{"id":649366,"date":"2013-07-18T01:14:08","date_gmt":"2013-07-17T23:14:08","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=649366"},"modified":"2013-07-18T01:14:08","modified_gmt":"2013-07-17T23:14:08","slug":"benno-heussen-2-die-elegante-losung-der-italiener-buchauszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/07\/18\/benno-heussen-2-die-elegante-losung-der-italiener-buchauszug\/","title":{"rendered":"Benno Heussen (2): Die elegante L\u00f6sung der Italiener (Buchauszug)"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a02. Teil: Aus Benno Heussens &#8222;Interessante Zeiten &#8211; Reportagen aus der Innenwelt des Rechts&#8220; (Boorberg Verlag, Stuttgart 2013)\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_649396\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-649396\" class=\"size-medium wp-image-649396\" alt=\"Benno Heussen\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-300x297.jpg\" width=\"300\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-300x297.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen.jpg 481w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-649396\" class=\"wp-caption-text\">Benno Heussen<\/p><\/div>\n<p align=\"LEFT\">Rechtsanw\u00e4lte in Europa<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Durch die Kooperation mit vielen anderen Anw\u00e4lten in Europa haben wir schnell gesehen, dass Rechtssysteme, die sehr nah miteinander verwandt sind, ganz unterschiedlich funktionieren. Erst so ist mir klar geworden, dass\u00a0auch im weltweiten Ma\u00dfstab in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz am schnellsten und in Deutschland jedenfalls am kosteng\u00fcnstigsten prozessiert werden kann. In einem Fall hatte einer unserer Mandanten ein Hotel\u00a0in Kopenhagen gekauft und den Kaufvertrag sp\u00e4ter angefochten. Wir klagten sicherheitshalber in Kopenhagen, weil wir glaubten, damit dem Problem der Zust\u00e4ndigkeit ausweichen zu k\u00f6nnen. Diese Strategie ging auf, aber das d\u00e4nische Gericht brauchte zwei Jahre f\u00fcr eine Entscheidung von drei Zeilen! Offenbar gibt es dort keine wissenschaftlichen Einrichtungen wie die Max-Planck-Institute, die solche Fragen in drei Monaten beantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Ein italienischer Anwalt aus S\u00fcdtirol sagte mir einmal: \u00bbWas man s\u00fcdlich von Rom nicht per Einstweiliger Verf\u00fcgung bekommt, bekommt man gar nicht!\u00ab Die durchschnittlichen Prozesszeiten in Italien, die in jeder Instanz 3\u20136 Jahre betragen, lassen nicht erkennen, dass einige Verfahren ohne weiteres 10\u201315 Jahre dauern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Neapel<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Vor allem im Strafrecht zeigen sich die erstaunlichsten Unterschiede. \u00bbLaura ist verhaftet worden. In Neapel.\u00ab Ich erkannte kaum die Stimme eines alten Freundes aus Berlin, denn es war 4 Uhr morgens. Laura war seine Tochter, 20. Sie studierte \u00bbirgendwas mit Medien\u00ab in Berlin, lebte in einer Wohngemeinschaft, und vor wenigen Tagen war sie mit einem Typen, den der Vater nat\u00fcrlich nicht kannte, zu einem Kurzurlaub nach Italien gefahren. Das hatten die Mitbewohner erz\u00e4hlt, die Eltern sah sie nur zu den \u00fcblichen Festtagen. Am sp\u00e4ten Nachmittag dann der Anruf aus dem Konsulat in Neapel. Ich war erst nachts nachhause gekommen und der Vater hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Meine war jetzt auch zu Ende.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Die italienische Drogenfahndung hatte die beiden nachts im Hotel verhaftet, das Auto auseinander genommen und 10 kg Hasch unterschiedlicher Qualit\u00e4t, Tabletten und ein paar Designerdrogen entdeckt. Bei so einer Menge hatte sie viele Jahre Haft zu erwarten. Ich kannte sie schon als Kind und mir wurde ziemlich flau. Dem Konsulat hatte sie gesagt, sie habe von nichts gewusst, ihr Freund auch nicht. Aber er w\u00fcrde wahrscheinlich die Leute kennen, die das Auto pr\u00e4pariert h\u00e4tten. Offenbar ging sie auf Distanz.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Die Z\u00f6llner f\u00fcrchten lernen<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Das Konsulat hatte Patroni Griffi (62) empfohlen, Vertrauensanwalt der Botschaft, Studium in Deutschland, ein zuverl\u00e4ssiger Verteidiger. Am Telefon klang seine Stimme wie Sarrastro pers\u00f6nlich, durch nichts aus der Ruhe zu bringen in den heiligen Hallen des Tribunale, die uns erwarteten. Ich vereinbarte mit ihm ein Treffen am anderen Morgen. Die Flugverbindungen waren schlecht, ich musste den Nachtzug nehmen. Bis dahin war ich mit dem Auto nach Italien gefahren und hatte dabei nur die Z\u00f6llner f\u00fcrchten gelernt. Im Zug erhielt ich die erste Lektion im italienischen Rechtssystem: In Innsbruck wurden die P\u00e4sse eingesammelt, damit wir beim Zoll nicht geweckt werden mussten, und der italienische Schaffner bat unverhohlen um ein Trinkgeld, um uns vor n\u00e4chtlichen Gasangriffen zu sch\u00fctzen. Einige Banden hatten sich darauf spezialisiert, die Passagiere gegen Morgen mit Lachgas zu bet\u00e4uben, gingen dann mit Nachschl\u00fcsseln in die Kabinen und r\u00e4umten sie aus. Mit der Schutzgeb\u00fchr konnte man das offenbar verhindern.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Die Einfahrt in Neapel bescherte neue Einblicke in die Hinterh\u00f6fe l\u00e4ngs der Bahngleise. Auf dem Weg zum Taxistand kam ein junger Mann auf mich zu und stellte sich als deutscher Referendar vor. Er sollte mich abholen. Neben ihm ein kleiner Inder mit riesiger Chauffeursm\u00fctze. Ich wusste zwischenzeitlich, dass die Patroni Griffi zu den \u00e4ltesten Adelsgeschlechtern Italiens z\u00e4hlen, das Empfangskomitee, die M\u00fctze usw. \u2013 am Ausgang des Bahnhofes erwartete ich einen Daimler S-Klasse \u2013 und nat\u00fcrlich entsprechende Honorarforderungen. Wir w\u00fchlten uns durch den Bahnhofsvorplatz. Wo konnte man hier parken? Kein gr\u00f6\u00dferes Auto war zu sehen. Aber neben einem Fiat 500 mit abbl\u00e4tternder Farbe standen zwei Buben, der Chauffeur dr\u00fcckte ihnen zum Dank daf\u00fcr, dass sie das Auto nicht geklaut hatten, einen angemessenen Betrag in die Hand und ich nahm auf dem R\u00fccksitz Platz. Nun hat ein Fiat 500 nichts, was man als R\u00fccksitz bezeichnen kann, daf\u00fcr aber andere Vorteile: Je n\u00e4her wir in die Innenstadt kamen, desto enger wurden die Stra\u00dfen und am Ende passte links und rechts gerade noch eine Handbreit neben das Auto, wenn es sich langsam durch die Menschen tastete.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Nur ein Zimmer mit winzigen Arbeitsfl\u00e4chen<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>.<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">In der Via Tribunale \u00f6ffnete sich ein Tor und im Innenhof war ein wenig Platz. Der Weg zum B\u00fcro f\u00fchrte \u00fcber eine steile Holztreppe, an deren Ende empfingen uns einige Sekret\u00e4rinnen (die offenbar nichts Besseres zu tun hatten) und dann endlich trat ich in das pr\u00e4chtige Zimmer des L\u00f6wen von Neapel. Ein kleiner Mann mit wei\u00dfen Haaren (Typ Ben Gurion), der mit Stolz auf die unter Glas gerahmten Zeitungsberichte \u00fcber die Mordprozesse deutete, die er vor allem in den F\u00fcnfziger- und Sechziger-Jahren erledigt hatte. Um ihn herum drei junge Anw\u00e4lte, der deutscher Referendar und ein spanischer Praktikant, von denen die H\u00e4lfte sich st\u00e4ndig im Zimmer des Meisters aufhielt, um gemeinsam mit ihm F\u00e4lle zu besprechen oder etwas auszuarbeiten. F\u00fcr alle gab es nur ein Zimmer mit winzigen Arbeitsfl\u00e4chen. Man arbeitete im st\u00e4ndigen Dialog. Auch zum Mittagessen gingen wir gemeinsam. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis wir \u00fcber den Fall reden konnten, und diese Besprechung bestand in erster Linie aus der Schilderung der Staatsanw\u00e4lte und Richter, die sich mit dem Fall besch\u00e4ftigen w\u00fcrden. Jeder Einzelne wurde filigran portr\u00e4tiert, und des Ergebnis des Falles schien sich in erster Linie danach zu richten, wer zu entscheiden hatte. Die entscheidende Frage war nat\u00fcrlich: Konnte man Laura Mitwisserschaft anlasten? \u00bbDas werden sie nicht versuchen\u00ab, meinte er, \u00bbsehen Sie doch das Bild \u2013 sieht sie nicht aus wie ein Engel?\u00ab<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Sorge ums Strafma\u00df<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Italienische Anw\u00e4lte d\u00fcrfen gelegentlich sentimental werden, dachte ich mir, musste ihm dann aber Recht geben: Auch in Deutschland ist Sch\u00f6nheit kein Argument, aber beim Urteil z\u00e4hlt sie doch \u2013 denn da entscheidet nicht nur der Kopf, sondern auch das Gef\u00fchl. Aber wie w\u00fcrde unser Engel nach ein paar Monaten italienischer Untersuchungshaft aussehen? Und was f\u00fcr ein Strafma\u00df stand hier im Raum? Ich machte mir wirklich Sorgen. In M\u00fcnchen gab es bei der Staatsanwaltschaft die bekannte Regel \u00bbSo viel macht so viel\u00ab, und so wurden f\u00fcr ein Kilo Heroin immer zehn Jahre \u00bbeingeschenkt\u00ab, und zwar ziemlich unabh\u00e4ngig davon, wie die konkreten Umst\u00e4nde lagen. Die t\u00fcrkische Drogenmafia machte es z. B. so: Sie griff sich an den Flugh\u00e4fen Gastarbeiter aus Anatolien und dr\u00fcckte ihnen eine Plastikt\u00fcte mit Inhalt und dazu noch 500 DM in die Hand, die andere H\u00e4lfte w\u00fcrde der Abholer zahlen. Schmuck sei in den P\u00e4ckchen f\u00fcr eine wichtige Hochzeit und der Post oder gar dem Zoll wolle man das wertvolle Gut nicht anvertrauen. Nat\u00fcrlich kann man sagen, dass so ein Bote ziemlich naiv war und den Drogenschmuggel mindestens \u00bbbilligend in Kauf nahm\u00ab. Aber zehn Jahre Haft?<\/p>\n<p align=\"LEFT\">In der ersten Instanz wurde Laura zu drei Jahren verurteilt. Ihr Freund hatte gestanden, Hinterm\u00e4nner wurden festgenommen, und der Chef-Fahnder gab zu, dass er einen gezielten Tipp bekommen hatte, sich diese Kuriere zu packen. Das machen die Gro\u00dfh\u00e4ndler so, damit sie die wirklich\u00a0 gro\u00dfen Sendungen an anderen Stellen ohne \u00c4rger \u00fcber die Grenze bekommen.\u00a0Patroni Griffi war ver\u00e4rgert. Er machte Druck und erreichte eine Berufungsverhandlung nur ein Jahr nach dem ersten Urteil.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Das italienische Frauengef\u00e4ngnis als eine Art Internat mit angeschlossenem Kindergarten<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Laura war erstaunlich gelassen. Als ich sie im Frauengef\u00e4ngnis in Caserta besuchte, war mir schnell klar, warum: Im Grunde war das eine Art Internat mit angeschlossenem Kindergarten, denn ein gutes Drittel der Frauen kam mit Kindern oder brachte sie dort zur Welt. Die Verwaltung h\u00e4tte es herzlos gefunden, Mutter und Kind zu trennen: Die Zellent\u00fcren waren den ganzen Tag offen, die Besuchszeiten wurden locker gehandhabt, die W\u00e4rterinnen zeigten den M\u00fcttern, wie man Babysachen strickt. Weihnachten wurde der gro\u00dfe Christbaum im Innenhof geschm\u00fcckt und jeder erteilte jedem Sprachunterricht \u2013 Laura sprach schon sehr ordentlich Italienisch, manchmal mit der leicht br\u00fcchig klingenden Stimme einer \u00e4lteren Trickdiebin, die sich ihrer angenommen hatte. Wer Geld hatte, lie\u00df aus einem nahe gelegenen Restaurant Pizza f\u00fcr alle kommen, tauschte das gegen Kinderbetreuung usw. Ein lebhafter Betrieb!<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Richter mit Sonnenbrillen<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Der Justizpalast in Neapel liegt mitten in der Stadt. Alt und schwarz steht er da, umflattert von Tauben, den Ratten der L\u00fcfte. Innen drin geht es lebhaft zu. In jedem Gerichtssaal werden die Gefangenen hinter Gittern oder Glask\u00e4figen versteckt, damit sie nicht randalieren. Trotzdem lungert ein Haufen Carabinieri in den Gerichtss\u00e4len und auf den G\u00e4ngen herum. Sie scheinen Planstellen zu besetzen, die sich in ihrer Anwesenheit ersch\u00f6pfen. Gefangene werden vorbeigeschleppt, die Handschellen sind riesige Schraubzwingen, die wie Folterinstrumente aussehen. Patroni Griffi wird von drei jungen Anw\u00e4lten und zwei Referendaren begleitet, zusammen sitzen wir also mit sieben \u00bbVerteidigern\u00ab auf der Bank. Staatsanw\u00e4lte und Richter tragen pr\u00e4chtige Roben mit goldenen und silbernen Seidenkordeln. Daneben f\u00fchlte ich mich ziemlich sch\u00e4big. Und dann der Schock: Drei Richter betreten den tr\u00fcben Raum, der nur durch ein Oberlicht erhellt wird \u2013 alle drei tragen Sonnenbrillen wie Al Capone und seine Freunde der italienischen Oper\u00ab \u2013 und sie nehmen sie w\u00e4hrend der ganzen Verhandlung nicht ab!<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>In jedem Lokal einen Gang &#8211; um viele Kollegen zu treffen<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Die Verhandlung bestand aus dem Kampf um die Bew\u00e4hrung. Um 13 Uhr: die heilige Siesta f\u00fcr alle. Wohin geht man mit sieben Leuten essen? An der Via Tribunale und ihren Seitenstra\u00dfen gibt es eine Vielzahl winziger Restaurants und Stehimbisse, die in dieser Zeit ihr Hauptgesch\u00e4ft machen. Und zwar mit drei G\u00e4ngen. Einige essen ihre Spaghetti Vongole im ersten Laden, das Cassata im zweiten, den Caff\u00e9 im dritten usw., damit sie mit m\u00f6glichst vielen Kollegen \u00fcber ihre F\u00e4lle plaudern k\u00f6nnen. Auch Staatsanw\u00e4lte oder Richter, die normalerweise unter sich bleiben, kreuzen gelegentlich hier auf. Patroni Griffi bestellte sich eine Schokolade, und als sie kam, wurde sie vor seinen Augen von einem der jungen Anw\u00e4lte gepackt und blitzschnell ausgetrunken. Er fing meinen Blick auf, nahm mich beiseite und fl\u00fcsterte:\u00a0\u00bbIl Conte darf keine Schokolade trinken, er wei\u00df das auch, aber er will sie wenigstens riechen!\u00ab Auch so wurden Beziehungskonten aufgebaut und abger\u00e4umt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Mir war die Gelassenheit unheimlich, in der man dies und das besprach, aber dann begriff ich, dass die Anw\u00e4lte untereinander mitten in der Pause t\u00fcchtig arbeiteten. Der kleine Informationsverkehr floss, die Netzwerke wurden ausgebaut und irgendwann w\u00fcrde das jedem n\u00fctzlich sein. Trotzdem konnte ich mir die Frage nicht mehr verkneifen, wann die Verhandlung wohl fortgesetzt w\u00fcrde \u2013 niemand hatte das mitgeteilt. \u00bbPian piano \u2013 ohne uns k\u00f6nnen die nicht weitermachen\u00ab, bedeutete mir einer der jungen Kollegen.\u00a0Was ich nicht wusste: Um 14.15 Uhr erschien einer der Carabinieri, der vorher im Gerichtssaal umher gestanden hatte, und mahnte zum Aufbruch. \u00bbPian piano\u00ab, sagte man ihm, klopfte ihm auf die Schulter und lud ihn zu einem Caff\u00e9 ein. Genauso machten es seine Kollegen: Sie k\u00e4mmten die Restaurants durch, um die Anw\u00e4lte wieder einzusammeln. Darauf verl\u00e4sst sich jeder. Eine Uhr braucht man nicht. Im Gerichtssaal dauert es noch eine gute Viertelstunde, bis auch die Richter wieder seufzend erschienen, um die Sache hinter sich zu bringen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Die elegante L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Wir hatten ein klares Ziel: Bew\u00e4hrung! Dazu mussten wir unter zwei Jahre kommen und f\u00fcr eine g\u00fcnstige Sozialprognose einen von der italienischen Justiz jederzeit kontrollierbaren Arbeitsplatz nachweisen. F\u00fcr eine deutsche Studentin in dieser Situation unm\u00f6glich. Aber Patroni Griffi hatte die L\u00f6sung schon l\u00e4ngst in der Hand: Er braucht Laura dringend als Dolmetscherin, erkl\u00e4rt er dem Gericht \u2013 er ist der Vertrauensanwalt der Botschaft und hat st\u00e4ndig deutsche Klienten \u2013 und er gibt ihr einen Vertrag f\u00fcr ein Jahr.\u00a0Solange muss sie noch in Italien bleiben. Was f\u00fcr eine elegante L\u00f6sung! Erst\u00a0sp\u00e4ter habe ich erfahren, dass auch der indische Fahrer seine Freiheit diesem erprobten Modell verdankt. Zwei Jahre sp\u00e4ter schickte Laura mir aus Thailand einen rot-goldenen Thangka \u00bbals Dankesch\u00f6n f\u00fcr Geduld, Optimismus und Stellenvermittlung\u00ab. Was hatte sie da zu tun? Gef\u00e4hrliche Gegenden schien sie zu lieben.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-649397\" alt=\"heussen-buch.amazon\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon-195x300.jpg\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon-195x300.jpg 195w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon.jpg 326w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Strasbourg \u00a0<\/strong><strong>1992 \u2013 1997<\/strong><\/p>\n<p>.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Der B\u00fcrgermeister von Strasbourg l\u00e4dt 2011 die deutschen Rechtsanw\u00e4lte zum 62. Deutschen Anwaltstag ein, erstmals im Ausland, erstmals in Frankreich. Daniel Cohn-Bendit h\u00e4lt den Hauptvortrag. Er ist 1945 in Frankreich geboren, Sohn eines Rechtsanwalts, der 1933 aus Berlin fliehen musste, die Mutter Franz\u00f6sin. Er konnte die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft nicht erhalten, weil in gewissen Jahren sein Verhalten an der Universit\u00e4t Nanterre \u00bbnicht den guten Sitten\u00ab entsprach, wie man es in Frankreich gem\u00e4\u00df Artikel 68 Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz von Ausl\u00e4ndern verlangt (in Deutschland w\u00e4re so eine Vorschrift verfassungswidrig). Viele Zuh\u00f6rer kennen auch seine deutsche Vergangenheit, aber all das ist vergessen, weil er die gro\u00dfe europ\u00e4ische Erz\u00e4hlung, deren Teil er selbst ist, spannend und bewegend vorzutragen versteht. Die gro\u00dfen Kriege werden heraufbeschworen, das Wunder vom Rhein wird erz\u00e4hlt, der \u00bbheute keine Grenze mehr ist\u00ab, das Wunder der Solidarit\u00e4t, das Teile des fr\u00fcheren Ostblocks nach Europa gef\u00fchrt hat, wird gefeiert und am Horizont taucht schon das Wunder vom Bosporus auf, neben dem sich das Wunder vom Mittelmeer \u2013 die Rebellion in den arabischen Staaten \u2013 abzeichnet. Krisen k\u00f6nnen nur gemeinsam bew\u00e4ltigt werden:\u00a0\u00bbDie Finanzkrise 2008 hat bewiesen, dass die normative Regulierung einer solchen Krise kein einzelner europ\u00e4ische Nationalstaat alleine stemmen kann.\u00ab Die Fl\u00fcchtlinge von Lampedusa muss man nur richtig verteilen, von der griechischen Korruption haben die Lieferanten aus den anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (vor allem die Waffenlieferanten) heftig profitiert \u2013 also sollen sie jetzt zahlen usw. Wir m\u00fcssen Europa wollen! Rauschender Beifall.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Gemeinsame Man\u00f6ver<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>.<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Wenn andere Politiker uns diese Geschichte weniger elegant erz\u00e4hlen, h\u00e4lt sich der Beifall in Grenzen. Es werden Zweifel laut. Die meisten Politiker halten die europ\u00e4ische Idee aber nur f\u00fcr schlecht erkl\u00e4rt: \u00bbWir m\u00fcssen den Leuten sagen, was sie wollen sollen\u00ab (Claudia Roth). Ihr sollte man wirklich Brechts Empfehlung nahelegen, sich ein anderes Volk zu w\u00e4hlen. Mir musste man bei meiner zweiten Begegnung mit Franzosen in Strasbourg nicht viel erkl\u00e4ren. Fast 50 Jahre vorher (1964) war ich als Soldat der Bundeswehr in Stra\u00dfburg gewesen. Ein Jahr nach dem Friedensvertrag zwischen Deutschland und Frankreich waren gemeinsame Man\u00f6ver zwischen\u00a0Deutschen und Franzosen auf dem nahe gelegenen Truppen\u00fcbungsplatz Bitche vereinbart worden. Scharfer Lackgeruch auf den hei\u00df gelaufenen Panzern, Hitze, Dreck \u2013 der \u00fcbliche Armeebetrieb. Dann das Wochenende. Die Soldaten sollten in Strasbourg in Uniform ausgehen. Man hatte eine Liste der Sehensw\u00fcrdigkeiten zusammengestellt, damit sie nicht in irgendwelchen Kneipen versumpften. Ich musste als Fahnenjunker meine Gruppe entsprechend schulen und bekam als Assistenz drei franz\u00f6sische Caporals, die ein bisschen Deutsch konnten. Der strenge Befehl lautete: die Gruppe immer geschlossen halten, sich aber gleichzeitig im Stra\u00dfenbild unauff\u00e4llig machen.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Ich hatte mich schon als Sch\u00fcler mit der europ\u00e4ischen Idee angefreundet. Europa auf dem Stier hing \u00fcber meinem Schreibtisch. Aber diesem seltsamen Plan widersprach ich lebhaft \u2013 ohne Erfolg, denn der politische Wille dr\u00fcckt sich in der Armee durch Befehle aus. Es war ein Spie\u00dfrutenlaufen. Heute w\u00fcrde man die Stra\u00dfburger mit jubelnden Pressekampagnen zur Umarmung der Fremden aufgefordert haben und der Bundespr\u00e4sident h\u00e4tte im vorbereitenden Interview gesagt, selbstverst\u00e4ndlich habe die deutsche Kultur schon immer zu Frankreich geh\u00f6rt (was an diesem Ort sogar eine richtige Behauptung gewesen w\u00e4re). Aber damals war das noch nicht Mode. So sahen sich die Franzosen zwanzig Jahre nach dem Krieg mitten in Stra\u00dfburg erneut mit deutschen Uniformen konfrontiert, sollten es nun aber als Zeichen der V\u00f6lkerfreundschaft deuten.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Gef\u00fcllter G\u00e4nsehals &#8211; kein Highlight<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Das war zu viel verlangt. St\u00e4ndig waren unsere franz\u00f6sischen Attach\u00e9es damit besch\u00e4ftigt, zu erkl\u00e4ren, warum sie soeben mit diesen Feinden gemeinsam im Dreck gelegen h\u00e4tten. Jetzt wollten sie nur auf das M\u00fcnster steigen, um dort Goethes Graffiti zu bewundern, nicht aber, um einen vorgeschobenen Artilleriebeobachter einzusetzen. Von dieser ungewohnten Arbeit bekamen wir Hunger. Kaum hatten wir ein Restaurant betreten, legte sich beim Anblick unserer Uniformen entsetztes Schweigen \u00fcber die G\u00e4ste. Da konnte uns auch kein \u00dcbersetzer mehr helfen. \u00a0In einer Bahnhofskneipe gab es was, und ich war mit den Nerven so fertig,dass ich blind auf irgendeine Zeile in der Speisekarte deutete. Das war dann Cou d\u2019oie farci (gef\u00fcllter G\u00e4nsehals) \u2013 kein Highlight der cuisine fran\u00e7aise.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>Wie sehr Europa sich in den n\u00e4chsten 40 Jahren ge\u00e4ndert hatte, konnte man auf dem Anwaltstag in Stra\u00dfburg auf den ersten Blick erkennen. Wir applaudierten gemeinsam und danach ging ich ganz selbstverst\u00e4ndlich mit den franz\u00f6sischen Kollegen ins Maison Kammerzell, wir stolperten freundlich in den jeweils anderen Sprachen umher und der Kellner erkl\u00e4rte\u00a0 <strong>B<\/strong>aeckeo<i><span style=\"font-family: BemboStd-Italic;font-size: medium\"><span style=\"font-family: BemboStd-Italic;font-size: medium\">fe<\/span><\/span><\/i><span style=\"font-family: BemboStd;font-size: medium\"><span style=\"font-family: BemboStd;font-size: medium\">: Der Els\u00e4sser Dialekt, den diese Franzosen bis <\/span><\/span>vor kurzem nicht gern h\u00f6rten, bl\u00fcht wieder auf. Zu solchen Entwicklungen haben die Bem\u00fchungen der europ\u00e4ischen Anwaltskammern und Anwaltvereine ebenso beigetragen wie die Aufbauarbeit von Law Exchange und vergleichbaren Netzwerken.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><strong>Benno Heussen &#8222;Interessante Zeiten&#8220;<\/strong> :\u00a0\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Interessante-Zeiten-Benno-Heussen\/dp\/3415049582\/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1374101961&amp;sr=1-1&amp;keywords=benno+heussen\">http:\/\/www.amazon.de\/Interessante-Zeiten-Benno-Heussen\/dp\/3415049582\/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1374101961&amp;sr=1-1&amp;keywords=benno+heussen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a02. Teil: Aus Benno Heussens &#8222;Interessante Zeiten &#8211; Reportagen aus der Innenwelt des Rechts&#8220; (Boorberg Verlag, Stuttgart 2013)\u00a0 Rechtsanw\u00e4lte in Europa Durch die Kooperation mit vielen anderen Anw\u00e4lten in Europa haben wir schnell gesehen, dass Rechtssysteme, die sehr nah miteinander &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/07\/18\/benno-heussen-2-die-elegante-losung-der-italiener-buchauszug\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2610,2612,2611],"class_list":["post-649366","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-benno-heussen","tag-boorberg-verlag","tag-rechtsanwalt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=649366"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649366\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=649366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=649366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=649366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}