{"id":665206,"date":"2017-06-10T00:14:03","date_gmt":"2017-06-09T22:14:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=665206"},"modified":"2017-06-10T00:14:03","modified_gmt":"2017-06-09T22:14:03","slug":"buchauszug-hajo-schumacher-solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/06\/10\/buchauszug-hajo-schumacher-solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst\/","title":{"rendered":"Buchauszug Hajo Schumacher: &#8222;Solange Du Deine F\u00fcsse auf meinen Tisch legst&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug aus Hajo Schumachers &#8222;Solange Du Deine F\u00fcsse auf meinen Tisch legst&#8230;\u00a0Mein schrecklich lustiges Leben als Vater&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-665208\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/Cover.Schumacher-Solange-du-deine-Fuesse-auf-meinen-Tisch-org.jpg\" alt=\"\" width=\"408\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/Cover.Schumacher-Solange-du-deine-Fuesse-auf-meinen-Tisch-org.jpg 408w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/Cover.Schumacher-Solange-du-deine-Fuesse-auf-meinen-Tisch-org-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 408px) 100vw, 408px\" \/><\/p>\n<p><strong>Buchauszug aus Hajo Schumachers &#8222;Solange Du Deine F\u00fcsse auf meinen Tisch legst&#8230;\u00a0Mein schrecklich lustiges Leben als Vater&#8220;, Eichborn Verlag, 240 Seiten, 16 Euro: <a href=\"https:\/\/www.luebbe.de\/eichborn\/buecher\/sonstiges\/solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst\/id_5911421\">https:\/\/www.luebbe.de\/eichborn\/buecher\/sonstiges\/solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst\/id_5911421<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Spie\u00dfer vs Hippies<\/strong><\/p>\n<p>Alle Eltern eint der Wunsch, auf gar keinen Fall spie\u00dfig sein zu wollen. Die traurige Wahrheit ist: Es gelingt kaum jemandem. Au\u00dfer uns nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Wenn ich am Sonntagabend den Tisch decke, achte ich peinlich genau auf kunstvolle Unordentlichkeit. Auf gar keinen Fall darf jeder das gleiche Besteck haben. Wir haben zum Gl\u00fcck eine gro\u00dfe bunte Auswahl an Geschirr, weil von urspr\u00fcnglich sechs oder acht gleichen Tellern bis heute maximal drei \u00fcberlebt haben. Oder Servietten. Ich nehme eine von Weihnachten, eine aus der Osterkollektion, einmal das Modell Emil Nolde und weiter hinten im Schrank finde ich immer noch ein K\u00e4pt\u2019n-Blaub\u00e4r-Modell von einem jener fr\u00fchen Kindergeburtstage, als die Kleinen noch s\u00fc\u00df waren, jedenfalls in der Erinnerung. Ein kunterbunter Essenstisch, das ist meine Kampfansage an die b\u00fcrgerliche Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ich bin bro-m\u00e4\u00dfig l\u00e4ssig, wenn Karl die K\u00fcche betritt, aber in Wirklichkeit hoch gespannt. Wird der Gro\u00dfe die Augenbrauen l\u00fcpfen und ein kurzes \u00bbMrmh\u00ab knurren? Und was mag dieses \u00bbMrmh\u00ab heute bedeuten? Zustimmung? Kritik? Verletztsein?<\/p>\n<p>Den Begriff \u00bbreden\u00ab definieren wir bei unseren Jungs relativ gro\u00dfz\u00fcgig. Ganze S\u00e4tze sind es nicht, streng genommen versteht man nicht mal einzelne W\u00f6rter. Mit dem Erreichen der siebten Klasse geschehen ja seltsame Dinge im Sprachzentrum von Knaben. Schlagartig verk\u00fcmmert die Artikulationsf\u00e4higkeit; noch ein Beweis, dass die Evolution r\u00fcckw\u00e4rts funktioniert. Unser gro\u00dfes Kind spricht vorwiegend Neandertalerisch. Der Junge macht Ger\u00e4usche, vor allem eines, das klingt wie ein abgehacktes R\u00f6cheln mit einem variabel modulierten brummigen Unterton, ungef\u00e4hr wie \u00bbMrmh\u00ab. Seit wir die Party zum 18. Geburtstag bezahlt haben, sind wir fest \u00fcberzeugt, dass das Brummige etwas weniger geworden ist. Er meint es sicher nur gut mit uns; er will uns nicht \u00fcberkommunizieren. Deswegen wird mit \u00bbMrmh\u00ab jede Frage beantwortet, jede Debatte bestritten, was immer dann zur Interpretationsaufgabe wird, wenn es um Fakten geht.<\/p>\n<p>Fragt der teilnahmsvolle Vater \u00bbWie war\u2019s denn in der Uni, mein Junge?\u00ab, dann kann man sich f\u00fcr das \u00bbMrmh\u00ab was Passendes aussuchen. Auf die Frage der leistungsorientierten Mutter, wie denn die Klausur benotet worden sei, ist ein \u00bbMrmh\u00ab\u00ab wenig hilfreich. Wir \u00fcbersetzen dieses \u00bbMrmh\u00ab aus emotionalem Selbstschutz mit einer Note zwischen Zwei und Drei, weil der Junge eine Eins sicher stolz und klar ausgesprochen h\u00e4tte, eine F\u00fcnf hingegen mit einer Tirade \u00fcber die mangelnde p\u00e4dagogische Qualifikation des Lehrpersonals erkl\u00e4rt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eigentlich hat der Junge recht. Man muss nicht alles kommentieren oder jeden bewusstlos quatschen. Daf\u00fcr gibt es Facebook. Im pers\u00f6nlichen Umgang dagegen zwingt uns ein \u00bbMrmh\u00ab, endlich wieder auf Zwischent\u00f6ne zu achten. Auf die Frage \u00bbBrauchst du Geld?\u00ab kommt etwa ein sehr viel entschlosseneres \u00bbMrmh\u00ab als auf die Bitte, den sorgenvollen Eltern gn\u00e4digerweise mitzuteilen, wann der junge Herr am Sonntagmorgen nach Hause zu torkeln gedenkt. Das ungehaltene \u00bbMrmh\u00ab kann alles hei\u00dfen, von Mitternacht bis Morgengrauen. Die Mutter bangt inzwischen, ob der Junge je wieder richtig spricht. Unsinn. In der m\u00e4nnlichen Entwicklung gibt es nun mal zwei Schweigephasen, vor der Beziehung und w\u00e4hrenddessen.<\/p>\n<div id=\"attachment_665207\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-665207\" class=\"size-medium wp-image-665207\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/schumacher.hajo_.Foto_.RetoKlar-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/schumacher.hajo_.Foto_.RetoKlar-212x300.jpg 212w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/06\/schumacher.hajo_.Foto_.RetoKlar.jpg 459w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><p id=\"caption-attachment-665207\" class=\"wp-caption-text\">Hajo Schumacher (Foto: Reto Klar)<\/p><\/div>\n<p>Am meisten f\u00fcrchte ich mich vor dem \u00bbMrmh\u00ab, das \u00fcbersetzt etwa lautet: \u00bbDas ist doch wieder so eine b\u00fcrgerliche Schei\u00dfe.\u00ab Das B\u00fcrgerliche ist ja eine Grundkonstante unserer Gesellschaft: Es gibt b\u00fcrgerliche Parteien, gutb\u00fcrgerliche K\u00fcche und b\u00fcrgerschaftliches Engagement. Daran ist nichts auszusetzen, au\u00dfer: \u00bbB\u00fcrgerlich\u00ab ist eine Chiffre f\u00fcr \u00bbspie\u00dfig\u00ab. Und wenn sich Eltern und Kinder in einem einzigen Punkt einig sind, dann hier: \u00bbSpie\u00dfig\u00ab ist rundherum abzulehnen und bestenfalls als ironisches Zitat akzeptabel. Eintopf zum Beispiel. Eigentlich super b\u00fcrgerlich-spie\u00dfig, aber lecker, wenn genug Karotten darin schwimmen.<\/p>\n<p>\u00bbLeistung\u00ab ist auch so eine Spie\u00dfer-Kategorie. Wir sind nat\u00fcrlich eine egalit\u00e4re Familie. Elite ist uns unheimlich, da sind wir ganz SPD. Nicht auffallen, schon gar nicht mit Leistung. Gewinnen ist peinlich. Gleichheit ist unsere Religion. Wir wollen nichts Besseres sein. Naja, eigentlich wollen wir schon, besonders die Chefin, aber wir trauen uns nicht. Weil sonst jemand sagt, dass wir wohl was Besseres seien. Oder spie\u00dfig.<\/p>\n<p>Wir lassen das mal lieber mit der Leistung, vor allem in der Schule. F\u00fcr gute Noten entschuldigen wir uns bei anderen Eltern, um nicht als b\u00fcrgerliche Aufstiegshirnis zu gelten. Nat\u00fcrlich tragen wir die Gene der Hochbegabung in uns; irgendwo m\u00fcssen die Jungs ja ihre unglaubliche Kreativit\u00e4t\u00a0beim Ausreden-Erfinden herhaben. Aber wollen wir die Einsamkeit des spie\u00dfigen Strebers durchleiden, der beim Aufzeigen schnippt und in Partizipien spricht? Manchmal aber werden wir dazu gezwungen. Am Ende der vierten Klasse zum Beispiel.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war die Schule wie Berliner Fu\u00dfball. Mit einem \u00bbgen\u00fcgend\u00ab hatte man seinen komfortablen Mittelplatz gefunden, Ausnahme Sport, Werken und Handschrift. Sp\u00e4ter gingen trotzdem alle aufs Gymnasium. Die beiden mit dem besten Abitur wurden \u00c4rzte, um sp\u00e4ter die Alkoholprobleme\u00a0jener zu therapieren, die erst in die Soziologie und dann in die Medien abgerutscht waren.<\/p>\n<p>Heute kann man Viertkl\u00e4sslern den Zauber des Gen\u00fcgens nicht mehr nahe bringen. Seit Wochen kommt Hans mit neuen Fl\u00fcstermeldungen nach Hause. \u00bbA geht aufs Canisius\u00ab, wispert er, \u00bbB geht aufs Goethe\u00ab und \u00bbC geht aufs Wegscheider\u00ab. Willkommen, oh Sinnhaftigkeit des Berliner Bildungssystems. Weil die Finnen lange gemeinsam zur Schule gehen und einst so gut bei Pisa waren, sollen alle Berliner Sch\u00fcler bis zur sechsten Klasse zusammen lernen. Das hilft zwar nicht bei Pisa, aber daf\u00fcr bleiben die Berliner Kinder auch nicht wirklich beisammen.<\/p>\n<p>Denn es gibt eine Ausnahmeregel: Wer auf ein Spezialgymnasium m\u00f6chte, das ab der f\u00fcnften Klasse Latein anbietet, Russisch, Spanisch oder Tischtennis, der kann nach der vierten Grundschulkasse r\u00fcbermachen zur b\u00fcrgerlichen Bildungselite. Das ist nat\u00fcrlich peinlich, weil b\u00fcrgerlich unfinnisch, andererseits: Sollen unsere Kinder auf der Brot- oder Butterseite des Lebens landen? Eben.<\/p>\n<p>Hans hat keine besonderen F\u00e4higkeiten oder Interessen, woher auch? Unser Sohn kann nicht mal \u00bbAlea iacta est\u00ab aus Asterix zitieren. Aber die meisten seiner Kumpels verlassen die Grundschulklasse, weil der Sozialstatus es so will. Die Bedingung: Das Kind muss Latein lernen wollen. Da gehen wir nat\u00fcrlich mit. Also auf zum Bewerbungsgespr\u00e4ch bei den Elite-Gymnasien. Die Chefin hat schon ihr Business-Kost\u00fcm geb\u00fcgelt, und ich habe die Strickkrawatte rausgeholt. Wichtig: kein Knoblauch am Vorabend, mit Hans \u00bbBitte\u00ab und \u00bbDanke\u00ab \u00fcben und keine Witze \u00fcber alleinstehende Veganerinnen. \u00bbRei\u00df dich zusammen\u00ab, bellt die Chefin, einfach so. Dabei habe ich gar nichts gemacht. Das Leben in der Champions League ist mir schon unheimlich, bevor es begonnen hat.<\/p>\n<p>Wir kennen diese Pr\u00fcfungssituationen. Mit sehr b\u00fcrgerlicher Panik erinnere ich mich an die Schuleingangsuntersuchung, die die schlichte Frage beantworten soll: Ist unser Sohn mit sechs Jahren reif f\u00fcr die Grundschule? Eigentlich eine klare Sache. W\u00e4ren da nicht diese Restzweifel, die mit unserem p\u00e4dagogischen Unverm\u00f6gen korrelieren.<\/p>\n<p>Ausdauernd haben wir dem Kleinen griechische Buchstaben in den Joghurt gemalt, die Grundrechenarten mithilfe von Gummib\u00e4renhaufen ge\u00fcbt und ein Fachbuch mit den gebr\u00e4uchlichsten\u00a0Sinnspr\u00fcchen der Welt durchgearbeitet. An der K\u00f6nigsdisziplin \u00bbSchuhezubinden\u00ab sind wir leider knapp gescheitert.<\/p>\n<p>\u00bbDu musst nicht nerv\u00f6s sein\u00ab, erkl\u00e4rte ich Hans an der Klingel des Kinder-T\u00dcV mit bebender Stimme. Er guckte mich fragend an. Ihm war die Tragweite der n\u00e4chsten Stunde nicht bewusst. Vorsichtshalber hatte ich ihm drei Mal die Z\u00e4hne geputzt und kontrolliert, ob er aus Versehen zwei gleiche Socken angezogen hatte, ohne L\u00f6cher, was praktisch unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Im Wartezimmer sa\u00df ein griechischer Vater mit seinem Prinzen. W\u00e4hrend Hans das Spielzeug l\u00e4rmend auseinander warf, debattierte der Sohn Hellas\u2019 mit dem Herrn Vater \u00fcber Getriebetechnologie bei Mondautos. Hans versuchte, die Lampe mit Baukl\u00f6tzen zu treffen. So hat Dirk Nowitzki auch angefangen, beruhigte ich mich. Wenn hier versteckte Kameras angebracht waren, k\u00e4me der Bengel bestenfalls zur Baumschule.<\/p>\n<p>Endlich an der Reihe. Hans wurde gewogen und vermessen, barfu\u00df. Dummerweise hatte ich die Zehenn\u00e4gel vergessen, seit Weihnachten ungef\u00e4hr. Sind Maulw\u00fcrfe in der ersten Klasse zugelassen?<\/p>\n<p>Stufe zwei: Eine Kinder\u00e4rztin mit R\u00f6ntgenblick. Sie sagte dumme Dinge wie \u00bbMarangula\u00ab, \u00bbKiribiri\u00ab und \u00bbFangof\u00e4nger\u00ab. Hans lachte sich schlapp, wiederholte aber fehlerfrei. Doch ein Wunderkind. Dann Kreise bunter Punkte, in denen sich angeblich Zahlen verbargen. Ohne LSD erkannte ich bestenfalls eine 438,7. Hans dagegen fand 5 und 9 beim ersten Blick. Verstohlene Tr\u00e4nen des Vaterstolzes.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich das gro\u00dfe Finale: W\u00f6rter erg\u00e4nzen. \u00bbSchoolade\u00ab ging fehlerfrei, \u00bbKro-odil\u00ab auch, nur bei \u00bbFlugzeu-\u00ab sagte Hans \u00bbFlugzeugtr\u00e4ger\u00ab. Frau R\u00f6ntgen guckte mich fragend an. \u00bbEr arbeitet mit seinem gro\u00dfen Bruder manchmal historische B\u00fccher durch\u00ab, erkl\u00e4rte ich fast wahrheitsgetreu. In Wirklichkeit hockten die beiden zu oft daheim vor dem Fernseher, um gebannt Krawall-Dokumentationen \u00fcber Kriegsger\u00e4t und historische Schlachten zu gucken. Jede Klasse braucht einen Clausewitz. \u00bbAlles in Ordnung\u00ab, sagte Frau Doktor und wies uns die T\u00fcr. \u00bbOhne Flei- kein Prei-\u00ab, erkl\u00e4rte ich Hans auf dem Weg zur Eisdiele. Darauf erst mal zwei Kugeln Scho-olade, in der Waffe-.<\/p>\n<p>Geht es uns eigentlich allein so, oder wollen fast alle Eltern irgendwie total flippig sein, superlocker und in tiefem Vertrauen auf die Zukunft durchs Leben schweben anstatt dieser ewigen Spie\u00dferei? Ich gestehe: Mentalm\u00e4\u00dfig sind wir Hippies. Ein VW-Bus mit Pril-Blumen ist mir allemal lieber als ein scheckheftgepflegter SUV. Es sind wirklich nur wenige Bereiche, in denen meine B\u00fcrgerlichkeit durchbricht. Korrekter Gebrauch unserer Sprache zum Beispiel.<\/p>\n<p>Neulich hat Hans die deutsche Rechtschreibung neu erfunden, eine wissenschaftliche Gro\u00dftat. H\u00f6chste Zeit f\u00fcr die n\u00e4chste Rechtschreibreform, die letzte ist ja ewig her. Und ausgerechnet unser Sohn gibt wesentliche Impulse. Vielleicht haben wir ja doch ein Wunderkind? Nein, lieber nicht. Es gilt schlie\u00dflich: Um normal talentierten Nachwuchs f\u00fcr hochbegabt zu halten, m\u00fcssen die Eltern ziemlich spie\u00dfig sein.<\/p>\n<p>Hansens Reform zielt auf das Gro\u00df- und Kleingeschreibe, das Hans \u00bbgro\u00df- Und kleingeschreibe\u00ab geschrieben h\u00e4tte. Denn \u00bbGro\u00df\u00ab ist ein Adjektiv, das kleingeschrieben wird, w\u00e4hrend \u00bbdas Und\u00ab einen Artikel hat, weshalb es gro\u00dfgeschrieben wird. Eine Weile habe ich es mit Argumenten versucht. \u00bbGro\u00dfgeschreibe \u00ab sei kein Adjektiv, sondern ein Substantiv, weil immer das entscheidet, was hinten im Wort steht, so wie bei \u00bbKlassenarbeit\u00ab oder \u00bbZimmeraufr\u00e4umen\u00ab. Und \u00bbGeschreibe\u00ab sei ein Substantiv, wenn auch in seiner Spezialform als substantiviertes Verb, weshalb man ein \u00bbdas\u00ab davorsetzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Hans nickte. Neulich schrieb unser Gro\u00df- und Kleinreformator: \u00bbDer Lehrer Spielt am klawir.\u00ab Der Satz hat viel Sch\u00f6nes, zum Beispiel eine bet\u00f6rende Portion Logik und immerhin drei von f\u00fcnf W\u00f6rtern korrekt geschrieben, wenn auch mit \u00bbLausiger\u00ab (kommt von \u00bbdie Laus\u00ab, also gro\u00df) \u00bbklaue\u00ab (\u00bbklauen\u00ab ist ein Verb, also klein). \u00bbDer Lehrer\u00ab ist zu Recht gro\u00dfgeschrieben, weil erstens Satzanfang und zweitens Artikel; darauf immerhin haben wir uns inzwischen verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Aber warum \u00bbSpielt\u00ab?<\/p>\n<p>Hans guckte mich an wie einen Lernverweigerer. \u00bbIst doch wohl klar, Paps\u00ab, sagte mein Schlauberger, \u00bbes hei\u00dft doch \u203adas Spielen\u2039. Also gro\u00df. Und \u203aklawir\u2039 hat keinen Artikel, also klein.\u00ab Matt merkte ich an, dass man ja auch \u00bbdas Klavier \u00ab sagen k\u00f6nne, der Artikel mithin nicht immer zwingend vor dem Substantiv stehe. Die Korrektschreibung des Tasteninstruments schenkte ich ihm, weil ich die Begr\u00fcndung schon kannte: Ein \u00bbklawir\u00ab macht Musik, der \u00bbwir\u00ab alle zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Praktischerweise wird der Vokal in \u00bbwir\u00ab lang gesprochen trotz fehlendem Dehnungs-e, weshalb ein formal falsch geschriebenes Wort auf einmal die \u00fcberw\u00e4ltigende Anmut der akustischen Richtigkeit ausstrahlt.<\/p>\n<p>Kinder schreiben nicht falsch, weil sie dumm sind, im Gegenteil: Aus einem Haufen wirrer Anweisungen picken sie jene heraus, an die sie sich erinnern.<\/p>\n<p>Genau an diesem Punkt geraten mein innerer Hippie und mein innerer Oberstudienrat in einen heftigen Streit. \u00bbLass das Kind doch mal in Ruhe. Der macht schon seinen Weg\u00ab, sagt der eine, w\u00e4hrend der andere entgegnet: \u00bbJe fr\u00fcher wir diese Fehler bek\u00e4mpfen, desto weniger hat das Kind sp\u00e4ter damit zu tun, all den Unsinn wieder loszuwerden. Es gibt nun mal Regeln, und die kann, nein, die muss man lernen.\u00ab Ergebnis des inneren Zwistes: unentschieden.<\/p>\n<p>Auf einen anderen spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Wert wiederum kann mein innerer Hippie sehr gut verzichten: P\u00fcnktlichkeit. Es sei denn, der Vater hat gekocht und alles wird kalt, nur weil die Familie \u00bbganz schnell\u00ab noch mal im Internet was gucken muss. Es gilt: Wenn andere unp\u00fcnktlich sind, darf ich mich verletzt f\u00fchlen. Wenn ich selbst eine Sekunde zu sp\u00e4t komme, ist es Ausdruck meiner John-Lennon-haften Lockerheit, die es zu tolerieren gilt.<\/p>\n<p>Wollen wir in einem Land leben, wo eine Viertelstunde ein Verbrechen ist? Auch f\u00fcr Eltern gelten Menschenrechte, das freie Verf\u00fcgen \u00fcber die eigene Zeit zum Beispiel. Leider sehen das nicht alle Mitb\u00fcrger so entspannt wie wir. Neulich etwa bekam ich von einer p\u00e4dagogischen Fachkraft einen geh\u00f6rigen Anpfiff, nur weil ich Hans Montagmorgen als Letzten vor der Schule abgesetzt hatte. Die Autouhr zeigte 19:32, was angesichts von Sommerzeit und gelegentlichen Batterieausf\u00e4llen leider alles M\u00f6gliche bedeuten kann. Klar, dass das Kind mit Ranzen, Fr\u00fchst\u00fccksbeutel, Turnzeug und Bilderrolle nicht ganz so schnell sprinten kann wie sonst. Aber wer verlangt denn den ganzen Klimbim? Eben. Die P\u00e4dagogen.<\/p>\n<p>Das Problem ist recht einfach: Weil ich Spie\u00dfigkeit ablehne, haben wir kein Schl\u00fcsselbrett, was wiederum zu allmorgendlichen Ritualen f\u00fchrt, die in ihrer Zwanghaftigkeit schon fast b\u00fcrgerliche Z\u00fcge annehmen. Wir waren nat\u00fcrlich sp\u00e4t dran. Der Junge musste zur Schule. Ich tastete meine Taschen ab. Ich verh\u00f6rte den Sohn. Wer sollte den Schl\u00fcssel sonst haben? Doch er guckte ausnahmsweise nicht schuldbewusst. Verstellte er sich?<\/p>\n<p>Ich sp\u00e4hte ins Kinderzimmer: Nichts zu entdecken. Spielzeuge und Autoschl\u00fcssel sehen ja inzwischen nahezu gleich aus. Ich durchforstete Ranzen und Brottasche, die abfahrbereit im Flur standen. Banger Blick auf die Uhr. Selbst mit dem Helikopter w\u00e4ren wir zu sp\u00e4t gekommen. Ruhe bewahren, nicht aufregen, noch mal von vorn. Im fr\u00fchmorgendlichen Delirium legt man Dinge ja gern an wunderlichen Orten ab. Zahnb\u00fcrsten, Brieftaschen, Kontoausz\u00fcge sind zuverl\u00e4ssig im K\u00fchlschrank zu finden. Aber kein Schl\u00fcssel, auch nicht unter dem K\u00e4se. Ich vergr\u00f6\u00dferte den Fahndungsring. Bestimmt im Bad. Kramen im Zeitschriftenstapel. Pr\u00fcfblick durch die Klorolle. Kein Schl\u00fcssel. Blieb der M\u00fclleimer. Rechtzeitigen T\u00fctenwechsel predige ich so oft, wie ich mich nicht daran halte. B\u00fcrgerliche Konventionen. Sollte ich da jetzt hineingreifen? G\u00fctig verdeckte das Kaffeepulver den Blick auf die Salatreste. Wir sollten mit dem Trennen beginnen: Glas, Flaschen, Plastik, Bio, Schl\u00fcssel. Aber M\u00fclltrennen ist echt b\u00fcrgerlich. Ich tastete den Beutel ab. Von au\u00dfen f\u00fchlte sich alles an wie Autoschl\u00fcssel.<\/p>\n<p>Da kam mir der erl\u00f6sende Gedanke: klar, die Waschmaschine. Eben erst angestellt. Bei wie viel Grad kann man Autoschl\u00fcssel waschen? Color-Waschmittel d\u00fcrfte jedenfalls nicht verkehrt sein. Hans sa\u00df an seinem Schreibtisch und malte Buchstaben. Das tat er sonst nie. Ein unterbewusstes Schuldeingest\u00e4ndnis? \u00bbWenn du den Schl\u00fcssel irgendwo versteckt hast, gibt es ein Jahr lang kein Fernsehen\u00ab, drohte ich. Das Kind weinte fast. Ich auch.<\/p>\n<p>Sprint ins Bad. Die Waschmaschine lief seit einer Viertelstunde. Not-Abbruch! Sofort. Tropfnasse W\u00e4sche in den Korb. Jedes Kleidungsst\u00fcck durchfriemeln. Kein Schl\u00fcssel. Hans guckte mir \u00fcber die Schulter. Wehe, du grinst jetzt, Bengel. Ich werde dich enterben. Und deine Mutter gleich mit. Bestimmt hatte sie den Schl\u00fcssel eingesteckt. Anruf auf dem Handy. Mailbox. Verzweiflung. Exakt jetzt bimmelte die Schulglocke. Welche Story hatten wir der Klassenlehrerin noch nicht aufgetischt? Anruf beim Autohaus. Ersatzschl\u00fcssel w\u00fcrde vier Tage dauern, Programmieren und so. Last exit Drahtb\u00fcgeltrick. Hilft leider nicht in Zeiten versenkter T\u00fcrkn\u00f6pfe. Fr\u00fcher war alles besser, auch das Autoknacken.<\/p>\n<p>Ich verh\u00f6rte das Kind erneut. Leibesvisitation. War heute Klassenarbeit? Spielten wir so ein d\u00e4mliches Spiel, das er im Fernsehen gesehen hatte? Oder war ich der k\u00fcnftige Star des Youtube-Filmchens \u00bbBekloppter Vater sucht Autoschl\u00fcssel\u00ab? Robben unter den K\u00fcchentisch. Alle Sofapolster hochheben, sch\u00fctteln. Mit dem Besenstiel unter die Sitzm\u00f6bel.<\/p>\n<p>Kapitulation. Stolz wie Bolle stieg Hans ins Taxi zur Schule. Kollabierender Vater.<\/p>\n<p>Am Nachmittag ein Anruf aus der Schule. Hans hatte den Autoschl\u00fcssel im Sekretariat abgegeben. Also doch. Die kleine Mistkr\u00f6te. Bei der abendlichen Inquisition erkl\u00e4rte mir mein Sohn in aller Ruhe, dass der Schl\u00fcssel aus dem Turnbeutel gefallen sei \u2013 den leider ich am Morgen gepackt hatte. \u00bbKann doch mal passieren\u00ab, sagte ich beim Elterngespr\u00e4ch. \u00bbAber nicht so oft\u00ab, entgegnete ein sichtlich aufgebrachter P\u00e4dagoge. B\u00fcrgerlicher Spie\u00dfer.<\/p>\n<p>Die Wut des Lehrers mochte auch damit zu tun haben, dass wir ausgerechnet wenige Nachmittage zuvor wegen eines kleinen technischen Problems schlicht vergessen hatten, den Sohn aus der Nachmittagsbetreuung zu holen. Es standen widerspr\u00fcchliche Informationen in unserem gemeinsamen digitalen Kalender. Vielleicht sollte die Schule einfach kostenpflichtige \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten anbieten, kuschelig unter der Schulbank. Da h\u00e4tten alle was davon: Eltern, das unterfinanzierte Bildungssystem und die Kinder, die Abenteuern\u00e4chte toll finden.<\/p>\n<p>Im Herbst immerhin haben wir das Kind einmal \u00fcberp\u00fcnktlich abgegeben, eine Dreiviertelstunde vor der Deadline, was uns selbst am meisten verbl\u00fcffte. Wir hatten einfach die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit \u00fcbersehen. Drei Tage sp\u00e4ter hatten wir unsere individuelle P\u00fcnktlichkeit aber zur\u00fcckgewonnen und kamen zuverl\u00e4ssig wie immer, auf den letzten Dr\u00fccker.<\/p>\n<p>Wir haben nun mal unterschiedliche Rhythmen, diese spie\u00dfige Gesellschaft und wir lockeren V\u00f6gel. St\u00fcnden wir fr\u00fcher auf, w\u00e4ren alle noch m\u00fcder. Gingen wir fr\u00fcher ins Bett, w\u00fcrde der Familie die Quality Time fehlen. Wird h\u00f6chste Zeit, dass Schlafmeilen eingef\u00fchrt werden: F\u00fcr jede Stunde, die der Ern\u00e4hrer nach Mitternacht in die Falle kommt, darf er den Spross eine Minute sp\u00e4ter wahlweise bringen oder holen. Wir melden uns dann gleich mal f\u00fcr ein Upgrade in die dritte Stunde.<\/p>\n<p>Die schlimmste Form der Spie\u00dfigkeit ist die verbreitete Nippes-Neigung. Stolz stellen b\u00fcrgerliche Eltern die Kunstwerke ihrer Kinder in der ganzen Wohnung aus, an W\u00e4nden, auf Fensterb\u00e4nken, oft schon an der Wohnungst\u00fcr. Nein, Salzteig-T\u00fcrschilder sind nicht lustig, nicht mal als ironisches Zitat. Wir hatten diese Phase auch, und wie. Die Bastelarbeiten der Kinder machten unsere Wohnung nahezu unbewohnbar. Aber man will den Flei\u00df und die Kreativit\u00e4t sichtbar lobpreisen, weshalb jeder freie Platz zur Ausstellungsfl\u00e4che wird.<\/p>\n<p>Vor lauter Osterhasen und Schneem\u00e4nnern der Jahrg\u00e4nge 1998 bis 2015 konnte man kaum noch durch unsere Fenster sp\u00e4hen. Letzte Sichtl\u00f6cher boten die ausgeschnittenen Schneeflocken, bis der Gro\u00dfe begann, in Gro\u00dfserie graffitiartige Schriftz\u00fcge zu produzieren, die je eine halbe Wand f\u00fcllten. Wahrscheinlich \u00fcbte er zu Hause schon mal, was er demn\u00e4chst auf Nachbars Garagentor spr\u00fchen wollte.<\/p>\n<p>Die verklebten Fenster heben keinesfalls den Wohnwert, sondern sind in klassisch-b\u00fcrgerlicher Manier vor allem ein Signal an andere B\u00fcrgerliche: Seht her, unsere empfindsamen Kinderseelen erfahren tagt\u00e4glich Wertsch\u00e4tzung durch das repr\u00e4sentative Ausstellen ihrer Werke. Zarten Elternseelen bleibt die Fensterputzerei erspart. Und \u00d6kos freuen sich \u00fcber die W\u00e4rmed\u00e4mmung. Reststrahlen fahlen Sonnenlichts weisen auf die Bedeutung der Materialauswahl hin. Nimmt man billiges Papier, gilben die Fensterflocken mit den Jahren, als h\u00e4tte ein Hund in den Schnee gemacht. Weit schlimmer sind Naturmaterialien. Neulich erst kollabierte der K\u00fcrbis, den wir zu Halloween ausgeh\u00f6hlt und mittels k\u00fchner chirurgischer Schnitte in eine Art orangenen Altmaier verwandelt hatten. Wir wollten die Feldfrucht eigentlich so lange in der K\u00fcche stehen lassen, bis der Adventskranz den Platz einnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auf dem K\u00fcchenbord liegen unter einem Fettfilm begraben seit Kita-Tagen zwei Tonklumpen. \u00bbSch\u00e4ferhunde\u00ab, hatte Hans einst erkl\u00e4rt. Von der Wohnzimmerlampe baumelt ein z\u00e4hlebiges W\u00e4scheklammerkrokodil. Immerhin l\u00f6st sich der Klorollenhalter auf Kleiderb\u00fcgelbasis langsam auf.<\/p>\n<p>Nichts ist ja qu\u00e4lender als bastelarbeitsfreie Fl\u00e4chen in der Wohnung. Sonst denkt der Besuch noch, unsere Kinder seien nicht kreativ. Als der K\u00fcrbis zusammenfiel, staubte es gewaltig. Flach atmen, Fenster auf. Sind Schimmelsporen eigentlich t\u00f6dlich oder Abh\u00e4rtung f\u00fcr die Kinder? Vielleicht sollte ich doch die Bundeswehr anrufen, Abteilung chemische Kampfstoffe. Ach was: Wer drei Tage getragene Jungssocken \u00fcberlebt, wei\u00df, dass Augenbrennen vergeht.<\/p>\n<p>Eine Weile freuten wir uns, wenn in der Schule wieder die Weihnachtsgeschenkproduktion angeworfen wurde. Kerzenhalter kann man nicht genug haben, vor allem wenn die Fenster mit Bastelarbeiten vollverdunkelt sind. Bei Weihnachtsgeschenken komme es nicht auf Gr\u00f6\u00dfe und Preis an, sondern auf die vielen guten Absichten, die damit verbunden seien, las ich neulich in einem Erziehungsratgeber. Okay, Kinder, das nehmen wir dann mal ernst. Ab sofort bastelt Vati gnadenlos zur\u00fcck. Ich drohte, in der Dom\u00e4ne Dahlem einen Strohballen zu erwerben, aus den Latten vom Babybett eine Krippe zusammenzunageln und mich in ein Ochsenkost\u00fcm zu zw\u00e4ngen. Zu Weihnachten gibt es ein Krippenbild mit der Chefin als Jungfrau Maria. Aus dem Reststroh w\u00fcrde ich mit Lassoband dicke mannshohe Sterne basteln, die die T\u00fcren zu den Jungszimmern schalldicht verschl\u00f6ssen. Damit ich das Geheule nicht h\u00f6ren m\u00fcsste, wenn es statt Elektronikschrott zum Fest nur Selbstgebasteltes von den Eltern g\u00e4be, total herzlich, mit ganz viel guten Absichten.<\/p>\n<p>So langsam haben die Jungs kapiert, dass man erstens basteln k\u00f6nnen muss und zweitens die Ergebnisse wirklich m\u00f6gen sollte. Mein innerer Hippie br\u00fcllt: \u00bbBeides nein.\u00ab Und der B\u00fcrgerliche in mir h\u00e4lt ergeben die Klappe.<\/p>\n<p>Unsere Einstiegsdroge in die Bastelphilie war die Kastanie. Vor knapp 20 Jahren, als unser Gro\u00dfer seinen ersten Herbst in einer Kinderaufbewahrungsanstalt zubrachte, erduldeten wir erstmals das Oktoberritual: Kastanien sammeln, Bl\u00e4tter dazu und was sonst noch so rumliegt. Traumatische Erinnerungen an die eigene Kindheit: Kurz nach dem Krieg hatten wir uns den Herbst ebenfalls mit Sammeln vertrieben. Nur fehlte damals dieser Kirchentagsblick. Wir klaubten halt Bl\u00e4tter auf und zerpfl\u00fcckten sie. Wenn Gro\u00dfst\u00e4dter heute buntes Herbstlaub sehen, werden sie umgehend von Naturgef\u00fchlen ergriffen, fangen an zu meditieren und bestellen was mit Filz aus dem Manufactum-Katalog.<\/p>\n<p>In unserem ersten Jahr mit Kind und Kita waren wir noch sehr ger\u00fchrt, wie die Erzieherinnen die bunten Bl\u00e4tter auf ein Blatt Papier klebten, w\u00e4hrend die Kinder sich \u00fcber das Fernsehprogramm austauschten. Stolz h\u00e4ngten wir das Herbstbild in die K\u00fcche, wo es sich den Winter \u00fcber im Dampf der K\u00fcrbissuppe in Kompost verwandelte. Zu den Bl\u00e4ttern kamen die Kastanien. Wegen der Verletzungsgefahr erledigte das p\u00e4dagogische Personal das Anbohren der Fr\u00fcchte, weshalb die Kinder nicht basteln lernten, sondern zugucken. Die Stelzen aus \u00f6kologisch unbedenklichen Zahnstochern hielten nat\u00fcrlich nicht. Streichh\u00f6lzer sind zwar giftig, aber stabiler. Was kein Vorteil sein muss, weil die Viecher dann bis zum Fr\u00fchjahr herumstehen. Bis heute r\u00e4tseln wir, ob es Maden oder W\u00fcrmer\u00a0waren, die aus den Kastanien krochen. Zusammen mit dem gammelnden Bl\u00e4tterbild ergab sich jedenfalls ein h\u00fcbsches Biotop, das wir mit R\u00fccksicht auf die zarten Seelen erst entsorgten, als die Kinder schliefen.<\/p>\n<p>Nun gehen wir etwa in die zwanzigste Saison Herbstm\u00fcll. Unsere Naturbegeisterung hat nachgelassen. Biobilder h\u00e4ngen wir nicht mehr auf, sondern lassen sie gleich aus der Schultasche in die braune Tonne gleiten. Den Kindern ist das wurscht; sie haben die Bilder nur gemacht, weil sie glaubten, die Erwachsenen freuten sich dar\u00fcber, was wiederum extra Computerzeit bedeuten k\u00f6nnte. Herbstbilder beruhen auf einem Missverst\u00e4ndnis: Kinder langweilen sich, Eltern wissen nicht, wohin damit, alle w\u00e4ren gl\u00fccklich, wenn die Kleinen was Zeitgem\u00e4\u00dfes im Kunstunterricht versuchten, Greg-Zeichnen zum Beispiel oder Graffiti-Skizzieren.<\/p>\n<p>Was den Hippie wirklich vom B\u00fcrgerlichen unterscheidet, ist der Ordnungsbegriff. Ordnung ist ein Haltegriff f\u00fcr Menschen mit schwachen Nerven. Ein gepatchworkter Abendbrottisch ist f\u00fcr einen Spie\u00dfer ein Albtraum. F\u00fcr die Kinder leider auch. Immer wenn Hans den Tisch deckt, will er vier gleiche Teller, weil das seinem Gef\u00fchl von Gerechtigkeit und Team Spirit entspricht. \u00bbDas sind doch b\u00fcrgerliche Konventionen \u00ab, sage ich dann und decke verschiedene Teller. Hans tippt sich an die Stirn, die Chefin l\u00e4chelt milde.<\/p>\n<p>Wir sind total stolz auf unsere total antib\u00fcrgerliche Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug aus Hajo Schumachers &#8222;Solange Du Deine F\u00fcsse auf meinen Tisch legst&#8230;\u00a0Mein schrecklich lustiges Leben als Vater&#8220; &nbsp; Buchauszug aus Hajo Schumachers &#8222;Solange Du Deine F\u00fcsse auf meinen Tisch legst&#8230;\u00a0Mein schrecklich lustiges Leben als Vater&#8220;, Eichborn Verlag, 240 Seiten, 16 &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/06\/10\/buchauszug-hajo-schumacher-solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[6685,1890,6684,1886],"class_list":["post-665206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-solange-du-deine-fuesse-auf-meinen-tisch-legst-mein-schrecklich-lustiges-leben-als-vater","tag-buchauszug","tag-eichborn-verlag","tag-hajo-schumacher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=665206"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/665206\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=665206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=665206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=665206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}