{"id":654593,"date":"2014-11-15T14:49:50","date_gmt":"2014-11-15T13:49:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=654593"},"modified":"2014-11-15T14:49:50","modified_gmt":"2014-11-15T13:49:50","slug":"buchauszug-vorab-exklusiv-i-111-grunde-anwalte-zu-hassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2014\/11\/15\/buchauszug-vorab-exklusiv-i-111-grunde-anwalte-zu-hassen\/","title":{"rendered":"Buchauszug vorab exklusiv (I): &#8222;111 Gr\u00fcnde, Anw\u00e4lte zu hassen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eva Engelken, Buchautorin und Expertin f\u00fcr Anw\u00e4lte PR hat ein Branchenportrait und Psychogramm \u00fcber die &#8222;merkw\u00fcrdige wie unentbehrliche Spezies Anw\u00e4lte&#8220; geschrieben mit dem Titel &#8222;111 Gr\u00fcnde, Anw\u00e4lte zu hassen&#8220;. Ihre Fragen: &#8222;Warum sitzen Anw\u00e4lte so h\u00e4ufig an den Schalthebeln der Macht? Warum gibt es Rechtsberatung nicht auf Kassenrezept? Und wieso hat noch nie ein Anwalt den Nobelpreis f\u00fcr die beste Rechtsberatung bekommen?&#8220; Oder: &#8222;Vertr\u00e4gt es sich mit der anwaltlichen Unabh\u00e4ngigkeit, wenn Anw\u00e4lte Mandanten beraten und gleichzeitig als Abgeordnete das Volk repr\u00e4sentieren?&#8220; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hier im Management-Blog zwei Buchausz\u00fcge in zwei Folgen:<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33744\"><strong>45. Grund: Weil sie Unabh\u00e4ngigkeit als Luxus betrachten, <\/strong><br \/>\n<strong>den sich nicht jeder leisten kann<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33745\">Frei und unabh\u00e4ngig zu sein, bedeutet bei Anw\u00e4lten, dass keine staatliche Beh\u00f6rde ihnen Weisungen erteilen darf, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Das war schon mal kurzfristig anders. Im Dritten Reich waren die Rechtsanw\u00e4lte zwar formell unabh\u00e4ngig, aber durch die Hintert\u00fcr der Ehrengerichte erhielten sie doch Weisungen.<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33746\">Unabh\u00e4ngig m\u00fcssen Rechtsanw\u00e4lte auch von ihren Mandanten sein. Das hei\u00dft, sie sollten sie im wohlverstandenen Interesse des Mandanten so beraten, wie sie es selbst f\u00fcr richtig halten. Das darf sogar dazu f\u00fchren, dass sie dem Mandanten den Wisch vor die Nase knallen und sagen: \u00bbSo nicht, mein Freund.\u00ab Ein BGH-Anwalt hat das k\u00fcrzlich gemacht und damit f\u00fcr viel Aufsehen gesorgt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unabh\u00e4ngigkeit im Haifischbecken?<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_34013\">Gleich mehrere Branchenjournalisten, die ich nach der Unabh\u00e4ngigkeit von Anw\u00e4lten gefragt habe, sagen mit einem Naser\u00fcmpfen: \u00bbWirtschaftsanw\u00e4lte unabh\u00e4ngig? Die sind ein abh\u00e4ngiges Organ der Wirtschaft.\u00ab Auch Rechtsanw\u00e4lte selbst sind sich da nicht ganz sicher. Rechtsanwalt Dr. Michael Kleine-Cosack schreibt: \u00bbDie entscheidende Gefahr f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Rechtsanw\u00e4lte geht aber heute nicht mehr vom Staat aus. Die offene Flanke des Ideals ist der nichtstaatliche Bereich.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-654594\" alt=\"eva.cover\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2014\/11\/eva.cover_.jpg\" width=\"240\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2014\/11\/eva.cover_.jpg 240w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2014\/11\/eva.cover_-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_34014\">Der Grund f\u00fcr das Problem mit der Unabh\u00e4ngigkeit? Anw\u00e4lte m\u00fcssen Geld verdienen. Nicht nur der am Existenzminimum krebsende Junganwalt in einer Einzelkanzlei oder in freier Mitarbeit, sondern mehr noch der umsatzgetriebene Partner oder die Partnerin einer internationalen Wirtschaftskanzlei. Der Platz im Haifischbecken will stets und st\u00e4ndig verteidigt werden.<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33992\">Bricht der Umsatz ein, zum Beispiel weil Wirtschaftsflaute herrscht und der M&amp;A-Markt einbricht oder ein Spezialbereich wegf\u00e4llt, weil kein Mensch mehr ein Cross-Boarder-Leasing beauftragt, droht im Extremfall der Verlust der Partnerschaft. 2005, 2006, 2007 haben die gro\u00dfen Wirtschaftskanzleien recht gnadenlos ein Viertel ihrer Partner deequitized. Das ging zwar nicht von heute auf morgen. Die Partner bekamen ein Umsatzziel gesteckt, aber wenn sie das nicht erreichten, verloren sie ihren Partnerstatus und anschlie\u00dfend legte man ihnen nahe, zu gehen. Wer derart Feuer unter seinem Hintern sp\u00fcrt, wagt nichts zu tun, was die Mandanten in irgendeiner Weise vergraulen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Angst vor den Mandanten &#8211; wie eine Schere im Kopf<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33991\">Die <i>WirtschaftsWoche<\/i>-Redakteurin Claudia T\u00f6dtmann hat beobachtet, dass man dies das gut an den \u00c4u\u00dferungen von Anw\u00e4lten in der Presse sehen kann. Bittet sie Anw\u00e4lte beispielsweise, etwas \u00fcber die Deutsche Bank zu sagen, zucken die meisten erschreckt zur\u00fcck. Es k\u00f6nnte ja sein, dass man sp\u00e4ter von der Deutschen Bank beauftragt wird beziehungsweise nicht beauftragt wird, weil man sich irgendwann in der \u00d6ffentlichkeit kritisch ge\u00e4u\u00dfert hat. Der Justiziar des Unternehmens k\u00f6nnte zuf\u00e4llig genau diese \u00c4u\u00dferung gelesen haben und sich gegen die Mandatierung der betreffenden Kanzlei aussprechen. Dass Artikel noch nach Jahren im Internet gefunden werden k\u00f6nnen, macht die Angst der Anw\u00e4lte nicht kleiner.<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33990\">Dabei gibt es genug heikle rechtliche Themen, zu denen Anw\u00e4lte etwas sagen k\u00f6nnten. Da muss es noch nicht mal um die ganz gro\u00dfe Moralfragen gehen. Es reicht ja schon, die Frage zu thematisieren, welche Verg\u00fctung Betriebsr\u00e4te erhalten d\u00fcrfen, ohne dass sich ihr Arbeitgeber damit wegen Betriebsratsbeg\u00fcnstigung strafbar macht.<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33989\">Wenn Mandanten allerdings wegen dieser Rechtsfrage gerade in den Schlagzeilen sind, bedarf es eines gewissen Standings, als Anwalt in der Presse zu er\u00f6rtern, welche rechtlichen Folgen das haben kann. Das besitzen nur wenige Anw\u00e4lte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weniger das Mandatsgeheimnis als diffuse Angst, sich Mandate zu verbauen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33988\">\u201eEs zeugt von Unabh\u00e4ngigkeit, wenn man sich hinstellen und erkl\u00e4ren kann, dass ein bestimmtes Gesch\u00e4ftsgebaren gegen die Rechtsordnung verst\u00f6\u00dft\u201c, sagt T\u00f6dtmann. Doch ihre Erfahrung zeigt: Nicht wenige Anw\u00e4lte vermeiden es in solchen Situationen, \u00fcberhaupt mit einem Statement in der Presse zu erscheinen. Selbst eine objektive Einsch\u00e4tzung der Rechtslage lehnen sie ab. \u201eBitte haben Sie Verst\u00e4ndnis, dass wir uns hierzu nicht \u00e4u\u00dfern m\u00f6chten\u201c, hei\u00dft es dann sogar im Hinblick auf Unternehmen, die <i>nicht<\/i> zu den Mandanten geh\u00f6ren. Es ist also nicht das Mandatsgeheimnis, das die Anw\u00e4lte hindert, etwas zu sagen, sondern nur die Sorge davor, etwaige k\u00fcnftige Mandanten zu vergraulen.<\/p>\n<div id=\"attachment_650242\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-650242\" class=\"size-full wp-image-650242\" alt=\"Eva Engelken, Buchautorin und Expertin f\u00fcr Anw\u00e4lte-PR\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2011\/01\/engelkeneva.jpg\" width=\"183\" height=\"275\" \/><p id=\"caption-attachment-650242\" class=\"wp-caption-text\">Eva Engelken, Buchautorin und Expertin f\u00fcr Anw\u00e4lte-PR<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wes Brot ich ess, des Lied ich sing&#8220;<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33987\">Oft gehen Anw\u00e4lte sogar noch weiter. Sie vermeiden nicht nur \u00c4u\u00dferungen, die ein m\u00f6glicher Mandant als Kritik empfinden k\u00f6nnte, sie antizipieren sogar dessen mutma\u00dfliche Meinung. Stets nach Goethes Spruch \u201eWes Brot ich ess, des Lied ich sing\u201c. Im Arbeitsrecht hei\u00dft das: Sie vertreten als Wirtschaftsanw\u00e4lte die Meinung der Arbeitgeber, nicht die der Betriebsr\u00e4te oder Arbeitnehmer. Das \u00fcbernehmen sie dann manchmal in ihr Verhalten, sodass es passieren kann, dass sie am Taxistand eine Betriebsratschefin mit den Worten \u201eKein Betriebsrat kriegt das erste Taxi\u201c abdr\u00e4ngen. Naturgem\u00e4\u00df lehnen sie Reformen, die ihren Unternehmensmandanten nicht gefallen, ab. Umweltschutzauflagen? Contra von den Anw\u00e4lten. Frauenquote? Ebenfalls.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Angst vor den Einkaufsabteilungen der Unternehmen<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33986\">Noch eine weitere Entwicklung tr\u00e4gt nicht zu mehr Unabh\u00e4ngigkeit von Wirtschaftsanw\u00e4lten bei, n\u00e4mlich, dass sie nicht mehr wie fr\u00fcher von Mann zu Mann per Handschlag mandatiert werden, sondern immer \u00f6fter von einer Einkaufsabteilung. Die entscheidet nach einem strengen Auswahlverfahren dar\u00fcber, welche Kanzlei die billigste oder jeweils genehmste ist &#8211; und erteilt dann das Mandat.<\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_33982\">Die naheliegende Folge w\u00e4re, abh\u00e4ngigen Wirtschaftsanw\u00e4lte nicht mehr zu erlauben, sich Rechtsanw\u00e4lte zu nennen. Wer nur noch im Dienst der Wirtschaft agiert, ist kein Rechtsanwalt mehr, sondern ein Wirtschaftsanwalt. Bei englischen Anw\u00e4lten w\u00e4re das schwieriger. Sie tragen das Gesetz untrennbar im Namen. Statt \u00bbLawyer\u00ab m\u00fcsste man sie dann \u00bbUnlawyer\u00ab nennen. Klingt komisch! Vermutlich ist deswegen noch keiner auf die Idee gekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Folge II :\u00a0 &#8222;99. Grund Weil sie die Zeitung als private Werbefl\u00e4che betrachten&#8220; erscheint morgen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>&#8222;111 Gr\u00fcnde, Anw\u00e4lte zu hassen.Und die besten Tipps, wie man mit ihnen trotzdem zu seinem Recht kommt&#8220; <\/strong><strong>von Eva Engelken, m<\/strong>it Illustrationen von Jana Moskito, 345 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro (D), ISBN 978-3-86265-403-1, erschienen am 15. November 2014 im Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf Verlag: <strong><a title=\"&quot;111 Gr\u00fcnde, Anw\u00e4lte zu hassen&quot;, Eva Engelken, Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf Verlag,\" href=\"http:\/\/www.schwarzkopf-verlag.net\/store\/p35\/Eva_Engelken%3A_111_GR%C3%9CNDE%2C_ANW%C3%84LTE_ZU_HASSEN_.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.schwarzkopf-verlag.net\/store\/p35\/Eva_Engelken%3A_111_GR%C3%9CNDE%2C_ANW%C3%84LTE_ZU_HASSEN_.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_4833\"><b id=\"yui_3_16_0_1_1416055111192_4832\">Ver\u00f6ffentlichung mit Genehmigung<b> <\/b>der Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf Verlag GmbH, Berlin<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Engelken, Buchautorin und Expertin f\u00fcr Anw\u00e4lte PR hat ein Branchenportrait und Psychogramm \u00fcber die &#8222;merkw\u00fcrdige wie unentbehrliche Spezies Anw\u00e4lte&#8220; geschrieben mit dem Titel &#8222;111 Gr\u00fcnde, Anw\u00e4lte zu hassen&#8220;. 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