{"id":660657,"date":"2016-03-19T02:40:21","date_gmt":"2016-03-19T01:40:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=660657"},"modified":"2016-03-19T02:40:21","modified_gmt":"2016-03-19T01:40:21","slug":"buchauszug-aus-katrine-marcals-machonomics-managerinnen-tragen-hosenanzuege-aber-manager-keine-bluemchenkleider","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/03\/19\/buchauszug-aus-katrine-marcals-machonomics-managerinnen-tragen-hosenanzuege-aber-manager-keine-bluemchenkleider\/","title":{"rendered":"Buchauszug aus Katrine Mar\u00e7als &#8222;Machonomics&#8220;: Managerinnen tragen Hosenanz\u00fcge, aber Manager keine Bl\u00fcmchenkleider"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><strong>Katrine Mar\u00e7al ist Chefkolumnistin der schwedischen Zeitung &#8222;Aftonbladet&#8220;, lebt in London und schreibt \u00fcber schwedische und internationale Politik, \u00d6konomie und Feminismus.\u00a0<\/strong><strong>In ihrem Buch beschreibt sie das Weltbild einer von M\u00e4nnern dominierten Macho-\u00d6konomie, das Frauen diskriminiert, weil sie nicht wie M\u00e4nner sind. Hier ein Kapitel aus ihrem Buch:<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_660660\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-660660\" class=\"size-full wp-image-660660\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/Marcal.Katrine_honorarfrei_A9Anna-LenaAhlstroem.jpg\" alt=\"Katrine Mar\u00e7al \u00a9 Anna-Lena Ahlstr\u00f6m\" width=\"450\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/Marcal.Katrine_honorarfrei_A9Anna-LenaAhlstroem.jpg 450w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/Marcal.Katrine_honorarfrei_A9Anna-LenaAhlstroem-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><p id=\"caption-attachment-660660\" class=\"wp-caption-text\">Katrine Mar\u00e7al \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a9 Anna-Lena Ahlstr\u00f6m<\/p><\/div>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88844\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88847\" class=\"yiv1925751077\">VIERZEHNTES KAPITEL<\/span><\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88866\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88865\" class=\"yiv1925751077\">In dem wir die ungeahnte Tiefgr\u00fcndigkeit und die \u00c4ngste des \u00f6konomischen Mannes kennenlernen<\/span><\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88868\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88867\" class=\"yiv1925751077\">Im f\u00fcnfzehnten und sechzehnten Jahrhundert vollzog sich in den westlichen L\u00e4ndern ein Sinneswandel, was das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Natur betraf. Das bis dato vorherrschende Weltbild, das den Menschen als Teil eines meist weiblichen, lebhaften und launenhaften Kosmos begriffen hatte, wich einer Vorstellung, in der die M\u00e4nner zu autonomen, objektiven Betrachtern wurden, die die Natur eroberten. Die Natur, die zuvor lebendig, in Bewegung und organisch (bisweilen auf erschreckende Weise) gewesen war, war mit einem Mal passiv, tot und schlie\u00dflich auch mechanisch.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Der Mann ist die Vernunft, die Frau das Gef\u00fchl<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88870\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88869\" class=\"yiv1925751077\">Der Mann wurde aus der Natur herausgel\u00f6st: Er war ein autonomes Individuum, das sich die Welt untertan machte. Die Frau war sein Gegenteil: Ihre Aufgabe war es, ihn an all das zu binden, was er hinter sich gelassen hatte \u2013 Abh\u00e4ngigkeit, Natur, K\u00f6rper, Leben.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88872\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88871\" class=\"yiv1925751077\">Er ist Vernunft, sie ist Gef\u00fchl. Er ist Bewusstsein, sie ist K\u00f6rper. Er ist autonom, sie ist abh\u00e4ngig. Er ist aktiv, sie ist passiv. Er ist egoistisch, sie ist altruistisch. Er ist hart, sie ist weich. Er ist berechnend, sie ist unberechenbar. Er ist rational, sie ist irrational. Er ist isoliert, sie ist mit allem verbunden. Er ist Wissenschaft, sie ist Magie.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">M\u00e4nner erkl\u00e4ren uns, es gebe Dinge, f\u00fcr die es sich zu sterben lohnt. Frauen erkl\u00e4ren uns, es gebe Dinge, f\u00fcr die es sich zu leben lohnt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Das ist die Rollenverteilung. Wie beim Standardtanzen. Und nat\u00fcrlich w\u00e4re es ganz wunderbar, wenn es nicht mehr w\u00e4re als \u2013 ein Tanz.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88874\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88873\" class=\"yiv1925751077\">Im Grunde spielt es kaum eine Rolle, wie Frauen und M\u00e4nner sich tats\u00e4chlich verhalten; eingefahrene Vorstellungen, denen wir mehr Beachtung als der Realit\u00e4t schenken, gibt es schlie\u00dflich noch und n\u00f6cher.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88876\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88875\" class=\"yiv1925751077\">Von der Frau wird erwartet, ihre Geschlechterrolle auszuf\u00fcllen. Das gilt zwar auch f\u00fcr den Mann, aber nicht im selben Aus\u00adma\u00df.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Managerinnen tragen Hosenanzug, aber Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ke<\/strong><strong>ine Bl\u00fcmchenkleider<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88878\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88877\" class=\"yiv1925751077\">Wenn es hei\u00dft, die Geschlechterrollen sollen aufgel\u00f6st werden, f\u00fchrt das eher selten dazu, dass Jungs pl\u00f6tzlich pinke Klamotten tragen oder Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sich in Bl\u00fcmchenkleider schmei\u00dfen, um \u00abernst genommen\u00bb zu werden. Das w\u00e4re ja l\u00e4cherlich, sagen wir. Hingegen wird von einer Frau, die eine F\u00fchrungsposition in der Wirtschaft bekleidet, durchaus erwartet, einen dunklen Hosenanzug zu tragen. Erscheint sie im R\u00fcschenkleidchen oder Rock im B\u00fcro, werden die Kollegen hinter ihrem R\u00fccken tuscheln. Es wird von ihr erwartet, sich neutral zu kleiden \u2013 also maskulin \u2013 und sich einer bereits existenten, auf den m\u00e4nnlichen K\u00f6rper zugeschnittenen Struktur anzupassen. Doch <i class=\"yiv1925751077\">zu <\/i>m\u00e4nnlich darf sie auch nicht werden. Sie soll immer noch Frau bleiben \u2013 eine Frau, die subtil darauf hinweist, dass sie sich in einer M\u00e4nnerdom\u00e4ne bewegt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-660659\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/cover.macho_.nomics.jpg\" alt=\"cover.macho.nomics\" width=\"396\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/cover.macho_.nomics.jpg 396w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/cover.macho_.nomics-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 396px) 100vw, 396px\" \/><\/p>\n<p><strong>&#8222;Machonics &#8211; Die \u00d6konomie und die Frauen&#8220; von\u00a0Katrine Mar\u00e7al, Beck Verlag, Februar 2016, 206 Seiten, 16,95 Euro<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Maral-Machonomics\/productview.aspx?product=15999332\">http:\/\/www.chbeck.de\/Maral-Machonomics\/productview.aspx?product=15999332<\/a><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88879\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong><span class=\"yiv1925751077\">Welch ein Drahtseilakt.<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Wenn Jamie Oliver das Basilikum bezwingt<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88881\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88880\" class=\"yiv1925751077\">Um unsere Erwartungen an M\u00e4nner ist es da ganz anders bestellt. Niemand verlangt von Jamie Oliver, sich einer weiblichen Genderrolle anzupassen, nur weil das Kochen traditionell von der Frau \u00fcbernommen wurde. Im Gegenteil, der TV\u00ad-Koch Oliver verschafft sich Autorit\u00e4t, indem er seine geballte M\u00e4nnlichkeit zur Schau stellt. Jamie Oliver hackt kein Basilikum, Jamie Oliver stopft das Basilikum in ein Geschirrhandtuch, schleudert es mit voller Wucht gegen den Tisch, st\u00f6hnt und bezwingt das Kraut, besiegt es \u2013 um es endlich in den Kochtopf zu geben.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88883\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88882\" class=\"yiv1925751077\">Eine Kita, die sich vornimmt, Geschlechterstereotypen entgegenzuwirken, wird sich gegen rosa Ballettkleidchen kleiner M\u00e4dchen aussprechen. Na na, wir werden doch wohl kein ste\u00ad reotypes Kleidchen beim Turnen tragen? Doch nicht in einem so progressiven skandinavischen Wohlfahrtsstaat wie dem unseren! Bei uns sollen die Kinder zu freien Individuen erzogen werden, und das bedeutet, dass M\u00e4dchen nicht in rosa Tutus herumtollen, und zwar deswegen, weil sie das auf eine Geschlechterrolle reduzieren k\u00f6nnte, in der sie sich wom\u00f6glich ganz und gar nicht wohlf\u00fchlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">An die Kleidung der Jungs jedoch verschwendet dieselbe wohlmeinende Lehrerin keinen einzigen Gedanken. Ein rosa Tutu ist stereotyp, die nicht minder traditionelle Sportbekleidung der Jungs hingegen gilt als neutral.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Menschsein hei\u00dft Mann sein<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Und als neutral wird das M\u00e4nnliche meistens bewertet. Es geh\u00f6rt zum Genderprofil.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Shakespeares Prinz Hamlet verk\u00f6rpert eine sehr universale Frage: Sein oder Nichtsein. Und Sein hei\u00dft, wie er zu sein. Wir alle \u2013 auch Frauen \u2013 lernen, uns mit ihm zu identifizieren. Hamlets Gr\u00fcbelei wird zu einer genuin menschlichen Erfahrung. Der Mann ist die Norm, und Menschsein hei\u00dft Mann\u00ad sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Ein Kind auszutragen, ist keine menschliche Erfahrung, sondern eine weibliche. So haben wir es gelernt. Zwischen der weiblichen und der allgemein menschlichen Erfahrung existiert eine scharfe Trennlinie. Niemand liest Schwangerschaftsb\u00fccher, um die menschliche Existenz zu ergr\u00fcnden. Da greifen wir lieber zu Shakespeare oder einem der gro\u00dfen Philosophen, die uns Geschichten davon erz\u00e4hlen, wie die Menschen wie Pilze aus dem Boden schossen, um augenblicklich Gesellschaftsvertr\u00e4ge zu schlie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Der Mann ist der Mensch<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Nur die Frau hat ein Geschlecht. Der Mann ist menschlich. Nur eines der Geschlechter existiert. Das andere ist eine Variante, eine Spiegelung, eine Erg\u00e4nzung.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">In der Welt der \u00d6konomie sind wir also rationale, nutzenmaximierende und egoistische Wesen, besitzen also Eigenschaften, die traditionell eher dem Mann zugeschrieben wurden. Darum fassen wir sie als neutrale Eigenschaften auf. Sie sind geschlechtslos \u2013 weil der Mann niemals ein Geschlecht hatte. Es gibt nur ein Geschlecht: den \u00f6konomischen Mann. Gleichwohl hat die Theorie stets vorausgesetzt, dass jemand anders f\u00fcr F\u00fcrsorge, N\u00e4chstenliebe und Abh\u00e4ngigkeit steht, auch wenn diese Dinge unsichtbar sind. Wer in der \u00f6konomischen Erz\u00e4hlung eine Rolle spielen m\u00f6chte, muss sein wie der \u00f6konomische Mann. Zugleich basiert das, was wir \u00d6konomie nennen, auf einer anderen Erz\u00e4hlung. Auf allem, was ausgesperrt wird, damit der \u00f6konomische Mann der sein kann, der er ist. Damit er sagen kann, es gebe keine Alternative.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Frauen k\u00f6nnen alles, was M\u00e4nner k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Frauen sind genauso wertvoll wie M\u00e4nner. Frauen erg\u00e4nzen die M\u00e4nner.\u2028Frauen k\u00f6nnen alles, was M\u00e4nner k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Solche Hypothesen definieren die Frau als eine Variante des M\u00e4nnlichen. Ob sie nun \u00abwie er\u00bb oder \u00absein Gegenteil\u00bb ist, stets steht sie in einer Beziehung zu ihm.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Immer der Mann im Mittelpunkt<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Das eine Mal ist sie wertvoll, weil sie <i class=\"yiv1925751077\">wie <\/i>der Mann ist \u2013 das andere Mal, weil sie ihn komplettiert. Doch in beiden F\u00e4llen steht er im Mittelpunkt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Im ersten Fall wird ihr zugesprochen, dass sie arbeiten, forschen, ficken, r\u00fclpsen, Kriege f\u00fchren, rational handeln und gro\u00dfe Maschinen bedienen kann, ganz genau wie ein Mann. Folglich sollen ihr auch dieselben Rechte und Privilegien zu\u00ad kommen. Doch in dem Augenblick, da sie aufh\u00f6rt, \u00abwie er\u00bb zu sein, verliert sie ihren Anspruch auf Gleichstellung.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">\u00abEs handelt sich nicht um Diskriminierung, solange schwangere M\u00e4nner und Frauen gleich behandelt werden\u00bb, stellte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten 1974 im ber\u00fchmt gewordenen Pr\u00e4zedenzfall <i class=\"yiv1925751077\">Geduldig gegen Aiello <\/i>fest, in dem es darum ging, ob eine Versicherung schwangere Frauen vom Versicherungsschutz ausschlie\u00dfen durfte. Durfte sie, entschied das Gericht, schlie\u00dflich w\u00fcrden ja keine Frauen ausgeschlossen, sondern \u00abschwangere Individuen\u00bb. Dass ebenjene Individuen ausschlie\u00dflich Frauen waren (wie den meisten Menschen bekannt sein d\u00fcrfte), schien keine Rolle zu spielen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Der Frau wird nur dann Zutritt in die \u00f6konomisch und politisch als wichtig erachteten Kategorien gew\u00e4hrt, wenn sie zu vor ihren K\u00f6rper ablegt. Die Vorstellung, die Frau sei wertvoll, weil sie <i class=\"yiv1925751077\">wie <\/i>der Mann ist, ist eine Art \u00abEntlassung auf Bew\u00e4hrung\u00bb.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Wenn es aber auf der anderen Seite hei\u00dft, die Frau sei wertvoll, weil sie den Mann <i class=\"yiv1925751077\">komplettiert<\/i>, schr\u00e4nkt sie das \u2013 soweit dies \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist \u2013 noch mehr ein.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Sie muss die reizende Hausfrau spielen<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Auch in diesem Fall wird die Weiblichkeit als eine Variation des M\u00e4nnlichen etabliert. Anstatt <i class=\"yiv1925751077\">wie <\/i>er zu sein, wird sie angewiesen, die reizende Hausfrau zu spielen, die der Welt als Gegenpol zum harten Markt dient. Die Gesellschaft besetzt die Frau in einer Rolle, in der sie all die Facetten der menschlichen Erfahrung verk\u00f6rpert, die der Mann sich selbst nicht eingestehen, aber dennoch erleben m\u00f6chte: das Weiche, Verletzliche, K\u00f6rperliche, Emotionale und Nat\u00fcrliche \u2013 die geheimnisvolle dunkle Seite des Mondes. Sie wird gezwungen, K\u00f6rper, Gef\u00fchl und Natur zu sein, das Subjektive und Spezifische, und zwar deswegen, weil er es nicht ist. Ihre Biologie, so hei\u00dft es, hat sie dazu verurteilt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">In diesem Fall wird sie nicht dar\u00fcber definiert, was er ist, sondern dar\u00fcber, was er <i class=\"yiv1925751077\">nicht <\/i>ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Doch in beiden F\u00e4llen verl\u00e4uft die Definition \u00fcber ihn.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Einmal ist es die Aufgabe der Frau zu beweisen, dass sie <i class=\"yiv1925751077\">wie <\/i>der Mann ist, das andere Mal soll sie beweisen, dass sie ihn <i class=\"yiv1925751077\">komplettiert<\/i>. Um sie geht es dabei nicht. Weil es ohnehin nur ein Geschlecht gibt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Als Richard Gere, in seiner Rolle als einsamer Gesch\u00e4ftsmann in der romantischen Kom\u00f6die <i class=\"yiv1925751077\">Pretty Woman<\/i>, Julia Roberts in die Oper ausf\u00fchrt, ist er mehr interessiert an ihren Reaktionen auf\u00a0<i class=\"yiv1925751077\">La Traviata <\/i>als am Geschehen auf der B\u00fchne. Ihn selbst vermag Verdi zwar nicht zum Weinen bringen, doch er kann beobachten, wie sie weint. Er braucht sie, um in Kontakt mit seinem eigenen Gef\u00fchlsleben zu treten. Die einzig sichere Stra\u00adtegie f\u00fcr diese emotionale Ann\u00e4herung ist die Rolle des Beobachters. Durch die Frau an seiner Seite f\u00fchlt er sich lebendig. Und schon im n\u00e4chsten Moment glaubt er, er h\u00e4tte sich verliebt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Durch die Eroberung und den Besitz einer Frau wurde es dem Mann m\u00f6glich, in Kontakt mit den Facetten seiner Selbst zu treten, die er sonst verleugnen musste: Unm\u00fcndigkeit, Emotion, Zusammenhang, Genuss und Kapitulation. Nichtsdestotrotz ist die Frau ein Mensch \u2013 kein Wesen. Und in seinem tiefsten Innern wei\u00df er das auch.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die schwedische Dichterin Edith S\u00f6dergran \u2013 hier ins Deutsche \u00fcbertragen von Nelly Sachs \u2013 schreibt in einem ihrer Gedichte:<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><i class=\"yiv1925751077\"><span class=\"yiv1925751077\">Du suchtest eine Blume und fandst eine Frucht. Du suchtest eine Quelle und fandst ein Meer. Du suchtest eine Frau und fandst eine Seele &#8211; du bist entt\u00e4uscht.<\/span><\/i><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Der Mann mit 80-Stunden-Job, der nichts mit ihm zu tun hat<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Da sitzt er, in seinem B\u00fcro in einer der obersten Etagen eines Wolkenkratzers. Arbeitet achtzig Stunden in der Woche und trifft ganz und gar objektive und \u00fcberaus wichtige Entscheidungen, die, wie k\u00f6nnte es anders sein, rein gar nichts mit seiner Person zu tun haben. Sich selbst hat er am fr\u00fchen Morgen zusammen mit seinem Mantel an den Kleiderhaken geh\u00e4ngt. Das musste er. Er nimmt den Geruch seiner eigenen Krankheit in den K\u00f6rpern anderer wahr, also vermeidet er sie. Was nicht hei\u00dft, er h\u00e4tte keinen Sex mit ihnen, denn das hat er. Er ist den Frauen verfallen und sucht in ihnen all das, was er sonst ver dr\u00e4ngt. Seine Kindheit, seinen K\u00f6rper, seine Sexualit\u00e4t und noch etwas anderes, das er nicht in Worte zu fassen vermag. Doch was er schlie\u00dflich findet, ist eine andere Person, die ihm in die Augen sieht, und in ihrem Blick erkennt er dieselbe Angst, die er die ganze Zeit in seinen eigenen Augen w\u00e4hnte.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Heute z\u00e4hlt jede Charaktereigenschaft, die wir als traditionell m\u00e4nnlich bezeichnen, zu jenen Eigenschaften, die \u00f6konomisches Verhalten pr\u00e4gen: Distanz, Rationalit\u00e4t, Objektivit\u00e4t. Der \u00f6konomische Mann wei\u00df, was er will, und begibt sich auf die Jagd, um es sich zu holen. Doch in Wirklichkeit funktionieren nicht einmal M\u00e4nner so. Trotzdem haben wir diese Eigenschaften nicht nur zu einem Ideal erhoben, sondern gleich zu einem Synonym f\u00fcrs Menschsein gemacht.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Wir behaupten, dass sich tief im Innern all unsere Handlungen auf ein und dasselbe Bewusstsein reduzieren lassen. Auf das einzige Geschlecht.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Der \u00f6konomische Mann als Taschenrechner, Karikatur und Pappaufsteller\u00a0<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die Eindimensionalit\u00e4t des \u00f6konomischen Mannes wurde oft kritisiert. Es mangele ihm an Tiefe, Gef\u00fchlen, Psychologie und Komplexit\u00e4t. Er sei ein schlichter, selbsts\u00fcchtiger Taschenrechner. Eine Karikatur. Warum in aller Welt schleppen wir diesen eindimensionalen Pappaufsteller mit uns herum? Ist doch l\u00e4cherlich. Was hat er mit uns zu tun?<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Doch dabei haben die Kritiker etwas Wesentliches \u00fcbersehen. Gewiss, er ist nicht wie wir, doch er hat sehr wohl Gef\u00fchle, Tiefe, \u00c4ngste und Tr\u00e4ume, mit denen wir uns sehr stark identifizieren k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Der \u00f6konomische Mann muss mehr sein als nur ein Pappaufsteller, ein 08\/15\u00adPsychopath oder eine willk\u00fcrliche Halluzination. Warum sonst w\u00fcrden wir uns von ihm verf\u00fchren lassen? Warum sonst sind wir so scharf darauf, unsere gesamte Existenz mit seinem Weltbild zu verschmelzen, obwohl allerhand Forschung beweist, dass dieses Verhaltensmodell mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun hat?<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die Inst\u00e4ndigkeit, mit der wir unsere Existenz an diese Fantasie anzupassen suchen, sagt etwas dar\u00fcber aus, wer wir sind und wovor wir uns f\u00fcrchten. Doch das wollen wir uns nicht eingestehen. Dass das Verhalten des \u00f6konomischen Mannes nahezu karikaturesk einfach gestrickt ist, hei\u00dft nicht, dass er nicht aus tiefen inneren Konflikten heraufbeschworen worden ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Es hei\u00dft, seine Identit\u00e4t sei von anderen Menschen unabh\u00e4ngig. Kein Mensch ist eine Insel, m\u00f6chten wir entgegnen und finden die v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit des \u00f6konomischen Mannes geradezu l\u00e4cherlich. Aber dann haben wir seine Natur noch nicht erfasst. Eine menschliche Identit\u00e4t l\u00e4sst sich nur im Verh\u00e4ltnis zu anderen Menschen konstruieren. Das gilt auch f\u00fcr den \u00f6konomischen Mann \u2013 ob er will oder nicht.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Und weil seine Identit\u00e4t vor allem \u00fcber Konkurrenz definiert wird, steht sie in einer vollst\u00e4ndigen Abh\u00e4ngigkeitsbeziehung. Der \u00f6konomische Mann ist unweigerlich mit anderen verbunden, nahezu an sie gekettet.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong><span class=\"yiv1925751077\">In einem st\u00e4ndigen Wettbewerb.<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Ohne Konkurrenz ist der \u00f6konomische Mann ein niemand, und um \u00fcberhaupt in Konkurrenz treten zu k\u00f6nnen, braucht er andere Menschen. Er lebt nicht in einer Welt ohne soziale Beziehungen. Er lebt nicht in einer Welt, in der alle Beziehungen auf Konkurrenz reduziert sind. Er ist aggressiv und narzisstisch, in einem st\u00e4ndigen Konflikt mit sich selbst, der Natur und an\u00ad deren Menschen begriffen. Er glaubt, nur Konflikte k\u00f6nnten die Dinge in Bewegung setzen. Und er will Bewegung. Bewegung ohne Risiko. Pr\u00fcfungen, Qualen und eine innige Sehnsucht \u2013 das ist sein Leben.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Er ist ein Mann auf der Flucht. *<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die Differenz zwischen der totalen Produktion einer Ehe und der Summe der jeweiligen Produktion zweier nicht miteinander verheirateter Personen entspricht dem Gewinn der Ehe. Dieser l\u00e4sst sich (in manchen F\u00e4llen) messen am vertikalen Abstand zwischen der stets elastischen Nachfragekurve f\u00fcr Ehefrauen und der Angebotskurve f\u00fcr selbige. Liebestheorie auf \u00f6konomische Art. Unsere Fantasien schreien nach Unabh\u00e4ngigkeit, und doch tr\u00e4umen wir krampfhaft von Kontrolle.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Wir nehmen an, dass ein MI (ein m\u00e4nnliches <i class=\"yiv1925751077\">Ich<\/i>) ein WS (ein weibliches <i class=\"yiv1925751077\">Sie<\/i>) liebt, wenn ihr Wohlergehen seiner Nutzenfunktion zutr\u00e4glich ist, oder aber wenn das MI den emotionalen und k\u00f6rperlichen Kontakt zum WS sch\u00e4tzt. Es stellt sich heraus, dass das MI von einer Partnerschaft mit dem WS profitieren w\u00fcrde, denn w\u00e4ren sie zusammen, k\u00f6nnte er einen gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf ihr Wohlergehen nehmen (neckisch an ihrem Nacken knabbern, eine Konservendose vom obersten K\u00fcchenregal, an das sie nicht herankommt, holen und sie nachts fest in den Armen halten), und das w\u00e4re auch seiner eigenen Nutzenfunktion dienlich. Zudem lie\u00dfen sich die Waren, die dem \u00abKontakt\u00bb mit WS entsprechen, innerhalb einer Partnerschaft kosteng\u00fcnstiger produzieren, als wenn MI und WS allein lebten. Sogar wenn WS f\u00fcr MI keine Liebe empf\u00e4nde, w\u00fcrde WS von einer Beziehung profitieren. Weil er sie liebt, flie\u00dft ihr Wohlergehen in seine Nutzenfunktion ein, wes wegen er ihr voraussichtlich Ressourcen \u00fcbertragen wird, die wiederum ihren Nutzen maximieren \u2013 obwohl sie seine Liebe nicht erwidert.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die \u00d6konomen betrachten eine Partnerschaft als rationale Kalkulation zweier autonomer Individuen und entledigen sich damit jeglicher Faktoren, die eine Liebesbeziehung f\u00fcr gew\u00f6hnlich ausmachen. Anschlie\u00dfend behaupten sie, sie h\u00e4tten das gro\u00dfe R\u00e4tsel gel\u00f6st. Rationale L\u00f6sungen eines irrationalen Problems. Ein Chaos spezifischer Ideen. Nicht einmal vor unseren Liebensbeziehungen macht die distanzierte und rationale Logik des Marktes Halt. Egal ob Frau und Mann \u2013 alle werden zum \u00f6konomischen Mann. Stets haben wir den \u00dcberblick, wahren Distanz und stehen ein St\u00fcck abseits von uns selbst. Genie\u00dfen totale Kontrolle und totale Sicherheit.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>K\u00f6rper als Humankapital<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Kein Mann auf der Welt kann dem \u00f6konomischen Mann das Wasser reichen, wenn es ums Verf\u00fchren geht. Der \u00f6konomische Mann befreit uns von den Dingen, die wir f\u00fcrchten: K\u00f6rper, Gef\u00fchle, Unm\u00fcndigkeit, Angst und Schw\u00e4che. All diese Dinge haben in seiner Welt nichts zu suchen. Unsere K\u00f6rper werden zu Humankapital, Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse existieren nicht, und die Welt ist durch und durch vorhersehbar.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Es gibt keine Ungleichheit, keine Schw\u00e4che, nichts, wovor man sich f\u00fcrchten m\u00fcsste.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Und deshalb klammern wir uns an ihm fest. Er hilft uns, unseren \u00c4ngsten zu entfliehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Der \u00f6konomische Mann verwandelt die Gef\u00fchle des Menschen in Pr\u00e4ferenzen. Dadurch werden sie zu unpers\u00f6nlichen Begierden, Bestellungen von einer Speisekarte, die einem vielleicht serviert werden, vielleicht aber auch nicht. Kommt ganz darauf an, ob man sich durchzusetzen wei\u00df.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Mancherlei Unannehmlichkeiten lassen sich umgehen<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Gef\u00fchle sind kein Teil des Menschen, sondern etwas, das sich sortieren, ordnen, stapeln und arrangieren l\u00e4sst. Zumindest in der Welt des \u00f6konomischen Mannes. Wut kann einem beim Verhandeln nutzen, einen Orgasmus t\u00e4uscht man vor, weil das zum rationalen Akt des \u00abSignalling\u00bb geh\u00f6rt. Liebe ist, wenn das Wohlergehen eines anderen zur eigenen Nutzenfunktion bei tr\u00e4gt: Das wiederum mindert die Konflikte und zugleich auch die Kosten der Partnerschaften, in denen wir beschlie\u00dfen, Kinder zu produzieren und gro\u00df zu ziehen. Die eigenen Gef\u00fchle bleiben au\u00dfen vor. Jedenfalls solange, wie man die Welt des \u00f6konomischen Mannes nicht verl\u00e4sst. Und seine Welt hat durchaus Charme, denn so mancherlei Unannehmlichkeiten lassen sich dort umgehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">In dem Moment, da die Gef\u00fchle zu Pr\u00e4ferenzen werden, l\u00f6st der K\u00f6rper sich auf. Der \u00f6konomische Mann verwandelt ihn in Humankapital. Er ist nicht l\u00e4nger ein Teil des Menschen, sondern etwas, das man besitzt. Ein Kapital, mit dem sich spekulieren l\u00e4sst.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Die \u00f6konomischen Theorien trennen uns von unserem K\u00f6rper. Wir k\u00f6nnen ihn vermieten oder verkaufen wie eine beliebige Immobilie, ihn modellieren, in ihn investieren, um ihn irgendwann sterben zu lassen. Dein K\u00f6rper geh\u00f6rt dir, er ist dein Kapital \u2013 so sieht\u2019s aus.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Folglich sind wir <i class=\"yiv1925751077\">trotz <\/i>und nicht <i class=\"yiv1925751077\">aufgrund <\/i>unserer K\u00f6rper menschlich. An seinen K\u00f6rper erinnert zu werden, hei\u00dft, an die Hilflosigkeit, an die unbedingte Abh\u00e4ngigkeit, die einen Teil der menschlichen Existenz ausmachen, erinnert zu werden. Daran, dass der K\u00f6rper aus einem anderen K\u00f6rper geboren wird und als schrumpeliges Neugeborenes seiner Umwelt schutzlos aus\u00adgeliefert ist. Ein menschlicher K\u00f6rper, der stirbt, wenn er nicht geliebt wird. Der alles erwartet und alles braucht. Der durch Krankheit in die Abh\u00e4ngigkeit zur\u00fcckgeworfen wird, der altert und stirbt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">In der Welt des \u00f6konomischen Mannes ist der Tod ein gesch\u00e4ftlicher Schritt: Dicht machen oder weitermachen? Ist der Nutzen, den ich durchs Weiterleben erfahre, gr\u00f6\u00dfer als mein Schmerz? Das ist die entscheidende Frage \u2013 mehr gibt es nicht zu \u00fcberlegen. Der Tod hat keine Bedeutung. Das Leben auch nicht. Das Ziel ist, eine Welt ohne Ziele zu schaffen. Und das geht mit Schmerzen einher.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Wenn wir unseren K\u00f6rper in Humankapital verwandeln, verfl\u00fcchtigen sich die politischen Konsequenzen, die er bewirken k\u00f6nnte. H\u00e4nde, die etwas tragen, Beine, die sich fortbewegen, Finger, die auf etwas deuten, Fu\u00dfb\u00f6den, die geschrubbt werden, hungrige M\u00e4uler, die gestopft werden \u2013 die \u00d6konomie gr\u00fcndet sich auf den menschlichen K\u00f6rper.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">N\u00e4hme man den K\u00f6rper als Ursprungsort der \u00d6konomie ernst, z\u00f6ge das weitreichende Folgen mit sich. Eine auf den gemeinsamen Bed\u00fcrfnissen menschlicher K\u00f6rper basierende Gesellschaft w\u00fcrde sich von der Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, markant unterscheiden.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Hunger, K\u00e4lte, Krankheiten, unzul\u00e4ngliche Krankenpflege und Nahrungsmangel w\u00e4ren zentrale Problematiken der \u00d6konomie und nicht das, was sie heute sind: bedauerliche Nebenwirkungen eines Systems, zu dem es ja doch keine Alternative gibt.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Unsere \u00f6konomischen Theorien str\u00e4uben sich, die Realit\u00e4t des K\u00f6rpers zu akzeptieren und versuchen, ihr mit allen erdenklichen Mitteln zu entfliehen. Der Tatsache, dass Menschen klein sind, wenn sie geboren werden, zerbrechlich, wenn sie sterben, dass sie bei einer Verletzung anfangen zu bluten, ganz gleich, wer man ist, woher man kommt, was man verdient und wo man wohnt. In unseren K\u00f6rpern nimmt das seinen Ursprung, was uns gemein ist. Wir zittern, wenn uns kalt ist, schwitzen, wenn wir rennen, schreien, wenn wir einen Orgasmus haben oder ein Kind geb\u00e4ren. Durch unsere K\u00f6rper n\u00e4hern wir uns einander an. Und aus genau diesem Grund l\u00f6scht der \u00f6konomische Mann ihn aus und versucht uns weiszumachen, es g\u00e4be ihn nicht. Wir betrachten ihn von au\u00dfen, wie fremdes Kapital.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Und dabei sind wir allein.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Neben K\u00f6rper und Gef\u00fchl flieht der Mann auch vor Abh\u00e4ngigkeit, und nat\u00fcrlich besteht hier ein Zusammenhang. Abh\u00e4ngigkeit dr\u00fcckt sich h\u00e4ufig durch den K\u00f6rper aus. Der \u00f6konomische Mann <i class=\"yiv1925751077\">braucht <\/i>nicht, der \u00f6konomische Mann will <i class=\"yiv1925751077\">haben<\/i>. Solange wir sind wie er, m\u00fcssen wir uns niemals hilflos f\u00fchlen oder um etwas bitten. Wir ersparen uns das Gef\u00fchl, etwas nicht zu verdienen oder Rechenschaft ablegen zu m\u00fcssen: M\u00fcssen uns nicht davor scheuen, etwas anzunehmen, das wir nicht zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen?<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">In der Welt des \u00f6konomischen Mannes tritt all das au\u00dfer Kraft. Alle Rechnungen sind beglichen. Das ist sein Konzept von Freiheit, denn ein anderes gibt sein Vorstellungsverm\u00f6gen nicht her.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Er hat es selbst erfunden.<\/span><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><strong>Alles ist kalkulierbar<\/strong><\/p>\n<p class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Der \u00f6konomische Mann ist eine Flucht vor der Unsicherheit. In seiner Welt gibt es nichts, das sich nicht kalkulieren lie\u00dfe. Alles ist vorhersehbar. Das Volumen eines Balls l\u00e4sst sich berechnen, indem man seine Oberfl\u00e4che in immer kleinere Recht\u00adecke teilt. So wie das Leben. Die Bewegungen der Menschen menge und die Kr\u00e4fte, die sie verursachen. Alles bewegt sich im Rhythmus abstrakter Gesetze. Der \u00f6konomische Mann ist eine Flucht vor der Schw\u00e4che. Wir sind Herr \u00fcber ein Universum, das jedem noch so zaghaften Fingerzeig gehorcht. In der Erz\u00e4hlung der \u00d6konomie scheint dies die einzige Aufgabe der Welt zu sein. Der Markt tut stets, wie ihm gehei\u00dfen, straft den, der es verdient, und kriecht vor dem zu Kreuze, der es wert ist.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88910\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88909\" class=\"yiv1925751077\">Die Erz\u00e4hlung vom \u00f6konomischen Mann spinnt den Mythos vom Mensch als allwissendes, rationales Subjekt weiter. Er ist Herr \u00fcber sein Leben und Herr \u00fcber die Welt. Sobald wir die B\u00fchne der \u00d6konomie betreten, schl\u00fcpfen wir in dieses Kos\u00adt\u00fcm, und sch\u00fctteln alles andere ab: Geschlecht, Hintergrund, Biografie, K\u00f6rper und Zusammenhang. Der \u00f6konomische Mann ist eine Flucht vor der Ungleichheit. Wir verwandeln uns nicht nur in ein einziges Geschlecht, sondern sogar in ein und dieselbe Person. Kein Wunder, dass wir so leicht zu durch\u00adschauen sind.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88907\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88908\" class=\"yiv1925751077\">Der \u00f6konomische Mann ist kein Pappaufsteller, keine Karikatur und ganz gewiss nicht einfach gestrickt. Er ist ein Symptom jener Facetten der Realit\u00e4t, die er auszumerzen sucht: K\u00f6rper, Gef\u00fchle, Abh\u00e4ngigkeit, Unsicherheit, Schw\u00e4che. Jene Facetten, die die Menschheit seit Jahrtausenden mit der Frau assoziiert. Damit er behaupten kann, es g\u00e4be sie nicht.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88906\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span class=\"yiv1925751077\">Und warum? Weil er nicht mit ihnen umzugehen wei\u00df.\u00a0<\/span><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88904\" class=\"yiv1925751077\">Er flieht, steht \u00c4ngste aus, und wir identifizieren uns mit der schwindelerregenden psychologischen Tiefe seiner \u00c4ngste und lassen uns von ihm verf\u00fchren.\u00a0<\/span><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88903\" class=\"yiv1925751077\">Die \u00d6konomische Theorie wird zum Versteck. Ein Ort, an dem die Gesellschaft Geschichten von sich selbst erz\u00e4hlt. Von Dingen, die wir begehren, und Dingen, die wir einfach so hin\u00adnehmen.<\/span><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88900\" class=\"yiv1925751077MsoNormal\"><span id=\"yui_3_16_0_ym18_1_1458238479437_88901\" class=\"yiv1925751077\">Das einzige Geschlecht. Die einzige Alternative. Die einzige Welt.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Welch ein Drahtseilakt.<\/p>\n<p>:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katrine Mar\u00e7al ist Chefkolumnistin der schwedischen Zeitung &#8222;Aftonbladet&#8220;, lebt in London und schreibt \u00fcber schwedische und internationale Politik, \u00d6konomie und Feminismus.\u00a0In ihrem Buch beschreibt sie das Weltbild einer von M\u00e4nnern dominierten Macho-\u00d6konomie, das Frauen diskriminiert, weil sie nicht wie M\u00e4nner &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/03\/19\/buchauszug-aus-katrine-marcals-machonomics-managerinnen-tragen-hosenanzuege-aber-manager-keine-bluemchenkleider\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1690,1890,5568,5569],"class_list":["post-660657","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-beck-verlag","tag-buchauszug","tag-katrine-marcal","tag-machonomics"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=660657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660657\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=660657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=660657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=660657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}