{"id":649364,"date":"2013-07-01T02:32:02","date_gmt":"2013-07-01T00:32:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=649364"},"modified":"2013-07-01T02:39:12","modified_gmt":"2013-07-01T00:39:12","slug":"buchauszug-benno-heussens-interessante-zeiten-ein-urgestein-unter-den-deutschen-anwalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/07\/01\/buchauszug-benno-heussens-interessante-zeiten-ein-urgestein-unter-den-deutschen-anwalten\/","title":{"rendered":"Buchauszug (1): Benno Heussens &#8222;Interessante Zeiten&#8220;  &#8211; ein Urgestein unter den deutschen Anw\u00e4lten"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Benno Heussen, ein Urgestein unter den deutschen Anw\u00e4lten, hat in seinem neuen &#8211; sehr pers\u00f6nlichem &#8211; Buch &#8222;Interessante Zeiten&#8220; 29 Reportagen ver\u00f6ffentlicht. Als Spezialist f\u00fcr Computerrecht und als Managing-Partner der <a title=\"Heussen\" href=\"http:\/\/www.heussen-law.de\/\" target=\"_blank\">Heussen<\/a> Rechtsanwaltsgesellschaft war er Prozessanwalt, Schiedsrichter, Gutachter, Mitglied im Vorstand des Deutschen Anwaltvereins.<\/p>\n<p>Er hat aufgeschrieben, wie sich das Recht entwickelt hat in den vergangenen knapp 50 Jahren: Heussen \u00fcber Anw\u00e4lte, Richter, Politiker, Professoren und viele andere Menschen, denen er begegnet ist. Und \u00fcber Zusammenh\u00e4nge und Hintergr\u00fcnde, die nicht auf Anhieb erkennbar sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_649396\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-649396\" class=\"size-medium wp-image-649396\" alt=\"Benno Heussen\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-300x297.jpg\" width=\"300\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-300x297.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/Heussen.jpg 481w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-649396\" class=\"wp-caption-text\">Benno Heussen<\/p><\/div>\n<p><!--[if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<p><!--[if gte mso 9]&gt;--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Buchauszug:<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Das Fusionsfieber war vorbei, der Lerneffekt gewaltig. Wir waren sensibilisiert f\u00fcr die Entwicklung, hatten eine gewisse Vorstellung dar\u00fcber gewonnen, wie<span>\u00a0 <\/span>andere B\u00fcros ihre Strategie bildeten, und versuchten einstweilen, eine Strategie f\u00fcr uns zu finden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Cambridge<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<br \/>\n1992 sprach uns Lewis Isaacs, ein \u00e4lterer Partner von Hewitson Becke (Cambridge) an, ob wir Interesse daran h\u00e4tten, gemeinsam mit ihnen ein europ\u00e4isches und vielleicht internationales Netzwerk aufzubauen. Reiner Ponschab nahm sich der Sache an. Hewitson betrieb mit etwa achtzig Anw\u00e4lten \u00fcberwiegend in S\u00fcdengland vier B\u00fcros au\u00dferhalb der City of London. Viele Partner waren aus gr\u00f6\u00dferen Firmen in London dorthin gewechselt, weil ausden gro\u00dfen Londoner Anwaltsb\u00fcros seit etwa 1970 Konzerne geworden waren, die dem klassischen Anwaltsbild nur noch wenig entsprachen. Es wurde gewaltig verdient, aber der Stil hatte sich vollkommen ver\u00e4ndert. Diese Entwicklung hat sich in den folgenden Jahren noch umso mehr verst\u00e4rkt, als all diese B\u00fcros nun international aufgestellt sind.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<br \/>\nIch hatte Gelegenheit gehabt, mit einem 56-j\u00e4hrigen Kollegen zu sprechen, der ein Jahr zuvor aus einer der Firmen des Magic Circle in Pension geschickt worden war. Ich fand den Zeitpunkt sehr fr\u00fch, aber sollte schnell begreifen, wie das System funktionierte: \u00bbDie meisten von uns fangen mit 25 Jahren an, zehn Jahre sp\u00e4ter werden Sie Partner, in weiteren zehn Jahren erreichen Sie die Spitze der Gewinnverteilung. W\u00fcrden diese hoch bezahlten Partner nicht mit 55 Jahren ausscheiden, k\u00f6nnte der Nachwuchs nicht mehr finanziert werden.\u00ab \u00bbHaben Sie denn gen\u00fcgend R\u00fccklagen, um in der Zukunft gut durchzukommen?\u00ab \u00bbWir rechnen damit, in diesen 20 Jahren ungef\u00e4hr 5 Millionen \u20ac nach Steuern zur\u00fcckzulegen, und wenn wir die vern\u00fcnftig anlegen, gibt es keine Probleme\u00ab, meinte der englische Kollege cool.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-649397\" alt=\"heussen-buch.amazon\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon-195x300.jpg\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon-195x300.jpg 195w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/06\/heussen-buch.amazon.jpg 326w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Freshfields hat im Jahr 2010 1,59 Millionen durchschnittlich pro Partner ausgesch\u00fcttet. Wenn nach Steuern 800.000 \u20ac \u00fcberbleiben, kann man ohne weiteres 200.000 \u20ac pro Jahr sparen. Und warum sah der reiche Anwalt dann so traurig aus? Die Partner in Cambridge wussten es: \u00bbEr war v\u00f6llig ausgebrannt und hat sich nie darum bem\u00fcht, sich zu \u00fcberlegen, wie das Leben nach dem Tod aussieht \u2013 das soll uns nicht passieren!\u00ab Sie wollten genauso wie wir lieber 40 Jahre arbeiten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<br \/>\nIn Cambridge hatte sich \u00e4hnlich wie in M\u00fcnchen rund um die Universit\u00e4t eine Vielzahl von IT-Firmen angesiedelt. IT-Recht war auch einer der Schwerpunkte von Hewitson, aber auch die anderen Probleme der Branche wurden vom Gesellschaftsrecht bis zum Arbeitsrecht abgedeckt. Es war die erste englische Firma, die eine professionelle Zwangsvollstreckung betrieb, und zwar international! Wir waren erheblich kleiner, hatten aber viel miteinander gemeinsam.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Auch ein niederl\u00e4ndisches und ein franz\u00f6sisches B\u00fcro, Procopio Cory Hargreaves (San Diego) und Gould &amp; Ratner (Chicago) geh\u00f6rten bereits zum Netzwerk Law Exchange. Als wir die Franzosen in Montpellier besuchten, zeigte sich ein hochmodernes, mit den besten Computern ausgestattetes B\u00fcro. Auch sie waren im IT-Recht t\u00e4tig und wiederum im Dunstkreis der Universit\u00e4t. Mit der Zustimmung z\u00f6gerten wir nicht lange, denn auch die anderen B\u00fcros machen einen guten Eindruck. Es gab nur wenige, sehr einfache Regeln wie z. B.: Jeder konnte auch mit anderen Korrespondenzanw\u00e4lten zusammenarbeiten, sollte sich aber fairerweise vorher erkundigen, ob es in den zu Law Exchange geh\u00f6renden Soziet\u00e4ten nicht einen geeigneten Spezialisten gab. Diese Grundregel ist es, die Netzwerke zusammenh\u00e4lt: Wo immer versucht wird, eine Exklusivit\u00e4t zu erzwingen, die man im Interesse des Mandanten nicht akzeptieren kann, brechen sie auseinander. Wir sahen auch ein wirksames Kostenmanagement, was bei manchen Netzwerken fehlt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Kanzleien nach Gutsherrenart<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Bei den britischen B\u00fcros war auf den ersten Blick zu sehen, dass sie uns in allen Managementfragen weit \u00fcberlegen waren. Wir selbst waren am Anfang der Neunzigerjahre schon nicht schlecht aufgestellt, aber hier konnte man vieles sehen, was uns n\u00fctzlich sein w\u00fcrde. Einige \u00e4ltere Soziet\u00e4ten in Deutschland, deren starke Mandate ihnen auch ein starkes Selbstbewusstsein verschaffte, waren allzu oft nur nach Gutsherrenart organisiert. Sie haben bei ihren Fusionen schwer gelitten, wenn die englischen Kollegen ihre Managementstrukturen \u00fcber ihnen ausrollten wie eine Luftlandedivision. Immer gab es einen Kern der deutschen Partner, der das begr\u00fc\u00dfte, andere flohen und es gab gro\u00dfe L\u00fccken. Die Engl\u00e4nder schien das nicht zu k\u00fcmmern. Eine Zusammenarbeit im Netzwerk w\u00fcrden solche Schwierigkeiten gar nicht erst entstehen lassen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Lewis Isaacs konzentrierte sich in den n\u00e4chsten Jahren mehr und mehr auf seine Aufgaben im Netzwerk. Die anderen Soziet\u00e4ten halfen ihm mit Empfehlungen und Berichten \u00fcber geeignete B\u00fcros im Ausland. Bald kamen Schottland, D\u00e4nemark, Griechenland und Italien dazu. Nach einer \u00fcberschl\u00e4gigen Sch\u00e4tzung hatten wir nach etwa f\u00fcnf Jahren 2 % unseres Umsatzes daraus gezogen, was die Kosten bei weitem rechtfertigte. Heute reicht das Netzwerk weltweit (bis nach China, Mexiko und Australien) und umfasst 25 Soziet\u00e4ten, die teilweise seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Wir mussten Law Exchange im Jahr 2000 verlassen, weil das internationale Anwaltsnetzwerk von PriceWaterhouseCoopers mit etwa 3000 Anw\u00e4lten Exklusivit\u00e4t verlangte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>.<br \/>\nSan Diego, Chicago, Washington: Gef\u00e4hrliche Gesetze<\/b><\/p>\n<p>.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Bis dahin hatte ich \u00fcberwiegend mit Clemens Kochinke (Berliner, Corchoran &amp; Rowe) in Washington zusammengearbeitet. Er war nicht nur der Vertrauensanwalt der deutschen Botschaft, sondern auch ein ausgezeichneter Computerrechtler. Jetzt kamen die IT-Anw\u00e4lte im Netzwerk dazu, darunter vor allem Steven J. Untiedt aus San Diego und Fred Tannenbaum aus Chicago. Jetzt sollten sich meine Erkenntnisse \u00fcber die USA \u00fcberraschend vertiefen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Der verhaftete Papierhersteller aus dem Rheinland<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Das bew\u00e4hrte sich an einem der ersten F\u00e4lle, die wir mit Gould &amp; Ratner in die Hand nahmen. Gunter Braun beriet seit langem einen rheinischen Papierhersteller, der sich auf besonders leichte Papiere spezialisiert hatte, die in den USA nachgefragt waren. Mit seinem amerikanischen Handelsvertreter war er nicht zufrieden, k\u00fcndigte ihm und schloss einen neuen Vertrag ab. Dabei wurden Briefe, Telefaxe usw. \u00fcber die Grenzen mehrerer US-Staaten verschickt. Niemand wusste, dass es seit Anfang der 70-er Jahre ein Gesetz gab, das man zur Verfolgung von Mafia und Drogenhandel erfunden hatte, den Rico-Act. Jede grenz\u00fcberschreitende Aktivit\u00e4t konnte als formaler Versto\u00df gegen dieses Gesetz gedeutet werden, wenn eine rechtswidrige Absicht dahinterstand. Das war es, was der Handelsvertreter bei einem \u00f6rtlichen Staatsanwalt, der ihm wohlgesonnen war, behauptete. Der Haftbefehl gegen den deutschen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer folgte sofort, denn man wusste, dass er bald eine Messe in den USA besuchen w\u00fcrde. Noch auf dem Flughafen wurde er verhaftet: Er sah sich nicht nur mit dem Handelsvertreter konfrontiert, sondern auch mit Zollproblemen, die pl\u00f6tzlich aus dem Nichts aufgetaucht waren. Das waren drei extrem unerfreuliche Tage f\u00fcr ihn. Wir f\u00fchlten uns an die Zeit der strengen Embargo-Bestimmungen w\u00e4hrend des Kalten Krieges erinnert, die auf den National Security Act vom 26. Juli 1947 folgten, und unsere Kollegen in Chicago mussten arbeiten wie die Teufel, um den Mann wieder freizubekommen. Solche Situationen wird es in den USA immer geben, weil im Wirtschaftskrieg dort mit allen Waffen gefochten wird, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr ganz andere Zwecke entwickelt worden sind. Auch der USA Patriot Act vom 26. Oktober 2001, der auf das Attentat vom 11. September 2001 reagierte, hat zu vielf\u00e4ltigen Vorsichtsma\u00dfnahmen im Wirtschaftsrecht gef\u00fchrt. Es w\u00e4re aber v\u00f6llig aussichtslos, Mandanten in Deutschland verl\u00e4ssliche Verhaltensempfehlungen f\u00fcr die USA zu geben. Das m\u00fcssen die amerikanischen Kollegen tun.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b><span lang=\"EN-US\">Systeme und Fairness: Civil law und common law<\/span><\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Das europ\u00e4ische Rechtsdenken verwirklicht sich in der Konstruktion von Systemen, die das Allgemeine vom Besonderen unterscheiden, einheitliche Begriffe verwenden, Regeln und Ausnahmen definieren und es auf diese Weise fertig bringen, auch neue und unbekannte Konflikte mit den bekannten Werkzeugen zu regeln: \u00bbEs ist die ureigenste Aufgabe des Juristen, aus scheinbar sich widersprechenden Rechtsgedanken ein System zu schaffen.\u00ab Ich zitiere hier Franz L. Neumann und nicht andere, noch ber\u00fchmtere Rechtslehrer wie Hans Kelsen, die solche Systeme geschaffen haben, um zu zeigen, dass dieses Denken f\u00fcr europ\u00e4ische Juristen selbstverst\u00e4ndlich ist. Es ist nach griechischen Vorl\u00e4ufern im Wesentlichen im klassischen Rom (ca. 100 n. Chr.) entstanden, ver\u00e4nderte sich dann durch Einfl\u00fcsse aus dem j\u00fcdischen und christlichen Rechtsdenken und wurde durch die Ber\u00fchrung mit lokalen Rechten (leges barbarorum ca. 600\u2013800 n. Chr.) verfeinert.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Rechtsschulen in Bologna (1088 n. Chr.) und Paris (1200 n. Chr.) brachten Juristen hervor, die diesen Denkstil selbstverst\u00e4ndlich benutzten. Im angloamerikanischen Rechtskreis nennt man ihn Civil Law. Der Versuch, ihn nach England zu \u00fcbertragen, ist im Wesentlichen daran gescheitert, dass sich in England und Wales seit 1066 (Wilhelm der Eroberer) bereits ein k\u00f6nigliches Gerichtssystem entwickelt hatte \u2013 und damit gleichzeitig Juristen, die damit umgehen konnten. Ausgehend von den hergebrachten Rechten der Angeln und Sachsen st\u00fctzt sich das Common Law auf die Kraft der einzelnen Entscheidung, die sich als vorbildlich bew\u00e4hrt hat (Pr\u00e4judizien). Sie sollte so lange unter allen Umst\u00e4nden gelten (stare decisis), bis das Gericht sie selbst \u00e4ndern w\u00fcrde. Dabei geht es in erster Linie um die Absicherung eines fairen Verfahrens (z. B. die habeas-corpus-Regel), denn das Common Law ist sich der Relativit\u00e4t der Inhalte des materiellen Rechts bewusster als das Civil Law. Deshalb vermeidet es Systeme und konzentriert sich auf den Einzelfall.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Daraus k\u00f6nnen erstaunliche Differenzen zu unseren Rechtsauffassungen entstehen: In einem Wiener Fall, den wir begleiteten, hatte das Gericht ein Feststellungsurteil getroffen. Ein solches Urteil hat keinerlei vollstreckbaren Inhalt, weil es nur die Rechtslage kl\u00e4rt. Das hinderte den Londoner Richter nicht, darauf einen Arrest zu st\u00fctzen, ohne das n\u00e4her zu begr\u00fcnden. Der systematische Unterschied zwischen Feststellung und Verurteilung war ihm gleichg\u00fcltig. Das alte Europa sucht an der Kralle den L\u00f6wen zu erkennen \u2013 das Common Law zeigt daran wenig Interesse, wenn es f\u00fcr den konkreten Fall ausreicht zu erkennen, wie gef\u00e4hrlich die Kralle ist. Logische Widerspr\u00fcche werden weit gro\u00dfz\u00fcgiger hingenommen, als wir das tolerieren w\u00fcrden, Nachl\u00e4ssigkeiten bei der Darstellung des Sachverhalts hingegen nicht. Der Kern der anwaltlichen Arbeit besteht hier im Nachweis, dass der Sachverhalt sich mit dem des Pr\u00e4judizes deckt (oder mit ihm nichts zu tun hat). Ein solches System st\u00f6\u00dft in Grenzf\u00e4llen auf das Problem, dass es keine faire Entscheidung erm\u00f6glicht. Also haben sich Equity-Regeln (Treu und Glauben) etabliert, die im Einzelfall Korrekturen erlauben. Auch das Gesetzesrecht gewinnt immer mehr Raum, aber weil die Handwerkszeuge f\u00fcr die Gesetze fehlen, kommen am Ende seltsame Dinge dabei heraus. So versucht etwa der Montana Code Annotated Auslegungsgrunds\u00e4tze zu definieren, die wie folgt lauten:<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Gelehrte Richter und Sch\u00f6ffen<\/strong><br \/>\n\u2022<br \/>\nNiemand soll sein Ziel auf Kosten eines anderen erstreben (\u00a7 1-3-203).<br \/>\n\u2022<br \/>\nNiemand soll f\u00fcr die Handlung eines anderen b\u00fc\u00dfen (\u00a7 1-3-211).<br \/>\n\u2022<br \/>\nWas nicht als Existenz nachgewiesen werden kann, gilt als nicht existent (\u00a7 1-3-221).<br \/>\n\u2022<br \/>\nGr\u00f6\u00dferes schlie\u00dft Geringeres ein (\u00a7 1-3-227).<br \/>\n\u2022<br \/>\nEine Rechtsnorm sollte dann keine Anwendung mehr finden, wenn sie ihren Sinn verloren hat (\u00a7 1-3-201) usw.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">F\u00fcr den Entwurf der Vertr\u00e4ge hat dieses eklektische Denken erhebliche Konsequenzen. Begriffe wie letter of intent, letter of comfort, memorandum of understanding etc. k\u00f6nnen die unterschiedlichsten Bedeutungen haben.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Deshalb werden sie in jedem Vertrag in einem eigenen Abschnitt, der die Definitionen enth\u00e4lt, im Einzelnen festgelegt. So entsteht erst einmal ein heftiger Kampf um Begriffe, den man sich in den deutschen und europ\u00e4ischen Systemen sparen kann.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>Rentner und Hausfrauen als typische Mehrheiten<\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Ein weiterer tief greifender Unterschied findet sich im Prozessrecht. In den USA kann jede Partei beantragen, dass der Rechtsstreit durch eine Jury und nicht durch den Berufsrichter entschieden werden muss. Die Geschworenen werden ebenso wie bei uns aus einer Liste ermittelt, k\u00f6nnen das Amt aber ablehnen, wenn sie schwerwiegende Gr\u00fcnde (zum Beispiel berufliche Nachteile) haben. Rentner, Arbeitslose, Hausfrauen usw. bilden daher die typischen Mehrheiten. Vom Wirtschaftsrecht, besonders von Lizenzen usw. haben sie keine Ahnung.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Die Amerikaner sehen das nicht als Nachteil an \u2013 im Gegenteil. Sie sagen sich, die Art und Weise, wie das Recht Konflikte regelt, muss von jedermann und nicht nur von Fachleuten begriffen werden<br \/>\nk\u00f6nnen.<br \/>\nMan sieht das Problem in einem ber\u00fchmten Fall der englischen Rechtsgeschichte, jenem von William Penn, dem Gr\u00fcnder der Glaubensgemeinschaft der Qu\u00e4ker, der sich 1670 in London ereignete. Angeklagt wegen verbotener Gottdienste nahm er im Gerichtssaal wie gewohnt seinen Hut ab (er war selbst Anwalt), erhielt von dem Gerichtsbeamten aber die Weisung, ihn wieder aufzusetzen. Als der Richter ihn so sah, verurteilte er ihn wegen Respektlosigkeit nach Common Law. \u00bbWo steht dieses Common Law?\u00ab, fragte Penn. \u00bbDu bist ein impertinenter Geselle\u00ab, sagte der Richter. \u00bbDu willst dem Gericht beibringen, was Recht ist? Das ist \u203aungeschriebenes Recht\u2039, f\u00fcr das manche 30\u201340 Jahre Studium brauchen, und du willst mir zumuten, dir das in einer Sekunde zu erkl\u00e4ren?\u00ab Penn: \u00bbNa, wenn das Common Law so schwierig zu verstehen ist, dann ist es von \u203acommon\u2039 ziemlich weit<br \/>\nentfernt!\u00ab<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p>William Penn wanderte sp\u00e4ter nach Amerika aus und sorgte als Erstes in Pennsylvania daf\u00fcr, dass der Einzelrichter durch die Geschworenen ersetzt wurde. Das Geschick der Anw\u00e4lte besteht bei Prozessen vor der Jury also im Wesentlichen darin, auch komplexe Sachverhalte auf diesen Kern zu reduzieren. Die Entscheidung durch die Geschworenen hat aus amerikanischer Sicht einen zweiten Vorteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass man Geschworene bestechen kann, ist \u00e4u\u00dferst gering. Das Vertrauen in die Unabh\u00e4ngigkeit des Richters war im alten England durch bekannte Bestechungsf\u00e4lle untergraben. In den amerikanischen Kolonien wollte man das vermeiden. Deshalb werden in den USA die Richter in politischen Verfahren gew\u00e4hlt und k\u00f6nnen auch abgew\u00e4hlt werden. Nur beim Supreme Court werden sie lebenslang bestellt. Wir sehen \u2013 anders als die Amerikaner \u2013 gerade darin die M\u00f6glichkeit, sich politisch willf\u00e4hrige Richter zu besorgen. Eine Jury kann man zwar nicht bestechen, aber durch die Medien und die Umgebungsbedingungen massiv beeinflussen.<br \/>\nAus all diesen Gr\u00fcnden kann man von englischen oder amerikanischen Anw\u00e4lten keine Prognosen dar\u00fcber bekommen, wie ein Gericht eine einzelne Definition oder Vertragsklausel \u00bbim Allgemeinen\u00ab beurteilen wird. Dazu k\u00f6nnen sie nichts Vern\u00fcnftiges sagen, weil es immer auf die Beurteilung im konkreten Fall ankommen wird. Besonders gilt das, wenn eine Jury bestellt ist. Wenn ich fragte, ob das Gericht unsere Position in einem Streitfall wohl akzeptieren w\u00fcrde, lautete der Kommentar ziemlich h\u00e4ufig: \u00bbGod knows.\u00ab<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Irgendwann gab ich dann auf. Ich fand die Idee interessant, innerhalb von Law Exchange ein Koordinationsb\u00fcro in New York aufzumachen, wie es einer unsere jungen Kollegen, Georg F. Schr\u00f6der, dann 2010 tats\u00e4chlich gemacht hat. Andere, wie Christoph R\u00fcckel, der bei Rolf Bossi Strafverteidigung gelernt hat, haben noch in sp\u00e4teren Jahren den gro\u00dfen Schritt in die USA getan. Wir kennen uns gut, weil er eine Zeit lang mit uns in M\u00fcnchen in B\u00fcrogemeinschaft gearbeitet hatte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><a href=\"http:\/\/www.1215.org\/lawnotes\/lawnotes\/penntrial.htm\" target=\"_blank\">http:\/\/www.1215.org\/lawnotes\/lawnotes\/penntrial.htm<\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">In den USA (Atlanta) konzentrierte R\u00fcckel sich auf das Wirtschaftsrecht. Irgendwann 1995 rief ich ihm zu, dass der unter dem Schutz seiner Per\u00fccke geflohene Frankfurter Ex-Baul\u00f6we Dr. (Graz) Utz Juergen \u00bbPeanuts\u00ab Schneider in Miami verhaftet worden war. Der Grund: Er hatte sich entschlossen, die Altstadt von Leipzig zu rekonstruieren, und weil ihm dazu die Mittel fehlten, hatte er die Deutsche Bank und die Bauhandwerker betrogen. Jetzt zeigten ihn uns die Illustrierten mit kahlem Kopf in einem amerikanischen Gef\u00e4ngnis, wie Tom Wolfe es geschildert hat, und daraus befreite Christoph R\u00fcckel ihn alsbald in einen deutschen Knast hinein. In einer solchen Situation reagieren wir Anw\u00e4lte wie das Zirkuspferd auf die Trompete, auch wenn die letzten Strafverteidigungen schon Jahre zur\u00fcckliegen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>.<br \/>\nAnw\u00e4lte und Mandanten in den USA<\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Ganz in den Anf\u00e4ngen hatten wir uns \u00fcber jeden Mandanten sehr gefreut, der auf irgendeinem Weg aus den USA zu uns fand. An \u00bbRigolettos Pizza \u00ab werde ich mich immer erinnern. Drei Manager l\u00f6cherten Gunther und mich zwei Tage lang mit hunderten von Fragen aus ihren Checklisten, die so detailliert waren, dass man sicher sein konnte, wirkliche Fachleute vor sich zu haben. Sie wollten mit ihrem Franchisesystem den gro\u00dfen Sprung nach Europa wagen. Am Ende sagen sie munter: \u00bbJust send the bill\u00ab und waren wie vom Erdboden verschlungen. Die Telefonnummern auf ihren Visitenkarten gab es nicht. Geld haben wir nie gesehen. Law Exchange hat uns solche Risiken erspart. In 3\u20134 Stunden hatte man Ausk\u00fcnfte \u00fcber jede Firma und jeden Begriff, der sich auf einer Visitenkarte fand, und wenn es keine Ausk\u00fcnfte gibt, ist das die schlechteste Auskunft! Wenn jetzt die j\u00fcngeren Partner wieder einmal stolz mit einem neuen Mandanten aus den USA anr\u00fccken, m\u00fcssen sie sich fragen lassen: \u00bbSchon wieder so ein Just-send-the-bill-Typ\u00ab?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><strong>Reaktionsschnell &#8211; aber keine konkreten Antworten<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Durch die intensive Arbeit mit den US-Anw\u00e4lten lernten wir besser, mit solchen Situationen umzugehen. Bisher hatten wir uns darauf beschr\u00e4nken m\u00fcssen, den richtigen Korrespondenzanwalt auszusuchen und, wenn dessen Rechnung kommt, die Hand des Mandanten so lange zu halten, bis der Schmerz vorbei ist: Auf dieser Rechnung wird er n\u00e4mlich auch die Pizza finden, die sein Anwalt nach 19 Uhr gegessen hat, wenn er wegen des Falles so lange im B\u00fcro bleiben musste! Jetzt konnten wir den amerikanischen Anw\u00e4lten auf den Schreibtisch sehen, erhielten eine F\u00fclle von Hintergrundinformationen, beobachteten sie bei der Entwicklung von Strategien und konnten in groben Z\u00fcgen nachvollziehen, worauf sie ihre jeweiligen Empfehlungen st\u00fctzten. Ihre Reaktionsschnelligkeit habe ich immer bewundert, aber wenn es um rechtliche Inhalte geht, bleibt der Fall schnell stecken. Selbst einfachste Fragen, \u00fcber die kein Anwalt in Europa lange nachdenken w\u00fcrde, wollen sie nicht sofort beantworten, und das hat einen einfachen Grund: Selbst das, was sie bis heute sicher gewusst haben, hat sich vielleicht am gleichen Tag ver\u00e4ndert, wenn ein uraltes Pr\u00e4judiz aufgehoben und durch ein neues ersetzt worden ist.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Man muss es recherchieren. Dazu braucht man \u00dcberstunden und die werden oft nachts geleistet. Hier zeigt sich der gro\u00dfe Vorteil des Zeitunterschieds zwischen M\u00fcnchen und San Diego: Wenn man abends um 20 Uhr noch eine letzte Frage auf das Telefax legte, war sie am anderen Morgen beantwortet und Steven Untiedt lag schon wieder im Bett. Nur umgekehrt ist es furchtbar: Wenn von dort eine Frage kommt und man nicht zuf\u00e4llig bis 12 Uhr nachts im B\u00fcro ist, m\u00fcssen die US-Kollegen warten \u2013 und das tun sie nicht gern.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>Berufswechsel<br \/>\n<span>\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Amerikaner interessieren sich weit mehr als wir f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Hintergrund eines Anwalts, mit dem sie zusammenarbeiten. Mich hat das immer interessiert, und so bin ich auf eine Besonderheit gesto\u00dfen, die amerikanischen Juristen in ihrem Berufsleben viel mehr Flexibilit\u00e4t g\u00f6nnt, als wir es gew\u00f6hnt sind: Man kann zwischen den Berufen des Staatsanwalts, des Richters, des Anwalts, des Syndikus oder auch des Managers und Politikers viel einfacher und unbefangener wechseln, als das in Europa m\u00f6glich w\u00e4re. In der Karriere von Christine Lagarde, die lange Jahre Partnerin und dann Managing-Partner von Baker &amp; McKenzie war, deuten sich neue Entwicklungen an, die in den USA ihren Ursprung haben. Der langj\u00e4hrige Chef der CIA, Allen Dulles, war fast genauso viele Jahre Partner bei Sullivan &amp; Cromwell, der in Deutschland in der Nachkriegszeit bekannte John McCloy Partner bei Milbank Tweed, Richard Nixon bei Mudge Rose Guthrie. Das war eine der \u00e4ltesten Anwaltsfirmen der USA (gegr\u00fcndet 1869), die zeitweise seinen Namen (selbstverst\u00e4ndlich an erster Stelle!) getragen hatte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Ich betrat das B\u00fcro f\u00fcr eine Verhandlung lange nach seinem R\u00fccktritt. Jetzt hatte man den Namen wieder ge\u00e4ndert, und trotzdem hielt man ihm im 34. Stock ein Eckzimmer mit beeindruckendem Blick \u00fcber New York bis zur K\u00fcste offen, f\u00fcr den Fall, dass er einmal dort zu tun h\u00e4tte. All das zeigte wie Ge\u00dflers Hut augenf\u00e4llig die Aura der Macht, die auch ein gefallener Pr\u00e4sident noch hat. Wenige Jahre sp\u00e4ter zerbrach die Soziet\u00e4t an den Meinungsverschiedenheiten ihrer Partner \u00fcber die richtige Strategie.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>Law-Firm-Management und das Gerichtssystem<\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Ich habe hier etwas weiter ausgeholt, weil man nur auf diesem Hintergrund und dem oben skizzierten System des Common Law verstehen kann, wie Rechtsanw\u00e4lte in den USA arbeiten und wie rechtliche Konflikte sich dort praktisch auswirken. Es gibt in den USA bezogen auf die Bev\u00f6lkerungszahl etwa viermal mehr Rechtsanw\u00e4lte als bei uns \u2013 derzeit etwa 1,2 Mio. Man kann diese Zahl etwas relativieren, weil dort auch Juristen als Anw\u00e4lte bezeichnet werden, die bei uns keine Zulassung brauchen, aber im Kern liegt es auf der Hand, dass ein System, in dem das geltende Recht am jeweils konkreten Fall bestimmt werden muss, sehr viel mehr Arbeit erfordert als die<br \/>\neurop\u00e4ischen Systeme.<br \/>\nDiese Arbeit muss man gut organisieren, wenn sie Erfolg haben soll. Peter Delmonico hatte beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, die Universit\u00e4t von Utah unterhalte als Einzige in den USA einen eigenen Lehrstuhl f\u00fcr das Management von Soziet\u00e4ten, und das Material, das sie wie auch die \u00f6rtlichen Anwaltskammern ver\u00f6ffentlichten, sei jedermann zug\u00e4nglich (heute gibt es an den meisten amerikanischen Universit\u00e4ten Kurse in Law Firm Management). F\u00fcr alle T\u00e4tigkeiten im B\u00fcro gab es Formulare, damit die Mitarbeiter ihre T\u00e4tigkeiten strukturieren und ihre Arbeit leichter kontrolliert werden konnte. Ich war beeindruckt und forderte mir alles m\u00f6gliche an, darunter S\u00e4tze von Formularen und Mustern, die mit wenigen Ab\u00e4nderungen auch bei uns gut brauchbar waren \u2013 vor allem im Bereich des Zeitmanagements und der Kostenerfassung.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Daraus entstand langsam das interne Managementhandbuch, das uns seit etwa 1990 begleitet. Und damit man bei allem Formalismus auch etwas zu lachen hatte, zeigte er mir die beste Anleitung, die ich je gesehen habe, um Honorarrechnungen zu schreiben.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p><b>Grundb\u00fccher f\u00fcr Kuba<\/b><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Wenn Procopio einen Fall nicht \u00fcbernehmen konnten, oder es \u00f6rtlich absolut nicht passte, weil der Fall tief im Mittelwesten oder an der Ostk\u00fcste spielte, empfahlen sie uns gute B\u00fcros in anderen US-Bundesstaaten. Bei dem Erbfall eines Deutschen, der in Florida seinen Lebensabend verbrachte, lernten wir auch dort Kollegen kennen. Als sie davon erfuhren, dass ich seit 1992 in Berlin t\u00e4tig war, bekamen wir viel Beifall f\u00fcr die saubere juristische Konstruktion der Restitutionsanspr\u00fcche. Sie planten, einige Spezialisten nach Berlin zu schicken, um sich die praktische Umsetzung anzusehen. Wozu das?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">\u00bbWenn Castro stirbt, wird halb Miami leer stehen, weil dann die Emigranten alle nach Kuba zur\u00fcckgehen. Die wollen ihre Grundst\u00fccke wiederhaben. Aber ohne unsere Hilfe werden sie sie nicht bekommen!\u00ab Vermutlich gibt es in Kuba kein Grundbuch, aber die Katasterakten werden in den USA soweit m\u00f6glich f\u00fcr den Tag der Abrechnung rekonstruiert. So warten wir geduldig auf die Auftr\u00e4ge, das deutsche Grundbuchwesen in Kuba einzuf\u00fchren, nachdem Griechenland diese Idee uninteressiert zur\u00fcckgewiesen hat.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\"><b>Kurve der Dankbarkeit<\/b><\/p>\n<p>.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Zur\u00fcck im B\u00fcro nach der Verhandlung: Sie haben meine Firma gerettet. Ich wei\u00df nicht, wie ich Ihnen danken kann?!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Nach dem erfolgreichen Urteil: Das h\u00e4tte ich nicht erwartet!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Nach der ersten Verhandlung: Hat das Gericht wirklich alles verstanden?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Nach der Beweisaufnahme: Hoffen wir das Beste!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Nachdem die Klageerwiderung vorliegt: Sieht schlecht aus. Kriegen wir das hin?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Erste Besprechung: Ich werde alles verlieren, wenn wir nicht sofort klagen!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">1 Stunde Telefonkonferenz<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Anruf beim Anwalt (21 Uhr abends): Kann ich Sie sofort sehen?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Richtige Zeit f\u00fcr Geb\u00fchrenvereinbarung!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Richtiger Moment um bei Festpreisen (RVG) die Schlussrechnung zu stellen!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Zwangsvollstreckung begonnen: Bevor wir kein Geld haben, sieht auch der Anwalt nichts!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Einen Tag sp\u00e4ter: Unsere Zeugen waren die Richtigen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Eine Woche sp\u00e4ter: Die hatten niemals eine Chance.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Gesetzliche Geb\u00fchren h\u00e4tten gut gereicht.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Einen Monat sp\u00e4ter: Es war so einfach:<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Das h\u00e4tte ich selbst machen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Die Honorarrechnung wird gepr\u00fcft: Die ist doch ein bisschen hoch!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">Zwangsvollstreckung erfolgreich: Soll er sich sein Geld doch erst beim Gegner holen, da gibt\u2019s genug.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: normal\">.<\/p>\n<p>\u00a0<a title=\"Benno Heussen &quot;Interessante Zeiten&quot;\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Interessante-Zeiten-Benno-Heussen\/dp\/3415049582\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1372639079&amp;sr=8-1&amp;keywords=benno+heussen\" target=\"_blank\">http:\/\/www.amazon.de\/Interessante-Zeiten-Benno-Heussen\/dp\/3415049582\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1372639079&amp;sr=8-1&amp;keywords=benno+heussen<\/a><\/p>\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Benno Heussen, ein Urgestein unter den deutschen Anw\u00e4lten, hat in seinem neuen &#8211; sehr pers\u00f6nlichem &#8211; Buch &#8222;Interessante Zeiten&#8220; 29 Reportagen ver\u00f6ffentlicht. Als Spezialist f\u00fcr Computerrecht und als Managing-Partner der Heussen Rechtsanwaltsgesellschaft war er Prozessanwalt, Schiedsrichter, Gutachter, Mitglied im &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/07\/01\/buchauszug-benno-heussens-interessante-zeiten-ein-urgestein-unter-den-deutschen-anwalten\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-649364","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649364","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=649364"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/649364\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=649364"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=649364"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=649364"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}