{"id":655604,"date":"2015-02-18T21:30:03","date_gmt":"2015-02-18T20:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=655604"},"modified":"2015-02-18T21:30:03","modified_gmt":"2015-02-18T20:30:03","slug":"thomas-sattelberger-die-80-prozent-mannerquote-ist-nicht-gottgegeben-buchauszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2015\/02\/18\/thomas-sattelberger-die-80-prozent-mannerquote-ist-nicht-gottgegeben-buchauszug\/","title":{"rendered":"Thomas Sattelberger: Die 80-Prozent-M\u00e4nnerquote ist nicht gottgegeben &#8211; Buchauszug"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom und von Conti, Thomas Sattelberger ist Verfechter der Frauenquote und jetzt seine Autobiographie herausgebracht: &#8222;Ich halte nicht die Klappe &#8211; Mein Leben als \u00dcberzeugungst\u00e4ter in der Chefetage&#8220;. Hier im Management-Blog ein Auszug aus dem Buch:\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_655606\" style=\"width: 445px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-655606\" class=\"size-full wp-image-655606\" alt=\"Thomas Sattelberger, Autor und (Foto: Jakob Berr)\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Sattelberger_Presse_2_cJakob-Berr-3.jpg\" width=\"435\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Sattelberger_Presse_2_cJakob-Berr-3.jpg 435w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Sattelberger_Presse_2_cJakob-Berr-3-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 435px) 100vw, 435px\" \/><p id=\"caption-attachment-655606\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Sattelberger, Autor und Ex-Personalvorstand bei Conti und Deutscher Telekom \u00a0(Foto: Jakob Berr)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Buchauszug:<\/strong><\/p>\n<p>Am 15. M\u00e4rz 2010 haben wir als Telekom vor einer Veranstaltung der FidAR (\u00bbFrauen in die Aufsichtsr\u00e4te e. V.\u00ab) in Berlin zusammen mit eben dieser FidAR eine Pressekonferenz einberufen, auf der ich gemeinsam mit deren Pr\u00e4sidentin Monika Schulz-Strelow die Quotenentscheidung meines Konzerns verk\u00fcndete, also eine \u00f6ffentliche freiwillige Selbstverpflichtung! Die zahlreichen Journalisten, die kamen, haben das alles erst einmal relativ unger\u00fchrt aufgeschrieben. Danach hielt ich auf der FidAR-Konferenz meine ber\u00fchmte Brandrede: \u00bbDie Deutsche Telekom und das Ringen um eine Quote\u00ab. Neben der gesch\u00e4<b>f<\/b>tlichen habe ich in dieser Rede sehr viel st\u00e4rker die moralische Begr\u00fcndung f\u00fcr eine Frauenquote hervorgehoben. Ich glaube, es war eine meiner besten Reden, die ich in meinem Leben je gehalten habe, und der Saal mit einigen Hundert Frauen hat gejubelt. Unter anderem habe ich gesagt:<\/p>\n<p>\u00bbWelche Konsequenzen hat eine Quotenentscheidung? Das Eingestehen, dass beliebte, popul\u00e4re Wege gescheitert sind, ist die erste von drei Konsequenzen. Vor allem ist es das schmerzliche Eingest\u00e4ndnis, dass die eigenen favorisierten Wege der Ver\u00e4nderung gescheitert sind. In Ver\u00e4nderungsprozessen gibt es \u2013 grob gesagt \u2013 zwei gro\u00dfe Wege des\u00a0 Change Management: Einerseits den hermeneutischen Weg, der \u00fcber die Funktion von Rollenbildern beschritten wird; das Vorleben einer neuen Kultur, die in einer Wertegemeinscha<b>ft\u00a0<\/b>weitergetragen, durch Kommunikation und Lernen vervielf\u00e4ltigt wird, bis die neue Einsicht die alten Einsichten, die alte Kultur schlie\u00dflich verdr\u00e4ngt hat. Aber es gibt auch den anderen Weg, der wesentlich unsanfter ist: den ungeliebten, den schn\u00f6den, den radikalen Weg der Vorgabe, des Setzens eines normierenden Rahmens, dem man viel schwerer entkommt. Eigentlich ein marxistischer Weg, das neue Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich stimme zu, dass der zweite Weg hart, ja diktatorial erscheinen mag!<\/p>\n<p>Die Top-down-Setzung einer Quote hat so etwas Entm\u00fcndigendes an sich: Das \u203aGute\u2039 wird erzwungen. Aber viel subtil brutaler ist die Einstellung, darauf zu vertrauen, dass mit der Frauenf\u00f6rderung alles seinen richtigen Weg gehen wird. Wenn Frauen sich dann schlie\u00dflich doch nicht durchsetzen k\u00f6nnen, dann sei das eben der nat\u00fcrliche Lauf der Dinge. Eine Tatsache, die es dann h\u00f6chstens am manageriellen Stammtisch mit wohlgesetzten Worten zu beklagen gilt. Meine Damen und Herren, das ist eigentlich Sozialdarwinismus, verbr\u00e4mt im Kleide des Humanismus!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tiefer konnte die Kluft nicht sein<\/strong><\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend trat die damalige, von mir wegen ihrer Couragiertheit \u00fcbrigens sehr gesch\u00e4tzte Familienministerin Kristina Schr\u00f6der auf und sagte, mit einer gesetzlich installierten Frauenquote seitens der Bundesregierung sei einstweilen nicht zu rechnen. Au\u00dferdem stehe sie f\u00fcr Wandel in der Arbeitswelt und der Unternehmenskulturen. Der Saal kochte, denn tiefer konnte die Kluft gar nicht sein. Hier eine Regierung, die mit dem Thema Frauenquote nichts am Hut hatte, dort ein Unternehmen, das zeigte, wie es \u2013 allerdings mit freiwilliger Selbstverpflichtung \u2013 geht. Im Nachhinein betrachtet h\u00e4tte sich Kristina Schr\u00f6ders Ansatz der Kulturarbeit vereinen m\u00fcssen mit der Forderung der damaligen Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen nach einer Frauenquote in unternehmerischen Aufsichtsorganen. Doch das sollte angesichts des seinerzeitigen unionsinternen Streits \u00fcber dieses Thema offenbar nicht sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Telekom versucht es jetzt mit Gewalt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Verk\u00fcndung der Frauenquote durch die Telekom rollte das Thema mit einer Dynamik in die gesellschaftliche Debatte, wie wir uns es weder gew\u00fcnscht oder gar erhofft h\u00e4tten. Das Thema stand zwar schon Jahre vorher im Raum, aber es qu\u00e4lte sich mehr oder weniger dahin. Dann kommt so ein DAX-30-Konzern mit 240 000 Besch\u00e4ftigten, darunter 4500 F\u00fchrungskr\u00e4ften, und f\u00fchrt sie mal eben verbindlich ein. Das hat der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung um die Frauenquote erst den richtigen und m\u00e4chtigen Aufrieb gegeben. Die damals noch existente Financial Times Deutschland widmete diesem Thema sogar eine ganze Titelseite. \u00dcberschrift: \u00bbTelekom f\u00fchrt Frauenquote ein\u00ab. Einen Tag sp\u00e4ter, am 16. M\u00e4rz 2010 stand in der FTD diese \u00dcberschrift: \u00bbTelekom versucht es jetzt mit Gewalt \u2013 Dax-Konzern reagiert mit Quotenregelung auf Scheitern der bisherigen Personalentwicklung\u00ab. Genauso war es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Umsetzen der\u00a0Quote &#8211; sehr viel komplexer als gedacht<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Telekom haben wir dann rasch erkannt, dass die Umsetzung der Quote sehr viel komplexer war als gedacht. Wir haben allein ein Jahr gebraucht, um weltweit das Berichtswesen f\u00fcr alle \u00bbTouchpoints\u00ab zu installieren: Wie viele MINT-Expertinnen werden eingestellt, wie viele sind in den Nachwuchsprogrammen? Ist wenigstens eine Kandidatin unter den letzten drei Bewerbern f\u00fcr eine F\u00fchrungsposition? Haben die Assessment-Center einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent? Sind die F\u00fchrungskr\u00e4fteseminare mindestens zu 40 Prozent mit internationalen Kolleginnen und Kollegen besetzt und zu 30 Prozent mit Frauen? Ich habe damals gedroht, die F\u00fchrungskr\u00e4fteprogramme so lange auszusetzen, bis wir diese Proportionen erreicht haben. Ich habe nat\u00fcrlich st\u00e4ndig geh\u00f6rt, man gebe sich alle M\u00fche, aber es gehe nun mal nicht, mehr als 17 Prozent Frauenanteil sei nicht zu erreichen und \u00e4hnliche sattsam bekannte Gegenargumente. Ich habe wirklich die gesamte Trainingslandschaft<b> <\/b>f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte so lange storniert, bis die 30 Prozent an Frauenanteil erreicht waren. Und das Wichtigste: Werden sie am wichtigsten \u00bbTouchpoint\u00ab \u2013 der Bef\u00f6rderung \u2013 ausreichend in jedem Land der Telekom-Welt und insbesondere in Deutschland bef\u00f6rdert, um dem 30-Prozent-Ziel n\u00e4her zu kommen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nur mit Z\u00e4higkeit und ohne Kompromisse<\/strong><\/p>\n<p>Dann ging es schneller als gedacht voran. Viele Damen und vor allem Herren an den Unternehmensschaltstellen sind es gewohnt, dass man mit ihnen, sollten sie Zielsetzungen nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen, gn\u00e4dig umgeht. Mir aber war klar: Die ersten Kompromisse bahnen die Schneise daf\u00fcr, dass nur noch Kompromissl\u00f6sungen pr\u00e4sentiert w\u00fcrden, gerade bei diesem Thema. Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter habe ich zum Beispiel bei T-Systems keine Neubesetzung von F\u00fchrungspositionen mehr zugelassen, wenn die Quote nicht stimmte. Das hei\u00dft, Positionen blieben \u00fcber Monate tats\u00e4chlich unbesetzt, weil es st\u00e4ndig hie\u00df, es seien keine Frauen daf\u00fcr zu finden. Das alles sind nat\u00fcrlich tiefste Eingriffe und kulturpolitische Interventionen. Aber so ein ehrgeiziges Unterfangen wie das Quotenziel bekommt man ohne gro\u00dfe Z\u00e4higkeit und Konsistenz und \u2013 ja: Kompromisslosigkeit \u2013 nicht durchgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ende 2015 sollte die Telekom die Zielquote geschafft haben<\/strong><\/p>\n<p>Wie gesagt, 2010 hatte die Telekom 13 Prozent Frauen in F\u00fchrungspositionen in Deutschland, fast 19 Prozent waren es im Ausland. Heute, zwei Jahre nach meinem Ausscheiden, liegen die Quoten schon bei knapp 20 Prozent in Deutschland und 25 Prozent weltweit. Das hei\u00dft, bis Ende 2015, diese Prognose wage ich, hat die Telekom die Zielquote erreicht oder zumindest so gut wie erreicht, wenn meine Nachfolger genauso energisch das Thema vorantreiben wie ich. Die bisherigen Resultate der \u00fcbrigen 29 DAX-Konzerne mit Ausnahme weniger, wie zum Beispiel Henkel, sind indessen nach wie vor erb\u00e4rmlich.<\/p>\n<div id=\"attachment_655605\" style=\"width: 424px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-655605\" class=\"size-full wp-image-655605\" alt=\"Thomas Sattelberger: &quot;ich halte nicht dfie Klappe&quot;...\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Cover_Sattelberger.jpg\" width=\"414\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Cover_Sattelberger.jpg 414w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/02\/Cover_Sattelberger-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><p id=\"caption-attachment-655605\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Sattelberger: &#8222;Ich halte nicht die Klappe&#8220;, Murmann Publishers 2015, 288 Seiten, 22 Euro \u00a0<a title=\"Murmann Publishers\" href=\"www.murmann-verlag.de\" target=\"_blank\">www.murmann-verlag.de<\/a><\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ma\u00dfgeschneiderte L\u00f6sungen m\u00fcssen her<\/strong><\/p>\n<p>Es ist klar geworden, dass wir an den Karrieresystemen selbst, und das allerdings noch viel gr\u00fcndlicher als bisher, t\u00e4tig werden m\u00fcssen: Jobsharing in F\u00fchrungspositionen, F\u00fchrung in Teilzeit, F\u00fchrung zum Teil aus dem h\u00e4uslichen B\u00fcro heraus sowie Mischformen davon m\u00fcssen erm\u00f6glicht werden, sonst bewegt sich erst einmal nicht viel. Da gibt es aber keinen K\u00f6nigs- oder K\u00f6niginnenweg, weil die L\u00f6sungen hochindividuell ma\u00dfgeschneidert werden m\u00fcssen. Es gibt tats\u00e4chlich einen, aber nur diesen Weg, und auf dessen Wegweiser steht: Alles ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kein Zwang f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte: rund um die Uhr zu arbeiten<\/strong><\/p>\n<p>Es muss nat\u00fcrlich auch die Betreuungsinfrastruktur entsprechend zugeschnitten werden. Ich habe damals acht Millionen Euro allein f\u00fcr den Ausbau von Kinderg\u00e4rten in Deutschland im Telekom-Vorstand herausgehandelt. Schlie\u00dflich ist die Gestaltung der Arbeitszeiten ein Megathema f\u00fcr den Erfolg, insbesondere f\u00fcr Frauen. F\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse revolution\u00e4r haben wir eine Selbstverpflichtung der F\u00fchrungskr\u00e4fte eingef\u00fchrt, wonach sich Mitarbeiter nicht gezwungen f\u00fchlen d\u00fcrfen, au\u00dferhalb der gew\u00f6hnlichen Arbeitszeiten E-Mails zu bearbeiten. Will hei\u00dfen, die F\u00fchrungskr\u00e4fte verpflichteten sich quasi, nur noch ein Minimum an Mails zu produzieren und im Zweifel anzurufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wochenendarbeit &#8211; Mail-\u00dcbelt\u00e4ter Sattelberger<\/strong><b><br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Volkswagen hat das \u00fcbrigens erst lange danach in eine Betriebsvereinbarung gegossen, nach der die Computerserver des Konzerns einfach abgeschaltet wurden. Was f\u00fcr eine r\u00fcckst\u00e4ndige Regulierung, wie sie bestimmten partei- und gewerkschaftspolitischen Positionen verpflichtet ist! Mit Kulturwandel hat das nichts zu tun. Wolfsburger VW-Personalmanager, so hei\u00dft es, seien sowieso immer rot angelaufen, wenn sie von den sozialpolitischen Innovationen des Kollegen Sattelberger aus Bonn h\u00f6rten. Da waren Peter Hartz, den ich zu den Gro\u00dfen unserer Profession z\u00e4hle, und sein Personalressort um Klassen besser und weitsichtiger. Einer der gr\u00f6\u00dften Mail-\u00dcbelt\u00e4ter war ich allerdings selbst, der ich am Wochenende bis zu 150 Mails in die Organisation eingespeist habe, durch die ja nicht nur die Adressaten, sondern vielleicht noch weitere 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bewegung gesetzt wurden, damit Thomas Sattelberger am Montagmorgen, sarkastisch gesagt, die Antworten ehrerbietig zu F\u00fc\u00dfen gelegt werden konnten. Da streue ich noch im Nachhinein Asche auf mein Haupt. Als ich das \u00e4nderte und nur noch drei bis f\u00fcnf Mails am Wochenende verschickte, lief die (Unternehmens-)Welt nach wie vor so gut und so schlecht wie eh und je.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pause vom Job bis zu zwei Jahre lang<\/strong><\/p>\n<p>Obendrein haben wir bei der Telekom begonnen, eine \u00bbStep-out-Stepin\u00ab-Kultur zu etablieren. Das hei\u00dft, jede und jeder kann das Unternehmen f\u00fcr bis zu zwei Jahre verlassen und auch wieder eintreten,\u00a0ohne die \u00bbMitgliedschaft\u00ab zu verlieren. Ob f\u00fcr die Pflege Angeh\u00f6riger, ob f\u00fcr eine Weltumrundung, ob f\u00fcr politisches Engagement \u2013 oder f\u00fcr jede andere Art von Auszeit. Damit gekoppelt bekommen diese Mitarbeiter weiterhin ihr \u2013 nach ihren Vorstellungen reduziertes \u2013 Gehalt, und nach Wiedereintritt in den Telekom-Dienst bleiben sie so lange auf dem etwas niedrigeren Niveau, bis sie ihre Auszeit wieder eingearbeitet haben. Eine elegante L\u00f6sung auch f\u00fcr Tarifmitarbeiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8230; doch kaum einer nutzte die Chance<\/strong><\/p>\n<p>Das war \u00fcbrigens keine radikale Ver\u00e4nderung. So wie sich Menschen auch im Winter Hotels mit Swimmingpools buchen, sie aber kaum nutzen, so war und ist es anfangs mit diesen Arbeitszeitmodellen. Es geht um Lernkurven f\u00fcr das Unternehmen, und letztlich kann dieses \u00fcber die Zeit hinweg eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl solcher differenzierten Mitarbeiteroptionen verkraften.<\/p>\n<p>Ein weiteres, kleineres Ver\u00e4nderungsprojekt: Um mehr junge Frauen f\u00fcr unsere dualen MINT-Studien- und Berufsausbildungsg\u00e4nge zu gewinnen, habe ich vorgegeben, doppelt so viel junge Damen f\u00fcr diese Programme zu gewinnen, wie sich im bundesdeutschen Durchschnitt f\u00fcr solche Disziplinen an Hochschulen einschreiben. In den einschl\u00e4gigen Studien- beziehungsweise Ausbildungsg\u00e4ngen \u2013 Informatiker, Wirtschaftsinformatiker, Systemelektroniker zum Beispiel \u2013 liegt dieser Durchschnitt bei 14 Prozent. Ich aber wollte 28 Prozent Frauen in der Telekom. Nat\u00fcrlich haben alle wieder aufgejault, keiner hielt das f\u00fcr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schluss mit dem Herumeiern\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Unserem Leiter \u00bbBildungspolitik\u00ab habe ich gesagt: \u00bbSie f\u00fchren jetzt ein halbes Jahr lang eine Projektgruppe, die nicht nur einen Plan entwickelt, sondern auch umsetzt, damit wir die angestrebte Quote erreichen. Ihr eiert seit Jahren herum und erz\u00e4hlt mir immer, dass das nicht gehe, dass die Frauen sich nicht bewerben w\u00fcrden, und wenn doch, seien sie nicht motiviert und so weiter und so weiter. Ich bin inzwischen m\u00fcde und ich bin es satt, mir st\u00e4ndig diese Argumente anh\u00f6ren zu m\u00fcssen!<\/p>\n<p>\u00abUnd siehe da, beim n\u00e4chsten Studienbeginn hatten wir 27 Prozent Frauen. Das f\u00fcr unm\u00f6glich Gehaltene war also doch m\u00f6glich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nur mit vielen kleinen Schritten kommt man zum Ziel<\/strong><\/p>\n<p>Aber wie gelang es? Durch eine Vielzahl von einzelnen Schritten. So waren zum Beispiel schon bei der Telekom studierende Damen arbeitgeberseitig beteiligt an den Bewerbungsgespr\u00e4chen junger Frauen. Bewerberinnen konnten mit Telekom-Mitarbeiterinnen dar\u00fcber diskutieren, wie diese ihren Arbeitsalltag erleben und bew\u00e4ltigen. Module zu internationaler Kommunikation oder zu sozialer Innovation wurden in die Studieng\u00e4nge integriert. Auch haben wir uns die Frage gestellt, ob wir eigentlich die richtige, also nicht zu technikaffine Sprache benutzen, um junge Frauen anzusprechen. Es gibt so vieles, an das man \u00fcblicherweise im standardisierten Routineablauf des Gewohnten nicht denkt.<\/p>\n<p>Kurz: Wer im guten Sinne die gesamte Rekrutierungs-, F\u00f6rderungs- und Bef\u00f6rderungskultur zusammen mit den Karrieresystematiken und mit dem Arbeitszeitregime anpackt, der hat Erfolg. Wenn das noch flankiert wird mit gender-fairen Kommunikationstrainings, die Tausende F\u00fchrungskr\u00e4fte der Telekom durch liefen und in denen die Menschen f\u00fcr Rituale und Rollenverst\u00e4ndnisse sensibilisiert wurden, wird der Erfolg noch wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>W\u00fctende M\u00e4nner, die schnauzten, Ihnen verderbe die Frauenquote die Karriere<\/strong><\/p>\n<p>Wer nun denkt, dass alle diese Anstrengungen bei der Telekom-Belegschaft<b> <\/b>unumstritten gewesen seien, der irrt sich. Ich erinnere mich noch gut an ein Treffen mit jungen Nachwuchskr\u00e4ften, so um die 30 Jahre alt, 80 Prozent M\u00e4nner, 20 Prozent Frauen. Bei dieser Zusammenkunft<b> <\/b>schnauzten mich junge M\u00e4nner mit hochrotem Kopf an, ich verd\u00fcrbe ihnen die Karrierechancen. Da fragte ich erst einmal ganz n\u00fcchtern, ob diese 80-Prozent-Quote f\u00fcr M\u00e4nner denn gottgegeben sei, woher sie das Recht n\u00e4hmen, zu behaupten, dass mindestens weitere 30 Prozent der Frauen nicht die F\u00e4higkeiten und die Motivation bes\u00e4\u00dfen, die gleichen Karrierechancen wie sie wahrzunehmen. Es gab also innerhalb der Telekom-Belegschaft jede Menge hitziger Debatten. Doch das alles geh\u00f6rte dazu, das Thema Frauenquote mit aller Konsequenz und Systematik anzugehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weibliche Vorst\u00e4nde gingen rasch oder wurden hinausgedr\u00e4ngt<\/strong><\/p>\n<p>Mit reiner Symbolpolitik kommt niemand weiter. Und um eine solche scheint es sich in vielen F\u00e4llen gehandelt zu haben, auch in den vergangenen wenigen Jahren, da eine Reihe von Vorstandsfrauen in DAX-Unternehmen nach kurzer Zeit die Konzerne wieder verlie\u00dfen beziehungsweise hinausgedr\u00e4ngt wurden: Regine Stachelhaus (E.ON AG), Angelika Dammann und Luisa Deplazes Delgado (SAP AG), Brigitte Ederer und Barbara Kux (beide Siemens AG), Marion Schick (Telekom AG), Angela Titzrath (Deutsche Post AG) und Elke Strathmann (Continental AG).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es scheiterten die Dax-Konzerne &#8211; nicht die einzelnen Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Zusammengefasst l\u00e4sst sich sagen: Die Symbolpolitik an den Konzernspitzen ist grandios gescheitert. Das Betr\u00fcblichste daran ist, dass das Scheitern nicht als Muster erkannt, sondern individualisiert wurde und dass aus der Koalition derer, die sich sonst lautstark f\u00fcr die Rechte der Frauen einsetzen, bisher kein Wort der Solidarit\u00e4t zu vernehmen war. Stattdessen liegt ein Mantel des Schweigens \u00fcber den Vorg\u00e4ngen. Selbst die quotenorientierten Frauenorganisationen haben bislang kein solidarisches Wort verlauten lassen. Wie traurig! Aber ohne eine Erweiterung ihrer politischen Agenda um all die wichtigen Kulturthemen jenseits der Quote kann Frauenf\u00f6rderung nicht erfolgreich sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Offenbar verlangen die Konzerne von Frauen nur Gehorsam und Anpassung\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Und jetzt? Die Situation ist verfahren und angespannt: Die Frauen haben ein gutes St\u00fcck ihrer Courage eingeb\u00fc\u00dft. Weibliche F\u00fchrungskr\u00e4fte in Unternehmen haben das Signal verstanden: Gehorsam und Anpassung sind angesagt. Hoffentlich nicht bei der Telekom! Die Herren Manager in den b\u00f6rsennotierten Unternehmen wollen von dem Thema am liebsten nichts mehr h\u00f6ren. Aber Wegducken \u00e4ndert nichts. Diese Analyse f\u00fchrt mich auch zu den Reaktionen auf die Frauenquote au\u00dferhalb der Telekom, und die waren zum Teil durchaus erhellend. In den Medien war die Zustimmungsquote zun\u00e4chst ungef\u00e4hr zwei Drittel pro und ein Drittel kontra unsere Entscheidung, wobei die Journalistinnen mehr auf der Pro- und die Herren Redakteure mehr auf der Kontra-Seite anzutreffen waren. Wobei, das muss man sagen, die Medienwelt auch eine sehr m\u00e4nnerdominierte ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Negativ-Beispiel par Excellence: Die &#8222;Spiegel&#8220;-Redaktion<\/strong><\/p>\n<p>Da kann ich noch einen weiteren, pers\u00f6nlichen Einblick zum Besten geben. Auf einer Podiumsdiskussion, bei der auch der damalige &#8222;Spiegel&#8220;-Chefredakteur Georg Mascolo teilnahm, behauptete er, das Nachrichtenmagazin untern\u00e4hme jetzt nicht nur eine Menge, um Frauen in der Redaktion auch in F\u00fchrungspositionen zu bef\u00f6rdern, sondern vor allem eine systematische Personalentwicklung zu betreiben. Da hatte ihn wohl sein fortschrittlicher Kollege von der &#8222;ZEIT&#8220;, Giovanni di Lorenzo, in die Vorw\u00e4rtsstrategie getrieben. Ich schaute eher ungl\u00e4ubig, aber Mascolo beteuerte, sie meinten es wirklich ernst. Auf dem Podium sagte ich zu Mascolo, dass ich ihm in dieser Hinsicht nicht \u00fcber den Weg traue, und bot ihm an, kostenlos einen Kulturaudit in der Hamburger Redaktion vorzunehmen. In diesen eineinhalb Tagen habe ich mit dem Frauenrat, mit Betriebsr\u00e4ten, mit der Gesch\u00e4ftsleitung, mit 30 jungen, m\u00e4nnlichen wie weiblichen Nachwuchsredakteuren und mit Ressortleitern gesprochen. Im ab schlie\u00dfenden Plenum bin ich dann mit allen Beteiligten meine Diagnose durchgegangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn der Chef einen Anspruch formuliert, aber die Kultur leider kontr\u00e4r ist<\/strong><\/p>\n<p>Mein Ergebnis, hier nur abstrakt zusammengefasst, da ich Mascolo Diskretion versprochen habe: Die &#8222;Spiegel&#8220;-Kultur ist weit davon entfernt, Mascolos Anspruch auch nur ansatzweise zu unterst\u00fctzen. In einer solchen Kultur mag das St\u00fcck \u00bbFrauenf\u00f6rderung\u00ab zwar vordergr\u00fcndig und zur allgemeinen Unterhaltung auf der B\u00fchne aufgef\u00fchrt werden, aber im Hintergrund sind ganz andere Mechanismen wirksam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Intolerante und bitterb\u00f6se Wirtschaftselite<\/strong><\/p>\n<p>Relevanter und zugleich best\u00fcrzender indessen war, dass Ren\u00e9 Obermann und ich zu Parias unter den DAX-30-Vorst\u00e4nden erkl\u00e4rt wurden. Ich habe selten erlebt, wie nachtragend die deutsche Wirtschaftselite sein kann. Bei Obermann hie\u00df es zum Beispiel hinter vorgehaltener Hand, ihm habe wohl seine Frau, die TV-Moderatorin Maybrit Illner, die Leviten gelesen, damit er sich f\u00fcr die Frauenquote starkmache. Bei mir hie\u00df es: Der will sich nur politisch in Szene setzen und bei den Fraktionsfrauen jeglicher Couleur punkten, um nach seiner aktiven Zeit als Manager politisch Karriere zu machen. Au\u00dferdem ist der Sattelberger eh einer, der sich medial stets in Szene zu setzen gewusst hat, dem hat er jetzt die Krone aufgesetzt. Es waren zum Teil auch bitterb\u00f6se Gespr\u00e4che, die wir im Kreis der DAX-30-Konzerne zum Thema gef\u00fchrt haben. Die mildesten Reaktionen aus diesen Vorstandskreisen k\u00f6nnte man noch als Unverst\u00e4ndnis bezeichnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die meisten Dax-Vorst\u00e4nde haben nur die Devise &#8222;cover your ass&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Manche sagten mir zwar unter vier Augen, ich h\u00e4tte ja recht, aber wenn sie sich in ihrem Vorstand f\u00fcr das Thema starkmachten, dann h\u00e4tten sie die A-Karte gezogen und st\u00fcnden allein auf weiter Flur. Zum Teil klang auch etwas Neid heraus, dass Ren\u00e9 Obermann und ich mitsamt den \u00fcbrigen Vorstandskollegen diesen Weg so konsequent gingen. Nur zwei m\u00e4nnliche Vorstandskollegen, Wilfried Porth von Daimler und Harald Kr\u00fcger von BMW, bezogen klar Stellung. Und nat\u00fcrlich auch Regine Stachelhaus von E.ON und Angelika Dammann von SAP, beide damals tolle Vorstandsfrauen in ihren Konzernen. Diese vier unterst\u00fctzten zwar nicht eine gesetzliche Frauenquote, forderten aber eine neue Qualit\u00e4t der Frauenf\u00f6rderung. Der ganz gro\u00dfe Rest der deutschen Topmanager \u00fcbte sich lediglich in \u00bbcover your ass\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom und von Conti, Thomas Sattelberger ist Verfechter der Frauenquote und jetzt seine Autobiographie herausgebracht: &#8222;Ich halte nicht die Klappe &#8211; Mein Leben als \u00dcberzeugungst\u00e4ter in der Chefetage&#8220;. 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