{"id":666565,"date":"2018-02-09T11:34:35","date_gmt":"2018-02-09T10:34:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=666565"},"modified":"2018-02-09T11:34:54","modified_gmt":"2018-02-09T10:34:54","slug":"jedes-zweite-emoji-wird-missverstanden-und-sie-infantilisieren-schriften-experte-florian-coulma-ueber-die-beste-schrift-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2018\/02\/09\/jedes-zweite-emoji-wird-missverstanden-und-sie-infantilisieren-schriften-experte-florian-coulma-ueber-die-beste-schrift-der-welt\/","title":{"rendered":"Jedes zweite Emoji wird missverstanden &#8211; und sie infantilisieren. Schriften-Experte Florian Coulma \u00fcber die beste Schrift der Welt."},"content":{"rendered":"<p><strong>Welche ist die beste Schrift der Welt?<\/strong><\/p>\n<p>Weltweit gibt es heute mehrere Hundert Schriften. Die Schrift ist eine der gr\u00f6\u00dften zivilisatorischen Errungenschaften. Sie ist so pr\u00e4gend, dass wir uns eine Gesellschaft ohne Schrift gar nicht vorstellen k\u00f6nnen. Doch: Wie ist es zu dieser Vielfalt gekommen?<\/p>\n<p>Worin unterscheiden sich Schriften? Und: Sind manche besser als andere? Um diese Fragen zu beantworten, kehren wir zu den ersten Schreib\u00fcbungen der Menschheit zur\u00fcck. Wie und weshalb haben sich die urspr\u00fcnglichen Schriftsysteme ver\u00e4ndert? Das f\u00fchrt zum Zusammenhang von Schrift und Sprache.<\/p>\n<p>Die Maxime, die Kinder in der Schule lernen: \u201eSchreib, wie du sprichst\u201c, suggeriert die klare Richtung, erst Sprache, dann Schrift \u2013 die allerdings in die Irre f\u00fchrt. Die Schrift ist sowohl Abbild als auch Vorbild der Sprache \u2013 und gestaltet in oft \u00fcberraschender Weise unsere Sicht auf die Welt wie auf uns selbst. Florian Coulmas, Professor f\u00fcr Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut f\u00fcr Ostasienwissenschaften der Universit\u00e4t Duisburg-Essen sprach hier\u00fcber\u00a0im Mercedes-Benz Museum in seinem Vortrag \u201eDie beste Schrift der Welt\u201c.<\/p>\n<p><strong>Johannes Schnurr von der Daimler und Benz Stiftung hat sie in einem Gastbeitrag f\u00fcr den Management-Blog zusamen gefasst.\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_666943\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-666943\" class=\"size-full wp-image-666943\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/daimlerstiftung.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/daimlerstiftung.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/daimlerstiftung-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2018\/01\/daimlerstiftung-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-666943\" class=\"wp-caption-text\">Florian Coulmas, Professor f\u00fcr Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut f\u00fcr Ostasienwissenschaften der Universit\u00e4t Duisburg-Essen (Foto: Daimler und Benz Stiftung)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rund 800 Schriftsysteme sind weltweit in Gebrauch. Einige von ihnen umfassen mehrere Tausend Schriftzeichen, andere \u2013 wie unser mageres lateinisches Alphabet \u2013 oft nur wenige Dutzend Buchstaben. Manche Schriftsysteme zeichnen sich durch ihre leichte Erlernbarkeit im Vordergrund aus, andere, wie das arabische, betonen die schwungvoll-malerische Anordnung ihrer Zeichen. Manche werden von rechts nach links, andere in der genau entgegengesetzten Richtung geschrieben und gelesen, einige verlaufen von oben nach unten, manche bringen Sprachlaute zum Ausdruck, andere bleiben v\u00f6llig abstrakt.<\/p>\n<p>Doch wie ist diese ungeheure Vielfalt \u00fcberhaupt entstanden? Worin unterscheiden sich die einzelnen Schriftsysteme? Was leisten einige vielleicht besser als andere?<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche heute vorkommenden Schriften lassen sich auf eine Handvoll\u00a0 urspr\u00fcngliche Schriftsysteme zur\u00fcckf\u00fchren, die zwischen 3500 und 100 v.\u00a0Chr. entstanden sind. \u201eDie Schrift wurde vier oder f\u00fcnfmal unabh\u00e4ngig voneinander erfunden. Alle anderen Formen sind nur Ableitungen aus dieser urspr\u00fcnglichen Gruppe\u201c, sagt Wissenschaftler Florian Coulmas. Wichtig sei es, zun\u00e4chst den grundlegenden Unterschied zwischen Sprache und Schrift zu erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Kennzeichnende der Schrift: Die Dauerhaftigeit<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Sprache fl\u00fcchtig, intuitiv, oft unbewusst und nat\u00fcrlich sei, kennzeichne die Schrift ihre Dauerhaftigkeit, dass sie k\u00fcnstlich und eben nicht intuitiv erworben sei. \u201eJedes Kind lernt durch seine Eltern das Sprechen. Dies ist ein v\u00f6llig nat\u00fcrlicher Vorgang. Schrift hingegen steht im Zusammenhang mit dem Denken und muss in einem &#8211; oft langwierigen &#8211; Prozess erlernt werden.\u201c Coulmas weiter: Die Schrift ist die wichtigste Erfindung, die dem Menschen je gelungen ist. Denn sie entbindet ihn von den Zw\u00e4ngen des \u201eHier und Jetzt\u201c und erm\u00f6glicht damit erst das Entstehen einer Zivilisation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Macht-Instrument<\/strong><\/p>\n<p>Die Schrift als \u201eTechnologie des Geistes\u201c bleibe eng mit zwei anderen Erfindungen verkn\u00fcpft: dem Kalender und den Zahlen. Die Erfassung des Sonnenjahres sei bereits vor rund 3500\u00a0Jahren in beeindruckender Exaktheit gelungen. Wer z\u00e4hlen und schreiben k\u00f6nne, wer den Kalender beherrsche und \u00fcber den Zeitpunkt der Aussaat bestimme, der bestimme auch andere gesellschaftliche Abl\u00e4ufe, lautete Coulmas\u2019 Einsch\u00e4tzung. \u201eWir sehen hier ein effektives Instrument der Macht, das ebenso festlegt, wann gearbeitet und wann gefeiert wird, wie, wann und zu wem gebetet wird.\u201c<\/p>\n<p>Unter den konkurrierenden Zahlensystemen habe sich das arabische gegen das weit verbreitete r\u00f6mische wie auch gegen das chinesische durchgesetzt. \u201eDass dies folgerichtig war, erkennen wir beispielsweise an einfachen Multiplikationsaufgaben, wie sie heute etwa in der 4.\u00a0Klasse \u00fcblich sind. Da kommen die beiden letztgenannten bereits ganz erheblich ins Schleudern.\u201c Auch bei den Kalendern lasse sich ein \u201eVerdr\u00e4ngungswettbewerb\u201c erkennen. Es habe hier zwar einige Jahrhunderte l\u00e4nger gedauert, aber letztlich habe der genaueste Kalender, der gregorianische, sich weltweit durchgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die vielen Kriterien f\u00fcr Schriften<\/strong><\/p>\n<p>Bei Schriften gebe es hingegen ganz unterschiedliche Qualit\u00e4tsmerkmale: Etwa dass sie gut f\u00fcr das menschliche Auge zu erfassen oder leicht verst\u00e4ndlich seien. Aber auch die \u00e4sthetische Wirkung und ihre kognitive Verarbeitung seien wichtige Kriterien. Daraus folge, dass eine Schrift hinsichtlich einiger dieser Kriterien sehr gut sein k\u00f6nne, hinsichtlich anderen aber gerade nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die ersten Schreiber: Buchhalter<\/strong><\/p>\n<p>\u201eZun\u00e4chst m\u00fcssen wir feststellen, dass keine Schrift erfunden wurde, um bestimmte sprachliche Inhalte festzuhalten \u2013 sondern die ersten Schreiber waren Buchhalter. Sie legten Listen an, notierten Schulden oder schrieben Rechnungen\u201c, sagte Coulmas. Es lasse sich in nahezu allen Schriftsystemen jedoch ein Prinzip der Sparsamkeit erkennen. So reduzierte die altpersische Keilschrift innerhalb von 1500\u00a0Jahren die Zahl ihrer Wortzeichen von rund 1000 auf 50. Einen vergleichbaren Vereinfachungsprozess durchliefen die chinesischen Schriftzeichen bei ihrer Anpassung an das Japanische.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kein Interesse am Vereinfachen &#8211; und selbst arbeitslos zu werden<\/strong><\/p>\n<p>Viel st\u00e4rker als bei Zahlen sei bei Schriftsystemen aber eine Pfadabh\u00e4ngigkeit gegeben. \u201eSprachzeichen sind immer auch Symbole und stehen damit f\u00fcr eine bestimmte Weltanschauung, religi\u00f6se oder nationale Haltungen. Hinzu kommt, dass Schriftgelehrte in der Vergangenheit oft schlicht kein Interesse daran hatten, selbst zehn Jahre eine Schrift zu b\u00fcffeln und diese dann am Ende so zu vereinfachen, dass sie von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gelesen werden konnte und sie arbeitslos wurden\u201c, erl\u00e4uterte Coulmas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hangul als beste Schrift der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Lege man jedoch alle der oben genannten Kriterien an, so sei seiner Einsch\u00e4tzung nach \u201eHangul\u201c die beste Schrift der Welt. Doch selbst in Korea, wo diese Schrift 1443 entwickelt worden war, habe sie sich lange nicht durchsetzen k\u00f6nnen. Erst im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Japan habe sich Korea auf dieses Schriftsystem besonnen, dies aber mehr aus politischen und identit\u00e4tsstiftenden Gr\u00fcnden denn aus rein rationaler Einsicht. \u201eHangul ist einfach, sch\u00f6n und elegant \u2013 und f\u00fcr alle Sprachen geeignet. Vielleicht lohnt sich auch f\u00fcr uns in Zukunft mal ein l\u00e4ngerer Blick auf dieses ganz wunderbare Schriftsystem\u201c, empfiehlt Coulmas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Schrift kann die Intention des gesprochenen Worts nur unvollkommen wiedergeben<\/strong><\/p>\n<p>Wie Coulmas als internationaler Sprachwissenschaftler \u00fcber das Erlernen von Schrift in der Schule denkt? \u201eDie Empfehlung \u201aSchreibe, wie du sprichst\u2018 ist schlichtweg grober Unfug. Sprache und Schrift sind unterschiedliche Medien, die sich wie ein dreidimensionaler K\u00f6rper zu einer zweidimensionalen Landkarte verhalten. \u00c4hnlich wie eine Landkarte die tats\u00e4chliche physische Gestalt nur unvollkommen abbildet, kann auch die Schrift die Intention des gesprochenen Wortes nicht vollumf\u00e4nglich darstellen. Die wichtigsten Faktoren f\u00fcrs erfolgreiche Schreiben-Lernen bei Kindern sind gut ausgestattete Schulen und ordentlich bezahlte Lehrer, deren Engagement auch pers\u00f6nlich anerkannt wird.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Emojis tragen zur Infantilisierung der Gesellschaft bei<\/strong><\/p>\n<p>Oder: Ob durch den &#8211; mittlerweile g\u00e4ngigen &#8211; Einsatz von Emojis bei Textnachrichten nicht eine ganz neue Art von Schrift, \u00fcberdies versehen mit einer besonderen Gef\u00fchlsebene entsteht? \u201eLeider zeigen Untersuchungen\u201c, so Coulmas, \u201edass bis zu 50 Prozent der Emojis von ihren Empf\u00e4ngern missverstanden werden, was leider keinen verhei\u00dfungsvollen Start f\u00fcr ein aufstrebendes Schriftsystem bedeutet. Ich will es nicht zu negativ darstellen, aber der Beitrag von Emojis zur Infantilisierung der Gesellschaft muss anerkannt werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Audio-Video-Podcast: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=af70LBtRMDY\">www.youtube.com\/watch?v=af70LBtRMDY<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Zu Florian Coulmas<\/strong>: Er ist Senior-Professor f\u00fcr Japanische Gesellschaft und Soziolinguistik am Institut f\u00fcr Ostasienwissenschaften der Universit\u00e4t Duisburg-Essen. Er forschte und lehrte an verschiedenen Universit\u00e4ten in Japan, USA und Deutschland und war von 2004 bis 2014 Direktor des Deutschen Instituts f\u00fcr Japanstudien in Tokio. 2016 wurde Coulmas mit dem\u00a0Meyer-Struckmann-Preis\u00a0ausgezeichnet. Er ist Mitherausgeber des\u00a0International Journal of the Sociology of Language. Zu seinen wichtigsten Werken geh\u00f6rt die von ihm geschriebene\u00a0Blackwell Encyclopedia of Writing Systems.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche ist die beste Schrift der Welt? Weltweit gibt es heute mehrere Hundert Schriften. Die Schrift ist eine der gr\u00f6\u00dften zivilisatorischen Errungenschaften. 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