{"id":660393,"date":"2016-03-02T14:36:49","date_gmt":"2016-03-02T13:36:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=660393"},"modified":"2016-03-22T00:34:32","modified_gmt":"2016-03-21T23:34:32","slug":"buchauszug-unberechenbar-von-vince-ebert-wenn-sich-die-bloeder-realitaet-nicht-an-die-schoene-theorie-haelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/03\/02\/buchauszug-unberechenbar-von-vince-ebert-wenn-sich-die-bloeder-realitaet-nicht-an-die-schoene-theorie-haelt\/","title":{"rendered":"Buchauszug: &#8222;Unberechenbar&#8220; von Vince Ebert &#8211; &#8222;Wenn sich die bl\u00f6de Realit\u00e4t nicht an die sch\u00f6ne Theorie h\u00e4lt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vince Ebert &#8211; Moderator, Kabarettist und Autor &#8211; hat sein neues Buch &#8222;Unberechenbar &#8211; Warum das Leben zu komplex ist, um es konkret zu planen&#8220; vorgelegt. Hier ein Kapitel als Buchauszug.<\/strong><\/p>\n<p>Mehr \u00fcber Vince Ebert hier an anderer Stelle bereits:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"aMKHUYcNnN\"><p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/02\/15\/fragebogen-nahaufnahme-mit-vince-ebert-ich-moechte-mich-fuer-das-cover-von-mens-health-bewerben\/\">Fragebogen &#8222;Nahaufnahme&#8220; mit Vince Ebert: &#8222;Ich m\u00f6chte mich f\u00fcr das Cover von &#8218;Men\u00b4s Health&#8216; bewerben&#8220;<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; clip: rect(1px, 1px, 1px, 1px);\" title=\"&#8222;Fragebogen &#8222;Nahaufnahme&#8220; mit Vince Ebert: &#8222;Ich m\u00f6chte mich f\u00fcr das Cover von &#8218;Men\u00b4s Health&#8216; bewerben&#8220;&#8220; &#8212; Management-Blog\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/02\/15\/fragebogen-nahaufnahme-mit-vince-ebert-ich-moechte-mich-fuer-das-cover-von-mens-health-bewerben\/embed\/#?secret=q7a2E29Wmh#?secret=aMKHUYcNnN\" data-secret=\"aMKHUYcNnN\" width=\"584\" height=\"329\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>Und\u00a0 ein\u00a0 Buchauszug aus &#8222;Denken lohnt sich&#8220;: https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2014\/12\/18\/denken-lohnt-sich-meint-wissenschaftskabarettist-vince-ebert\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_660093\" style=\"width: 443px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-660093\" class=\"size-full wp-image-660093\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/01\/Vince_Ebert_Unberechenbar_9512_a-3.jpg\" alt=\"Vince Ebert\" width=\"433\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/01\/Vince_Ebert_Unberechenbar_9512_a-3.jpg 433w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/01\/Vince_Ebert_Unberechenbar_9512_a-3-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><p id=\"caption-attachment-660093\" class=\"wp-caption-text\">Vince Ebert<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>WIE MAN AM SICHERSTEN <u>NICHT<\/u> AUF DEN MOND FLIEGT<\/strong><\/p>\n<p>Meine ersten Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Kapitalismus habe ich w\u00e4hrend meiner Studienzeit gemacht. Damals wohnte ich in einer kleinen Studenten-WG zusammen mit Frank Pahl. Frank studierte Medizin, hatte schon mit Mitte 20 graues Haar und besa\u00df \u00fcberhaupt f\u00fcr sein Alter ein \u00e4u\u00dferst reifes, seri\u00f6ses Auftreten, weshalb er von allen nur \u00abHerr Pahl\u00bb genannt wurde. Sein Studium finanzierte er sich im Wesentlichen, indem er Porsche-Bremsscheiben \u00fcber Kleinanzeigen in Automagazinen verkaufte. Urspr\u00fcnglich kam Herr Pahl aus Stuttgart und arbeitete schon w\u00e4hrend seiner Schulferien regelm\u00e4\u00dfig bei dem Zuffenhausener Konzern am Band. Dort lernte er zuf\u00e4llig den\u00a0Bremsscheibenzulieferer des Sportwagenherstellers kennen und beschloss fortan, einen kleinen, privaten Vertrieb von exklusiven Kfz-Teilen aufzubauen.<\/p>\n<p>So ergab es sich, dass neben uns Zweien noch drei Tonnen Bremsscheiben in unserer bescheidenen, 50 Quadratmeter gro\u00dfen Behausung lagerten. Bis an die Decke stapelten sich die chromglitzernden, innenbel\u00fcfteten Monsterdinger. Ab und an, wenn Herr Pahl wieder ein \u00abSchn\u00e4ppchen\u00bb gemacht hatte, lag ein riesiger Seitenschweller oder ein \u00fcberdimensionierter Heckfl\u00fcgel in unserer Badewanne. \u00abDer ist praktisch schon verkauft. In zwei, drei Tagen k\u00f6nnen wir das Bad wieder benutzen\u00bb, beschwichtigte mein Mitbewohner mich dann immer.<\/p>\n<p>War Herr Pahl auf \u00abKundenterminen\u00bb, musste ich als menschlicher Anrufbeantworter den Telefondienst \u00fcbernehmen. Internet und E-Mail gab es noch nicht, und so klingelte bei uns pausenlos das Telefon. Kein Wunder, denn Herr Pahl hatte keine Lager- und Personalkosten und konnte die Bremsscheiben 20 Prozent unter dem Marktpreis anbieten. Sportwagenfahrer aus ganz Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz riefen bei uns an und gingen selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass sie einen\u00a0professionellen H\u00e4ndler an der Strippe hatten und keine Studenten-WG, dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ein durchgeknallter Medizinstudent war. Das Gesch\u00e4ft florierte, und innerhalb von kurzer Zeit baute sich Herr Pahl einen festen Kundenstamm auf. Eines Tages nahm er mich jedoch beiseite und sagte so beil\u00e4ufig wie m\u00f6glich: \u00abWenn in n\u00e4chster Zeit jemand anruft, den du nicht kennst, sag bitte, ich w\u00e4re nicht da, und du w\u00fcsstest nicht, wo ich in den n\u00e4chsten Tagen zu erreichen bin \u2026\u00bb Dann verschwand er.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil malte mir panisch aus, wie zwei Herren mit dunklen Sonnenbrillen vor der T\u00fcr stehen und mir erst mal den kleinen Finger brechen w\u00fcrden, bevor ich einwenden k\u00f6nnte, dass ich gar nicht Herr Pahl sei und auch sonst von nichts, von rein gar nichts, w\u00fcsste.<\/p>\n<p>Soweit kam es zum Gl\u00fcck nicht. Wahrscheinlich auch deswegen, weil Frank, als er nach ein paar Tagen wieder auftauchte, aus unerfindlichen Gr\u00fcnden das Bremsscheiben-Business verlie\u00df, um sich k\u00fcnftig dem Vertrieb von Beluga-Kaviar zu widmen, den er in der Weihnachtszeit \u00abVon Studenten f\u00fcr Studenten\u00bb am Schwarzen Brett der Mensa anbot. Aber das ist eine andere Geschichte\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-660446\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/vince.jpg\" alt=\"vince\" width=\"321\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/vince.jpg 321w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2016\/03\/vince-193x300.jpg 193w\" sizes=\"auto, (max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/p>\n<p><strong>Vince Ebert: &#8222;Unberechenbar &#8211; Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen&#8220;. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 256 Seiten, 16,99 Euro. Link zum Shop:\u00a0<\/strong><strong><a href=\"http:\/\/www.rowohlt.de\/paperback\/vince-ebert-unberechenbar.html\">http:\/\/www.rowohlt.de\/paperback\/vince-ebert-unberechenbar.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zufall statt Irrtum<\/strong><\/p>\n<p>Frank \u00abPorsche\u00bb Pahl ging sein Leben unorthodox, furchtlos und stets chaotisch an. Seine Familie hatte wenig Geld und konnte ihn deshalb nicht bei der Finanzierung seines Studiums unterst\u00fctzen. Also wurde er kreativ und nahm jede M\u00f6glichkeit wahr, selbst Geld f\u00fcr seine Ausbildung zu verdienen. Bot sich eine gute Gelegenheit, nutze er sie. Er wollte aus eigener Kraft sein Studium erfolgreich abschlie\u00dfen. Um dieses Ziel zu erreichen, war er extrem flexibel und anpassungsf\u00e4hig. Er plante nicht viel, sondern machte! Und er hatte kein Problem damit, kleinere, mitunter abstruse Gesch\u00e4ftsideen zu entwickeln, sie wieder \u00fcber den Haufen zu werfen und danach neue Chancen\u00a0zu ergreifen, um seinem Ziel n\u00e4herzukommen. \u00ab\u00dcbertriebene Planung ersetzt nur den Zufall durch den Irrtum\u00bb, sagte er einmal zu mir. Erst sp\u00e4ter erfuhr ich, dass er diesen Spruch von Albert Einstein geklaut hatte.<\/p>\n<p>Ich gebe zu: Damals habe ich Frank ein wenig bel\u00e4chelt, mein Leben verlief so ganz anders als seins. Ich schaute nicht nach links und rechts, studierte schnell und effizient, wollte zielstrebig in der Wirtschaft Karriere machen und kam nie auf die Idee, dass mich auf diesem geraden Weg irgendetwas aus der Bahn werfen k\u00f6nnte. H\u00e4tte mir damals jemand gesagt, womit ich heute mein Geld verdiene, ich h\u00e4tte ihn f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Risse im perfekt geplanten Lebensentwurf<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zeit als Unternehmensberater traten die ersten Risse in meinem so perfekt geplanten Lebensentwurf auf. Nach dem irritierenden Vorstellungsgespr\u00e4ch beim Industriegase- Hersteller fiel mein auf Effizienz getrimmtes Kartenhaus in sich zusammen. Als mein pers\u00f6nlicher Schwarzer Schwan in Form einer toughen Personalchefin auftauchte, verstand ich pl\u00f6tzlich, dass Frank mit seiner flexiblen und offenen Herangehensweise viel besser f\u00fcr das Leben ger\u00fcstet war als ich. Inzwischen arbeitet er \u00fcbrigens sehr erfolgreich als Eink\u00e4ufer eines gro\u00dfen Klinikbetreibers. Sollte sich also kurz vor Ihrer OP ein Typ \u00fcber Sie beugen und Ihnen einen K\u00fchlergrill oder einen g\u00fcnstigen Satz Winterreifen anbieten, wissen Sie, wen Sie vor sich haben.<\/p>\n<p>Die meisten Menschen sind nicht wie mein ehemaliger Mitbewohner. Scheitern und Fehlermachen sind nicht vorgesehen, Planungssicherheit und Perfektionismus haben bei uns Deutschen einen hohen Stellenwert. Nicht umsonst sind wir Weltmarktf\u00fchrer bei Pr\u00e4zisionsmessger\u00e4ten, Betonpumpen, Hundeleinen oder Zahnarztst\u00fchlen. Die deutsche Gr\u00fcndlichkeit ist sprichw\u00f6rtlich und weltweit angesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Perpetuum Mobile der Ineffizienz<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch hat dieser Perfektionsdrang eine Kehrseite. Wer n\u00e4mlich mit aller Kraft versucht, Fehler zu vermeiden, wer von Anfang an Unw\u00e4gbarkeiten und \u00dcberraschungen ausblendet und stattdessen eine Entwicklung von A bis Z durchplant, f\u00e4hrt mit seinem Perfektionsstreben nicht selten gegen die Wand. Prominentestes Beispiel sind die Kommunisten, die besessen davon waren, eine ganze Volkswirtschaft am Rei\u00dfbrett zu planen. Um die Energieversorgung zu sichern, baute man im alten Russland gigantische Maschinen, die Kohle und Erz f\u00f6rderten. Dann verbrannte man die Kohle, um das Erz zu schmelzen, das man dann zum Bau von gigantischen Maschinen benutzte, die Kohle und Erz f\u00f6rderten. Ein Perpetuum Mobile der Ineffizienz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wowereit als Projektplaner<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl bisher noch jede staatlich gelenkte Planwirtschaft in den Ruin f\u00fchrte, ist man in der Politik ganz vernarrt in den Gedanken, die Geschicke eines Landes mit unz\u00e4hligen Regelungen, Gesetzen und Verordnungen fl\u00e4chendeckend zu planen. Was freilich nicht immer nur Nachteile hat. Sollte Deutschland je wieder auf die Schnapsidee kommen, einen Weltkrieg anzuzetteln, muss man nur Klaus Wowereit als Projektplaner einsetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Wertigkeit von Frauen: Soviel wie ein leerer Stuhl<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen gibt es sogar gesetzlich vorgeschriebene Frauenquoten in DAX-Konzernen, mit der Folge, dass Aufsichtsratsposten bei Nicht-Erf\u00fcllung der Quote unbesetzt bleiben. Nach dieser Logik z\u00e4hlt eine Frau so viel wie ein leerer Stuhl. Ich glaube, das haben sich Pionierinnen der Emanzipationsbewegung irgendwie anders vorgestellt. W\u00e4re Martin Luther King Deutscher gewesen, h\u00e4tte er h\u00f6chstwahrscheinlich nicht gerufen \u00abI have a dream\u00bb, sondern \u00abI have a plan\u00bb.<\/p>\n<p>\u00abIch wei\u00df gar nicht, was du hast\u00bb, sagte Valerie vor einiger Zeit zu mir, als sie vom Einkaufen zur\u00fcckkam. \u00abVor einem Br\u00fcckentag ist es zum Beispiel irrsinnig wichtig, vorauszuplanen.\u00bb W\u00e4hrenddessen verr\u00e4umte sie zw\u00f6lf Flaschen Listerine und Unmengen von Zahnpastatuben in unseren Spiegelschrank. Sollte irgendwann ein Atomkrieg ausbrechen und wir m\u00fcssten uns drei, vier Jahre lang im Keller verbarrikadieren \u2013 wir w\u00fcrden den Super-GAU auf jeden Fall mit blendend wei\u00dfen Z\u00e4hnen \u00fcberleben. Und mit der \u00fcbrig gebliebenen Zahnseide k\u00f6nnten wir uns problemlos Socken, Pullis und warme Decken stricken.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind Pl\u00e4ne wichtig. Sie dienen als Orientierungshilfen. Aber Pl\u00e4ne nutzen \u00fcberhaupt nichts, wenn man sie nicht permanent mit der Realit\u00e4t abgleicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pflege die Dinge die funktionieren, aber probiere immer etwas Neues aus<\/strong><\/p>\n<p>Vor einigen Jahren hat der Shell-Konzern eine Untersuchung durchgef\u00fchrt, mit der man herausfinden wollte, welche charakteristischen Merkmale Konzerne besitzen, die sich schon 100 Jahre und l\u00e4nger erfolgreich auf dem Markt behaupten. Das Ergebnis der Studie war nicht weiter erstaunlich: Die langlebigen Unternehmen sind nicht diejenigen, die nach strengen planwirtschaftlichen Methoden gef\u00fchrt werden, sondern die, die besonders aufgeschlossen gegen\u00fcber Neuem sind; die bereit sind,\u00a0kontinuierlich zu lernen und sich zu ver\u00e4ndern. Die Grundregel f\u00fcr langlebigen Unternehmenserfolg hei\u00dft demnach: Pflege die Dinge, die gut funktionieren, probiere aber gleichzeitig immer etwas Neues aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Erfolgsrezept von Ikea: kein Masterplan, aber flexible Reaktionen auf Ungeplantes<\/strong><\/p>\n<p>Kein Wunder, denn Fortschritt und Innovation lassen sich eben nicht per Beschluss von oben verordnen. Die Schweden hatten jahrelang in Deutschland ein Z\u00fcndholzmonopol: Welth\u00f6lzer! Bedingt durch das starre Monopol war es nicht notwendig, besonders einfallsreich zu werden. Deshalb haben die Schweden auch lange Zeit nichts Brauchbares hingekriegt. Erst als ihr Monopol auslief, sind sie kreativ geworden und haben die Z\u00fcndh\u00f6lzer zu M\u00f6beln zusammengeklebt. Ikea ist ein bemerkenswertes Beispiel f\u00fcr ein Unternehmen, das gerade nicht durch einen festen Masterplan, sondern durch flexibles Reagieren auf ungeplante Ereignisse gro\u00df geworden ist.<\/p>\n<p>Streiks von Lieferanten f\u00fchrten dazu, dass man sich entschloss, eine eigene M\u00f6belkollektion zu entwerfen. Transportprobleme dazu, dass man flache Verpackungen einf\u00fchrte. \u00dcberforderte Mitarbeiter waren der Grund f\u00fcr die Einf\u00fchrung des Selbstbedienungskonzepts. Ikea ist deswegen erfolgreich, weil es charakteristisch f\u00fcr die Ergebnisse der Shell-Studie ist: Plane sorgf\u00e4ltig, sei stets offen f\u00fcr \u00dcberraschungen, passe dich den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden an, steige vom Pferd ab, wenn es tot ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Deutsche Fehlerintoleranz nur aus nackter Angst &#8211; mit fatalen Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Alles Eigenschaften (bis auf die erste vielleicht), mit denen wir Deutschen uns nachweislich schwerer tun als andere Nationen. Wenn in Deutschland ein Mitarbeiter eine unorthodoxe Gesch\u00e4ftsidee oder ein revolution\u00e4res Produkt vorschl\u00e4gt, aber zu f\u00fcnf Prozent irrt, dann nageln wir ihn gerne bei diesen f\u00fcnf Prozent fest, anstatt den guten Gedanken darin aufzunehmen. Und das ist sogar wissenschaftlich best\u00e4tigt. Der Managementforscher Michael Frese untersuchte die Toleranz gegen\u00fcber Fehlern in 61 verschiedenen Industriel\u00e4ndern. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Deutschland lag in dieser Vergleichsstudie auf dem vorletzten Platz, knapp vor Singapur.<\/p>\n<p>\u00abNa und?\u00bb, sagt J\u00fcrgen, mein Controller-Freund, w\u00e4hrend er sein Altpapier auf DIN A4 faltet und sorgf\u00e4ltig abheftet. \u00abWir haben halt einen Hang zum Perfektionismus. Das ist doch nicht schlimm!\u00bb DOCH! Denn oft hat unsere Fehlerintoleranz weniger mit dem Drang nach Perfektion zu tun, sondern mit purer, nackter Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Absurde Chef-Anweisungen<\/strong><\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt das immer auf, wenn ich f\u00fcr das \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehen arbeite. Vor jedem Dreh muss auf jeder noch so unverf\u00e4nglichen Verpackung akribisch der Markenname abgeklebt werden, damit man sich nicht dem Verdacht der Schleichwerbung aussetzt. Selbst bei einer Coca-Cola-Dose, die aufgrund ihrer typischen Farbgebung aus 30 Meter Entfernung problemlos als <em>Coca-Cola<\/em>-Dose erkennbar ist, muss das sein. Einmal wurde sogar diskutiert, das Wasser aus einer Mineralwasser-Flasche auszuleeren und durch Leitungswasser ersetzen, damit man keinesfalls erkennt, dass es sich um <em>Evian <\/em>handelt.<\/p>\n<p>Redet man mit den Redakteuren \u00fcber diese absurden Anweisungen, erf\u00e4hrt man: Es sind oft gar nicht ihre eigenen \u00c4ngste und Bedenken, sondern sie versuchen, m\u00f6gliche Einw\u00e4nde anderer\u00a0vorzuwegnehmen und steigern sie in ein unermessliches Horrorszenario. \u00abAlso ICH habe nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt kein Problem mit dem <em>Evian<\/em>-Wasser, aber wenn dann jemand einen Leserbrief schreiben w\u00fcrde, und die Sekret\u00e4rin vom Intendanten w\u00fcrde den lesen und daraufhin ihrem Chef erz\u00e4h \u2026\u00bb \u2013 Mannmannmann!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zwei Leute mit Ideen &#8211; gef\u00fchlte 200 Leute, die sie verhindern<\/strong><\/p>\n<p>So kommen in vielen TV-Redaktionen auf zwei Leute, die gute Ideen haben, gef\u00fchlt 200, die daf\u00fcr sorgen, sie zu verhindern. \u00abTut mir leid, das kann ich nicht entscheiden\u00bb, hei\u00dft es dann oft. \u00abICH w\u00fcrde ja gerne, aber das f\u00e4llt nicht in meinen Kompetenzbereich\u00bb. H\u00e4tten das mal mehr Deutsche vor 80 Jahren gesagt, als es hie\u00df: \u00abAuf nach Stalingrad!\u00bb. \u00abOh, tut mir leid. Das kann ich nicht entscheiden. In dem Gebiet kenne ich mich auch gar nicht aus \u2026\u00bb<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, h\u00e4tte man den \u00d6ffentlich-Rechtlichen \u00abDer wei\u00dfe Hai\u00bb als Drehbuch angeboten, h\u00e4tte ein zwanzigk\u00f6pfiges Gremium nach vier Monaten entschieden: \u00abOkay, machen wir. Aber nur, wenn die Geschichte am Bodensee spielt und der Fisch mit Jan Josef Liefers besetzt wird.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In USA Voraussetzung, in Deutschland das\u00a0Aus: ein erfolgloses Startup<\/strong><\/p>\n<p>Einer Studie des <em>Global Entrepreneurship Monitors <\/em>von 2010 zufolge k\u00f6nnen sich nur vier Prozent aller deutschen Erwerbst\u00e4tigen vorstellen, ein Unternehmen zu gr\u00fcnden. Mehr als 40 Prozent der Befragten nannten die Angst vor dem Scheitern als Hauptgrund, es nicht zu tun. Wer dagegen im Silicon Valley nicht zwei, drei Startups in den Sand gesetzt hat, wird dort gar nicht erst ernst genommen. Wer wiederum in Deutschland mit einer Gesch\u00e4ftsidee scheitert, dem nimmt der negative Schufa-Eintrag jegliche weitere Chance auf einen Neubeginn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lieber Steuerberater als ein Startup, das das Land voran bringt<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Staat in den USA, in Israel oder China innovativen Hightech-Nerds eine Plattform f\u00fcr ihre Gr\u00fcnderideen bietet, \u00fcberlegen sich deutscher Startupper lieber, sich mit einer flippigen Steuerkanzlei selbstst\u00e4ndig zu machen. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Steuerberater fast verdoppelt. Was k\u00f6nnten all diese vielen intelligenten Menschen f\u00fcr unser Land leisten! Sie k\u00f6nnten ein Krebsmedikament erfinden, eine revolution\u00e4re App oder eine neue Energieform. Doch wof\u00fcr verschwenden sie ihren Kopf? F\u00fcr Beitragsbemessungsgrenzen, Abschreibungen, Freibetr\u00e4ge und \u00e4hnlichen Kokolores.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Arthur Fischer ist mit 94 Jahren immer noch voller Ideen<\/strong><\/p>\n<p>Dabei stecken doch Gr\u00fcndergeist und Lust an der Innovation in uns Deutschen drin! Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mich lange mit Artur Fischer zu unterhalten, dem Erfinder des Fischer-D\u00fcbels und dem Inhaber von \u00fcber tausend weiteren Patenten. Zum Zeitpunkt unseres Zusammentreffens war Herr Fischer bereits 94 Jahre alt, strotzte aber immer noch vor Ideen und hatte keinerlei Angst vor dem Scheitern. \u00abWissen Sie Herr Ebert\u00bb, gestand er mir mit einem verschmitzten L\u00e4cheln \u00abvieles, was ich in meinem Leben erfunden habe, war ziemlicher Unsinn.<\/p>\n<p>Einmal habe ich einen vollautomatischen Eierk\u00f6pfer konstruiert. Und wissen Sie, was ich dabei vergessen habe? Dass sich H\u00fchner konsequent weigern, gleich gro\u00dfe Eier zu legen.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine erfolgreiche Gesch\u00e4ftsidee: eine App, die Furzger\u00e4usche macht<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich birgt jede unternehmerische Entscheidung immer ein gewisses Risiko. Doch ohne dieses Risiko gibt es keinen Fortschritt. Wissen Sie, was iFart ist? Das war eine Zeitlang eine der erfolgreichsten Apps f\u00fcr das iPhone. Und alles, was diese App konnte, war, Furzger\u00e4usche imitieren. Und nun stellen Sie sich einen Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen vor, der bei einem Innovationsworkshop die Idee f\u00fcr ein solches Produkt pr\u00e4sentiert. W\u00fcrden Sie seinen Vorschlag weiterverfolgen? Wohl nicht. Die Idee ist dumm, albern und kindisch \u2013 aber \u00e4u\u00dferst erfolgreich.<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch komplett in die Hose gehen k\u00f6nnen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber wer erfolgreich sein will, wer Neues und \u00dcberraschendes entwickeln m\u00f6chte, kommt eben nicht umhin, Fehlschl\u00e4ge in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die erfolgreichste Sitcom fiel beim Test durch und kam nur als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer ins Programm &#8211; eigentlich<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich als Kind Mist gebaut hatte, sagte meine Oma zu immer mir: \u00abBub, aus Fehlern lernt man!\u00bb Denn selbst die perfekteste Planung kann nicht vorhersehen, ob aus einer Sache etwas wird. Die erfolgreichste amerikanische Sitcom <em>Seinfeld <\/em>fiel bei Testzuschauern durch und kam nur deswegen \u00fcberhaupt ins Programm, weil zuf\u00e4lligerweise ein Sendeplatz in den Ferien frei wurde.<\/p>\n<p>Als Ford den <em>Minivan <\/em>herstellen wollte, f\u00fchrten sie eine Kundenbefragung durch. Keiner wollte ihn. Sein Erfinder Hal Sperlich war daraufhin so genervt, dass er zu <em>Chrysler <\/em>wechselte. Dort wurde der Van trotz der schlechten Marktforschungsergebnisse gebaut \u2013 und entpuppte sich als Megaseller.<\/p>\n<p>Ende der siebziger Jahre sickerte durch, dass <em>Sony <\/em>einen tragbaren Kassettenrekorder plant. Alle deutschen <em>Sony<\/em>-Manager haben gesagt: Das wird sich nicht durchsetzen! \u00abAber sie haben doch Recht gehabt\u00bb, meinte J\u00fcrgen, als ich ihn mit diesem Beispiel von meiner Sichtweise \u00fcberzeugen will. \u00abWer bittesch\u00f6n benutzt heute noch einen <em>Walkman<\/em>?\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Tester etwas ablehnen, nur weil es neu und anders ist<\/strong><\/p>\n<p>Was all diese Erfolge gemein hatten: Sie wurden vom Testpublikum nicht deswegen abgelehnt, weil sie schlecht waren, sondern weil sie neu und anders waren. Genau an diesem Punkt versagt n\u00e4mlich klassische Marktforschung. Konsumenten wissen oft nicht, was sie wollen. Niemand stimmte jemals \u00fcber den Buchdruck oder \u00fcber elektrischen Strom ab, \u00fcber Autos, Flugzeuge, Penicillin oder die Pille. Doch als die Dinge auf dem Markt waren, konnten sich die Menschen nichts Tolleres vorstellen.<\/p>\n<p>Ich behaupte sogar: Wer intensiv Marktforschung betreibt, hat vor allem Angst. Man f\u00fcrchtet sich davor, eine k\u00fchne Idee zu produzieren, die gnadenlos abst\u00fcrzen k\u00f6nnte. Sam Phillips, der Produzent von <em>Sun Records<\/em>, sagte dazu: \u00abImmer, wenn du denkst, du w\u00fcsstest jetzt, was die Leute wollen, wei\u00dft du in Wahrheit nur, dass dich ein Idiot anschaut, wenn du das n\u00e4chste Mal vor den Spiegel trittst.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Marktforschung, um die Verantwortung abschieben zu k\u00f6nnen beim Fehlschlag<\/strong><\/p>\n<p>Deswegen beauftragt man lieber ein Marktforschungsinstitut. Wenn die Sache dann floppt, kann man ihm wenigstens die Verantwortung zuschieben. Am g\u00e4ngigsten ist dieses Prozedere bei Radiosendern. Dort wird buchst\u00e4blich jeder Song vorab von Testh\u00f6rern abgesegnet. Genau aus diesem Grund jagen s\u00e4mtliche Radiosender von hier bis Trier dieselben m\u00fcden \u00abHits der 80er, 90er und das Beste von heute!\u00bb \u00fcber den \u00c4ther. Hysterisch-aufgekratzte Radiomoderatoren terrorisieren t\u00e4glich ab 5:30 Uhr die Nation mit guter Laune und d\u00e4mlichen Kartenverlosungen f\u00fcr das \u00abKleinste Konzert der Welt\u00bb oder die gro\u00dfe \u00abDiscoparty in Hanau-Bruchk\u00f6bel\u00bb. Dazwischen gibt\u2019s die besten Hits von John Bon Jovi, James Blunt, John Bon Jovi und James Blunt. Alle paar Monate wagt man ein vollkommen verr\u00fccktes Experiment, mischt einen brandneuen Kracher-Hit in die Heavy Rotation und feiert die S\u00fclze am Mikrophon ab, als h\u00e4tte man gerade das Rad erfunden. \u00abHeute f\u00fcr Euch \u2013 James Blunt mit einer unplugged-Version von John Bon Jovis Hit: It\u2019s my life! \u2013 Bleibt dran!\u00bb<\/p>\n<p>Trotzdem gilt in vielen Unternehmen nach wie vor das Mantra, den Kunden haarklein nach seinen Bed\u00fcrfnissen und W\u00fcnschen zu befragen. Doch schon Henry Ford wusste: \u00abWenn ich die Menschen gefragt h\u00e4tte, welches Fortbewegungsmittel sie haben wollen, h\u00e4tten sie gesagt: schnellere Pferde.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Unternehmen kluge Menschen an Bord haben, sie aber\u00a0nicht lassen<\/strong><\/p>\n<p>Der Grund, weshalb planwirtschaftlich gelenkte Organisationen so innovationstr\u00e4ge, einfallslos und unflexibel sind, ist nicht, dass es in diesen Organisationen keinen klugen Menschen gibt. Vielmehr ist das System an sich unf\u00e4hig, mit Experimenten umzugehen und gegebenenfalls Fehler zuzulassen. Man versucht aus panischer Angst vor dem Scheitern, jedes noch so kleine Risiko zu vermeiden, und dabei realisiert man nicht, dass man sich gerade dadurch die gr\u00f6\u00dften Chancen und M\u00f6glichkeiten verbaut.<\/p>\n<p>Ich finde, da k\u00f6nnen wir uns von den Amerikanern etwas abschauen. W\u00e4hrend wir Deutschen gerne \u00fcber eine perfekte L\u00f6sung gr\u00fcbeln, sagen die sich: Wir machen einfach! Statt einem \u00abYes! We! Can!\u00bb sagen wir im Zweifel: \u00abAch lass ma \u2026\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00abJeder Tag ist ein Geschenk!\u00bb, ruft der Amerikaner. Und der Deutsche antwortet: \u00ab\u2026 aber schei\u00dfe verpackt.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>1961 trat John F. Kennedy vor sein Volk und sagte \u00abInnerhalb dieser Dekade fliegen wir auf den Mond.\u00bb Das war die Vision. Mehr gab JFK nicht vor. Und acht Jahre sp\u00e4ter haben die das dann gemacht! Praktisch ohne Computertechnologie und ohne vorgegebene Organisationsstrukturen. Doch genau diese Offenheit setzte bei allen Beteiligten den unbedingten Willen und den n\u00f6tigen Pioniergeist frei, um dieses gro\u00dfe Ziel zu erreichen. Heute sitzen in Deutschland bei jedem Mini-Projekt 20 Controller und 50 Juristen, die jede m\u00f6gliche Gefahr und jedes noch so klitzekleine Risiko pr\u00fcfen. Und eine Gleichstellungsbeauftragte sorgt daf\u00fcr, dass dabei alles politisch korrekt zugeht. So fliegst du nicht auf den Mond. So fliegst du nicht mal von Berlin aus irgendwohin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vollkaskomentalit\u00e4t z\u00fcchtet Weicheier und Angsthasen<\/strong><\/p>\n<p>Wer \u00fcberall nur Risiken sieht und Bedenken vor sich hertr\u00e4gt, z\u00fcchtet sich eine Gesellschaft von Angsthasen und Weicheiern heran. \u00abStammzellenforschung? \u2013 zu unberechenbar\u00bb, sagen die Kirchen. \u00abGentechnik? \u2013 viel zu gef\u00e4hrlich!\u00bb, sagt Greenpeace. \u00abFracking? \u2013 Och n\u00f6, ich trag\u2019 lieber Jeans und T-Shirt \u2026\u00bb, sagt mein Nachbar. Doch seien wir mal ehrlich: Diese Vollkaskomentalit\u00e4t ist nicht besonders sexy. Wir Deutschen sind vermutlich die einzigen, die vor einen Abenteuerurlaub eine Reiser\u00fccktrittsversicherung abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wennn sich die bl\u00f6de Realit\u00e4t nicht an die sch\u00f6ne Theorie h\u00e4lt<\/strong><\/p>\n<p>Statt sich flexibel und offen auf die Herausforderungen von Morgen einzulassen, statt anzupacken und das Risiko einzugehen, scheitern zu k\u00f6nnen, schmieden wir lieber im stillen K\u00e4mmerlein einen gro\u00dfen, allumfassenden Plan. Und wenn sich der Plan nicht erf\u00fcllt, lag es wenigstens nicht an uns, sondern daran, dass sich diese bl\u00f6de Realit\u00e4t aus unerfindlichen Gr\u00fcnden nicht an unsere penibel ausgearbeitete Theorie gehalten hat. Im Grunde ist jede planwirtschaftliche Idee eine Utopie. Das Problematische an utopischen Ideen ist jedoch, dass sie nicht realisierbar sind. Fast alle Utopien ignorieren grunds\u00e4tzliche menschliche Verhaltensweisen und meist sogar fundamentale physikalische oder \u00f6konomische Gesetze. Utopische Projekte gen\u00fcgen sich dadurch, dass sie unerreichbare Ziele setzen, an die viele dennoch glauben: Weltfrieden, saubere und gleichzeitig billige Energie, das Ende des Kapitalismus, der Mensch im perfekten Gleichgewicht mit der Natur.<\/p>\n<p>Utopien sind ein bisschen wie eine Gruppe von Personen, die sich zu einer gemeinsamen Reise nach Australien entschlie\u00dft, ohne sich \u00fcber das Fortbewegungsmittel Gedanken zu machen. Und nach f\u00fcnf Jahren wundern sich alle, dass sie immer noch im Odenwald herumstehen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Utopien sind Visionen etwas v\u00f6llig anderes. Visionen sind Ideen, die eindeutig realisierbar sind und gleichzeitig tiefe Sehns\u00fcchte in uns wecken. Sie rufen ein Bed\u00fcrfnis hervor, das uns vorher vollkommen unbekannt war. Oder h\u00e4tten Sie vor 20 Jahren gedacht, es w\u00fcrde Menschen Spa\u00df machen, mit einer Fernbedienung wie ein Irrer vor einem Bildschirm herumzufuchteln und imagin\u00e4res Tennis zu spielen?<\/p>\n<p>Wer sich st\u00e4ndig an Planzahlen und Exceltabellen h\u00e4lt, wer Risiken minimieren m\u00f6chte und alles Unberechenbare wegrationalisiert, der erfindet keine <em>Wii<\/em>, kein <em>RedBull<\/em>, keine Gl\u00fchbirne und keinen <em>Porsche 911 <\/em>\u2013 und erst Recht keine clevere Energieversorgung f\u00fcr die Zukunft. Nur Tr\u00e4umer und Vision\u00e4re mit einer kindlich-naiven Weltsicht bringen solche Ideen hervor. Wenn zentrale Planung und B\u00fcrokratie je etwas Innovatives zustande gebracht h\u00e4tte, dann l\u00e4ge das Silicon Valley nicht bei San Francisco sondern in der N\u00e4he von Br\u00fcssel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch beim Radfahren-Lernen f\u00e4llt man hin und steht wieder auf<\/strong><\/p>\n<p>Bei unserer vollkaskoversicherten Lebensplanung vergessen wir oft, was die Voraussetzung f\u00fcr wirkliche Freude ist: das Misslingen. Wie haben Sie Fahrradfahren gelernt? Indem Sie nach dem Hinfallen immer wieder aufgestanden sind. Wahre Freude erleben wir nur nach Anstrengungen, nach Grenz\u00fcberschreitung und nach dem Eingehen von Risiken. \u00abInnerhalb dieser Dekade fliegen wir auf den Mond.\u00bb Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir auf die Fresse fliegen. \u00abNa und?\u00bb, sagte mein alter WG-Kumpel Frank dann immer. \u00abSchrammen sind sexy. Angstschwei\u00df nie.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vince Ebert &#8211; Moderator, Kabarettist und Autor &#8211; hat sein neues Buch &#8222;Unberechenbar &#8211; Warum das Leben zu komplex ist, um es konkret zu planen&#8220; vorgelegt. Hier ein Kapitel als Buchauszug. Mehr \u00fcber Vince Ebert hier an anderer Stelle bereits: &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2016\/03\/02\/buchauszug-unberechenbar-von-vince-ebert-wenn-sich-die-bloeder-realitaet-nicht-an-die-schoene-theorie-haelt\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[5511,1890,5512,4076],"class_list":["post-660393","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-unberechenbar","tag-buchauszug","tag-rowohlt-taschenbuch","tag-vince-ebert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660393","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=660393"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/660393\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=660393"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=660393"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=660393"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}