{"id":668265,"date":"2018-07-14T10:00:16","date_gmt":"2018-07-14T08:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=668265"},"modified":"2018-07-13T13:15:52","modified_gmt":"2018-07-13T11:15:52","slug":"architekturpsychologie-wenn-ein-bau-das-gesundwerden-foerdert-oder-eben-nicht-interview-der-daimler-und-benz-stiftung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/07\/14\/architekturpsychologie-wenn-ein-bau-das-gesundwerden-foerdert-oder-eben-nicht-interview-der-daimler-und-benz-stiftung\/","title":{"rendered":"Architekturpsychologie: Wenn ein Bau das Gesundwerden f\u00f6rdert &#8211; oder eben nicht. Interview der Daimler und Benz Stiftung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Noch immer werden in Deutschland Krankenh\u00e4user streng nach Prinzipien der Wirtschaftlichkeit und reiner N\u00fctzlichkeit erbaut. Dabei bleibt unbeachtet, dass der \u00e4u\u00dfere Raum auf das Befinden der Patienten r\u00fcckwirkt. Einen ganz neuen Weg schl\u00e4gt die Architekturpsychologie mit der Forschungsrichtung der \u201eHeilenden Architektur\u201c ein: Sie untersucht mit wissenschaftlichen Methoden, wie die gebaute Umgebung in positiver Weise Einfluss auf die Genesung von Menschen nehmen kann. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Tanja Vollmer hatte bis vor kurzem eine <\/strong><strong>Gastprofessur an der Technischen Universit\u00e4t Berlin inne und leitete dort den Bereich Architekturpsychologie am Fachbereich Architecture for Health des Instituts f\u00fcr Architektur<\/strong><strong>. Als Referentin der Bertha-Benz-Vorlesung 2018 der Daimler und Benz Stiftung erl\u00e4uterte sie am 14. Juni in Heidelberg, welche nachweisbaren Zusammenh\u00e4nge es zwischen Gesundheit und Geb\u00e4uden gibt. (Gast-Interview von Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668266\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668266\" class=\"size-full wp-image-668266\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Vollmer.Tanja_Vollmer_Foto_RommenBravenboerDaimlerstiftung.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"482\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Vollmer.Tanja_Vollmer_Foto_RommenBravenboerDaimlerstiftung.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Vollmer.Tanja_Vollmer_Foto_RommenBravenboerDaimlerstiftung-300x222.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Vollmer.Tanja_Vollmer_Foto_RommenBravenboerDaimlerstiftung-405x300.jpg 405w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-668266\" class=\"wp-caption-text\">Tanja Vollmer (Foto: RommenBravenboer\/Daimler und Benz Stiftung)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Frau Vollmer, ist der Gedanke einer heilenden Architektur v\u00f6llig neu oder vermuteten bereits die Baumeister fr\u00fcherer Epochen einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Geb\u00e4ude, Psyche und Wohnraum?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>V\u00f6llig neu ist der Gedanke ganz und gar nicht. Wir k\u00f6nnen so weit zur\u00fcckgreifen, dass wir auch in die Antike schauen und die Baumeister der Antike zum Beispiel mit dem Gedanken des Asklepion herbeizitieren. Damals \u00fcberlegte man sich, dass der \u2013 ganz modern gesprochen \u2013 Wellness-Gedanke, also eigentlich eine wohltuende Umgebung, dem Kranken bei der Heilung helfen und ihn unterst\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie dazu gekommen, \u00fcber Architekturpsychologie zu forschen? K\u00f6nnen Sie uns erl\u00e4utern, mit welchen wissenschaftlichen Methoden Sie arbeiten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer:<\/strong> Ich komme urspr\u00fcnglich aus der Klinischen Psychologie und habe sehr intensiv mit Patienten selbst gearbeitet. Wenn sie betroffen sind von schweren Erkrankungen, habe ich dabei immer wieder erfahren, dass sie \u00fcber eine Ver\u00e4nderung im Raum sprechen. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe sehr fr\u00fch begonnen, Wahrnehmungsforschung zu betreiben: Was passiert eigentlich mit der Raumwahrnehmung und der Wahrnehmung zur gebauten Umgebung, wenn man krank wird? Methoden, die wir heute benutzen, sind aus der Stressforschung, physiologische Erhebungen von Stress, aber auch immer noch \u2013 ich schw\u00f6re darauf \u2013 qualitative Interviews. Es gibt nichts Reicheres, als das Gesagte der Betroffenen selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Nennen Sie uns doch ein paar anschauliche Beispiele, was in der Vergangenheit bei der Errichtung von Geb\u00e4uden falsch gemacht oder schlicht nicht bedacht wurde.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer:<\/strong> \u201eFalsch\u201c klingt immer gleich so bewertend. Man hatte noch nicht die Hypothesen oder die Erkenntnisse, die wir heute haben. Man hat etwa zu wenig mit Tageslicht gearbeitet, das ist ein h\u00e4ufiges Manko von Geb\u00e4uden gewesen. Wir wissen heute, dass Tageslicht nicht nur positiv auf die menschliche Gesundheit wirkt, sondern dass es uns auch beim Orientieren hilft. Das ist f\u00fcr neue Erkrankungen wie zum Beispiel Alzheimer sehr wichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_668309\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-668309\" class=\"size-full wp-image-668309\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Bertha-Benz-071.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Bertha-Benz-071.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Bertha-Benz-071-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/07\/Bertha-Benz-071-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-668309\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Daimler und Benz Stiftung)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Kommen wir konkret zur\u00fcck zu den Krankenh\u00e4usern: Diese werden nach den Gestaltungsprinzipien Wirtschaftlichkeit, Nutzen und Effizienz gebaut. Was gibt es daran auszusetzen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>Prinzipiell gar nichts. Jedoch verpassen wir zwei ganz wichtige Aspekte. Das eine ist: Wenn der Mensch erkrankt, hat er mehr n\u00f6tig als Effizienz, n\u00e4mlich Trost und Geborgenheit. Das zweite ist: Wir verpassen, dass wir inzwischen nachweisen k\u00f6nnen, dass Architektur mehr kann, als nur vor Regen und schlechter Witterung sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Im Juni 2018 \u00f6ffnet das Princess M\u00e1xima Center f\u00fcr Kinderonkologie in Utrecht seine Pforten und der erste Spatenstich f\u00fcr die neue Kinder- und Jugendklinik in Freiburg erfolgt im Herbst dieses Jahres. Dies werden die ersten Kliniken sein, deren Konzept weitestgehend auf der Basis architekturpsychologischer Erkenntnisse entwickelt wurde. Welche Bedeutung messen Sie dem bei?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>Diese beiden Krankenh\u00e4user werden weltweit Exempel statuieren: Man kann Einfluss nehmen auf die kindliche Gesundwerdung und die elterliche Gesundheit im Bau von Kinder- und Jugendkliniken. Vor zehn Tagen war die Er\u00f6ffnung des Princess M\u00e1xima Center und wir merken schon jetzt, wie gro\u00df das internationale Interesse daran ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Gilt Ihre Einsch\u00e4tzung f\u00fcr die wachsende Bedeutung heilender Architektur auch f\u00fcr andere Bereiche? Wie stehen Sie zu den St\u00e4dten, den urbanen Zentren, in denen wir heute leben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>Der Begriff der Heilenden Architektur wird leider inzwischen inflation\u00e4r gebraucht und sehr beschr\u00e4nkt auf diesen kurativen Aspekt, also im Sinne der Heilung von Krankheiten. Wir m\u00fcssen aber viel breiter schauen. Ich unterscheide drei Bereiche: zum einen die kurative Architektur, des Weiteren die pr\u00e4ventive Architektur. Das geht sehr in den St\u00e4dtebau: Wie k\u00f6nnen wir St\u00e4dte kreieren, die in Zukunft dazu beitragen, dass wir ges\u00fcnder leben und motiviert sind, uns ohne Auto fortzubewegen, etwa in gr\u00fcneren St\u00e4dten? Der dritte Bereich ist die Rekreativ-Architektur, bei der es um folgende Frage geht: Wie k\u00f6nnen wir uns einen Ausgleich schaffen in unseren zuk\u00fcnftigen Welten gegen unser immer mehr gestresstes Dasein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Wenn Sie sich als Architekturpsychologin etwas w\u00fcnschen d\u00fcrften, wo k\u00f6nnten wir in 20 Jahren stehen? Und wo sollten wir heute konkret ansetzen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>Wenn es nach mir ginge, dann w\u00fcrde ich mir mit dem Blick auf den Gesundheitsbauten-Bau w\u00fcnschen, dass wir eine st\u00e4rkere Auftrennung haben zwischen der Sorge und der F\u00fcrsorge f\u00fcr den Menschen. Fast so, wie es im Mittelalter war, wo der Begriff der Hospitalisierung herkommt, n\u00e4mlich gastfreundlich zu sein anstatt zu reparierend. Demgegen\u00fcber steht die Hochleistungsmedizin, die meiner Ansicht nach dann auch in sehr geballten Hochleistungszentren stattfindet. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass Krankenh\u00e4user, wie wir sie heute kennen, ausgestorben sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stiftung: Zum Schluss eine pers\u00f6nliche Frage: Wo auf der Welt w\u00fcrden Sie aus rein architektonischer Sicht leben wollen und weshalb?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vollmer: <\/strong>Das ist eine sehr sch\u00f6ne Frage. Ich liebe die Architektur eines Oscar Niemeyer, dann m\u00fcsste ich in Brasilien wohnen. Ich liebe auch die Architektur von Le Corbusier, dann m\u00fcsste ich nach Frankreich gehen. Mir gef\u00e4llt der neuzeitliche Gedanke des Tiny Housing, bei dem man mit seinen H\u00e4usern mobil bleibt bis ins hohe Alter. Ich k\u00f6nnte mich dann im Kontext vieler Architekturen weltweit noch testen und selber erleben. Ich bin ein neugieriger Mensch und das w\u00fcrde mir sehr gut gefallen.<\/p>\n<p><strong>Interview: Johannes Schnurr<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch immer werden in Deutschland Krankenh\u00e4user streng nach Prinzipien der Wirtschaftlichkeit und reiner N\u00fctzlichkeit erbaut. Dabei bleibt unbeachtet, dass der \u00e4u\u00dfere Raum auf das Befinden der Patienten r\u00fcckwirkt. 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