{"id":661724,"date":"2016-07-03T02:13:04","date_gmt":"2016-07-03T00:13:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=661724"},"modified":"2016-07-03T16:17:06","modified_gmt":"2016-07-03T14:17:06","slug":"buchauszug-katharina-muenks-glaenzende-geschaefte-eine-wirtschaftssatire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/07\/03\/buchauszug-katharina-muenks-glaenzende-geschaefte-eine-wirtschaftssatire\/","title":{"rendered":"Buchauszug: Katharina M\u00fcnks &#8222;Gl\u00e4nzende Gesch\u00e4fte&#8220; &#8211; eine Wirtschaftssatire"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug aus \u00a0&#8222;Gl\u00e4nzende Gesch\u00e4fte&#8220; &#8211; &#8222;eine Wirtschaftssatire, in der \u00c4hnlichkeiten mit lebenden Personen nicht g\u00e4nzlich ausgeschlossen sind&#8220; wie die Autorin\u00a0Katharina M\u00fcnk schreibt. Und w<\/strong><strong>enn eine der Romanfiguren Kesch hei\u00dft oder es um eine Graf-von-Sallewitz-Privatbank geht, k\u00f6nnte es sein, dass ihre Romanvorlage in einer Traditionsbank in K\u00f6ln spielt.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Katharina M\u00fcnk ist nur ein Pseudonym, hinter ihr steckt <a href=\"http:\/\/www.kmesc.de\/index.php\/katharina-muenk\">Petra Balzer<\/a>, die im wahren Leben nicht nur B\u00fccher schreibt, sondern auch als Coach arbeitet.\u00a0\u00a0<a href=\"http:\/\/www.kmesc.de\/index.php\/katharina-muenk\">http:\/\/www.kmesc.de\/index.php\/katharina-muenk<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_661731\" style=\"width: 175px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-661731\" class=\"size-full wp-image-661731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/06\/muenk.jpg\" alt=\"Katharina M\u00fcnk, Autorin\" width=\"165\" height=\"250\" \/><p id=\"caption-attachment-661731\" class=\"wp-caption-text\">Katharina M\u00fcnk, Autorin<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Bankgespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p>Die Bank war auf den ersten Blick nicht das, was Kellermann sich wohl erhofft hatte. F\u00fcr L\u00f6hring hatte sie das, wozu er selbst, offen zugegeben, nie f\u00e4hig sein w\u00fcrde: Unauff\u00e4lligkeit. Von ihrer st\u00e4rksten Seite. Es handelte sich um einen schlichten, grauen Nachkriegsbau wie er typisch f\u00fcr Innenstadtbereiche sein konnte, sehr wuchtig und nat\u00fcrlich mehrgeschossig, aber eben doch g\u00e4nzlich ohne das, was man sich unter Tradition und Noblesse vorstellen mochte.<\/p>\n<p>Kurzum: Sie sah aus wie die Hauptverwaltung einer mittelgro\u00dfen Krankenkasse. Sobald L\u00f6hring und Kellermann jedoch den gl\u00e4sernen Eingang passiert hatten, begann die Zeitreise. Klimatisiert.<\/p>\n<p>Ein fast regungsloser Pf\u00f6rtner sa\u00df in blauer Uniform hinter einem modernen schwarzen Tresen, als sei er selbst Bestandteil des Bildes hinter ihm, das wiederum einen etwas unnahbaren Ahnen mit langen Koteletten zeigte, in schwarzem Anzug vor rotem Vorhang und in der Hand ein Buch, in das er aber nicht blickte. Es hatte etwas Erhabenes, und L\u00f6hring genoss den Eindruck jedes Mal, wenn er aus dem hektischen Innenstadtbetrieb heraus in diese Ruhe kam. So musste sich ein auszuwildernder L\u00f6we f\u00fchlen, den man in sein Reservat zur\u00fcck brachte. Der Pf\u00f6rtner telefonierte.<\/p>\n<p>\u201eGraf-von-Sallewitz-Privatbank \u2013 pers\u00f6nlich haftende Gesellschafter seit 1812\u201c \u2013 Kellermann strich derweil \u00fcber die Kupferplatte am Eingang. \u201eAlter Schwede. Die Jungs hier scheinen ja zu wissen, was sie tun. Wie ist Ihr Kumpel Edgar denn ausgerechnet auf die gekommen als Partner?\u201c<\/p>\n<p>\u201eTradition, Kellermann, Tradition.\u201c L\u00f6hring hauchte es dahin wie ein Code-Wort, leise und um Unauff\u00e4lligkeit bem\u00fcht. \u201eDas finden Sie heute nicht mehr an jeder Stra\u00dfenecke, Kellermann. Die haben triple A rating, sage ich Ihnen, als Privatbank! Wo gibt\u2019s das schon heute noch in der Bankenlandschaft? Und strukturell sehr \u00fcberschaubar. Bleibt alles in der Familie, Sie verstehen.\u201c L\u00f6hring zog Kellermann am \u00c4rmel zur Seite: \u201eUnd noch etwas: Wir werden uns jetzt duzen m\u00fcssen, vergessen Sie das nicht.\u201c<\/p>\n<p>Kellermann machte zwei entschiedene Schritte zur Seite. \u201eNie und nimmer werde ich Sie duzen, L\u00f6hring. Nicht Sie. Sie nicht. Ich habe Sie zwar heulend und winselnd auf der JVA-Transporter-R\u00fcckbank erlebt, aber das will noch gar nichts hei\u00dfen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie das mit der R\u00fcckbank jemandem erz\u00e4hlen, garantiere ich&#8230;.\u201c, zischte ihm L\u00f6hring ins Ohr.<\/p>\n<p>Doch Kellermann hatte sich bereits wieder abgewandt. Er ging auf den Pf\u00f6rtner zu, streckte seinen Zeigefinger in dessen Richtung aus, sagte \u201eBum\u201c und dann \u201eGeld oder Leben!\u201c Der Mann guckte. Doch dann erhellte sich seine Miene schlagartig, die Stimmung wurde lockerer, und in ihm schien echte Freude aufzukommen \u00fcber einen Kunden, der endlich einmal wirklich nett war und einen individuellen Zugang zu den Menschen suchte. Der Pf\u00f6rtner stand auf wie befreit und begleitete die G\u00e4ste,\u00a0 dann doch um W\u00fcrde bem\u00fcht, zum Aufzug, w\u00e4hrend ein Pf\u00f6rtnerkollege aus dem Nichts auftauchte, wie geklont, und sofort den leeren Platz einnahm.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der gl\u00e4serne Aufzug an den Gem\u00e4lden vorbei nach oben schwebte, sah Kellermann an L\u00f6hring herunter: \u201eSie haben ja gar nichts dabei so an Papieren.\u201c<\/p>\n<p>L\u00f6hring l\u00e4chelte den mitschwebenden Pf\u00f6rtner an: \u201eJe h\u00f6her die Hierarchieebene, lieber Kesch, desto leichter das Gep\u00e4ck.\u201c<\/p>\n<p>Sie verlie\u00dfen den Aufzug im f\u00fcnften Stock und wurden vom Etagenpf\u00f6rtner in ein kleines, dunkles Speisezimmer gef\u00fchrt, das bereits komplett f\u00fcr ein Mittagessen eingedeckt war. Man solle doch Platz nehmen. Die Herren k\u00e4men gleich. Kellermann schritt voran, und erst von hinten bemerkte L\u00f6hring, dass ihm der Anzug, den er trug, viel zu eng war. Es sah schrecklich aus. Es war nicht nur diese Bulettenhaftigkeit an Kellermann, noch war es die finale Erkenntnis, dass nichts, aber auch rein gar nichts an ihm jemals dynamisch aussehen w\u00fcrde. Nein, es war vielmehr die Tatsache, dass der Revolver, den Kellermann immer noch bei sich trug, unterm Stoff erahnbar. L\u00f6hring hatte versucht, ihm die Waffe zumindest f\u00fcr diesen Bankentermin auszureden. Doch Kellermann hatte abgelehnt. Dieses Teil sei schlie\u00dflich die Eintrittskarte zur\u00fcck in sein altes Leben. L\u00f6hring solle sich seiner Sache, verdammt noch mal, nicht so sicher sind.<\/p>\n<p>Genau genommen, war sich L\u00f6hring seiner Sache auch noch nicht hundertprozentig sicher. Doch eines war ihm klar: Wenn an diesem Ort, mit diesen Leuten und zu diesem Zeitpunkt Kellermann als Kesch durchging, wenn sich also ein tumber Ex-Knacki mit Waffe unterm Sakko zum Termin mit einem autistischen Erdbeerz\u00fcchter traf und die Bank trotzdem Geld pumpte, w\u00fcrde alles m\u00f6glich sein, dachte L\u00f6hring. Alles. Kellermann drehte sich zu L\u00f6hring um, und in diesem Moment schienen beide genau das zu denken.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-661732\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/06\/cover.muenk_.glaenzende_geschaefte-9783423249881.jpg\" alt=\"cover.muenk.glaenzende_geschaefte-9783423249881\" width=\"163\" height=\"253\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Katharina M\u00fcnk: Gl\u00e4nzende Gesch\u00e4fte, dtv, 272 Seiten, 8,95 Euro:\u00a0<\/strong><strong><a href=\"http:\/\/www.dtv.de\/buecher\/glaenzende_geschaefte_24988.html\">http:\/\/www.dtv.de\/buecher\/glaenzende_geschaefte_24988.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Die schweren Vorh\u00e4nge im Raum nahmen auch aufgezogen noch viel Licht weg, und die dezenten Wandleuchten, die einen Lichtkegel nach oben warfen, waren wohl auch bei Sonnenschein stets im Einsatz. L\u00f6hring hatte es nie anders erlebt. \u201eMeet and eat. Sehr sch\u00f6n.\u201c Er kannte diesen Raum und wusste, dass Friedrich Mollow die Erstgepr\u00e4che mit Kunden, die f\u00fcr die Bank als lukrativ erachtet wurden, stets hier im Rahmen eines Mittagessens stattfinden lie\u00df, so dass diese den Eindruck hatten, die Bank h\u00e4tte die letzten zweihundert Jahre nichts anderes getan, als auf sie ganz pers\u00f6nlich zu warten und endlich mal ordentlich zu essen. Seinen Risikomanager und Mitgesellschafter, Viktor Curlack, hatte Mollow dennoch immer dabei.<\/p>\n<p>Kellermanns Brillengl\u00e4ser verloren langsam wieder ihre T\u00f6nung und gew\u00e4hrten Sicht auf die Augen, die im Raum umher zuckten und keinen Fixpunkt zu finden schienen. Man kam sich tats\u00e4chlich ein wenig vor, wie aus der Zeit gefallen: Das kleine Speisezimmer war nicht klimatisiert, und es hing eine antike Mischung aus Leder, altem Papier, Zigarrenrauch und Aftershave in der Luft. Kein Luftzug dieser Welt w\u00fcrde dagegen ankommen. Aber nun sa\u00dfen sie ja hier. Kellermann hob einen der Teller an und kippte ihn, bis er das Sallewitz-Wappen am Boden sehen konnte. Er erschrak fast dar\u00fcber, stellte ihn abrupt wieder ab und lehnte sich zu L\u00f6hring her\u00fcber: \u201ePst. Wissen Sie was?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df eine Menge. Fragen Sie nur.\u201c L\u00f6hring sp\u00fclte eine seiner Pillen mit einem Glas Wasser hinunter.<\/p>\n<p>\u201eDas glaubt einem ja keiner. Junge, Junge. Also, wenn ich jetzt ein Buch \u00fcber all das hier schreiben w\u00fcrde&#8230;.\u201c<\/p>\n<p>L\u00f6hring unterbrach ihn: \u201eSie nicht, Kellermann. Sie werden das h\u00fcbsch bleiben lassen.<\/p>\n<p>Wir sind hier nicht bei der Kreissparkasse in G\u00fctersloh, Kellermann. Die f\u00fcr Sie g\u00e4ngigen Realit\u00e4tsbegriffe greifen hier nicht, w\u00fcrde ich sagen.\u201c Oh Gott, es w\u00fcrde nie und nimmer gut gehen mit diesem Typen, dachte L\u00f6hring. Er konnte nun doch eine gewisse Anspannung vor diesem Termin nicht leugnen, musste wieder an seine Theorie des arrangierten High Conflict Management Trainings denken und begann, sich n\u00e4her umzusehen, tastete mit den Blicken jedes einzelne Kabel \u00fcber Putz ab, suchte kleine Linsen, versteckte Lichtquellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eOh, meine Herren, nun gucken Sie doch nicht so skeptisch!\u201c<\/p>\n<p>Mollow und Curlack hatten sich mit der P\u00fcnktlichkeit preu\u00dfischer G\u00fcterz\u00fcge nebeneinander in den Raum geschoben und trieben den schmalen Winter vor sich her. Man begr\u00fc\u00dfte sich \u00fcberschw\u00e4nglich, und L\u00f6hring h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass Kameras dabei waren.<\/p>\n<p>\u201eDann w\u00e4ren wir ja schon komplett. Herr Winter, nehmen Sie doch Platz. M\u00f6gen Sie etwas trinken?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir kommen alle aus dem Wasser.\u201c Winter stellte Tablet PC und Aktenkoffer an einem Stuhl ab, ging ans Fenster, nahm ein kleines Kofferradio aus seinem Sakko und stellte es vor sich ab.<\/p>\n<p>\u201eJa, aus dem Wasser also. Wie wahr. Sehr sch\u00f6n.\u201c Friedrich Mollow hatte etwas Churchillhaftes an sich, dieselbe Bulligkeit und Beh\u00e4bigkeit bei jedem Gesichtsausdruck und bei jeder Bewegung. Er w\u00fcrde sich gut mit Kellermann verstehen, so wie er sich stets sehr gut mit Kesch verstanden hatte, dachte L\u00f6hring. Genau genommen, war Mollow ja auch kein echter Sallewitz. Er hatte nur die Erbin mit den gr\u00f6\u00dften Bankanteilen geehelicht und war selbst eher der Typ verarmter Landadel. Doch immerhin hatte er durch seinen geschickten Expansionskurs die Bilanzsumme des Hauses mittlerweile nahezu verf\u00fcnffacht, und so konnte er wohl mit Recht behaupten, dass ihm das \u201eBanktotainment\u201c, wie er es scherzenderweise zu nennen pflegte, in den Genen l\u00e4ge.<\/p>\n<p>Und\u00a0 jetzt wirbelte der Banker erst einmal wie aufgezogen durch den Raum, dass sein doppelgeschlitztes Sakko \u00fcber dem Ges\u00e4\u00df schwungvolll aufwippte und den lila Futterstoff\u00a0 hervorblitzen lie\u00df. Sein Blick blieb irritiert an Winters Transistorradio h\u00e4ngen. \u201eEiner meiner Ticks\u201c, erl\u00e4uterte Winter. Mollow l\u00e4chelte verst\u00e4ndnisvoll. Wahrscheinlich hatte er selbst auch seine Ticks, f\u00fcr die schon l\u00e4ngst kein Transistorradio mehr reichte.<\/p>\n<p>L\u00f6hring mochte Mollow und Curlack. Man konnte nicht gerade behaupten, dass sie drahtig und blitzschnell gewesen w\u00e4ren, oder gar smart im intellektuellen Sinne, Typen, bei denen jedes Wort sa\u00df und einen \u201ecloser to the deal\u201c brachte. Nein, Mollow und Curlack waren das wohltuende Gegenteil: Old School, fast schon barock, mit weit geschnittenen, ausgew\u00e4hlt feinen Doppelreihern, breit gearbeitete Revers mit ausladenden spitzen Ecken, entschlossen breite Nadelstreifen, komme da was wolle, gl\u00e4nzende Kn\u00f6pfe und kecke Einsteckt\u00fccher. Die letzten Bewahrer von Stil und Haltung. Hier sprach man deutsch. Dass sie\u00a0 jemals, allein aus optischen Gesichtspunkten, einen wie Kesch mit ins Gesch\u00e4ft geholt hatten, war erstaunlich, dachte L\u00f6hring.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft bestand aus einer einzigen S\u00e4ule: anspruchsvollen Privatkunden den Zugang zu interessanten internationalen Investitionen zu erm\u00f6glichen. Hier gab es noch richtiger Gesichter, einen Handschlag und vor allem Diskretion. Man verstand sich sozusagen als Verm\u00f6gens-Kurator. Und man besa\u00df dabei einen hoch entwickelten Instinkt f\u00fcr das Annehmliche, das eben nicht unmittelbar mit dem Deal zu tun hatte, aber sehr wohl doch irgendwann darauf hinauslaufen w\u00fcrde, ganz nonchalant, fast schon schwebend. Man merkte das nicht als Kunde &#8211; sofern man mit einem Verm\u00f6gen von mindestens einer Million \u00fcber der Wahrnehmungsgrenze lag. Es wurde einem warm ums Herz, und der erste Drink bei von Sallenwitz hatte immer etwas von einem Glas warmer Milch frisch vom Bauernhof. Ausgebuffte Hunde, dachte L\u00f6hring durchaus anerkennend. Damit waren sie zweihundert Jahre lang gut gefahren. Es musste funktionieren. Die Menschen \u00e4nderten sich nicht.<\/p>\n<p>Curlack dagegen stand das Risikomanagement ins durchfurchte Gesicht geschrieben. Seine dunklen Augenbrauen waren wohl irgendwann weiter oben auf der Stirn stehen geblieben, um sich nicht permanent neu daran hochziehen zu m\u00fcssen. Er trug seine Nackenhaare ungewohnt lang, vielleicht ein letzter Rest von Selbstbehauptung oder einfach nur Resultat der Annahme, dass seine Haare, einmal abgeschnitten, wohl nie wieder aus eigener Kraft diese L\u00e4nge erreichen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Bei aller Vertrautheit hatte L\u00f6hring bei der Begr\u00fc\u00dfung sehr wohl mitbekommen, dass die Blicke der Banker etwas l\u00e4nger an Kesch h\u00e4ngen geblieben waren, als wolle man sich seines ordnungsgem\u00e4\u00dfen Zustands versichern. L\u00f6hring w\u00fcrde Kellermann wohl oder \u00fcbel unabl\u00e4ssig im Auge behalten, unter dem Tisch in Trittn\u00e4he bleiben m\u00fcssen, ohne dass es auffiel. Er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen oder getrunken, damit er nicht zum Pinkeln raus musste. Immerhin schien es f\u00fcr Mollow und Curlack selbstverst\u00e4ndlich oder doch zumindest einleuchtend zu sein, dachte L\u00f6hring, dass er selbst, als halbwegs unabh\u00e4ngiger Beteiligungsmanager, bei der Einwerbung von Kapital f\u00fcr das bereits dargelegte Venture Capital Projekt mit von der Partie war \u2013 selbst wenn man Winters Unternehmung eher in der Sallewitz-Kesch-Holding beheimatet sah.<\/p>\n<p>Genau genommen gab es in diesem Fall keinen offiziellen Anlass, sich \u00fcberhaupt \u00fcber L\u00f6hrings Mitwirkung am Deal Gedanken zu machen. Doch in der Regel ergaben sich bei solchen Konstrukten Aufsichtsrats- oder sp\u00e4ter gar Vorstandspositionen in den zu finanzierenden Unternehmen, die man gern mit f\u00e4higen Managern des freien Marktes besetzte, mit Katalysatoren des Erfolgs und goldenem H\u00e4ndchen &#8211; erst Recht, wenn diese zugleich Kunden der Bank waren. Kurzum: einen wie L\u00f6hring eben.<\/p>\n<p>\u201eAuf Ihr Wohl und herzlich willkommen noch einmal.\u201c Mollows Aperitif war schnell hinunter gesp\u00fclt, und die Vorspeise lag bereits auf den Tellern: Krebse auf glasiertem Chicoree, so frisch und gl\u00e4nzend, als seien sie selbst hergekrochen. L\u00f6hring blickte sich diskret um, es musste tats\u00e4chlich noch so etwas wie einen Speiseaufzug hier geben. Musste er sich merken f\u00fcr zu Hause.<\/p>\n<p>Mollow schien den \u201eliquid Lunch\u201c sehr w\u00f6rtlich zu nehmen und hatte schon das n\u00e4chste Glas gehoben, ganz offensichtlich ein 2009er Erdener Treppchen Riesling: \u201eDann mal ran an den Braten, w\u00fcrde ich sagen.\u201c Es klang wie ein Tischgebet, und L\u00f6hring genoss es. Ausw\u00e4rtige Termine wie diesen um die Mittagszeit hatten stets etwas von Gro\u00dffamilie, nichts f\u00f6rderte das Gesch\u00e4ft mehr als das gemeinsame Essen und Trinken. Und nichts war schlimmer als eine einsame Wurst im Firmencasino. Zudem war eines sicher: Solange Kellermann den Mund voll hatte, w\u00fcrde er nichts sagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kellermann jedoch vermochte zwei Dinge auf einmal zu tun und hob noch kauenderweise sein Glas in Mollows Richtung, w\u00e4hrend seine linke Hand das Tischmesser der Hauptspeise hochhielt, als w\u00e4re es eine Standarte: \u201eZum Wohle allerseits. Na, wenigsten etwas, das hier noch fl\u00fcssig ist, was?\u201c<\/p>\n<p><strong>Lesehinweis: Interview mit Katharina M\u00fcnk: <a href=\"http:\/\/www.dtv.de\/special\/katharina_muenk_glaenzende_geschaefte\/interview\/1739\/\">http:\/\/www.dtv.de\/special\/katharina_muenk_glaenzende_geschaefte\/interview\/1739\/<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug aus \u00a0&#8222;Gl\u00e4nzende Gesch\u00e4fte&#8220; &#8211; &#8222;eine Wirtschaftssatire, in der \u00c4hnlichkeiten mit lebenden Personen nicht g\u00e4nzlich ausgeschlossen sind&#8220; wie die Autorin\u00a0Katharina M\u00fcnk schreibt. 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