{"id":658802,"date":"2015-10-15T01:22:56","date_gmt":"2015-10-14T23:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=658802"},"modified":"2015-10-15T01:22:56","modified_gmt":"2015-10-14T23:22:56","slug":"buchauszug-kirsten-schubert-plotzlich-und-unerwartet-warum-erben-testamentsvollstreckern-ausgeliefert-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2015\/10\/15\/buchauszug-kirsten-schubert-plotzlich-und-unerwartet-warum-erben-testamentsvollstreckern-ausgeliefert-sind\/","title":{"rendered":"Buchauszug Kirsten Schubert: &#8222;Pl\u00f6tzlich und unerwartet&#8220; &#8211; warum Erben Testamentsvollstreckern ausgeliefert sind"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0Buchauszug:<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Kaum eine famili\u00e4re Angelegenheit ist mit mehr ambivalenten Gef\u00fchlen verbunden als das Vererben und das Erben. Das musste Kirsten Schubert am eigenen Leib erfahren, als ihr Vater, Inhaber eines mittelst\u00e4ndischen Familienunternehmens, unvermittelt starb und sie pl\u00f6tzlich vor der Entscheidung stand: Unternehmen verkaufen oder weiterf\u00fchren, aber mit einem ihr vor die Nase gesetzten Testamentsvollstrecker, der dort 30 Jahre lang das Sagen gehabt h\u00e4tte. In \u00bbPl\u00f6tzlich und unerwartet\u00ab nimmt sie die Leser mit auf ihre pers\u00f6nliche Irrfahrt durch die vielen Instanzen der Erbschafts- und Nachfolgeregelungen.&#8220;, schreibt der Murmann Verlag \u00fcber sein neues Werk der D\u00fcsseldorferin Kirsten Schubert, Mit-Erbin des Familienunternehmens Schubert Unternehmensgruppe.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Und weiter: \u00a0&#8222;Einerseits wollte er, dass seine Kinder existenziell abgesichert und sorgenfrei aufwachsen und dass sein Lebenswerk fortgef\u00fchrt w\u00fcrde. Andererseits stand immer der latente Vorwurf im Raum, dass ich als Nachfolgerin kaum w\u00fcsste, was harte und entbehrungsreiche Arbeit f\u00fcr ein Unternehmen bedeutet.&#8220; Es ist eine sehr pers\u00f6nliche Reise, die eine Problematik zeigt, die den meisten Menschen, ob Erblassern oder Erben, nicht bewusst ist \u2013 oder gerne verdr\u00e4ngt wird. Denn wer redet schon gerne \u00fcber den Tod? Neben ihrem eigenen Schicksal besch\u00e4ftigt sich die Autorin Kirsten Schubert mit einer gro\u00dfen Bandbreite \u00e4hnlicher F\u00e4lle, wie dem Erbschaftsstreit um bekannte Unternehmen wie Axel Springer oder Robert Bosch.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_658804\" style=\"width: 544px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/2015_Dr.KirstenSchubert_copyright_Claudia-Kempf_Presse_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-658804\" class=\"size-full wp-image-658804\" alt=\"Kirsten Schubert, Autorin des Buchs &quot;Pl\u00f6tzlich und unerwartet. Der steinige Weg der Erben und Unternehmensnachfolger&quot;\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/2015_Dr.KirstenSchubert_copyright_Claudia-Kempf_Presse_sw.jpg\" width=\"534\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/2015_Dr.KirstenSchubert_copyright_Claudia-Kempf_Presse_sw.jpg 534w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/2015_Dr.KirstenSchubert_copyright_Claudia-Kempf_Presse_sw-246x300.jpg 246w\" sizes=\"auto, (max-width: 534px) 100vw, 534px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-658804\" class=\"wp-caption-text\">Kirsten Schubert, Autorin des Buchs &#8222;Pl\u00f6tzlich und unerwartet. Der steinige Weg der Erben und Unternehmensnachfolger&#8220;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>13. Die Dauertestamentsvollstreckung und das Bild der\u00a0schwachen Frauen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Warum hatte mein Vater verf\u00fcgt, dass meine Schwester und ich im Fall einer Nichtver\u00e4u\u00dferung der Firma unter Aufsicht einer Dauertestamentsvollstreckung stehen? Das war sicher keine Absicht, sondern wiederum eine Nachl\u00e4ssigkeit. Er hat sich dar\u00fcber wohl schlichtweg keine Gedanken gemacht. Ihm war vermutlich auch nicht klar, dass es verschiedene M\u00f6glichkeiten der Testamentsvollstreckung gibt. Und niemand hatte ihn darauf hingewiesen, dass bei uns eine Abwicklungsvollstreckung vollkommen gereicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Der Abwicklungsvollstrecker leitet die Aufteilung des geerbten Verm\u00f6gens an alle Beg\u00fcnstigten ein und kann auch als Schiedsrichter zwischen Erben wirken.<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re dem Testamentsvollstrecker die wichtige und n\u00fctzliche Aufgabe zugekommen, alle testamentarischen Verf\u00fcgungen m\u00f6glicht rasch und reibungslos umzusetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die\u00a0 Gesetzgebung sieht eine Dauertestamentsvollstreckung vor allem dann vor, wenn das Verm\u00f6gen sehr komplex ist, wenn die Kinder minderj\u00e4hrig sind, wenn sie aus mehreren Ehen stammen oder wenn sie wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage sind, das ererbte Verm\u00f6gen sinnvoll und wirtschaftlich zu verwalten. Experten empfehlen bei besonders jungen Erben eine Begleitung der Erben bis zum 27. Lebensjahr.<\/p>\n<p>Zur Zeit der Testamentsvollstreckung waren meine Schwester und ich um die vierzig. Dazu war ich seit vierzehn Jahren im Unternehmen in f\u00fchrender Stellung t\u00e4tig!\u00a0 F\u00fcr eine Dauertestamtsvollstreckung lag somit nicht ein einziger der genannten triftigen Gr\u00fcnde\u00a0 vor.<\/p>\n<p>In der Rechtssprechung wird \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich und kritisch auf den \u201aEntm\u00fcndigungscharakter\u2019 dieser Ma\u00dfnahme hingewiesen. Doch allem Anschein nach ist die Dauertestamentsvollstreckung dennoch ein probates Mittel, um Erben au\u00dfer Gefecht zu setzen, die zwar rundum gesch\u00e4ftsf\u00e4hig sind, denen der Erblasser aber nicht zutraut, ihr Lebenswerk verantwortungsvoll fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Dauertestamentsvollstreckung ist ein probates Mittel, um Erben au\u00dfer Gefecht zu setzten.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe mich mit einigen solcher F\u00e4lle n\u00e4her besch\u00e4ftigt, und mir ist aufgefallen, dass sich diese testamentarischen Vorkehrungen nicht selten gegen weibliche Erben richten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Horst Sartorius wollte sein Unternehmen \u00fcber den Tod hinaus lenken und sein Verm\u00f6gen vor dem Zugriff seiner Kinder sch\u00fctzen. Zu Lebzeiten hatte er schlechte Erfahrungen mit seinen Nachgeborenen gemacht. Der Sohn hatte die G\u00f6ttinger Firma f\u00fcr Filter- und W\u00e4getechnik in den 1980er Jahren vom Vater \u00fcbernommen und heruntergewirtschaftet. Um das Unternehmen zu retten, kaufte der Senior es f\u00fcr eine hohe Summe zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bevor Horst Sartorius im Alter von 87 Jahren verstarb, verf\u00fcgte er, dass ein renommierter Professor seinen Anteil am Unternehmen 30 Jahre lang verwalten sollte. Den Sohn hat er testamentarisch nicht bedacht. Seine drei T\u00f6chter, alle drei \u00fcber 40 Jahre alt, wollte er aus der Unternehmensf\u00fchrung fernhalten. Ein Verkauf von Anteilen war ihnen ebenso untersagt wie ein Posten im Unternehmensvorstand. Zwei der drei Schwestern waren mit dem Nachlassverwalter nicht zufrieden. Sie dr\u00e4ngen ihn gegen eine Abfindung in Millionenh\u00f6he aus dem Amt. Das sollten sie sp\u00e4ter bitter bereuen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erben ohne Mitspracherecht<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Als Ersatz-Testamentsvollstrecker wurde der Lebensgef\u00e4hrte einer der Schwestern benannt. Doch dagegen ging die dritte Schwester juristisch vor, weil ihrer Ansicht nach die Unabh\u00e4ngigkeit des Mannes nicht gegeben sei. Das Gericht gab ihr recht. Daraufhin bestimmte das Nachlassgericht einen neuen Testamentsvollstrecker, den M\u00fcnchner Professor Arnold Picot. Mit dieser Benennung waren die Erbinnen dem Vernehmen nach allesamt nicht einverstanden. Die Schwestern prozessierten gegen das gerichtliche Ernennungsrecht und wurden abgewiesen. \u201eWunschvollstrecker\u201c waren und sind juristisch nicht vorgesehen. Entscheidend ist immer der Wille des Erblassers. Erben m\u00fcssten sich sogar gefallen lassen, dass ihr \u00bbIntimfeind\u00ab in das Amt berufen wird. Sie haben keine Chance, dagegen rechtlich vorzugehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erben m\u00fcssten sich sogar gefallen lassen, dass ihr \u201aIntimfeind\u2019 zum Testamentsvollstrecker berufen wird.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Picot, der neue Testamentvollstrecker, verwaltete von nun an das Verm\u00f6gen der Sartorius-Erbinnen und wurde, wie testamentarisch verf\u00fcgt, zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Firma berufen. Was fortan unternehmenspolitisch geschah, erfuhren die Erbinnen nur noch aus der Zeitung. Nicht einmal Ihr Dividendenanspruch wurde bedient. Mit den Aussch\u00fcttungen, so der Testamentsvolltrecker, m\u00fcsse ein Kredit abbezahlt werden, der zur Begleichung der Erbschaftssteuer aufgenommen wurde. Die Erbinnen konnten nichts dagegen tun. Der Testamentsvollstrecker \u00fcbte sein Amt praktisch ohne Kontrolle aus, die T\u00f6chter hatten keinerlei Mitspracherechte. Selbst wenn er die Firma v\u00f6llig ruiniert h\u00e4tte \u2013 die T\u00f6chter h\u00e4tten hilflos zusehen m\u00fcssen. Und sogar im Todesfall des Testamentvollstreckers w\u00e4ren die Erbinnen ihren allm\u00e4chtigen \u00bbTreuh\u00e4nder\u00ab nicht losgeworden. In einem solchen Fall w\u00e4re gerichtlich ein neuer Nachlassverwalter berufen worden.<\/p>\n<p>So lenkt die Hand des l\u00e4ngst verstorbenen Patriarchen bis heute die Geschicke des Unternehmens. Und seine T\u00f6chter werden sich dieser Fremdbestimmung bis ins Jahr 2028 beugen m\u00fcssen. Erst dann d\u00fcrfen sie \u00fcber die Aktienmehrheit des Unternehmens verf\u00fcgen. Dann sind die drei Erbinnen selbst um die 80 \u2013 wenn sie diesen Zeitpunkt \u00fcberhaupt noch erleben sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenig durchdachte Regelungen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4tte mein Vater wirklich gewollt, dass seine T\u00f6chter ihr Erbe de facto erst im Greisenalter antreten k\u00f6nnen? Nein, aber es w\u00e4re trotzdem passiert, weil der Testamentsvollstrecker die Stimmenmehrheit in der Gesellschafterversammlung hatte, die zuvor meinem Vater die Freiheit lie\u00dfen, das Unternehmen trotz der Schenkung an seine T\u00f6chter nach seinem Ermessen zu f\u00fchren. Mir als seiner Nachfolgerin w\u00e4re das erst im Jahr 2040 m\u00f6glich gewesen \u2013 im Alter von dann 72 Jahren!<\/p>\n<p>Wenn wir vor dem unseligen Notartermin gemeinsam und ausf\u00fchrlich \u00fcber das Testament gesprochen h\u00e4tten, w\u00e4re uns diese desastr\u00f6se Klausel\u00a0 sicherlich aufgefallen. Doch mein Vater wollte nicht \u00fcber sein Testament reden &#8211; nicht mit uns und nicht mit anderen Beratern. Auch dieses betretene Schweigen \u00fcber den letzten Willen ist offenbar weit verbreitet. \u00bbGespr\u00e4che \u00fcber Erbschaften sind nach den vorliegenden Erkenntnissen in der Regel das Gegenteil eines intensiven Austauschs \u00fcber das F\u00fcr und Wider verschiedener Formen der Verm\u00f6gens\u00fcbertragung.\u00ab, stellt Karsten Schulte fest.[i]\u00a0 Der Autor einer Studie \u00fcber \u00bbErben in Deutschland\u00ab hat sich mit den emotionalen Aspekten von Erbschaften besch\u00e4ftigt und festgestellt, dass viele Erblasser testamentarische Angelegenheiten gerne vor sich herschieben. Sie glauben zwar, alles exakt geregelt zu haben, doch das Gegenteil ist der Fall: \u00bbLetztlich f\u00fchrt dieses weit verbreitete Vermeindungsverhalten zu wenig durchdachten Regelungen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Viele Erblasser glauben, alles exakt geregelt zu haben, doch oft ist das Gegenteil der Fall.<\/strong><\/p>\n<p>Oft werden Testamente im \u00bbstillen K\u00e4mmerlein\u00ab aufgesetzt, und die Familie erf\u00e4hrt h\u00f6chstens, wo das Verm\u00e4chtnis hinterlegt ist. Die Aussagen vieler der befragten Erblasser, so der Autor, legen nahe, \u00bb&#8230;dass eine allzu transparente Regelung \u00fcber die Erbschaft, die auch noch mit den Erben abgestimmt ist, gewisserma\u00dfen eine Vorwegnahme des eigenen Todes darstellt.\u00ab<\/p>\n<p>Dieser \u00bbAbwehrzauber\u00ab l\u00e4sst sich auch mit einfacheren Worten\u00a0 beschreiben: Nach mir die Sintflut &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/schubert-buch-cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-658805\" alt=\"schubert-buch-cover\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/schubert-buch-cover.jpg\" width=\"319\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/schubert-buch-cover.jpg 319w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/10\/schubert-buch-cover-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 319px) 100vw, 319px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kirsten Schubert: &#8222;Pl\u00f6tzlich und unerwartet&#8220;, Murmann Verlag, 200 Seiten, 30 Euro, Link zum Bestellen:\u00a0<a title=\"Murmann Verlag, Kirsten Schubert, &quot;Pl\u00f6tzlich und unerwartet&quot;\" href=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/ploetzlich-und-unerwartet.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.murmann-verlag.de\/ploetzlich-und-unerwartet.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>14. Die \u00fcberforderte Familie \u2013 Existenz\u00e4ngste, Gef\u00fchlschaos und keine Zeit f\u00fcr Trauer<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Als mein Vater mit 69 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts starb, hinterlie\u00df er ein Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro und etwas mehr als 5.000 Mitarbeitern.<\/p>\n<p>Mein Vater verstarb donnerstags am Tegernsee, freitags holte ich meine Mutter zur\u00fcck nach Krefeld, und am Samstag kam die Dame vom Bestattungsinstitut. Wir wollten eine w\u00fcrdevolle Beerdigung, aber ohne zu viel Pomp und erhabenes Gedenken an das Lebenswerk meines Vaters. Mein Vater hatte seinen unternehmerischen Erfolg nie an die gro\u00dfe Glocke geh\u00e4ngt und lieber zur\u00fcckhaltend gearbeitet. Diese Haltung sollte sich in seiner Beisetzung widerspiegeln.<\/p>\n<p>Bei der Auswahl des Sarges trugen wir der k\u00f6rperlichen F\u00fclle und der Bedeutung meines Vaters Rechnung. Wir w\u00e4hlten ein sehr massives Modell. Auch f\u00fcr die Traueranzeigen fanden wir einen guten Weg, ihn so darzustellen, so wie wir ihn sahen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Ich sterbe<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>aber meine Liebe zu Euch stirbt nicht.<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Ich werde Euch vom Himmel aus lieben,<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>wie ich Euch auf Erden geliebt habe.<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Christoph Schubert<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>* 23.11.1940\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u2026\u00a019.8.2010<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Chemnitz\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Rottach-Egern<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Mit seiner Liebe, Herzlichkeit und F\u00fcrsorge<\/em><\/p>\n<p align=\"center\"><em>Bildete er bis heute den Mittelpunkt unserer Familie.<\/em><\/p>\n<p>Leider war mein ehemaliger Religionslehrer und Pastor im Urlaub. Er hatte auch schon f\u00fcr die Beerdigung meiner Gro\u00dfmutter die passenden Worte gefunden. Doch auch die Pastorin unserer Heimatgemeinde machte ihre Sache sehr einf\u00fchlsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits am Sonntag erhielt ich \u00fcber meinen Schwager die Nachricht unseres kaufm\u00e4nnischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers, dass ich mir einen Anwalt nehmen solle. Wozu \u2013 fragte ich mich. Der Inhaber unserer Steuerkanzlei war doch auch Anwalt und unser direkter Ansprechpartner in allen rechtlichen Fragen. Mein Vater hatte dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer wohl vier Wochen vor seinem Tod bei einem Mittagessen gesagt: \u00bbFalls mir etwas zusto\u00dfen sollte, soll sich Kirsten unbedingt einen Anwalt zur \u00dcberpr\u00fcfung der Testamentsvollstreckung nehmen.\u00ab Dass ich f\u00fcr all diese Dinge zust\u00e4ndig sein w\u00fcrde, war von vornherein klar. Meine Schwester und meine Mutter waren zu diesem Zeitpunkt nicht berufst\u00e4tig und hatten auch keinen Einblick ins Unternehmen. Der Organisator in der Familie war ich. Aber, wie es aussah, auf ewig Vaters \u00bbpers\u00f6nliche Assistentin\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckendeckung gesucht<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Doch welchen Anwalt\u00a0 sollte ich beauftragen? Durch mein Netzwerk kannte ich viele Anw\u00e4lte und Unternehmensberater. Aber wer war in dieser Ausnahmesituation die richtige Person, der wir drei Erbinnen &#8211; Mutter, Schwester und ich &#8211; vertrauen konnten?<\/p>\n<p>Seit Jahren war ich ehrenamtlich f\u00fcr eine Stiftung t\u00e4tig, die sich f\u00fcr die Heilung neuronaler Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Querschnittsl\u00e4hmung einsetzt. Dort engagiert sich auch ein Anwalt, von dem ich erst ein halbes Jahr vor dem Tod meines Vaters erfahren hatte, auf welche Themen er spezialisiert ist: Erbrecht, Steuerrecht, Nachfolge und Mergers &amp; Acquisitions.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mergers &amp; Acquisitions: Ein Sammelbegriff f\u00fcr Transaktionen im Unternehmensbereich wie Firmenk\u00e4ufe und -verk\u00e4ufe, Fusionen oder Betriebs\u00fcberg\u00e4nge.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das traf punktgenau meinen Beratungsbedarf. Also rief ich ihn sonntags auf dem Mobiltelefon an, und wir verabredeten direkt f\u00fcr Montag ein Treffen in meinem B\u00fcro. Am Tag vorher hatte ich selbstverst\u00e4ndlich unseren Testamentsvollstrecker \u00fcber das Ableben meines Vaters informiert. Er sollte sich ja wie vom Gesetz vorgesehen um alles Weitere k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Vier Tage\u00a0 nach dem Tod meines Vaters ging ich am Montag wieder ins B\u00fcro. Ich war sehr angespannt und konzentrierte mich mit voller Kraft auf die Jobs, die jetzt erledigt werden mussten. Eigentlich wollte ich nicht gleich die ganze Belegschaft \u00fcber den Tod meines Vaters informieren. Noch hatte ich keinen Plan und keine klare Botschaft zur Fortf\u00fchrung des Unternehmens.<\/p>\n<p>Doch dieser erhoffte Aufschub blieb mir verwehrt. Ein Freund meiner Eltern wusste seit Freitag vom Tod meines Vaters. Am Montag fr\u00fch traf er zuf\u00e4llig Mitarbeiter unseres Unternehmens und sprach sie darauf an, wie schrecklich \u00bbdas alles\u00ab mit meinem Vater w\u00e4re. Au\u00dferdem sprach mir eine Bekannte, die durch eine enge Freundin von dem Trauerfall wusste, per Mail ihr Beileid aus. Die Nachricht ging an meine Firmen-Mailadresse, deren Nachrichten auch meine Assistentin lesen konnte. Ich hatte folglich keine Chance, zu taktieren. Also rief ich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung zusammen und informierte sie pers\u00f6nlich \u00fcber den Tod meines Vaters. Ich sagte ihnen auch, dass noch unklar sei, wie es nun weitergehen solle. Meine Gef\u00fchle waren in diesem Moment wie bet\u00e4ubt, anderenfalls w\u00e4re ich wohl an ihnen zerbrochen.<\/p>\n<p>Nachdem der erste Schock \u00fcberwunden war, boten mir die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ihre\u00a0 Unterst\u00fctzung an. Parallel dazu entwarf meine Assistentin eine Rundmail f\u00fcr die Mitarbeiter, dazu einen Pressetext f\u00fcr externe Anfragen und eine Formulierung f\u00fcr die Todesanzeigen der Firma und des Betriebsrats. Dass die Information \u00fcber den Tod meines Vaters in D\u00fcsseldorf bereits seit Sonntagabend kursierte, erfuhr ich erst sp\u00e4ter. War unser Testamentsvollstrecker ohne R\u00fccksprache und offiziellen Auftrag bereits t\u00e4tig geworden, um nach potentiellen K\u00e4ufern f\u00fcr das Unternehmen Ausschau zu halten? Die Hinweise darauf verdichteten sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Nachlassgericht ben\u00f6tigt die Sterbeurkunde f\u00fcr den Antrag auf Erteilung eines\u00a0<a href=\"https:\/\/mailnew.vhb.de\/owa\/redir.aspx?SURL=0OWaZbC4yxP2Mx8FdX_og6OvqQbo2idxvoxFJHzNQBB9I5hL1dTSCGgAdAB0AHAAcwA6AC8ALwBkAGUALgB3AGkAawBpAHAAZQBkAGkAYQAuAG8AcgBnAC8AdwBpAGsAaQAvAEUAcgBiAHMAYwBoAGUAaQBuAA..&amp;URL=https%3a%2f%2fde.wikipedia.org%2fwiki%2fErbschein\" target=\"_blank\">Erbscheins<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Leichnam meines Vaters befand sich\u00a0 an diesem Montag noch immer am Tegernsee. Nach dem Besuch des Bestatters am Freitag hatte das Standesamt in Rottach-Egern schon Dienstschluss. Und als dann am Montag die Sterbeurkunde vorlag, war es f\u00fcr den Fahrer des Bestattungsinstitutes zu sp\u00e4t, um noch bis Krefeld zu fahren. Den Totenschein bekamen wir erst am Abend des folgenden Dienstags. Mein Schwager holte das Dokument beim Bestattungsunternehmen ab und brachte es mir noch in der Nacht vorbei. Ich brauchte dieses Schriftst\u00fcck dringend, um alles weitere bei Banken, Versicherungen und anderen Stellen zu veranlassen.<\/p>\n<p>Nun konnten wir auch endlich den Bestattungstermin koordinieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein wichtiger Hinweis<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch mit dem Anwalt am Montag erwies sich als sehr n\u00fctzlich. Er gab mir eine Liste von Dokumenten, die ich besorgen sollte, damit er sich ein umfassendes Bild von der Lage machen konnte. Mein Schwager unterst\u00fctzte mich bei der Beschaffung dieser Unterlagen. Auch er war total geschockt \u00fcber den Tod meines Vaters und froh, etwas tun und uns helfen zu k\u00f6nnen. Gl\u00fccklicherweise fanden sich viele Dokumente meines Vaters, wenn auch nur in Kopie und unsortiert, im Tresor meiner Mutter in Krefeld.<\/p>\n<p>Als der Anwalt und ich uns am Nachmittag desselben Tages bei mir zu Hause wieder trafen, machte er mich darauf aufmerksam, dass die Regelung des Nachlasses nicht so einfach werden w\u00fcrde, wie wir glaubten. Er \u00e4u\u00dferte Bef\u00fcrchtungen, dass unser Testamentsvollstrecker ein sehr gewichtiges Wort beim Umgang mit der Zukunft unseres Unternehmens mitzusprechen h\u00e4tte. Ein weiterer Schock f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mittwochmorgens kam der erste Berater einer unserer Banken\u00a0 zu mir nach Hause, um mit der postmortalen Vollmacht, die ich von meinem Vater bekommen hatte, den Nachlass zu regeln. Mit diesem Dokument kann die bevollm\u00e4chtigte Person alle laufenden Gesch\u00e4fte und wichtige Verf\u00fcgungen unmittelbar regeln. Besonders wichtig: diese Vollmacht verhindert, dass es zu einem Rechtsstillstand zwischen dem Erbfall und der endg\u00fcltigen Feststellung des Erbes kommt, sie sch\u00fctzt damit vor der finanziellen Handlungsunf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Bevollm\u00e4chtigte konnte ich also die wichtigsten Dinge sofort erledigen. Ich zeigte dem Vertreter unserer Hausbank eine beglaubigte Kopie des Testamentes, und er verteilte das Barverm\u00f6gen anhand der dort festgeschriebenen Quoten. Wir Erbinnen bef\u00fcrchteten wohl nicht zu unrecht, dass unser Testamentsvollstrecker diese Transaktionen mit seinem Vollstreckungszeugnis erst einmal blockiert h\u00e4tte. Die Folgen w\u00e4ren \u00e4u\u00dferst unangenehm gewesen. In diesem Fall h\u00e4tte meine Mutter nichts mehr bezahlen k\u00f6nnen &#8211; keinen Anwalt und nicht einmal die Beerdigung &#8211; denn auf Ihrem Girokonto lag nur das monatliche Haushaltsgeld.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die postmortale Vollmacht sch\u00fctzt vor der finanziellen Handlungsunf\u00e4higkeit der Erben in der Zeit zwischen dem Todesfall und der Ausstellung des Erbscheins.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wieder einmal zeigte sich, dass das stets gute Verh\u00e4ltnis zu unseren Gesch\u00e4ftspartnern auch in dieser heiklen Lage trug. Nicht selten frieren Banken das Konto des Erblassers so lange ein, bis der Erbschein vorliegt. Doch unsere Bank handelte in dieser Sache eher unb\u00fcrokratisch und vor allem schnell. Selbst unser langj\u00e4hriger Notar kam pers\u00f6nlich zu mir nach Hause, und so wurde mein Esszimmer in ein B\u00fcro umgewandelt. Derweil k\u00fcmmerten sich meine Schwester und meine Mutter weiter um die Ausrichtung der Trauerfeier. In der Firma lie\u00df ich mich<b>\u00a0<\/b>entschuldigen. Es w\u00e4re gerade alles zu viel f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>15. \u00bbSein Wille geschehe!\u00ab Der Testamentsvollstrecker will seines Amtes walten<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Noch bevor mein Vater beerdigt wurde, rief der Testamentsvollstrecker bei mir an. Er wollte m\u00f6glichst rasch einen pers\u00f6nlichen Termin mit mir, um \u00fcber die Fortf\u00fchrung des Unternehmens zu sprechen. Angesichts der Perspektive einer Dauertestamentsvollstreckung w\u00e4re f\u00fcr seine Kanzlei daraus ein lukratives Gesch\u00e4ft geworden &#8211; im Prinzip gegen den urspr\u00fcnglichen Willen meines Vaters.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re das Unternehmen fortgef\u00fchrt worden, h\u00e4tte der Testamentsvollstrecker dort 30 Jahre lang das Sagen gehabt.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte eine Apanage f\u00fcr sein Amt als Testamentsvollstrecker\u00a0 bekommen, h\u00e4tte sich selbst oder eine seiner Vertrauenspersonen als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einsetzen k\u00f6nnen, und h\u00e4tte alles, was in der Firma\u00a0 juristisch oder steuerlich zu regeln gewesen w\u00e4re, an seine Kanzlei vergeben d\u00fcrfen. Er h\u00e4tte auch den Zeitpunkt des Unternehmensverkaufs bestimmen k\u00f6nnen, sogar den K\u00e4ufer und den Verkaufspreis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angesichts dieser verhei\u00dfungsvollen Aussichten hatte der Testamentsvollstrecker ein sehr vitales Interesse daran, mich schnell auf seine Seite zu ziehen. Das Bild,\u00a0 das meine Schwester und ich von ihm hatten, war alles andere als das eines \u00bbguten Freundes\u00ab der Familie. Er hatte unsere Familie \u00fcber zehn Jahre bei Steuerfragen beraten. Uns Frauen nahm er bei gemeinsamen Terminen allerdings best\u00e4ndig nicht f\u00fcr voll. Als ich ihn einmal im Rahmen der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung wegen dringender steuerlicher Terminsachen an einem Samstag im B\u00fcro treffen musste und mein Vater nicht, wie angek\u00fcndigt, dabei war, reagierte er patzig: \u00bbWenn ich gewusst h\u00e4tte, dass der Alte nicht da ist, w\u00e4re ich zu Hause geblieben.\u00ab Damals war ich noch nicht in der Lage, ihn in seine Schranken zu weisen.<\/p>\n<p>Meine Schwester k\u00f6nnte \u00c4hnliches berichten. Warum haben wir alle diese kleinen Zeichen der Geringsch\u00e4tzung, die dieser Mann uns gegen\u00fcber signalisierte, so lange nicht sehen wollen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun war ich zum Gl\u00fcck vorgewarnt. Als mich der Testamentsvollstrecker anrief und das weitere Vorgehen diktieren wollte, l\u00e4uteten bei mir endg\u00fcltig die Alarmglocken. Er versuchte, mich unter Druck zu setzen: Ich wisse ja, dass meine Schwester und ich nur vier Wochen Zeit f\u00fcr die Verkaufsentscheidung h\u00e4tten. Und ich w\u00fcrde doch wohl seine Meinung teilen, dass das Unternehmen fortgef\u00fchrt werden solle. Anderenfalls w\u00e4re ich ja demn\u00e4chst arbeitslos. Das k\u00f6nne ich doch nicht wollen. Da w\u00e4re es doch besser, wenn er sich mit mir und meiner Mutter zu einer kleinen Gesellschafterversammlung tr\u00e4fe, bei der man mit unserer Stimmenmehrheit die Unternehmensfortf\u00fchrung rasch beurkunden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dann teilte er mir mit, dass in diesem Fall sein Kanzleipartner, ein Betriebswirt, mit an den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrungssitzungen und Beschl\u00fcssen zu beteiligen w\u00e4re. Au\u00dferdem versuchte er noch, einen Keil zwischen meine Schwester und mich zu treiben, indem er betonte, dass sie und mein Schwager wohl eher daran interessiert w\u00e4ren, schnell Geld zu machen und somit \u2013 im Gegensatz zu mir &#8211; besonders gro\u00dfes Interesse an einem Unternehmensverkauf h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Testamentsvollstrecker bem\u00fchte sich nach Kr\u00e4ften, mich zu verunsichern und zu beeinflussen. Doch seine Zerm\u00fcrbungsstrategie lief ins Leere, denn unsere Familie hielt zusammen. Wir trauten diesem \u00e4lteren Herren nicht mehr \u00fcber den Weg. Mit seinen struppigen Haaren, dem Schnauzbart und dem altmodischen, ausgebeulten Karo-Sakko wirkte er zudem wenig sympathisch und eher ungepflegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Tage nach dem Tod meines Vaters waren nicht nur von Trauer und Verlust gepr\u00e4gt, sondern auch von Existenz\u00e4ngsten. Ich stand unter extremer Anspannung und konnte kaum noch schlafen. Dank des Beistands meines damaligen Freundes und meines Hausarztes habe ich diese Zeit trotzdem ohne Zusammenbruch \u00fcberstanden. Mein Freund unterst\u00fctze mich moralisch und half meiner Mutter und meiner Schwester bei Entscheidungen zur Beerdigung. Mein Hausarzt verabreichte mir diverse Mittel, so dass meine Unruhezust\u00e4nde allm\u00e4hlich nachlie\u00dfen. Damit es weitergehen konnte, musste ich unbedingt einen klaren Kopf behalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Trauerfeier<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Tag der Beerdigung r\u00fcckte immer n\u00e4her, und diesmal hatte ich Angst vor der Trauer, die ich bisher unterdr\u00fccken konnte.\u00a0Allein die Vorstellung, mein Vater l\u00e4ge dort im Sarg, bereitete mir ein mulmiges Gef\u00fchl. Doch dann war alles nicht so schlimm wie bef\u00fcrchtet. Die Beerdigung sollte der Natur meines Vaters entsprechen, der ein \u00fcberaus humorvoller Mann gewesen war. Deshalb fiel weder die Blumendekoration noch die Musik bei der Trauerfeier zu elegisch aus. Neben der Familie erwies ihm auch die komplette Mannschaft des Eishockey-Clubs, die er zu Lebzeiten unterst\u00fctzt hatte, die letzte Ehre am Grab.<\/p>\n<p>Nach der Beerdigung gab es bei seinem Lieblingsitaliener ein \u00bbFlying buffet\u00ab an Stehtischen. W\u00e4re mein Vater in das Restaurant gekommen, h\u00e4tte er wohl gesagt: \u00bbHier k\u00f6nnte die Stimmung aber besser sein.\u00ab Die Pastorin, der Gastronom, ebenso wie die Inhaberin des Blumengesch\u00e4ftes haben sich au\u00dferordentlich angestrengt, um diesen Tag w\u00fcrdevoll, aber ohne Pathos zu gestalten. Auch die politischen Vertreter der Stadt halfen uns, ohne gro\u00dfe Umst\u00e4nde einen sch\u00f6nen Platz auf einem Friedhof in der N\u00e4he unseres Hauses zu finden.<\/p>\n<p>Wir wollten keinen klassischen Marmorgrabstein mit Blumenbeet davor, das h\u00e4tte unser Vater zu spie\u00dfig gefunden. Nach einiger Suche fanden meine Mutter und meine Schwester bei einem Steinmetz, der auch Bildhauer war, das Richtige: eine Natursteinstele, \u00fcber zwei Meter gro\u00df, grob behauen, mit einer kleinen schwarzen Inschrift, davor wei\u00dfe Pflanzen und einige Mini-Buchsb\u00e4ume. Besonders gefallen haben meiner Mutter die drei kleinen Bohrl\u00f6cher neben dem Namen meines Vaters \u2013 als Sinnbild f\u00fcr uns drei Hinterbliebene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend nach der Trauerfeier sa\u00dfen wir noch mit der engeren Familie zusammen und lie\u00dfen den Tag ausklingen &#8211; bei einem 1972\u00b4er Rotwein f\u00fcr \u00bbbesondere Anl\u00e4sse\u00ab aus dem Weinkeller meiner Eltern. Beim Eingie\u00dfen merkte ich, dass der Wein nicht nur Depot hatte, sondern wie naturtr\u00fcber Kirschsaft aussah. Zu lange sollte man kostbare Momente\u00a0 im Leben nicht aufschieben. Sie k\u00f6nnten dann verdorben sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unter Zeitdruck<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Kaum lag mein Vater unter der Erde, musste ich mich wieder um die Testamentsvollstreckung k\u00fcmmern. Der Tod meines Vaters lag eine Woche zur\u00fcck &#8211; und die Frist zur Einigung der Erben \u00fcber den Verkauf oder Nichtverkauf des Unternehmens endete vier Wochen nach seinem Ableben.<\/p>\n<p>Das hatte der Testamentsvollstrecker beim Entwurf der letztwilligen Verf\u00fcgung vorgeschlagen \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dass wir damit das Risiko einer l\u00e4ngeren Diskussion in der Familie vermeiden k\u00f6nnten. Wir hatten ihm damals zugestimmt. Mir war allerdings \u00fcberhaupt nicht klar gewesen, dass dieser Zeitraum kaum ausreichen w\u00fcrde, um alle Formalit\u00e4ten f\u00fcr diese Entscheidung zusammenzutragen. Woher h\u00e4tte ich das auch wissen sollen? Mit der ersten Variante des Testaments, die daf\u00fcr drei Monate Zeit vorsah, w\u00e4ren wir besser beraten gewesen. Jetzt aber standen wir unter erheblichem Zeitdruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Frist zur Einigung der Erben \u00fcber den Unternehmensverkauf endete vier Wochen nach dem Tod meines Vaters.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise hatten sich, nach einem Hinweis von mir, schon bei der Testamentsbeurkundung alle Familienmitglieder darauf geeinigt, dass die Testamentsvollstreckung in Unternehmensangelegenheiten nicht sofort, sondern erst dann in Kraft tritt, wenn wir Erben uns nicht \u00fcber den Verkauf einigen konnten. So hatten wir einen gewissen Entscheidungsspielraum und konnten im Nachhinein aufatmen. Die \u00c4nderung dieser Passage war damals einer der Gr\u00fcnde, warum der Testamentsvollstrecker den Notartermin wohl so erbost verlassen hatte. Galten wir doch als \u00bbdicker Fisch\u00ab f\u00fcr die Kanzlei. Und der war nun nicht mehr so einfach zu angeln, wie er es gehofft hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir Gesellschafterinnen waren uns schnell einig, dass wir das Unternehmen verkaufen wollten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr sprachen gute Gr\u00fcnde. Zum einen die Marktsituation, denn mit der Gr\u00f6\u00dfe unseres Unternehmens befanden wir uns gefangen im Mittelfeld zwischen den kleinen regionalen Dienstleistern und den gro\u00dfen Konzernen. Deshalb galt f\u00fcr uns in absehbarer Zukunft: Wachsen oder Weichen. Zum anderen wollten mir meine Mutter und meine Schwester die B\u00fcrde nicht auferlegen, das Unternehmen als Minderheitsgesellschafterin f\u00fchren zu m\u00fcssen. Dann h\u00e4tte ich jede gesch\u00e4ftliche Entscheidung mit ihnen abstimmen m\u00fcssen. So w\u00e4re es nahezu unm\u00f6glich gewesen, das Unternehmen vern\u00fcnftig zu f\u00fchren. Nun mussten wir nur noch die rechtlichen Voraussetzungen f\u00fcr den Verkauf schaffen. Und zwar m\u00f6glichst ohne den Testamentsvollstrecker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sorgfalt bei den letzten Dingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon vor der Beerdigung teilten wir Frauen die Arbeit unter uns auf. Mutter und Schwester k\u00fcmmerten sich um die \u00fcblichen Formalit\u00e4ten, mit der jede Familie nach einem Trauerfall zu tun hat: Nachlassverzeichnis erstellen, Versicherungen abmelden, Witwenrente beantragen, Dankeskarten f\u00fcr die Kondolenzschreiben vorbereiten. Und so gingen sie systematisch durch jedes Zimmer des Hauses, um\u00a0 das Nachlassverzeichnis inhaltlich zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch in dieser Hinsicht waren meine Eltern schlecht beraten worden. Sie hatten kein gemeinsames Ehegattenkonto, und der Hausrat in meinem Elternhaus war immer vom Konto meines Vaters angeschafft worden. Deshalb geh\u00f6rte dieser Hausrat zum Nachlass, obwohl das Haus schon seit Jahren meiner Mutter \u00fcberschrieben worden war. Uns T\u00f6chtern h\u00e4tte also theoretisch je ein Drittel des Hausinventars zugestanden. Selbstverst\u00e4ndlich verzichteten wir darauf, zwei Drittel des Hauses leer zu r\u00e4umen, aber wir markierten im Nachlassverzeichnis sicherheitshalber, was wem geh\u00f6rt. Mit gemischten Gef\u00fchlen klebten wir hinter die Gem\u00e4lde und M\u00f6belst\u00fccke Aufkleber mit unseren Namen.<\/p>\n<p><strong>Nachlassverzeichnis: Eine Aufstellung der Gegenst\u00e4nde des Nachlasses mit ihrer Beschreibung und Wertangabe.\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Warum all dieser Aufwand? Meine Eltern hatten im Testament verf\u00fcgt, dass alles, was nach dem Tod meiner Mutter noch da ist, an die Enkel \u00fcbergeht. Durch das \u00dcberspringen einer Generation sparten wir zwar ein Mal Erbschaftssteuer. Aber auch hier hatte der Steuerberater meiner Eltern etwas Wichtiges \u00fcbersehen. Er hatte nicht daran gedacht, dass die Enkel im Falle des Todes meiner Mutter noch nicht vollj\u00e4hrig sein k\u00f6nnten. \u00dcblicherweise bestellt man f\u00fcr diesen Fall einen Vormund, zum Beispiel die Eltern. Doch dies ist vers\u00e4umt worden, und so w\u00e4re im Fall der F\u00e4lle das Vormundschaftsgericht der Stadt Krefeld f\u00fcr die Verwaltung des Erbes meiner Nichte und meines Neffen zust\u00e4ndig gewesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum hatte mein Vater dieses Modell \u00fcberhaupt gew\u00e4hlt und eine Generation \u00fcbersprungen? Zum einen war er der Meinung, dass meine Schwester und ich in seinem Testament schon gut bedacht w\u00e4ren, aber nat\u00fcrlich spielten da auch gro\u00dfv\u00e4terliche Motive eine Rolle. Da mein Vater w\u00e4hrend unserer Kindheit wegen des Firmenaufbaus nur wenig Zeit f\u00fcr uns hatte, wollte er bei den Enkeln wohl einiges wieder gut machen. Er hat viel Zeit mit ihnen verbracht, sie in den Zirkus, ins Kindertheater oder in den Zoo gef\u00fchrt. Sie waren zuletzt seine wichtigsten Bezugspersonen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Nat\u00fcrlich wollte mein Vater, dass auch die Enkel materiell abgesichert sind.<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht erhoffte er sich auch ein wenig, dass man ihn noch lange in guter Erinnerung behalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber im Testament hat er auch nicht bedacht, eine Art \u00bbSchutzgitter\u00ab einzuziehen, so wie es spezialisierte Kanzleien empfehlen. Sollen die Kinder wirklich mit achtzehn Jahren schon \u00fcber ein Verm\u00f6gen allein entscheiden d\u00fcrfen? Das h\u00e4tte zum Beispiel mit einem Enkelfonds oder einer Altersbeschr\u00e4nkung vermieden werden k\u00f6nnen. Der Antritt des Erbes ist dann erst sp\u00e4ter m\u00f6glich &#8211; etwa nach der Ausbildung oder dem Studium, wenn die Erben verantwortungsvoller mit dem Geld umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sp\u00e4te Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Meine Mutter bemerkte schnell, dass mein Vater eben doch nicht f\u00fcr alle F\u00e4lle Vorsorge getroffen hatte. Sie besch\u00e4ftigte sich intensiv mit den Inhalten des Testaments und w\u00fcnschte sich f\u00fcr ihren Umgang mit dem ererbten Geld\u00a0 einen gr\u00f6\u00dferen Handlungsspielraum. Doch laut Gesetz war sie zu keiner \u00c4nderung im Nachhinein befugt. Meine Eltern hatten ein gemeinschaftliches Testament. Sobald der erste Ehepartner stirbt, sollte\u00a0 das Testament mit allen Inhalten unab\u00e4nderlich in Kraft treten. Bei der Erstellung des Testaments hatte mein Vater die Inhalte formuliert und meine Mutter hatte mit unterschrieben. Was genau verf\u00fcgt war, interessierte sie damals nicht \u2013 im Glauben,\u00a0 dass mein Vater schon alles richtig machen w\u00fcrde. Sie hatte damals alles mit, abgenickt und nun erlosch per Gesetz mit dem Tod meines Vaters ihr Widerrufsrecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Beim gemeinschaftlichen Ehegattentestament erlischt nach dem Tod des ersten Ehepartners das Widerrufsrecht der Verf\u00fcgungen.<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Mutter mag sich gewundert haben, warum er als guter Gesch\u00e4ftsmann nicht auch eben daran gedacht hatte. Nein, hatte er nicht! Sein Unternehmen hat er immer vorbildlich gef\u00fchrt. Aber mit dem Erbe ist er weniger sorgf\u00e4ltig umgegangen. Dieses leidige Thema hat er lieber delegiert \u2013 entgegen seiner Prinzipien, immer und \u00fcberall die Z\u00fcgel in der Hand zu haben. \u00bbTrau\u2019 niemandem \u00fcber den Weg\u00ab, hatte mein Vater mir von klein auf eingetrichtert. Und dann hat er ausgerechnet sein Verm\u00e4chtnis externen H\u00e4nden anvertraut. Mein Vater wollte damit sicherstellen, dass \u00bbsein Wille geschehe\u00ab.\u00a0 Doch vielleicht hat er sich mit den Details dessen, dass sein von ihm erkorener Vollstrecker seines letzten Willens dereinst tats\u00e4chlich vollstrecken sollte, nicht gen\u00fcgend besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau dieser \u00bbVertrauensmann\u00ab sa\u00df mir nun im Nacken. Er versuchte mehrfach, mich telefonisch zu erreichen, da er ja alles mit mir \u00bbgemeinsam\u00ab regeln wollte. \u00dcber mein B\u00fcro lie\u00df ich ausrichten, ich sei noch nicht in der Verfassung f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch und legte den Termin mit ihm ans Ende der Woche.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich begannen der Anwalt und ich unsere Arbeit. Zum einen bereiteten wir eine Willenserkl\u00e4rung der Erbinnen zum Verkauf des Unternehmens vor, und zum anderen mussten wir sehen, wie wir den Testamentsvollstrecker juristisch wasserdicht aus der ganzen Sache heraushalten konnten. Jeden Morgen fuhr ich nun statt ins B\u00fcro in die Kanzlei und lie\u00df mich beraten, zwischendurch immer in telefonischer Abstimmung mit meiner Schwester. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was ohne die R\u00fcckendeckung dieses Anwalts geschehen w\u00e4re. Und wo immer mir die ungez\u00fcgelte Macht der Testamentsvollstrecker vor Augen tritt, kocht immer noch die Wut in mir hoch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Buchauszug: &#8222;Kaum eine famili\u00e4re Angelegenheit ist mit mehr ambivalenten Gef\u00fchlen verbunden als das Vererben und das Erben. 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