{"id":660492,"date":"2016-03-07T09:54:10","date_gmt":"2016-03-07T08:54:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=660492"},"modified":"2016-03-07T17:26:50","modified_gmt":"2016-03-07T16:26:50","slug":"wenn-vorstaende-das-gefuehl-haben-unantastbar-zu-sein-kommentar-von-ulrich-goldschmidt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/03\/07\/wenn-vorstaende-das-gefuehl-haben-unantastbar-zu-sein-kommentar-von-ulrich-goldschmidt\/","title":{"rendered":"Wenn Vorst\u00e4nde das Gef\u00fchl haben, unantastbar zu sein &#8211; Kommentar von Ulrich Goldschmidt"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Ich darf das, weil ich es kann&#8220;. Frei von Unrechtsbewu\u00dftsein &#8211; ganz oben auf der obersten Hierarchiestufe der Unternehmen. Oder: Wenn Top-Manager wie Thomas Middelhoff erst abheben und dann tief fallen. Weil sie nicht mehr richtig von falsch unterscheiden k\u00f6nnen.\u00a0<\/strong><strong>Ein Kommentar von Ulrich Goldschmidt, dem Vorstandsvorsitzenden des <a href=\"https:\/\/www.die-fuehrungskraefte.de\/dfk\/ueber-uns\/\">Verbands Die F\u00fchrungskr\u00e4fte<\/a>.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.die-fuehrungskraefte.de\/dfk\/ueber-uns\/\">https:\/\/www.die-fuehrungskraefte.de\/dfk\/ueber-uns\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_648814\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-648814\" class=\"size-full wp-image-648814\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Goldschmidt_300x450-1.jpg\" alt=\"Ulrich Goldschmidt; Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Verbands Die F\u00fchrungskr\u00e4fte\" width=\"300\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Goldschmidt_300x450-1.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Goldschmidt_300x450-1-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-648814\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Goldschmidt, Vorstandsvorsitzender des Verbands Die F\u00fchrungskr\u00e4fte<\/p><\/div>\n<p>Nachdem der Bundesgerichtshof die Verurteilung des fr\u00fcheren Karstadt-Vorstands Thomas Middelhoff zu drei Jahren Freiheitsstrafe best\u00e4tigt hat, bleibt die Frage: Wie konnte es \u00fcberhaupt dazu kommen? Warum setzt sich ein anerkannter und \u00fcberaus gut bezahlter Top-Manager dem Risiko aus, strafrechtlich belangt zu werden? In solchen F\u00e4llen ist der Versuch einer rationalen Erkl\u00e4rung, dem Hinweis auf eine m\u00f6gliche Bereicherungsabsicht in der Regel viel zu simpel. Bei Spesenbetr\u00fcgereien von Top-Managern mit mehreren Millionen Jahresgehalt liegen die Ursachen tiefer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind es F\u00e4lle einer dramatischen Deformation der Pers\u00f6nlichkeitsstruktur, ausgel\u00f6st durch \u00dcbertragung nahezu unbegrenzter Macht im Unternehmen und bef\u00f6rdert durch den Verlust jeglicher Bodenhaftung. Diese Menschen sind nicht so geboren und haben im Elternhaus vermutlich auch andere Werte vermittelt bekommen.<\/p>\n<p>Verloren gegangen ist ihnen aber im Laufe der Zeit das Gef\u00fchl f\u00fcr Grenzen und f\u00fcr die Unterscheidung von richtig und falsch im eigenen Verhalten. Oder wie Oscar Wilde es sagte: \u201eIch kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das \u00a0Gef\u00fchl der Unantastbarkeit<\/strong><\/p>\n<p>Im Klartext: Was bei Thomas Middelhoff und anderen zu sehen, ist Hybris, ist Anma\u00dfung, ist Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und zwar in extremen Auspr\u00e4gungen bis hin zu strafrechtlich relevantem Verhalten. Solche Straftaten lassen sich oft nur damit erkl\u00e4ren, dass sich bei den T\u00e4tern wohl ein Gef\u00fchl der Unantastbarkeit eingestellt hat. Sie nehmen f\u00fcr sich das Dogma der Unfehlbarkeit in Anspruch. Selbstverst\u00e4ndlich ist es aber anma\u00dfend und nicht zu akzeptieren, wenn jemand aus seiner Position im Top-Management f\u00fcr sich das Recht ableitet, eigene Spielregeln aufstellen zu d\u00fcrfen. Diese Anma\u00dfung und Fixierung auf die eigene Person ist aber zugleich Ausdruck mangelnder Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber anderen, zum Beispiel den eigenen Mitarbeitern. Es ist schon pikant, wenn Manager Compliance-Verst\u00f6\u00dfe im Unternehmen gnadenlos verfolgen lassen, die Regel f\u00fcr sich selbst aber au\u00dfer Kraft setzen. Hier wird nicht Ma\u00df gehalten, sondern mit zweierlei Ma\u00df gemessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Keine Sonderrecht f\u00fcr Vorst\u00e4nde, die Vorbild sein sollen<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00fcssen sich auch stets ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Spesenbetrug ist f\u00fcr niemanden ein Kavaliersdelikt. Nimmt sich aber der Vorstand hier gegen geltendes Recht \u00a0Sonderrechte heraus, setzt er damit zum einen ein fatales Signal nach innen und muss au\u00dferdem stets damit rechnen, daf\u00fcr zur Verantwortung gezogen werden, weil er in seiner Funktion auch ganz besonders unter Beobachtung steht. Wer in der F\u00fchrungsverantwortung steht und sich so verh\u00e4lt, darf sich nicht wundern, wenn eigene Mitarbeiter die Frage nach dem gleichen Unrecht f\u00fcr alle stellen. Damit ist der Compliance-Virus im Unternehmen eingepflanzt.<\/p>\n<p>\u201eWer sich selbst nicht z\u00fcgeln kann, ist zum Regieren nicht f\u00e4hig\u201c, wusste schon Konfuzius. Seine auf die M\u00e4chtigen und Herrschenden seiner Zeit gem\u00fcnzte Aussage trifft auch heute auf Politiker wie auf Wirtschaftslenker gleicherma\u00dfen zu.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise ist das kein Massenph\u00e4nomen, denn die meisten Manager machen ihren Job mehr als ordentlich und beachten die Regeln. Sie wissen oder ahnen vielleicht sogar: Schon f\u00fcr die antiken Philosophen geh\u00f6rte das \u201eMa\u00df halten\u201c zu den Kardinaltugenden. Und seit Menschengedenken wird gegen dieses Gebot versto\u00dfen. Besonders auffallend ist das nat\u00fcrlich, wenn Top-Manager \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen. Schnell wird dann \u00f6ffentlich von Selbstbedienungsmentalit\u00e4t gesprochen und der allgemeine Verfall der Sitten in den Unternehmen beklagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn der moralische Kompass dringend justiert werden muss<\/strong><\/p>\n<p>Aber Vorsicht: Alle Moralapostel seien vor schnellen, aus der H\u00fcfte geschossenen Vor- und Pauschalverurteilungen gewarnt. Sie sollten bedenken, dass ihre eigene Tugendhaftigkeit m\u00f6glicherweise nichts anderes ist als ein Mangel an Gelegenheit. Sich selbstgerecht mit seinem Urteil \u00fcber andere zu erheben und dabei seine eigene Fehlbarkeit auszublenden, ist ebenso eine Anma\u00dfung wie der Glaube, man d\u00fcrfe ungestraft gegen die Spielregeln versto\u00dfen, nur weil man in der Unternehmenshierarchie bis ganz nach oben aufgestiegen ist.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen sollte der moralische Kompass dringend justiert werden. Bei Rechtsverst\u00f6\u00dfen geschieht dies dann notfalls mithilfe der Justiz.<\/p>\n<p>Besser ist es nat\u00fcrlich, Manager, die der Versuchung erliegen k\u00f6nnten, rechtzeitig vor sich selbst zu sch\u00fctzen. Gibt es Anzeichen f\u00fcr ein Fehlverhalten, sollte man nicht darauf vertrauen, dass der Betroffene dieses selbst abstellt. In diesen F\u00e4llen ist immer wieder feststellbar, dass die T\u00e4ter keinerlei Unrechtsbewusstsein hatten, sondern nach dem Motto handelten \u201eIch darf das, weil ich es kann\u201c und sich wom\u00f6glich noch selbst einredeten, sogar im Interesse des Unternehmens zu handeln. Ein Motto mit verheerenden Folgen. Hier sind insbesondere die Aufsichtsr\u00e4te gefordert, die sich bei ihrer Aufsichtspflicht durchaus von der Compliance-Abteilung unterst\u00fctzen lassen sollten.<\/p>\n<p>Bei einem solchen Derailment, einem Entgleisen des Managers muss der Aufsichtsrat eingreifen und zwar schon bei den ersten Anzeichen. Solche Themen nicht anzusprechen, weil er es vielleicht als unangenehm empfindet, ein heikles Thema anzusprechen, lassen den Aufsichtsrat mitschuldig werden. \u201eUnangenehm\u201c ist keine juristische Kategorie, mit der sich in diesen F\u00e4llen arbeiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Man kann es gar nicht oft genug betonen: F\u00fchrungskr\u00e4fte, die an der Spitze ihres Unternehmens stehen, bewegen sich rechtlich oft auf sehr d\u00fcnnem Eis. Der strafrechtliche Untreue-Tatbestand ist beispielsweise nicht erst dann erf\u00fcllt, wenn das Verm\u00f6gen des Dienstherren besch\u00e4digt ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Straftat reicht bereits die Verm\u00f6gensgef\u00e4hrdung aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Oben in der Hierarchie zu sein, ist kein Freifahrtschein f\u00fcr Gesetzesverst\u00f6\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Wer als Unternehmer handelt und ein unternehmerisches Risiko eingeht, muss wissen, dass er allein damit in gef\u00e4hrliche N\u00e4he eines strafrechtlich relevanten Verhaltens kommt. Umso t\u00f6richter ist es dann aber, auch noch bewusst gegen geltendes Recht zu versto\u00dfen. In der Unternehmenshierarchie ganz oben zu stehen, ist kein Rechtfertigungsgrund daf\u00fcr, die f\u00fcr alle geltenden Spielregeln zu ignorieren.<\/p>\n<p>Selbst wenn am Ende keine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe stehen sollte, sondern ein Manager mit einer Geldstrafe oder einer Einstellung des Verfahrens mit Geldauflage davonkommt, ist der Imageschaden doch h\u00e4ufig so schwer, dass die Karriere schlagartig beendet ist. Und gegen Imagesch\u00e4den hilft keine Versicherung. Ein solcher Absturz abgehobener Top-Manager ist schmerzhaft &#8211; und meist endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich darf das, weil ich es kann&#8220;. Frei von Unrechtsbewu\u00dftsein &#8211; ganz oben auf der obersten Hierarchiestufe der Unternehmen. Oder: Wenn Top-Manager wie Thomas Middelhoff erst abheben und dann tief fallen. 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