{"id":666929,"date":"2018-02-05T01:17:19","date_gmt":"2018-02-05T00:17:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=666929"},"modified":"2018-02-05T01:22:57","modified_gmt":"2018-02-05T00:22:57","slug":"buchauszug-meine-abgeschminkten-jahre-von-stefanie-giesselbach-ein-roman-fuer-expats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/02\/05\/buchauszug-meine-abgeschminkten-jahre-von-stefanie-giesselbach-ein-roman-fuer-expats\/","title":{"rendered":"Buchauszug: &#8222;Meine abgeschminkten Jahre&#8220; von Stefanie Giesselbach. Ein Roman f\u00fcr Expats"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug\u00a0&#8222;Meine abgeschminkten Jahre&#8220; von Stefanie Giesselbach, die f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunknova.de\/beitrag\/eine-stunde-talk-stefanie-giesselbach\">ihre Hamburger Firma, die Alfred L. Wollff GmbH, in die USA gegangen war<\/a>, um sich dort um Vertrieb und Einkauf zu k\u00fcmmern.\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;<\/strong>Die Hamburger Gesch\u00e4ftsfrau Stefanie Giesselbach ist keine 30, als sie in Chicago verhaftet wird. Nach und nach begreift sie, dass sie f\u00fcr die dubiosen Zollgesch\u00e4fte ihres Arbeitgebers b\u00fc\u00dfen soll. Sie verliert ihren Job, ihr Einkommen und ihren Partner und durchlebt vier Jahre Zwangsaufenthalt in den USA, schlie\u00dflich muss sie f\u00fcr zehn Monate ins Gef\u00e4ngnis. Im Frauenknast erlebt sie Denunziation, Gewalt und Drogengesch\u00e4fte \u2013 aber auch F\u00fcrsorge und Zusammenhalt. Als sie endlich nach Hamburg zur\u00fcckkehrt, hat sie f\u00fcnfeinhalb Jahre verloren.&#8220; Ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr Expats?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_667094\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-667094\" class=\"size-full wp-image-667094\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/piper.Giesselbach-02_c-Stefanie-Giesselbach.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"588\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/piper.Giesselbach-02_c-Stefanie-Giesselbach.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/piper.Giesselbach-02_c-Stefanie-Giesselbach-300x271.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/piper.Giesselbach-02_c-Stefanie-Giesselbach-332x300.jpg 332w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-667094\" class=\"wp-caption-text\">Stefanie Giesselbach (Foto: Piper Verlag)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Abschied aus Chicago<\/strong><\/p>\n<p>Die Letzten, von denen ich mich in Chicago verabschiede, sind Susan und Kurt. Meine Nachbarin kuriert gerade eine Krankheit aus und ist noch schwach auf den Beinen. Doch f\u00fcr einen kurzen Moment verwandelt sie sich wieder in das quirlige Energieb\u00fcndel, als das ich sie eigentlich kenne. Sie rappelt sich vom Sofa hoch, springt aufgeregt um mich herum und umarmt mich. \u00bbWir sehen uns wieder!\u00ab, versichern wir uns, lachend und zugleich mit Tr\u00e4nen in den Augen. \u00bbSchon bald! In Deutschland oder irgendwo sonst auf der Welt!\u00ab<\/p>\n<p>Kurt hilft mir, meine beiden Koffer nach unten zu bringen. In Flip-Flops, knielangen Shorts und locker \u00fcber dem Hosenbund h\u00e4ngendem T-Shirt sehe ich ihn noch in der Auffahrt des Park View Palace stehen und winken, bis er aus meinem Blickfeld verschwindet.<\/p>\n<p>Moritz, mein Vorgesetzter, holt mich ab, um mich in seinem dunkelblauen Firmenwagen zum Flughafen zu bringen. Wir fahren p\u00fcnktlich los, aber schon auf der Auffahrt zum Highway staut sich der Verkehr. Das Wetter ist fr\u00fchsommerlich warm an diesem 23. Mai 2008 in Chicago, und bereits Freitagmittag scheinen s\u00e4mtliche drei Millionen Einwohner der Stadt in ein verl\u00e4ngertes Wochenende aufzubrechen. Am Montag ist Memorial Day, der Feiertag zu Ehren der f\u00fcr Amerika gefallenen Soldaten.<\/p>\n<p>Als wir endlich am Flughafen O\u2019Hare ankommen, ist es schon so sp\u00e4t, dass Moritz gar nicht erst das Parkhaus ansteuert. Er bremst direkt vor dem Abflugterminal und l\u00e4sst seinen Wagen mit eingeschaltetem Warnblinker stehen. Wir schnappen uns meine beiden Koffer, rennen zum Air-France-Schalter und verabschieden uns mit einer herzlichen Umarmung voneinander. \u00bbWir sehen uns! Vielleicht schon bald in Hamburg!\u00ab<\/p>\n<p>Ein bisschen verschwitzt und atemlos reihe ich mich zum Check-in ein. Ich bin froh. In elf Stunden wird Christoph mich am Hamburger Flughafen in seine Arme schlie\u00dfen. Anderthalb Jahre Fernbeziehung liegen dann endg\u00fcltig hinter uns. Und auch meine Eltern, meinen Bruder und all meine Freundinnen und Freunde kann ich ab morgen endlich wieder sehen, wann immer mir danach ist.<\/p>\n<p>Moritz entdeckt durch die Schiebet\u00fcren des Abflugterminals eine grimmig dreinblickende Politesse, die auf seinen Audi zusteuert, und spurtet los. Fast gleichzeitig mit der Ordnungsh\u00fcterin kommt er bei seinem Auto an. Aus der Ferne beobachte ich, wie er wild gestikulierend auf die Frau einredet, um dann schnell in sein Auto zu springen und wegzufahren.<\/p>\n<p>Meine Reisepapiere halte ich schon in der einen Hand, w\u00e4hrend ich mit der anderen und einem Knie meine Gep\u00e4ckst\u00fccke vorw\u00e4rtsbugsiere. Wenig sp\u00e4ter reiche ich den weinroten Reisepass und den Ausdruck meiner Online-Buchung \u00fcber den Tresen. Eine freundliche Air-France-Mitarbeiterin beginnt mit dem Check-in, w\u00e4hrend ich einen der Koffer auf die Gep\u00e4ckwaage wuchte.<\/p>\n<p>\u00bbStefanie!\u00ab, f\u00fcr einen Moment habe ich den Eindruck, dass jemand nach mir ruft. Ich achte nicht weiter darauf. Es ist unwahrscheinlich, dass ich gemeint bin. Wer sollte mich hier auf dem Flughafen schon kennen?<\/p>\n<p>\u00bbStefanie!\u00ab Jetzt h\u00f6re ich es laut und deutlich.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig. Da spricht jemand meinen Vornamen englisch, mit einem spitzen \u00bbS-t\u00ab aus. Suchend drehe ich mich um.<\/p>\n<p>Ich erkenne die drei sofort: Die beiden M\u00e4nner und ihre Chefin sind von der amerikanischen Einwanderungs- und Zollbeh\u00f6rde ICE (U.S. Immigration and Customs Enforcement). Es ist knapp zwei Monate her, dass sie mich hier, am Flughafen, unverhofft in Empfang genommen haben, als ich von einem Osterurlaub aus Hamburg zur\u00fcckkam. In einem ihrer Konferenzr\u00e4ume haben sie mich damals eingehend nach den Gesch\u00e4ftspraktiken meines Arbeitgebers befragt.<\/p>\n<p>Ich starre die drei verst\u00e4ndnislos und etwas genervt an. Was wollen sie denn jetzt noch? Auf den letzten Dr\u00fccker, am Flughafen? Gab es vorher nicht genug andere M\u00f6glichkeiten, mich um eine Gespr\u00e4ch zu bitten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Stefanie, Sie sind verhaftet!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbStefanie, Sie sind verhaftet!\u00ab\u00a0Die Stimme der Chefermittlerin klingt feindselig und hart.<\/p>\n<p>Ich reagiere so ungl\u00e4ubig, dass sie sich veranlasst sieht, jedes einzelne Wort ganz langsam und mit sichtlicher Genugtuung zu wiederholen. \u00bbStefanie! Sie. Sind. Verhaftet.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Augenblick steht die Zeit still. Verhaftet? Verhaftet? Verhaftet? Nur langsam nimmt mein Gehirn seine T\u00e4tigkeit wieder auf.<\/p>\n<p>\u00bbSoll das ein Witz sein?\u00ab, frage ich gereizt.\u00a0\u00bbUmdrehen!\u00ab, schnappt sie.<\/p>\n<p>Die Frau, die, wie ich mich jetzt erinnere, Mary hei\u00dft, will mir Handschellen anlegen. Ich bem\u00fche mich, gelassen zu bleiben, um sie, aber auch mich selbst zu beruhigen.<\/p>\n<p>\u00bbNicht n\u00f6tig. Ich komme freiwillig mit. Es ist ja nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses Missverst\u00e4ndnis aufkl\u00e4rt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUmdrehen!\u00ab, wiederholt die Ermittlerin herablassend, als habe sie meinen Einwand nicht geh\u00f6rt. Mir bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als meine Arme hinter dem R\u00fccken zu verschr\u00e4nken. Dann h\u00f6re ich es klicken. Schmerzhaft fest packt sie mich am linken Oberarm und schiebt mich durch die Menschenmenge in der Abflughalle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Abschied von Chicago<\/strong><\/p>\n<p>Ein paar Tage zuvor habe ich in Chicago eine kleine Abschiedsparty gegeben. Allzu viele neue Freundschaften haben sich hier in anderthalb Jahren nicht entwickelt, aber einige Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Allen voran Susan und Kurt, meine Nachbarn im Park View Palace. Und Susans Freundin Terri mit ihrem Mann David, die mit ihrer kleinen Tochter zwei Etagen unter uns wohnen. Eins der netten schwulen Paare, von denen in unserem Hochhaus ziemlich viele wohnen, z\u00e4hlte auch zu meinen G\u00e4sten. Und dann noch eine Kollegin aus der Au\u00dfenhandelsbranche sowie mein Vorgesetzter Moritz mit seiner Ehefrau.<\/p>\n<p>Gemeinsam blickten wir aus meinem Wohnzimmer im 47. Stock auf den Michigan-See hinunter, der sich im Licht der untergehenden Sonne dunkelrot verf\u00e4rbte, und auf die aufbl\u00fchenden B\u00e4ume. Der Ausblick war fantastisch. Etwas Vergleichbares w\u00fcrde ich in Hamburg wohl kaum finden.<\/p>\n<p>Auch meine Mutter war noch einmal f\u00fcr ein paar Tage zu Besuch in Chicago. Begeistert klapperte sie tags\u00fcber die vielen Museen und Sehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt ab, w\u00e4hrend ich im B\u00fcro \u00fcber der Abwicklung letzter Gesch\u00e4ftsvorg\u00e4nge schwitzte. Wahrscheinlich kannte sie die Windy City \u2013 die Stadt, in der stets ein Wind weht \u2013 inzwischen besser als ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-667095\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/02\/piper.cover_.piper_.9783492060585_Meine-abgeschminkten-Jahre.jpg\" alt=\"\" width=\"397\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/02\/piper.cover_.piper_.9783492060585_Meine-abgeschminkten-Jahre.jpg 397w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/02\/piper.cover_.piper_.9783492060585_Meine-abgeschminkten-Jahre-199x300.jpg 199w\" sizes=\"auto, (max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/p>\n<p><strong>Stefanie Gieselbach: &#8222;Meine abgeschminkten Jahre &#8211; Wie ich im amerikanischen Frauenknast landete&#8220;, Piper Verlag 2017, 352 Seiten, 15 Euro:\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.piper.de\/buecher\/meine-abgeschminkten-jahre-isbn-978-3-492-06058-5\">https:\/\/www.piper.de\/buecher\/meine-abgeschminkten-jahre-isbn-978-3-492-06058-5<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein ungutes Gef\u00fchl<\/strong><\/p>\n<p>Als ich sie zum Flughafen brachte, war sie ungew\u00f6hnlich sentimental. Meine Mutter ist sonst keine Glucke, die mir mit ihren \u00c4ngsten und Sorgen die Luft zum Atmen nimmt. Aber diesmal schloss sie mich lange und fest in die Arme. \u00bbSteffi, ich habe irgendwie ein ungutes Gef\u00fchl\u00ab, sagte sie. \u00bbWillst du nicht lieber sofort mit mir nach Hause fliegen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJetzt gleich?\u00ab Ich sah sie ungl\u00e4ubig an.<\/p>\n<p>\u00bbJa. Sofort\u00ab, setzte sie nach und war dabei ein bisschen blass um die Nase. Ich wischte ihre Bedenken mit einem Lachen fort. \u00bbAch, Mama! Ich hab hier doch noch ein bisschen zu tun. Und in einer Woche sehen wir uns schon in Hamburg!\u00ab<\/p>\n<p>Mary schiebt mich weiter durch die Abflughalle. \u00bbWas ist eigentlich los? Was soll das alles?\u00ab, frage ich immer wieder.<\/p>\n<p>\u00bbDas werden Sie noch fr\u00fch genug erfahren!\u00ab, gibt sie barsch zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sobald sie merken, was hier vor sich geht, weichen die Reisenden erschrocken vor uns zur\u00fcck. Die beiden M\u00e4nner haben sich mein Gep\u00e4ck und meinen Ausweis gegriffen und folgen uns unnat\u00fcrlich dicht. Sie tragen zwar Zivil, aber ihre Handschellen und Waffen am Hosenbund stellen sie offen zur Schau. Erst als wir schon fast am Ausgang sind, kommt Mary auf die Idee, mir meine leichte Sommerjacke so \u00fcber die Schultern zu legen, dass die gefesselten Handgelenke verdeckt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Homeland Security<\/strong><\/p>\n<p>Vor einem Schild mit dem Schriftzug Welcome to Chicago wartet eine ganze Wagenkolonne auf uns. Homeland Security steht in fetten Lettern auf den Autos.<\/p>\n<p>\u00bbWir fahren zum Gericht. Ins Zentrum\u00ab, verk\u00fcndet Mary.<\/p>\n<p>Bis in die Innenstadt, denke ich verwirrt, das kann ganz sch\u00f6n dauern. Dabei muss ich dringend auf die Toilette.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich das gleich nach dem Check-in erledigen.<\/p>\n<p>\u00bbIch muss mal\u00ab, melde ich sch\u00fcchtern bei Mary an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In Handschellen<\/strong><\/p>\n<p>Sichtlich genervt geleiten mich die Ermittler zur\u00fcck ins Terminal. \u00dcber Rolltreppen, quer durch die Ankunftshalle und an einem Burger-Restaurant vorbei bringen sie mich zu ihrem B\u00fcro. Erst im Vorraum der Toilette nimmt Mary mir die Handschellen ab.<\/p>\n<p>\u00bbLassen Sie die T\u00fcr offen stehen!\u00ab, ordnet sie barsch an. Mir liegt die Frage auf der Zunge, ob sie mir auch noch den Hintern abwischen will. Aber ich beherrsche mich und halte den Mund.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck vor dem Flughafengeb\u00e4ude, schieben sie mich nicht etwa in eines ihrer Dienstautos, sondern auf die R\u00fcckbank von Marys privatem Kleinwagen. Ein junger Ermittler mit B\u00fcrstenschnitt setzt sich nach vorne auf den Beifahrersitz. Er war auch bei der Befragung vor zwei Monaten dabei. Als arrogant und anma\u00dfend habe ich ihn in Erinnerung. Er hat damals versucht, mich einzusch\u00fcchtern, mir gedroht. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass wir uns noch mal wiederbegegnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mary stellt ein mobiles Blaulicht auf das Autodach, dann rasen wir auf dem Standstreifen an den Verkehrsstaus vorbei. Nach einiger Zeit gehen Funkspr\u00fcche im Auto ein, aufgeregte Durchsagen wechseln hin und her.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch der Kollege&#8230;verhaftet?<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWir haben ihn\u00ab, verstehe ich als Erstes. Dann sch\u00e4lt sich ein Name aus dem Rauschen und Knattern des Sprechfunks heraus: Moritz B\u00f6hm.<\/p>\n<p>Ich schlucke. Auch mein Kollege ist verhaftet?<\/p>\n<p>Wie ich sp\u00e4ter erfahre, haben sie ihn in einer spektakul\u00e4ren Aktion auf der Autobahn gestellt, als er vom Flughafen zur\u00fcck in die Stadt fuhr: H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf, Beine gespreizt, den Oberk\u00f6rper gegen das Wagendach gepresst.<\/p>\n<p>\u00bbUnd wir haben die Giesselbach!\u00ab, ruft Mary triumphierend ins Funkger\u00e4t. \u00bbEinfache Festnahme. Kein Fluchtversuch, kein bewaffneter Widerstand.\u00ab<\/p>\n<p>Ich sch\u00fcttele den Kopf. Hat etwa jemand damit gerechnet, dass ich einen Revolver ziehe und wild um mich schie\u00dfe? Und was ist mit meinem Flug? Die Maschine nach Deutschland hebt in einer Stunde voraussichtlich ohne mich ab. Ob ich heute noch wegkomme? Ob ich mein Ticket auf einen anderen Flug umbuchen kann? Erst ganz allm\u00e4hlich d\u00e4mmert mir der Ernst meiner Lage.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Chicago stoppt unser Konvoi vor der Einfahrt zu einer Tiefgarage. Die Ermittler z\u00fccken Plastikkarten, die sie als Mitarbeiter von ICE ausweisen. Dann tauchen wir in den dunklen Bauch des Geb\u00e4udes ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mit verschr\u00e4nkten, gefesselten H\u00e4nden<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die M\u00e4nner und Frauen aus ihren Fahrzeugen springen, einander auf die Schulter klopfen und sich dr\u00f6hnend und gut gelaunt zu ihrem Fang gratulieren, muss ich im Auto auf meinen hinter dem R\u00fccken verschr\u00e4nkten, gefesselten H\u00e4nden sitzen bleiben. Als mich einer der M\u00e4nner schlie\u00dflich von der R\u00fcckbank des Kleinwagens befreit und auch ich aussteigen darf, entdecke ich Moritz, der in einiger Entfernung zwischen mehreren Agenten steht. Auch ihm haben sie Handschellen angelegt. Es ist merkw\u00fcrdig und irreal, dass wir uns so schnell und unter diesen Umst\u00e4nden wiedersehen: \u00fcberrumpelt, hilflos und vorgef\u00fchrt. Das kann alles nicht wahr sein, signalisieren wir einander mit Blicken. Einzeln werden wir eine Rampe hinaufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Fahrstuhl mustert mich Mary von oben bis unten.<\/p>\n<p>\u00bbSind die Schuhe und die Tasche echt?\u00ab, fragt sie, als h\u00e4tten wir uns gerade in einer Disco kennengelernt. Ein neidvoller Ton schwingt in ihrer Stimme mit. Ich nicke knapp.<\/p>\n<p>Ich trage sommerlich leichte goldene Sneakers meiner Lieblingsmarke. Die dazu passende Tasche ist mir bereits am Flughafen abgenommen worden und h\u00e4ngt nun \u00fcber dem Arm des zweiten Ermittlers.<\/p>\n<p>\u00bbWaren bestimmt nicht ganz billig\u00ab, kommentiert sie.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberrascht und irritiert zugleich. Was geht es sie an, wof\u00fcr ich mein Geld ausgebe? Aber ich schweige. Ich bin zu eingesch\u00fcchtert, um mich mit ihr anzulegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der erste Termin vor dem Haftrichter<\/strong><\/p>\n<p>Durch einen breiten Flur bringen sie mich zu einem Gerichtssaal. Noch immer ahne ich nicht, was mich erwartet. Das riesige T\u00fcrschild mit der Aufschrift Magistrate Judge Asher nehme ich kaum wahr. Erst sp\u00e4ter begreife ich, dass dies mein erster Termin vor dem Haftrichter ist.<\/p>\n<p>Moritz ist schon vor mir angekommen. Er ist in dem imposanten Raum an einem der eleganten ovalen Holztische mit ein paar Herren in teuren Anz\u00fcgen ins Gespr\u00e4ch vertieft.<\/p>\n<p>Neben mir steht ein klein gewachsener Mann von s\u00fcdl\u00e4ndischer Erscheinung. Er tr\u00e4gt eine feine Brille mit Goldrand. Vielleicht kann er mir erkl\u00e4ren, was hier vor sich geht?<\/p>\n<p>\u00bbEntschuldigung\u2009\u2026 Ich habe eine Frage\u00ab, setze ich vorsichtig an, doch da f\u00e4llt er mir schon ins Wort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine Frage? Kein Recht darauf, ihn \u00fcberhaupt anzusprechen<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbSie haben kein Recht, mich anzusprechen!\u00ab, bellt er und wendet sich demonstrativ ab.<\/p>\n<p>Ein Uniformierter befreit mich von den Handschellen und schiebt mich zu einem Tisch, an dem ein dicklicher Mann mit dunklem Teint sitzt. Freundlich l\u00e4chelnd reicht er mir die Hand und stellt sich vor: Jorge Lopez, Public Defender \u2013 mein Pflichtverteidiger f\u00fcr heute.<\/p>\n<p>Ich verstehe. Und bekomme es mit der Angst zu tun. F\u00fcr Moritz ist anscheinend ein ganzes Team hoch bezahlter Anw\u00e4lte anger\u00fcckt. Auf mich wartet ein Armenanwalt, der vermutlich den ganzen Tag hier verbringt. Zwar habe ich in Chicago auch einen eigenen Anwalt, aber hat ihn jemand \u00fcber meine Verhaftung informiert?<\/p>\n<p>Vereinigte Staaten von Amerika gegen Stefanie Giesselbach und Moritz B\u00f6hm, steht auf einem eng bedruckten Schriftst\u00fcck, das mir mein Pflichtverteidiger jetzt her\u00fcberschiebt. Schon der Titel erschreckt mich. Ganz Amerika, dieses riesige Land, klagt Moritz und mich an? Mit klopfendem Herzen und weichen Knien lese ich weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Vorwurf: Den Zoll geprellt<\/strong><\/p>\n<p>Man wirft uns vor, die USA um Z\u00f6lle geprellt zu haben. Angeblich haben wir au\u00dferdem einen Container Honig importiert, der positiv auf ein Breitbandantibiotikum getestet war.<\/p>\n<p>W\u00fctend wende ich mich an den Anwalt. \u00bbWas f\u00fcr ein Schwachsinn! Das stimmt doch alles hinten und vorne nicht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJetzt nicht!\u00ab, zischt mein Pflichtverteidiger mir zu. \u00bbHalten Sie besser den Mund. Sie werden hier nicht zur Sache aussagen!\u00ab<\/p>\n<p>Wann denn dann?, frage ich mich. In was f\u00fcr einem schlechten Film bin ich hier gelandet? Verzweifelt blicke ich mich um. Rechts und links von der T\u00fcr stehen ein paar Sitzb\u00e4nke wie in einem Kirchenschiff. Ganze vorne, in der ersten Reihe, entdecke ich die Ehefrau von Moritz. Sie wirkt angespannt. Wahrscheinlich ist sie direkt von ihrem Arbeitsplatz hierher gehetzt.<\/p>\n<p>Dann bemerke ich einen Mann mit einem akkuraten Seitenscheitel in der zweiten Sitzreihe. \u00bbGut gemacht, Jungs! Super Arbeit!\u00ab, dr\u00f6hnt er quer durch den Saal, lehnt sich breit grinsend zur\u00fcck und reckt demonstrativ die Daumen in die H\u00f6he. Die Ermittler strahlen wie Schuljungen, die eine gute Zensur bekommen haben.<\/p>\n<p>\u00bbDas ist einer der beiden ermittelnden Staatsanw\u00e4lte\u00ab, raunt mir mein Pflichtverteidiger zu. \u00bbDer andere wird vermutlich gleich pl\u00e4dieren.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAlle aufstehen!\u00ab, ruft ein Gerichtsdiener. Ehrf\u00fcrchtig erheben sich die M\u00e4nner um mich herum. Richter Asher betritt in einer schwarzen Robe den Raum. Sofort bringt sich die Anwaltstruppe von Moritz in der Mitte des Raums in Stellung, auch Lopez gesellt sich dazu. Uns beiden wird mit einer kurzen Handbewegung signalisiert, wo unser Platz ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Behauptung: H\u00f6chste Fluchtgefahr<\/strong><\/p>\n<p>Vorhang auf, B\u00fchne frei, Auftritt f\u00fcr die Staatsanwaltschaft. Es ist der Mann mit der Goldrandbrille, der mich beim Betreten des Raums so harsch abgeb\u00fcgelt hat. Blitzschnell, redegewandt und aggressiv fasst er jetzt die Straftaten zusammen, derer wir angeklagt werden sollen. Seine Darstellung klingt so, als w\u00e4ren den Fahndern zwei Schwerkriminelle ins Netz gegangen. Er als Vertreter der amerikanischen Regierung werde nun daf\u00fcr sorgen, dass wir ordnungsgem\u00e4\u00df vor Gericht gestellt w\u00fcrden. Sein Pl\u00e4doyer gipfelt in der Behauptung, dass bei Moritz und mir von h\u00f6chster Fluchtgefahr auszugehen sei. Schlie\u00dflich habe man mich erst in allerletzter Minute am Flughafen geschnappt! Was mich au\u00dferdem sehr verd\u00e4chtig mache: Ich sei \u2013 genau wie mein Vorgesetzter \u2013 im Besitz von zwei Reisep\u00e4ssen.<\/p>\n<p>Auch dieser Vorwurf ist absurd. Meine beiden Ausweise sind v\u00f6llig legal ausgestellt worden. Viele meiner Kollegen, die im Ausland wohnen und dienstlich viel reisen, haben zwei P\u00e4sse. Damit vermeidet man Schwierigkeiten, wenn man abwechselnd in miteinander verfeindete L\u00e4nder einreist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gar nicht erst zu Wort kommen<\/strong><\/p>\n<p>Doch ich habe keine Chance, diesen Punkt aufzukl\u00e4ren. Ich komme schlicht und ergreifend \u00fcberhaupt nicht zu Wort und will nur noch eins: aus diesem Albtraum erwachen.<\/p>\n<p>\u00bbWir bieten an, f\u00fcr unseren Mandanten eine Kaution zu stellen\u00ab, erkl\u00e4ren Moritz\u2019 Anw\u00e4lte.<\/p>\n<p>Kaution? Noch wehrt sich mein Gehirn, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie uns ins Gef\u00e4ngnis sperren wollen. Trotzdem \u00fcberlege ich fieberhaft, an wie viel Geld ich auf die Schnelle herankommen k\u00f6nnte. Vermutlich an nicht mehr, als der Dispokredit meines Kontos hergibt.<\/p>\n<p>\u00bbAbgelehnt\u00ab, erwidert der Richter bereits. \u00bbWir werden uns mit der Frage, ob Sie Sicherheiten anbieten k\u00f6nnen, erst beim n\u00e4chsten Termin befassen.\u00ab<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4lte scheinen damit gerechnet zu haben, jedenfalls wirken sie nicht besonders emp\u00f6rt. Gesch\u00e4ftig z\u00fccken die Herren ihre Terminkalender, um einen zweiten Haftpr\u00fcfungstermin f\u00fcr die n\u00e4chste Woche zu verabreden.<\/p>\n<p>\u00bbDie Angeklagten werden vorerst in die Obhut der Vollzugsbeh\u00f6rden \u00fcbergeben\u00ab, verk\u00fcndet Richter Asher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eingesperrt &#8211; von den Vollzugsbeh\u00f6rden<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eindeutig: Sie sperren uns ein.\u00a0Mein Blick f\u00e4llt auf Moritz\u2019 Ehefrau, die wie erstarrt in der ersten Reihe sitzt. Sie ist die Einzige, die Christoph benachrichtigen k\u00f6nnte, schie\u00dft es mir durch den Kopf. Er erwartet mich doch in wenigen Stunden am Flughafen Fuhlsb\u00fcttel.<\/p>\n<p>Ich muss all meinen Mut zusammennehmen, um mich noch einmal an den kleinw\u00fcchsigen Staatsanwalt zu wenden.<\/p>\n<p>\u00bbW\u00e4re es m\u00f6glich, Frau B\u00f6hm zu bitten, dass sie meine Angeh\u00f6rigen in Hamburg benachrichtigt?\u00ab, frage ich.<\/p>\n<p>Widerwillig nickt er: \u00bbMachen Sie es kurz. Und auf Englisch. Keine Privatgespr\u00e4che!\u00ab<\/p>\n<p>Schnell trete ich auf sie zu und diktiere ihr zitternd Christophs Mobilnummer. \u00bbEr soll auch meinen Eltern Bescheid sagen!\u00ab, f\u00fcge ich hinzu.<\/p>\n<p>\u00bbVersteht sich von selbst. Ich ruf ihn an und sag ihm, was passiert ist.\u00ab<\/p>\n<p>Lopez, mein Pflichtverteidiger, hat den Saal schon verlassen. Wahrscheinlich wartet der n\u00e4chste Fall auf ihn. Mir werden die Handschellen wieder angelegt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunknova.de\/beitrag\/eine-stunde-talk-stefanie-giesselbach\">https:\/\/www.deutschlandfunknova.de\/beitrag\/eine-stunde-talk-stefanie-giesselbach<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug\u00a0&#8222;Meine abgeschminkten Jahre&#8220; von Stefanie Giesselbach, die f\u00fcr ihre Hamburger Firma, die Alfred L. 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