{"id":662629,"date":"2016-10-08T02:14:30","date_gmt":"2016-10-08T00:14:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=662629"},"modified":"2016-10-08T02:14:30","modified_gmt":"2016-10-08T00:14:30","slug":"buchauszug-das-leben-ein-bunter-hund-von-sabine-huebner-und-carsten-k-rath","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/10\/08\/buchauszug-das-leben-ein-bunter-hund-von-sabine-huebner-und-carsten-k-rath\/","title":{"rendered":"Buchauszug: &#8222;Das Leben. Ein bunter Hund&#8220;  von Sabine H\u00fcbner und Carsten K. Rath"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug aus &#8222;Das Leben. Ein Bunter Hund&#8220; von \u00a0den F\u00fchrungskr\u00e4fte-Coaches\u00a0Sabine H\u00fcbner und Carsten K. Rath.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_662850\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-662850\" class=\"size-full wp-image-662850\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/10\/Huebner_Rath_2016.Presse_72dpi-2.jpg\" alt=\"H\u00fcbner (und Rath\" width=\"650\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/10\/Huebner_Rath_2016.Presse_72dpi-2.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/10\/Huebner_Rath_2016.Presse_72dpi-2-300x191.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/10\/Huebner_Rath_2016.Presse_72dpi-2-472x300.jpg 472w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-662850\" class=\"wp-caption-text\">Carsten K. Rath und Sabine H\u00fcbner<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig leben: Freiheit und Mobilit\u00e4t &#8211;\u00a0Wie viel Freiheit vertrage ich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sister ohne Act<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbMargarethe f\u00e4hrt leidenschaftlich gern Motorrad. Sie trinkt gern ein Bier mit Freunden, geht auf Partys und hat einen Freund. Eine lebenslustige Studentin.\u00ab<\/p>\n<p>Klingt nach einer ganz normalen 24-J\u00e4hrigen, sofern es so etwas wie \u00bbnormal\u00ab \u00fcberhaupt gibt. Manch einer mag vom Motorradfahren schon auf eine gewisse Freiheitsliebe dieser jungen Frau schlie\u00dfen. Nach einer konservativen Lebenseinstellung h\u00f6rt sich die Beschreibung zwar nicht wirklich an, aber auch nicht weiter aufsehenerregend. Vielleicht eine typische Kandidatin f\u00fcr einen Selbstfindungstrip nach Indien, eine studienabbruchsbegleitende Gr\u00fcnderphase oder m\u00f6glicherweise eine Karriere in der Politik? Irgendjemand muss die Piraten ja retten \u2026<\/p>\n<p>Doch die junge Dame erf\u00fcllt die Erwartungshaltung so gar nicht, die diese ersten beschreibenden S\u00e4tze \u00fcber sie sch\u00fcren. Um Freiheit dreht sich ihre Geschichte allerdings durchaus. Ihre ganz eigene Interpretation von Freiheit.<\/p>\n<p>Inzwischen hei\u00dft die junge Studentin nicht mehr Margarethe, sondern Sr. Maria Laetitia. Das \u00bbSr.\u00ab steht f\u00fcr \u00bbSchwester\u00ab. Die motorradfahrende, biertrinkende Studentin mit Freund ist inzwischen Zisterziensernonne. Keine Motorr\u00e4der mehr, kein Bier, kein Sex. Selbst wenn sie mitten in der Nacht mal ihre Meinung \u00e4ndern w\u00fcrde: In ihrem Kloster in der Oberlausitz ist sie fernab der Versuchungen, die die Welt den S\u00fcndigen offeriert.<\/p>\n<p>Margarethe, Pardon, Maria Laetitia vereint vermeintliche Gegens\u00e4tze. Sie hat nicht etwa eine radikale Pers\u00f6nlichkeitsumwandlung durchgemacht: Schon in der Bier- und Motorradzeit hat sie Theologie studiert. Maria Laetitia hat es sich nicht anders \u00fcberlegt \u2013 sie hat einfach Ernst gemacht mit ihren Motiven. Immer wieder hatte sie das Kloster St. Marienstern besucht, und schlie\u00dflich beschloss sie, zu bleiben. Diese Entscheidung fiel nicht \u00fcber Nacht, sondern in einem langen, konsequenten Entscheidungsprozess \u2013 einschlie\u00dflich Zweifeln und vieler Diskussionen mit Freunden und Familie. Auch mit dem Freund, versteht sich. Margarethe wollte es so. Sie ist keiner Heilslehre aufgesessen und keinem Traum vom \u00bbeinfachen\u00ab Leben wie manch anderer.<\/p>\n<p>Einfach statt frei: Das ist die naheliegende Assoziation mit dem Klosterleben. Doch Sr. Maria Laetitia wollte es sich gerade nicht leicht machen. Freiheit ist nie leicht. Freiheit hat immer Konsequenzen und fordert stets Verantwortung. Und frei ist sie, die ehemalige Margarethe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-662848\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/09\/cover.Huebner_Rath_72dpi_cmyk_Kontur_lbu-2.jpg\" alt=\"cover-huebner_rath_72dpi_cmyk_kontur_lbu-2\" width=\"415\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/09\/cover.Huebner_Rath_72dpi_cmyk_Kontur_lbu-2.jpg 415w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/09\/cover.Huebner_Rath_72dpi_cmyk_Kontur_lbu-2-192x300.jpg 192w\" sizes=\"auto, (max-width: 415px) 100vw, 415px\" \/><\/p>\n<div class=\"book_authors\"><strong>&#8222;Das Leben. Ein bunter Hund&#8220; von Carsten K. Rath und Sabine H\u00fcbner, Murmann Verlag, 269 Seiten,\u00a024,90 Euro:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/das-leben-ein-bunter-hund.html\">http:\/\/www.murmann-verlag.de\/das-leben-ein-bunter-hund.html<\/a><\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maria Laetitia ist der lebende Beweis daf\u00fcr, dass Freiheit ein sehr individuelles Thema ist und Mobilit\u00e4t auch im eigenen Kopf stattfinden kann. Ihre Freiheit besteht in der Wahlfreiheit \u2013\u00a0und ihre Wahl ist darauf gefallen, ihren Radius zu verkleinern. Von schnellen \u00dcberlandfahrten mit dem Motorrad und im Zweifel auch der gro\u00dfen, weiten Welt, die heute auf der Agenda der meisten Studenten steht, hat sie ihre Bewegungsfreiheit auf die Mauern von St. Marienstern beschr\u00e4nkt. Freiwillig. Und deshalb frei.<\/p>\n<p>Sr. Maria Laetitia ist nicht allein mit ihrer Sehnsucht nach \u00dcberschaubarkeit. Auch und gerade F\u00fchrungskr\u00e4fte, die normalerweise um die Welt jetten und beim Aufwachen im Hotel schon mal vergessen haben, wo sie gerade sind, suchen verst\u00e4rkt nach Orientierung. Sie besuchen Kurse \u00fcber Achtsamkeit und Work-Life-Balance, in denen sie lernen, ihre gef\u00fchlte Omnipotenz wieder auf ein \u00fcberschaubares Ma\u00df an Notwendigem herunterzubrechen. Coaches und Psychologen bringen ihnen bei, wieder auf sich selbst zu achten. Im eigenen K\u00f6rper und im eigenen Kopf zu leben, nicht nur im Au\u00dfen der Erwartungen und globalen M\u00e4rkte. Ihren Urlaub verbringen diese Menschen wieder in einer H\u00fctte am See in der Mitte von Nirgendwo anstatt in Miami. Freiheit hei\u00dft f\u00fcr sie \u2013 und nicht nur f\u00fcr sie \u2013 wieder Nichterreichbarkeit anstatt permanenter Erreichbarkeit. Freiheit durch Mobilfunknetz und Internet? Diese erste gro\u00dfe Verhei\u00dfung der digitalisierten Arbeitswelt hat sich schneller \u00fcberlebt als die dritte Ehe von Lothar Matth\u00e4us.<\/p>\n<p>Reduktion auf das Wesentliche scheint auf den ersten Blick ein Antifreiheitsprogramm zu sein. In Wirklichkeit ist es ein Ph\u00e4nomen einer Gesellschaft, in der ein hohes Ma\u00df an formaler Freiheit herrscht. Ein zu hohes Ma\u00df, hei\u00dft es inzwischen immer h\u00e4ufiger. Wohlstandsprobleme einer Gesellschaft, die glaubte, ohne pers\u00f6nliche Grenzen auskommen zu k\u00f6nnen, bis das \u00bbAnything goes\u00ab anfing, uns \u00fcber den Kopf zu wachsen. Der neue Luxus: die schiere Verf\u00fcgbarkeit der Welt durch selbst gesetzte Grenzen in sinnhafte Muster \u00fcberf\u00fchren. In neue Schubladen, k\u00f6nnten wir auch sagen. Warum denn auch nicht? Wir haben Jahrzehnte damit verbracht, gegen das Schubladendenken anzuk\u00e4mpfen \u2013 nur um festzustellen, dass eine Welt so ganz ohne Schubladen ganz sch\u00f6n anstrengend sein kann.<\/p>\n<p>Die Fragen, die sich vielen heute stellen, lauten nicht mehr: Was fange ich mit meiner Freiheit an? Wie kann ich ein m\u00f6glichst mobiles Leben einrichten? Sondern umgekehrt: Wie viel Freiheit vertrage ich? Und wie mobil muss ich unbedingt sein? Was kostet die Freiheit, diese formale, eigentlich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Dilemma der Vielflieger<\/strong><\/p>\n<p>An einem eiskalten Januarabend stecken wir beide fest. Die eine am Flughafen D\u00fcsseldorf, der andere in einem Schneegest\u00f6ber in Zell am See. Der Flug von D\u00fcsseldorf nach M\u00fcnchen wurde storniert, in Zell am See ist Stau aufgrund des Schneechaos.<\/p>\n<p>Eigentlich h\u00e4tten wir den Abend gemeinsam verbringen wollen, aber daraus wird nun nichts. Also telefonieren wir. Wir telefonieren lange, denn etwas anderes k\u00f6nnen wir beide gerade nicht tun. Wir sprechen \u00fcber alles M\u00f6gliche an diesem Abend: Beratungsprojekte, geplante Reisen, dieses Buch. Und auch \u00fcber Mobilit\u00e4t \u2013 oder das, was wir gerade davon haben.<\/p>\n<p>\u00bbSo viel zur grenzenlosen Freiheit: Hier sitze ich mit meiner Bordkarte und komme nicht weiter. Tolle Sache, die grenzenlose Mobilit\u00e4t.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDu kannst wenigstens was essen! Ich stecke mit dem Auto im Schneegest\u00f6ber! Ich habe Hunger. Und wer wei\u00df, wann ich das n\u00e4chste Mal auf die Toilette kann \u2026\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbStimmt schon, ich kann hier was essen oder sp\u00e4ter an Bord, aber wei\u00dft du \u2026 Manchmal habe ich keine Lust mehr auf das immer gleiche Flugzeug-Essen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDa hatte wohl jemand zu viele Fl\u00fcge diese Woche?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAn manchen Tagen, Carsten, f\u00fchle ich mich eingekerkert in dem, was wir Freiheit nennen.\u00ab<\/p>\n<p>Am Ende telefonieren wir vier Stunden lang und tr\u00f6sten uns so \u00fcber den verlorenen Abend hinweg \u2013 denn so lange dauert es, bis endlich eine Maschine nach M\u00fcnchen abhebt und auf der Autobahn M\u00fcnchen in Sicht kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Freiheit der Mobilen<\/strong><\/p>\n<p>Um eine Frage kreisen wir an diesem Abend immer wieder: Wie frei sind wir Mobilen eigentlich wirklich?<\/p>\n<p>Wir beide fliegen beruflich etwa 250 000 Meilen (also \u00fcber 400 000 Kilometer) im Jahr. Das reicht locker f\u00fcr den Komfort der Lounges und Extra-Services mit blumigen Bezeichnungen, die die Fluggesellschaften ihren besten Kunden angedeihen lassen; dort, wo man die Welt mal eben vergessen k\u00f6nnen soll, bei Espresso und einer Mahlzeit fernab des Trubels der Urlaubsreisenden. Was nat\u00fcrlich nicht wirklich funktioniert. Die \u00bbbusy people\u00ab, die diese Lounges bev\u00f6lkern, machen jede Illusion von Freiheit effektiv zunichte. Da geht es au\u00dferhalb der Lounge, inmitten der angeschickerten Familienv\u00e4ter auf dem Weg nach Fuerteventura, allemal entspannter zu.<\/p>\n<p>Viel fliegen gilt in bestimmten Berufsst\u00e4nden als das Statussymbol schlechthin. Manchen jener \u00bb\u00dcberflieger\u00ab in den Lounges ist die pers\u00f6nliche Meilenzahl wichtiger als jede Benchmark in ihrer Firma. Sie definieren sich dar\u00fcber, dass sie auf dem Platz 1D sitzen. Als w\u00e4ren sie frei wie V\u00f6gel, nur weil sie st\u00e4ndig in der Luft sind.<\/p>\n<p>Wer diesen Menschen w\u00e4hrend des Boardings beim Telefonieren zuh\u00f6rt, stellt alsbald fest: Niemand in der freien Welt ist unfreier als sie. Doch sie st\u00f6rt das nicht \u2013 im Zweifel haben sie es noch gar nicht gemerkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die CGeneration<\/strong><\/p>\n<p>Wir beide sitzen, wenn \u00fcberhaupt, eher aus praktischen Erw\u00e4gungen manchmal in der Businessclass. Und wir geben zu, dass auch wir mit den Nachteilen der beruflichen Mobilit\u00e4t zu k\u00e4mpfen haben. Vor 20 Jahren w\u00e4ren wir noch schief daf\u00fcr angeschaut worden, so etwas \u00fcberhaupt auszusprechen. Die \u00bbgro\u00dfe Freiheit\u00ab des mobilen Arbeitslebens ist \u2013 oder war \u2013 eine der gro\u00dfen Errungenschaften unserer Generation. Wir nennen sie die CGeneration: C f\u00fcr \u00bbCorporate\u00ab. Heute sp\u00fcren wir die Folgen: die Unstetigkeit, die die geforderte Mobilit\u00e4t in die Lebensplanung bringt, die ungesunden Nebenwirkungen des Dauerfliegens, die Auswirkungen auf das soziale Netzwerk (das reale). Und auch: wenig da sein zu k\u00f6nnen f\u00fcr die Mitarbeiter, die am Firmensitz daf\u00fcr sorgen, dass der Laden l\u00e4uft, wenn wir nicht da sind. Also meistens.<\/p>\n<p>Mobilit\u00e4t und die Freiheiten, die sie mit sich bringt, sind f\u00fcr viele Menschen heute mindestens genauso viel Fluch wie Segen. An die Vorteile haben wir uns l\u00e4ngst gew\u00f6hnt: jeden Tag in einer anderen Stadt aufwachen; flexibel f\u00fcr den Kunden da sein k\u00f6nnen, indem man \u00bbschnell mal r\u00fcberfliegt\u00ab; da sein k\u00f6nnen, wo die spannenden Dinge passieren. Das Reisen an sich aber f\u00fchlt sich inzwischen eher f\u00fcr diejenigen als echte Freiheit an, die es zum Selbstzweck betreiben. Die in den Flieger steigen, um an ihren Urlaubsort zu gelangen und eine sichere Landung manchmal tats\u00e4chlich noch mit Applaus quittieren. Oder die das Reisen tats\u00e4chlich zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben, wie die wachsende Zahl von Reisebloggern. F\u00fcr die meisten aber ist Reisen zu einer Notwendigkeit\u00a0geworden, die vieles eher erschwert als erleichtert. Was andere am Schreibtisch mit direktem Zugriff auf ihre Mitarbeiter tun, m\u00fcssen wir beispielsweise unterwegs erledigen. Das operative Tagesgesch\u00e4ft geschieht bei uns im Taxi, zwischen Sicherheitskontrolle und Boarding und nachts im Hotelzimmer.<\/p>\n<p>Was Urlaubsreisende am Reisen genie\u00dfen und als pers\u00f6nliche Freiheit betrachten, ist f\u00fcr Gesch\u00e4ftsreisende Verhandlungsmasse im Rahmen der effizienten Lebensplanung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Keine Grenzen bei Arbeit und Privatem<\/strong><\/p>\n<p>Davon unbeeinflusst sind die Vorteile der Mobilit\u00e4t, die unsere Generation als erste in vollen Z\u00fcgen auskosten kann. Wir sind flexibler als jede Generation zuvor. Wir m\u00fcssen bei der Arbeit und auch im Privaten keine Grenzen scheuen, k\u00f6nnen Gelegenheiten effizienter wahrnehmen, weil wir gleich morgen an jedem beliebigen Ort der Welt sein k\u00f6nnen. Wir kommen schneller voran, im w\u00f6rtlichen wie im Karrieresinn.<\/p>\n<p>Doch Vorankommen und Vorw\u00e4rtskommen sind nicht immer das Gleiche. Je seltener man die F\u00fc\u00dfe auf festem Boden hat, desto schwerer ist es, zu wissen, wo man steht. Damit gehen diejenigen am besten um, die wissen, warum sie sich das eigentlich antun.<\/p>\n<p><em>\u00bbWenn ich l\u00e4nger als drei Tage am selben Ort bleibe, wird mir langweilig. Mobilit\u00e4t ist f\u00fcr mich immer noch Freiheit, und jeder Ortswechsel potenziell sinnstiftend.\u00ab (Carsten K. Rath)<\/em><\/p>\n<p>Mobilit\u00e4t f\u00e4llt leichter und entfaltet ihre Reize immer wieder aufs Neue, wenn sie im Kopf beginnt, nicht auf der Stra\u00dfe oder in der Luft. Wenn wir nicht reisen, um eine Checkliste abzuhaken, sondern um uns inspirieren zu lassen. Ganz gleich, warum wir unterwegs sind: f\u00fcr einen Termin, einen Vortrag, ein Buch. Das Geheimnis eines erf\u00fcllten mobilen Lebens liegt darin, sich die Faszination der Mobilit\u00e4t zu erhalten \u2013 im Kopf frei zu bleiben, auch wenn gerade die Mobilit\u00e4t uns in ein terminliches Korsett zwingt. Das schafft nur, wem die Mobilit\u00e4t und die Freiheit, die sie mit sich bringt, \u00fcber andere Werte gehen: Beweglichkeit statt Bindung, Wandel statt Sicherheit, Spontaneit\u00e4t statt Gewissheit.<\/p>\n<p>Und das ist ein Trend, der sich zunehmend in sein Gegenteil verkehrt. Statt der beruflichen und physischen Mobilit\u00e4t, die einander bedingen, r\u00fcckt gesellschaftlich inzwischen eine ganz andere Form von Mobilit\u00e4t in den Vordergrund. Eine, die ganz bewusst auf viele Freiheiten verzichtet, die sich die CGeneration noch hart erk\u00e4mpfen musste. Eine Mobilit\u00e4t, die nach innen zeigt \u2013 die Reise zum Zellkern, quasi.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Generation der virtuell Mobilen<\/strong><\/p>\n<p>So selbstverst\u00e4ndlich Mobilit\u00e4t im Berufsalltag heute ist, so unattraktiv erscheint sie vielen heute auch. Der Mythos der Reisefreiheit hat f\u00fcr viele seinen Glanz eingeb\u00fc\u00dft, seit Reisen kein Luxus f\u00fcr wenige mehr ist.<\/p>\n<p>Wo wir uns gefragt haben: \u00bbWie mobil k\u00f6nnen wir sein?\u00ab, fragen viele Vertreter der Generationen Y und Z stattdessen: \u00bbWie mobil m\u00fcssen wir sein?\u00ab<\/p>\n<p>Einer unserer Mitarbeiter beispielsweise w\u00fcrde unsere Vielfliegermeilen nicht geschenkt nehmen. Nicht weil er Flugangst hat, sondern weil er aus schlichtem Mangel an Interesse noch nie geflogen ist. Klingt geradezu exotisch, ist es aber gar nicht: Er hat die fliegerische Jungfr\u00e4ulichkeit mit etwa jedem sechsten D\u00fcsseldorfer gemeinsam. Wie viele andere k\u00f6nnte er fliegen, wann immer ihm der Sinn danach steht. Aber er will das gar nicht. Das Fliegen an sich hat f\u00fcr ihn keinen Reiz, und die Vorstellung, von jetzt auf gleich woanders sein zu k\u00f6nnen, auch nicht. Seine Kernwerte sind statischer Natur: Familie, Gemeinschaft, N\u00e4he.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mobilit\u00e4t kein Statusgut &#8211; Mobilit\u00e4tsverweigerung<\/strong><\/p>\n<p>Was nicht hei\u00dft, dass dieser Mitarbeiter nicht mobil w\u00e4re. Seinen Freiheitsdrang lebt er nur auf andere Weise aus, n\u00e4mlich virtuell. Und da ist er extrem mobil, so wie viele in seiner Generation. F\u00fcr ihn ist geografische Mobilit\u00e4t kein begehrtes Statusgut und kein Ziel, das es leidenschaftlich zu verfolgen lohnt. Sie ist ja verf\u00fcgbar. Mobilit\u00e4t bedeutet ihm nicht Freiheit, sondern ist ein Faktor von Unfreiheit. Und das obwohl \u2013 oder gerade weil \u2013 er uns permanent reisen sieht.<\/p>\n<p>Freiheit bedeutet f\u00fcr ihn eher: Zeit. F\u00fcr Familie, Freunde und Sozialleben. Und viel Zeit f\u00fcr solche \u00bbstatischen\u00ab Werte zu haben \u2013 da k\u00f6nnen wir ihm schwerlich widersprechen \u2013, erfordert ein gewisses Ma\u00df an Mobilit\u00e4tsverweigerung.<\/p>\n<p>Vielen Unternehmen macht die nachlassende Mobilit\u00e4t der jungen Generationen Sorgen. Angesichts des Fachkr\u00e4ftemangels scheint der Umstand, dass immer weniger Menschen f\u00fcr ihren Job umziehen w\u00fcrden, ein bedrohliches Szenario zu sein. Aber ist er das wirklich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nur die Medien wollen weismachen, dass Leute von jedem Ort aus arbeiten k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Einiges spricht dagegen, denn die Digitalisierung verschiebt die Rahmenbedingungen erfolgreichen Wirtschaftens l\u00e4ngst wieder hin zu kleineren Einheiten. Lokalisierung statt Globalisierung: Selbst per Definition globale Gesch\u00e4ftsmodelle setzen heute nicht mehr zwingend eine weltumspannende physische Pr\u00e4senz voraus. Von Kreativen und Wissensarbeitern, denen nach einhelliger Meinung der Arbeitsforscher die Zukunft geh\u00f6rt, ganz zu schweigen. Sie k\u00f6nnten zwar theoretisch von jedem Ort der Welt aus arbeiten, tun das in Wahrheit aber viel seltener, als die Medien es uns weismachen wollen. \u00bbRemote\u00ab (das hei\u00dft, nicht in unmittelbarer N\u00e4he befindlich, aber miteinander verbunden) arbeiten zu k\u00f6nnen hei\u00dft in der Realit\u00e4t \u00f6fter Homeoffice als Mobileoffice. Und gerade das ergibt f\u00fcr viele Unternehmen durchaus Sinn, die global zwar von irgendwo aus geleitet werden, ihr Kerngesch\u00e4ft aber vielmehr an vielen Orten vor Ort machen. Selbst ein Unternehmen wie Airbnb, dessen Gesch\u00e4ftsmodell die Globalisierung der Lebensgestaltung auf die Spitze treibt, profitiert\u00a0von Menschen, die vor Ort verwurzelt sind. Die Gastgeber, die ihre Lebensorte vermieten, zeichnen sich gerade durch Lokalkolorit aus. Das ist ihr Beitrag zum Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unerl\u00e4sslich: Qualifizierte Mitarbeiter vor Ort<\/strong><\/p>\n<p>Auch Unternehmen, die auf der anderen Seite des Globus produzieren lassen, brauchen in erster Linie qualifizierte Mitarbeiter vor Ort an den Produktionsst\u00e4tten. Und auch im Handel geht der Trend zunehmend wieder zu regionalen Produkten, lokalem Design, zum Austausch auf Arml\u00e4nge. Von wo aus die Plattformen gesteuert werden, die diesen Handel organisieren, ist letztlich relativ egal: F\u00fcr den umweltbewussten Kunden spielt es eine Rolle, wo der Bauer sitzt, von dem er seine Lebensmittel kauft \u2013 nicht, wo die Software gepflegt wird, \u00fcber die die Transaktionen laufen. Die viel gepriesenen ultramobilen Talente der globalen Wirtschaft sind keineswegs am Aussterben. Doch sie sind eine Gruppe, deren Wirkungsradius sich zunehmend auf eine relativ hohe F\u00fchrungsebene beschr\u00e4nkt. In diesen Kreisen wird jener Form der Mobilit\u00e4t, die wir \u00bbVorankommen\u00ab nennen, seit jeher ein h\u00f6herer Wert einger\u00e4umt als statischen Werten. Jedenfalls f\u00fcr eine gewisse Spanne in der Lebenszeit.<\/p>\n<p>Doch immer mehr junge Menschen, insbesondere unter den \u00bbMillennials\u00ab, entscheiden sich ganz bewusst gegen die Priorit\u00e4t der Mobilit\u00e4t und f\u00fcr die Vorteile eines stetigeren Lebensstils.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum es lohnt, Mitarbeiter aufzubauen, die vor Ort bleiben wollen &#8211; im Gegensatz zu ultramobilen High Potentials<\/strong><\/p>\n<p>Sicher auch deshalb, weil ihnen die Demografen daf\u00fcr die Freigabe erteilt haben: In Zeiten, wo in fast allen Branchen qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte h\u00e4nderingend gesucht werden, gibt es keinen Grund mehr, anderswo m\u00fchsam neue Wurzeln schlagen zu m\u00fcssen, wenn man das nicht von sich aus m\u00f6chte. Letztlich hat das f\u00fcr die Unternehmen durchaus auch Vorteile. Einen ultramobilen High Potential h\u00e4lt es n\u00e4mlich nie lange an einem Ort. Ein Mitarbeiter dagegen, der vor Ort bleiben m\u00f6chte, ist emotional genauso an seinen Lebensort gebunden wie das Unternehmen, f\u00fcr das er arbeitet. Es lohnt sich, ihn aufzubauen, denn er wird mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Status, aber anders<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es ein Trugschluss, zu glauben, dass den jungen Generationen das Statusdenken vollkommen fremd w\u00e4re. Um Vielfliegermeilen m\u00f6gen sie sich nicht scheren, und das Auto mag f\u00fcr sie mehr Gebrauchsgegenstand sein als Objekt materieller Sehns\u00fcchte. Doch auch die Generationen Y und Z befriedigen ihre Statusgel\u00fcste durch eine Form der Mobilit\u00e4t, n\u00e4mlich die virtuelle. Nur sind sie eben nicht mehr stolz darauf, die Welt zu kennen wie ihre Westentasche, sondern darauf, sie sich umgekehrt in die Tasche stecken zu k\u00f6nnen. Vielen von ihnen gilt es als schick, sich so wenig wie m\u00f6glich statt so viel wie m\u00f6glich bewegen zu m\u00fcssen. Ihr Statussymbol ist das Smartphone, oder vielmehr: die mobilen L\u00f6sungen f\u00fcr alle Fragen der Lebensgestaltung, die es ihnen bietet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Smartphone wichtiger als aktuelles Automodell<\/strong><\/p>\n<p>Wie eine Umfrage der Markenberatung Prophet ergeben hat, ist f\u00fcr mehr als die H\u00e4lfte der Menschen von 18 bis 34 ein aktuelles Smartphone wichtiger als ein aktuelles Automodell. Sie fahren\u00a0lieber auf der Datenautobahn als auf der asphaltierten.<\/p>\n<p>Auch wenn unsere eigene Lebensgestaltung oft noch f\u00fcr das Gegenteil steht: Wir k\u00f6nnen durchaus nachvollziehen, warum diese Generation den Begriff der Mobilit\u00e4t neu definiert. Doch wir stellen auch die Frage, ob das eine gesunde Perspektive ist: zu glauben, man k\u00f6nne sich die Welt in die Tasche stecken. R\u00fcckt die Welt wirklich n\u00e4her an uns heran, oder entfernen wir uns mit abnehmender Mobilit\u00e4t wieder von ihr? Wir f\u00fcr unseren Teil m\u00f6chten nicht darauf verzichten, die Welt jeden Tag aufs Neue f\u00fcr uns zu erobern. Ganz physisch, Reisestrapazen hin oder her: F\u00fcr uns bedeutet Mobilit\u00e4t trotz aller Nachteile zuerst Freiheit, nicht Opfer. Und f\u00fcr die Arbeit zu reisen ist uns allemal lieber, als wegen der Arbeit nicht zum Reisen zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Von Freiheit keine Ahnung<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen m\u00f6glicherweise gar nicht, was wir an unserer selbstbestimmten Mobilit\u00e4t haben. Denn da sitzt, wie bei allen anderen Themen auch, der Relevanzkern: Sinnstiftend, produktiv und erf\u00fcllend ist auch Mobilit\u00e4t nur, wenn wir sie selbst kontrollieren k\u00f6nnen. Wenn wir in unserem Sinne, und \u00fcberhaupt irgendwie sinngetrieben, frei sind.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir unsere Grenzen wieder enger ziehen, um unsere Mobilit\u00e4t auf ein \u00bbertr\u00e4gliches\u00ab Ma\u00df zu begrenzen, gibt es mitten unter uns eine wachsende Zahl an Menschen, die schon zufrieden damit w\u00e4ren, in ihrem eigenen Land frei leben zu k\u00f6nnen. Ja, \u00fcberhaupt in ihrem Land leben zu k\u00f6nnen! Die Mobilit\u00e4t der Fl\u00fcchtlinge aus Kriegsgebieten hat mit Freiheit rein gar nichts zu tun, sondern mit schierer, menschenverachtender Unfreiheit. Sich ihre Schicksale zu vergegenw\u00e4rtigen, hei\u00dft \u00fcberhaupt erst zu begreifen, wie existenziell bedeutsam schon eine der banalsten aller Freiheiten ist: am selbst gew\u00e4hlten Ort leben zu d\u00fcrfen, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein.<\/p>\n<p>Fragen Sie mal einen Fl\u00fcchtling aus Syrien, ob geografische Mobilit\u00e4t f\u00fcr ihn etwas Erstrebenswertes ist. Basel Taifour zum Beispiel, der heute mit Dutzenden anderen auf engstem Raum in einem Asylbewerberheim im nordwestdeutschen Ganderkesee leben \u00bbdarf\u00ab, nachdem sein Haus im B\u00fcrgerkrieg zerbombt wurde. Er hat schlicht keine Heimat mehr, in die er zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte \u2013\u00a0weil dort der Tod an jeder Ecke lauert, oder die Einberufung ins Milit\u00e4r, was ungef\u00e4hr auf das Gleiche hinausl\u00e4uft. Mitten unter uns leben Menschen, deren Familien auf der Flucht auseinander gerissen wurden und quer \u00fcber Europa verstreut sind, wenn sie \u00fcberhaupt noch leben. F\u00fcr sie ist es schon Freiheit, wenn es kein Bombenalarm ist, der sie morgens weckt. Diese Menschen sind nicht freiwillig mobil geworden. Jede Lebensbewegung gegen den eigenen Willen ist Unfreiheit, ebenso wie jeder Schritt, den wir mit irgendeiner Art von Bedrohung im Nacken tun.<\/p>\n<p>Oder fragen Sie mal jemanden, der den Gro\u00dfteil seines Lebens unschuldig hinter Gittern sa\u00df, wie viel Mobilit\u00e4t er zum Leben br\u00e4uchte. Als die Richter zu Wiley Bridgeman und Ricky Jackson aus Cleveland\/Ohio sagten: \u00bbSie sind frei!\u00ab, war dieser Satz mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich uns l\u00e4ngst entzieht. Beinahe 40 Jahre haben die beiden im Gef\u00e4ngnis verbracht \u2013 f\u00fcr einen Mord, den sie nicht begangen hatten. Wir beide gingen noch in die Grundschule, als sie inhaftiert wurden. Vier Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung gab der Kronzeuge \u2013 damals ein Kind \u2013 zu, seine Aussage unter dem Druck der ermittelnden Polizisten erfunden zu haben.<\/p>\n<p>Und dann fragen Sie mal Ludwig L\u00fcbbers, wo Mobilit\u00e4t wirklich anf\u00e4ngt. Der Studienrat aus M\u00fcnster kam ohne H\u00e4nde, ohne Unterarme und mit nur einem Bein zur Welt. Er wurde drei, bis er gelernt hatte, auf seiner Prothese zu laufen. Mal eben Fu\u00dfball spielen mit den anderen Jungs \u2013 das gab es f\u00fcr ihn kaum. F\u00fcr viele Verrichtungen des t\u00e4glichen Lebens braucht er die Hilfe anderer Menschen, obwohl er ein umgebautes Auto fahren und seinen Beruf als Lehrer beinahe uneingeschr\u00e4nkt aus\u00fcben kann. \u00bbMobilit\u00e4t ist Freiheit f\u00fcr mich\u00ab, sagt er. Und pl\u00f6tzlich trauen wir uns gar nicht mehr, diesen Satz f\u00fcr uns in Anspruch zu nehmen, der uns so logisch erscheint, so selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Diese Menschen hatten keine Wahl. Sie hatten nicht das Gl\u00fcck, mit dem Komfort gesicherter Lebensumst\u00e4nde \u00fcber Themen wie Freiheit und Mobilit\u00e4t nachzudenken. Basel Taifour hat Mobilit\u00e4t\u00a0als Zwang erlebt. Wiley Bridgeman und Ricky Jackson die versagte Freiheit als seelische Folter. Ludwig L\u00fcbbers war unfreiwillig gezwungen, Mobilit\u00e4t zu seiner Lebenspriorit\u00e4t zu machen, um sich so frei f\u00fchlen zu k\u00f6nnen, wie es f\u00fcr alle anderen um ihn herum selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p>Ganz ehrlich: Von Freiheit, in ihrem urspr\u00fcnglichen, existenziellen Sinne, haben wir doch \u00fcberhaupt keine Ahnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf hohem Niveau unfrei<\/strong><\/p>\n<p>Was uns allerdings nicht daran hindert, \u00fcber die Freiheiten zu jammern, die uns fehlen \u2013 und gleichzeitig jovial anzuerkennen, dass ja alles viel schlimmer sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wir sind in Deutschland auf extrem hohem Niveau unfrei, das aber ganz eloquent. Wenn wir hinter unseren bequemen Schreibtischen, auf unseren Sofas oder hinterm Steuer unseres Dienstwagens an Freiheit denken, dann meinen wir damit Dinge wie den Urlaub an der Nordsee, eine sichere Rente und mehr Freizeit f\u00fcr unsere Hobbys. Gef\u00fchlt sind wir wahnsinnig unfrei, denn wir haben zu selten nichts zu tun.<\/p>\n<p>Eine merkw\u00fcrdige Definition von Freiheit ist das: \u00d6fter nichts zu tun haben zu wollen.<\/p>\n<p>Und eigentlich ist uns das auch klar, mehr oder weniger jedenfalls. Denn bevor wir ernsthaft anfangen, Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um freier zu werden, \u00fcberlegen wir es uns ganz schnell wieder anders. Machen Sie sich mal den Spa\u00df und konfrontieren Sie einen notorischen Jammerer mit seiner realen Freiheit: Wenn du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen, hast du alle Freiheiten. Dann schaltet sich ganz schnell ein anderes Programm hinzu: der Blick nach unten. \u00bbEs k\u00f6nnte ja alles viel schlimmer sein.\u00ab Wir sind nicht nur Meister im Jammern \u2013 wir sind auch Meister darin, uns unsere Unfreiheit sch\u00f6n zu reden.<\/p>\n<p>In Wahrheit ist es keine tats\u00e4chliche Unfreiheit, die uns runterzieht, sondern genau diese unfreie Haltung. Diese Mischung aus Akzeptanz und Jammern, die jedes Freiheitspotenzial im Keim erstickt und doch den Anspruch nicht aufgeben will, uns st\u00fcnde etwas Besseres zu.<\/p>\n<p>Gar nichts steht uns zu. Wir alle, hier in unseren sicheren Herkunftsl\u00e4ndern, haben genau die Freiheit, die wir uns nehmen. Und wenn wir sie uns nicht nehmen, weil wir die Konsequenzen scheuen, dann ist das niemand anderes Schuld als unsere eigene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00bbDie eigene Unfreiheit akzeptieren und dar\u00fcber jammern \u2013 das ist ein unfreiwilliges Eingest\u00e4ndnis der eigenen Beschr\u00e4nktheit.\u00ab (Carsten K. Rath)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Freiheit, die uns eigentlich fehlt, ist die F\u00e4higkeit, Verantwortung f\u00fcr unser Leben und unsere Entscheidungen zu \u00fcbernehmen. Aber die gibt es nicht ohne Schmerzen. Und so richten wir es uns in unserer Unfreiheit ein, denn das Ungewisse f\u00fcrchten wir mehr als die Unfreiheit.<\/p>\n<p>Ein Indiz daf\u00fcr, dass die freiesten aller B\u00fcrger am wenigsten mit ihrer Freiheit anzufangen wissen, ist das politische Klima, das derzeit in Deutschland herrscht. Und damit meinen wir nicht einmal die Tendenz der Freiheitsver\u00e4chter, am liebsten wieder Z\u00e4une um L\u00e4nder oder wenigstens Kontinente ziehen zu wollen. Sondern die sinkende Bereitschaft, sich auf die Konsequenzen der Meinungs- und\u00a0Wahlfreiheit einzulassen. Erst 1989 haben wir in diesem Land mit aller Leidenschaft f\u00fcr Freiheit demonstriert \u2013 und haben sie errungen. Und heute, noch im Morgengrauen des 21. Jahrhunderts, geht die H\u00e4lfte von uns aus lauter \u00dcberforderung an der Freiheit schon wieder nicht mehr w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Wir in Westeuropa m\u00fcssen uns in tiefem Ernst und ohne jeden Zynismus fragen lassen und auch selbst fragen: Haben wir unsere Freiheit verdient? Wie viel Freiheit vertragen wir denn eigentlich, bevor wir neue Mauern \u2013 physische und metaphorische \u2013 bauen wollen?<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen Zusammenhang der Politik und im Mikrokosmos der eigenen Lebensumst\u00e4nde: Zu viele Menschen in unserer freien Gesellschaft haben Angst vor der Freiheit. Nicht weil sie keine freien Menschen sein wollen \u2013 sondern weil sie vergessen haben, dass sie es schon sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Maximal frei im Radius von zehn Kilometern<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbMein Vater war der freieste Mensch, den ich kenne. Nicht weil er viel rum gekommen w\u00e4re im Leben. Vielmehr hat ihm ein Radius von etwa zehn Kilometern um den Mondsee im Salzkammergut f\u00fcr ein vollkommen erf\u00fclltes Leben gereicht. Doch innerhalb dieses Radius war er maximal frei, denn er hat sich nie verbogen. Bis in die Konsequenz, unh\u00f6flich zu wirken, ist er sich treu geblieben, einen um den anderen Tag.\u00ab (Sabine H\u00fcbner)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lebensmotive: Welche Freiheit z\u00e4hlt f\u00fcr mich?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Schluss, den man daraus ziehen kann: Freiheit n\u00fctzt nichts, wenn wir nichts damit anzufangen wissen. Mit anderen Worten: wenn wir nicht wissen, welche Freiheiten f\u00fcr uns \u00fcberhaupt relevant sind und welche nicht.<\/p>\n<p>\u00bb<em>Freiheit bedeutet f\u00fcr mich, Ja zu sagen zu dem, was ich will. Und vor allem: Nein sagen zu k\u00f6nnen zu dem, was ich nicht will.\u00ab (Carsten K. Rath)<\/em><\/p>\n<p>Bei aller Skepsis vor neuen Grenzen: Dass wir uns mit der Freiheit so schwer tun, ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir sie im Rahmen unserer Lebensgestaltung nicht zu nutzen wissen. Freiheit n\u00fctzt uns offenbar nur, wenn sie uns hilft, Muster zu erkennen. In diesem Sinne kann Freiheit tats\u00e4chlich einer gesunden Abgrenzung dienen: Als Werkzeug der Unterscheidung, was wir im Leben brauchen und was nicht, wozu wir Ja sagen wollen und wozu wir Nein sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sr. Maria Laetitia hat genau das getan: Sie hat Nein gesagt, indem sie sich gegen den Wettlauf entschied, den die Allverf\u00fcgbarkeit der Welt uns beschert hat. Die Freiheit, die sie braucht, beschr\u00e4nkt sich auf die Mauern des Klosters, in denen ihre Seele und ihr Kopf ganz allein ihr geh\u00f6ren, ihr und Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jeder hat seine eigenen Lebensmotive<\/strong><\/p>\n<p>Jeder Mensch hat seine eigenen Lebensmotive. Deshalb braucht jeder von uns andere Freiheiten, um diesen Motiven folgen zu k\u00f6nnen. Unfrei sein, das hei\u00dft: gegen diese Motive zu arbeiten, gegen das eigene Naturell. Viele Menschen, die sich als unfrei bezeichnen, tun das, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zum Beispiel durch die Beziehungen, die sie w\u00e4hlen, wie etwa Claudia und Christoph, ein ehemaliges Paar, das wir kennen. Christophs oberstes Lebensmotiv ist und war immer ein Familienleben mit Kindern. Claudias oberstes Lebensmotiv war die Karriere. Die Beziehung der beiden ist an diesen unterschiedlichen Relevanzkriterien gescheitert.<\/p>\n<p>Wie konnte das blo\u00df passieren \u2013 dass eine solche Diskrepanz in den Lebensmotiven \u00fcber viele Jahre verborgen blieb? Die Antwort ist einmal mehr: Die beiden hatten es sich in ihrer Unfreiheit eingerichtet \u2013 aus Angst vor den Konsequenzen der Freiheit. Die Beziehung hatte beide unfrei gemacht, ohne dass sie es gemerkt hatten. Anfangs hatte Christoph es noch als Scherz abgetan, wenn Claudia sagte: \u00bbLass uns n\u00e4chstes Jahr wieder \u00fcber Kinder sprechen.\u00ab Aus dem Jahr wurden zwei, dann f\u00fcnf, dann acht. Irgendwo unterwegs hatte Christoph eigentlich verstanden, dass Claudia keine Kinder wollte, obwohl sie es nicht aussprach. Trotzdem hielt er an ihr fest, denn er liebte sie. Er entschied sich, mehr unbewusst als klaren Kopfes, f\u00fcr die Beziehung \u2013 und gegen sein Naturell. Weil die Trennung ihm keine Alternative zu sein schien.<\/p>\n<p>Wenn wir an entscheidenden Gabelungen im Leben Kompromisse machen, geben wir Freiheit auf. Freiheit ist, unseren Lebensmotiven zu folgen. Gegen unser Naturell zu arbeiten, macht uns unfrei. Im Leben eignen wir uns oft Dinge an, von denen wir glauben, wir h\u00e4tten sie selbst entschieden beziehungsweise gew\u00e4hlt. In Wahrheit handelt es sich dabei um externe Motivationsfaktoren die mit unseren Lebensmotiven m\u00f6glicherweise gar nicht konform gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00bbMit 28 habe ich an einem Seminar \u00fcber Erfolgsplanung teilgenommen. Damals habe ich eine\u00a0Woche lang unter Aufbietung all meiner Fantasie und entlang teils abstrusester \u00dcbungsroutinen\u00a0aufgeschrieben, was ich im Leben so alles vor zu haben glaubte. 20 Jahre sp\u00e4ter fand ich diesen\u00a0Ordner zuf\u00e4llig w\u00e4hrend eines Umzugs wieder und stellte fest: Nichts, aber auch gar nichts davon\u00a0war eingetreten. All diese Ziele waren n\u00e4mlich nicht meine gewesen. Vielmehr hatte ich aufgeschrieben, was man damals von mir erwartete. Die vermeintlichen Erfolgsmotive waren fremdgesteuert. \u00ab (Sabine H\u00fcbner)<\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind oft ganz andere Dinge f\u00fcr uns relevant, als wir glauben \u2013 oder man uns glauben macht.<\/p>\n<p><em>\u00bbWie viele Menschen sind schon mit v\u00f6llig \u00fcberzogenen Erwartungen aus \u00bbTschakka\u00ab-Seminaren herausgekommen, die sie dann nie erf\u00fcllen konnten? Wie viele Menschen haben der Motivationswahn und die Benchmarking-Sucht ungl\u00fccklicher gemacht, als sie ohne all das je geworden w\u00e4ren?\u00ab (Carsten K. Rath)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeit verlieren mit den Gl\u00fccksideen anderer<\/strong><\/p>\n<p>Bestimmte Lebensmotive, sagen Forscher, sind wahrscheinlich sogar angeboren \u2013 doch wir entdecken sie oft erst sehr sp\u00e4t. Bis dahin ist es leicht, viel Zeit zu verlieren mit den Gl\u00fccksideen anderer. Und mit Vors\u00e4tzen, gefasst im Verlangen, einem Ziel zu dienen, das greifbarer ist als die Freiheit des Suchenden. Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen kann nur sein, dass wir unsere Freiheiten maximal nutzen sollten, um unseren Lebensmotiven den Weg zu bahnen. Indem wir nicht aufh\u00f6ren, zu experimentieren, und uns dagegen wehren, uns zu fr\u00fch festzulegen. Wenn die Relevanzexpedition mit fremdgesteuerten Motiven endet, fristen wir unser Leben in einer Sackgasse der Unfreiheit. Die Freiheiten nutzen, das hei\u00dft: nie die Freiheit aufgeben, die eigenen Motive zu hinterfragen. Die entscheidenden Freiheitsmomente sind oft eben nicht die, wo wir Ja sagen. Sondern die, wo wir Nein sagen zu Motiven, die nicht unsere eigenen sind. Nein sagen ist Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Freiheit, eine Illusion der Mobilen?<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbIn gewisser Weise ist die Freiheit der Entscheidung eine Illusion\u00ab, sagt Heiko Steffens vom Institut f\u00fcr Berufliche Bildung und Arbeitslehre an der TU Berlin. Und meint damit, auch wenn der Forscher selbst es wohl nicht so nennen w\u00fcrde, die soziale Verschleierung der Lebensmotive. Die Entscheidungen, die wir treffen, sind in hohem Ma\u00dfe sozial gepr\u00e4gt, erkl\u00e4rt er sein Urteil. Elternhaus, Beruf der Eltern, Bildungshintergrund, Lebensstil des Freundeskreises \u2013 all diese Dinge wirken sich auf unsere eigenen Entscheidungen aus.<\/p>\n<p>An jeder Gabelung in der Lebensgestaltung haben wir die Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit. Der Schluss liegt nahe: Beh\u00fctete Kinder aus konservativen Elternh\u00e4usern werden sich eher f\u00fcr die Sicherheit entscheiden, ihren Lebenslauf am Rei\u00dfbrett entwerfen und durchziehen. Die Kinder von Lebensk\u00fcnstlern, die in einer bunten sozialen Umgebung aufwachsen, eher f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<p>Oft, es wurde bereits erw\u00e4hnt, ist es allerdings auch genau umgekehrt. Denn zu viel Sicherheit kann auch Sehnsucht nach Freiheit wecken. Und zu viel Freiheit den Wunsch nach Sicherheit. Wie im Werbespot, wo das Kind von Hippies zu seinen Eltern sagt: \u00bbWenn ich gro\u00df bin, will ich auch mal Spie\u00dfer werden.\u00ab<\/p>\n<p>Der Entscheidungsforscher Ulrich Hoffrage aus Lausanne schl\u00e4gt vor, dass wir uns an den Gabelungen die Frage nach der Motivation f\u00fcr eine Entscheidung stellen: \u00bbW\u00fcrde ich es nur deshalb tun, weil es mir n\u00fctzt oder vor anderen besser aussieht, oder tue ich es um der Sache selbst willen?\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fremdsteuerung \u00fcberwinden &#8211; der eigenen Lebensmotive bewusst werden<\/strong><\/p>\n<p>Das funktioniert, wenn wir uns der eigenen Lebensmotive bewusst sind \u2013 aber nicht, wenn wir die Fremdsteuerung noch nicht \u00fcberwunden haben.<\/p>\n<p>Einfach das andere tun, immer \u00bbdas Andere\u00ab, w\u00e4re eine nahe liegende L\u00f6sung. Das, was keiner erwartet. Doch wie frei ist eine Entscheidung, die nur um der Wirkung willen getroffen wird? Ist sie nicht genauso pr\u00e4tenti\u00f6s wie eine Entscheidung aus Statusgr\u00fcnden? Ein Leben f\u00fcr die Bestandswahrung oder ein Leben f\u00fcr die Flucht vor der \u00bbNormalit\u00e4t\u00ab \u2013 beide Antworten blenden den individuellen Antrieb aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00bbMein Stiefvater meidet Autobahnen, weil er sich dort nicht sicher f\u00fchlt, und f\u00e4hrt lieber Landstra\u00dfe. Macht ihn das unfrei? Ich finde: Auch wer sich f\u00fcr Sicherheit entscheidet, hat auf seine Weise frei entschieden.\u00ab (Carsten K. Rath)<\/em><\/p>\n<p>Best\u00e4ndigkeit auf hohem Niveau kann manchem ein erf\u00fcllteres Leben bescheren als Freiheit um jeden Preis. Auf \u00bbSicherheitsmenschen\u00ab hinunterzuschauen ist genauso naiv, wie zu jedem \u00bbFreiheitsmenschen\u00ab, der sich f\u00fcr einen Eroberer h\u00e4lt, hinaufzuschauen. Freiheit ist nichts ohne Verantwortung. Und Sicherheit ist nichts ohne Empathie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine Gesellschaft nur aus Gener\u00e4len kann nicht funktionieren<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich werden wir Entscheidungen nie wirklich unbeeinflusst treffen \u2013 diese Forderung ist unrealistisch. Wir alle sind eingebunden in Verbindlichkeiten, in soziale Netzwerke jenseits des Netzes, in existenzielle Notwendigkeiten. Mobilit\u00e4t hat nat\u00fcrliche Grenzen \u2013 und die R\u00fcckbesinnung der Millennials auf konservative Werte zeigt, dass die grenzenlose Verf\u00fcgbarkeit der Welt allein uns nicht automatisch gl\u00fccklich macht. Wir werden nicht zufriedener und auch nicht erfolgreicher dadurch, dass wir die Erweiterung des eigenen Radius erzwingen. Wir m\u00fcssen nicht zufrieden sein mit dem, was wir haben. Stillstand ist t\u00f6dlich, ist es immer gewesen. Doch wir sollten auch den Sinn von Freiheiten hinterfragen. Wir k\u00f6nnen nicht alles k\u00f6nnen, und wir sind nicht alle als Eroberer geboren. Eine Gesellschaft, die nur aus Gener\u00e4len besteht, kann nicht funktionieren.<\/p>\n<p>Wenn alles geht und jede Entscheidung mindestens theoretisch gelebt werden kann, ist die gr\u00f6\u00dfte Freiheit vielleicht die des Abw\u00e4hlens im fortlaufenden Prozess der Relevanzerprobung. Nein sagen k\u00f6nnen und weitergehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Weg hat der Entscheidungsforscher Hoffrage auch eine sehr praxisorientierte Entscheidungshilfe parat: \u00bbW\u00fcrde ich auch dann daf\u00fcr eintreten, wenn es mit pers\u00f6nlichen Opfern verbunden w\u00e4re?\u00ab Das scheint uns die Relevanzfrage der Freiheit zu sein:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbW\u00fcrde ich es trotzdem tun?\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Relevanz ist, wenn man bereit f\u00fcr den Schmerz ist. F\u00fcr vier Stunden im Schneegest\u00f6ber in Zell am See zum Beispiel, oder einen Abend am Flughafen bei Automatenkaffee und trockenen Br\u00f6tchen.<\/p>\n<p>Oder auch viel, viel Dramatischeres \u2013 eine gescheiterte Karriere etwa, oder die sp\u00e4te Einsicht eines verpassten Lebens. Freiheit hat immer Konsequenzen \u2013 bin ich bereit, sie zu tragen? Sr. Maria Laetitia hat diese Frage f\u00fcr sich mit Ja beantwortet. Sie hat Freiheiten wie die Mobilit\u00e4t aufgegeben, um Freiheit im Geiste zu gewinnen. Nach einem reibungsreichen Entscheidungsprozess. Sie hat erst durch den Zweifel erkannt, was f\u00fcr sie wirklich relevant ist.<\/p>\n<p>Relevant ist etwas, wenn wir zweifeln und trotzdem Ja sagen. Und wenn wir Relevanz entdeckt haben, dann erh\u00f6ht das automatisch unseren Freiheitsgrad. Auch dann, wenn es f\u00fcr andere nach Unfreiheit aussehen mag. Nur dann sind wir tats\u00e4chlich: unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Mobilit\u00e4tspioniere und ihre\u00a0Entscheidungsfragen<\/p>\n<p>Was, wenn sie doch eine Scheibe ist?<\/p>\n<p>Trotzdem losgesegelt: Ferdinand Magellan, der erste Mensch, der die Weltumsegelung versuchte<\/p>\n<p>Reichen Fl\u00fcgel dem Menschen, um liegen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Trotzdem gelogen: Otto Lilienthal, erster Mensch, dem der Gleitflug gelang<\/p>\n<p>Kann man im vierten Anlauf erfolgreich werden?<\/p>\n<p>Trotzdem gegr\u00fcndet: Max Levchin, der nach drei gescheiterten Unternehmensgr\u00fcndungen ein weiteres, und zwar PayPal, gr\u00fcndete<\/p>\n<p>Werden sie sich in eine Kutsche ohne Pferde setzen?<\/p>\n<p>Trotzdem ans Gesch\u00e4ftsmodell geglaubt: Carl Benz, Erfinder des Automobils<\/p>\n<p>Kann man als gescheiterter Gesch\u00e4ftsmann und Politiker amerikanischer Pr\u00e4sident werden?<\/p>\n<p>Trotzdem kandidiert: Abraham Lincoln, der sich zuvor f\u00fcnfmal vergeblich auf politische \u00c4mter beworben hatte und auch als Unternehmer pleite gegangen war<\/p>\n<p>Was, wenn ich einfach oben bleibe?<\/p>\n<p>Trotzdem ins All gelogen: Juri Gagarin, erster Mensch im Weltall<\/p>\n<p>Sind wir wirklich bereit?<\/p>\n<p>Trotz Absturz eines Mitarbeiters mit Todesfolge an seiner Raumfahrtmission festgehalten: Richard Branson, Gr\u00fcnder von Virgin Galactic<\/p>\n<p>Wird es wehtun, wenn der Fallschirm nicht aufgehen sollte?<\/p>\n<p>Trotzdem gesprungen: Felix Baumgartner, der erste Mensch, der freiwillig aus der Stratosph\u00e4re fiel (und \u00fcberlebte)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug aus &#8222;Das Leben. 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