{"id":656185,"date":"2015-04-08T00:38:40","date_gmt":"2015-04-07T22:38:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=656185"},"modified":"2015-05-29T15:26:53","modified_gmt":"2015-05-29T13:26:53","slug":"vorstandschefs-in-der-sansibar-bekommen-die-ruhigen-keinen-tisch-buchauszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2015\/04\/08\/vorstandschefs-in-der-sansibar-bekommen-die-ruhigen-keinen-tisch-buchauszug\/","title":{"rendered":"Vorstandschefs: Der schlimmste Fehler ist, die Presse zu bedrohen. Wer Anwaltsschreiben schickt, f\u00fcr den ist Bild-Chef Diekmann nicht mehr erreichbar &#8211; Buchauszug"},"content":{"rendered":"<div title=\"Page 113\">\n<p><strong>&#8222;Der CEO im Fokus &#8211; Lernen von den Besten f\u00fcr den richtigen Umgang mit der \u00d6ffentlichkeit&#8220; von Ursula Weifeldfeld und Jan Hiesserich. Hier ein Buchauszug, ein Interview von Ursula Weidenfeld mit &#8222;Bild&#8220;-Chefredakteur Kai Diekmann<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_656805\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/diekmann.kai_.bildjpg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-656805\" class=\"size-full wp-image-656805\" alt=\"Kai Diekmann (Foto: dpa, Jens Kalaene)\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/diekmann.kai_.bildjpg.jpg\" width=\"650\" height=\"498\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/diekmann.kai_.bildjpg.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/diekmann.kai_.bildjpg-300x229.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/diekmann.kai_.bildjpg-391x300.jpg 391w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-656805\" class=\"wp-caption-text\">Kai Diekmann (Foto: dpa, Jens Kalaene)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbIn der Sansibar bekommen die Ruhigen keinen Tisch.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Kai Diekmann\u00a0ist seit 2001 Chefredakteur und Herausgeber von\u00a0BILD\u00a0und\u00a0Bild am\u00a0Sonntag. Seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn arbeitet Diekmann beim Axel-Springer-\u00a0Verlag. Als Volont\u00e4r und sp\u00e4ter als Korrespondent, Chefreporter und stellvertretender\u00a0Chefredakteur schrieb er f\u00fcr verschiedene Medien des Axel-Springer-Verlags. 1998 wurde\u00a0er zum Chefredakteur der\u00a0Welt am Sonntag, bevor er 2001 wieder zur\u00a0Bild-Gruppe wechselte.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><strong>Ursula Weidenfeld:\u00a0Herr Diekmann, warum reden Vorstandsvorsitzende gro\u00dfer Konzerne mit der Bild-Zeitung?<\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Kai Diekmann:<\/strong>\u00a0Wer in Deutschland geh\u00f6rt werden will, kommt an\u00a0BILD\u00a0nicht vorbei. Kein Medium erreicht mehr Menschen, keines wird \u2013 neben dem\u00a0Spiegel\u00a0\u2013 \u00f6fter mit Interviews oder Exklusivnachrichten zitiert. Der viel zu fr\u00fch und tragisch verstorbene Herausgeber der\u00a0Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, hat gewusst, warum er seine B\u00fccher in\u00a0BILD\u00a0vorab ver\u00f6ffentlicht hat. Weil wir in der Lage sind, eine gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit herzustellen, weil\u00a0BILD\u00a0eben Leitmedium ist. Hier kann ich meine Botschaften platzieren.<\/p>\n<p><strong>Reden die gerne mit Ihnen?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt immer darauf an. Wenn jemand Erfolgsmeldungen hat, ist das sicherlich angenehm. Wer sich zu Werksschlie\u00dfungen und Massenentlassungen \u00e4u\u00dfern muss, dem f\u00e4llt das nicht so leicht. Aber es geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen Wirtschaftsmeldungen auf dem Boulevard?<\/strong><\/p>\n<p>Die spielen eine gro\u00dfe Rolle, weil sie immer ganz viele Menschen betreffen. Daimler hat zum Beispiel 170 000 Mitarbeiter allein in Deutschland. Das ist mehr, als eine mittelgro\u00dfe Stadt an Einwohnern hat. Von dem, was in\u00a0Unternehmen passiert, sind viele Menschen betroffen. Die wollen doch wissen, was in ihrer Firma los ist. Oder nehmen wir Karstadt. Hier geht es ja auch immer wieder um Existenzfragen. Die Menschen wollen nat\u00fcrlich wissen, wie es mit ihnen weitergeht.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 114\">\n<p><strong>Wenn Sie einem Vorstandsvorsitzenden, der gerade ins Amt gekommen ist, einen Rat geben sollten, wie w\u00e4re der: Such von Anfang an das Gespr\u00e4ch mit uns? Oder: Geh meinen Kollegen erst einmal aus dem Weg?<\/strong><\/p>\n<p>Was die beiden oben genannten Punkte betrifft, kann der Rat nur sein: reden, reden reden. Wenn ein neuer Chef an die Spitze der Deutschen Bank oder an die Spitze der Lufthansa tritt, wollen die Mitarbeiter, die Kunden wissen, wohin die Reise geht. Wof\u00fcr steht der Neue, wohin f\u00fchrt er das Unternehmen? Mein Rat ist immer, sich diesen Fragen und Erwartungen einer \u00d6ffentlichkeit offensiv zu stellen.<\/p>\n<div id=\"attachment_656189\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/Ursula-Weidenfeld-300x203.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-656189\" class=\"size-full wp-image-656189\" alt=\"Autorin Ursula Weidenfeld\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/Ursula-Weidenfeld-300x203.jpg\" width=\"300\" height=\"203\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-656189\" class=\"wp-caption-text\">Autorin Ursula Weidenfeld<\/p><\/div>\n<p><strong>Wenn ein \u00e4lterer Vorstandschef eine neue, sehr junge Frau hat, ist das wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt auf den Einzelfall an. Es gelten zwei Regeln. Jemand, der sein Privatleben instrumentalisiert, um die eigene Karriere zu f\u00f6rdern, kann das tun. Unsere Leser interessieren sich auch daf\u00fcr. Allerdings muss er sich dann auch die \u00dcberpr\u00fcfung gefallen lassen. Das Publikum will wissen, ob das Privatleben tats\u00e4chlich echt ist oder ob es sich um eine Inszenierung handelt.<\/p>\n<p>Wer sich selbst und seine Familie vorf\u00fchrt, m\u00f6chte damit auch seinen Charakter, seine Pers\u00f6nlichkeit und sein Umfeld darstellen. Nehmen Sie das ber\u00fchmte Beispiel des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer. Der hat einmal den sch\u00f6nen Satz formuliert, er verachte Politiker, die mit dem Ehering am Finger ein Doppelleben f\u00fchren. Gleichzeitig erwartete seine Freundin in Berlin ein Kind von ihm. Da ist Privatleben eben nicht mehr privat, da ist es politisch.<\/p>\n<p>Ich kann nicht die Scheinwerfer der \u00d6ffentlichkeit anknipsen, wenn ich mich darin sonnen will, und ausknipsen, wenn ich was zu verbergen habe. Insofern w\u00fcrde ich Wirtschaftsf\u00fchrern a priori, was das Privatleben angeht, eher eine gewisse Distanz empfehlen.<\/p>\n<p><strong>Was sollen sie dann kommunizieren, was ist f\u00fcr den Boulevard geeignet?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht gar nicht um Boulevard. Entscheidend ist, dass eine Zeitung wie\u00a0BILD\u00a0Millionen Menschen erreicht. Die Leser haben gro\u00dfes Interesse daran, wer die Chefs in den deutschen Unternehmen sind. Man m\u00f6chte von ihnen erfahren, wer sie sind, wie sie ticken, wohin sie uns f\u00fchren, welchen Stellenwert Deutschland f\u00fcr sie hat. Da hat es in der Vergangenheit gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnisse gegeben. Der ehemalige Vorstandschef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, zum Beispiel hat anfangs geglaubt, er k\u00f6nne das Unternehmen kommunikativ aus London f\u00fchren. Das funktioniert nat\u00fcrlich nicht. Aus der Londoner Perspektive kriegst du kein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie Deutschland tickt. Du musst dich mit der medialen Berichterstattung hierzulande schon auseinandersetzen, um zu verstehen, was die Menschen bewegt. Und\u00a0BILD\u00a0ist nun mal der Seismograf deutscher Befindlichkeit, wie es die\u00a0SZ\u00a0mal ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 115\">\n<p><strong>Wenn die deutsche Befindlichkeit f\u00fcr gro\u00dfe Konzerne gar nicht mehr so wichtig ist?<\/strong><\/p>\n<p>Ist sie aber. Deshalb m\u00fcssen sich Konzerne aktiv an den gesellschaftlichen Diskussionen hierzulande beteiligen. Das hat inzwischen auch die Deutsche Bank verinnerlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_656190\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/9783593502649.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-656190\" class=\"size-medium wp-image-656190\" alt=\"&quot;CEO im Fokus&quot;\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/9783593502649-199x300.jpg\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/9783593502649-199x300.jpg 199w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/9783593502649.jpg 433w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-656190\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der CEO im Fokus&#8220;<\/p><\/div>\n<p><strong>&#8222;Der CEO im Fokus: Lernen von den Besten f\u00fcr den richtigen Umgang mit der \u00d6ffentlichkeit&#8220;,\u00a0 Campus Verlag 2015, 253 Seiten, 59 Euro <\/strong><strong><a title=\"Campus Verlag, Der CEO im Fkus der \u00d6ffentlichkeit, Ursula Weidenfeld, Jan Hiesserich \" href=\"http:\/\/www.campus.de\/autoren\/ursula_weidenfeld-4936.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.campus.de\/autoren\/ursula_weidenfeld-4936.html <\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hat sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Nach meinem Eindruck ja. Wenn Sie sich anschauen, wie das Privatkundengesch\u00e4ft ja auch in der Person von Rainer Neske anders gest\u00fctzt und gef\u00f6rdert wird, hat die Deutsche Bank verstanden, dass sie keine Dame ohne Unterleib sein kann. Es gibt bestimmte Unternehmen, die haben ein besonderes Image. Das ist die Deutsche Bank, das ist die Deutsche Lufthansa. Die geh\u00f6ren doch gef\u00fchlt irgendwie uns allen. Dort hat man dann auch eine Pflicht, oder zumindest eine Verantwortung, mit der \u00d6ffentlichkeit zu kommunizieren.<\/p>\n<p><strong>Brauchen diese Unternehmen einen deutschen Vorstandsvorsitzenden?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, das finde ich \u00fcberhaupt nicht. Jemand, der sich auch hier reinf\u00fchlen und reindenken kann, der muss nicht deutsch sein. Ich finde, dass gerade Anshu Jain und J\u00fcrgen Fitschen bei der Deutschen Bank dokumentieren, dass sie das gut hinbekommen. Es geht nicht um deutsch oder nicht deutsch. Es geht um klare F\u00fchrung \u2013 so wie es der neue Lufthansa-Chef Carsten Spohr gerade gut macht. Der ist offensiv herangegangen und hat klar gesagt, wo seine Schwerpunkte sind. Das ist wichtig.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 116\">\n<p><strong>Wie kann man klug nach au\u00dfen gehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich finde zum Beispiel, dass R\u00fcdiger Grube das bei der Bahn gelungen ist. Der ist in der Form, wie er kommuniziert, gut. Er ist ruhig, geht auf seine Gespr\u00e4chspartner zu, sucht einen echten Austausch. Die Leute vertrauen ja am Ende nicht unbedingt dem, der am lautesten ist oder den gr\u00f6\u00dften Unterhaltungswert in der Talkshow hat.<\/p>\n<p><strong>Unter R\u00fcdiger Grube ist die Bahn nicht p\u00fcnktlicher, besser oder schneller als unter seinem Vorg\u00e4nger Hartmut Mehdorn. Warum vertraut man ihm?<\/strong><\/p>\n<p>R\u00fcdiger Grube ist kommunikativ und dialogorientiert. Das nutzt ihm bei der Bahn. Zugespitzt k\u00f6nnte man sogar sagen, Grube ist der Gegenentwurf seines Vorg\u00e4ngers Hartmut Mehdorn. Der hatte die Bahn in rough times \u00fcbernommen, ist sehr direkt, sehr hart, manchmal vielleicht auch zu undiplomatisch aufgetreten. Einer, der sich das Hemd aufrei\u00dft, um die Pfeile auf sich zu ziehen. F\u00fcr die damalige Zeit genau der Richtige.<\/p>\n<p><strong>Braucht man f\u00fcr harte Zeiten harte Leute?<\/strong><\/p>\n<p>Mitunter brauchst du einen harten Sanierer, der f\u00fchrungsstark ist und sagt, wohin die Reise geht \u2013 und das dann sehr energisch auch gegen Widerst\u00e4nde durchsetzt. Ein Sanierer tut etwas anderes als jemand in einem gesunden Unternehmen. Ein CEO in einer solchen Firma muss in der Lage sein, Visionen zu entwickeln, positive Ziele zu verfolgen. Es gibt ja auch Leute, die ihre Konzerne sehr still, sehr erfolgreich lenken. Kurt Bock von der BASF ist f\u00fcr mich ein Beispiel. Das muss nicht zum Nachteil des Unternehmens sein. Wahrscheinlich ist Michael Diekmann bei der Allianz jetzt der am l\u00e4ngsten diensthabende DAX-Vorsitzende. Die Lautesten sind eben nicht immer die Besten.<\/p>\n<p><strong>Ist es wichtig, dass man \u00f6ffentlich f\u00fcr seine Sache k\u00e4mpft?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man Dinge bewegen will, kommt man irgendwann nicht umhin, \u00f6ffentlich zu k\u00e4mpfen. Das fehlt der deutschen Debatte heute tats\u00e4chlich. Die j\u00fcngeren Vorstandsvorsitzenden sind nicht sehr politisch, sie mischen sich nicht mehr ein. Die kommen jetzt von Business Schools und sind absolut auf das Unternehmen konzentriert. Das war fr\u00fcher anders \u2013 aber damals gab es auch noch die alte Deutschland AG. Die hat dann geglaubt, Kanzler Helmut Kohl erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, was er tun soll. Diejenigen, die in der j\u00fcngsten Vergangenheit versucht haben, die Politik auf Missst\u00e4nde aufmerksam zu machen, sind furchtbar auf die Nase gefallen.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 117\">\n<p>Aber es ist dennoch richtig, es zu tun. J\u00fcrgen Gro\u00dfmann, der fr\u00fchere RWE-Chef, hatte doch Recht mit seiner Kritik an der Energiewende. Der ist auf die Nase gefallen, ja. Aber ich fand das wahnsinnig mutig, und er hat am Ende ja Recht behalten. Wir stehen in Sachen Energiewende vor einem Scherbenhaufen.<\/p>\n<p><strong>Zu dieser Form des \u00f6ffentlichen politischen Selbstmords w\u00fcrde man aber doch niemandem raten?<\/strong><\/p>\n<p>Es kommt immer auf die Art der Konfrontation an und auf das Auftreten gegen\u00fcber der Politik. Damit haben ja Wirtschaftsf\u00fchrer mitunter Probleme, manche w\u00fcrden am liebsten anordnen. Sie haben es nicht gelernt, f\u00fcr bestimmte Vorhaben um Unterst\u00fctzung zu werben oder Mehrheiten \u00fcberhaupt zu organisieren. F\u00fcr den Weg an die Spitze eines DAX- Unternehmens muss ich keine Mehrheiten in der Firma organisieren. Da muss ich den Aufsichtsrat auf meine Seite bekommen. Das sind Dinge, die h\u00e4ufig zu Missverst\u00e4ndnissen zwischen Politik und Wirtschaft f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen Unternehmensf\u00fchrer von Angela Merkel lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ihre unpr\u00e4tenti\u00f6se, ihre ruhige Art des Auftritts. Angela Merkel ist keine Selbstdarstellerin. Sie widersteht jeder Inszenierung. Das ist etwas, was am Anfang langweilig scheint, aber die Leute am Ende doch sehr \u00fcberzeugt. Das zeichnet auch die Ruhigen unter den Vorstandschefs aus. Wenn die versuchen, auf Sylt einen Tisch in der Sansibar zu bekommen, dann kriegen sie keinen. Das macht sie sympathisch, auch in der Belegschaft, und glaubw\u00fcrdig. Glaubw\u00fcrdigkeit ist enorm wichtig.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man dem Drang zur Selbstinszenierung widerstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass das ganz schwierig ist. Die \u00dcberzeugung, Recht zu haben, nimmt zu, je l\u00e4nger du im Amt bist, je mehr Erfolge du hast. Deswegen sind Misserfolge ganz wichtig. Ich finde es ganz nat\u00fcrlich, wenn einer am Anfang sehr klare Vorstellungen hat von dem, was er will, und auch von sich \u00fcberzeugt ist. Wenn er dann im Laufe seiner Entwicklung anf\u00e4ngt,\u00a0mehr Fragen zu stellen und sich seiner selbst unsicherer zu werden \u2013 dann scheint mir das ein sicheres Zeichen zu sein, dass da einer am richtigen Platz ist. Es ist immer die Frage, mit was f\u00fcr Leuten umgibst du dich, und welche eigenen Talente hast du? Also, geh\u00f6rt ein CEO wirklich in jede Talkshow im Fernsehen? Ich w\u00fcrde eher sagen, nein.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 118\">\n<p><strong>Warum nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine Frage der Augenh\u00f6he. Talkrunden sind doch auch nur Inszenierungen, wo bestimmte Rollen festgelegt werden, wo nicht ernsthaft diskutiert wird. Es geht nicht um L\u00f6sungen, sondern um Darstellung. Ein CEO braucht aber nur begrenzt Darstellung. Er muss gegen\u00fcber seinen Mitarbeitern ein klares Profil haben, sie m\u00fcssen ihm in Krisensituationen vertrauen. Er muss innerhalb des eigenen Unternehmens ein Beispiel geben. Ein faszinierendes Beispiel daf\u00fcr ist f\u00fcr mich Daimler-Chef Dieter Zetsche. Der hat den Turnaround hinbekommen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt Prominenz f\u00fcr Wirtschaftsf\u00fchrer? Es sind ja nicht alle zufrieden, wenn sie in der Sansibar keinen Tisch kriegen.<\/strong><\/p>\n<p>Prominente sind Mitb\u00fcrger, mit denen sich Leser oder Fernsehzuschauer identifizieren. Das sind f\u00fcr sie Rollenbeispiele, an denen sie eigene Lebensentw\u00fcrfe \u00fcberpr\u00fcfen, in denen sie auch Trost erfahren. Zu sehen, dass in einer scheinbaren Bilderbuchfamilie auch etwas schiefgeht, tr\u00f6stet Menschen in ihrer eigenen misslichen Situation. Prominente sind in einer Massengesellschaft Projektionsfl\u00e4chen. Prominenz speist sich aus vielen Dingen. Sie kann sich auch daraus ergeben, dass ich Wirtschaftsf\u00fchrer bin und daher einfach gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit exponiert bin. Da gibt es welche, die sind prominent, weil sie eben ein Charisma haben, andere bleiben unscheinbar.<\/p>\n<p><strong>Sie selbst sind jemand, der \u00f6ffentlich lebt. W\u00fcrden Sie das einem Unternehmenschef auch raten?<\/strong><\/p>\n<p>Ehrlicherweise w\u00fcrde ich das schon meinem eigenen CEO nicht empfehlen. Ich darf das, weil ich Chefredakteur von\u00a0BILD\u00a0bin und weil das zur Marke geh\u00f6rt. So wie der RTL-Chef mehr darf als der Intendant des ZDF, darf ich mehr als ein Herausgeber der\u00a0FAZ.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 119\">\n<p><strong>Wenn Sie FAZ-Herausgeber w\u00e4ren, w\u00e4ren Sie anders?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ja deshalb nicht Herausgeber der\u00a0FAZ, weil ich so bin, wie ich bin. In irgendeiner Weise passe ich ja auch zu der Marke. Ich habe nicht irgendwann gew\u00fcrfelt, ob ich zur\u00a0Welt\u00a0gehe oder zur\u00a0BILD. Ich habe mich zu der Marke hingezogen gef\u00fchlt. Auch das geh\u00f6rt nat\u00fcrlich dazu, dass der Mann an der Spitze auch die Marke verk\u00f6rpern muss, wenn er seine Arbeit erfolgreich und glaubw\u00fcrdig tun will. Wenn ich mit der Marke nichts anfangen kann, bin ich auch an der Spitze falsch. Die Marke\u00a0BILD\u00a0steht f\u00fcr Polarisierung, f\u00fcr Unterhaltung, steht f\u00fcr Zuspitzung. Sie ist XXXL, bunt und nicht unbedingt leise, all das darf dann unsere Kommunikation auch sein. Derjenige, der an der Spitze steht, verk\u00f6rpert die Marke. Wenn Marke, Mann oder Frau nicht zusammenpassen, dann funktioniert es nicht.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, wenn ich Red Bull verk\u00f6rpere als Manager oder CEO, dann bin ich anders, als wenn ich Mercedes verk\u00f6rpere?<\/strong><\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich, ja. Auch die Markenkommunikation ist ja eine andere. Wenn die Deutsche Bank auf die Idee k\u00e4me, wie Red Bull jemanden aus dem All springen zu lassen und zu gucken, ob er unten lebend ankommt, w\u00e4ren die Menschen zu Recht emp\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Aber wenn nun ein Deutsche-Bank-Vorstand zu Red Bull wechseln wollte?<\/strong><\/p>\n<p>Wir konnten bei verschiedenen Wechseln in unserer eigenen Branche in den letzten Jahren beobachten, dass das so ohne Weiteres nicht funktioniert. Bei allen Chefredakteurswechseln ist die Rede von der DNA, die jemand haben soll. \u00dcber J\u00f6rg Quoos, den fr\u00fcheren Chefredakteur des\u00a0Focus, der vorher bei\u00a0BILD\u00a0einen herausragenden Job gemacht hat, wurde behauptet, er habe die\u00a0Focus-DNA nicht gehabt. Den wirklich gro\u00dfartigen Dominik Wichmann haben sie mitsamt seiner\u00a0Stern-DNA nach Hause geschickt. Bei Wolfgang B\u00fcchner, dem Chefredakteur des\u00a0Spiegels, soll es die fehlende\u00a0Spiegel-DNA gewesen sein, die f\u00fcr die Konflikte in der Redaktion sorgte. Es gibt nat\u00fcrlich auch eindrucksvolle Gegenbeispiele: Thomas Ebeling war kein ausgewiesener Fernsehmanager, ganz im Gegenteil, als er vor einigen Jahren die F\u00fchrung von ProSiebenSat.1 \u00fcbernahm. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.<\/p>\n<p>Worum geht es letztendlich? Es geht darum, inwieweit\u00a0jemand die Marke lebt und verk\u00f6rpert. Daraus ergibt sich dann auch die Art und Weise, wie ich mich ausdr\u00fccke und wie ich mich darstelle.<\/p>\n<\/div>\n<div title=\"Page 120\">\n<p><strong>W\u00fcrden Sie einem Spitzenmanager raten, sich mit Chefredakteuren anzufreunden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde niemandem raten, eine strategische Freundschaft zu schlie\u00dfen. Darum geht es nicht, und es nutzt im Ernstfall auch nicht, wenn man befreundet ist. Ich werde keine Geschichte verhindern, die ins Blatt geh\u00f6rt, nur weil ich jemanden kenne und sch\u00e4tze. Ich empfehle immer: Redet direkt mit meinen Kollegen. Was ich meine, ist: Kommuniziert doch! Bei Vorstandsvorsitzenden ist es sehr hilfreich, wenn sie mit den Redaktionen sprechen: Redaktionsbesuche, Blattkritiken, Hintergrundgespr\u00e4che. Am besten, bevor es ernst wird.<\/p>\n<p><strong>Was ist der schlimmste Fehler?<\/strong><\/p>\n<p>Uns zu bedrohen. In dem Moment, wo ein Anwaltsschreiben von wem auch immer kommt, bin ich nicht mehr erreichbar. Ab dann geht alles an die Rechtsabteilung. Dann ist da mit mir nicht mehr zu reden. Egal, ob ich mit jemandem befreundet bin oder nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_656195\" style=\"width: 236px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/hiesserich_jan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-656195\" class=\"size-medium wp-image-656195\" alt=\"Jan Hiesserich\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/hiesserich_jan-226x300.jpg\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/hiesserich_jan-226x300.jpg 226w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/04\/hiesserich_jan.jpg 472w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-656195\" class=\"wp-caption-text\">Autor Jan Hiesserich<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der CEO im Fokus &#8211; Lernen von den Besten f\u00fcr den richtigen Umgang mit der \u00d6ffentlichkeit&#8220; von Ursula Weifeldfeld und Jan Hiesserich. Hier ein Buchauszug, ein Interview von Ursula Weidenfeld mit &#8222;Bild&#8220;-Chefredakteur Kai Diekmann &nbsp; &nbsp; \u00bbIn der Sansibar bekommen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2015\/04\/08\/vorstandschefs-in-der-sansibar-bekommen-die-ruhigen-keinen-tisch-buchauszug\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3701,1795,1573,135,2441,4444,248,269,271,1575,2903,4443,1545,4442,583,1574,4447,3700,4445,717,4446,4448,3117,2568,937,4437],"class_list":["post-656185","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bild","tag-allianz","tag-anshu-jain","tag-basf","tag-campus-verlag","tag-carsten-spohr","tag-daimler","tag-deutsche-bahn","tag-deutsche-bank","tag-dieter-zetsche","tag-hartmut-mehdorn","tag-horst-seehofer","tag-interview","tag-jan-hiesserich","tag-josef-ackermann","tag-jurgen-fitschen","tag-jurgen-grosmann","tag-kai-diekmann","tag-kurt-bock","tag-lufthansa","tag-michael-diekmann","tag-red-bull","tag-redaktionen","tag-rudiger-grube","tag-rwe","tag-ursula-weidenfeld"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=656185"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/656185\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=656185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=656185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=656185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}