{"id":648876,"date":"2013-05-14T15:51:57","date_gmt":"2013-05-14T13:51:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=648876"},"modified":"2013-05-14T15:55:24","modified_gmt":"2013-05-14T13:55:24","slug":"stephan-grunwald-wenn-unternehmen-verangstigten-mitarbeitern-immer-neue-kaum-erfullbare-renditeziele-vorgeben-und-durch-den-arbeitsalltag-hetzen-buchauszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/05\/14\/stephan-grunwald-wenn-unternehmen-verangstigten-mitarbeitern-immer-neue-kaum-erfullbare-renditeziele-vorgeben-und-durch-den-arbeitsalltag-hetzen-buchauszug\/","title":{"rendered":"Stephan Gr\u00fcnwald: Wenn Unternehmen ver\u00e4ngstigten Mitarbeitern immer neue, kaum erf\u00fcllbare Renditeziele vorgeben und die Leute durch den Arbeitsalltag hetzen (Buchauszug)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum wir uns in einer Dauerkrise sehen und darauf mit einem ma\u00dflosen Arbeitspensum und einem Wettkampf im Verausgaben reagieren<\/strong><\/p>\n<p>Buchauszug\u00a0aus <a title=\"Campus Verlag &quot;Die ersch\u00f6pfte Gesellschaft&quot; Stephan Gr\u00fcnewald\" href=\"http:\/\/www.campus.de\/sachbuch\/politik\/Die+ersch%C3%B6pfte+Gesellschaft.101503.html\" target=\"_blank\">Stephan Gr\u00fcnewalds\u00a0\u201eDie ersch\u00f6pfte Gesellschaft\u201c, Campus Verlag 2013<\/a>.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnewald ist Psychologe und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Rheingold-Instituts f\u00fcr Kultur-, Markt und Medienforschung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_648879\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Gruenewald_2013_a_kleinonline.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-648879\" class=\"size-medium wp-image-648879\" alt=\"Gr\u00fcnewald\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Gruenewald_2013_a_kleinonline-199x300.jpg\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Gruenewald_2013_a_kleinonline-199x300.jpg 199w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/Gruenewald_2013_a_kleinonline.jpg 315w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-648879\" class=\"wp-caption-text\">Stephan Gr\u00fcnewald<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Besinnungslose Betriebsamkeit<\/strong><\/p>\n<p>Unser Leben dreht sich immer schneller, wir hetzen von einem Termin zum anderen, sind getrieben von einer inneren Unruhe \u2013 zumindest haben viele von uns dieses Gefu\u0308hl. Wie sehr sich in den letzten Jahren der Rhythmus unseres Alltags beschleunigt hat, habe ich bereits in meinem Buch <i>Deutschland auf der Couch<\/i> beschrieben: Wie in einem Hamsterrad wird die Unruhe in immer schnellere Umdrehungen u\u0308bersetzt und wir geraten in einen Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fluchtreflex in die \u00dcberbetriebsamkeit<\/strong><\/p>\n<p>Zwar sind wir rund um die Uhr emsig, rackern uns nach Kr\u00e4ften ab, wissen aber oft gar nicht, was wir da eigentlich machen \u2013 und vor allem warum. Die seit Jahren schwelende Wirtschafts- und Finanzkrise verst\u00e4rkt diese innere Unruhe zus\u00e4tzlich und damit auch den Fluchtreflex in die U\u0308berbetriebsamkeit.<\/p>\n<p>Dabei ist die Krise, obwohl sie seit Jahren wie ein Schreckgespenst durch die Medien geistert, fu\u0308r die meisten Menschen gar nicht wirklich greifbar. Denn im konkreten Alltag ist sie fu\u0308r die meisten noch gar nicht angekommen. Der eigene Arbeitsplatz scheint nach wie vor sicher. Der Euro ist noch da. Der Geldautomat spuckt wie eh und je Geld aus. Im Supermarkt gibt es frisches Biogemu\u0308se genauso wie Kartoffelchips. Deutschland steht im internationalen Vergleich vorbildlich da. Und bei der Europameisterschaft haben wir mal wieder gezeigt, dass man in Zukunft unbedingt mit uns rechnen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Alltag auf Autopilot<\/strong><\/p>\n<p>Die Rettungsbeschw\u00f6rungen der Politik und die Durchhalteparolen, wonach dies und jenes und alles M\u00f6gliche &#8222;alternativlos&#8220; sei, finden ihre Entsprechung in den Normalit\u00e4tsbeschw\u00f6rungen der Menschen. Die Krise wird ausgeblendet, indem viele von uns im Alltag den Autopiloten anwerfen. Sie klammern sich an ihre Routinen, an die gewohnten Arbeitsabl\u00e4ufe und betreiben <i>business as usual.<\/i><\/p>\n<p>Psychologisch betrachtet hat die sogenannte Krise \u00c4hnlichkeiten mit einem n\u00e4chtlichen Albtraum, den wir nach dem Aufwachen sogleich wieder abschu\u0308tteln wollen. Denn sie ist mit dem Gefu\u0308hl verbunden, pl\u00f6tzlich und unerwartet in unu\u0308berschaubare Verh\u00e4ltnisse geraten zu k\u00f6nnen. Besonders besorgniserregend ist es, dass kein Experte, kein Politiker und keines der gro\u00dfen Wirtschaftsinstitute den Ausbruch der Krise vorhersagen konnten. Aber auch nach ihrem Ausbruch bleibt die Krise kaum fassbar und erkl\u00e4rbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Schwierigkeit, Orientierung zu finden<\/strong><\/p>\n<p>Medien und Experten bemu\u0308hen sich zwar redlich und unermu\u0308dlich um Aufkl\u00e4rung, dennoch f\u00e4llt es uns schwer, die Orientierung zu finden oder den U\u0308berblick u\u0308ber die Krisendynamik zu behalten. So bleibt das dumpfe Gefu\u0308hl, von dunklen M\u00e4chten der Finanzwelt bedroht zu werden. Man fu\u0308hlt sich einem abstrakten Getriebe hilflos ausgeliefert, das in seinen Reparaturversuchen immer neue Krisendimensionen heraufbeschw\u00f6rt: Aus der Immobilienkrise wird die Bankenkrise. Die Bankenkrise fu\u0308hrt zu staatlichen Schuldenkrisen. Die wiederum entwickeln sich zur Euro-Krise und dem drohenden Verlust aller \u00f6konomischen Sicherheiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Umstellt von Krisen<\/strong><\/p>\n<p>Wie in einem Albtraum haben wir h\u00e4ufig das Gefu\u0308hl, nicht von der Stelle zu kommen. Wir verspu\u0308ren eine kafkaeske Krisenpermanenz, sehen uns geradezu umstellt von Krisen, die einfach nicht vergehen wollen. Zwar gab es auch in fru\u0308heren Zeiten Krisen, aber die schienen endlich, sie wurden irgendwann einmal Vergangenheit, weil sie ausgestanden oder behoben waren.<\/p>\n<p>Unsere Krise hingegen entwickelt sich zum ewigen Wiederg\u00e4nger, zum Zombie, der einfach nicht totzukriegen ist. Zwei Jahre nach der Fukushima-Katastrophe strahlt der Reaktor immer noch. Im Nahen Osten brechen an immer neuen Orten Konflikte aus, auch dort, wo die Entwicklung vielversprechend schien. Fu\u0308r Griechenland wird ein Rettungs-Sirtaki nach dem anderen getanzt, aber sogleich ku\u0308ndigt sich die n\u00e4chste Pleite an. Der Euro scheint immer noch bedroht. Und es tobt der endlose Streit um die Mobilisierung der Eurobonds \u2013 das Fanal zum letzten Rettungsgefecht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Jeden Moment ins Bodenlose<\/strong><\/p>\n<p>Kennzeichnend fu\u0308r die Krisenstimmung ist das Gefu\u0308hl, zwar noch sicheren Boden unter den Fu\u0308\u00dfen zu haben, aber jeden Moment ins Bodenlose stu\u0308rzen zu k\u00f6nnen \u2013 in ein gewaltiges schwarzes Loch, das nicht nur Menschen, nicht nur Immobilien und Banken, sondern auch ganze Staaten schlucken kann. Und mit diesem Gefu\u0308hl ist die traumatische Vorstellung verbunden, jedwede Handlungsf\u00e4higkeit zu verlieren und in einen Zustand v\u00f6lliger Ohnmacht zu geraten. Auch wenn wir uns aktuell nicht im freien Fall befinden, spu\u0308ren wir doch die Bru\u0308chigkeit der aktuellen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Und das fu\u0308hrt dazu, dass viele von uns den Glauben an die kapitalistische Maximierungskultur verloren haben, die Deutschland seit Wirtschaftswundertagen immer wieder befeuert und getr\u00f6stet hat. Niemand glaubt mehr daran, dass der n\u00e4chste Aufschwung alle Probleme l\u00f6sen wird, ja nicht einmal, dass er es kann. Die Menschen haben das Gefu\u0308hl, sich mitten in einer grunds\u00e4tzlichen Zeitenwende zu befinden. Aber keiner wei\u00df, wohin diese Reise geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Politiker wie der Kapitan der Costa Concordia handeln<\/strong><\/p>\n<p>Und wer kann das Land verl\u00e4sslich und kompetent aus der Krise fu\u0308hren? Ebenfalls lautet die Antwort: keine Ahnung. Denn sp\u00e4testens nach der fu\u0308r viele entt\u00e4uschenden &#8222;Fahnenflucht&#8220; von Horst K\u00f6hler, der Wankelmu\u0308tigkeit von Christian Wulff oder der Kopierfreude des Hoffnungstr\u00e4gers zu Guttenberg misstraut der Bu\u0308rger der Verl\u00e4sslichkeit vor allem der m\u00e4nnlichen Politiker. Ein gutes, weil reales Sinnbild fu\u0308r den politischen Albtraum ist das im Januar 2012 havarierte Kreuzfahrtschiff <i>Costa Concordia<\/i>: Der Wohlfahrtskreuzer ist leckgeschlagen und in eine bedrohliche Schr\u00e4glage geraten. Doch der Kapit\u00e4n war einer der ersten, der nach dem Unfall von Bord gegangen ist und die Passagiere im Stich gelassen hat. Kein Wunder, dass sich die Reiseg\u00e4ste derzeit vor allem an mu\u0308tterliche Gestalten wie Angela Merkel und Hannelore Kraft, die in unsicheren Zeiten Konstanz und Verl\u00e4sslichkeit vermitteln.<\/p>\n<p>Im Versuch, das ganze Leben als leicht sedierten, aber dennoch u\u0308beraktiven Wachzustand zu gestalten, bannen wir das Gefu\u0308hl, tats\u00e4chlich in diesen Albtraum geraten zu k\u00f6nnen: \u00bbBlo\u00df nicht tr\u00e4umen\u00ab, lautet die unbewusste Devise. Lieber mit aller Macht die Normalit\u00e4t beschw\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/BuchcoverGr\u00fcnewald_Die-ersch\u00f6pfte-Gesellschaft.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-648880\" alt=\"BuchcoverGr\u00fcnewald_Die ersch\u00f6pfte Gesellschaft\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/BuchcoverGr\u00fcnewald_Die-ersch\u00f6pfte-Gesellschaft-188x300.jpeg\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/BuchcoverGr\u00fcnewald_Die-ersch\u00f6pfte-Gesellschaft-188x300.jpeg 188w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/BuchcoverGr\u00fcnewald_Die-ersch\u00f6pfte-Gesellschaft.jpeg 407w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>Mit Konsumkarneval den Hiobsbotschaften trotzen<\/b><\/p>\n<p>Vor allem ist es wichtig, in jeder Lage die eigene Handlungsf\u00e4higkeit beweisen zu k\u00f6nnen. So soll die Angst abgewehrt werden, durch die Krise in einen Zustand totaler Ohnmacht zu geraten. Seit Ausbruch der Krise konnten wir in zahlreichen Studien eine Zunahme von Aktivit\u00e4ten wie Putzen oder Heimwerken feststellen. Die h\u00e4uslichen Kleinkriege und privaten Bodenoffensiven, die beim Putzen mithilfe eines hochgeru\u0308steten Reinigungsarsenals gefu\u0308hrt werden, vermitteln das siegreiche Gefu\u0308hl, feindliche Eindringlinge abwehren zu k\u00f6nnen. Zumindest daheim erleben wir uns als Herr oder Herrin der Lage.<\/p>\n<p>Von der Flucht in die U\u0308berbetriebsamkeit zeugt auch der private Konsum. Davon hat in den letzten Jahren nicht zuletzt die deutsche Binnenwirtschaft profitiert, denn der nach der Krise erwartete Konsumeinbruch blieb u\u0308berraschenderweise aus. Selbst 2009 trotzten die Deutschen den Hiobsbotschaften und feierten eine Art &#8222;Konsumkarneval&#8220;.<\/p>\n<p>Denn der Karneval ist das Fest der letzten Stunde. Es l\u00e4utet den Beginn einer Fastenzeit voller pers\u00f6nlicher Einschr\u00e4nkungen und Verzichtsleistungen ein. Vor dem drohenden Aschermittwoch wollte man das Leben noch einmal richtig genie\u00dfen. Als der Aschermittwoch jedoch ausblieb, dominierte der &#8222;Wertekonsum&#8220;: die u\u0308blichen deutschen Spartendenzen. Wer sowieso fu\u0308rchtet, dass die abstrakten Geldwerte, die er u\u0308ber Jahre oder Jahrzehnte gehortet hat, sich irgendwann in Luft aufl\u00f6sen, von schwarzen L\u00f6chern geschluckt werden oder zusammen mit neuen Spekulationsblasen platzen, verwandelt die abstrakten lieber in handfeste Werte. So investieren die Deutschen flei\u00dfig in H\u00e4user und Wohnungen, kaufen Autos, Flachbildschirme oder Sofas. Und m\u00f6blieren auf diese Weise die sicheren heimischen Ru\u0308ckzugsgebiete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Unternehmen als Verst\u00e4rker: Leistungsdruck erh\u00f6hen, kaum erf\u00fcllbare Renditeziele setzen<\/strong><\/p>\n<p>Viele Unternehmen nutzen gleichfalls diese Tendenz zur U\u0308berbetriebsamkeit und verst\u00e4rken sie zus\u00e4tzlich. Sie begegnen dem drohenden Einbruch der Krise mit Appellen zur Leistungssteigerung und mit der Erh\u00f6hung ihres Effizienzdiktates. Der Leistungsdruck von Seiten der Unternehmensspitze nimmt zu. Aber auch die fu\u0308hrenden Manager \u2013 vor allem die in international operierenden Konzernen \u2013 werden mit ehrgeizigen und kaum erfu\u0308llbaren Wachstums- und Renditezielen traktiert, die sie dann an die Belegschaft weitergeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ver\u00e4ngstigte Mitarbeiter gehetzt von immer neuen und immer mehr Aufgaben<\/strong><\/p>\n<p>Von jedem einzelnen Mitarbeiter wird ein H\u00f6chstma\u00df an pers\u00f6nlicher Flexibilit\u00e4t verlangt. Unbezahlte U\u0308berstunden sind mittlerweile, so scheint es, selbstverst\u00e4ndlich, geh\u00f6ren geradezu zur Firmenordnung. Auch nach Feierabend oder an freien Tagen hat man fu\u0308r das Unternehmen zur Verfu\u0308gung zu stehen. Arbeitsbereiche, fu\u0308r die fru\u0308her verschiedene Personen oder Abteilungen verantwortlich waren, werden komprimiert. Mitarbeiter mu\u0308ssen sich in Rekordzeit in neue Arbeitsbereiche einfinden und mit neuen Tools operieren. Bei alledem steigt die Angst, die gesetzten Erwartungen nicht zu erfu\u0308llen oder gar krank zu werden. Die Zahl der Krankmeldungen ist daher seit Jahren ru\u0308ckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Ersch\u00f6pfungsstolz statt Werkstolz ?<\/b><\/p>\n<p>Psychologisch stellt sich die Frage, wieso sich die meisten Menschen diesem Leistungsdiktat unterwerfen. Wieso findet kein offener Widerstand gegen u\u0308bermenschliche Beanspruchung und sinnfreies Arbeiten statt? In der Arbeitshaltung vieler Menschen scheint ein grunds\u00e4tzlicher Wandel eingetreten zu sein, der dem Leistungsdiktat in die Karten spielt. Der Werkstolz fru\u0308herer Zeiten ist einem Ersch\u00f6pfungsstolz gewichen.<\/p>\n<p>Stolz sind wir nicht mehr auf das geleistete Tagwerk, den Bericht, den wir verfasst, die Bestellung, die wir erledigt haben, das Werkstu\u0308ck, das fertiggestellt oder repariert wurde, die Unterrichtsstunde oder das Meeting, die wir bestritten haben. Stolz sind wir heute auf den Grad der Ersch\u00f6pfung, den wir uns im Laufe des Arbeitstages &#8222;erk\u00e4mpft&#8220; haben. Wir wissen zwar oft nicht mehr genau, was wir gemacht und mit welchem Sinn wir es betrieben haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gradmesser f\u00fcr viel Arbeit: Ausgelaugtsein statt Qualit\u00e4t der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Aber an der bleiernen Mu\u0308digkeit spu\u0308ren wir, dass wir uns doch rechtschaffen abgearbeitet haben. Die Frage, ob unser Tag erfolgreich, befriedigend oder erfu\u0308llend war, macht sich also nicht an der Qualit\u00e4t der geleisteten Arbeit fest, sondern am Ausma\u00df unseres eigenen Ausgelaugt- und Gestresstseins.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ma\u00dfloses Arbeitspensum<\/strong><\/p>\n<p>Dadurch droht das Arbeitspensum, das wir uns zumuten, jedoch ma\u00dflos zu werden, denn wir erkennen den Zeitpunkt des Aufh\u00f6rens nicht mehr. Das Werk gibt ein natu\u0308rliches Ma\u00df und eine organische Rhythmik vor. Es verlangt Pausen, etwa weil die Farbe trocknen muss oder weil man seine Gedanken sortieren muss, bevor der n\u00e4chste Schritt gemacht werden kann. Die Qualit\u00e4t des Werkes erfordert es, innezuhalten, Abstand zu gewinnen, die Perspektive zu wechseln, weitere Materialien zu besorgen oder die Sache zu u\u0308berschlafen. Mit ihm ist auch eine Endlichkeit verbunden: Man wei\u00df oder spu\u0308rt zumindest, wann das ganze Werk oder eine Werketappe fertiggestellt ist.<\/p>\n<p>Die Ersch\u00f6pfung l\u00e4sst sich dagegen scheinbar beliebig steigern. Im Sinne der Ersch\u00f6pfung sind Pausen keine Gelegenheiten der Regeneration und des Kr\u00e4ftesammelns, sondern Zeitl\u00f6cher, durch die das Gefu\u0308hl der Ermattung entrinnen kann. Diese Zeitl\u00f6cher mu\u0308ssen durch eine Vielzahl von kleinen T\u00e4tigkeiten gefu\u0308llt werden, und zwar m\u00f6glichst dicht. Nur so entsteht das Gefu\u0308hl einer daueraktivierten Angespanntheit, die dann hoffentlich nach acht, zehn oder zw\u00f6lf Stunden in den Zustand totaler Ersch\u00f6pfung u\u0308bergeht, der einem selbst und den Kollegen signalisiert: &#8222;Es geht jetzt wirklich nicht mehr.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ersch\u00f6pft, aber Warnsignale des K\u00f6rpers werden \u00fcberfahren<\/strong><\/p>\n<p>Die Ersch\u00f6pfungsgrenze l\u00e4sst sich allerdings heute auch immer weiter verschieben. Warnsignale des K\u00f6rpers werden einfach u\u0308bersehen oder u\u0308berfahren. Wenn Kaffee oder Taurin nicht mehr helfen, kann man immer noch auf Stoffe wie Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin, zuru\u0308ckgreifen. Sie erlauben eine Art Hirndoping und versprechen eine geistige Leistungssteigerung. W\u00e4hrend die zappeligen Kinder, die den Erwachsenen aus der Dauerbetriebsamkeit rei\u00dfen k\u00f6nnten, mit diesem Stoff ruhiggestellt werden, nutzen ihn die Erwachsenen als Stimulanz, das Durchhalte- und Konzentrationsverm\u00f6gen zu steigern verspricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Wetteifern um den inoffiziellen Titel des Verausgabemeisters<\/strong><\/p>\n<p>Solche Grenzverschiebungen werden auch dadurch begu\u0308nstigt, dass in vielen Unternehmen eine Ersch\u00f6pfungskonkurrenz tobt. Im Kollegenkreis wetteifert man um den inoffiziellen Titel des Verausgabungsmeisters. Er oder sie ist der moderne Held der Arbeit, der sich in manischer Selbstverleugnung und Selbstu\u0308berwindung fu\u0308r das Unternehmen aufopfert. Ihm gebu\u0308hrt Lohn, Lob, Anerkennung und Sozialprestige. Und daher werden die heroischen Erz\u00e4hlungen von Marathonsitzungen, Nachtschichten, bezwungenen Mailhundertschaften und Multitasking wie Frontberichte ausgebreitet. Durch die Zurschaustellung seiner v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung versucht man paradoxerweise sich und den anderen seine Allmacht zu beweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir uns in einer Dauerkrise sehen und darauf mit einem ma\u00dflosen Arbeitspensum und einem Wettkampf im Verausgaben reagieren Buchauszug\u00a0aus Stephan Gr\u00fcnewalds\u00a0\u201eDie ersch\u00f6pfte Gesellschaft\u201c, Campus Verlag 2013. 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