{"id":664742,"date":"2017-05-19T00:49:28","date_gmt":"2017-05-18T22:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=664742"},"modified":"2017-05-19T15:51:03","modified_gmt":"2017-05-19T13:51:03","slug":"buchauszug-aus-jan-wellem-im-salon-duesseldorfer-eskapaden-von-martin-roos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/05\/19\/buchauszug-aus-jan-wellem-im-salon-duesseldorfer-eskapaden-von-martin-roos\/","title":{"rendered":"Buchauszug aus &#8222;Jan Wellem im Salon &#8211; D\u00fcsseldorfer Eskapaden&#8220; von Martin Roos"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Ex-Handelsblatt-Redakteur <a href=\"http:\/\/www.martinroos-autor.de\/\">Martin Roos<\/a> &#8211; ist D\u00fcsseldorfer und hat seinen ersten Roman vorgelegt: &#8222;Jan Wellem im Salon &#8211; D\u00fcsseldorfer Eskapaden&#8220;. Hier ein Buchauszug &#8211; das erste Kapitel: \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-665067\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/05\/roosinrp.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/05\/roosinrp.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/05\/roosinrp-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/05\/roosinrp-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kapitel 1<\/p>\n<p><strong>Besuch der alten Dame<\/strong><br \/>\nJeden Morgen, wenn er seinen Sch\u00f6nheitssalon betreten hat, zieht sich Jean-Baptist D\u00e4nzer-Valotti als Erstes Schuhe und Socken aus, um sich die F\u00fc\u00dfe zu waschen. Er ist ber\u00fchmt f\u00fcr seine Pedik\u00fcre, und deshalb will er nicht in den Verdacht geraten, seinerseits keine gepflegten oder sauberen F\u00fc\u00dfe zu haben. Stets ist er darauf gefasst, dass seine Kunden seine F\u00fc\u00dfe sehen wollen, so wie ja auch ein Fitnesstrainer seine Muskeln oder der Friseur seine Haare pr\u00e4sentiert. \u201eStell dir doch bitte nur einmal einen Zahnarzt mit faulen Z\u00e4hnen vor\u201c, sagt er immer zu Luisa, seiner Frau, wenn sie ihm wieder einmal unterstellt, er habe einen Waschzwang.<\/p>\n<p>Er bietet jede Art der K\u00f6rperpflege an und ist auch ein Meister der D\u00fcfte. Doch die Mehrheit seiner Kunden liebt vor allem seine Pedik\u00fcre. Sie kommen nicht nur aus seinem Viertel, das stets so gepflegt ist, dass hier ohnehin jeder barfu\u00df laufen k\u00f6nnte, sondern aus der ganzen Stadt. Wenn D\u00e4nzer-Valotti dann um halb zehn Uhr sein Gesch\u00e4ft, den Beauty-Salon Schambat\u00edst, schlie\u00dflich \u00f6ffnet, kocht er Kaffee \u2013 nat\u00fcrlich mit dem Handfilter. Alle Zubereitungstechniken hat er ausprobiert, von der achteckigen Mokkakanne \u00fcber die French Press, die Siebtr\u00e4germaschine bis zum Vollautomaten und der Kapselmaschine mit Milchsch\u00e4umer und mehrstufiger Kaffeem\u00fchle. Doch der von Hand aufgebr\u00fchte Kaffee ist der magenfreundlichste, und er schmeckt ihm einfach am besten.<\/p>\n<p>\u201eSchambes\u201c, ruft Eveline Ginsterfing zu Mayer-Tr\u00e4sch begeistert, als sie hereinspaziert, \u201eSchambes, Sch\u00e4tzelein, stellen Sie sich vor, gestern wollte ich meinen Mann erschie\u00dfen. In den R\u00fccken!\u201c Die betagte Dame ist eine seiner treuesten Kundinnen. Und nur die treuesten d\u00fcrfen ihn \u201eSchambes\u201c nennen. Das ist die Abk\u00fcrzung von \u201eSchambatist\u201c, und das wiederum ist die rheinische Aussprache seines Vornamens \u2013 er hei\u00dft Jean-Baptist, auf Deutsch: Johannes der T\u00e4ufer. D\u00e4nzer-Valotti legt gro\u00dfen Wert darauf, dass der Name auf der letzten Silbe betont wird, also: \u201eSchambat\u00edst\u201c.<\/p>\n<p>Eveline Ginsterfing zu Mayer-Tr\u00e4sch, deren langer Name noch einen letzten Hauch ihrer ruhmreichen adligen Ahnenlinie versp\u00fcren l\u00e4sst, besucht Schambat\u00edst regelm\u00e4\u00dfig am Vormittag \u2013 eine temperamentvolle und manchmal aufbrausende, aber im Grunde liebensw\u00fcrdige Dame, die nie ohne Hut aus dem Haus geht und sich trotz ihres Alters wie ein junges M\u00e4dchen leichtf\u00fc\u00dfig und fast anmutig durch Raum und Zeit bewegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-664743\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/cover.roos_.jpg\" alt=\"\" width=\"422\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/cover.roos_.jpg 422w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/cover.roos_-195x300.jpg 195w\" sizes=\"auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><\/p>\n<h6>\u00a0Martin Roos &#8222;Jan Wellem im Salon &#8211; D\u00fcsseldorfer Eskapaden&#8220;: Droste Verlag, 399 Seiten, 22 Euro<a href=\"http:\/\/www.droste-verlag.de\/buecher\/jan-wellem-im-salon-duesseldorfer-eskapaden\/\">\u00a0http:\/\/www.droste-verlag.de\/buecher\/jan-wellem-im-salon-duesseldorfer-eskapaden\/<\/a><\/h6>\n<h6><\/h6>\n<h6><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSetzen Sie sich doch erst einmal\u201c, sagt Schambat\u00edst. Er stellt ihr den Kaffee auf den kleinen Tisch neben den Kosmetikstuhl gleich neben dem gro\u00dfen Prunkkamin aus wei\u00dfem Marmor, der mit seinen eleganten Gew\u00e4nden, konsolenartigen Voluten, dem leicht geschwungenen, vorspringenden Sturz, dessen Mitte eine Bl\u00fcte ziert, eine Pr\u00e4senz besitzt, die fast den ganzen Salon f\u00fcllt. \u201eErschossen also. Und? Hat es wieder nicht geklappt?\u201c \u201eSchambes, mein lieber junger Mann, seien Sie doch nicht so streng mit mir!\u201c Schambat\u00edst sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eIch hatte Ihnen doch schon das letzte Mal gesagt, dass Sie aus dem Alter f\u00fcr solche Sachen l\u00e4ngst heraus sind.\u201c Eveline schaut etwas gequ\u00e4lt. Trotz ihrer 82 Jahre sieht sie deutlich j\u00fcnger aus, manche sch\u00e4tzen sie auf Anfang sechzig. Dezente und kontinuierliche Eingriffe von Sch\u00f6nheitschirurgen haben diese tr\u00fcgerische Frische m\u00f6glich gemacht. \u201eWas glauben Sie eigentlich, mein Guter, aus was ich in meinem Alter alles schon heraus sein m\u00fcsste.\u201c Sie nippt am Kaffee.<\/p>\n<p>\u201eAber ich bitte Sie, Eveline, manche Dinge braucht man sich ab einer gewissen Reife einfach nicht mehr zu leisten. Das wissen Sie doch.\u201c Sie spitzt ihren Mund und flattert mit ihren Wimpern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-664744\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/Roos.Martin-Roos-2-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/Roos.Martin-Roos-2-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/Roos.Martin-Roos-2-451x300.jpg 451w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/04\/Roos.Martin-Roos-2.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>\u201eSchambes, es geht um Gef\u00fchle. Wie eine Frau f\u00fchlt, wenn sie sich nicht mehr f\u00fchlt, davon verstehen doch selbst Sie nichts.\u201c Schambat\u00edst setzt das verst\u00e4ndnisvolle L\u00e4cheln eines Galans auf, der wei\u00df, dass Schweigen die angemessenste Form der Nachsicht sein kann. Er sp\u00fclt das gew\u00e4rmte Wasser um ihre F\u00fc\u00dfe, f\u00fcgt zwei L\u00f6ffel Rosmarin\u00f6l hinzu, holt aus dem K\u00fchlschrank in der K\u00fcche ein Trittenheimer Alt\u00e4rchen, schenkt ihr ein und stellt das gef\u00fcllte Wei\u00dfweinglas neben den Kaffee.<\/p>\n<p>\u201eIch wollte es schon l\u00e4nger tun. Ich wusste nur nicht wie. Vor zwei Jahren hatte mich mein Nachbar zur Jagd eingeladen. Sie erinnern sich doch sicher, wie ich Ihnen erz\u00e4hlte, dass ich neben ihm auf dem Hochstand sa\u00df und welches Kribbeln mir dort durch den K\u00f6rper ging, als ich anlegte, um auf das Schwein zu zielen, also das Schwein vor mir auf der Lichtung, ein pr\u00e4chtiges Wildschwein!\u201c Schambat\u00edst nickt.<\/p>\n<p>\u201eNun, ich habe es damals zwar verfehlt, doch das Gef\u00fchl der vollkommenen Ersch\u00fctterung, der nachhaltigen Befriedigung und der absoluten Macht blieb. Ich genoss es. Bis vor einer Woche. Ich fragte meinen Nachbarn, ob ich eine der alten Pistolen aus seiner historischen Waffensammlung ausleihen k\u00f6nnte. Eine dieser wunderbaren alten Radschlosspistolen mit Nussholz-Vollschaft, graviert mit diesen fantastischen Ornamenten und der eisernen Knauf-Kappe. Kennen Sie die?<\/p>\n<p>Aus dem 17. Jahrhundert. Was f\u00fcr eine Eleganz!\u201c \u201eSo eine habe ich auch\u201c, ruft Schambat\u00edst erstaunt und beginnt, ihre Beine zu massieren, bis zum Knie hinauf und sanft wieder hinunter.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df\u201c, sagt Eveline, beugt sich vor und streichelt ihm leicht \u00fcber den Kopf. \u201eWir sind uns ja so viel n\u00e4her, als Sie es ahnen, mein lieber Schambes.\u201c Schambat\u00edst zieht verlegen den Kopf nach hinten.<\/p>\n<p>Sie versteht, lehnt sich zur\u00fcck, schlie\u00dft die Augen und sagt: \u201eIch legte also an. Ohne zu zittern. Dann zielte ich.\u201c Sie streckt langsam den Arm aus und zielt mit dem Zeigefinger auf den Kamin. \u201eDann schoss ich. Wumms!\u201c, schreit sie so laut, dass sich das \u201eWumms\u201c klirrend als Echo im Kamin verf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Schambat\u00edst schreckt hoch, entschuldigt sich kurz und beugt sich wieder \u00fcber ihre F\u00fc\u00dfe. Er umschlie\u00dft mit den Fingern jede einzelne ihrer Zehen, vorsichtig wie kleine Champignons, deren H\u00fcte man streichelt, und massiert sie behutsam. Er stellt sich vor, wie ihr Ehemann, Carl Ginsterfing zu Mayer-Tr\u00e4sch, zehn Jahre \u00e4lter als seine Frau, im Wohnzimmer seiner Villa ahnungslos mit dem R\u00fccken zu ihr steht \u2013 ein Mann, der zu denen geh\u00f6rt, die nie etwas B\u00f6ses vermuten, und wenn es doch eintritt, es eher als notwendiges \u00dcbel betrachten.<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie ihn wirklich nicht getroffen?\u201c \u201eDas Projektil verfehlte seine Schulter nur um einige Zentimeter. Es sauste zu unserem Kummer in den goldenen Rahmen des Portr\u00e4ts der wundersch\u00f6nen Marquise d\u2019Espinasse. Wissen Sie, das unglaubliche Bild, das die Marquise auf einem D\u00fcsseldorfer Kost\u00fcmball von 1695 zeigt.\u201c Schambat\u00edst runzelt die Stirn. \u201eWie hat Ihr Mann reagiert?\u201c \u201eWie gesagt, er war sehr betr\u00fcbt. Immerhin hatte er damals f\u00fcr das Bild, ein echter Jan Frans Douven, 67.000 Euro bezahlt. Ein vollkommen \u00fcberteuerter Preis. Fast absurd \u2013 das muss ich zugeben. Es war auf einer Auktion. Die Leute waren wie besessen. Wie im Rausch. Sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Aber ich bestand darauf. Der Gute hat es mir dann gekauft.\u201c \u201eIch meinte eigentlich, wie er auf den Schuss reagiert hat.\u201c \u201eAch, Schambes. Was f\u00fcr ein Reinfall! Der Knall war so laut, dass mein Mann vor Schreck fast umfiel. Zuerst dachte er wohl, eine der \u00fcblichen Sicherungen in unserem Haus sei durchgeknallt. Dann schaute er auf den durchschossenen Rahmen. Er wirkte sehr besorgt.\u201c \u201eHat er nicht die Polizei angerufen, als er Sie mit der Waffe sah?\u201c \u201eNein. Gar nicht. Warum? Er war nur ziemlich erstaunt, als er endlich verstand, was passiert war. Er fragte mich, wie ich es blo\u00df geschafft h\u00e4tte, diese uralte Pistole erfolgreich mit Schwefelkies und Z\u00fcndkraut zu laden und zum Abschuss zu bringen. Das sei ja unglaublich, rief er fast bewundernd aus.\u201c \u201eUnd dann?\u201c \u201eIch ging zur Kommode, \u00f6ffnete die oberste Schublade, legte die Radschlosspistole neben meine Lippenstifte und sagte ihm, wir sollten das Ganze jetzt schnell vergessen. Er nickte und holte eine Flasche unseres Lieblingschampagners heraus, einen Dom Ruinart aus dem Jahr 2002, goss ein und sagte, dass solche Momente doch auch nach 47 Jahren Ehe immer noch etwas Besonderes seien.\u201c Ganz leicht l\u00e4sst Schambat\u00edst nun die Feile \u00fcber die Kuppen ihrer Zehen gleiten.<\/p>\n<p>Sie greift zum Trittenheimer Alt\u00e4rchen.<\/p>\n<p>\u201eWarum haben Sie denn auf ihn geschossen?\u201c Eveline spitzt den Mund und nippt. \u201eMein Lieber\u201c, sagt sie, nachdem sie das Glas wieder abgesetzt hat, \u201ewarum nicht? Manche Dinge, die wir tun, sind Hirngespinste, verr\u00fcckte Ideen, die wir uns f\u00fcr einen besonderen Tag aufheben. Und ich kann Ihnen sagen, manche Dinge nehmen wir uns schon lange, sehr lange vor. Doch uns fehlt der Mut. Sie treten erst ein, wenn wir nicht mehr mit ihnen rechnen.\u201c Schambat\u00edst sitzt weiter gebeugt und feilt sorgf\u00e4ltig an ihren Zehen.<\/p>\n<p>Eveline will ihn mit dem Zeigefinger an die Schulter ticken, um seine ganze Aufmerksamkeit zu fordern. Doch noch in der Bewegung h\u00e4lt sie inne. \u201eManchmal bedarf es nur eines kleines Ausl\u00f6sers\u201c, sagt sie, \u201eeiner Begegnung, eines Wortes. Und dann kommt die Gelegenheit.\u201c Sie l\u00e4chelt erl\u00f6st.<\/p>\n<p>\u201eJa, sicher, aber \u2026\u201c Schambat\u00edst z\u00f6gert. \u201eAber warum haben Sie es getan?\u201c \u201eMein lieber, guter Junge, ist das so schwer zu begreifen? Ich wollte eine Ver\u00e4nderung.\u201c Wieder flattert sie mit ihren Wimpern, beugt sich leicht nach vorn und f\u00e4chelt sich mit beiden H\u00e4nden Luft zu. Mit halb ge\u00f6ffnetem Mund, aus dem lautlos ihr Atem str\u00f6mt, l\u00e4sst sie sich zur\u00fcckfallen. \u201eWissen Sie, Schambes, glauben Sie nicht, ich sei verbittert! Nein, das bin ich nicht. Absolut nicht. Ich habe mich im Denken nie einschr\u00e4nken lassen. Ich habe lange gesucht. Immer. In vielen Variationen. Ich habe Reisen nach Ozeanien, Malkurse auf den Balearen und Gesangworkshops auf den K\u00e4nguru- und den Lord-Howe-Inseln gemacht.<\/p>\n<p>Ich habe mich in Yoga, Bauchtanz und Pilates ergangen und viele Tage und Monate meditiert. Ich bin ins Kloster gezogen, habe Pilgerwege beschritten, einiges inhaliert und chinesische Heilkr\u00e4uter konsumiert.<\/p>\n<p>Es war alles durchaus delikat. Ja. Heute nun denke ich, es ist schade, dass ich einfach nicht mehr jung genug bin, um zu glauben, dass da noch etwas kommt, etwas Verborgenes, das wir in uns tragen, irgendetwas, das uns treibt und auf das wir hinzueilen wie ein Meteorit auf einen Planeten. Diese Vorstellung ist eine wunderbare Verlockung. Ja, das ist sie. Aber ich verliere sie zunehmend \u2013 mit jedem Tag, den ich l\u00e4nger lebe. Es ist ein Jammer.\u201c Schambat\u00edst nimmt einen warmen Lappen und benetzt ihre F\u00fc\u00dfe. \u201eGeht es so mit der Temperatur?\u201c, fragt er. Eveline reagiert nicht. Ihre Augen sind geschlossen. Von drau\u00dfen dringt L\u00e4rm in den Salon, das Klingeln eines Fahrrads und ein Quietschen der Reifen, aufgeregte emp\u00f6rte Stimmen, Menschen, die sich ankeifen.<\/p>\n<p>Eveline \u00f6ffnet die Augen. \u201eSchambes, Sie kennen doch die Rede vom gef\u00fchlten Alter, nicht wahr? Lord Dahrendorf zum Beispiel, dieser furchtbar schlaue und wissende, aber auch unappetitlich h\u00e4ssliche alte Mann, hatte immer behauptet, sein gef\u00fchltes Alter sei achtundzwanzig.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein eitler Kerl, nicht wahr?! Na ja, nein, so kokett will ich nicht sein. Aber sagen wir, ich f\u00fchle mich wie achtunddrei\u00dfig. Oder dreiundvierzig. Ja, und dann habe ich eben manchmal das Gef\u00fchl, mit meinem Mann ist gar nichts mehr m\u00f6glich. Der ist uralt!\u201c \u201eUnd deswegen m\u00fcssen Sie ihn erschie\u00dfen?\u201c \u201eJa, was denn sonst? Alles andere w\u00e4re doch widerlich. Sich trennen?<\/p>\n<p>Ins Altersheim abschieben? Nein. Ein sauberer Schuss \u2013 das reicht.\u201c \u201eMachen Sie sich denn keine Sorgen, dass Sie daf\u00fcr verurteilt werden?\u201c \u201eAber, mein Lieber, Sorgen? Sorgen? Nein, um Gottes willen! Nein! Wof\u00fcr sollte ich verurteilt werden? Das w\u00e4re doch nur ein Unfall gewesen, ein tragischer Unfall. Mehr nicht. Und wenn doch \u2013 ja, so etwas m\u00fcsste man doch erst einmal beweisen. Und, ich sage Ihnen, ich kenne die Richter.<\/p>\n<p>Ich kenne sie sogar sehr gut.\u201c<\/p>\n<p>Es klingelt, und die Eingangst\u00fcr wird ge\u00f6ffnet. Carl Ginsterfing zu Mayer-Tr\u00e4sch betritt den Sch\u00f6nheitssalon.<\/p>\n<p>Eveline schaut leicht emp\u00f6rt. \u201eIch hatte dir doch gesagt, du sollst mich erst um elf abholen.\u201c Carl zuckt mit den Schultern. \u201eDrau\u00dfen gab es einen Fahrradunfall, ich konnte mir das Geschrei einfach nicht mehr anh\u00f6ren.\u201c Eveline blickt ihn streng an. \u201eNun, jetzt bist du zu fr\u00fch. Dann musst du halt warten.\u201c Sie atmet laut, blickt zur Decke, rollt die Augen und schlie\u00dft sie.<\/p>\n<p>Schambat\u00edst begr\u00fc\u00dft den Mann und bittet ihn mit einer Handbewegung, auf einem der Freischwinger aus r\u00f6tlichem B\u00fcffelleder Platz zu nehmen.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chten Sie Kaffee? Einen Wein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, vielen Dank.\u201c Carl setzt sich.<\/p>\n<p>Schambat\u00edst hat die Familie des alten Herrn schon immer bewundert. Sie stammt aus Mettingen im Kreis Tecklenburg im n\u00f6rdlichen M\u00fcnsterland.<\/p>\n<p>Seit Generationen besteht sie aus westf\u00e4lischen Kaufleuten. Ginsterfing ist Nachfahre der Ti\u00f6ttenpioniere, die vor einigen Hundert Jahren als Handelsreisende in ganz Europa Niederlassungen gr\u00fcndeten und durch den Handel mit Leinen sehr reich wurden. Sein gr\u00f6\u00dftes Talent heute ist es, das Geld der Familie zu verwalten. Und das gelingt ihm gut. Sehr geschickt hat er es in verschiedenen Stiftungen und Fonds angelegt, aber auch in Kunst \u2013 und nat\u00fcrlich in k\u00f6rperlicher \u00c4sthetik. Gegen den Selbstoptimierungsdrang seiner Frau hatte er zwar anfangs Zweifel gehegt, doch irgendwann gew\u00f6hnte er sich daran. Und bald hatte er nichts mehr dagegen einzuwenden. Im Gegenteil. Er war zu klug, um sich gegen ihre befehlsartigen Ratschl\u00e4ge und Vorstellungen zur Wehr zu setzen, und mittlerweile ist er sogar genauso interessiert daran wie sie, den welkenden K\u00f6rper punktuell zu straffen. Seine perfekt sitzenden Anz\u00fcge und seine Ganzjahres-Urlaubsbr\u00e4une sind schon seit jeher sein Markenzeichen. Und bei den Sch\u00f6nheitschirurgen auf der K\u00f6nigsallee haben sie sich mittlerweile beide einen Ruf als kongenial gealtertes Ehepaar erworben, das eine gemeinsame Botox-Spritze nie verschm\u00e4ht.<\/p>\n<p>\u201eAch, es w\u00e4re doch besser, wenn du noch mal drau\u00dfen warten k\u00f6nntest.\u201c Eveline l\u00e4sst ihre H\u00e4nde nerv\u00f6s in der Luft flattern. \u201eIch kann mich jetzt gar nicht mehr konzentrieren.\u201c Ihr Mann erhebt sich ohne Z\u00f6gern.<\/p>\n<p>Sein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Suche seiner Ehefrau nach ihrem eigenen Weg und f\u00fcr ihre Versuche, emotional und spirituell eine bessere Version ihrer selbst zu werden, hat sich in den vergangenen Jahren bis ins Unendliche ausgedehnt. Auch wenn diese Suche immer \u00f6fter im Champagner endet. Eine kostspielige Angelegenheit. F\u00fcr den Durst seiner Frau hat Carl bereits einen seiner Fonds aufl\u00f6sen m\u00fcssen \u2013 den er folglich Fonds Cuv\u00e9e getauft hat. \u201eNat\u00fcrlich, mein Funksenporschi, ich warte drau\u00dfen auf dich\u201c, sagt er und verl\u00e4sst den Salon. Aber die kleine Spitze sitzt, denn \u201eFunksenporschi\u201c ist dem Humpisch entlehnt, der Geheimsprache seiner V\u00e4ter, und hei\u00dft so viel wie \u201eSchnapsschweinchen\u201c. Es ist der einzige zarte Anflug von Rebellion, den Carl seiner Frau gegen\u00fcber zu zeigen gewillt ist.<\/p>\n<p>Schambat\u00edst f\u00fcllt den Wein nach. Moselweine geh\u00f6ren zu seinen Favoriten.<\/p>\n<p>\u201eSchambes, wir lieben dieses Gem\u00e4lde sehr\u201c, sagt sie. Wieder streichelt sie ihm leicht \u00fcber den Kopf.<\/p>\n<p>Er versucht sich unauff\u00e4llig zu sch\u00fctteln. \u201eWenn Sie es lieben, warum sind Sie dann das Risiko eingegangen, es mit ihrem Schuss zu zerst\u00f6ren?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p>\u201eIch meinte eigentlich Ihr Bild.\u201c Sie zeigt auf das gro\u00dfe \u00d6lgem\u00e4lde, das vor ihnen \u00fcber dem Marmorkamin h\u00e4ngt. Es ist ein Abbild von Jan Wellem, dem Kurf\u00fcrsten, in Purpurrot, Hermelin und Schmuckharnisch, entschlossen und m\u00e4chtig. Lang fallen die Locken seiner Allongeper\u00fccke \u00fcber seine linke Schulter. Sein Gesicht ist in Licht getaucht, und doch f\u00e4llt gleichzeitig ein kleiner Schatten auf seine rechte Wange, sodass das Antlitz eine verbl\u00fcffende Lebendigkeit erh\u00e4lt. Im linken Arm h\u00e4lt er auf einem roten Samtkissen eine Krone, der rechte Arm st\u00fctzt sich auf das Zepter. Neben ihm sitzt seine italienische Gattin, Anna Maria Luisa de\u2019 Medici, in einem weit fallenden blauen Samtkleid mit goldenen Mustern, eine sch\u00f6ne junge Frau, anmutig und sanft im Blick, ihre schwarzen Haare kunstvoll zu einem Turm hochgesteckt, der bis zu den Wolken der mediterranen Landschaft im Hintergrund reicht. Grazil h\u00e4lt sie in der rechten Hand einen \u00d6lzweig, w\u00e4hrend ihr die linke entspannt in den Scho\u00df f\u00e4llt. Das ganze Gem\u00e4lde thront in einem riesigen Goldrahmen \u00fcber dem Prunkkamin und wacht \u00fcber jeden, der sich im Sch\u00f6nheitssalon aufh\u00e4lt.<\/p>\n<p>\u201eSie wissen doch, ich habe es von meiner Mutter, und die hat es von ihrer Mutter geerbt. Es ist schon ewig in Familienbesitz.\u201c \u201eIch wei\u00df\u201c, sagt Eveline, \u201eein wunderbares Bild. Auch ein echter Douven, nicht wahr?\u201c \u201eNein, nur eine Kopie.\u201c \u201eIch glaube nicht.\u201c \u201eAber, liebe Eveline, das muss ein Missverst\u00e4ndnis sein. Es ist sogar die Kopie einer Kopie, n\u00e4mlich der von Alfons Hollaender von 1889, die im Stadtmuseum lagert.\u201c Wieder l\u00e4utet die Schelle an der Eingangst\u00fcr. Ein j\u00fcngerer Mann tritt ein. \u00dcber der Jeans tr\u00e4gt er ein wei\u00dfes T-Shirt, auf dem das Abbild des europ\u00e4ischen Z\u00fcrgelbaums zu sehen ist, der zur Familie der Hanfgew\u00e4chse geh\u00f6rt. In seinen braun gebrannten und muskul\u00f6sen Armen tr\u00e4gt er ein gr\u00f6\u00dferes Paket.<\/p>\n<p>\u201eAh, Herr Vogelsang, ich hatte Sie f\u00fcr morgen erwartet.\u201c \u201eEs tut mir leid, Herr D\u00e4nzer-Valotti, aber ich dachte, ich k\u00f6nnte Ihnen Ihre Bestellung Yarsagumba heute schon bringen. Unser Lager ist n\u00e4mlich voll, und wir m\u00fcssen die Ware jetzt dringend verteilen.\u201c \u201eYarsagumba?\u201c, fragt Eveline dazwischen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDarf ich vorstellen, das ist Fletcher Vogelsang, der beste Yarsagumba-Z\u00fcchter in ganz Europa. Herr Vogelsang, das ist Frau Ginsterfing zu Mayer-Tr\u00e4sch, die gro\u00dfe M\u00e4zenatin und die treueste meiner Treuen.\u201c \u201eGuten Tag.\u201c \u201eSehr erfreut\u201c, sagt sie. \u201eYarsagumba \u2013 das klingt ja wie afrikanische Dichtung.\u201c \u201eNein\u201c, erkl\u00e4rt Vogelsang, \u201enicht afrikanisch. Tibetanisch!<\/p>\n<p>Raupenpilz aus dem Himalaya \u2013 als Paste ein gro\u00dfartiges Regenerationsmittel f\u00fcr die Haut.\u201c \u201eFabelhaft\u201c, kreischt Eveline, \u201edas muss ich ausprobieren.\u201c \u201eAber das kostet. Sie zahlen f\u00fcr 30 Gramm bis zu 800 Euro\u201c, meint Schambat\u00edst. \u201eStellen Sie die Kiste doch bitte vor den Kamin, Herr Vogelsang.\u201c Fletcher schiebt die beiden Kisten fast in den Kamin hinein. Da er schon lange nicht mehr der Feuerung dient, ist er heute sauberer als ein Pizzaofen. \u201eDie Nachfrage steigt gerade enorm\u201c, meint Vogelsang.<\/p>\n<p>Die beiden schauen ihn fragend an.<\/p>\n<p>\u201eWegen der Tour de France nat\u00fcrlich!\u201c, lacht Vogelsang und klatscht vor Eifer in die H\u00e4nde. In wenigen Wochen wird das gr\u00f6\u00dfte Radsportereignis der Welt ausgerechnet in D\u00fcsseldorf starten, der erste Tag, le Grand D\u00e9part am Rhein. Schon jetzt steht die Stadt kopf. \u201eWer heute als Radsportler verbotene Substanzen nimmt, ist f\u00fcr immer raus.<\/p>\n<p>Das ist doch klar\u201c, erkl\u00e4rt Vogelsang und f\u00fchrt die Kante seiner Hand an seinem Hals vorbei, \u201eaber mein Yarsagumba, das ist eines der wenigen Mittel, die erlaubt sind \u2013 auch in gro\u00dfen Mengen. Und viele Radsportler sch\u00e4tzen meine Dienste sehr.\u201c Vogelsang schaut triumphierend in die Runde.<\/p>\n<p>\u201eAch ja, nat\u00fcrlich. Wie recht Sie haben. Die Tour de France beginnt ja dieses Mal in D\u00fcsseldorf.\u201c Evelines Stimme wandert vor Begeisterung in eine h\u00f6here Tonlage. \u201eDer Grand D\u00e9part! Eine wunderbare Idee, die Tour hier starten zu lassen. Das wurde ja wirklich auch einmal Zeit.<\/p>\n<p>D\u00fcsseldorf und Frankreich geh\u00f6rten immer schon zusammen.\u201c Die alte Dame klingt etwas aufgekratzt.<\/p>\n<p>\u201eNun, der Absatz steigt auch deswegen\u201c, meint Vogelsang zufrieden, \u201eweil es ein au\u00dferordentlich wirksames Potenzmittel ist.\u201c \u201eDavon habe ich geh\u00f6rt\u201c, grummelt Schambat\u00edst, \u201eaber es funktioniert nicht. Kinder bekommt man trotzdem nicht.\u201c \u201eDas stimmt nicht\u201c, unterbricht ihn Vogelsang, w\u00e4hrend er die Kisten mit dem Fu\u00df mittig im Kamin zurechtr\u00fcckt. \u201eDas Mittel ist ja uralt. In Europa gibt es das ja schon mindestens seit Jan Wellems Zeiten. Und auch er soll es ausprobiert haben. Habe ich zumindest gelesen. Und der hatte ja Kinder, nicht wahr, Herr D\u00e4nzer-Valotti?\u201c \u201eNat\u00fcrlich\u201c, ruft Eveline dazwischen, \u201eund nicht zu knapp.\u201c Schambat\u00edst stutzt. In Jan Wellems erster Ehe starben zwei Kinder kurz nach der Geburt, und mit seiner zweiten Frau hatte er keine Kinder.<\/p>\n<p>\u201eStimmt nicht\u201c, antwortet Schambat\u00edst kurzerhand.<\/p>\n<p>\u201eDas bezweifele ich\u201c, erwidert Eveline.<\/p>\n<p>\u201eAlso, \u00e4h, wie auch immer, ich muss weiter.\u201c Vogelsang geht zur T\u00fcr.<\/p>\n<p>\u201eDie Rechnung finden Sie in den Kartons, Herr D\u00e4nzer-Valotti. Auf Wiedersehen.\u201c Bevor die T\u00fcr zuf\u00e4llt, sehen sie noch, wie er sich in den Sattel eines Lastenfahrrads mit einer gro\u00dfen Transportbox vor dem Lenkrad schwingt.<\/p>\n<p>\u201eSind Sie sicher, Schambes?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas meinen Sie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSind Sie sicher, dass Sie da mit diesem Gem\u00e4lde eine Kopie der Kopie haben?\u201c \u201eNat\u00fcrlich! Eine Kopie. Ein sehr gute Kopie nat\u00fcrlich. Aber die beiden kleinen wei\u00dfen Drachen mit den blauen Mustern dadrunter auf dem Kaminsims \u2013 die sind echt.\u201c \u201eInwiefern?\u201c \u201eEcht Meissener Porzellan.\u201c \u201eDas glaube ich nicht.\u201c Sie nippt am Wein und l\u00e4sst ihn anschlie\u00dfend ein wenig im Glas schaukeln. \u201eNa ja\u201c, sagt sie, \u201ewer wei\u00df schon, was echt und wahr ist und was nicht.\u201c \u201eDas Vergangene ist wahr!\u201c, f\u00e4hrt Schambat\u00edst sie energisch an.<\/p>\n<p>\u201eDas glauben Sie! Ha! Was f\u00fcr ein Irrtum!\u201c Eveline schnappt nach Luft. \u201eWer wei\u00df denn schon, was an der Vergangenheit wahr ist? Da kann man doch viel erz\u00e4hlen.\u201c Sie richtet sich auf, nimmt die F\u00fc\u00dfe hoch und will aufstehen. Doch Schambat\u00edst h\u00e4lt sie fest und deutet ihr an, dass er ihre Beine noch abtrocknen will. \u201eIn Wahrheit\u201c, setzt sie wieder an, \u201ein Wahrheit ist doch die Vergangenheit nur eine Geschichte, die wir uns selbst erz\u00e4hlen. Insofern w\u00fcrde ich niemals wirklich dem glauben, was vergangen ist.\u201c Schambat\u00edst nickt ihr zu, auch wenn er ihre Meinung nicht teilt, nimmt ein wenig von ihrem Lieblingsbalsam, Allg\u00e4uer Latschenkiefer, streicht es auf ihre Haut und massiert noch einmal nach.<\/p>\n<p>\u201eSchambes, wenn Ihre Frau versucht h\u00e4tte, Sie bereits das dritte Mal zu erschie\u00dfen \u2013 wie w\u00fcrden Sie reagieren?\u201c Schambat\u00edst und seine Luisa haben keine Kinder. Es sollte nicht sein.<\/p>\n<p>Aber sie erschie\u00dfen? Nein, das w\u00fcrde er nicht. 22 Jahre sind sie jetzt verheiratet, und es ist auch nicht abzusehen, dass sich das \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwann\u201c, sagt er langsam, \u201eirgendwann w\u00fcrde ich vielleicht doch mal wenigstens zur\u00fcckschie\u00dfen.\u201c \u201eSchambes, seien Sie vorsichtig\u201c, zwitschert Eveline und nimmt noch einmal vom Trittenheimer Alt\u00e4rchen. \u201eIhre Frau ist ja so schlank, die trifft man ja gar nicht.\u201c Schambat\u00edst holt den F\u00f6n und l\u00e4sst warme Luft \u00fcber die balsamierten F\u00fc\u00dfe str\u00f6men.<\/p>\n<p>\u201eIch hasse Fett\u201c, sagt sie. \u201eEin Mensch mit Fett kann sich doch nicht gut f\u00fchlen. Er kann sich doch nur schlecht f\u00fchlen. Und ein Mensch, der sich schlecht f\u00fchlt, ist ein schlechter Mensch.\u201c Schambat\u00edst schweigt. Schlank ist er nicht. Eher korpulent und etwas untersetzt \u2013 f\u00fcr einen Mann von rund 50 Jahren nicht ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>\u00c4ndern will er es nicht, vor allem weil er dann seine w\u00f6chentliche Leidenschaft aufgeben m\u00fcsste: Polenta mit zerlassener Butter und Parmesan, nicht unbedingt ein Fettl\u00f6ser-Essen.<\/p>\n<p>\u201eFett ist ein Zeichen der Schw\u00e4che\u201c, ruft Eveline scharf in seine Richtung. Dann schaut sie ihn an.<\/p>\n<p>Er f\u00fchlt sich ertappt und bem\u00fcht sich, den Bauch einzuziehen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig freut er sich schon jetzt auf das Cranberry-Vollkornbr\u00f6tchen, das er sich immer am sp\u00e4ten Vormittag als Pausensnack bei seinem Nachbarn Matteo Alberti in dessen italienischem Restaurant holt. \u201eEssen ist Gl\u00fcck\u201c, entf\u00e4hrt es ihm.<\/p>\n<p>\u201eSchambes, nein, ich wei\u00df nicht, ob ich auf diese Art gl\u00fccklich sein will\u201c, gibt Eveline zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eWie denn sonst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, diese Sache mit dem Gl\u00fcck, das ist alles so wechselhaft. Sobald wir das Gl\u00fcck f\u00fchlen, ist es schon wieder fort. Und wenn es bleibt \u2013 Schambes, stellen Sie sich doch mal vor, Sie h\u00e4tten den Zustand des Gl\u00fccks erreicht. Was dann? Was wollen Sie dann tun? Was wollen Sie denn dann noch machen?\u201c Er holt ihre Schuhe und Socken, zieht sie ihr an und denkt an sein Cranberry-Vollkornbr\u00f6tchen. \u201eWenn Sie Ihren Mann umgebracht haben werden \u2013 sind Sie dann gl\u00fccklich?\u201c \u201eAch, das wei\u00df ich doch erst, wenn es so weit ist.\u201c Sie h\u00e4lt inne.<\/p>\n<p>\u201eEs ist aber sicher einen Versuch wert. Oder auch mehrere. Wissen Sie, es gibt Momente, die stehen \u00fcber dem Gl\u00fcck, kurze Momente der \u00dcberraschung, der Leichtigkeit, unbeschwerter Trunkenheit. Solche Momente halte ich f\u00fcr vollkommen angemessen und erstrebenswert.\u201c Carl klopft von au\u00dfen an die Eingangst\u00fcr. Er gibt ihr zu verstehen, dass er nun drau\u00dfen auf sie warten wird.<\/p>\n<p>Betont langsam zieht sie sich den Mantel wieder an.<\/p>\n<p>Schambat\u00edst schenkt noch einmal vom Trittenheimer Alt\u00e4rchen ein. \u201eEin letzter Schluck?\u201c \u201eAber nur, wenn Sie mittrinken.\u201c Eveline strahlt.<\/p>\n<p>Er f\u00fcllt auch sein Glas, und sie sto\u00dfen an.<\/p>\n<p>\u201eVertraue keinem, der nicht trinkt\u201c, sagt sie und zwinkert ihm zu.<\/p>\n<p>\u201eAuf Sie, mein Lieber!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ex-Handelsblatt-Redakteur Martin Roos &#8211; ist D\u00fcsseldorfer und hat seinen ersten Roman vorgelegt: &#8222;Jan Wellem im Salon &#8211; D\u00fcsseldorfer Eskapaden&#8220;. 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