{"id":666513,"date":"2017-12-04T01:24:08","date_gmt":"2017-12-04T00:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=666513"},"modified":"2017-12-04T17:29:10","modified_gmt":"2017-12-04T16:29:10","slug":"buchauszug-ingo-bott-das-recht-zu-strafen-ein-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/12\/04\/buchauszug-ingo-bott-das-recht-zu-strafen-ein-roman\/","title":{"rendered":"Buchauszug Ingo Bott: &#8222;Das Recht zu strafen&#8220; &#8211; Ein Roman"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug: &#8222;Das Recht zu strafen&#8220; &#8211; Der Strafverteidiger <a href=\"http:\/\/www.strafrecht.de\/koepfe\/dr-ingo-bott\/\">Ingo Bott<\/a>\u00a0aus der Kanzlei Wessing &amp; Partner in D\u00fcsseldorf hat einen Thriller geschrieben.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_666514\" style=\"width: 443px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-666514\" class=\"size-full wp-image-666514\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/Bott.Ingo_Bott-2.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/Bott.Ingo_Bott-2.jpg 433w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/Bott.Ingo_Bott-2-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><p id=\"caption-attachment-666514\" class=\"wp-caption-text\">Ingo Bott (Foto: Privat)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<strong>.1.Kapitel<\/strong><\/p>\n<p>Anna flucht.\u00a0Sie keucht im Halbdunkel die Stufen hoch. Ihre Wohnung liegt ganz oben, im sechsten Stock. Auf H\u00f6he des vierten Stocks stolpert sie \u00fcber den Treppenabsatz. Sie flucht erneut. Zu Recht, wie sie findet. Es hat etwas Befreiendes. Es tut gut! Es hilft gegen die Wirkung des kalten Biers. Und gegen die Angst. Sie streicht die Locken aus dem Gesicht und rappelt sich auf. Stolpert weiter. Sie flucht schon wieder.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine bescheuerte Idee! Andererseits wei\u00df sie, dass sie keine Wahl hatte. Sie wusste\u00a0es sofort, als der Gedanke aufkam, gerade eben, am Ufer des Landwehrkanals.\u00a0Dieser Gedanke: Das ist es!\u00a0Sie muss nach Hause an den Computer, in das Netzwerk der Staatsanwaltschaft. Dort muss die L\u00f6sung stehen. Dort stand sie die ganze Zeit.\u00a0Anna atmet durch. Sie ist gleich da. Oben.\u00a0Beruhige dich.<\/p>\n<p>Jetzt! Es muss einfach richtig sein. Die L\u00f6sung. Diesmal. Sie hat nur noch diesen einen Schuss.\u00a0Sie wei\u00df es. Alle anderen wissen es auch. Deshalb bringt es nichts, jetzt schon die Soko anzurufen. Au\u00dferdem ist es dann nicht mehr ihr Verdacht. Wenn ihr \u00fcberhaupt noch jemand zuh\u00f6rt.\u00a0Dann bleibt sie stehen. Auf der Treppe vor ihrer Wohnung sitzt jemand.<\/p>\n<p>Anna hat das Licht ausgelassen. Drau\u00dfen tobt der Sommer. Das dunkle Treppenhaus ist angenehm k\u00fchl. Nur durch ein kleines Deckenfenster dringt milchiges Licht. Ein Schatten liegt auf dem Gesicht, das auf sie wartet. Es spielt keine Rolle.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df auch so, wer das ist.<\/p>\n<p>Trotzdem sagt Anna nichts. Atmet schwer. Noch ist der Vorhang nicht gefallen. Noch kann alles ganz anders sein. Dann h\u00f6rt sie die Stimme, die jetzt seltsam klingt. Es ist nur ein Fl\u00fcstern.\u00a0\u00bbDie Strafe, die z\u00fcchtigt, ohne zu verh\u00fcten, hei\u00dft Rache.\u00ab\u00a0Anna erstarrt. Zwei Dinge werden ihr klar: Sie hatte recht. Und sie wei\u00df, wer die N\u00e4chste ist. Ich bin es.*<\/p>\n<p>Die Bedienung aus dem Caf\u00e9 denkt sich nichts. Auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite schleift eine Gestalt eine andere zu einem Auto. Sie schwankt unter dem Gewicht. Na und? Das ist Berlin. Kreuzberg bei Nacht. Die beiden dort dr\u00fcben hatten einfach ein, zwei Kurze zu viel. Wer nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Faber hat die Zeit verloren. Er wei\u00df nicht mehr, wie lange er schon auf den nackten Arsch starrt. Er wei\u00df nur, dass das Leben genau so lange gut ist. Genau so lange, wie die Welt nur aus diesem sch\u00f6nen, schlanken, nackten Arsch besteht. Er wei\u00df, dass er das genie\u00dfen sollte. Und dass es enden wird. Er g\u00e4hnt. Er hat eine anstrengende Nacht hinter sich. Mal wieder.<\/p>\n<p>Der Wecker ihres Handys klingelt und sie wacht auf. Schlafm\u00fctzig tastet ihr Arm auf der Decke herum. \u00bbWo bist du, Faber?\u00ab, brummt sie in das Kissen. \u00bbHinter dir\u00ab, sagt er. \u00bbWas machst du?\u00ab \u00bbIch hadere mit dem Dasein.\u00ab \u00bbWarum?\u00ab\u00a0\u00bbEs war viel sch\u00f6ner, als es nur aus deinem kleinen Hintern bestand.\u00ab\u00a0Sie gibt ein ersticktes Ger\u00e4usch von sich, das er als Lachen einstuft. Dann geht sie ins Bad und es ist vorbei. Die ganze Herrlichkeit. Das gute Leben. Der Rest sowieso.<\/p>\n<p>Faber l\u00e4sst sich in das zerw\u00fchlte Bett zur\u00fcckfallen. Immerhin ist sie so aufmerksam, die T\u00fcr offen zu lassen, sodass er durch das beschlagene Glas der Duschzelle ihre Silhouette sehen kann. Wie bei einem Gehege. Nur dass nicht klar ist, wer eingesperrt ist und wer nicht. Er f\u00e4hrt sich mit den Fingern \u00fcber die Augen. Solche Gedanken um diese Uhrzeit! Es ist schlimm genug, dass er wach ist. Dass sein Kopf nicht den Rand h\u00e4lt, macht es geradezu unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Als sie sich vor dem Spiegel aufbaut, um die kurzen blonden Haare zu f\u00f6hnen, ist auch der Hintern wieder da.\u00bbWarum tust du dir das an?\u00ab, fragt Faber in ihre Richtung. Sie f\u00f6hnt ihre Haare zu Ende und kommt zur\u00fcck ins Schlafzimmer. Als sie die Jalousien hochzieht, dringt goldenes Morgenlicht in den Raum. Es ist widerlich.<\/p>\n<p>\u00bbDrau\u00dfen ist heller Tag, Faber. Also beklag dich nicht. Erfolgreiche Frauen m\u00f6gen keine Jammerlappen!\u00ab\u00a0\u00bbEs ist kurz nach sieben! An einem Samstag!\u00ab, protestiert er. Schwerf\u00e4llig angelt er nach dem Wecker. 6:55 Uhr. Er wedelt verschlafen damit herum. \u00bbSiehst du? In Wahrheit ist es sogar noch viel schlimmer!\u00ab Sie antwortet nicht. Stattdessen \u00f6ffnet sie einen kleinen Koffer und nimmt eine frische Bluse heraus.<\/p>\n<p>\u00bbFang in meinem Laden an\u00ab, sagt er, w\u00e4hrend er seine Augen mit einer Hand gegen die Sonnenstrahlen sch\u00fctzt. \u00bbDu wirst Partner, wir gewinnen einen Haufen F\u00e4lle, arbeiten am Abend, v\u00f6geln in der Nacht und schlafen am Morgen. Wie klingt das?\u00ab Ella lacht. \u00bbAuf gar keinen Fall, mein Lieber\u00ab, sagt sie, w\u00e4hrend sie die Bluse zukn\u00f6pft.\u00a0Immerhin macht sie es langsam.<\/p>\n<p>\u00bbWarum nicht?\u00ab\u00a0\u00bbIch habe einfach viel zu viel Freude an einem geregelten Leben und geistiger Gesundheit. Selbst wenn man daf\u00fcr samstags arbeiten muss. Es gen\u00fcgt v\u00f6llig, wenn Fischer mit dir zusammen ist. Einer muss schlie\u00dflich auf dich aufpassen. Wobei ich mich oft genug frage, wie er das aush\u00e4lt.\u00ab \u00bbWahrscheinlich liegt es daran, dass ich so unglaublich charmant bin.\u00ab Faber grinst.\u00a0\u00bbBist du, Faber\u00ab, sagt sie. \u00bbAber eben nicht nur.\u00ab Ella h\u00e4lt kurz inne und sieht ihn an. \u00bbIn Wahrheit bist du nicht besser als alle anderen. Ein komischer Typ. Charmant, klar. Du siehst gut aus, machst Sport, pflegst dich. Dann eure Kanzlei. Keine Frage, du hast es raus.\u00ab<\/p>\n<p>Faber grinst breiter.\u00a0\u00bbDas bist du also \u2013 einerseits.\u00ab\u00a0\u00bbK\u00f6nnen wir an der Stelle nicht einfach aufh\u00f6ren?\u00ab, fragt er. Sie sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbAuf der anderen Seite bist du aber eben auch genau das, was ich gerade gesagt habe: nicht besser als alle anderen! Besser aussehend vielleicht. Wenn \u00fcberhaupt. Aber ansonsten auch nur ganz bedingt sozialf\u00e4hig. Und jetzt schau nicht so betroffen. Ich geb dir ein Beispiel: gestern. Der ganze Faber in einem Abend. Erst l\u00e4sst du ewig nichts von dir h\u00f6ren. Dann tauchst du pl\u00f6tzlich Freitagnacht v\u00f6llig durch den Wind vor meiner Wohnung auf, erkl\u00e4rst lang und breit, dass du jemanden zum Reden suchst, versprichst mir ein gro\u00dfes Fr\u00fchst\u00fcck, wenn ich mitkomme, wir gehen zu dir und dann machst du doch nichts, als \u00fcber mich herzufallen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnd dir das Hirn rauszuv\u00f6geln\u00ab, erg\u00e4nzt Faber.\u00a0\u00bbUnd mir das Hirn rauszuv\u00f6geln\u00ab, sagt sie.\u00a0Sie l\u00e4chelt und Faber ist zufrieden. Zumindest das scheint geklappt zu haben. \u00bbWas dir gefallen hat\u00ab, sagt er und wei\u00df sofort, dass er wieder den Moment verpasst hat, ab dem er die Klappe halten sollte. \u00bbWas mir gefallen hat\u00ab, erwidert Ella n\u00fcchtern und schl\u00fcpft in einen knielangen schwarzen Rock. \u00bbWas aber nichts daran \u00e4ndert, dass du ein komischer Kerl bist. Und unversch\u00e4mt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnversch\u00e4mt?\u00ab Faber kramt sein unschuldigstes L\u00e4cheln hervor. \u00bbWieso das?\u00ab\u00a0\u00bbZum einen sprichst du jedes Mal, wenn wir uns sehen, schlecht \u00fcber meinen Job bei Elwood &amp; Watson.\u00ab\u00a0\u00bbZu Recht\u00ab, sagt Faber. \u00bbDas sind furchtbare Idioten dort. Mit einer Ausnahme nat\u00fcrlich. Die ist eine ganz besonders attraktive Idiotin.\u00ab \u00bbUnd zum anderen\u00ab, f\u00e4hrt Ella fort, ohne auf seinen Kommentar einzugehen, \u00bbwo ist das Fr\u00fchst\u00fcck?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbRichtig\u00ab, sagt er. \u00bbDa war noch was. Also, lass den Rei\u00dfverschluss offen.\u00ab Sie h\u00e4lt inne. Schaut erst irritiert. Dann genervt.\u00a0\u00bbLass den Rei\u00dfverschluss an deinem Rock offen und komm n\u00e4her\u00ab, brummt Faber. Sie sieht ihn an.\u00a0Er h\u00e4lt dem Blick stand. Brummt weiter. \u00bbKomm her!\u00ab<\/p>\n<p>Sie sch\u00fcttelt die kurzen blonden Haare. Da sie noch nicht frisiert ist, fallen Str\u00e4hnen in ihr Gesicht. \u00bbDas ist jetzt nicht dein Ernst, Faber.\u00ab\u00a0\u00bbKomm n\u00e4her\u00ab, sagt er. Er ist jetzt streng.\u00a0\u00bbDu hast vielleicht Nerven\u00ab, sagt sie. Dann kn\u00f6pft sie die Bluse wieder auf und tritt einen Schritt auf ihn zu.*<\/p>\n<p>Das Telefon klingelt, als er im Bad ist. Es zeigt einen Anruf von Fischer an. \u00bbWas gibt\u2019s?\u00ab, fragt Faber so gut gelaunt wie m\u00f6glich. Fischers Stimme qu\u00e4lt sich seltsam knarzig durch den H\u00f6rer. \u00bbAlles okay, Faber?\u00ab\u00a0\u00bbJa, wieso? Die S\u00e1nchez-Amann ist verschwunden.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Augenblick sagt keiner etwas. Dann fragt Fischer: \u00bbWo warst du gestern Nacht, Faber?\u00ab\u00a0\u00bbWarum?\u00ab, fragt Faber tonlos. Fischer seufzt. \u00bbSie waren hier in der Kanzlei und haben\u00a0sich nach dir erkundigt. Du h\u00e4ttest es besser wissen m\u00fcssen.\u00ab Faber sagt nichts mehr. Er legt auf und sieht in den Spiegel. Dann klingelt es an der T\u00fcr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong><\/p>\n<p>Sie taucht auf.\u00a0Anna wei\u00df nicht, wo sie ist. Da ist dieser Schwindel. Das Dunkel. Sie will die Augen \u00f6ffnen. Sich vortasten. Orientieren. Da ist aber auch noch etwas anderes. Etwas, was sie wieder nach unten zieht. In die Tiefe. In diesen warmen schwarzen Ozean. Anna wei\u00df, dass sie das nicht will. Trotzdem versinkt sie wieder. Und pl\u00f6tzlich ist sie wach. Ersch\u00f6pft, verwirrt. Atemlos. Sie keucht. Hechelt. Stopft Luft in sich hinein.\u00a0Modrige Luft. Sie hat keine Zeit, dar\u00fcber nachzudenken. Jetzt gilt es, erst einmal nur zu atmen. Selbst wenn es das Letzte ist, was sie tun wird. Vielleicht ist es das Letzte, was ich tun werde.<\/p>\n<p>Sie k\u00e4mpft gegen die Panik. Versucht, sich zur Ruhe zu zwingen. Zu klaren Gedanken. Sie wei\u00df nicht, wo sie ist. Sie wei\u00df nicht, wie lange sie bet\u00e4ubt war. Sie wei\u00df einfach gar nichts.\u00a0Doch.\u00a0Ich wei\u00df, bei wem ich bin.\u00a0Sie will sich wehren. Sich sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Vor der Realit\u00e4t. Vor allem. Sie wei\u00df, dass sie nichts sieht, weil ihre Augen verbunden sind. Diese Binde soll weg, runter von ihren Augen, aber ihre H\u00e4nde bewegen sich nicht. Nicht einmal ein kleines St\u00fcck.\u00a0Sie braucht einen Moment, bis sie versteht.<\/p>\n<p>Ich bin gefesselt.\u00a0Langsam sickert die Erkenntnis in ihr Bewusstsein. Ich bin gefesselt. Ich bin geknebelt. Und nackt.\u00a0Dann h\u00f6rt sie einen erstickten Schrei. Hysterisch. Wahnsinnig vor Angst.\u00a0Es klingt grauenvoll. Noch grauenvoller ist nur eines: zu verstehen, woher der Schrei kommt. Er kommt von mir.\u00a0Dann verliert sie wieder das Bewusstsein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-666515\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/cover.Bott_Strafe_cmyk-2.jpg\" alt=\"\" width=\"394\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/cover.Bott_Strafe_cmyk-2.jpg 394w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/11\/cover.Bott_Strafe_cmyk-2-182x300.jpg 182w\" sizes=\"auto, (max-width: 394px) 100vw, 394px\" \/><\/p>\n<p><strong>Ingo Bott: &#8222;Das Recht zu strafen&#8220; &#8211; Grafit Verlag, Dortmund, 444 Seiten, 13 Euro:\u00a0http:\/\/www.grafit.de\/service\/programm\/buchdetails\/titel\/das-recht-zu-strafen\/<\/strong><\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p>Der Besitzer dieser Tasse ist \u00fcber 30! Bitte sprechen Sie langsam! Faber wei\u00df nicht, wie oft er den Spruch und die beiden grellbunten Ausrufezeichen in der letzten Stunde angesehen hat. Es ist ihm auch egal. Er fand ihn schon beim ersten Mal nicht lustig. Trotzdem starrt er immer wieder auf die h\u00e4ssliche gelbe Tasse auf dem h\u00e4sslichen grauen Tisch. Er hat schlichtweg keinen Nerv mehr, noch einmal in Hennings\u2019 glasige Augen zu sehen. Den Gnom daneben ertr\u00e4gt er noch weniger.\u00a0Also kramt er m\u00fchsam ein falsches L\u00e4cheln hervor. \u00bbSind wir dann fertig? Kann ich jetzt gehen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas k\u00f6nnen Sie vergessen, Faber!\u00ab, schnarrt der Gnom mit gepresster Stimme. \u00bbDas k\u00f6nnen Sie vergessen und das wissen Sie auch!\u00ab\u00a0Das L\u00e4cheln ist genauso schei\u00dffreundlich wie das von Faber. Und genauso falsch.\u00a0Faber funkelt den Gnom genervt an. Der Gnom funkelt zur\u00fcck. Faber sieht zu Hennings. Dieses Gehabe muss den alten Mann doch auch nerven. Aber der schaut nur schwerf\u00e4llig zur Seite. Der Gnom lacht. Das Zeichen ist eindeutig: Er ist es, der das Gespr\u00e4ch f\u00fchrt. Hennings beobachtet nur.<\/p>\n<p>\u00bbDas kann nicht Ihr Ernst sein\u00ab, sagt Faber. \u00bbWir kommen doch hier nicht weiter! Und alle wissen es!\u00ab\u00a0Der Gnom l\u00e4chelt. Seit einer Stunde spielen sie jetzt schon das Spielchen, wer das gr\u00f6\u00dfere Arschloch ist. Es steht immer noch unentschieden. \u00bbSelbstverst\u00e4ndlich meinen wir das ernst, Herr Dr. Faber.\u00ab Den Titel schnarrt er besonders gen\u00fcsslich heraus, ganz so, als wollte er zeigen, dass so etwas Faber hier nicht weiterhilft. Genau so ist es ja auch.\u00a0Der Gnom f\u00e4hrt fort: \u00bbWir k\u00f6nnen das Ganze hier auch sehr beschleunigen. Das wissen Sie. Alles, was Sie tun m\u00fcssen, ist, uns zu sagen, wo Frau Dr. S\u00e1nchez-Amann ist!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch muss Ihnen gar nichts sagen\u00ab, erwidert Faber. \u00bbUnd das wissen Sie auch. Wir k\u00f6nnen unsere kleine Plauderrunde hier aber trotzdem abk\u00fcrzen. Das w\u00e4re doch ganz wunderbar, oder? Wir k\u00f6nnten zum Beispiel mal was fr\u00fchst\u00fccken. Oder wir machen was anderes, worin wir gut sind. Ich k\u00f6nnte zum Beispiel meinen Job machen. Und Sie k\u00f6nnten einfach jemand anderen nerven. Wobei, warten Sie \u2013 das ist ja Ihr Job!\u00ab<\/p>\n<p>Der Gnom lacht. Geckert. Mit einiger Wahrscheinlichkeit soll das ironisch sein. Tats\u00e4chlich ist es einfach nur ein Trauerspiel.<\/p>\n<p>Dann hat Hennings die Nase voll. Vielleicht hat der Hinweis auf das Fr\u00fchst\u00fcck geholfen. Vielleicht hat er auch einfach nur keine Lust mehr auf das Theater. Er beugt sich langsam vor und sagt: \u00bbWenn Sie hungrig sind, Herr Dr. Faber, kommen wir Ihnen grunds\u00e4tzlich gern entgegen. Ich kann Ihnen etwas vom B\u00e4cker holen lassen. Ich weise Sie allerdings darauf hin, dass wir Ihnen bereits eine Brezel zur Verf\u00fcgung gestellt haben. Au\u00dferdem haben Sie einen Kaffee und ein Mineralwasser erhalten. Auch davon stellen wir Ihnen bei einem entsprechend ge\u00e4u\u00dferten Bed\u00fcrfnis gern noch mehr zur Verf\u00fcgung.\u00ab<\/p>\n<p>Hennings sieht in Richtung Spiegelscheibe. Er nickt. Faber wei\u00df, dass dahinter einer sitzt, der brav mitschreibt. Wahrscheinlich irgendein Jungspund, der gerade mal seit ein paar Wochen bei der Kripo ist und jetzt den Papierkram machen muss.<\/p>\n<p>Dem Beschuldigten wurden wiederholt Speisen und Getr\u00e4nke\u00a0angeboten. Es wurde ihm verdeutlicht, dass er bei entsprechend ge\u00e4u\u00dfertem Bed\u00fcrfnis weitere Verpflegung erhalten werde.\u00a0Dass das auch wirklich ganz klar ist.\u00a0Hennings wendet sich wieder Faber zu. Sein Gesicht ist\u00a0regungslos, aber zufrieden. Die Botschaft ist deutlich. Sie<br \/>\nfischen hier nach einem sauberen Gest\u00e4ndnis. Selbst den losen Verdacht eines Beweiserhebungsverbots k\u00f6nnen sie nicht brauchen. Von Folter darf und wird keine Rede sein.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte Faber so passen.\u00a0\u00bbAlso, noch eine Brezel?\u00ab schnarrt der Gnom. Faber starrt auf den traurigen Teigklumpen vor sich. Er sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbNein. Lassen Sie mich einfach nur gehen.\u00ab\u00a0Hennings sieht gelangweilt aus dem Fenster. Das Panorama besteht aus einer grauen Wand in einem Innenhof. Man erkennt, dass die Sonne scheint. Drau\u00dfen ist es warm, in diesen Morgenstunden vielleicht sogar ausnahmsweise einmal angenehm. Drinnen nicht. Im Verh\u00f6rraum ist es einfach nur stickig und schw\u00fcl. Die Situation kotzt sie alle an.<\/p>\n<p>Alle bis auf den Gnom vielleicht, denkt Faber. Nicht auszuschlie\u00dfen, dass der tats\u00e4chlich Spa\u00df an der Sache hat. Womit er beim Arschlochwettbewerb dann doch in F\u00fchrung geht. Was ihn wahrscheinlich noch zus\u00e4tzlich freut. Der Gnom kichert nerv\u00f6s. \u00bbSie gehen lassen\u00ab, wiederholt er mit einer klebrigen Heiterkeit, sch\u00fcttelt theatralisch den Kopf und setzt etwas auf, was wahrscheinlich seiner Vorstellung einer rigorosen Maigret-Ged\u00e4chtnis-Miene nahekommt. \u00bbSie wissen, dass wir das nicht tun werden.\u00ab<\/p>\n<p>Faber folgt Hennings\u2019 Blick.\u00a0Die graue Wand.\u00a0Wenigstens haben es die anderen auch nicht gem\u00fctlich.\u00a0Dann r\u00e4uspert er sich. \u00bbIch sage es Ihnen gern noch einmal\u00ab, erkl\u00e4rt er so ruhig wie m\u00f6glich. \u00bbIch wei\u00df nicht, wo sie ist. Ich habe nicht die geringste Ahnung!\u00ab Er klingt genervter, als er sollte, und das \u00e4rgert ihn.<\/p>\n<p>Der Gnom lehnt sich auf seinem B\u00fcrostuhl zur\u00fcck und verschr\u00e4nkt die Arme. Anders als Hennings ist er kein grober Fleischberg, sondern besteht fast ausschlie\u00dflich aus Muskeln. Zu seinem Nachteil verteilen die sich auf knapp ein Meter sechzig. Das hat zur Folge, dass er immer unter Spannung zu stehen scheint.<\/p>\n<p>Zu viel Strom f\u00fcr den Gnom, denkt Faber m\u00fcde. Nicht mal sein Unterbewusstsein lacht. Faber starrt ihn w\u00fctend an. Sein Zeigefinger wickelt sich nerv\u00f6s um eine Haarstr\u00e4hne. Er f\u00fcrchtet, dass er so verspannt wirkt, wie er ist. Was nicht gut w\u00e4re. Dann passiert es. Er bemerkt es, registriert es bewusst. Trotzdem kann er nichts dagegen tun. Faber verliert die Nerven. \u00bbWas soll das eigentlich?\u00ab, fragt er. \u00bbWas soll dieser Mist? Auf welcher Grundlage halten Sie mich hier fest? Bin ich hier als Zeuge, als Beschuldigter oder was? Was wollt ihr denn eigentlich?\u00ab<\/p>\n<p>Die beiden sehen sich an. Hennings beugt sich vor. \u00bbSie sind Beschuldigter, Faber.\u00ab \u00bbUnd warum?\u00ab \u00bbWeil wir nicht wissen, wo sie ist. Dr. S\u00e1nchez-Amann. Und weil viel daf\u00fcr spricht, dass Sie es wissen. Dass Sie, lassen Sie mich das so formulieren, zumindest eine Ahnung haben, wo sie steckt.\u00ab \u00bbUnd warum sollte das so sein?\u00ab Faber klingt patzig. So f\u00fchlt er sich auch.<\/p>\n<p>Hennings hebt die Augenbrauen. Er seufzt. \u00bbEs spricht viel daf\u00fcr, dass Sie mit Frau Dr. S\u00e1nchez-Amann zu tun hatten, Faber. Herrgott, wir wissen, dass Sie mit ihr zu tun hatten, und Sie wissen, dass wir das wissen! Jeder wei\u00df das!\u00ab Hennings hat sich in Rage geredet. Er atmet schwer, bekommt sich aber wieder in den Griff. \u00bbDa Sie uns dazu nichts sagen, da Sie gar nichts sagen, kommen wir hier nicht voran. Also machen wir zwei Dinge: Wir nehmen an, dass Sie etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben. Und wir nehmen an, dass Sie uns sagen werden, was. Die einzig offene Frage ist nur noch: Wann?\u00ab<\/p>\n<p>Faber zieht die Augenbrauen hoch. \u00bbSo einfach ist das f\u00fcr euch?\u00ab Der Gnom zuckt mit den Schultern. \u00bbSo einfach ist das f\u00fcr uns.\u00ab Dann belehrt er ihn \u00fcber seine Rechte. Faber sch\u00fcttelt sich und f\u00e4hrt sich durch die Haare. Es widert ihn an. \u00bbIch will mit meinem Anwalt sprechen\u00ab, sagt er. Der Gnom lacht. \u00bbDas haben Sie schon mal gesagt.\u00ab \u00bbSchon dreimal\u00ab, korrigiert ihn Faber. \u00bbSchon dreimal\u00ab, \u00e4fft ihn der Gnom nach. Er lacht weiter.\u00a0Faber \u00fcberlegt, ihm ein paar Z\u00e4hne auszuschlagen. Einfach so. Aus Prinzip.<\/p>\n<p>\u00bbEin Verteidiger, der einen Verteidiger braucht! Was sind Sie eigentlich f\u00fcr ein Anwalt, dass Sie selbst einen Anwalt ben\u00f6tigen? Stellen Sie sich vor, wir erz\u00e4hlen das weiter. Stellen Sie sich einmal vor, das bekommt die Presse mit. Der gro\u00dfe Dr. Faber braucht einen Anwalt, um sich nicht vor der Kripo in die Hosen zu schei\u00dfen. Das w\u00e4re doch mal eine sch\u00f6ne Schlagzeile, was?\u00ab<\/p>\n<p>Hennings r\u00e4uspert sich.\u00a0Der Gnom versteht und ruckelt unruhig auf seinem Stuhl herum. Er darf sich nicht derart mitrei\u00dfen lassen. Nachlassen wird er trotzdem nicht. Keinen Millimeter. \u00bbIch will mit meinem Anwalt sprechen\u00ab, sagt Faber wieder. Der Gnom streckt die Arme durch. \u00bbVon mir aus. Machen Sie das. Sprechen Sie mit Ihrem Anwalt. Aber oh, ich merke gerade: Er ist ja gar nicht da!\u00ab Tats\u00e4chlich ist Fischer nicht da.<\/p>\n<p>Faber wundert sich nicht. Es war klar, dass er seinen Partner rufen w\u00fcrde, wenn sie ihn zum Verh\u00f6r mitnehmen. Und es war klar, dass Fischer nicht gleich kommen w\u00fcrde. Dass er nicht gleich kommen konnte.<\/p>\n<p>So ist das eben, denkt Faber. Wie schnell gibt es Umst\u00e4nde, die einen Verteidiger davon abhalten, allzu rasch bei der Kripo aufzutauchen? Wie schnell ger\u00e4t man in eine Verkehrskontrolle? Oder in eine anderweitig unvorhergesehene Situation? Faber nimmt den letzten Schluck kalten Kaffee aus der h\u00e4sslichen Tasse. Es wird wohl bei dem Geduldspiel bleiben.<\/p>\n<p>Er ist daher \u00fcberrascht, als sich Hennings einmal mehr nach vorn qu\u00e4lt und sagt: \u00bbH\u00f6ren Sie, Faber, wenn es nach mir geht, ist klar, dass Sie nichts mit dem Verschwinden von Frau\u00a0r. S\u00e1nchez-Amann zu tun haben. Wir kennen uns lange genug. Lassen Sie uns ruhig offen miteinander sein. Sie wissen genau, dass ich Sie nicht mag. Es ist auch nicht so, dass ich Ihnen nicht allen m\u00f6glichen Schei\u00df zutraue, Faber. Regeln und so, das ist nicht wirklich Ihr Ding.\u00ab<\/p>\n<p>Hennings nimmt einen Schluck Wasser. Er will das wirken lassen. In der Zwischenzeit f\u00e4hrt er sich mit der Hand \u00fcber die paar noch verbliebenen blonden Stoppelhaare auf seinem massigen Sch\u00e4del.\u00a0Dann geht es weiter. \u00bbWie gesagt, ich glaube nicht, dass Sie mit dem Verschwinden von Dr. S\u00e1nchez-Amann etwas zu tun haben. Das Problem ist: Sie ist trotzdem weg und es ist unser Job, sie zu suchen. Dabei m\u00fcssen wir jede Spur verfolgen und alle falschen F\u00e4hrten ausschlie\u00dfen. Das ist Ihnen doch klar, Faber!\u00ab<\/p>\n<p>Hennings ringt sich ein L\u00e4cheln ab. \u00bbWenn Sie uns nicht sagen k\u00f6nnen, wo Frau Dr. S\u00e1nchez-Amann ist, dann lassen Sie uns wenigstens mit dem Ausschlussverfahren vorankommen. Wenn es nach mir geht, k\u00f6nnen wir diese Befragung auch einfach schnell wieder sein lassen und uns auf erfolgversprechendere Spuren konzentrieren. Sagen Sie uns einfach, wo Sie gestern Nachmittag und vergangene Nacht waren und was Sie in dieser Zeit getan haben, Faber. Dann schlie\u00dfen wir Sie als Verd\u00e4chtigen aus und k\u00f6nnen uns mit wichtigeren Dingen befassen.\u00ab<\/p>\n<p>Faber ist \u00fcberrascht. Zumindest fast. Nicht nur, dass Hennings \u00fcberhaupt etwas gesagt hat. Die beiden Spinner ziehen tats\u00e4chlich das alte Spiel mit ihm ab. Good cop. Bad cop. Mitten in Berlin. W\u00e4re er nicht so genervt, k\u00f6nnte er fast dar\u00fcber lachen.<\/p>\n<p>Hennings sieht ihn lange an. \u00bbAlso, Faber?\u00ab\u00a0Faber \u00e4rgert sich im selben Moment, in dem er den Mund aufmacht. Was sagt er seinen Mandanten immer und als Allererstes? \u203aSie haben viele Rechte, aber das Wichtigste ist, schweigen zu d\u00fcrfen. Alles was Sie sagen, k\u00f6nnen und d\u00fcrfen die Ermittler gegen Sie verwenden. K\u00f6nnen und d\u00fcrfen und werden.\u00a0Also schweigen Sie! Schweigen Sie und rufen Sie Ihren Anwalt an.\u2039<\/p>\n<p>Wie oft hat er das schon gesagt? Wie oft hat er sich das selbst sagen h\u00f6ren? Hundert mal? Tausendmal? Wie oft hat er sich dar\u00fcber aufgeregt, wenn sich die Leute nicht daran hielten. Dabei ist es so leicht: einfach nur nichts sagen. Nichts tun. Wie schwer kann das sein?<\/p>\n<p>Zu schwer. Jedenfalls f\u00fcr ihn. Jedenfalls jetzt.\u00a0Faber will n\u00e4mlich nicht mehr. Er kann auch nicht mehr. Er will seine Ruhe. Er will hier weg. Raus. In die Kanzlei, den Werlein-Termin vorbereiten. Einfach fort von diesem Unsinn. Von allem. Also sagt er: \u00bbIch war zu Hause.\u00ab<\/p>\n<p>Sofort ist der Gnom hellwach. \u00bbWas haben Sie dort gemacht?\u00ab Faber \u00fcberlegt. \u00bbIch habe gearbeitet.\u00ab\u00a0\u00bbWoran?\u00ab \u00bbAn einem Fall.\u00ab \u00bbVon zu Hause?\u00ab \u00bbIch habe auch dort einen Schreibtisch.\u00ab\u00a0Das stimmt. Obwohl er sich bei der Gr\u00fcndung der Kanzlei fest vorgenommen hat, niemals, unter keinen Umst\u00e4nden Arbeit mit nach Hause zu nehmen, hat er in den Erker der Maisonette einen alten Sekret\u00e4r gestellt, an dem er manchmal auch abends noch in einer Akte bl\u00e4ttert. Mittlerweile stapeln sich ein gutes Dutzend davon im Kleiderschrank. Genau deswegen hat er Hennings und den Gnom auch nicht hereingebeten, als sie vor\u00a0ein paar Stunden bei ihm vor der Wohnungst\u00fcr auftauchten. Um wenigstens nicht dabei sein zu m\u00fcssen, wenn sie zwischen den Aktenbl\u00e4ttern seiner Mandate nachsp\u00e4hten, ob er die\u00a0S\u00e1nchez-Amann nicht vielleicht dort versteckt hatte.<\/p>\n<p>Faber war nach einer kurzen telefonischen Abstimmung mit Fischer brav Hennings und dem Gnom hinterher gelaufen. Darum sitzt er jetzt nicht mit den beiden an seinem K\u00fcchentisch, sondern hier, im verspiegelten Verh\u00f6rzimmer I, das er kennt wie seine Westentasche. Nur eben als derjenige, der auf dem linken Stuhl sitzt. Als Verteidiger. Nicht als der Depp, dem man bl\u00f6de Fragen stellt. Und der auch noch antwortet.<\/p>\n<p>\u00bbSie haben also gearbeitet\u00ab, wiederholt der Gnom. \u00bbJa\u00ab, sagt Faber und merkt, wie seine Stimme zittert. Verdammt noch mal! Er \u00fcberzeugt nicht einmal sich selbst. \u00bbUnd gibt es daf\u00fcr Zeugen?\u00ab fragt der Gnom mit leiernder Stimme, ganz so, als komme es auf die Frage ohnehin nicht an. Wieso auch, wenn man die Antwort sowieso schon kennt? \u00bbNein\u00ab, sagt Faber.<\/p>\n<p>\u00bbSie waren also die ganze Nacht allein\u00ab, stellt der Gnom mit schwer unterdr\u00fcckter Zufriedenheit fest und kritzelt auf seinem Block herum. \u00bbNein\u00ab, sagt Faber.\u00a0Der Gnom sieht auf.\u00a0\u00bbGegen zehn bin ich zu einer Kollegin von Elwood &amp; Watson gefahren\u00ab, sagt Faber.\u00a0Der Gnom streckt den R\u00fccken durch. Fixiert ihn. \u00bbWarum?\u00ab\u00a0 \u00bbIch habe sie abgeholt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnd dann?\u00ab\u00a0\u00bbWir sind zu mir gefahren.\u00ab \u00bbUnd dann?\u00ab Faber seufzt. \u00bbDann habe ich ihr meine Briefmarkensammlung gezeigt.\u00ab\u00a0Der Gnom runzelt die Stirn. \u00bbWollen Sie uns verarschen?\u00ab\u00a0Faber sieht ihm in die Augen. \u00bbIch dachte, das machen Sie hier ganz alleine.\u00ab\u00a0Die angeschwollene Halsschlagader des Gnoms verhei\u00dft gro\u00dfe<br \/>\nGef\u00fchle. Er kommt aber nicht mehr dazu, sie herauszulassen.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich und Fischer tritt ein. \u00bbDr. Ulrich Fischer, Strafverteidiger\u00ab, sagt er und dr\u00fcckt den Ermittlern jeweils eine Visitenkarte in die Hand. Was eigentlich nicht n\u00f6tig ist. Sie kennen ihn. Alle hier kennen sich. Fischer stippt sich an den schwarzen Rahmen seiner Brille und setzt einen mahnenden Blick auf. Klares Zeichen: Jungs, die Party ist vorbei. Als sich trotzdem keiner bewegt, wird er deutlicher. \u00bbIch denke, ich sollte mich mit meinem Mandanten allein besprechen!\u00ab<\/p>\n<p>Hennings und der Gnom geben nach. Dazu sind die Spiel-Regeln zu klar, dazu ist die Spiegelscheibe zu pr\u00e4sent. Die Sache hier ist vorbei. Vorerst.<\/p>\n<p>Faber steht auf, um Fischer in ein abh\u00f6rsicheres Besprechungszimmer zu begleiten. Er zwinkert dem Good-cop-bad-cop-P\u00e4rchen zu. \u00bbSchade, Jungs. Hat Spa\u00df gemacht!\u00ab\u00a0er Gnom zwinkert schief zur\u00fcck. \u00bbSie sind ein schlimmer Finger, Faber. Ich wei\u00df es, Sie wissen es und es wird nicht lange dauern, dann wissen es alle anderen auch. Ein schlimmer Finger. Das ist es, was Sie sind.\u00ab Faber grinst. \u00bbSo, so, hat Ihnen das Ihre Mutter verraten?\u00ab\u00a0Dann zieht ihn Fischer durch die T\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>5.<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbWo warst du?\u00ab, fragt Faber.\u00a0\u00bbVerkehrskontrolle. Zehn Meter vor der Haust\u00fcr\u00ab, erwidert Fischer grimmig. \u00bbAngeblich war ich zu schnell.\u00ab\u00a0\u00bbMit F\u00fchrerschein, Fahrzeugpapieren, Reifendruckkontrolle und so weiter?\u00ab\u00a0\u00bbDas volle Programm.\u00ab Faber seufzt. Das bedeutet zugleich, dass die Kripo seine Wohnung ohne anwaltliche Begleitung durchsucht hat. Er versucht, nicht weiter daran zu denken.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist das nicht das gr\u00f6\u00dfte Problem an der Sache. Das liegt woanders. Fischer macht erst gar keine Anstalten, darum herumzureden. \u00bbWarum hast du mit denen gesprochen?\u00ab\u00a0Faber windet sich. \u00bbIch habe doch fast gar nichts gesagt.\u00ab<\/p>\n<p>Fischers Augen weiten sich. \u00bbBist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was macht man, wenn die Polizei einen befragt? Man schweigt, verdammt! Wie oft haben wir das den Leuten schon erkl\u00e4rt? Wie oft, Max, wie oft?\u00ab<\/p>\n<p>Faber senkt den Kopf. Fischer ist ernsthaft ersch\u00fcttert. Das merkt man schon daran, dass er Fabers Vornamen benutzt. Am schlimmsten ist, dass Fischer recht hat. Faber hat sich verhalten wie ein absoluter Vollidiot. Ein Vollidiot, der es h\u00e4tte besser wissen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Faber nimmt einen Schluck Kaffee aus der witzlosen \u00dcber-30-Tasse, die er in den Nebenraum mitgenommen hat. \u00bbDer Kaffee schmeckt furchtbar\u00ab, sagt er. \u00bbZeit, dass wir das hier gegen etwas Vern\u00fcnftiges eintauschen. Wie w\u00e4re es mit einem Cappuccino im Woanders?\u00ab Fischer nimmt die Brille ab und f\u00e4hrt sich \u00fcber die Augen. \u00bbWas haben sie, Faber?\u00ab Faber seufzt. \u00bbDas wei\u00dft du doch. Ich hab dir das gesamte Gespr\u00e4ch erz\u00e4hlt. Mehr war nicht!\u00ab<\/p>\n<p>Fischer sch\u00fcttelt den Kopf. F\u00e4hrt sich durch die Haare. Kurz, blond, gegelt. Jetzt ein bisschen durcheinander. Fischer ist es egal. Faber sowieso. \u00bbDas meine ich nicht. Was haben sie ansonsten? Was haben sie, was sie interessiert? Was dir schaden k\u00f6nnte? Dir ist klar, dass du nicht nur hier auf dem Pr\u00e4sidium bist. Sie waren auch bei dir!\u00ab<\/p>\n<p>Faber nickt. Nat\u00fcrlich wei\u00df er das. Selbstverst\u00e4ndlich waren sie bei ihm. Da spielt es auch keine Rolle, dass er Anwalt ist. Jetzt ist er vor allem Beschuldigter. Ein B\u00fcrger, den man eines Verbrechens beschuldigt. Bei dem man daher die Wohnung durchsuchen kann und alle Unterlagen, die sich darin befinden. Jedenfalls alle, die m\u00f6glicherweise zielf\u00fchrend sind. Was man aber erst wei\u00df, nachdem man hinein gesehen hat.<\/p>\n<p>Wenigstens waren es nicht der Gnom und Hennings, die mit ihren Fingern darin herumgew\u00fchlt haben, denkt Faber. Es ist ein kleiner Sieg. Wirkungslos. Und bitter.\u00a0 \u00bbDa ist nichts\u00ab, sagt er.\u00a0Fischer wischt mit einem Tuch auf seinen Brillengl\u00e4sern he-<br \/>\nrum. Er bem\u00fcht sich, ruhig zu klingen. \u00bbWir brauchen dringend eine Strategie, Faber. Wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, dass der Stress jetzt erst richtig losgeht. Zumindest solange die Staatsanw\u00e4ltin verschwunden ist. Und zwar genau die Staatsanw\u00e4ltin, die an dem Fall arbeitet, mit dem du st\u00e4ndig in der Presse bist! Die Staatsanw\u00e4ltin, mit der du selbst in der Presse warst! Und die vor drei Tagen abends bei dir im B\u00fcro war!\u00ab<\/p>\n<p>Faber sieht erstaunt auf. \u00bbDas wei\u00dft du?\u00ab Fischer setzt die Brille wieder auf und lehnt sich nach vorn. Er sieht Faber streng an. \u00bbMax, glaubst du, ich bin ein Idiot? Mann, die Situation ist ernst genug, also bitte, beleidige nicht auch noch den einzigen Freund, den du vielleicht gerade hast! Das ist genauso meine Kanzlei wie deine. Also um Himmels willen, was denkst du denn? Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass sie bei dir im B\u00fcro war!\u00ab<\/p>\n<p>Faber hebt beschwichtigend die Hand. \u00bbIn Ordnung. Sie war da. Wir hatten viel miteinander zu tun in letzter Zeit. Du wei\u00dft das.\u00ab\u00a0\u00bbSie werden rausfinden, dass sie da war, Faber. In deinem B\u00fcro.\u00a0In unserer Kanzlei.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbOkay, von mir aus\u00ab, sagt Faber. \u00bbAber was soll\u2019s? Du wei\u00dft doch: Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist. Und es ist nicht verboten, mit einer Staatsanw\u00e4ltin zu sprechen. Auch nicht bei einem Verteidiger im B\u00fcro. Ungew\u00f6hnlich vielleicht. Aber nicht verboten.\u00ab Fischer starrt auf seine H\u00e4nde. Langsam sch\u00fcttelt er den Kopf. Faber wird nerv\u00f6s. \u00bbWas hast du?\u00ab<\/p>\n<p>Fischer sieht nicht auf. \u00bbEs ist weniger, was ich habe. Die Frage ist eher: Was hast du? Was ist los mit dir, Faber? Seit knapp vier Wochen sehe ich dich kaum noch, h\u00f6re fast nichts von dir und bekomme sonst auch nicht viel von dir mit. Zumindest dann nicht, wenn ich nicht gerade die Zeitung aufschlage. Oder den Fernseher anmache. Oder das Radio. Aber du selbst? Bis auf den einen Abend im Risotto bist du kaum noch greifbar. Teilweise tauchst du tagelang nicht im B\u00fcro auf, teilweise sitzt du dort bis in die Nacht, und wenn ich am n\u00e4chsten Morgen wiederkomme, h\u00e4ngst du immer noch da rum.\u00ab<\/p>\n<p>Faber zupft nerv\u00f6s an einer Str\u00e4hne. Dann schiebt er sie wieder in Richtung Ohr. \u00bbNa und? Jeder hat mal solche Phasen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbKlar, die hat man. Aber man sollte meinen, dass Leute aus dem direkten Umfeld mitbekommen, warum. Dass sie eine Ahnung davon haben, was eigentlich los ist. Erst recht, wenn es sich um den Sozius handelt. Den Kollegen, Mann. Den besten Freund!\u00ab Faber l\u00e4sst die Str\u00e4hne los. Er wei\u00df nicht, ob es den richtigen Ort f\u00fcr solche Gespr\u00e4che gibt. Das hier ist er nicht. \u00bbBring mich hier raus, Uli.\u00ab Fischer setzt seine Brille auf. \u00bbDu hast ihnen wirklich nicht mehr erz\u00e4hlt?\u00ab\u00a0\u00bbWirklich nicht.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDir ist klar, dass sie das bisher Gesagte als Teilschweigen verwerten d\u00fcrfen, wenn du dich von jetzt an auf dein Recht, die Aussage zu verweigern, berufst? Und dass sie das auch verwerten werden?\u00ab Faber grinst m\u00fcde. \u00bbWas sollte ich machen?\u00ab, fragt er. \u00bbDer Gnom ist einfach so wahnsinnig charmant.\u00ab<\/p>\n<p>Fischer geht nicht darauf ein. Er setzt sich auf. Streckt den R\u00fccken durch. F\u00e4hrt sich \u00fcber das Hemd, unter dem auf Bauchh\u00f6he immer ein paar Kilo zu viel geb\u00e4ndigt werden. \u00bbZieh es nicht ins L\u00e4cherliche, Faber. Noch ist das hier nicht vorbei. Sie haben deine Wohnung durchsucht! M\u00f6glicherweise kommen sie sogar noch bei uns in die Kanzlei.\u00ab<\/p>\n<p>Faber nimmt die Frage vorweg, ehe Fischer sie stellen kann. \u00bbSie werden nichts finden.\u00ab\u00a0\u00bbNichts?\u00ab\u00a0\u00bbNichts.\u00ab\u00a0Fischer ist noch nicht zufrieden. \u00bbDir muss klar sein, dass sie ein paar Zimmer weiter daran basteln, wie sie einen Haftbefehl gegen dich begr\u00fcnden k\u00f6nnen.\u00ab\u00a0Faber l\u00e4sst die Haare in die Stirn fallen. Als er den Kopf wieder hebt, liegt trotzdem alles da, wo es hinsoll. Zumindest mehr oder weniger. Er sieht Fischer an. \u00bbUnd dir muss klar sein, dass sie das nicht schaffen werden.\u00ab Er grinst schief. \u00bbSie haben ihr Konto au\u00dferdem schon gen\u00fcgend strapaziert: So schnell sollte es keinen weiteren Haftbefehl geben.\u00ab<\/p>\n<p>Fischer nickt. Dann l\u00e4chelt er schmal. \u00bbIm Wesentlichen sehe ich es genauso. Es ist nur gut, das auch von dir zu h\u00f6ren. Von dem Faber, den ich kenne.\u00ab Faber dr\u00fcckt sich aus dem Plastikstuhl. \u00bbAlso lass uns mal artig f\u00fcr die Gastfreundschaft Danke sagen. Und dann nichts wie raus hier.\u00ab*<\/p>\n<p>Hennings nimmt es nach au\u00dfen mit Fassung. Der Gnom sieht aus, als h\u00e4tte er auf eine Zitrone gebissen.\u00a0Wobei: Etwas st\u00f6rt Faber. Eigentlich h\u00e4tte er ihn sogar noch grollender erwartet. Sch\u00e4umend vor Wut, zumindest ab dem Zeitpunkt, als Fischer herunterleiert, dass sein Mandant keine Angaben mehr machen werde, dass ihm klar sei, dass es keine Handhabe daf\u00fcr gebe, ihn noch weiter auf dem Revier zu behalten, dass er im \u00dcbrigen bei dem Dienstvorgesetzten eine Beschwerde einreichen werde, weil sie ihn in Abwesenheit seines Anwaltes vernommen haben, und dass es zudem Beschwerden gegen die ganze Abteilung hageln werde, wenn er mitbekommen sollte, dass bei der Wohnungsdurchsuchung auch nur ein Millimeter von den Vorgaben der Strafprozessordnung abgewichen wurde. Die beiden Beamten von der Kripo blieben trotzdem erstaunlich ruhig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwas ist da noch. Aber was? \u00bbGute Fahrt, Faber\u00ab, fl\u00f6tet der Gnom. \u00bbIch habe das Gef\u00fchl, wir sehen uns wieder.\u00ab\u00a0 \u00bbVielleicht wenn man Ihre Mutter mal wieder mit Crack erwischt. Oder ihren Zuh\u00e4lter\u00ab, raunt Faber so, dass nur der Gnom ihn h\u00f6ren kann. Dann sind sie drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Nachdenklich tritt Faber in die Vormittagssonne. Unmittelbar darauf klickt es. Hinter einer fetten Kamera tauchen der br\u00fcnette Pagenkopf und das grinsende Gesicht von Claudia Janko auf. \u00bbImmer sch\u00f6n\u00a0l\u00e4cheln, der Herr Staranwalt!\u00ab\u00a0Faber sieht sie fassungslos an.\u00a0Sie nutzt das f\u00fcr den n\u00e4chsten Schnappschuss, ehe sich Fischer zwischen die beiden schiebt. \u00bbWas soll das, Claudia?\u00ab\u00a0\u00bbIch mache ein Foto vom Herrn Staranwalt\u00ab, sagt sie und legt\u00a0kokett den Kopf zur Seite. \u00bbDirekt nach seiner Verhaftung.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMein Mandant wurde nicht verhaftet\u00ab, erkl\u00e4rt Fischer, der sich nur mit M\u00fche zusammenrei\u00dft.\u00a0Sie rollt mit den Augen. \u00bbDetails. Wichtig ist: Er kommt aus dem Revier.\u00abneun<\/p>\n<p>\u00bbAber er wurde nicht verhaftet!\u00ab Sie zuckt mit den Schultern. \u00bbErkl\u00e4rt das den Lesern der POST. Die d\u00fcrften dazu ein, zwei Fragen haben. Oder auch nicht.\u00ab Dann lacht sie und verschwindet in Richtung Parkplatz.\u00a0Faber und Fischer sehen sich ungl\u00e4ubig an. Fast kann man den Gnom lachen h\u00f6ren. Aber nur fast.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>6.<\/p>\n<p>Anna weint. Ihr Kopf schmerzt, ihre Gelenke schmerzen. Sie wei\u00df, dass es keine Hoffnung gibt. Trotzdem will sie nicht aufgeben. Kann es nicht.\u00a0Noch nicht.\u00a0Dann sp\u00fcrt sie es. Den anderen Menschen. Er steht neben ihr. Sie hat keine Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. An einem Bein l\u00f6sen sich ihre Fesseln. Sie will es frei bewegen, treten, angreifen. Es ist aussichtslos. Von der Fixierung auf dem harten Untergrund ist das Bein wie gel\u00e4hmt.\u00a0Anna versteht, dass sie nackt auf einer Art Tisch liegt, einer groben Platte. Sie begreift, dass jemand um sie herumgeht. Sie kann es h\u00f6ren. Sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Dann explodieren Lichtblitze vor ihren verbundenen Augen. Eine Welle von techendem Schmerz durchzuckt ihren festgebundenen K\u00f6rper, als mit einem groben Ruck ihr freies Bein zur Seite gezogen wird. Unter dem Knebel bei\u00dft sie in ihre Unterlippe. Sie wei\u00df, was passieren wird.\u00a0Ich wei\u00df es nur zu genau.<\/p>\n<p>Sie bei\u00dft zu. Sp\u00fcrt, wie Blut in ihren Mund l\u00e4uft. Und doch hilft es nicht gegen den Schmerz. Nicht einmal ein bisschen.\u00a0Die St\u00f6\u00dfe sind tief und heftig. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde sie zerrissen. Ihr Unterleib brennt. Sie bei\u00dft noch fester auf ihre Lippe. Dann gibt sie auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>7.<\/strong><\/p>\n<p>Faber mag Zeitungen. Das Rascheln des d\u00fcnnen Papiers. Das umst\u00e4ndliche Aufschlagen. Er mag sogar den Geruch. Er beobachtet es immer mit einer gewissen Skepsis, wenn Fischer mit einem neuen Telefon, Tablet oder sonstigem Schnickschnack ankommt. Da diese Dinge praktisch sind, hat Faber zwar seinen Frieden damit gemacht. Aber der Geruch einer Zeitung fehlt. Und ihre Permanenz. Eine Zeitung kauft man nicht einfach nur und liest sie durch. Man nimmt sie mit nach Hause und l\u00e4sst sie rumliegen. Und alle, die darin abgebildet sind, liegen mit rum. Oft genug Faber selbst.<\/p>\n<p>Zeitungen liegen meistens auch nicht einfach nur irgendwo, sondern genau dort, wo Werbung f\u00fcr ein Strafverteidigerb\u00fcro gesehen werden soll: in Wohnzimmern, in Hotels, beim Friseur, im Knast. Dort, wo die Leute Zeit haben, eine Zeitung auf sich wirken zu lassen. Vor allem die Bilder. Faber wei\u00df, dass er darauf meistens gut aussieht. Er ist gro\u00df, hat breite Schultern, einen dunklen Dreitagebart, dunkle Augen und volle dunkelbraune Haare, die immer wieder in Str\u00e4hnen in sein Gesicht h\u00e4ngen. Au\u00dferdem hat er ein ansteckendes L\u00e4cheln. Er sieht aus wie jemand, den M\u00e4nner als Kumpel haben wollen und in den Frauen sich verlieben. Findet jedenfalls Faber.<\/p>\n<p>Die Fotos \u00e4hneln sich regelm\u00e4\u00dfig: Faber mit Robe im Gericht, im Anzug vor dem Gericht, vor dem Altbau mit der Kanzlei unter dem Dach, daneben der etwas kleinere, st\u00e4mmigere, blonde Fischer. Einer lacht, einer schaut ernst. Der, der lacht, ist Faber. So mag er das. Die Presse. Die \u00d6ffentlichkeit. Den Platz in den Wohnzimmern der Mandanten von morgen.<\/p>\n<p>Jede Presse ist gute Presse. Fischer ist zwar anderer Meinung. Faber aber sieht das so. Zumindest solange es um Zeitungen geht.\u00a0Anders sieht es mit dem Internet aus. Zeitungen k\u00f6nnen oberfl\u00e4chlich sein. Online-Meldungen m\u00fcssen es fast sogar. Was hier z\u00e4hlt, ist etwas anderes: schnell sein. Der Erste sein, der eine Neuigkeit raushaut. Im Prinzip kann das fast jeder. Aber niemand ist darin so gut wie Claudia Janko.<\/p>\n<p>Faber sitzt vor dem Laptop und starrt in sein erschrockenes Gesicht. Das Foto ist meisterhaft. Im Hintergrund kann man sogar das Wappen an der Au\u00dfenwand des Polizeipr\u00e4sidiums erkennen. Die \u00dcberschrift spricht f\u00fcr sich:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fabers Fall! Starverteidiger im Fadenkreuz der Philosophenmord-Soko! Faber flucht. Nie wieder wird er mit dieser falschen Schlange ins Bett gehen.\u00a0Wahrscheinlich.*<\/p>\n<p>Als er den Schl\u00fcssel in der T\u00fcr h\u00f6rt, klappt Faber den Laptop zu und hilft Fischer, die T\u00fcten von Wa-Wa-Wang ins Besprechungszimmer zu tragen. Faber mag den Take-away-Service f\u00fcr asiatisches Essen, den Youssef neben seinem Sp\u00e4ti am Kollwitzplatz eingerichtet hat. Zwar ist Youssef Syrer, aber der Sp\u00e4ti<br \/>\nist vom Imbiss unabh\u00e4ngig und dort kochen nur Chinesen. Au\u00dferdem, sagt Youssef, ist der Name witzig. Das ist nicht ganz falsch.<\/p>\n<p>Am besten schmeckt es, wenn Fischer und er in ihrem Besprechungsraum um den gro\u00dfen runden Tisch sitzen und aus allen kleinen Kartons gleichzeitig essen. Die beiden sind sehr unterschiedlich und wissen es auch. Trotzdem gibt es genug, was sie verbindet: der Job. Der Glaube an die Kanzlei. Fu\u00dfball (auch wenn die Lieblingsvereine nicht dieselben sind). Die schon seit dem dritten Semester bestehende Freundschaft. Arbeit oder\u00a0Geplauder bei Fr\u00fchlingsrollen von Wa-Wa-Wang. Eigentlich sind beide immer daf\u00fcr zu haben.\u00a0Heute nicht.<\/p>\n<p>Sie haben Sandra gebeten, an diesem Samstag ausnahmsweise in die Kanzlei zu kommen. Als sie um eins in ihre Mittagspause st\u00f6ckelt, sieht sie zweimal nach, ob wirklich jemand im Besprechungszimmer sitzt. Tats\u00e4chlich hocken sie nebeneinander, Fischer und Faber. Beide essen auch. Es liegt aber keine Akte auf dem Tisch. Es wird nicht gelacht. Es wird nicht einmal geredet.<\/p>\n<p>Kurz darauf kommen die ersten SMS. Erst die von befreundeten Anw\u00e4lten. Dann die von denen, die so tun, als ob sie befreundet w\u00e4ren. Der Inhalt ist gleich: Alle sind entsetzt. Selbstverst\u00e4ndlich. Die Medien! Ein Skandal! Und \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Faber klappt das Handy zu. Er versucht, sich nicht dar\u00fcber zu \u00e4rgern, dass die Medien zuschlagen. Dazu hat er selbst mehr als genug beigetragen. Eine Stunde nach dem Essen klopft Fischer an Fabers B\u00fcro, bleibt aber in der T\u00fcr stehen. Er ist auf dem Weg zum Sport, braucht das jetzt. Er will nicht gro\u00df reden. Nur etwas fragen.<\/p>\n<p>Faber nickt und versucht, Fischers Aufzug zu ignorieren. In der blauen Schlabberhose von Schalke 04 und dem eine halbe Nummer zu kleinen Trikot von Yves Eigenrauch um den st\u00e4mmigen Oberk\u00f6rper sieht er witziger aus, als es die Situation gerade vertr\u00e4gt. \u00bbFrag\u00ab, sagt Faber.\u00a0Fischer ziert sich. Stippt sich an die Brille. Dann hat er genug Anlauf genommen. \u00bbIch frage noch mal, Max. Das Verschwinden von der S\u00e1nchez-Amann. Hast du damit was zu tun?\u00ab\u00a0\u00bbNein\u00ab, sagt Faber. \u00bbGut\u00ab, sagt Fischer. Dann geht er joggen.<\/p>\n<p>Faber bleibt an seinem Schreibtisch und f\u00fchlt sich leer. Zum ersten Mal seit Jahren wei\u00df er nicht, ob Fischer ihm vertraut.\u00a0Dann klingelt Sandra bei ihm durch. Faber nimmt genervt ab. Seit dem Online-Bericht der POST rufen immer wieder Reporter<br \/>\nan. Faber hat Sandra aufgetragen, keinen Anruf durchzustellen und auch nicht deswegen anzufragen.\u00a0\u00bbWas soll das, Sandra?\u00ab, motzt er in den H\u00f6rer. Er erschrickt.<br \/>\nEr klingt fast genauso gereizt, wie er sich f\u00fchlt. Er atmet durch. Bem\u00fcht sich um einen freundlichen Ton. \u00bbWas soll das, Sandra? Wir hatten doch klar gesagt, dass keine Anrufe durchkommen. Gar keine! Ich muss mich auf die Sache Werlein vorbereiten, und zwar dringend!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDarum geht es ja\u00ab, sagt Sandra. \u00bbWerlein ist in der Leitung. Er sagt, dass er mit dir sprechen muss.\u00ab\u00a0\u00bbHat er auch gesagt, warum?\u00ab Sandras Stimme klingt grau. \u00bbEr sagt, er will das Mandat k\u00fcndigen.\u00ab Faber schlie\u00dft die Augen. Das ist nicht gut. Dann nimmt er den Anruf an. Es bleibt an diesem Tag nicht der letzte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>8.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Schmerz.<\/strong><\/p>\n<p>Anna schl\u00e4gt die Augen auf. Es ist immer noch dunkel. Aber anders. Die Augenbinde ist fort.\u00a0Langsam bewegt sie sich. Merkt, dass sie das kann. Sie ist nicht mehr festgebunden. Trotzdem tut jede Bewegung weh. Immer wieder schl\u00e4gt der brennende Schmerz aus ihrer Vagina zu. Immer wieder durchzuckt er sie wie Feuer.<\/p>\n<p>M\u00fchsam qu\u00e4lt sie sich in die H\u00f6he. Sie liegt auf einem groben Tisch, einer Art langer Werkbank. Der Raum, in dem sie sich befindet, ist klein und fensterlos. Er ist leer bis auf den Tisch und einen Stuhl. Unter dem Stuhl steht ein Plastikeimer. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, wozu er nutzen soll. \u00dcber dem Stuhl h\u00e4ngen Annas Kleider und eine Decke. Darauf steht ein Tablett mit einer Holzkaraffe. Darin ist Wasser. Daneben liegt ein Holzteller mit Obst und Brot.<\/p>\n<p>Anna versucht, sich zu konzentrieren. Es ist warm, aber nicht hei\u00df. Wahrscheinlich ist es Nacht. Eine warme Berliner Sommernacht. So wie die, in der sie entf\u00fchrt wurde.\u00a0Die wie vielte Nacht ist es?\u00a0Sie trinkt von dem Wasser. Langsam, um es sich einzuteilen. Sie hat ihren Durst noch im Griff. Es kann demnach h\u00f6chstens die zweite Nacht seit der Entf\u00fchrung sein. Sonntagnacht.\u00a0Sie hat also noch f\u00fcnf Tage.<\/p>\n<p>Anna isst eine Banane. Versucht, den Schmerz zwischen ihren Beinen zu ignorieren. Die Angst. Sie f\u00fcrchtet sich nicht vor Gift. Auch nicht davor, dass sie noch einmal vergewaltigt wird. Beides wird es nicht geben.\u00a0So funktioniert das hier nicht.\u00a0Sie legt sich auf den Tisch zur\u00fcck. Zittert, obwohl es nicht kalt ist. F\u00fcnf Tage noch. F\u00fcnf Tage Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und f\u00fcnf Tage Hoffnung.<\/strong><\/p>\n<p>Das Wasser tut gut. Dasselbe gilt f\u00fcr den Versuch klarer Gedanken. Vor allem eines treibt sie um. H\u00e4tte ich es fr\u00fcher erkennen k\u00f6nnen? H\u00e4tte ich es m\u00fcssen? Sie schlie\u00dft die Augen und denkt zur\u00fcck an die Ruine am Wannsee. An die Hitze.\u00a0Und an den Schierling.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.strafrecht.de\/koepfe\/dr-ingo-bott\/\"><strong>http:\/\/www.strafrecht.de\/koepfe\/dr-ingo-bott\/<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug: &#8222;Das Recht zu strafen&#8220; &#8211; Der Strafverteidiger Ingo Bott\u00a0aus der Kanzlei Wessing &amp; Partner in D\u00fcsseldorf hat einen Thriller geschrieben. &nbsp; &nbsp; I.1.Kapitel Anna flucht.\u00a0Sie keucht im Halbdunkel die Stufen hoch. 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