an die Hand? Was sollte, was kann der Einzelne tun?<\/strong><\/p>\n<p>Als Gesellschaft m\u00fcssen wir uns vor allem von dem Druck befreien, irgendwelchen Dingen hinterherlaufen zu m\u00fcssen, zum Beispiel weil wir psychische Gefahren abwenden m\u00fcssen oder weil wir besonders in Europa angeblich den Anschluss an irgendeine Entwicklung verpassen w\u00fcrden. Wir haben gerade gesehen, dass Europa mit der neuen Datenschutz-Grundverordnung pl\u00f6tzlich zu einem wichtigen Player geworden ist in der internationalen Welt der Internettechnologie \u00fcber Europa hinaus.<\/p>\n<p>Es geht um diese Frage: Welche Gestaltungsm\u00f6glichkeiten k\u00f6nnen wir als Gesellschaft f\u00fcr Internettechnologien erm\u00f6glichen? F\u00fcr Einzelne ist es schwer, Empfehlungen zu geben. Wir m\u00fcssen erst einmal sehen, dass wir in unserer Gesellschaft tats\u00e4chlich ganz unterschiedliche Menschen haben mit ganz unterschiedlichen Herk\u00fcnften, Bed\u00fcrfnissen, Anforderungen und Haltungen zur Technologie. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass alle Menschen mitkommen. Wir k\u00f6nnen eine potenzielle Entwicklung, die vielleicht in der Zukunft gut sein wird, jetzt nicht auf dem R\u00fccken von Einzelnen austragen. Wir m\u00fcssen Einzelnen die M\u00f6glichkeit geben, Techniken nutzen zu k\u00f6nnen, aber nicht unbedacht. Niemand kann oder sollte unbedarft irgend etwas tun.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen sicherlich Bildungs- und Informationsangebote verst\u00e4rken. Das darf aber nicht dazu f\u00fchren, dass wir die Verantwortung f\u00fcr einen sinnvollen Umgang mit Technologie komplett bei den Einzelnen abladen und sagen: Ihr m\u00fcsst euch eben vern\u00fcnftig verhalten und Industrie und Politik k\u00f6nnen tun, was sie wollen, und alle Individuen m\u00fcssen dann darauf reagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Blicken wir einmal mutig 20 Jahre in die Zukunft? Was w\u00e4re Ihre Idealvorstellung, wie sollte sich das Verh\u00e4ltnis von Internet und seelischer Gesundheit entwickeln?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nach wie vor, dass Internettechnologien ein gro\u00dfes Potenzial haben, Informationen f\u00fcr mehr Leute bereitzustellen, Interaktion und Auseinandersetzung in der Gesellschaft zu erh\u00f6hen. Ich hoffe, dass wir es schaffen, dieses Potenzial zu realisieren. Das bedeutet sicher auch, dass es n\u00f6tig ist, das Internet und Internettechnologien als gesamtgesellschaftliche Ressource zu sehen. Hier sollte, meiner Meinung nach, eine \u00f6ffentliche oder soziale Organisation dieser Ressource ein Teil davon sein, die also nicht nur privatwirtschaftlich auf dem freien Markt angeboten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und jetzt mal Hand auf\u2019s Herz: Was erwarten Sie ganz realistisch? Welche Entwicklungen wird es in den n\u00e4chsten Jahren geben?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist vielleicht die schwierigste Frage. Sie haben gerade 20 Jahre in die Zukunft blicken lassen. Wenn Sie einmal \u00fcberlegen: Vor gut zehn Jahren wusste niemand, was Facebook ist oder fast niemand in Deutschland. 2006 \u2013 nun sind es zw\u00f6lf Jahre her \u2013 wurde es f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung ge\u00f6ffnet. 20 Jahre sind hier eine Riesenzeit. Wenn Sie mich nach einer realistischen Einsch\u00e4tzung fragen, dann kann ich diese f\u00fcr so eine lange Zeit gerade einfach nicht geben. Ich w\u00fcsste es auch gerne, aber da bin ich \u00fcberfragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Das Interview steht auch im Daimler Blog.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668407\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668407\" class=\"size-medium wp-image-668407\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Grafik_DieKo\u0308nigeDerBlogospha\u0308re_A4_DRAFT_02-1.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-668407\" class=\"wp-caption-text\">Der neue Blogger-Relevanz-Index 2018<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Internet und seelische Gesundheit \u2013 Forschung jenseits von Technikangst und Bedenkenlosigkeit &nbsp; Internettechnologien durchdringen unseren Alltag in allen Lebensbereichen. 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