{"id":648766,"date":"2013-05-07T21:13:24","date_gmt":"2013-05-07T19:13:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=648766"},"modified":"2013-05-08T09:48:18","modified_gmt":"2013-05-08T07:48:18","slug":"buchauszug-frank-meik-wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/05\/07\/buchauszug-frank-meik-wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand\/","title":{"rendered":"Buchauszug Frank Meik: &#8222;Wir klicken uns um Freiheit und Verstand&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_648767\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/MeikFrank.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-648767\" class=\"size-medium wp-image-648767\" alt=\"Frank Meik, Unternehmensberater und Autor\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/MeikFrank-300x199.jpg\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/MeikFrank-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2013\/05\/MeikFrank.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-648767\" class=\"wp-caption-text\">Frank Meik<\/p><\/div>\n<p><strong><a title=\"Vita Frank Meik\" href=\"http:\/\/www.mwverlag.com\/cms\/front_content.php?idart=45\" target=\"_blank\">Frank Meik <\/a>ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des MW Verlags in M\u00fcnchen, Senator der Welt- Medienorganisation, IFRA und\u00a0 Direktor der Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker-Stiftung<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<h3 align=\"center\"><a title=\"Frank Meik Wir klicken uns um Freiheit und Verstand Murmann Verlag\" href=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/buch\/wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand\" target=\"_blank\">Buchauszug Frank Meik: &#8222;Wir klicken uns um Freiheit und Verstand&#8220;<\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Wie sehr die Webkraken unsere Freiheit bedrohen<\/b><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir verbl\u00f6den. Wir haben verlernt, Informationen kritisch wahrzunehmen und zu bewerten. Die Sendungen, die wir t\u00e4glich schauen und h\u00f6ren, die Beitr\u00e4ge, die wir lesen, sie verflachen zunehmend. Sie verdummen uns. Weil wir es aus TV, Radio, Zeitungen und Zeitschriften nicht anders kennen, entscheiden wir nicht mehr rational, sondern emotional.<\/p>\n<p>Erinnert sei an den Fall des Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff. Alles begann mit der Frage, wer Wulff einen Kredit f\u00fcr den Bau seines Hauses in Hannover gegeben habe. Die Diskussion brandete hoch \u2013 als sie abzuebben drohte, legten die Medien in einer bis dahin nicht gekannten Allianz von Bild-Zeitung und FAZ nach. Pl\u00f6tzlich tauchte das Band eines Anrufbeantworter-Mitschnittes auf, in dem Wulff dem Chefredakteur der Bild \u201eKrieg\u201c androhte. Es folgte ein Kleinklein \u2013 bis hin zur Frage, ob sich das oberste Staatsoberhaupt f\u00fcr ein Bobby-Car, das ihm ein Autoh\u00e4ndler f\u00fcr seine Kinder schenkte, erkenntlich gezeigt habe. Flankiert wurde die \u00f6ffentliche Anklage von ungez\u00e4hlten Umfragen im Netz: Soll Wulff gehen? Wer soll der n\u00e4chste Bundespr\u00e4sident werden? Brauchen wir das Pr\u00e4sidentenamt \u00fcberhaupt noch? \u201eLeserreporter\u201c stellten ihre besten Fotos online und machten Paparazzi \u00fcberfl\u00fcssig. Eine Medienkampagne entstand in einem bis dahin nicht gekannten Ausma\u00df.<\/p>\n<p><strong>Einziges Ziel der Medien: Demaskieren<\/strong><\/p>\n<p>Die Kritik am journalistischen Umgang mit diesem Thema kam schlie\u00dflich nicht zuletzt aus den eigenen Reihen. Der Leiter des Investigativ-Ressorts der S\u00fcddeutsche Zeitung, Hans Leyendecker, kritisierte: \u201eWir haben Medien erlebt, die nur ein Ziel hatten: den Mann zu demaskieren.\u201c (Leyendecker, 2012 auf dem Kongress <i>Wert es Journalismus <\/i>des DJV, zitiert in: Monika Lungmus, \u201eIn der Sackgasse\u201c Das Medienmagazin Journalist, (S.28-30), M\u00e4rz 2012, Nr. 3, S. 29.<\/p>\n<p>Damit steht Herr Leyendecker nicht allein. Viele st\u00f6ren in erster Linie die Scheinheiligkeit in der Berichterstattung, die gnadenlose \u00dcberh\u00f6hung des Themas und der schwindende Respekt. Es geht nicht darum, ob Wulff in seiner fr\u00fcheren T\u00e4tigkeit als Ministerpr\u00e4sident richtig oder falsch gehandelt hat. Selbst, wenn er eine Verfehlung mit strafrechtlichen Konsequenzen begangen h\u00e4tte, hatte er als Bundespr\u00e4sident bis zu einem ordentlichen Verfahren nichts zu bef\u00fcrchten. So will es das Grundgesetz. Aber die klassischen Medien haben ihn gnadenlos geschlachtet, dies wahrscheinlich weniger wegen der ihm vorgeworfenen Taten, die man allerorts bei vielen Politikern und Journalisten in \u00e4hnlicher Form antrifft, wohl eher wegen seines ungeschickten Verhaltens, seines Taktierens und seines Auftretens gegen\u00fcber den Medien selbst. So kippte auch die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung laut Umfragen von anfangs 70 Prozent pro Wulff auf zuletzt 80 Prozent gegen ihn. Es verging kein Tag ohne Berichterstattung, Kommentare und Talkshows zum Thema Wulff, und dies in einer Zeit der gr\u00f6\u00dften Finanz- und Wirtschaftskrise seit 70 Jahren. Medien machen Meinung. Medien machen heute aber auch Politik. In Wahrheit ist es doch so, dass jeder Einzelne von uns zunehmend Gefallen findet am \u00f6ffentlichen Tribunal: Brot und Spiele. Jeden Tag, 24 Stunden, rund um die Uhr, auf allen Kan\u00e4len, und neuerdings auch im Netz.<\/p>\n<p>Die Entwicklung ist mehr als problematisch, weil wir uns auf Dauer so um wichtige Errungenschaften unserer Demokratie bringen: um Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit beispielsweise \u2013 und langfristig vor allem um unsere individuelle Freiheit, unser wichtigstes Gut seit der Franz\u00f6sischen Revolution. Die Entwicklung, die sich schon seit Jahrzehnten abzeichnet, hat sich durch das Internet und die dadurch neu entstandenen Web-Konzerne um ein Vielfaches beschleunigt. Dabei merken wir nicht, welche Gefahr dies birgt, und dass wir allm\u00e4hlich verdummen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"bds_buch_gross\" title=\"\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/sites\/default\/files\/imagecache\/buchdetailseite\/covers\/meik_u1_72dpi_0.jpg\" width=\"230\" height=\"366\" \/><\/p>\n<p><b>Der Januskopf des Netzes<\/b><\/p>\n<p>Auf der einen Seite sorgt das Internet f\u00fcr Transparenz wie kein zweites Medium; auf der anderen bietet es ein Feld f\u00fcr Manipulationen in ungeheurem Ausma\u00df. Vermeintlich Reales kann k\u00fcnstlich erzeugt sein. Wenige emotionale Bilder gen\u00fcgen, einen Gesamteindruck zu erzeugen, der nicht der Wirklichkeit entsprechen muss. Das merkt jeder, der einen Blick in den Verlauf seines Facebook-Profils wirft: Unterhaltung spielt auch bei dem f\u00fchrenden sozialen Netzwerk im Internet die wichtigste Rolle. Das Internet erschl\u00e4gt uns mit einer F\u00fclle an belanglosen Informationen. Wir sind stets auf der Suche nach Neuem, Aufregendem, doch sind wir immer weniger in der Lage, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, das Relevante vom Unwichtigen. Noch schlimmer: Die gro\u00dfen Unternehmen der Web-Branche haben sich zu Datenkraken entwickelt, die ohne Unterlass Informationen horten, verschlagworten und f\u00fcr die Ewigkeit archivieren. Was sie genau \u00fcber wen wissen, das verschweigen diese Konzerne, ganz egal ob es sich dabei um die Suchmaschine Google, den Treffpunkt Facebook oder die Plauderstube Twitter handelt. Wir lassen uns mit Kleinigkeiten k\u00f6dern, die aus einer h\u00fcbschen Webseite, einer einfache M\u00f6glichkeit, Filme oder Bilder ins Netz zu stellen, besteht, und schon geben wir bereitwillig Pers\u00f6nliches, teils gar Intimes frei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Leben ohne Facebook? Unvorstellbar?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben uns l\u00e4ngst daran gew\u00f6hnt, dass Dienstleistungen im Internet auf den ersten Blick gratis zu haben sind. US-Konzerne wie Google und Facebook dank dieses Modells verdienen trotzdem Milliarden, weil sie ihre Leidenschaft des Sammelns zu einem eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ft entwickelt haben. Sie verkaufen die \u00fcber uns generierten Informationen zu hohen Preisen an Werbekunden. Wir zahlen mit unseren Daten. Gerade die Jungen k\u00f6nnen sich ein Leben ohne Facebook kaum noch vorstellen. Dort checken sie ihre Nachrichten, hier pflegen sie ihre sozialen Kontakte. Was, wenn es Facebook einmal nicht mehr geben w\u00fcrde?<\/p>\n<p>\u201eDu hast es wohl noch nicht geh\u00f6rt: Zuckerberg hat Facebook gel\u00f6scht\u201c, so raunt eines Morgens der Nachbar. Die Szene stammt aus einem Trailer f\u00fcr eine fiktive Fortsetzung des Films \u201eSocial Network\u201c \u00fcber die Entstehung von Facebook. Was w\u00fcrden wir tun ohne Facebook? W\u00fcrden wir wirklich die Geburtstage unserer Freunde vergessen? Stehen dann Leute auf der Stra\u00dfe, halten ihren Hund in die H\u00f6he und rufen \u201eSchaut her, was f\u00fcr ein sch\u00f6nes Tier\u201c? Verfolgen uns dann verflossene Lieben von einst, weil sie unseren Nachrichtenfluss auf Facebook nicht mehr ungest\u00f6rt nachlesen k\u00f6nnen? So jedenfalls stellen sich eine solche Zeit die Macher des Trailers zu \u201eSocial Network 2\u201c vor.<\/p>\n<p>Viel schlimmer als die Vorstellung, wie die Welt ohne Facebook aussieht, ist allerdings der Gedanke, wie wir bald leben werden, wenn niemand das US-Unternehmen an seinem Tun hindert. Indem wir unser Leben online stellen, bekommen nicht nur Menschen Einblick, von denen wir nicht einmal ahnten, dass unsere Daten f\u00fcr sie von Bedeutung sind, mit diesem Schritt geben wir uns ein St\u00fcck weit auf.<\/p>\n<p>In diesem Buch werde ich ein Szenario beschreiben, in dem ich nichts weiter tue, als die aktuellen Entwicklungen fortzuschreiben. Dieser Blick in die Zukunft ist alles andere als erfreulich. Wenn wir so weitermachen, klicken wir uns um Freiheit und Verstand und gef\u00e4hrden unsere Demokratie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Webkraken ohne Gegenmacht<\/b><\/p>\n<p>Unsere Medien hatten einmal die Chance, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, inzwischen haben sie sie verloren. Sie haben sich an die Wand spielen lassen von den Newcomern aus dem Internet \u2013 ohne wirkliche Gegenwehr. Inzwischen raubt der heimischen Medienindustrie die Internetbranche die Gesch\u00e4ftsgrundlage. Ein F\u00fcnftel der Werbebudgets flie\u00dft bereits in Online-Annoncen, Tendenz steigend; Verlage und Sender partizipieren kaum. Dabei haben die Medien laut Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland das Recht, den Staat, unsere Politiker und deren Tun zu kontrollieren. Artikel 5 unserer Verfassung garantiert diese Meinungs- und Informationsfreiheit sowie die Presse-, Rundfunk- und Filmfreiheit.<\/p>\n<p>Aus diesem Grundrecht folgt eine Verpflichtung der Medien, dieser Aufgabe nachzukommen. Daher galten die Medien lange Zeit als die vierte Gewalt des Landes. \u201eJeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu \u00e4u\u00dfern und zu verbreiten, und sich aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.\u201c So lautet der erste Satz des Artikels im Grundgesetz. Doch wie sollen wir uns \u201eungehindert unterrichten\u201c, l\u00e4uft doch \u00fcberall nur noch Flaches und Unterhaltendes? Wie kann das gelingen, wenn zunehmend Artikel, die sich vornehmlich \u00fcber Bilder verkaufen, ohne Recherche und Fachkenntnis verfasst werden? Wenn wir im Internet von Informationen \u00fcberflutet werden, deren Qualit\u00e4t wir nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen? Wenn nur noch z\u00e4hlt, was die Masse interessiert, dann verlieren die Medien ihre Kontrollfunktion. Und unsere Gesellschaft verliert einen wichtigen Kontrolleur unserer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung. Setzt sich die Entwicklung fort, wird ein Sterben der kritischen und reflektierenden Medien einsetzen \u2013 und infolge eine weitere Verflachung der Informationen. Denn nur, was alle wollen, l\u00e4sst sich am Gewinnbringendsten vermarkten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stetig sinkende Zahl unabh\u00e4ngiger Verlage<\/strong><\/p>\n<p>2002 gab es 384 Zeitungsverlage, 370 davon waren selbstst\u00e4ndig. Heute gibt es 367 Verlage, nur 120 sind noch unabh\u00e4ngig mit eigener Redaktion, Verkauf und Vertrieb. Bei einem Vortrag auf einem Zeitungskongress kurz nach dem Jahrtausendwechsel bin davon ausgegangen, dass es im Jahr 2020 nur noch 15 Zeitungsverlage in Deutschland geben wird \u2013 in dem Land, in dem nach Norwegen und Japan die Zeitungskultur den h\u00f6chsten Stellenwert hat. Damals beschimpften mich die anwesenden Verleger als Nestbeschmutzer und mieden mich. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter hatte sich die Stimmung v\u00f6llig ver\u00e4ndert: Ich wurde wieder zu den Veranstaltungen eingeladen, meine Expertise war pl\u00f6tzlich gesucht: Ob ich denn wisse, wer zu diesen 15 gro\u00dfen Verlagen geh\u00f6rte, die es schaffen w\u00fcrden? Leider musste ich mein Urteil schon revidieren. Angesichts der dramatischen Entwicklungen der vergangenen Jahre sehe ich mich zu einer Korrektur gezwungen: Ich gehe davon aus, dass bis 2016 nur f\u00fcnf bis acht gro\u00dfe Verlage die Bereinigung in der Branche \u00fcberleben. Nur diese Medienunternehmen werden meiner Ansicht nach noch selbstst\u00e4ndig im Gesch\u00e4ft t\u00e4tig sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Statt Verlagen nur noch neue Medien<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Szenario ist noch drastischer, aber nicht unrealistisch: der Untergang und die vollst\u00e4ndige Substitution aller Verlage durch die neuen Medien. Zun\u00e4chst herrschte in der Medienindustrie ein ernsthaftes Interesse am Thema. Leider fehlte es am Mut und dem Willen zum Wandel. Ende der 1990er-Jahre war jedem klar geworden, dass das Internet kein vorr\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen sein w\u00fcrde. Die Untergangsszenarien, die allenthalben gezeichnet wurden, schreckten fast alle Verleger auf. Zu jener Zeit waren die Sitzungen des Online-Ausschusses im Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) au\u00dferordentlich gut besucht.<\/p>\n<p>Dieses Gremium und sein Pr\u00e4sidium haben mit gro\u00dfem Schwung versucht, die regionalen Zeitungsverlage auf neue gemeinsame Projekte auszurichten versuchte. So wurde fr\u00fchzeitig das Projekt \u201elokale Suche\u201c aufgenommen und sp\u00e4ter auch die Fragen nach gemeinsamen Vermarktungsplattformen oder Initiativen von gemeinsamen mobilen Diensten, Services und anderen Funktionen im Internet gestellt. Allein zum gemeinsamen Vorgehen im Markt kam es nicht.<\/p>\n<p>Auch die Veranstaltungen der Weltmedienorganisation IFRA und des BDZV, die es seitdem gibt, hatten wachsenden Erfolg. Waren anfangs nur die Technik-Freaks interessiert und sp\u00e4ter die Online-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, entwickelte sich dieses Treffen zu einer zentralen Diskussionsveranstaltung der wichtigsten deutschen Verleger und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Gebracht haben all die Gespr\u00e4che, Ank\u00fcndigungen und gemeinsamen Konzepte doch leider wenig. Zu einer Umsetzung des Gedachten durch die Verlage hat es nie gereicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unbezahlbare \u00f6ffentlich-rechtliche Sender<\/strong><\/p>\n<p>Bei den Sendern sieht es nur wenig besser aus. Das \u00f6ffentlich-rechtliche Angebot wird unbezahlbar. Den TV- und Radiosendern von ARD und ZDF steht ein Budget von mehr als sieben Milliarden Euro zur Verf\u00fcgung. Das h\u00e4lt sie weder davon ab, noch mehr Geld zu fordern noch davon, ihr Programm der Eint\u00f6nigkeit der privaten Sender anzupassen. Seit den 1980er-Jahren ist die Konkurrenz der Privatsender zu den \u00d6ffentlich-Rechtlichen eine einzige Entt\u00e4uschung. Unsere Gesellschaft hat durch sie weder mehr Meinungs-, Programm- noch Ideenvielfalt gewonnen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Privaten treiben den Trend zu mehr Unterhaltung und weniger Information an, die \u00d6ffentlich-Rechtlichen folgen. Ihr Programm ist eine Beruhigungspille f\u00fcr alle, die sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen haben. Die wenigen Spartenprogramme wie arte, 3sat oder bezahlte Programme wie History oder Discovery, die interessante Inhalte bieten, erreichen nur einige Tausend Zuschauer. Die Gro\u00dfen bei den Privaten verbuchen zig Millionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4hrdete Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Die Dominanz der Internetkonzerne wird auch bei den Sendern zu einer Konzentration f\u00fchren. 1983, bevor es private Rundfunksender gab, hatte jede bundesdeutsche Familie im Schnitt 50 Mark als \u201eMedien- und Kommunikationsbudget\u201c, gab also so viel f\u00fcr Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften sowie Telefon aus. Heute \u00fcbersteigen die Handy-Rechnungen von Teenagern regelm\u00e4\u00dfig diesen Betrag und der Anteil, der davon f\u00fcr Datenverbindungen anf\u00e4llt, wird immer h\u00f6her. Zwar gibt es mittlerweile Flatrates f\u00fcr mobiles Telefonieren, aber Downloads \u00fcber iTunes und neue Services gleichen den Preisvorteil mehr als nur aus.\u00a0 Keine Frage: Das Medienbudget wird sich nicht beliebig ausweiten lassen \u2013 zumal die Jungen Informationen beinahe ausschlie\u00dflich \u00fcber das Netz konsumieren und zwar kostenlos. Indem wir die Gratis-Info-H\u00e4ppchen bevorzugen, und die Info-Anbieter immer mehr die Masse bedienen, haben wir l\u00e4ngst die F\u00e4higkeit zum Diskurs verloren. Man muss sich nur die \u00f6ffentliche Debatte anschauen: Politiker werden nicht aufgrund ihrer inhaltlichen Aussagen und Kompetenz gew\u00e4hlt. Es kommt an, wer zur besten Sendezeit massentaugliche Parolen verbreitet. Demn\u00e4chst gilt es wahrscheinlich, mit seiner Rede ans Volk die meisten Klicks auf dem Filmportal Youtube zu bekommen. Die zunehmende Verflachung der Inhalte und die Unf\u00e4higkeit, damit kritisch umzugehen, gef\u00e4hrden unsere Demokratie. Keine Regierung traut sich noch, Dinge zu tun, die nicht der Mehrheit gefallen. Ob roter, schwarzer oder gr\u00fcner Kanzler, das ist bereits egal. K\u00fcnftig droht uns eine Einheitsregierung, an deren Spitze ein bekannter Schauspieler \u2013 oder ein Star aus einem Youtube-Film steht. Was der Regierungschef vorhat, ist egal, denn es z\u00e4hlt die mediale Ausstrahlung allein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Es ist noch Zeit zu handeln<\/b><\/p>\n<p>Die Ruhe, die wir derzeit versp\u00fcren, wird auf Dauer nicht zu halten sein. Die Leistungsf\u00e4higkeit des Einzelnen und der Wirtschaft sinkt durch Entscheidungen, die der Masse gefallen. Auf Dauer k\u00f6nnen wir uns so nicht mehr die Sozialtransfers leisten, die uns fett und m\u00fcde gemacht haben. Rund 755 Milliarden Euro flie\u00dfen in Deutschland j\u00e4hrlich ins soziale Netz, fast ein Drittel des gesamten Sozialprodukts. 65 % davon flie\u00dfen in die Zweige der gesetzlichen Sozialversicherung (Institut der Deutschen Wirtschaft, Beitrag Dr. Dieter Hundt, \u201eDas soziale Netz f\u00e4ngt jeden auf\u201c, 22. Woche, 2012).<\/p>\n<p>Vielleicht ist es noch nicht zu sp\u00e4t, vielleicht k\u00f6nnen wir noch gegensteuern. Dann muss aber einiges geschehen. Wir m\u00fcssen die Webkraken zur Transparenz zwingen, \u201eechte\u201c Medien st\u00fctzen, damit sich Qualit\u00e4t auszahlt \u2013 und viel fr\u00fcher als heute Grundlagen f\u00fcr die neue Medienwelt legen. Wir als Gesellschaft, jeder Einzelne als Zuh\u00f6rer, Zuschauer und Leser, muss zu der Erkenntnis gelangen, dass Qualit\u00e4t etwas kostet. Mit unserer Kostenlos-Mentalit\u00e4t f\u00fchren wir uns selbst an den Abgrund. Unsere Medienindustrie braucht eine Gesch\u00e4ftsgrundlage, die Qualit\u00e4t rentabel macht. Journalisten m\u00fcssen sich eine Ausbildung leisten k\u00f6nnen, die sie zu kompetenten Wegweisern in einer Welt macht, in der Informationen immer wichtiger werden und Scheininformationen die Realit\u00e4t zugleich undurchschaubar machen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen Zuschauer, Zuh\u00f6rer und Surfer Kritikf\u00e4higkeit neu lernen. Dazu geh\u00f6ren Lernwille und Lernbereitschaft und die Aufgabe von Bequemlichkeit als h\u00f6chste Selbstverwirklichung. Der Weg in eine bessere Medienwelt ist gangbar, wenn wir sie aktiv gestalten \u2013 und uns auf unsere St\u00e4rken in Europa und in Deutschland besinnen. Mit diesem Buch gebe ich Denkanst\u00f6\u00dfe und zeige, wie dieser Weg gelingen kann.<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p><b>Was uns droht \u2026 ein Szenario, wie es sein k\u00f6nnte<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Die Internetkonzerne sind auf dem besten Weg, \u00fcber all die Informationen, die sich im Netz finden, unser Denken, Leben und Erleben der Realit\u00e4t zu kontrollieren. Traditionelle Medienunternehmen haben den Kraken nichts mehr entgegenzusetzen \u2013 und in Zukunft wird ihr Einfluss beinahe vollst\u00e4ndig schwinden, sollten wir diese Entwicklung nicht aufhalten. Im Moment deutet wenig darauf hin, dass Politiker, Medienwissenschaftler oder andere Vordenker das Problem in Angriff nehmen. Im Gegenteil: Noch immer sind die meisten so fasziniert von den M\u00f6glichkeiten, die das Internet bietet, dass m\u00f6gliche Gefahren \u2013 so diese \u00fcberhaupt als solche erkannt werden \u2013 kaum eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Wo aber f\u00fchrt das hin?<\/p>\n<p>Schauen wir uns das Leben im Jahr 2025 an. Ein fiktives Szenario, aber kein unrealistisches, denn es werden Trends und Entwicklungen fortgeschrieben, die es heute schon gibt oder die sich deutlich abzeichnen. Anschlie\u00dfend werde ich Wege aufzeigen, die wir einschlagen m\u00fcssen, damit unser Leben, unsere Freiheit, unsere Demokratie weiter lebenswert und umsetzbar bleiben \u2013 denn es droht Gefahr, dass sie das schon in einigen Jahren nicht mehr sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Ein Leben in Unfreiheit<\/b><\/p>\n<p>Lust auf das Treffen am Abend hat Laura kaum. Ihr pers\u00f6nlicher Handy-Assistent hat den Termin f\u00fcr sie best\u00e4tigt, weil das Gros ihrer Freunde ebenfalls zu dem Konzert geht. Es stimmt schon, unter normalen Umst\u00e4nden h\u00e4tte sie sich gefreut, nach einem Tag an der Universit\u00e4t, die Seele baumeln zu lassen. Aber sie hat nun einmal diesen Typen in der Mensa getroffen, der ihr nicht aus dem Kopf geht. Ihr Assistent hat diese neue Verbindung in ihrem Leben nicht beachtet, weil sie im sozialen \u00dcbernetz Facebook noch keinen Kontakt hergestellt hat. F\u00fcr sie ist es noch zu fr\u00fch, sie ist verwirrt. Sie wei\u00df, dass ihr Verhalten gegen die Gesetze verst\u00f6\u00dft. Alle Kontakte aus der wirklichen Welt m\u00fcssen umgehend registriert werden. Sie h\u00e4tte dazu nur ihren mobilen Assistenten an den des Typen halten m\u00fcssen \u2013 aber manchmal ist sie hoffnungslos romantisch und ziemlich altmodisch. Absagen kann sie unm\u00f6glich. Was w\u00fcrden ihre Freunde von ihr denken? Sie erinnert sich noch mit Schrecken an ihre Pubert\u00e4t, als die Funktionen bei Facebook noch nicht so ausgereift waren wie heute, als das System Fehler hatte und noch nicht mit staatlichen \u00dcberwachungssystemen verkn\u00fcpft war.<\/p>\n<p>Mehr als einmal war sie auf Terminen, bei denen sie so gut wie niemanden kannte, fehlte daf\u00fcr bei Treffen ihrer Freundinnen. Wie peinlich. Au\u00dferdem w\u00fcrde ein solches Verhalten ihre Bewertung bei Facebook nach unten treiben \u2013 und das k\u00f6nnte so kurz vor dem Examen ihre Jobchancen deutlich mindern. Dann w\u00e4ren die Spendenaktionen der vergangenen Wochen, der Besuch im Altenheim und das Babysitten des anstrengenden Nachbarkinds wom\u00f6glich f\u00fcr die Katz gewesen. Dabei hat sie f\u00fcr diesen Einsatz deutlich mehr und vor allem bessere Reviews bekommen, als sie in ihren k\u00fchnsten Tr\u00e4umen erwartet h\u00e4tte. Ihre m\u00f6glichen Arbeitgeber k\u00f6nnen diese Bewertungen, die denen fr\u00fcher Produktbewertungen bei Amazon \u00e4hneln, direkt online abrufen. Manche machen sich nicht die M\u00fche, jede einzelne Kritik zu lesen. Automatisiert werden Leute ausgeladen, deren durchschnittliche Punktzahl unter einer gewissen Schwelle f\u00fcr Bewerbungen liegt.<\/p>\n<p>Die Absage eines eigentlich geplanten Abend-Events w\u00fcrde ein deutliches Minus bei ihren sozialen F\u00e4higkeiten nach sich ziehen. Das geht nun gar nicht. Es f\u00fchrt wohl kein Weg dran vorbei, ihre Freunde am Abend zu treffen \u2013 und auch ihren Freund, mit dem in letzter Zeit sowieso kaum noch etwas l\u00e4uft. Noch so eine Facebook-Leiche in ihrem Leben. Vielleicht sieht sie die Zufallsbekanntschaft vom Mittagessen ja auch?<\/p>\n<p>Aber nein, er ist mit seinen Kumpels im Stadion. Das hat sie \u00fcber eine verdeckte Anfrage herausgefunden. Sie wei\u00df, dass das illegal ist, seit Klarnamen-Zwang im Netz herrscht und es eine eindeutig zuordenbare ID f\u00fcr jeden Nutzer gibt. Aber normalerweise sollte niemand ihren kleinen Kniff entdecken. Im Stadion findet abends ein Wettstreit statt, bei dem der gewinnt, der sich am besten in der neuen popul\u00e4ren Soap auf Youtube auskennt \u2013 und der anschlie\u00dfend seine sportlichen F\u00e4higkeiten beweist. Nach dem Wissenstest findet ein 5-Kilometer-Lauf statt, dann als H\u00f6hepunkt der Veranstaltung ein Schaukampf der beiden Besten. Sie w\u00e4re gern zu diesem Spektakel gegangen, dazu hat sie im Facebook-Assistenten aber wohl die falschen Parameter eingestellt bekommen. Ihre Eltern legten Wert darauf, dass die Tochter kulturell einiges mit auf den Weg bekommt.<\/p>\n<p>Dabei werden die am Abend sowieso zu Hause bleiben, wie so oft in letzter Zeit. Der Vater wird sich eine Aufzeichnung eines Fu\u00dfballspiels anschauen, das es nur als Aufzeichnung gibt. Er darf mitvoten, ob der Trainer des Teams gefeuert wird \u2013 oder ein Spieler des Teams live aus- oder eingewechselt werden soll. Alle treffen sich im virtuellen Vip-Raum \u00fcber Videostreaming mit ihren jeweiligen Avataren und k\u00f6nnen sich so von zu Hause eine Flasche Bier g\u00f6nnen, Spa\u00df haben \u2013 und keiner muss so sp\u00e4t am Abend noch raus. Das gemeinsame Erlebnis und die Top-Datenbanken mit Hintergrundinfos versprechen dem fu\u00dfballverr\u00fcckten Dad ein Top-Ereignis.<\/p>\n<p>Ausfl\u00fcge nach Anbruch der Dunkelheit k\u00f6nnen in j\u00fcngster Zeit ziemlich gef\u00e4hrlich werden. Immer \u00f6fter ist auf den Hauptnachrichtenseiten der \u00f6ffentlich-rechtlichen im Netz die Rede von \u00dcberf\u00e4llen und \u00dcbergriffen und dies, obwohl die besseren Wohnviertel l\u00e4ngst mit elektronischem \u00dcberwachungssystemen, Online-Videosystemen und virtuellen Hilfspolizisten ausgestattet sind. Aber mit der langen Rezession infolge der beiden Finanzkrisen und Staatskrisen und der anschlie\u00dfenden Deflation vor nun beinahe anderthalb Jahrzehnten hat sich auch die Sicherheitslage dramatisch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Zwar gibt es ein B\u00fcrgergeld f\u00fcr alle, um die sozialen Unruhen einzugrenzen, doch der Bezug ist an strikte Vorgaben gebunden. Ohne Konto bei Facebook flie\u00dft kein Geld, sonst k\u00f6nnte ja wirklich jeder daherkommen. Die Beh\u00f6rden nutzen die Daten, um Missbrauch zu verhindern. Beim sozialen Netz sind inzwischen Bewegungsprofile aller Nutzer hinterlegt. Die Gesichtserkennung, die im Jahr 2011 bei Facebook zum ersten Mal eingesetzt wurde, ist weiterentwickelt und von offizieller Seite mit den Daten aus \u00dcberwachungskameras, die es ja schon fr\u00fcher auf vielen \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen oder in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und Bahnen gab, verbunden worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der \u00dcberwachungsmoloch<\/strong><\/p>\n<p>Herausgekommen ist ein \u00dcberwachungsmoloch, unterst\u00fctzt vom inzwischen weltweit gr\u00f6\u00dften Unternehmen, von dem beide Seiten profitieren. Die Beh\u00f6rden haben ein l\u00fcckenloses System geschaffen, mit dem sie Unruhen verhindern k\u00f6nnen. Einsatzkr\u00e4fte k\u00f6nnen bereits vor Ort sein, wenn Zusammenrottungen erst im Entstehen sind. Fr\u00fcher lie\u00dfen sich soziale Netze vielleicht f\u00fcr die spontane Organisation von Demonstrationen gebrauchen, inzwischen ersticken die Internetportale den Protest im Keim.<\/p>\n<p>Facebook hat nat\u00fcrlich einer solchen Kooperation zugestimmt. Mehr als einmal dr\u00e4ngte der US-Konzern darauf, die Datenschutzvorschriften doch etwas zu lockern. Die Politik nickt solche W\u00fcnsche nun nur noch ab. Die Macht nutzt der Konzern auch, um Rivalen klein zu halten. Google spielt kaum noch eine Rolle im Netz. Die Werbegelder, die zum Suchmaschinenprimus von einst flossen, gehen nun an Facebook. Dort lassen sich Anzeigen einfach besser auf die Klientel zuschneiden. Facebook hat eben die qualifizierteren Daten einer Person und ihrer Sozialbeziehungen gespeichert und nutzbar gemacht. Das Suchgesch\u00e4ft, von dem Google lebt, bringt nur noch eine kleine Marge und liefert Facebook nur noch fehlende Daten. Denn Empfehlungen von Freunden, automatisiert \u00fcber pers\u00f6nliche Assistenten, schaffen einfach den besseren \u00dcberblick im Leben, das haben mehr und mehr Surfer erkannt. Ohne sein Filmportal w\u00e4re Google l\u00e4ngst bedeutungslos geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>TV-Gesichter als Volksvertreter<\/strong><\/p>\n<p>Seit der Mega-Koalition, die von links au\u00dfen bis rechts au\u00dfen alle Parteien umfasst, ist das Land kaum noch handlungsf\u00e4hig. An der Spitze stehen bekannte Gesichter aus dem Fernsehen, seit neuestem ein Star aus einem Youtube-Video. Ihn kannte Laura, seiner Stimme vertraut sie, auch wenn laut einer Umfrage nicht einmal jeder achte Deutsche sagen konnte, f\u00fcr welches Programm und welche Aussagen der Regierungschef stand. Solche Details haben \u00fcber die Jahre mehr und mehr an Bedeutung verloren, auch f\u00fcr Laura. Es z\u00e4hlt die Bekanntheit und ein makelloses Auftreten. Zur Wahl sind ohnehin nur noch die aufgerufen, die Arbeit haben und einen Beitrag zur Wirtschaftskraft des Landes leisten. Die W\u00e4hlerbeteiligung hatte 2021 einen historischen Tiefpunkt erreicht, nicht einmal jeder Zehnte nahm noch an den Abstimmungen \u00fcber die \u201eVolksvertreter\u201c teil.<\/p>\n<p>Deshalb machte man sich Gedanken \u00fcber ein neues System, in dem dann nur die entscheiden sollten, die dem Land wirklich etwas nutzten. Auf Grundwerte wie Br\u00fcderlichkeit, Freiheit oder Gleichheit wurde ja zuvor schon kaum noch Wert gelegt. Laura allerdings ist das alles ziemlich gleich. Sie darf noch nicht w\u00e4hlen, vielleicht wird sie es nie d\u00fcrfen. Es ist mehr als ungewiss, ob sie nach dem Studium eine Festanstellung ergattern kann. Seit die Asiaten beinahe die komplette Industrieproduktion des Globus beherrschen, sind f\u00fcr Deutsche nur noch wenige Spitzenjobs aber sehr viele Handlangert\u00e4tigkeiten geblieben. Viele von Lauras Freunden sind schon ausgewandert und suchen ihr Gl\u00fcck im Fernen Osten.<\/p>\n<p>Ihr Gro\u00dfvater hat zwar Unterst\u00fctzung zugesagt \u2013 der kann ihr allerdings gestohlen bleiben. Seine Generation tr\u00e4gt schlie\u00dflich die Hauptverantwortung an der ganzen Misere. Mit Milliarden, ach was, Billionen wurden marode Banken und L\u00e4nder gest\u00fctzt. Wer die gr\u00f6\u00dfte Lobby hatte, erhielt das meiste Geld. Die Schulden wurden auf die Schultern der n\u00e4chsten Generation gehievt, ohne sie nach Zustimmung zu fragen. Hauptsache, f\u00fcr den Moment herrschte wieder Ruhe und das Gef\u00fchl von Wohlstand. Inzwischen freut Laura sich sogar auf das Konzert. Es wird sie aus ihren tr\u00fcbsinnigen Gedankten holen. Und vielleicht wird sie anschlie\u00dfend noch offiziell Kontakt zu dem Typen aus der Mensa aufnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Nur gemeinsam k\u00f6nnen wir gegensteuern<\/b><\/p>\n<p>Wie gef\u00e4llt Ihnen diese Zukunft? Nat\u00fcrlich ist das skizzierte Szenario drastisch. Es zeichnet den schlimmsten Fall nach \u2013 aber es ist keinesfalls unrealistisch. M\u00f6chten Sie so leben, in einem \u00dcberwachungsstaat, in der Technik unser Leben bestimmt, in dem Freiheit nur noch darin besteht, unsere Form der Unterhaltung, der Verflachung, w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen \u2013 und selbst das nur in enggesteckten Grenzen? Es ist eine Zeit, in der kein echter Diskurs mehr stattfindet, in der von Leuten, die nach Macht oder Gewinn streben, die nie nach unserem Wohl fragen,\u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg entschieden wird.Keine Rolle mehr scheinen Werte wie Freiheit, Br\u00fcderlichkeit, Gleichheit zu spielen, die sich unsere Vorfahren teils unter Einsatz ihres eigenen Lebens erstritten haben. Wir gehen so selbstverst\u00e4ndlich mit diesen Grundwerten um, weil die allermeisten von uns Zeiten, in denen es anders war, nur noch von Erz\u00e4hlungen kennen.<\/p>\n<p>Der Feind kommt l\u00e4ngst nicht mehr von au\u00dfen. Er ist mitten unter uns. Wir haben US-Konzerne wie Facebook oder Google bereitwillig in unser Land gelassen. Wir haben unseren Unternehmen einen engen gesetzlichen Rahmen vorgeben und die Eindringlinge viel zu lange gew\u00e4hren lassen. Jetzt schon gibt es mit Siri von Apple einen pers\u00f6nlichen digitalen Assistenten, der versucht, uns unsere W\u00fcnsche von den Lippen abzulesen. Wie weit ist es da noch zu einem kleinen elektronischen Helfer, der nicht nur das tut, was wir gerade wollen, sondern das, was wir wollen k\u00f6nnten? \u00a0Das kann nat\u00fcrlich eine Erleichterung sein. Von Ambient Assisted Living ist die Rede, wenn \u00e4lteren Menschen ein eigenst\u00e4ndiges Leben in den eigenen vier W\u00e4nden erm\u00f6glicht werden soll. Ihnen helfen Roboter und \u00fcbernehmen allt\u00e4gliche Aufgaben, medizinische Fr\u00fchwarnsysteme schlagen Alarm, bevor Schlaganfall oder Herzinfarkt zur Gefahr werden.<\/p>\n<p>Solche Zukunftsprognosen, die uns von Forschern, vor allem aber Unternehmen, immer wieder in sch\u00f6nsten Farben gemalt werden, haben aber auch eine andere Seite: Was uns hilft, kann bei einer zuf\u00e4lligen oder vielleicht sogar gewollten Fehlfunktion schnell unser Leben gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Facebook als Gedankenleser<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"Online-Magazin Carta Matthias Schwenk\" href=\"http:\/\/carta.info\/36951\/soziale-netze-neuronale-netze-und-das-zeitalter-der-transparenz\/\" target=\"_blank\">Matthias Schwenk, Mitherausgeber des Online-Magazins Carta, malt ein noch erschreckenderes Bild<\/a>\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/carta.info\/36951\/soziale-netze-neuronale-netze-und-das-zeitalter-der-transparenz\/\" target=\"_blank\">http:\/\/carta.info\/36951\/soziale-netze-neuronale-netze-und-das-zeitalter-der-transparenz\/<\/a> : \u201eWenn sich Emotionen erst einmal eindeutig messen lassen und den Messwerten typische Verhaltensmuster im Umgang mit Social Software zugeordnet werden k\u00f6nnen, werden die Anbieter von Social Networks auf die jeweilige Stimmungslage ihrer User schlie\u00dfen und diesen Umstand f\u00fcr inhaltliche Konzepte einerseits und werblich-kommerzielle Angebote andererseits nutzen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Facebook als Gedankenleser, das ist ein Horror-Szenario. Es sind vor allem die beiden Webkraken Google und Facebook, von denen momentan die geschilderte Bedrohung ausgeht. Und sie k\u00e4mpfen um mehr. Jeder von ihnen will die umfassende Macht. Der Zweikampf zwischen Facebook und Google ist bereits real. Es geht vor allem um Fachkr\u00e4fte, um die sich beide Webkraken heute streiten. Morgen sind es vielleicht die Datenbest\u00e4nde, die das \u00dcberleben des einen oder des anderen sichern. Dass beide Internetkonzerne gleichrangig nebeneinander \u00fcberleben, scheint eher unwahrscheinlich. Die Webgeschichte zeigt, dass sich in einem Feld in der Regel nur ein Starker durchsetzt, Bislang schaut alles so aus, als w\u00fcrde Facebook der Sieger. Sollte man sich dar\u00fcber freuen? Das ist wohl wie die Frage, ob nun der Teufel oder der Beelzebub besser sei.<\/p>\n<p>Bewertungen von Menschen, die reales und virtuelles Leben miteinander verkn\u00fcpfen sind ebenso wenig wirklichkeitsferne Vermutung. Schlie\u00dflich gibt es schon heute in Internetforen Bewertungssysteme f\u00fcr die Diskutanten. So l\u00e4sst sich mit einem Blick sehen, wer wertvolle Beitr\u00e4ge liefert, und wer die anderen nur nervt. W\u00e4re ein solches System f\u00fcr die Realit\u00e4t nicht ungeheuer praktisch? Sehnt sich danach nicht jeder Arbeitgeber?<\/p>\n<p>Wir sehen, das gew\u00e4hlte Szenario ist extrem. Aber wir befinden uns bereits auf bestem Weg dorthin. Unsere Gesellschaft muss etwas unternehmen, damit es so weit nicht kommt. Wenn wir morgen noch in Frieden und Freiheit leben wollen, m\u00fcssen wir heute anfangen, den Webkraken Einhalt zu gebieten. Die Ver\u00e4nderungen kommen schleichend. Meine Hoffnung besteht darin, dass eine geistige Bewegung entsteht, die unsere Freiheit bewahrt. Die freie Entscheidung des Menschen ist schlie\u00dflich das einzige, was uns davor bewahrt, von Maschinen dominiert zu werden.<\/p>\n<p>Die Zeit war nie besser, die Gegenbewegung einzul\u00e4uten.<b><br \/>\n<\/b><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong>Frank Meik, Wir klicken uns um Freiheit und Verstand &#8211; Warum die neuen Medien unsere Demokratie bedrohen, 123 Seiten, gebunden, \u20ac (D) 16,90 \/ sFr. 24.50 \/ \u20ac (A) 17,40, ISBN 978-3-86774-214-6<\/strong><\/p>\n<p><strong><a title=\"Frank Meik Wir klicken uns um Freiheit und Verstand Murmann Verlag\" href=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/buch\/wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand\" target=\"_blank\">http:\/\/www.murmann-verlag.de\/buch\/wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Murmann Verlags<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vita Frank Meik:<\/strong>\u00a0 <a title=\"Vita Frank Meik\" href=\"http:\/\/www.mwverlag.com\/cms\/front_content.php?idart=45\" target=\"_blank\">http:\/\/www.mwverlag.com\/cms\/front_content.php?idart=45<\/a><\/p>\n<p><a title=\"Vita Frank Meik\" href=\"http:\/\/www.mwverlag.com\/cms\/front_content.php?idart=45\" target=\"_blank\">\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Frank Meik ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des MW Verlags in M\u00fcnchen, Senator der Welt- Medienorganisation, IFRA und\u00a0 Direktor der Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker-Stiftung &nbsp; Buchauszug Frank Meik: &#8222;Wir klicken uns um Freiheit und Verstand&#8220; &nbsp; Wie sehr die Webkraken unsere Freiheit &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2013\/05\/07\/buchauszug-frank-meik-wir-klicken-uns-um-freiheit-und-verstand\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1890,2411,2412],"class_list":["post-648766","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-buchauszug","tag-frank-meik","tag-murmann-verlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648766","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=648766"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648766\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=648766"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=648766"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=648766"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}