{"id":664138,"date":"2017-02-19T03:00:11","date_gmt":"2017-02-19T02:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=664138"},"modified":"2017-02-19T03:00:11","modified_gmt":"2017-02-19T02:00:11","slug":"buchauszug-corinna-budraspascal-fischer-wer-hat-an-der-zeit-gedreht-warum-uns-die-zeit-abhanden-kommt-und-wie-wir-sie-zurueck-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/02\/19\/buchauszug-corinna-budraspascal-fischer-wer-hat-an-der-zeit-gedreht-warum-uns-die-zeit-abhanden-kommt-und-wie-wir-sie-zurueck-gewinnen\/","title":{"rendered":"Buchauszug Corinna Budras\/Pascal Fischer: &#8222;Wer hat an der Zeit gedreht? Warum uns die Zeit abhanden kommt und wie wir sie zur\u00fcck gewinnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug &#8222;Vom Sinn der Pause&#8220; von den Journalisten Corinna Budras von der &#8222;Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung&#8220; und Pascal Fischer vom Deutschlandradio und ARD-Wortwelten. Beide sind nicht nur beide berufst\u00e4tig sondern auch Eltern. <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_664139\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-664139\" class=\"size-full wp-image-664139\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras-300x196.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras-459x300.jpg 459w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-664139\" class=\"wp-caption-text\">Pascal Fischer (r.) und Corinna Budras (l.)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vom Sinn der Pause<\/strong><\/p>\n<p>Die Mittagspause ist J\u00fcrgen Bock wichtig. Es gibt nichts Besseres als diese Zeit des Tages. Bis 12 Uhr hat er schon\u00a0Einiges erledigt, E-Mails geschrieben, Telefonate gef\u00fchrt, Pl\u00e4ne geschmiedet. Es ist der ideale Moment, um den Kopf frei zu bekommen. Frei f\u00fcr neue Ideen, etwas Inspirierendes,\u00a0Ber\u00fchrendes, Bemerkenswertes oder gar Skurriles.<\/p>\n<p>Deshalb trabt er um Punkt 12 Uhr \u00fcber den Hof zu der gro\u00dfen Lagerhalle, die er und seine Kollegen \u00abLounge 6\u00bb\u00a0genannt haben. Dort steigt er die Treppen hoch in den ersten Stock an der Garderobe vorbei und in den gro\u00dfen,\u00a0abgedunkelten Saal. Die Seiten sind ges\u00e4umt von Holzpaletten,\u00a0die, aufeinandergestapelt,\u00a0erstaunlich geschmackvolle\u00a0Tische und B\u00e4nke ergeben. Von der Decke baumeln\u00a0Leuchtanzeigen aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen. Inzwischen\u00a0haben sie nur noch den Zweck, Industriechic zu verbreiten, um nicht an Arbeit, sondern an Kreativit\u00e4t zu erinnern. In\u00a0der Mitte des Saales reihen sich schwere schwarze Ledersofas\u00a0aneinander, Lehne an Lehne, alle nach der Stirnseite\u00a0des Saales gerichtet. Dort wird J\u00fcrgen Bock gleich stehen,\u00a0gekleidet in schwarzer Jeans, schwarzem T-Shirt und\u00a0schwarzem Sakko, ein starker Kontrast zu seinen kurzen, schlohwei\u00dfen Haaren. Dann steht er im Rampenlicht vor zweihundert Kollegen. 12 Uhr mittags ist die beste Zeit f\u00fcr\u00a0etwas Unternehmenskultur.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Bock hat sich schon viele Gedanken \u00fcber die Mittagspause gemacht. Das geh\u00f6rt zu seinem Job. Er ist Leiter der Unternehmenskultur der Otto-Gruppe in Hamburg, jenes Urgesteins des deutschen Versandhandels, das jetzt\u00a0so gerne mit den hippen amerikanischen Silicon-Valley-Giganten\u00a0mithalten m\u00f6chte. Die haben die coole Unternehmenskultur\u00a0zu ihrem Markenzeichen gemacht: Kicker in der Wohnk\u00fcche, Fitnesscenter, Lifestyle-Kantine, selbst\u00a0der Chef l\u00e4sst sich beim Vornamen nennen. Und Lunch\u00a0Club statt Mittagstief.<\/p>\n<p>Um da mithalten zu k\u00f6nnen, auch wegen der hei\u00df begehrten jungen Nachwuchskr\u00e4fte, hat J\u00fcrgen Bock schon\u00a0einiges versucht. Auch einiges, das geh\u00f6rig schiefgegangen ist. Der Filmclub abends, \u00abafter work\u00bb, kam nicht gut an.\u00a0Nach dem Feierabend str\u00f6men die Mitarbeiter lieber nach\u00a0Hause, in Kneipen oder auf Konzerte als ins Otto-Kino.<\/p>\n<p>Dann ist er mit seinen \u00fcbersch\u00e4umenden Ideen in die Kantine gegangen, um die Kollegen dort mittags zu unterhalten.\u00a0Sogar eine Band hat er dorthin geschleppt, die den Kollegen\u00a0vor ihren dampfenden Tellern ordentlich ins Ohr dr\u00f6hnte. Der Protest kam postwendend. \u00abLass uns wenigstens in der Mittagspause in Ruhe\u00bb, schimpften die Kollegen\u00a0genervt. J\u00fcrgen Bock hat das eingesehen. Auf Unterhaltung,\u00a0selbst auf gute, muss man gefasst sein. Auch die talentiertesten\u00a0Musikanten in der S-Bahn erregen Unmut, wenn\u00a0sich die Fahrg\u00e4ste \u00fcberrumpelt f\u00fchlen und eigentlich lieber ihren Gedanken nachh\u00e4ngen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In der Lounge 6 f\u00fchlt sich niemand \u00fcberrumpelt. Die leer stehende Lagerhalle hatte Bock vor einigen Jahren beim\u00a0Schlendern entdeckt und mit seinen Kollegen hergerichtet. Seitdem veranstaltet er zwischen den Holzpaletten einmal im Monat seinen Culture Club, dann pr\u00e4sentieren sich\u00a0Gro\u00dfstadtpoeten beim Poetry Slam und die Azubis zappeln\u00a0bei der Party zur Mittagszeit.<\/p>\n<p>Heute gibt es Chili con Carne aus gro\u00dfen T\u00f6pfen. Dazu\u00a0Nachos und Wei\u00dfbrot, Salat und kleine dicke W\u00fcrstchen,\u00a0die in Croissants stecken. Als Nachtisch gibt es Popcorn. Das mag nicht die gro\u00dfe kulinarische Erleuchtung sein,\u00a0aber passt sich ein in den anstehenden Culture Club:\u00a0ein Youtube-Kurzfilm-Festival von Otto-Mitarbeitern f\u00fcr Otto-Mitarbeiter. Das Ganze ist liebevoll zusammengestellt,\u00a0f\u00fcr jeden Geschmack ist etwas dabei: zehn Filmchen,\u00a0ausgew\u00e4hlt von Bock und seinen Kollegen, Anr\u00fchrendes\u00a0und Lustiges, Nachdenkliches und Provokantes.\u00a0Erst wird gegessen, dann geschaut, eine Dreiviertelstunde\u00a0lang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-664140\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras.cover_.jpg\" alt=\"\" width=\"415\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras.cover_.jpg 415w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/02\/budras.cover_-192x300.jpg 192w\" sizes=\"auto, (max-width: 415px) 100vw, 415px\" \/><\/p>\n<p><strong>&#8222;Wer hat an der Uhr gedreht? \u00a0Warum uns die Zeit abhanden kommt und wie wir sie zur\u00fcckgewinnen&#8220; von Corinna Budras \/ Pascal Fischer, C.H.Beck Verlag, Februar 2017, 199 Seiten, 14,95 Euro:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Budras_Corinna-Fischer-Uhr-gedreht\/productview.aspx?product=17634362\">http:\/\/www.chbeck.de\/Budras_Corinna-Fischer-Uhr-gedreht\/productview.aspx?product=17634362<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittagspause, hart erk\u00e4mpft<\/strong><\/p>\n<p>Mittags wird der Tag entschieden. Wer auf die Pausen verzichtet,\u00a0ist weniger leistungsf\u00e4hig, auch wenn er damit\u00a0gerne das Gegenteil beweisen m\u00f6chte. F\u00fcr produktives Arbeiten\u00a0ist das Wechselspiel von konzentriertem Arbeiten und gekonnter Ablenkung wichtig, betonen Kreativit\u00e4tsforscher.<\/p>\n<p>Aufstehen, den K\u00f6rper bewegen, den Blick schweifen lassen, auf andere Gedanken kommen. Essen\u00a0kann dabei helfen, nur bitte nicht am Arbeitsplatz. Dort stopft man nur sinnlos in sich hinein, unkontrolliert und\u00a0ohne Erholungseffekt.<\/p>\n<p>Die Arbeitspause hatte nicht immer so einen hohen Stellenwert.\u00a0Im Gegenteil, die Gewerkschaften mussten sie \u00a0sich erst hart erk\u00e4mpfen. Seit 1994 steht sie f\u00fcr alle verbindlich\u00a0im Arbeitszeitgesetz: 30 Minuten bei einer Arbeitszeit bis zu neun Stunden pro Tag, 45 Minuten f\u00fcr alles dar\u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Betriebe entdecken die Mittagspause ihrer Angestellten &#8211; um sie auf Trab zu halten<\/strong><\/p>\n<p>Doch jetzt steckt die Mittagspause in einer veritablen Krise.\u00a0Die Gewerkschaften monieren, dass die Arbeitnehmer sie gar nicht mehr nehmen und viel zu oft durcharbeiten. Auf der anderen Seite haben auch die Betriebe sie entdeckt: f\u00fcr die Unternehmenskultur und zum Netzwerken, mal mit\u00a0kleinen Vortr\u00e4gen, mal mit erfrischendem Gedankenaustausch.\u00a0Oder um mit einem betriebseigenen Fitnessstudio die Mitarbeiter zu mehr Bewegung zu animieren. Schon\u00a0zum Standard in den oberen Etagen geh\u00f6rt ein ausgiebiger\u00a0Business Lunch, drei G\u00e4nge beim Edel-Italiener. Zu besprechen\u00a0gibt es immer etwas; unterhaltend kann es bestenfalls\u00a0sein, wirklich entspannend ist es selten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freizeit-Terror<\/strong><\/p>\n<p>Die perfekt gestaltete Mittagspause spiegelt im Kleinen wider,\u00a0welche Probleme sich bei der Freizeit stellen: Von echter\u00a0\u00abFreizeit\u00bb mit sprichw\u00f6rtlich freier Zeit kann h\u00e4ufig keine Rede mehr sein.\u00a0Doch die gute Nachricht zuerst: Dem Statistischen Bundesamt\u00a0zufolge haben wir alle einen ganzen Batzen davon,\u00a0n\u00e4mlich jeden Tag ganze 6 Stunden und 12 Minuten die\u00a0M\u00e4nner und 5 Stunden 42 Minuten die Frauen. Die extra\u00a0halbe Stunde der Herren verbraten diese \u00fcbrigens fast ausschlie\u00dflich\u00a0im Internet und mit ihren Smartphones. An\u00a0diese Daten kommen die Statistiker durch viel Aufwand:\u00a0Alle zehn Jahre lassen sie rund 11 000 Leute f\u00fcr einige Tage\u00a0ein Tagebuch f\u00fchren. Darin sollen diese ihren Tagesablauf\u00a0beschreiben, detailliert im Zehn-Minuten-Rhythmus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Viel mehr freie Zeit als gedacht<\/strong><\/p>\n<p>Das\u00a0Ergebnis sind naturgem\u00e4\u00df nur Durchschnittswerte. Aber eines f\u00f6rdert diese Studie (wie andere \u00fcbrigens auch) zutage:\u00a0Wir haben wesentlich mehr freie Zeit, als wir gemeinhin glauben. Nur nutzen wir sie nicht so, wie wir es eigentlich wollen.<\/p>\n<p>Woran das liegt? Auch hier gibt es unbegrenzte M\u00f6glichkeiten und sie klingen allesamt eindrucksvoll: originelle\u00a0Ausstellungen, extravagante Konzerte, spektakul\u00e4re Outdoor- Aktivit\u00e4ten. Vor Museen zieht sich nicht selten die lange Reihe der Wartenden \u00fcber den B\u00fcrgersteig bis zur\u00a0n\u00e4chsten Stra\u00dfenkreuzung. Dicht an dicht, und doch ohne zu dr\u00e4ngeln, stehen die Besucher und warten geduldig auf\u00a0Einlass, als h\u00e4tten sie auf einmal alle Zeit der Welt. Nach\u00a0Freizeit sieht das nicht aus, und dennoch ist es genau das: Die Menschen suchen Erbauung in der Kunst. Die Museen\u00a0\u00fcberschlagen sich mit sensationellen Shows, die die Besucher\u00a0von \u00fcberallher anziehen. So viel Andrang will gemanagt\u00a0werden: Mit Hilfe des Internets l\u00e4sst sich die Warterei umgehen. Dort kann man immer \u00f6fter Zeitfenster f\u00fcr den Museumsbesuch buchen und mit dem ausgedruckten Ticket\u00a0an der Schlange vorbeimarschieren.<\/p>\n<p>Dass die Warteschlangen von den Bankschaltern und Warenh\u00e4usern vor die Museen umgezogen sind, ist ein\u00a0Symptom unserer Zeit. Wir erleben Freizeit h\u00e4ufig nicht mehr kollektiv im Sportverein, im Chor oder auch nur am\u00a0Stammtisch, sondern individuell. Deshalb fallen simple Verabredungen mit Freunden nicht mehr so leicht wie fr\u00fcher.\u00a0Oft m\u00fcssen die Termine zum Kl\u00f6nen Wochen im Voraus gebucht werden, als w\u00e4re es ein begehrter Termin beim\u00a0Orthop\u00e4den.<\/p>\n<p>Die individuelle Freizeitgestaltung aber kann eine ganze Branche ern\u00e4hren. Kein Wunder, dass die Freizeitangebote\u00a0immer umfangreicher werden, die Informationen dar\u00fcber ebenso. Aus Geheimtipps werden Massenveranstaltungen. Ein Blick in den Veranstaltungskalender offenbart die F\u00fclle\u00a0an M\u00f6glichkeiten. Wem der ordin\u00e4re Museumsbesuch\u00a0nicht reicht, der geht zur \u00abLangen Nacht der Museen\u00bb, Burgen und Schl\u00f6sser werden f\u00fcr allerlei Feierlichkeiten reaktiviert, Stra\u00dfenfeste gibt es in den Sommermonaten an\u00a0jedem Wochenende. In den Ferien ist das noch steigerungsf\u00e4hig.\u00a0Das gute Buch am Strand reicht vielen gerade einmal\u00a0f\u00fcr einen Tag, es muss schon der Bungee-Sprung von der\u00a0Br\u00fccke sein oder die Rucksack-Tour durch Vietnam. Die Wahl f\u00e4llt schwer, denn dank Internet sieht man klarer\u00a0denn je, was es alles zu verpassen gibt. Und das kann\u00a0schmerzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Angst, etwas zu verpassen<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis ist eine nie gekannte Vielfalt, die die Menschen auch rege nutzen. \u00abKaum eine Freizeitaktivit\u00e4t dauert\u00a0gegenw\u00e4rtig l\u00e4nger als zwei Stunden\u00bb, sagt Sozialforscher Ulrich Reinhardt. Danach geht es weiter \u2013 auch aus lauter Angst, etwas zu verpassen. \u00abDer Druck, in der Freizeit\u00a0etwas zu erleben, hat in den vergangenen Jahren permanent zugenommen.\u00bb Denn Erlebnisse wollen Freunden, Kollegen und Verwandten erz\u00e4hlt werden, sie schaffen\u00a0Identifikation. Allerdings: Diese Aktivit\u00e4ten kosten Geld.<\/p>\n<p>So setzt sich die Klassengesellschaft auch im Freizeitverhalten\u00a0fort. Die Besserverdienenden geben in der Freizeit\u00a0gerne und viel Geld aus und erkaufen sich so die unterschiedlichsten\u00a0Erfahrungen. Geringverdiener bleiben auch\u00a0am Wochenende eher vor dem Fernseher.<\/p>\n<p>Ist das Freizeit? \u00abFreizeit ist pers\u00f6nliche Zeit, in der ich\u00a0etwas tun kann, ohne es tun zu m\u00fcssen\u00bb, erinnert der Wissenschaftler Reinhardt. Das klingt selbstverst\u00e4ndlicher, als es ist. Die Stiftung f\u00fcr Zukunftsfragen analysiert das Freizeitverhalten\u00a0der Deutschen im Freizeitmonitor, und der\u00a0hat eines klar hervorgebracht: Am liebsten w\u00fcrden die Menschen genau das tun, wozu sie spontan Lust haben \u2013\u00a0ohne gebuchtes Zeitfenster. Nur tun es eben so wenige.\u00a0Daf\u00fcr gibt es viel, was uns in der Freizeit Stress bereitet: Gest\u00f6rt zu werden, wenn man doch eigentlich in Ruhe gelassen\u00a0werden m\u00f6chte (62 Prozent), nicht allem gerecht\u00a0werden zu k\u00f6nnen (fast jeder Zweite, 48 Prozent). Und 12 Prozent sagen: Das Angebot ist schlicht zu \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p>Oft merkt man erst sp\u00e4t, dass man besser eine Auswahl\u00a0trifft und lieber das eine l\u00e4sst, um das andere tun zu\u00a0k\u00f6nnen. Dabei kann man auch feststellen, dass man gar nicht so viel verpasst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Leben f\u00fcr den Coffee to go<\/strong><\/p>\n<p>Das zeigt sich an so etwas Profanem wie Kaffee. Was haben die Intellektuellen und K\u00fcnstler im 19. Jahrhundert in den\u00a0Wiener Kaffeeh\u00e4usern Zeit verplempert, debattiert, Zeitung\u00a0gelesen und gen\u00fcsslich ihren Kaffee getrunken! Nie im Leben h\u00e4tten sie sich einfallen lassen, dass sich Zeit sparen\u00a0lie\u00dfe, wenn sie ihre Tasse Kaffee stattdessen \u00fcber den\u00a0Trottoir schleppten.\u00a0Einer wie Laszlo B\u00fcch h\u00e4tte damals mit seiner Gesch\u00e4ftsidee wohl kaum Erfolg gehabt. Daf\u00fcr brauchte es schon einen\u00a0gewissen Hang zur Effizienzsteigerung, rund hundert\u00a0Jahre sp\u00e4ter war dazu der geeignete Zeitpunkt gekommen.<\/p>\n<p>B\u00fcch war Anfang vierzig, als er in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen gr\u00f6\u00dften Coup landete. Zu\u00a0diesem Zeitpunkt hatte er schon ein ganzes Leben hinter \u00a0sich: 1922 wurde er in Khust geboren, einem kleinen Dorf in der Tschechoslowakei, als Sohn j\u00fcdischer Eltern. Als die\u00a0Nazis kamen, transportierten sie ihn ins Konzentrationslager,\u00a0erst Auschwitz, dann Buchenwald. Seine Eltern kamen darin um, er selbst \u00fcberlebte. Nach dem Krieg wanderte\u00a0er nach New York aus und lebte dort das typische Leben eines Immigranten. Als Erstes verpasste er sich einen neuen Namen, aus Laszlo B\u00fcch wurde Leslie Buck. Mit\u00a0einem Import-Export-Gesch\u00e4ft hielt er sich eine Zeitlang\u00a0\u00fcber Wasser. Dann gr\u00fcndete er mit seinem Bruder ein eigenes Unternehmen in einer Branche, die ihm Gewinn versprechend\u00a0schien: Er wurde Hersteller von Pappbechern.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Durchbruch kam als Marketingleiter von\u00a0Sherri Cup, einem Start-up, das es in den sechziger Jahren\u00a0auf den New Yorker Markt f\u00fcr Hei\u00dfgetr\u00e4nke abgesehen hatte. Buck kreierte einen Pappbecher in aufsehenerregendem\u00a0Design: in Blau und Wei\u00df mit bronzefarbener, zackiger\u00a0Beschriftung \u2013 ein Tribut an die vielen griechischen Immigranten, die in New York etliche Diner betrieben,\u00a0jene amerikanischen Restaurants, die durch ihre Schlichtheit\u00a0in Angebot und Design bestechen. Die nostalgisch gepr\u00e4gten Pappbecher wurden der Renner. In ihnen trugen\u00a0fortan die New Yorker ihren Kaffee \u00fcberall in der Stadt spazieren, statt ihn zu Hause oder im Caf\u00e9 zu trinken.<\/p>\n<p>Leslie Buck hat den \u00abCoffee to go\u00bb nicht erfunden. Den Wunsch, keine Zeit f\u00fcr den Kaffee zu verschwenden, sondern\u00a0ihn stattdessen lieber zeitsparend mit sich herumzutragen, versp\u00fcrten die New Yorker schon lange Zeit vorher. Aber Buck hat dieses Bed\u00fcrfnis zu einem Trend gemacht.\u00a0Mit seinem Design wurde aus einem simplen Gebrauchsgegenstand\u00a0eine Kreation, die jeder haben wollte.<\/p>\n<p>Das war schon 1963. Sherri Cup verkaufte \u00fcber die\u00a0n\u00e4chsten Jahrzehnte Milliarden Becher, denn nirgendwo\u00a0laufen Menschen so lange und so leidenschaftlich mit ihren Coffee-to-go-Tassen herum wie in der Stadt, die niemals schl\u00e4ft. Schon seit mehr als f\u00fcnfzig Jahren nehmen sich die\u00a0Menschen dort nicht einmal mehr die Zeit f\u00fcr einen Kaffee. Und noch viel wichtiger: Sie wollen es auch nicht. Der \u00abCoffee to go\u00bb ist in New York das Statussymbol eines erfolgreichen\u00a0Menschen, f\u00fcr den die Synchronisierung der T\u00e4tigkeiten eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist.<\/p>\n<p>Niemand w\u00fcrde dort allen Ernstes den Nutzen dieser\u00a0Erfindung in Frage stellen. Im Gegenteil: Als Leslie Buck\u00a02010 im Alter von 87 Jahren starb, widmete ihm die <em>New\u00a0<\/em><em>York Times <\/em>einen umfassenden Nachruf auf der Titelseite\u00a0ihrer New Yorker Ausgabe. Auf einem Foto l\u00e4chelt Buck\u00a0das \u00fcberlegene L\u00e4cheln eines erfolgreichen Unternehmers, der im richtigen Moment die richtige Idee hatte. Gro\u00df und\u00a0aufrecht steht er da, mit einem klobigen Brillengestell auf\u00a0der Nase.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeit f\u00fcr einen Kaffee<\/strong><\/p>\n<p>Die Verdienste des erfolgreichen Unternehmers Buck w\u00fcrde auch Margarete Z\u00fclch nicht bestreiten, von ihr haben wir schon geh\u00f6rt. Sie wurde im selben Jahr geboren wie Laszlo B\u00fcch: 1922. Aber ihr Leben gestaltete sich\u00a0v\u00f6llig anders. Als Inhaberin vom Frankfurter Kaffeehaus\u00a0Wacker\u2019s hat sie ihr Leben dem Kaffee gewidmet und nicht etwa den Gef\u00e4\u00dfen f\u00fcr dessen unfallfreien Transport auf\u00a0\u00fcberf\u00fcllten B\u00fcrgersteigen. Margarete Z\u00fclch ist von vornehmer\u00a0Gestalt, sie legt unverkennbar Wert auf ihr \u00c4u\u00dferes.\u00a0Ihre kurzen, braun gef\u00e4rbten Haare sind sorgf\u00e4ltig\u00a0frisiert,\u00a0die hellblaue Bluse ordentlich geb\u00fcgelt. Doch wenn sie den Begriff \u00abCoffee to go\u00bb in den Mund nimmt, zuckt sie ein wenig zusammen. Sie sagt diesen Begriff mit so viel\u00a0Verachtung in der Stimme, wie es einer freundlichen, lebensklugen\u00a0Dame im Alter von 94 Jahren gegeben ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kaffee brauche man Kaffeekultur, einen Tisch, am besten nat\u00fcrlich einen Stuhl oder ein Sofa, jedenfalls eine\u00a0Tasse aus Porzellan, sagt sie, w\u00e4hrend sie in der Wohnung \u00fcber ihrem Frankfurter Kaffeegesch\u00e4ft sitzt. Unmengen\u00a0von Fotos aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten zieren ihr Wohnzimmer.\u00a0Ihre langen, schlanken H\u00e4nde kreisen auf dem Tischtuch um die Tasse, die vor ihr steht. Und sie sagt: \u00abF\u00fcr\u00a0Kaffee braucht man Zeit.\u00bb Ohne dass er beim Laufen rechts\u00a0und links \u00fcber den Rand schwappt. Auch wenn f\u00fcr dieses Dilemma schon die ergonomischen Plastikdeckel erfunden\u00a0wurden. Mehrere Dutzend unterschiedliche Patente gibt es\u00a0darauf inzwischen.<\/p>\n<p>Margarete Z\u00fclch sieht keinen besonderen Sinn darin, den Kaffee unterwegs zu trinken. Und schon gar keinen Vorteil.\u00a0Das mag daran liegen, dass Kaffee f\u00fcr sie schon immer etwas Besonderes war. Etwas, f\u00fcr das man sich Zeit nehmen muss. Mit dem s\u00fc\u00dflich-herben Kaffeegeruch in der\u00a0Nase ist sie aufgewachsen, sie hat den Zweiten Weltkrieg\u00a0\u00fcberstanden, selbst als sie aus ihrem Kaffeegesch\u00e4ft herausgebombt\u00a0wurde. Sie hat es neu aufgebaut und sich tagein, tagaus hinter die Ladentheke gestellt, um den Kunden Kaffee einzuschenken. Und sie dr\u00fcckt ihnen selbstverst\u00e4ndlich\u00a0auch schweren Herzens Pappbecher in die Hand, seitdem dieser Wunsch nach dem mobilen Verzehr auch hierzulande um sich gegriffen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Pappbecher als Symbol<\/strong><\/p>\n<p>Man darf die Symbolkraft des Pappbechers nicht \u00fcberh\u00f6hen,\u00a0aber immerhin ist der Kaffeegenuss doch ein Indiz daf\u00fcr, wie es um die Hast in der Gesellschaft bestellt ist. Denn daran wird deutlich, wie viel Zeit die Menschen haben, oder eher: wie viel Zeit sie sich nehmen. Kaffee bietet\u00a0keine lustvolle Inspiration mehr. Oft ist es die letzte M\u00f6glichkeit,\u00a0auf dem Sprung ins B\u00fcro die Mittagspause noch hinauszuz\u00f6gern. Das muss schnell gehen \u2013 umso besser,\u00a0wenn es dann auch noch schmeckt. Doch einen Kaffee, den\u00a0man nur hinunterst\u00fcrzt, kann man sich genauso gut sparen, findet Margarete Z\u00fclch.<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen Bock h\u00e4lt nicht mehr viel von Gleichzeitigkeit.\u00a0Nach seiner Erfahrung mit der Kantinen-Band verzichtet\u00a0er jetzt darauf, allzu viele Dinge auf einmal geschehen zu lassen. In seinem Culture Club in der Otto-Gruppe\u00a0in Hamburg wird erst gegessen, dann kommen die Filme.\u00a0Eine Dreiviertelstunde Zeit gibt\u2019s daf\u00fcr. J\u00fcrgen Bock hat die Geschichte eines amerikanischen Kriegsveteranen ausgew\u00e4hlt, der aus dem Golfkrieg versehrt nach Hause zur\u00fcckkehrt\u00a0und den Rest seines traurigen Lebens auf Kr\u00fccken verbringen muss. In seiner Ank\u00fcndigung sagt Bock dazu: \u00abIch liebe es, wenn Menschen \u00fcber sich hinauswachsen.\u00bb<\/p>\n<p>Der arme Mann wird immer fetter und ungl\u00fccklicher, bis er im Internet auf den einzigen Yogalehrer trifft, der ihn\u00a0nicht als einen hoffnungslosen Fall sieht. Eisern beginnt er\u00a0zu trainieren, f\u00e4llt wie ein nasser Sack zu Boden und steht doch immer wieder auf. \u00abDass ich es heute nicht kann, bedeutet\u00a0noch lange nicht, dass ich es nicht eines Tages kann\u00bb,\u00a0bellt er trotzig in die Kamera. Am Ende des kleinen Films hat er 70 Kilo abgenommen und kann nicht nur humpeln,\u00a0sondern kraftvoll rennen. Und auf dem Kopf stehen. Als\u00a0das Licht wieder angeht, haben die Kollegen Tr\u00e4nen in den Augen, J\u00fcrgen Bock l\u00e4chelt zufrieden.\u00a0Diese Mittagspause h\u00e4tten sie auch mit leichterer Kost, in der Kantine oder im Fitnessstudio verbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch das wollen sie nicht, niemand verl\u00e4sst fr\u00fcher den\u00a0Saal, als er unbedingt muss. Das mag auch damit zusammenh\u00e4ngen,\u00a0dass sich die Leute hier die Pl\u00e4tze hart erk\u00e4mpft haben. Schon wenige Stunden nach der Ank\u00fcndigung sind Bocks Veranstaltungen immer heillos \u00fcberbucht.\u00a0Anscheinend hat er jetzt etwas gefunden, was die Kollegen fesselt, ohne der Pause ihren tieferen Sinn zu rauben. Auch\u00a0so ist sie eine Auszeit, um neue Energie zu tanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auszeit, um Energie zu tanken<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als das Licht wieder angeht, haben die Kollegen Tr\u00e4nen in den Augen, J\u00fcrgen Bock l\u00e4chelt zufrieden. Diese Mittagspause h\u00e4tten sie auch mit leichterer Kost, in der Kantine oder im Fitnessstudio verbringen k\u00f6nnen. Doch das wollen sie nicht, niemand verl\u00e4sst fr\u00fcher den Saal, als er unbedingt muss. Das mag auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass sich die Leute hier die Pl\u00e4tze hart erk\u00e4mpft haben. Schon wenige Stunden nach der Ank\u00fcndigung sind Bocks Veranstaltungen immer heillos \u00fcberbucht. Anscheinend hat er jetzt etwas gefunden, was die Kollegen fesselt, ohne der Pause ihren tieferen Sinn zu rauben. Auch so ist sie eine Auszeit, um neue Energie zu tanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-664197\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/11\/blogger-k\u00f6nige.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug &#8222;Vom Sinn der Pause&#8220; von den Journalisten Corinna Budras von der &#8222;Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung&#8220; und Pascal Fischer vom Deutschlandradio und ARD-Wortwelten. Beide sind nicht nur beide berufst\u00e4tig sondern auch Eltern. &nbsp; Vom Sinn der Pause Die Mittagspause ist J\u00fcrgen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2017\/02\/19\/buchauszug-corinna-budraspascal-fischer-wer-hat-an-der-zeit-gedreht-warum-uns-die-zeit-abhanden-kommt-und-wie-wir-sie-zurueck-gewinnen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[6384,1890,2375,2001,6383,6385,2282,6386],"class_list":["post-664138","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-wer-hat-an-der-uhr-gedreht","tag-buchauszug","tag-c-h-beck-verlag","tag-corinna-budras","tag-pascal-fischer","tag-pausen","tag-starbucks","tag-ulrich-reinhardt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/664138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=664138"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/664138\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=664138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=664138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=664138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}