{"id":666139,"date":"2017-11-19T23:47:17","date_gmt":"2017-11-19T22:47:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=666139"},"modified":"2017-11-20T11:25:41","modified_gmt":"2017-11-20T10:25:41","slug":"buchauszug-christian-scholz-mogelpackung-work-life-blending-warum-dieses-arbeitsmodell-gefaehrlich-ist-und-welchen-gegenentwurf-wir-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/11\/19\/buchauszug-christian-scholz-mogelpackung-work-life-blending-warum-dieses-arbeitsmodell-gefaehrlich-ist-und-welchen-gegenentwurf-wir-brauchen\/","title":{"rendered":"Buchauszug Christian Scholz: &#8222;Mogelpackung Work Life Blending &#8211; warum dieses Arbeitsmodell gef\u00e4hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Buchauszug <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Scholz_(Wirtschaftswissenschaftler)\">Christian Scholz<\/a>: &#8222;Mogelpackung Work Life Blending &#8211; warum dieses Arbeitsmodell gef\u00e4hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen&#8220;. Die These des Professors f\u00fcr Personalmanagement: Work.4.0 ist die\u00a0<\/strong><strong>Rolle r\u00fcckw\u00e4rts in das fr\u00fche 20. Jahrhundert.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_666141\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-666141\" class=\"size-full wp-image-666141\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/scholz.wiley_.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/scholz.wiley_.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/scholz.wiley_-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/scholz.wiley_-449x300.jpg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-666141\" class=\"wp-caption-text\">Autor Christian Scholz (Foto: Wiley)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mogelpackung Work-Life-Blending<\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum dieses Arbeitsmodell gef\u00e4hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen.\u00a0<\/strong><strong>Bittere Realit\u00e4t: Woraus Work-Life-Blending wirklich besteht<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Die zentralen Aktivit\u00e4ten: Eine Wundert\u00fcte mit letztlich ungenie\u00dfbaren Inhalten\u00a0<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>\u201eF\u00fcr die anderen ist Work-Life-Blending nur ein anderer Ausdruck f\u00fcr Selbstausbeutung: Feierabend ad\u00e9! Jetzt ruft der Chef auch noch im Urlaub an. Ist Entspannung ohnehin schwierig geworden, so wird sie mit einer Vermischung von Beruf und Privatem f\u00fcr viele v\u00f6llig unm\u00f6glich gemacht.\u201c (<\/em>Stefanie Demann, Autorin)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erste Kapitel in diesem Teil B dreht sich um die tragenden S\u00e4ulen unserer zuk\u00fcnftigen Arbeitswelt: Digitalisierung, Flexibilisierung und Mobilit\u00e4t. Sie alle m\u00fcnden in Work-Life- Blending und zwar quer durch vier scheinbar ganz verschiedene Spielfelder. Diese werden in den folgenden vier Abschnitten beschrieben, haben aber eines gemeinsam: Sie warnen uns vor dem, was unter dem sch\u00f6n klingenden Deckmantel \u201eDigitalisierung, Flexibilisierung und Mobilit\u00e4t\u201c auf uns zukommt. Dabei geht es ganz sicher nicht um irgendeine Digitalphobie: Alles das gibt uns vielmehr \u2013 und genau das ist wichtig \u2013 einen ersten Vorgeschmack auf die Erkenntnis, dass es sich hier um eine so richtig perfide Mogelpackung handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir besteigen den Digitalisierungsgipfel: Wo automatischer Fortschritt zu grandiosem Work-Life-Blending f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eTechnologisch haben wir einiges zu bieten und entsprechend hoch ist das Schadenspotential.\u201c\u00a0<\/em><em>Gerhard Schindler, ehemaliger BND-Pr\u00e4sident<\/em><\/p>\n<p>Bereits das Wort Gipfel hat eine hochmanipulative Bedeutung: \u201eGipfel\u201c kann man \u00fcberhaupt nicht negativ belegen. Weltwirtschaftsgipfel, Klimagipfel, Politikergipfel, Forschungsgipfel oder Friedensgipfel signalisieren immer das Zusammentreffen von wichtigen Leuten, die \u00fcber ein wichtiges Thema reden und wichtige Entscheidungen treffen. Da erkl\u00e4rt uns Angela Merkel \u201eDigitalisierung schafft ziemlich gnadenlose Transparenz\u201c und Sigmar Gabriel f\u00fcgt hinzu: \u201eWir m\u00fcssen uns endg\u00fcltig verabschieden vom klassischen Begriff des Datenschutzes.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch besser als Gipfel w\u00e4re das Bild vom Eisberg: oben eine relativ kleine Spitze, darunter ganz viel Verborgenes.<\/p>\n<p>Genau das Gleiche gilt f\u00fcr den IT-Gipfel, der in Deutschland seit 2006 einmal pro Jahr abgehalten wird. In den von professionellen Kommunikationsagenturen optimierten Texten zeigt sich, welche sch\u00f6ne Metapher der Gipfel ausdr\u00fcckt: Ein Gipfel signalisiert Aufstieg. Es geht immer nach oben. Ein Gipfel muss aber auch\u00a0 erklommen werden und erfordert eine gemeinsame Anstrengung, die es wert ist, dass man sie auf sich nimmt: Denn oben angekommen, hat man es geschafft. Man hat etwas vollbracht. Das Ziel zu erreichen, war die Anstrengung wert.<\/p>\n<p>Was oft unausgesprochen bleibt: das Risiko beim Aufstieg und beim Abstieg. Oben ist alles gut, oben ist alles besser. Wir sollen alle nach oben, auch wenn es vielen schwerf\u00e4llt. Deshalb gibt es gl\u00fccklicherweise die Elite als Bergf\u00fchrer: Sie geht laut singend voran und nimmt uns weniger fitte Personen mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer will da widersprechen? Der sch\u00f6nen neuen Welt?<\/strong><\/p>\n<p>Wer sind bei uns diese Gipfelst\u00fcrmer? Ein Blick ins Programmheft des deutschen IT-Gipfels macht schnell klar, woraus die Seilschaft besteht: Es sind Vertreter der Industrie (die gute Gesch\u00e4fte wittern), es sind ausgew\u00e4hlte Politiker (die Themen f\u00fcr ihre Wiederwahl suchen und finden) und es sind Einzelpersonen, die als Ego-Lobbyisten sich selbst in den Vordergrund spielen.<\/p>\n<p>Was auff\u00e4llt: Alles, wor\u00fcber man diskutiert, ist klar, glatt und unantastbar. Kein Hauch des Zweifels bei dem, was uns hier als unvermeidliche Zukunft angek\u00fcndigt wird. Was aber auch auff\u00e4llt, niemand vom Chaos Computer Club (CCC), den eigentlichen Experten in der IT, ist anwesend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Worauf vieles hinausl\u00e4uft: Flexibilisierung. Ohne Wenn und Aber? Beim Wort Flexibilisierung sieht man bei genauerem Hinschauen \u00fcberdeutlich die kommunikativ gef\u00e4hrliche Strategie, die uns beim Verstehen der Mogelpackung Work-Life-Blending immer wieder begegnet: Es geht immer wieder um das bewusste Setzen von Worten und darum, Begriffsinhalte und dann Handlungen in eine extreme Richtung zu lenken. Es wird geschickt vers\u00fc\u00dft und auch nur vom Gipfel gesprochen, der Aufstieg verschwiegen. Dabei bleibt \u2013 wie beim Eisberg \u2013 das eigentlich Relevante, um das es wirklich geht, im Untergrund. Oben strahlt nur die wunderbare Verkn\u00fcpfung von Digitalisierung und Flexibilisierung als sch\u00f6ne neue Welt. Wer will da widersprechen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Flexibilisierung ist doch etwas Gutes. Wie kann man sich gegen Flexibilisierung aussprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Jeder, der auch nur ansatzweise das Wort \u201eFlexibilisierung\u201c hinterfragt, kommt ganz schnell in den Verdacht, ein ewig Gestriger zu sein, der mit modernen Technologien nicht umgehen kann und der nicht bereit ist, sich auf Neues einzulassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verkn\u00fcpft mit der Arbeitswelt und Industrie 4.0 bedeutet Flexibilisierung: Wir k\u00f6nnen arbeiten, wann immer wir wollen, wo immer wir wollen und wie immer wir wollen. Bei sch\u00f6nem Wetter sitzen wir im Garten oder im Stra\u00dfencaf\u00e9. Oder nach einer Superbowl-Party, die bis um 5 Uhr am Montagmorgen dauert, schlafen wir lange aus und rufen allenfalls am Nachmittag kurz im B\u00fcro an, um mitzuteilen, dass wir auch am Dienstag ausschlafen werden. Endlich k\u00f6nnen wir alles perfekt unter einen Hut bringen: Handwerkertermine oder die berechtigten Anspr\u00fcche von Kindern, von Partnern oder von unseren Freunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Arbeitnehmerseitige Flexibilisierungsm\u00f6glichkeit oder arbeitgeberseitige Flexibilisierungsforderung?<\/strong><\/p>\n<p>Doch wer diese an\u00a0<em>W\u00fcnsch Dir was\u00a0<\/em>erinnernde Charakterisierung f\u00fcr bare M\u00fcnze nimmt, der ist bereits in der Propaganda gefangen und auf die Mogelpackung hereingefallen. Denn es ist ein gravierender Unterschied, ob wir von einer arbeitnehmerseitigen Flexibilisierungsm\u00f6glichkeit oder von einer arbeitgeberseitigen Flexibilisierungsforderung sprechen: Im ersten Fall habe ich\u00a0 die Chance zur Flexibilisierung und kann mir \u00fcberlegen, wann, wo und wie ich arbeite. Im zweiten Fall verlangt der Arbeitgeber, dass ich mich flexibel verhalte, also alle seine Forderungen bez\u00fcglich wann, wo und wie erf\u00fclle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wahlfreiheit f\u00fcr Mitarbeiter? Oder doch eher G\u00e4ngelband der Unternehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich bekommt die \u201eReform von Arbeitszeitgesetzen\u201c als politischer Dauerbrenner eine fatal-andere Bedeutung. Denn worum geht es? Geht es darum, dass Mitarbeiter Wahlfreiheit haben? Oder dass das Unternehmen auch kurzfristige, aber trotzdem bindende Festlegungen treffen darf, denen dann schon mal der Abend oder das Wochenende zum Opfer f\u00e4llt? Dies sind vollkommen unterschiedliche Formen der Flexibilisierung, wobei die eine eher in der Propaganda, die andere eher in der Realit\u00e4t vorkommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein kurzer theoretischer Einschub: Eines meiner absoluten Lieblingsb\u00fccher ist\u00a0<em>Politisches Framing\u00a0<\/em>von Elisabeth Wehling. Sie beschreibt die hinterh\u00e4ltige Logik aus der Kognitionsforschung, wonach durch die Verwendung von Sprachmustern ein Deutungsrahmen entsteht. Einige Beispiele: \u201eSteuerlast\u201c, \u201eLeistungstr\u00e4ger [\u2026] m\u00fcssen entlastet werden\u201c und \u201eEuro- Rettungsschirm\u201c. Diese W\u00f6rter signalisieren automatisch, ob etwas gut oder schlecht ist. Und man erf\u00e4hrt auch, wohin die Bewegung gehen muss. Wie Elisabeth Wehling wunderbar zeigt, verl\u00e4uft Framing auf der einen Seite beim Empf\u00e4nger fatal-unbewusst. Auf der anderen Seite stehen die Sender, die teilweise ganz bewusst und perfide alle Tricks anwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Raffinierte Manipulation<\/strong><\/p>\n<p>Die ganze Debatte um Digitalisierung, Flexibilit\u00e4t und vor allem Work-Life-Blending ist raffiniertes Framing.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Arbeitszeit als Teil vom Work-Life-Blending. Allein schon der Ausdruck \u201eReform der Arbeitszeitgesetze\u201c ist politisches \u201eFraming\u201c: der Einsatz von Worten, die automatisch eine gewisse Bedeutung mit sich bringen und die manipulativ in eine bestimmte Richtung deuten. Denn wer will schon gegen eine Reform sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erinnern wir uns an die \u201eBologna-Reform\u201c. Trotz klarer Warnungen wurde sie durchgezogen \u2013 mit fatalen Konsequenzen: Rund ein Drittel der Studierenden bricht den Bachelor ab, von der gro\u00dfspurig angek\u00fcndigten \u201eBachelor Welcome\u201c- Initiative9 ist schon seit Langem nichts mehr zu sehen und diejenigen, die tats\u00e4chlich den Bachelor-Abschluss schaffen, wollen \u00fcberwiegend sofort weiter studieren \u2013 was aber nicht im Sinne der Erfinder war und deshalb reglementiert wird.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der Universit\u00e4t Hamburg, Dieter Lenzen, bringt es auf den Punkt: \u201eBologna ist ein Unfall mit Fahrerflucht\u201c \u2013 wobei \u201eUnfall\u201c eigentlich das falsche Wort ist. Richtiger w\u00e4re \u201evors\u00e4tzliche K\u00f6rperverletzung\u201c am deutschen Bildungssystem. Und auf jeden Fall stimmt das Wort \u201eFahrerflucht\u201c: Die lautstark-populistischen Protagonisten der Bologna-Reform haben sich klammheimlich von diesem Spielfeld verabschiedet und anderen Feldern zugewandt, wo sie uns mit \u00e4hnlich grotesken \u201eReformen\u201c begl\u00fccken \u2013 und wir lassen es erneut mit uns machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warnung: Hinter dem Wort \u201eReform\u201c steckt oft eine Mogelpackung.<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir noch sehen werden: Es geht bei der \u201eFlexibilisierung\u201c \u00fcberhaupt nicht darum, arbeitnehmerseitige Flexibilisierungsw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. Nicht dass sie ausgeschlossen werden, aber im Zweifelsfall stehen sie nicht im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was die Digitalisierung fordert, m\u00fcssen wir Menschen erf\u00fcllen. Bereits dieser Satz, der im Kern des IT-Gipfels steckt, ist ein Beispiel f\u00fcr ein perfektes Framing: die Digitalisierung als Akteur, wir als Hinterherl\u00e4ufer. Immer schneller kommen immer komplexere Kundenw\u00fcnsche und m\u00fcssen immer schneller befriedigt werden. Die ganze Diskussion um \u201eFlexibilisierung\u201c dreht sich \u00fcberhaupt nicht um Mitarbeiterinteressen, sondern ausschlie\u00dflich um die Erf\u00fcllung von scheinbaren Unternehmensnotwendigkeiten. Und genau das signalisieren bei n\u00e4herem Hinschauen<strong>\u00a0<\/strong>die Themen des IT-Gipfels: Die Mitarbeiter sollen \u2013 jenseits der tr\u00fcgerisch ansprechenden Mogelpackung \u2013 immer mehr zu tayloristischen Objekten gemacht werden, die sich der Notwendigkeit der Digitalisierung unterordnen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben den mechanischen Taylorismus abgeschafft, um ihn durch den digitalen Taylorismus zu ersetzen.<\/p>\n<p>Der K\u00f6nig ist tot, es lebe der K\u00f6nig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-666140\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/cover.wiley_.mogelpackung.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"648\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/cover.wiley_.mogelpackung.jpg 420w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/10\/cover.wiley_.mogelpackung-194x300.jpg 194w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>\n<p><strong>Christian Scholz: &#8222;Mogelpackung &#8211; Work-Life-Blending. Warum dieses Arbeitsmodell gef\u00e4hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen&#8220; 19,99 Euro, 230 Seiten\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.wiley-vch.de\/de?option=com_eshop&amp;view=product&amp;isbn=9783527509287&amp;title=Mogelpackung%20Work-Life-Blending\">http:\/\/www.wiley-vch.de\/de?option=com_eshop&amp;view=product&amp;isbn=9783527509287&amp;title=Mogelpackung%20Work-Life-Blending<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir entwerfen neue und billigere B\u00fcros: Open Office und Desksharing<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie W\u00fcnsche an den Arbeitsplatz sind so unterschiedlich wie die Lebensl\u00e4ufe.\u201c (<\/em><em>Margret Suckale, ehem. Personalvorstand)<\/em><\/p>\n<p>Work-Life-Blending durchzieht die Arbeitswelt wie eine hohe und kaum h\u00f6rbare Frequenz. Sie ist immer da, auch wenn wir nicht von und nicht \u00fcber sie sprechen. Pl\u00f6tzlich schwimmt der eigene Schreibtisch weg und ich stehe Schlange vor einer der kleinen Werkb\u00e4nke f\u00fcr Wissensarbeiter (\u201eBenchies\u201c).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Work-Life-Blending l\u00e4uft als ultimative Universallogik der Digitalisierung auf v\u00f6llige Abschaffung aller Grenzen hinaus<\/strong>.<\/p>\n<p>An dieser Stelle sto\u00dfen wir bei unserer Spurensuche auf Bilder, die auf den ersten Blick wenig mit Work-Life-Blending zu tun haben. Eines davon ist Open Office als moderner Ausdruck f\u00fcr ein Gro\u00dfraumb\u00fcro, ein anderes Desksharing als modernem Symbol der pers\u00f6nlichen Eignung. Beraterfirmen und auf Effizienz getrimmte Gro\u00dfunternehmen \u00fcberbieten sich mit Ank\u00fcndigungen wie \u201eLufthansa-Mitarbeiter verlieren ihre festen Schreibtische\u201c.<\/p>\n<p>Das Versprechen: Arbeiten wird mehr Spa\u00df machen, weniger Stress produzieren, nicht mehr krank machen und insgesamt viel proaktiver, letztlich also wertsch\u00f6pfender. Bittere Realit\u00e4t: Woraus Work-Life-Blending wirklich besteht Zur Illustration eines der schillerndsten Beispiele f\u00fcr die neue Hightech-B\u00fcroidee, n\u00e4mlich \u201eThe Edge\u201c in Amsterdam: \u201eSchon beim Aufstehen morgens \u2013 im eigenen Heim \u2013 wird die App wach, schaut, welche Meetings und Termine am Tag anstehen, \u00f6ffnet sp\u00e4ter an der Tiefgarage das Tor und findet den n\u00e4chsten freien Parkplatz. F\u00fcr die Suche nach einem Arbeitsplatz ist ebenfalls die App zust\u00e4ndig, denn fest zugeteilte Schreibtische hat im The Edge niemand mehr. [\u2026] Die App registriert jeden Toilettenbesuch und der Handtuchhalter ist mit dem Internet verbunden, so dass die Reinigungskr\u00e4fte nur dort ausr\u00fccken m\u00fcssen, wo sie gebraucht werden. Das gilt generell f\u00fcr alle B\u00fcros.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sch\u00f6ne H\u00fclle der neuen Arbeitswelt &#8211; aber der wahre Kern?<\/strong><\/p>\n<p>Fangen wir als investigative Arbeitsweltforscher zun\u00e4chst mit dem an, was uns die sch\u00f6ne neue Arbeitswelt verspricht, also mit der sch\u00f6nen H\u00fclle, bei der sich sehr bald der wahre Kern zeigen wird. Was wir zun\u00e4chst sehen, ist einfach nur sch\u00f6n: elegante und ergonomisch optimierte B\u00fcrom\u00f6bel, farblich alles aufeinander abgestimmt, kuschelige Kreativzonen, in denen man entspannen und auf disruptiv-innovative Ideen warten kann, Kaffeemaschinen und kleine Schlafkojen, in die man sich zur\u00fcckziehen und den Vorhang hinter sich zumachen kann. Nicht zu vergessen die Kickertische und Spielekonsolen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es klingt wie der Himmel auf Erden. Wer kann hier schon dagegen sein? Wir sind produktiv in unserer ergonomisch optimierten Kreativzone, treffen uns in der Kommunikationszone, schreiben kurz einen Text im Cubicle und ziehen den Vorhang vor unserer Schlafkoje zu, wo wir unseren Powernap genie\u00dfen. Oder wir sitzen entspannt auf der Fensterbank und schauen vertr\u00e4umt nach drau\u00dfen in die Natur \u2013 immer auf der Suche nach der wirklich neuen Idee, die uns und unser Unternehmen weiterbringt. Nat\u00fcrlich gibt es auch eine K\u00fcche, einen Fitnessbereich und manchmal, aber ist eigentlich schon anachronistisch, sogar eine Bibliothek mit richtigen analogen B\u00fcchern, in denen man bl\u00e4ttern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nur vorgegaukelt: Ohne unn\u00f6tigen Ballast<\/strong><\/p>\n<p>So weit, so sch\u00f6n. Nur jetzt kommt der verbl\u00fcffende Sprung, der uns zumindest in Deutschland, \u00d6sterreich und in der als zwingend vorgegaukelt wird: Open Office wird in der aktuellen Rhetorik verbunden mit Desksharing und Clean Desk Policy. Beides befreit uns angeblich von \u201eunn\u00f6tigem Ballast\u201c, wobei \u201eBallast\u201c bereits als Wort belastend und die Befreiung zwingend entlastend ist.<\/p>\n<p>Wir brauchen unsere Schreibtische nicht aufzur\u00e4umen, weil wir die Belastung des eigenen Schreibtisches los sind. Bei uns gibt es konsequentes Desksharing: Je nachdem, wo ich die n\u00e4chste Stunde verbringen m\u00f6chte oder verbringen soll, bekomme ich entweder einen kleinen DIN A2-Arbeitsplatz oder eine etwas gr\u00f6\u00dfere Arbeitszone zugewiesen. Was auch sch\u00f6n ist: Das Nachdenken, wie ich meine Arbeitsutensilien beim Verlassen des Schreibtisches hinterlasse, f\u00e4llt weg. Wir haben die Clean-Desk-Policy, also der Schreibtischmuss ganz leer sein. Es lebe das Schlie\u00dffach, es lebe der Rucksack.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Quadratmeterzahl je Mitarbeiter wird permanent weniger<\/strong><\/p>\n<p>Im Lebensmitteleinzelhandel gibt es Planungsmodelle, die darauf abzielen, \u00fcber den Tag m\u00f6glichst viele Kunden mit m\u00f6glichst wenig Quadratmetern zu bedienen. Genau das Gleiche machen Unternehmen, die mit Desksharing und mit Clean-Desk-Policy arbeiten: Sie versuchen, die durchschnittliche Zahl von Quadratmetern pro Mitarbeiter permanent zu reduzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Firma spart den Arbeitsplatz, der Mitarbeiter glaubt, es sei arbeitnehmerfreundlich<\/strong><\/p>\n<p>Noch billiger wird es f\u00fcr die modernen Nachfolger von Frederick Taylor, wenn die Mitarbeiter nur dort arbeiten w\u00fcrden, wo der Arbeitsplatz das Unternehmen nichts kostet: beispielsweise im Kaffeehaus. Oder noch besser: Man organisiert das Work-Life-Blending als r\u00e4umliche Verlagerung von beruflichen Aktivit\u00e4ten in den privaten Bereich. Das Unternehmen spart sich den Arbeitsplatz, wenn Mitarbeiter zu Hause arbeiten. Und wenn man dann noch das Ganze als arbeitnehmerfreundliches Entgegenkommen interpretieren kann, umso besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Entgegenkommen ist eine Mogelpackung<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens wenn Arbeitgeber das Work-Life-Blending als Entgegenkommen darstellen k\u00f6nnen, haben sie die Spitze des Berges und den Status \u201eMogelpackung\u201c erreicht.<\/p>\n<p>Es gibt aber beim Work-Life-Blending auch noch eine andere Richtung: Hier wird die r\u00e4umliche Verwirklichung von Work- Life-Blending dadurch realisiert, dass nicht nur m\u00f6glichst alle beruflichen Aktivit\u00e4ten im Unternehmen stattfinden, sondern sogar viele Aspekte aus der Privatzeit in den Betrieb gesaugt werden. Es beginnt mit dem gemeinsamen Fr\u00fchst\u00fcck und endet damit, dass man am Abend einen Mitternachtssnack und einen Absacker nimmt. Dazwischen wird im gemeinsamen Fitnessstudio der Fitness gehuldigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Google als Ferienort &#8211; mit Laptop<\/strong><\/p>\n<p>Das bekannteste Beispiel daf\u00fcr ist Google: \u201eUnter den roten, gelben, gr\u00fcnen und blauen Sonnenschirmen machen sich die Menschen \u00fcber Sushi-Rollen, indische Spinatgerichte, mexikanische Burritos und Granatapfel-Blaubeer-Smoothies her. Auf dem nahen Volleyballfeld schmettern sich Jungs in Shorts die B\u00e4lle um die Ohren. Ein wenig erinnert die Atmosph\u00e4re [\u2026] an einen Ferienort. Nur dass dort weniger Menschen ein Laptop mit sich herumtragen [\u2026]. Und dass dort nicht jeder Zweite ein Google-T-Shirt tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mitarbeiter sollen sich vollumf\u00e4nglich auf Arbeit und Wertsch\u00f6pfung konzentieren &#8211; Betriebskindergarten f\u00fcr \u00dcberstunden der Mamis<\/strong><\/p>\n<p>Dazu passt der Firmenkindergarten, der 24 Stunden ge\u00f6ffnet hat: Jetzt k\u00f6nnen V\u00e4ter und M\u00fctter beliebig weiterarbeiten, ohne dass sie darauf R\u00fccksicht nehmen m\u00fcssen, ihre Kinder im Kindergarten abholen zu m\u00fcssen. N\u00fctzlich in diesem Work-Life-Blending sind auch diverse Varianten von Concierge Services: Hier wird Kleidung in die Reinigung gebracht, das Valentinstagsgeschenk besorgt und vieles andere erledigt, damit sich der Mitarbeiter vollumf\u00e4nglich auf die Arbeit und seine Wertsch\u00f6pfung konzentrieren kann.<\/p>\n<p>Work-Life-Blending ist jetzt gleichzusetzen mit \u201ework around the clock\u201c, \u201e24h-working\u201c, und \u201enon-stop-working\u201c.\u00a0Wenn man an die Arbeitersiedlungen im fr\u00fchen 20. Jahrhundert denkt, dann ist Work-Life-Blending genau das: Der Mitarbeiter lebt am Arbeitsplatz und f\u00fcr die Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Work-Life-Blending ist eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts in das fr\u00fche 20. Jahrhundert.<\/strong><\/p>\n<p>Egal ob Work-Life-Blending als Integration von \u201eWork in Privat\u201c oder als \u201ePrivat in Work\u201c: Protagonisten derartiger Modelle sehen darin nichts Negatives. Im Gegenteil: F\u00fcr sie ist Interesse an Privatleben ein Zeichen f\u00fcr Unausgef\u00fclltsein im Beruf. \u201eWenn Menschen sich stark auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance fokussieren, ist das eher ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie ihr richtiges Leben noch nicht gefunden haben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Protagonisten eines ultimativen Work-Life-Blending interpretieren die Suche nach \u201eBalance\u201c also als Indikator daf\u00fcr, dass man keinen Sinn in der Arbeit sieht, demnach sowieso ein Versager ist, der in unserer modernen digitalen Welt nichts zu suchen hat.Wenn Sinn gegeben ist, darf in dieser Logik \u201eWork\u201c im Work-Life-Blending dominieren und \u201eLife\u201c subsumieren. \u201eIch arbeite, also bin ich.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir ersparen uns Infrastruktur: Bring Your Own Device und alles andere<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnverzichtbare Technologie f\u00fcr ein gro\u00dfartiges Work-Life-Blending.\u201c HP-Werbung<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hersteller von Hard- und Software lieben Work-Life-Blending, weil dies ein gutes Gesch\u00e4ft verspricht. Egal ob HP, Microsoft oder die Telekom: F\u00fcr sie alle ist Work-Life-Blending nicht nur eine Philosophie zur Optimierung der eigenen Arbeitsprozesse unter (teilweise unrealistischen) Zielsetzungen wie Flexibilit\u00e4t und Optimierung von Quadratmetern. Alles das ist auch etwas, um IT jeglicher Art zu verkaufen. Und damit bin ich bei einer besonders makabren Erkenntnis:<\/p>\n<p>Nicht die Digitalisierung verlangt nach Work-Life-Blending, sondern Work-Life-Blending schreit zur Freude der Hersteller nach Digitalisierung.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt uns zum n\u00e4chsten Zauberwort: Bring Your Own Device (BYOD) bedeutet, dass der Mitarbeiter seinen pers\u00f6nlichen Laptop, sein Tablet-PC beziehungsweise sein Smartphone mit zum Arbeitsplatz nimmt, diesen \u201eAuch-Arbeitsplatzrechner \u201e aber auch wieder nach Hause tr\u00e4gt. Die maximale Freiheit und maximale \u00dcberf\u00fchrung vom Beruf ins Privatleben wird dann erreicht, wenn also Mitarbeiter nicht nur durch Aufgabe des eigenen Arbeitsplatzes unabh\u00e4ngig von jeglicher r\u00e4umlicher Strukturierung werden, sondern auch nicht l\u00e4nger eine Infrastruktur voraussetzen \u2013 vor allem keine Informationstechnologie. Noch vor einigen Jahren war es undenkbar, dass ein Mitarbeiter sein eigenes Notebook mit an den Arbeitsplatz brachte: \u00fcberall Angst vor Computerviren, vor Durchbrechen der Firewalls, vor dem Diebstahl von Daten und vor betr\u00fcgerischer Manipulation unternehmensbezogener Informationen. Doch dann macht ein Unternehmen zwei sensationelle Entdeckungen: Zum einen sahen sie ein, dass sie angesichts von Smartphones und Tablet- Computern sowieso das \u201eEindringen\u201c fremder Hardware in das Unternehmen nicht verhindern k\u00f6nnen. Zum anderen erkannten sie die Chance, durch Verlagerung der Hardware- und Softwareverantwortung auf den Mitarbeiter Kosten einzusparen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn wenn letztlich jeder Mitarbeiter sein eigenes Notebook verwaltet, wird es f\u00fcr das Unternehmen viel einfacher, vor allen Dingen, wenn man dann auch noch weitere Hardwarekomponenten wie Drucker abschafft, indem man den ganzen Arbeitsprozess als \u201epapierlos\u201c erkl\u00e4rt, es also kein Papier, aber auch keine Peripherieger\u00e4te wie Drucker oder Scanner mehr gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch pl\u00f6tzlich kam noch ein ganz neuer Gedanke hinzu: Wenn Mitarbeiter sowieso auf dem \u201eeigenen\u201c Notebook arbeiten und dieses Notebook dann auch immer nachHause mitnehmen, wird sp\u00e4testens an dieser Stelle die Verschiebung von Beruf zu Privat offenkundig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Von \u201eBring Your Own Device\u201c \u00fcber \u201eTake Your Device Home\u201c zu \u201eTake Your Work Home\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Gefahren in Bezug auf Datenschutz und Diebstahl nehmen sogar zu. Aber das ist gut f\u00fcr das Gesch\u00e4ft einiger Unternehmen und allenfalls schlecht f\u00fcr viele Mitarbeiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir entledigen uns der Mitarbeiter: Traurige Cloudworker und belogene Homeworker<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>Der h\u00f6here Freiheitsgrad der Mitarbeiter bringt den Firmen im Umkehrschluss oft mehr Arbeitsleistung.\u201c Michael Herz, Unternehmensberater<\/em><\/p>\n<p>Bereits oben wurde darauf hingewiesen, dass Work-Life- Blending zwei Verblendungsrichtungen anbietet: zum einen die Verlagerung von Privatleben in die berufliche Sph\u00e4re, zum anderen Verlagerung von Arbeit in das Privatleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine extreme Weiterf\u00fchrung der zuletzt genannten Variante ist der Cloudworker: Hier arbeiten Mitarbeiter nicht nur au\u00dferhalb vom Unternehmen, sie sind auch nicht l\u00e4nger Teil des Unternehmens, also nicht mehr Mitarbeiter, sondern Tagel\u00f6hner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Work ohne Unternehmen<\/strong><\/p>\n<p>Hier f\u00fchrt Work-Life-Blending dazu, dass Work vollkommen aus dem Unternehmen herausgezogen wird.<\/p>\n<p>Auch wenn dieses Konzept in Deutschland noch nicht so stark verbreitet ist21, spielt es trotzdem in den Szenarien \u201ef\u00fchrender\u201c deutscher Unternehmen eine zentrale Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Cloudworker sind oft schlecht bezahlte Tagel\u00f6hner &#8211; statt hochbezahlter Experten<\/strong><\/p>\n<p>Der Cloudworker arbeitet also zuhause. Die Arbeit dringt damit auch arbeitsrechtlich in das Privatleben ein, da der Mitarbeiter als Einzelunternehmer fungiert. Cloudworker sind manchmal gut bezahlte Experten, die sich als erfolgreiche Freelancer ihre Jobs aussuchen k\u00f6nnen. Weitaus \u00f6fters sind sie aber schlecht bezahlte Tagel\u00f6hner (oder \u201eMinutenl\u00f6hner\u201c beziehungsweise \u201eClickworker\u201c), die f\u00fcr kleine Aufgaben allenfalls kleines Geld bekommen, das kaum zum Leben reicht, und als Cloudworker zudem einem permanenten Preisdruck unterliegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nicht die Arbeit verschwindet, aber der feste Arbeitsplatz<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem IBM ist hier mit dem Programm \u201eLiquid\u201c weit vorgeprescht, wobei der Name harmlos klingt, aber weitreichende Konsequenzen mit sich bringt: Es begann im Jahr 2010 mit \u201eGeneration Open\u201c. Hier wurden \u201eBlue Communities\u201c gegr\u00fcndet, die jeweils aus bis zu 500 Mitgliedern bestehen, die bis auf den Community-Leader gar nicht bei IBM fest angestellt sind. Gearbeitet wird auf einer \u201eLiquid Talent Platform\u201c, die Transparenz \u00fcber Erbrachtes herstellt, also Wissensaustausch, Dokumentation, aber auch Wettbewerb.<\/p>\n<p>Dass hier im wesentlichen IBM der Nutznie\u00dfer ist, liegt auf der Hand. Die Logik macht folgende Beschreibung deutlich: \u201eIBM will solche Projekte auf Internetplattformen ausschreiben, wo sich dann auch die ehemals fest angestellten IT-Entwickler um die Jobs bewerben k\u00f6nnen. Nicht die Arbeit verschwindet, wohl aber die bisherige Form des festen Arbeitsplatzes.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Positiv formuliert ist jeder sein eigener Herr, kann also entscheiden, wann er arbeitet, wo er arbeitet und wie er arbeitet. Vielleicht kann er sogar \u00fcberlegen, ob er \u00fcberhaupt arbeiten m\u00f6chte. Bei sch\u00f6nem Wetter sitzt er im Garten hinter seinem schmucken Einfamilienhaus oder er liegt in seiner H\u00e4ngematte, sein elegantes Notebook vor sich. Negativ formuliert ist es Arbeit am Existenzminimum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit, die ins Privatleben eindringt<\/strong><\/p>\n<p>Steht bei IBM \u201eLiquid\u201c weniger f\u00fcr \u201efl\u00fcssig\u201c als vielmehr f\u00fcr \u201eLiquidation\u201c?<\/p>\n<p>Egal aus welchen Gr\u00fcnden und in welcher Rechtsform Unternehmen gerne ihre Mitarbeiter zu Hause arbeiten lassen \u2013 so richtig begeistert sind diese Heimwerker nicht davon, mit ihrer Arbeit alleine zuhause zu sitzen, die in ihr Privatleben eingedrungen ist.<\/p>\n<p>Deshalb \u00fcberrascht es nicht, dass von San Francisco bis Berlin das Gesch\u00e4ftsmodell der Coworking Spaces bl\u00fcht. Bei diesen sch\u00f6n gestylten B\u00fcrokomplexen wie wework25 oder betahaus26 k\u00f6nnen sich Einzelpersonen, aber auch kleine Firmen flexibel einmieten: sei es an einem gerade freien Arbeitsplatz oder in einem eigenen B\u00fcro. Gemeinsam nutzen die Coworker Freizeitangebote und K\u00fcchen, fallweise auch den Concierge- Service, der sich um geb\u00fcgelte Hemden, einzukaufende Verlobungsgeschenke und Konzertkarten k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Menschen wollen nicht isoliert am Schreibtisch sitzen, sie sich in der Gemeinschaft wohlf\u00fchlen und ihren festen Platz in der gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft haben.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Warum sind Coworking Spaces so gefragt und als Gesch\u00e4ftsmodell so erfolgreich, dass inzwischen weltweit mehr als eine Million Menschen dort arbeiten \u2013 bei extrem steigender Tendenz? Offenbar ist der Gedanke, als Dauerarbeitsplatz alleine zuhause zu arbeiten, f\u00fcr den Menschen als soziales Wesen unattraktiv. Die Cloudworker wollen \u00fcberhaupt nicht alleine isoliert an ihrem Schreibtisch sitzen, sie wollen interagieren, sie wollen sich in der Gemeinschaft wohlf\u00fchlen und wollen ihren festen Platz in der gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft haben. Selbst der stereotypische Nerd ist irgendwann einsam und freut sich schon auf den Austausch im n\u00e4chsten Hackathon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotzdem wittern Unternehmen beim Homeoffice immer noch Einsparungspotenzial: \u201eIn Deutschlands Dax-Konzernen herrscht Aufbruch beim Thema Homeoffice. Nur bei den B\u00fcroangestellten ist diese Stimmung noch nicht allerorts angekommen.\u201c Da hilft es auch nicht, wenn der juristisch belegte Ausdruck \u201eHomeoffice\u201c durch den etwas unverbindlicheren Ausdruck \u201eWork at Home\u201c ersetzt wird; Mitarbeiter m\u00f6gen zwar manchmal einen Tag \u201eHomeoffice nehmen\u201c \u2013 aber nicht grunds\u00e4tzlich und immer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Das fast geheime Positionspapier: Was uns Personalvorst\u00e4nde (nicht) offenlegen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>\u201eDie totale Fixierung auf das Digitale ist eine Bankrotterkl\u00e4rung an das Menschsein.\u201c Harry Gatterer, Zukunftsforscher<\/em><\/p>\n<p>Jetzt kommt ein weiterer Blickwinkel: Er zeigt uns, wie sich unsere Entscheidungstr\u00e4ger in Deutschland unsere digitale Zukunft vorstellen. Genau das beschreiben hochrangige deutsche Personalvorst\u00e4nde in einem extrem aufschlussreichen und verbinden ihre \u00dcberlegungen auch gleich mit umfangreichen Forderungen. Schlummern solche Papiere oft absichtlich im Verborgenen, so ist dieses frei im Internet verf\u00fcgbar. Nur vereinzelt diskutiert und am Anfang auch eher z\u00f6gerlich \u00f6ffentlich verbreitet, blieb dieses Papier aber trotzdem in der Unendlichkeit des Internets stecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Siemens-Personalerin Janina Kugel, Bettina Volkens von der Lufthansa oder Telekom-Personaler Christian Illek &#8211; sie alle haben nur eine Botschaft<\/strong><\/p>\n<p>Mitgemacht haben unter anderem die Vorst\u00e4nde Christian Illek (Deutsche Telekom), Hartmut Klusik (Bayer), Melanie Kreis (Deutsche Post DHL), Janina Kugel (Siemens), Stefan Ries (SAP), Ralf Stemmer (Deutsche Postbank) und Bettina Volkens (Lufthansa). Als Moderator fungierte Ex-Personal-Vorstand und Neo-FDP-Politiker Thomas Sattelberger.<\/p>\n<p>Viele dieser Personen kennen wir aus Zeitschriften, Werbetexten und Kongressank\u00fcndigungen. Alle diese sch\u00f6nen Bilder von strahlenden Menschen haben nur eine Botschaft: Die digitale Transformation ist ein Mega-Projekt und wir haben es vollkommen im Griff. Nicht irgendwie. Sondern ganz sicher und ganz richtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Wunschbild der Personaler: Defensiv, bedrohlich und wie entm\u00fcndigt sollen Mitarbeiter sein<\/strong><\/p>\n<p>Nur: Das von den Personalvorst\u00e4nden entwickelte Wunschbild macht nicht im Geringsten Lust auf die Zukunft. Es wirkt eher defensiv, bedrohlich und versetzt die Leser in die Rolle von kleinen Kindern, die den Ernst der Lage nicht verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen gibt es zum ersten Papier eine Erg\u00e4nzung, die sich aber wie eine Ausf\u00fchrungsverordnung zum ersten Papier liest, weshalb ich mich auf das erste und urspr\u00fcngliche Papier konzentrieren werde: Denn da zeigt sich die wirkliche und durchaus diskutierbare Grundlogik f\u00fcr die Arbeitswelt unserer Konzernlenker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch ein kleiner Hinweis f\u00fcr alle diejenigen, die jetzt einfach weiterbl\u00e4ttern wollen: \u201eSymboltr\u00e4chtig wurde das Diskussionspapier am 29. Juni [2017] im Bundeskanzleramt \u00fcbergeben.\u201c<strong>\u00a0<\/strong>Ber\u00fccksichtigt man die gute Vernetzung der Autoren des Papieres und diverse andere Umst\u00e4nde, so ist klar:<\/p>\n<p>Vieles von dem Angek\u00fcndigten werden wir als neue deutsche Industriepolitik sehr bald sehr real erleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unverstandene Technologie: Digitalisierung als deterministischer Tsunami<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><em>\u201e[\u2026] wir stehen vor einer Zeitenwende. Die digitale Revolution wird Wirtschaft und Gesellschaft binnen k\u00fcrzester Zeit transformatorisch ver\u00e4ndern: die Art, wie wir wirtschaften, wie wir arbeiten, wie wir lernen und wie wir leben. Der Wandel kommt \u2013 und zwar mit oder ohne uns, und er kommt schnell.\u201c Deutsche Personalvorst\u00e4nde<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Egal ob \u201eder Tsunami der Digitalisierung in allen Lebensbereichen\u201e, \u201eder digitale Tsunami unseren deutschen Mittelstand hinwegfegt\u201c oder einfach nur \u201eder digitale Tsunami \u2013 Das Innovator\u2019s Dilemma\u201c: Hier kommt etwas auf uns zu, was wir nicht verhindern k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen uns nur anpassen. Daher gibt es auch die Verbindung mit \u201eTiefschlaf\u201c und mit der Aufgabe \u201ewachzuk\u00fcssen\u201c. Was klar ist: Davonlaufen hilft nicht. Der Tsunami ist st\u00e4rker und schneller.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Personalvorst\u00e4nde benutzen nicht den Ausdruck Tsunami, denn damit w\u00fcrde Panikmache und Vorherbestimmtheit zu offenkundig. Gleichwohl kommt es im politischen Umfeld in Verbindung mit \u201eGerman Mut\u201c und \u201eUpdate\u201c durchaus vor. Zudem schwingt das Bild \u00fcberall unterschwellig mit \u2013 und das ist gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Digitalisierung kommt nicht nur auf uns zu. Sie \u00fcberrollt uns schon (angeblich).<\/strong><\/p>\n<p>Ein zweites Bild f\u00fcr Unausweichlichkeit und Dringlichkeit der Digitalisierung sind mit den globalen oder europ\u00e4ischen Aufgaben verbundene Z\u00fcge, von denen wir eigentlich schon abgekoppelt sind. Nur wenn wir rechtzeitig und schnell genug reagieren, dann gibt es eine marginale Chance. Eigentlich sind wir aber jetzt schon zu sp\u00e4t dran, denn aktuell laufen wir v\u00f6llig hoffnungslos hinterher, und so haben nur wenige von uns zumindest eine theoretische Chance, mit erheblichen Anstrengungen und Blessuren versp\u00e4tet auf den letzten Zug aufzuspringen.<\/p>\n<p>Auch dieses Bild weckt weitere und sehr spezifische Assoziationen. Denn Z\u00fcge haben eine Verbindung mit Gleisen, die Optionen vorgeben, letztlich aber auch die Optionsvielfalt begrenzen. So viele schnelle ICE-Verbindungen zwischen Berlin und Frankfurt oder Frankfurt und M\u00fcnchen gibt es nicht. Genauso begrenzt ist die Zahl der Alternativen f\u00fcr die Digitalisierung \u2013 zumindest nach der Rhetorik der Meinungsf\u00fchrer unserer Digitalisierungsdebatte. Was auch noch zum Bild geh\u00f6rt: Die Z\u00fcge fahren, egal ob ich mitfahre oder nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Papier der Personalvorst\u00e4nde deutscher Gro\u00dfkonzerne ist letztlich alles alternativlos und deterministisch. Tsunami und Zug sind gegeben. Deshalb m\u00fcssen wir jetzt schnell und kompromisslos handeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fchren technologische Entwicklungen tats\u00e4chlich als Einbahnstra\u00dfe zu korrespondierenden gesellschaftlichen Entwicklungen? In der Wissenschaft gilt das Denken in der Ideologie vom technologischen Determinismus als veraltet und gef\u00e4hrlich. So ist alles, was die Digitalisierung zum technologischen Determinismus macht, wieder geschicktes Framing \u2013 zulasten von uns allen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es dreht sich nur noch darum, wie wir lernen, mit der Digitalisierung umzugehen, also den richtigen Knopf an der Kaffeemaschine zu dr\u00fccken, der alle digitalisierten Verbindungen herstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber viel m\u00fcssen und sollen wir vielleicht gar nicht mehr lernen. Es gibt die kleine Macht-Elite der Industrie, die Fragen definiert, alle Antworten kennt und \u00fcber ihre Politikverbindung versucht, sie zur Realit\u00e4t zu machen. F\u00fcr uns andere Menschen mit begrenztem Wissen reicht schon, wenn wir alle brav lernen, ausschlie\u00dflich solche Kaffeemaschinen zu kaufen, die automatisch ihre Verbindungen herstellen, weil wir nur so dem Tsunami entkommen und uns an die als Fortschritt deklarierte Form der Digitalisierung ankoppeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die soziale Dimension der Digitalisierung ist nicht durch die Digitalisierung bestimmt, sondern durch eine kleine Gruppe von Akteuren \u2013 unter dem Deckmantel des technologischen Zwanges und zum Wohle einiger weniger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Implizite Microfizierung: Microzertifikate, Microtasking, Microzufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>[\u2026] Microtasking. Dabei wird eine Aufgabe in m\u00f6glichst viele kleine Teilaufgaben zerlegt, die von ebenso vielen externen sogenannten Click-Workern bearbeitet [\u2026] werden.\u201c Deutsche Personalvorst\u00e4nde<\/em><\/p>\n<p>Was f\u00e4llt Ihnen spontan ein, wenn Sie \u201cMicro\u201c h\u00f6ren? Klein, fortschrittlich, Hightech, Platz sparend, kosteng\u00fcnstig, aber sicher auch Micro-Chip, und Sie erraten es nie \u2013 vor allem Flexibilit\u00e4t. Die Microk\u00fcche passt in jedes noch so kleine Apartment und kann nach dem Umzug sogar in Microwohnungen mitgenommen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMicro\u201c ist einfach gut: klein, kosteng\u00fcnstig und irgendwie Garant f\u00fcr Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Da gibt es als Erstes als Bescheinigung f\u00fcr ganz eng umrissenes Teilwissen die Microzertifikate, wieder ein Wort, das gleicherma\u00dfen sch\u00f6n, unverf\u00e4nglich und fortschrittlich klingt. Microzertifikate ersetzen umst\u00e4ndlich lange Qualifizierungsprogramme, mit denen Unternehmen ihre Mitarbeiter begl\u00fccken. Und damit sind wir \u2013 ohne dass man es merkt \u2013 beim Work- Life-Blending angekommen: Denn die Verantwortung f\u00fcr das Erwerben der Microzertifikate liegt pl\u00f6tzlich in der Hand jedes Einzelnen. Jetzt k\u00f6nnen die Unternehmen beruhigt darauf setzen, dass Mitarbeiter sich selbst scheibchenweise Wissensmodule aneignen, um Microzertifikate zu erwerben. Man kann sich also in der Freizeit, vor allen Dingen aber am Wochenende, am Abend oder in den Ferien, mit der f\u00fcr sich selbst \u00fcberlebenskritischen Microqualifizierung besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Logik der Microqualifizierung und als Voraussetzung einhergehender Microzertifikate hat weitreichende Konsequenzen f\u00fcr die gesamte Qualifizierung von der Ausbildung bis hin zum Studium. Nimmt man das Studium an einer Universit\u00e4t, so ist es gar nicht mehr angesagt, m\u00f6glichst umfassend und ganzheitlich in f\u00fcnf Jahren beispielsweise zu lernen, wie Betriebe funktionieren oder wie sich die deutsche Geschichte als zwingende Konsequenz einer Kette von Pfadabh\u00e4ngigkeiten manifestiert. Es reichen kleine Zertifikate, die nebenbei in der Freizeit erwerbbar tagesaktuell auf berufliche Notwendigkeiten abstimmbar sind. Das Ganze hat etwas von mystischer Agilit\u00e4t, wenn Mitarbeiter selbst bei Auftauchen eines Bildungsbedarfes \u00fcber einen kleinen Kurs und ein kleines Zertifikat korrigierend eingreifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Microzertifikate ersetzen (Aus-)bildung<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Idee der au\u00dferhalb von Unternehmen angebotenen Microzertifikate setzt voraus, dass dieser Bildungsbedarf von den Mitarbeitern lokalisiert und ein entsprechender Baustein angeboten wird. Selbst wenn das funktioniert: Was definitiv zu kurz kommt, ist jegliches \u00fcbergreifendes, integratives Verst\u00e4ndnis. Also verbirgt sich hinter den Microzertifikaten nicht nur ein vollumf\u00e4ngliches Eindringen der Qualifizierung in das Privatleben: Dieser Ruf nach Microzertifikaten ist auch eine Gefahr f\u00fcr unser Bildungsniveau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine zweite Form der Microfizierung in der Wunschvorstellung der Personalvorst\u00e4nde sind fein zerteilte Jobs. Hier jetzt ein kostenloser Tipp f\u00fcr Vorst\u00e4nde und Politiker: Verwenden Sie das Wort \u201eMicrojobs\u201c. Es klingt besser als Microtasking und besser als die \u201eMinijobs\u201c aus der Agenda 2010: Ein \u201eMini\u201c-Job ist etwas Negatives, weil er im Gegensatz zum richtigen \u201egro\u00dfen\u201c Job steht. Anders dagegen der \u201eMicro\u201c-Job, der die gesamte wuchtige Komplexit\u00e4t eines ganzen Jobs so verkleinert, dass er \u00fcberall einbaubar ist. Diese \u201eH\u00e4ppchen-Jobs f\u00fcr ein Taschengeld\u201c verschaffen den Unternehmen Flexibilit\u00e4t. Und f\u00fcr Mitarbeiter bedeuten Microjobs noch mehr Aufl\u00f6sen der beiden Bl\u00f6cke \u201ePrivat\u201c und \u201eBeruf\u201c: Denn Mitarbeiter m\u00fcssen sich auch in ihrer Freizeit immer mehr um ihre f\u00fcr den Lebensunterhalt n\u00f6tige Besch\u00e4ftigung k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Microfizierung ist essentiell f\u00fcr umfassendes Work-Life- Blending: Je kleiner die zu verbindenden Einheiten, umso flexibler wird Verbindung.<\/p>\n<p>Am Ende bleibt allenfalls ein Rest an Mitarbeiterzufriedenheit und wir bekommen ein neues Wort in der Logik der Digitalisierung: \u201eMicrozufriedenheit\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verstecktes Kleingedrucktes: Verringerung der blockierenden Mitbestimmung<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>W\u00e4re eine \u203aMitbestimmung light\u2039 oder sogar Befreiung von Mitbestimmung f\u00fcr besonders innovative Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern denkbar?\u201c Deutsche Personalvorst\u00e4nde<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Ausdruck ist in diesem Papier gut versteckt, kommt aber vor und ist von ganz zentraler Bedeutung: \u201eMitbestimmung light\u201c. Dahinter steckt tats\u00e4chlich keine Evolution, sondern eine echte Disruption. Deutschland kennt mehr als viele andere L\u00e4nder umfassende Informations-, Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte auf der Seite der Arbeitnehmervertretung. Und es hat dem Industriestandort Deutschland nicht geschadet. Um Flexibilit\u00e4t durch Work-Life-Blending zu maximieren, m\u00fcssen Mitbestimmung und gesetzliche Schranken bei Arbeitszeit, Arbeitsort und Arbeitsinhalt jedoch minimiert werden, denn es ist laut Meinung der Personalvorst\u00e4nde nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum einen m\u00fcssen Regelungen entfallen, die Grenzen ziehen. Also k\u00f6nnte man beispielsweise an der Arbeitszeitordnung ansetzen und f\u00fcr die Arbeitszeit lediglich eine Monatsarbeitszeit definieren. Wann letztlich gearbeitet wird, entscheidet dann der Arbeitgeber, entweder durch Vorgabe von Arbeitszeiten oder aber durch Vorgabe des Arbeitsvolumens. \u00dcberstunden gibt es in diesem Modell nicht, beziehungsweise korrekt formuliert \u2013 sie werden nicht extra bezahlt. Was auch wegf\u00e4llt: H\u00f6chstarbeitsstunden pro Tag und Mindestzeiten f\u00fcr Pausen \u2013 weil ja lediglich eine Monatsarbeitszeit definiert und alles andere offengelassen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es sind die Verf\u00fcgungsrechte: Wer hat das Recht der Anordnung?<\/strong><\/p>\n<p>Zum anderen m\u00fcssen Regelungen entfallen, die solche Entscheider bei ihrer Entscheidung einschr\u00e4nken. In der Wirtschaftswissenschaft spricht man von Verf\u00fcgungsrechten. Wer hat also das Recht der Anordnung? Will ein Unternehmen heute eine zus\u00e4tzliche Schicht am Wochenende fahren, so wird der Betriebsrat eingeschaltet. Genau deshalb sind Firmen, die Agilit\u00e4t auf ihre Fahne schreiben, im Regelfall auch gegen Mitbestimmung und f\u00fcr eine \u00c4nderung der Arbeitszeitgesetze in Richtung auf mehr Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Digitalisierung: Betriebsr\u00e4te im Keim ersticken<\/strong><\/p>\n<p>Genau diesen Prozess wollen die deutschen Personalvorst\u00e4nde unter dem positiv belegten Stichwort \u201eDigitalisierung\u201c befeuern. \u00dcbertragen auf kleine Betriebe und Start-ups k\u00f6nnte das bedeuten, bereits das Gr\u00fcnden von Betriebsr\u00e4ten zu verhindern \u2013 etwas, das gerade Unternehmen aus dem Feld der Digitalisierung durchaus als richtig ansehen. So entlie\u00df Deutschlands gr\u00f6\u00dfter Computerhersteller Goodgame 2015 kurz vor Weihnachten 28 Mitarbeiter, die angeblich einen Betriebsrat gr\u00fcnden wollten. Darunter war auch ein Schwerbehinderter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mitbestimmung und Arbeitsrecht st\u00f6ren bei der Transformation in Richtung Work-Life-Blending.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb \u00fcberraschen die Forderungen der Personalvorst\u00e4nde nicht im Geringsten. Aber die Mitbestimmung in deutschen Unternehmen ist nicht einfach aus einer Laune entstanden. Unsere Gro\u00dfm\u00fctter und Gro\u00dfv\u00e4ter haben diese Rechte auf der Stra\u00dfe erstreikt und erk\u00e4mpft. Ist die Digitalisierung wirklich ein Grund, dieses Erbe wegzuwerfen?<\/p>\n<p>Die Verfechter dieser Arbeitswelt der etwas anderen Art gehen sogar noch weiter: Ein \u201eHoffnungstr\u00e4ger der FDP\u201c will aktuell dem \u201eSturm der Digitalisierung\u201c durch \u201eFreiheitszonen\u201c begegnen, wo ohne \u201ezwanghafte Regulierung im Voraus\u201c durch Staat und Gewerkschaften gewirtschaftet werden darf, selbst wenn diese Digitalisierung m\u00f6glicherweise erst einmal nur wenige gro\u00dfe Gewinner hervorbringt. Und vielleicht wird ein Staatsminister f\u00fcr Digitalisierung diese Schutzzonen f\u00fcr Unternehmen in digitalem Darwinismus gegen uns normale Menschen sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tiefsitzende Passivit\u00e4t: Personalabteilung als erneuter Erf\u00fcllungsgehilfe<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>In Deutschland dominiert gerade im HR-Bereich zu sehr das \u203aallt\u00e4gliche Klein-Klein\u2039. Themen wie Arbeitszeitregelungen (Zehn-Stunden-Tag etc.) stehen im Widerspruch zu einer strategischen Fokussierung auf die wirklich wettbewerbsrelevanten HR-Aspekte, zum Beispiel im Recruiting und in der Personalentwicklung.\u201c Deutsche Personalverst\u00e4nde<\/em><\/p>\n<p>Wer kennt sie nicht: die gute alte Personalabteilung. Sie hat in der Vergangenheit interessante Wandlungen vollzogen. Vor diesem Hintergrund w\u00e4re es erstaunlich, wenn Work-Life-Blending als Mischung aus New Work und Digitalisierung keinen Einfluss auf die Personalabteilung haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Je weniger Mitarbeiter umso weniger Personaler<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die Personalvorst\u00e4nde heftig am Entwickeln der Mogelpackung Work-Life-Blending mitwirken, gibt es im Papier der Personalvorst\u00e4nde keine klaren Aussagen zur Personalabteilung. Trotzdem zeichnen sich interessante Schlussfolgerungen ab. Was passiert, wenn im Work-Life-Blending immer mehr Arbeitseinheiten aus dem betrieblichen Bereich in den privaten Bereich verlagert werden? Die Antwort: Je weniger Mitarbeiter ein Unternehmen hat, umso mehr glaubt man, die Personalabteilung ausd\u00fcnnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sieht es mit der Microfizierung aus? Auf den ersten Blick sieht es nach Mehrarbeit aus, weil jetzt kleinere Einheiten zu koordinieren sind. Hier setzt man auf Selbstorganisation. Definitiv fallen aber bisherige umfangreiche Programme zur Personalentwicklung weg. Die verbleibenden Reste verschieben sich in den Privatbereich der Mitarbeiter. Auch das spart Mitarbeiter in der Personalabteilung. Zudem verabschieden sich Unternehmen immer mehr von individuellen Laufbahnpl\u00e4nen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer Trend: Immer mehr Unternehmen r\u00fccken Substitutionsangebote externer Dienstleister in den Vordergrund. \u00dcberall sieht man Angebote von Start-ups, die sich teilweise aus freigesetzten Personalmanagern rekrutieren und die Personalfunktionen von Akquisition bis hin zur Entlassung wahrnehmen. Unabh\u00e4ngig davon, ob sie zwingend daf\u00fcr qualifiziert sind.<\/p>\n<p>Dabei kommt es immer mehr zur einer Angleichung der Personalarbeit, letztlich also zu einer Verflachung. Da aber angesichts von Cloudworkern und sich aufl\u00f6sender Unternehmensgrenzen die Rolle von Unternehmen als sinnstiftende Quelle f\u00fcr Identifizierung in den Hintergrund r\u00fcckt, scheinen die Protagonisten unserer neuen Arbeitswelt im bewussten Abschmelzen der Personalabteilung kein Problem zu sehen. Zumindest thematisieren sie diesen Punkt nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen k\u00fcmmern sich auch Personal-Zeitschriften kaum noch um die Personalabteilung. So gab es 2016 im\u00a0<em>Personalmagazin\u00a0<\/em>auf 1 018 Seiten exakt einen Artikel, der sich ernsthaft mit der Personalabteilung befasst (bei gutwilliger Lesart plus vier weitere und damit 14 Seiten = 1,4 Prozent).<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Konsequenz:\u00a0<\/strong><strong>Die Personalabteilung wird fatalerweise in der digitalen Arbeitswelt 4.0 marginalisiert, verliert an Gewicht und an Professionalit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p>Ob sich die Personalvorst\u00e4nde, die an diesem Papier mitgewirkt haben, bewusst sind, dass der Wagen, vor den sie sich spannen lassen, nicht nur das Unternehmen dem Abgrund nahebringt, sondern die eigene Profession beerdigt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das nur ein kleiner Teil des Masterplans, der zwar Digitalisierung hei\u00dft, aber ein unangenehmes Work-Life-Blending produziert. Das Fatale: Der Plan liegt im Detail vor. Jeder von uns kann ihn lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwie erinnert das Papier der Personalvorst\u00e4nde an den Anfang des Reisef\u00fchrers\u00a0<em>Per Anhalter durch die Galaxis\u00a0<\/em>von Douglas Adams: Hier erf\u00e4hrt Arthur Dent, dass die Gemeindeverwaltung sein Haus abrei\u00dfen und eine Umgehungsstra\u00dfe bauen werde. Allerdings w\u00e4ren die Pl\u00e4ne \u201eeigentlich\u201c bekannt. Nur keiner h\u00e4tte sie sich angeschaut. Das gleiche Schicksal sollte etwas sp\u00e4ter die Erde erfahren, um einer neuen Hyperraum-Umgehungsstra\u00dfe Platz zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"460\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Buchauszug Christian Scholz: &#8222;Mogelpackung Work Life Blending &#8211; warum dieses Arbeitsmodell gef\u00e4hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen&#8220;. 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