{"id":664596,"date":"2017-04-01T01:18:28","date_gmt":"2017-03-31T23:18:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=664596"},"modified":"2017-04-04T18:56:41","modified_gmt":"2017-04-04T16:56:41","slug":"hygge-der-daenische-weg-zum-glueck-uebernahme-aus-dem-philosophie-magazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/04\/01\/hygge-der-daenische-weg-zum-glueck-uebernahme-aus-dem-philosophie-magazin\/","title":{"rendered":"&#8222;Hygge \u2013 der d\u00e4nische Weg zum Gl\u00fcck?&#8220; &#8211; \u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hygge\u00a0\u2013 der besonders vielversprechende, d\u00e4nische Weg zum Gl\u00fcck? \u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Alle Menschen streben nach Gl\u00fcck. Und ganz offenbar haben die D\u00e4nen einen besonders\u00a0<\/em><em>vielversprechenden Weg zu diesem Ziel gefunden:\u00a0<\/em><em>\u201eHygge\u201c. Denn dahinter verbirgt sich weit mehr als ein Wellnesshype. Auf den Spuren einer\u00a0<\/em><em>Nationalphilosophie, die von der Romantik bis ins Zentrum heutiger Sehns\u00fcchte f\u00fchrt\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Von <\/em><strong><em>Nils Markwardt*<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hygge, sagt die Verk\u00e4uferin im Illums Bolighus, Kopenhagens traditionsreichem Tempel f\u00fcr Inneneinrichtung, das habe f\u00fcr sie mit einer hei\u00dfen Tasse Kakao, kuscheligen Decken und einem guten Buch zu tun. Und Kerzen nat\u00fcrlich, Kerzen seien wichtig. Sie h\u00e4tten sogar eine im Sortiment, die \u201eHygge\u201c hei\u00dft. Eben diese, so verr\u00e4t die Verpackung, verk\u00f6rpere nicht nur die \u201ed\u00e4nische DNA\u201c, sondern sei ebenso eine \u201eReflexion der skandinavischen Kunst, Innigkeit, Gemeinschaft und Gem\u00fctlichkeit in die kleinsten Momente des Alltags\u201c zu bringen. Sp\u00e4testens an der Kasse ist es jedoch vorbei mit der Gem\u00fctlichkeit. Das St\u00fcck Wachs, das den Duft von Tee, Erdbeerkuchen und wilder Minze zu verstr\u00f6men verspricht, kostet n\u00e4mlich 280\u00a0Kronen. Rund 40\u00a0Euro.<\/p>\n<div id=\"attachment_664597\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-664597\" class=\"size-medium wp-image-664597\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/philosophie.Nils-Markwardt-CJohanna-Ruebel-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/philosophie.Nils-Markwardt-CJohanna-Ruebel-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/philosophie.Nils-Markwardt-CJohanna-Ruebel.jpg 434w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><p id=\"caption-attachment-664597\" class=\"wp-caption-text\">Autor Nils Markwardt (Foto Johanna Ruebel)<\/p><\/div>\n<p>Aber vielleicht ist das ja der Preis f\u00fcrs Gl\u00fcck? Denn genau das verspricht Hygge. Zumindest wenn man jenem Hype glaubt, der seit Monaten die USA und Gro\u00dfbritannien erfasst hat. Ratgeber wie \u201eHygge. The Danish Art of Happiness\u201c, \u201eHow to Hygge\u00a0\u2013 The Secrets of Nordic Living\u201c oder \u201eThe Book of Hygge\u00a0\u2013 The Danish Art of Well Living\u201c bev\u00f6lkern dort die B\u00fccherl\u00e4den, in Los Angeles gibt es eine Hyggeb\u00e4ckerei und am Londoner Morley College konnte man sogar einen Hyggekurs belegen. Und mittlerweile ist das Ph\u00e4nomen auch in Deutschland angekommen. B\u00fccher wie Meik Wikings \u201eHygge\u00a0\u2013 ein Lebensgef\u00fchl, das einfach gl\u00fccklich macht\u201c avancieren auch hierzulande zu Bestsellern.<\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein r\u00e4tselhaftes Konzept<\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist gar nicht so leicht zu sagen, was Hygge eigentlich ist. Und das beginnt schon beim Wort. Dieses stammt urspr\u00fcnglich wohl aus dem Norwegischen und leitet sich von \u201ehug\u201c ab, was \u201eUmarmung\u201c bedeutet. Die deutsche \u201eGem\u00fctlichkeit\u201c kommt dem Begriff zwar nahe, ist aber insofern irref\u00fchrend, als \u201eHygge\u201c ein viel weiteres Bedeutungsfeld besitzt. Das sieht man bereits daran, dass es ebenfalls als Verb \u201ehyggen\u201c und als Adjektiv \u201ehyggelig\u201c existiert. Zum anderen ist es auch in Form von Kofferw\u00f6rtern tief in die d\u00e4nische Alltagskultur eingelassen: etwa in Hyggebukser, einer bequemen Lieblingshose; in Hyggesnak, einer angenehmen, unkontroversen Unterhaltung, oder in Hyggeonkel, jemandem, der gern mit Kindern spielt und ihnen alles durchgehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist Hygge? Gem\u00fctlichkeit der Seele?<\/strong><\/p>\n<p>Was also ist Hygge? Meik Wiking, CEO des Kopenhagener Instituts f\u00fcr Gl\u00fccksforschung, schreibt in seinem Buch, dass die Definitionen von \u201eKunst der Innigkeit\u201c, \u201eGem\u00fctlichkeit der Seele\u201c bis zu \u201eKakao bei Kerzenschein\u201c reichen. Wobei sich Hygge, so Wiking, dabei immer \u201eeher um Atmosph\u00e4re und Erleben als um Dinge\u201c drehe. Bl\u00e4ttert man n\u00e4mlich durch die zahlreichen Hyggeratgeber, ist dort zwar tats\u00e4chlich viel \u00fcber Stimmungen und Strickjacken zu lesen, \u00fcber Kerzen, Kuchen, Kaffee und Kakao. Gleichzeitig wirken die B\u00fccher aber auch wie d\u00e4nische Designbibeln. Von Arne-Jacobsen-St\u00fchlen und Hans-Wegner-Sesseln \u00fcber Kaare-Klint-Couchen bis zum weichen, diffusen Licht der Lampen Poul Henningsens und Verner Pantons findet sich hier alles, was das innenarchitektonische Herz begehrt. Hygge, so k\u00f6nnte man meinen, ist demnach vor allem eine Frage des guten und damit teuren Designgeschmacks.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nordische Achtsamkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die g\u00e4ngigen Hyggeratgeber werfen damit mehr Fragen als Antworten auf: Geht es hier nun um eine Art nordische Achtsamkeit oder um eine blo\u00dfe Skandinavisierung der Wellnessideologie? Kann man Hygge als genuine Gl\u00fccksphilosophie verstehen oder handelt es sich lediglich um einen k\u00fcnstlichen Marketinghype? Ist es etwas spezifisch D\u00e4nisches oder vielmehr eine Haltung, die jeder kultivieren kann?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Grundtvigs romantische Genialit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst kann man festhalten: Gl\u00fccklich sind die D\u00e4nen tats\u00e4chlich. Bei entsprechenden Erhebungen der Vereinten Nationen und der Europ\u00e4ischen Union landen sie zuverl\u00e4ssig auf dem ersten Platz. Statistisch brennen sie wirklich Kerzen ab, als g\u00e4be es kein Morgen. Und l\u00e4uft man durch Kopenhagen, findet man f\u00fcrwahr viele Schokoladengesch\u00e4fte. Will man jedoch genauer herausfinden, was Hygge ist, wo es herkommt und vor allem, warum es f\u00fcr viele gerade zum Sehnsuchtsgef\u00fchl wird, muss man tief in die d\u00e4nische Kulturgeschichte eintauchen. Genauer: Man muss sich mit Nikolai Frederik Grundtvig besch\u00e4ftigen. Einem Denker, den au\u00dferhalb D\u00e4nemarks zwar nur wenige kennen, der das Land aber gepr\u00e4gt hat wie kaum ein zweiter.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-664625\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/cover2philosophie-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/cover2philosophie-230x300.jpg 230w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/03\/cover2philosophie.jpg 499w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/p>\n<p>Ohne \u00dcbertreibung kann man Grundtvig als Universalgelehrten bezeichnen. Der 1783 in Udby geborene Sohn eines Pfarrers war Theologe, Historiker, Dichter, Bildungsreformer, Politiker und Philosoph. Dabei blieb er zun\u00e4chst lange ein Au\u00dfenseiter mit wechselnden Positionen. Erst mit 55 bekam er jene Pfarrstelle in Vartov, der backsteinernen Kirche gegen\u00fcber dem Kopenhagener Rathaus, die er bis zu seinem Tod behalten sollte. In dieser Phase avancierte er jedoch zum d\u00e4nischen Volkshelden. Bei seiner Beerdigung am 11.\u00a0September 1873 s\u00e4umten Abertausende die Stra\u00dfen, mehr Menschen hatten im 19.\u00a0Jahrhundert selbst die K\u00f6nigsbegr\u00e4bnisse nicht gesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grundtvig war ein manischer Schreiber, der in seinem Leben \u00fcber 500\u00a0B\u00fccher ver\u00f6ffentlichte, und ein ebenso manischer Leser. Letzteres zeigt sich in Vartov, wo sich heute nicht nur das Grundtvig-Zentrum befindet, sondern auch dessen volumin\u00f6se Privatbibliothek untergebracht ist. \u201eWenn er nachts \u00fcber den B\u00fcchern einzuschlafen drohte\u201c, erz\u00e4hlt Anders Holm, Theologe und Grundtvig-Experte, \u201ebat er seine Frau um einen Bottich kaltes Wasser, in den er dann seine F\u00fc\u00dfe stellte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein rastloses Wirken fiel dabei in eine Zeit des kulturellen Wandels und der politischen Umbr\u00fcche. Einerseits kam in D\u00e4nemark die \u00c4ra der Aufkl\u00e4rung zur vollen Entfaltung. Nach der b\u00fcrgerlichen Revolution, in der Grundtvig eine f\u00fchrende Rolle spielte, unterzeichnete K\u00f6nig Frederik\u00a0VII. am 5.\u00a0Juni 1849 das in weiten Teilen bis heute g\u00fcltige Grundgesetz, das den Grundstein der d\u00e4nischen Demokratie legte und den Absolutismus abschaffte. Gleichzeitig schwappten die Ideen der deutschen Romantik \u00fcber die Grenzen und pr\u00e4gten zwischen 1800 und 1850, dem sogenannten Goldenen Zeitalter, Politik, Philosophie und Kunst. Einflussreiche Maler wie Christoffer Wilhelm Eckersberg orientierten sich an Caspar David Friedrich, der von 1794 bis 1798 in Kopenhagen studiert hatte. Hans Christian Andersen, der Meister des Kunstm\u00e4rchens, kannte deutsche Romantiker wie Adelbert von Chamisso sogar pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Volklich, nicht v\u00f6lkisch!<\/strong><\/p>\n<p>Doch 1864 folgte f\u00fcr D\u00e4nemark ein nationales Trauma, das sich nach lange schwelenden Konflikten angebahnt hatte. Im deutsch-d\u00e4nischen Krieg verlor das Land die Herzogt\u00fcmer Schleswig und Holstein und damit 40\u00a0Prozent seiner Bev\u00f6lkerung. Diese drei Momente\u00a0\u2013 die Einfl\u00fcsse der Aufkl\u00e4rung, der Romantik, sowie die Eindampfung zum Kleinstaat\u00a0\u2013 muss man im Hinterkopf haben, um die Ideen Grundtvigs und damit letztlich auch das Konzept der Hygge, zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum einen predigte Grundtvig die Werte des Humanismus, was sich nicht nur daran zeigte, dass er f\u00fcr die Demokratie k\u00e4mpfte, von 1850 bis 1858 sogar als Abgeordneter im Folketing, und sich f\u00fcr einen \u00fcberaus liberalen Protestantismus einsetzte, der seinem Leitspruch \u201eMenneske f\u00f8rst \u2013 kristen s\u00e5\u201c (Erst Mensch \u2013 dann Christ) folgte, sondern auch darin, dass er als Gr\u00fcndervater der <em>folkeh\u00f8jskole<\/em> gilt. Die Volkshochschule, die keine Pr\u00fcfungen und Noten kennt, ist mit ihren landesweit \u00fcber 90\u00a0Dependancen bis heute eine zentrale Institution D\u00e4nemarks. Als freiwillige Erg\u00e4nzung zum offiziellen Schulsystem, das ebenfalls stark auf dem Kreativit\u00e4tsgedanken beruht, repr\u00e4sentiert sie eine emphatische Bildungsidee, die Menschen auf Basis flacher Hierarchien zur Selbstentfaltung anleiten sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch so sehr Grundtvig die freiheitliche Entwicklung des Individuums propagierte, kreiste sein Denken gleichzeitig auch immer um den Wert der Gemeinschaft. Nicht zuletzt, weil er stark von Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte beeinflusst war, jenen beiden deutschen Denkern, die Anfang des 19.\u00a0Jahrhunderts das philosophische R\u00fcstzeug f\u00fcr den europaweit aufkeimenden Nationalismus geliefert hatten. So ging Grundtvig nicht nur von Herders Sprachphilosophie aus, nach der sich die spezifischen Eigenarten eines Volkes besonders in ihrer Nationalliteratur offenbarten, sondern orientierte sich mit seinem Lied \u201eDie Muttersprache\u201c, das 1838 in einer d\u00e4nischen Schulschrift erschien, an Fichtes ber\u00fchmten \u201eReden an die deutsche Nation\u201c. Diese hatte der deutsche Philosoph ein Jahr nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Kopenhagen ver\u00f6ffentlicht, wo er im Sommer 1807 als politischer Fl\u00fcchtling Schutz fand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus diesen Einfl\u00fcssen entwickelte Grundtvig nun sein <em>volkliches Denken.<\/em> Dieses darf man jedoch keinesfalls mit dem v\u00f6lkischen Denken verwechseln, das, inspiriert von Herder und Fichte, im Laufe des 19.\u00a0Jahrhunderts in Deutschland aufkeimen sollte und in letzter Konsequenz in der Naziideologie kulminierte. Denn im Gegensatz zur aggressiv-essenzialistischen Philosophie der beiden deutschen Idealisten forderte Grundtvig vielmehr eine Form des nationalromantischen Bewusstseins, das vor allem eins sein sollte: hyggelig. Zwar finden sich auch bei Grundtvig viele Versatzst\u00fccke des damaligen Nationalismus, etwa die Besinnung auf nationale Mythen, die Kultivierung einer popul\u00e4ren Folkloristik und nicht zuletzt die Idee, dass die D\u00e4nen ein auserw\u00e4hltes Volk seien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch ist nach Grundtvig jedes Volk auserw\u00e4hlt, nur k\u00e4men jedem eben unterschiedliche Aufgaben zu. Die D\u00e4nen seien dabei \u201edas Herzensv\u00f6lkchen des lieben Gottes\u201c, das beweisen solle, wie Liebe und Sanftmut sie zur Einheit schwei\u00dfen. So hei\u00dft es denn in Grundtvigs Gedicht \u201eVolklichkeit\u201c auch: \u201eVolklich ist in unserem Lande\u00a0\/ eines noch aus Herzensgrund:\u00a0\/ Volklich ist das Lied der Liebe,\u00a0\/ d\u00e4nisch echt zu jeder Stund;\u00a0\/ nicht im Feld und nicht im Tinge\u00a0\/ Frau\u2019n und Kinder z\u00e4hln geringe;\u00a0\/ Wie sich alles auch erweist\u00a0\/ D\u00e4nisch immer Liebe hei\u00dft.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Forderung, seine eigene Geschichte zu kennen, die eigene Sprache zu sprechen und Lieder zu singen, hatte bei Grundtvig nichts B\u00f6sartiges und Expansionistisches\u201c, sagt auch Theologe Anders Holm. \u201eEs ging darum, die Welt zu kennen, deren Teil man ist. Und zwar mit dem Ziel, dass Menschen an der politischen Entwicklung teilnehmen k\u00f6nnen, dass sie eine Stimme haben.\u201c Mehr noch: Grundtvig verlieh diesem Hyggepatriotismus sogar eine theologische Dimension. Besonders deutlich wird das in einem seiner bekannten Kirchenlieder, in dem es hei\u00dft: \u201eHyggelig, rolig, Gud, er din bolig.\u201c Das bedeutet so viel wie: Hyggelig und ruhig ist Gottes Haus. \u201eGrundtvigs Gedanke besteht darin\u201c, erkl\u00e4rt Anders Holm, \u201edass die ideale Hygge in der himmlischen Ewigkeit besteht, dass sich in Gottes Reich die wahre Hygge findet. Und im weltlichen Leben sollten wir zumindest versuchen, diese nachzuahmen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grundtvigs <em>Volklichkeit<\/em> dreht sich mit anderen Worten um die Herstellung von Resonanz. Diese, so definiert es der Soziologe Hartmut Rosa in seinem gleichnamigen Buch, meint eine soziale Beziehungsqualit\u00e4t, die sich durch das <em>Mitschwingen<\/em> auszeichnet. Wie beim Anschlagen einer Stimmgabel, erzeugt Resonanz eine Form der Selbstwirksamkeit durch den Widerhall beim anderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eHygge ist etwas, das passiert, eine Atmosph\u00e4re, eine Stimmung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Denn auch wenn Hygge in Ratgebern oft als kerzenbeschienene Zur\u00fcckgezogenheit inszeniert wird, ist sie vor allem doch ein soziales Ph\u00e4nomen. \u201eBei Hygge geht es sehr viel um Familie und deshalb auch um Kinder. Kinder m\u00f6gen es zu hyggen, sie erwarten es gewisserma\u00dfen sogar von ihren Eltern\u201c, sagt Tine Damsholt, Professorin f\u00fcr Ethnologie an der Universit\u00e4t Kopenhagen. \u201eHygge bedeutet keineswegs Stille. Man kann lachen und spielen. Die d\u00e4nische Vorliebe f\u00fcr Ironie hat ebenfalls mit Hygge zu tun.\u201c Gerade weil Hygge also eng mit Familie und Freunden verbunden ist, l\u00e4sst sie sich nicht einfach als Wellnessideologie importieren, schon gar nicht in Form von 40\u00a0Euro teuren Kerzen. \u201eHygge ist etwas, das passiert, eine Atmosph\u00e4re, eine Stimmung\u201c, bemerkt Damsholt. \u201eEs ist nichts, was man erzwingen kann. Hygge ist also weniger etwas, das man herstellt, sondern etwas, das sich einstellt. \u201eEs ben\u00f6tigt implizites Wissen\u201c, erkl\u00e4rt die Ethnologin. \u201eUm die Hygge zu erkennen, braucht man viel kulturelles Kapital.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es kommt noch ein weiteres Moment dazu. \u201eIn D\u00e4nemark macht man mit Freunden nat\u00fcrlich oft die gleichen Dinge wie in Deutschland: Man sitzt zusammen, redet, macht es sich nett\u201c, sagt Stefanie Hernot. Die geb\u00fcrtige Heidelbergerin lebt seit 15\u00a0Jahren in Kopenhagen. \u201eDoch der Unterschied in D\u00e4nemark ist, dass man sich das hier permanent bewusst macht. Alle Viertelstunde sagt man: ,Ach, wie hyggelig.\u2018 Und hat man einen sch\u00f6nen Abend verbracht, ist es auch d\u00e4nische Tradition, sich noch mal per Mail oder Facebook zu bedanken und zu betonen, wie hyggelig es war. Das zieht sich manchmal \u00fcber zwei Tage.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Heimliches, Unheimliches<\/strong><\/p>\n<p>Doch gerade f\u00fcr jemanden, der nicht in D\u00e4nemark aufgewachsen ist, zeigt sich mitunter auch schnell die Kehrseite der Hygge. \u201eMan kommt nicht so schnell mit den Menschen in Kontakt, es ist eine relativ geschlossene Gesellschaft\u201c, sagt Hernot. Und auch Ethnologin Damsholt bemerkt: \u201eHygge ist das Gegenteil von Konflikt, was aber auch dazu f\u00fchrt, dass Au\u00dfenstehende schnell als St\u00f6rer der Hygge empfunden werden k\u00f6nnen. Man hyggt nicht, um andere bewusst auszuschlie\u00dfen. Aber es kann der Effekt davon sein.\u201c Dass die d\u00e4nische Kultur des Cocooning also auch immer eine exkludierende Dimension hat, zeigt sich ebenso in politischer Hinsicht. So verf\u00fcgt das Land etwa \u00fcber eine \u00e4u\u00dferst restriktive Einwanderungspolitik. Und obwohl es eine der ethnisch homogensten und sozial ausgeglichensten Nationen Europas ist, sitzt die rechtspopulistische Dansk Folkeparti als zweitst\u00e4rkste Kraft im Parlament.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine dunkle, beklemmende, ja geradezu unheimliche Kehrseite der Hygge ist ebenfalls ein bestimmendes Moment der d\u00e4nischen Kultur\u00a0\u2013 und zwar in Form des Nordic Noir: von den d\u00fcster-katastrophischen Filmen Thomas Vinterbergs und Lars von Triers bis zu den bluttriefenden Krimis Jussi Adler-Olsens und Steffen Jacobsens geht es oft um reinste Antihygge, um die Inszenierung des Ausbruchs menschlicher Abgr\u00fcnde. Und auch in philosophischer Hinsicht ist das Land von einem ausgesprochenen Antihyggianer gepr\u00e4gt. Gemeint ist jener Zeitgenosse Grundtvigs, dessen Wirken zwar weit weniger Einfluss auf die d\u00e4nische Politik und Erziehung hatte, daf\u00fcr aber umso mehr auf die Entwicklung der modernen Philosophie: S\u00f8ren Kierkegaard.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn die Philosophie Kierkegaards, die als Vorl\u00e4ufer des Existenzialismus gilt und Denker wie Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre nachhaltig pr\u00e4gte, ist eine des Abenteuers und der Abgr\u00fcnde. \u201eKierkegaard war so etwas wie der Thomas Bernhard der Hygge. Er hasste es\u201c, sagt der Kulturwissenschaftler und Kierkegaard-Kenner Isak Winkel Holm. \u201eEr gab deshalb vielleicht auch eine der besten Definitionen der Hygge. Er sagte, Hygge sei die Abwesenheit von Leidenschaft, die Abwesenheit von Revolution.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn Kierkegaard, der mit dem 30\u00a0Jahre \u00e4lteren Grundtvig ab und an zwar diskutierend durch Kopenhagen spazierte, diesem aber vor allem in Ablehnung verbunden war, denkt die menschliche Existenz nicht von der Gemeinschaft her, sondern im Gegenteil, von der Verdammung des Einzelnen zur Freiheit. Wie in seinem gleichnamigen Hauptwerk, stehe der Mensch immer vor einem \u201eEntweder\u00a0\u2013 Oder\u201c. Das Leben ist f\u00fcr Kierkegaard n\u00e4mlich kein Strom oder Kontinuum, sondern f\u00fchre stets wieder zur Frage, ob man jenen Sprung ins Nichts wage, der alles ver\u00e4ndert. \u201eKierkegaard verbindet die Hygge deshalb stets mit engen R\u00e4umen\u201c, sagt Isak Winkel Holm. \u201eUnd er wollte diese R\u00e4ume gewisserma\u00dfen zum Explodieren bringen, sie f\u00fcr das Risiko \u00f6ffnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Phantomschmerz der Moderne<\/strong><\/p>\n<p>Fragt man nun, woher der aktuelle Hyggehype kommt, mag es vielleicht daran liegen, dass allzu viele Menschen heute das Gef\u00fchl haben, dass ihnen das Risiko frei Haus geliefert wird, weshalb sie sich nach dem Gegenteil, der \u00fcberschaubaren Heimeligkeit sehnen. Denn es ist wom\u00f6glich kein Zufall, dass der Hyggehype zuvorderst die USA und Gro\u00dfbritannien erfasste. Zwei L\u00e4nder also, in denen durch ihre jahrzehntelange Neoliberalisierung vieles von dem, was mit Hygge in Verbindung steht\u00a0\u2013 Vertrauen, Sicherheit und Wohlfahrtsstart\u00a0\u2013, zunehmend erodiert ist. Der Hype um Hygge w\u00e4re demnach das Symptom eines Phantomschmerzes, eine Projektion der eigenen Verluste.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich l\u00e4sst sich im Hype um Hygge aber auch ein noch elementareres, da metaphysisches Bed\u00fcrfnis erkennen: Besteht das Grundproblem der Moderne nicht darin, dass Menschen sich in einer dauerbeschleunigten und \u00fcberkomplexen Welt als ausgesetzt und bindungslos erfahren? Gerade heute, wo vermeintliche Gewissheiten nicht nur durch den Brexit und Donald Trump aus den Angeln gehoben werden, steht Hygge damit f\u00fcr das seelenhygienische Angebot, sich in dieser Welt buchst\u00e4blich doch irgendwie einrichten zu k\u00f6nnen. Und auch wenn sich Hygge eben nicht einfach als d\u00e4nische Gl\u00fccksphilosophie exportieren l\u00e4sst, weil sie eine vielschichtige kulturelle Praxis ist, die auf implizitem Wissen und allt\u00e4glicher Ein\u00fcbung beruht: Warum sollte man sich nicht die eine oder andere Kerze mehr anz\u00fcnden? Ist der Versuch, ein bisschen mehr Resonanz zu erzeugen, selbst wenn diese als skandinavische Wellness verpackt wird, nicht eine gleicherma\u00dfen plausible wie produktive Reaktion auf die zunehmend unwirtlich werdenden Weltverh\u00e4ltnisse?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gewiss. Vor allem dann, wenn man sich gleichzeitig die illusorische Dimension des Hyggeversprechens klar vor Augen f\u00fchrt. So wie es der d\u00e4nische Dichter Hans Christian Andersen in seinem gleichnamigen M\u00e4rchen von dem \u201eM\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern\u201c tat. Als niemand deren Schwefelh\u00f6lzer kaufen will, z\u00fcndet sie eins nach dem anderen an und tr\u00e4umt sich im Schein des Feuers f\u00fcr kurze Momente in eine hyggelige Welt des Wohlbefindens. Doch nachdem das letzte Licht erloschen ist, tr\u00e4gt die K\u00e4lte der Nacht sie davon\u00a0\u2013 als mahnende Parabel f\u00fcr alle, die glauben, sich in einer globalisierten Welt ganz und gar in die eigene Volklichkeit retten zu k\u00f6nnen. Und von diesen Menschen scheint es derzeit ja immer mehr zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Hygge in Zahlen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>D\u00e4nemark belegte den ersten Platz beim UN-Gl\u00fccksreport 2016, 2013 und 2012, beim OECD-Better-Life-Index 2015, beim European Social Survey 2014 und 2012.<\/li>\n<li>Der sogenannte Gini-Koeffizient beschreibt die Einkommensverteilung in einem Land. Je niedriger, desto geringer die Kluft zwischen den h\u00f6chsten und den niedrigsten Einkommen. Mit einem Wert von 23,1 liegt D\u00e4nemark weltweit an erster Stelle.<\/li>\n<li>Durchschnittsgehalt eines M\u00fcllmanns: 34\u00a0400\u00a0Kronen, Durchschnittsgehalt eines Anwalts: 54\u00a0700\u00a0Kronen.<\/li>\n<li>Die Arbeitslosenquote liegt in D\u00e4nemark bei rund sechs Prozent.<\/li>\n<li>Mit j\u00e4hrlich sechs Kilogramm pro Kopf verbrauchen D\u00e4nen in Europa am meisten Kerzenwachs, auf Platz zwei liegen die \u00d6sterreicher mit 3,1\u00a0Kilogramm.<\/li>\n<li>28\u00a0Prozent der D\u00e4nen z\u00fcnden t\u00e4glich Kerzen an, nur vier Prozent niemals.<\/li>\n<li>8,2\u00a0Kilogramm S\u00fc\u00dfigkeiten verzehren D\u00e4nen pro Kopf im Jahr, europ\u00e4ischer Durchschnitt ist 4,1\u00a0Kilogramm.<\/li>\n<li>Eine Umfrage der Website Worktrotter.dk unter Expats ergab, dass nur 26\u00a0Prozent von ihnen sich in D\u00e4nemark willkommen f\u00fchlen, 42\u00a0Prozent hingegen nicht.<\/li>\n<li>Im Jahr 2016 nahm D\u00e4nemark 1600\u00a0Asylbewerber auf, im Jahr 2015 waren es noch\u00a0\u00a0 21\u00a0000 gewesen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>*Nils Markwardt<\/b> ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins. \u00a0Nach dem Studium der Literatur- und Sozialwissenschaft arbeitete er als Redakteur bei der Wochenzeitung &#8222;Der Freitag&#8220; und war unter anderem als freier Autor f\u00fcr &#8222;ZEIT ONLINE&#8220; t\u00e4tig.<\/p>\n<p><b><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri;font-size: medium\"><strong>Das Philosophie Magazins ist noch bis Mitte Mai am Kiosk erh\u00e4ltlich: \u00a0<\/strong><\/span><a href=\"http:\/\/philomag.de\/nr-3-2017\/\"><strong><u><span style=\"color: #0563c1;font-family: Calibri;font-size: medium\">http:\/\/philomag.de\/nr-3-2017\/<\/span><\/u><\/strong><\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-664324\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/Blog-Ranking2017.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hygge\u00a0\u2013 der besonders vielversprechende, d\u00e4nische Weg zum Gl\u00fcck? \u00dcbernahme aus dem &#8222;Philosophie Magazin&#8220;: Alle Menschen streben nach Gl\u00fcck. Und ganz offenbar haben die D\u00e4nen einen besonders\u00a0vielversprechenden Weg zu diesem Ziel gefunden:\u00a0\u201eHygge\u201c. 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