{"id":646896,"date":"2012-12-14T16:17:19","date_gmt":"2012-12-14T15:17:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=646896"},"modified":"2012-12-14T16:17:19","modified_gmt":"2012-12-14T15:17:19","slug":"das-abc-des-wahnsinns-in-den-unternehmen-leseprobe-von-martin-wehrles-ich-arbeite-immer-noch-in-einem-irrenhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/12\/14\/das-abc-des-wahnsinns-in-den-unternehmen-leseprobe-von-martin-wehrles-ich-arbeite-immer-noch-in-einem-irrenhaus\/","title":{"rendered":"&#8222;Das ABC des Wahnsinns&#8220; in den Unternehmen &#8211; Leseprobe von Martin Wehrles &#8222;Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leseprobe: <\/strong><strong>\u201eABC des Wahnsinns\u201c aus\u00a0Martin Wehrles Buch\u00a0\u00a0&#8222;Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus&#8220;<\/strong><br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Das ABC des Wahnsinns<\/strong><br \/>\nWas muss eine Firma tun, um als Irrenhaus zu gelten? Welches<br \/>\nsind die typischen Dummheiten, die Mitarbeiter in den Irrsinn<br \/>\ntreiben? Dieses Irrenhaus-Alphabet vermittelt Ihnen einen \u00dcberblick,<br \/>\nvon welchen Unternehmen, welchen Macken, welchen<br \/>\nChefs in diesem Buch die Rede sein wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Angeberei:<\/strong> Der h\u00f6chste Lobgesang auf ein Irrenhaus kommt immer<br \/>\naus demselben Mund: vom Irrenhaus selbst. In Stellenausschreibungen<br \/>\nnennt es sich \u00bbexpandierend\u00ab, auch wenn nur noch<br \/>\ndie Schulden wachsen. \u00bbSpannende Aufgaben\u00ab verspricht es, auch<br \/>\nwenn den Bewerber so viel Routine erwartet, dass jedes Schlafmittel<br \/>\ndaneben wie Red Bull wirkt. Und die versprochene \u00bbInnovationsfreude<br \/>\n\u00ab kann sich nur auf eines beziehen: frei erfundene Entlassungsgr\u00fcnde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Besserwisserei<\/strong>: Die erste Lerneinheit, die ein Irrenhaus-Neuling<br \/>\ndurchlaufen muss, ist eine Gehirnw\u00e4sche: Sein Kopf wird von Erfahrungen<br \/>\naus anderen Firmen gereinigt, ein Vollwaschgang, bei<br \/>\ndem der Irrenhaus-Direktor sch\u00e4umt. Auf andere Firmen will er<br \/>\nnicht verwiesen werden; es darf nur eine geben! Die beiden Lieblingsantworten:<br \/>\n\u00bbDas machen wir schon immer so\u00ab oder \u00bbDas funktioniert<br \/>\nbei uns nicht\u00ab. Und wehe, der neue Insasse hakt nach:<br \/>\n\u00bbWoher wissen Sie, dass es nicht funktioniert, ohne es je probiert<br \/>\nzu haben?\u00ab Solche Fragen in der Probezeit wirken sich auf die<br \/>\nDauer des Arbeitsverh\u00e4ltnisses aus wie eine Kreiss\u00e4ge auf die L\u00e4nge<br \/>\neiner leichtsinnigen Hand.<br \/>\n<strong>Chefsache<\/strong>: Wie auf einigen Medikamenten der Warnhinweis steht,<br \/>\nsie d\u00fcrften nicht in die H\u00e4nde von Kindern gelangen, so beschriften<br \/>\nIrrenh\u00e4user wichtige Aufgaben mit dem Warnhinweis \u00bbChef-<br \/>\nsache\u00ab. Die gr\u00f6\u00dften Geh\u00e4lter, die gr\u00f6\u00dften Einzelb\u00fcros und die<br \/>\ngr\u00f6\u00dften Dummheiten bleiben den Chefs vorbehalten. In r\u00fchrender<br \/>\nAhnungslosigkeit, wie Kinder mit einer Spielzeuglok hantieren,<br \/>\nsetzen sie Entscheidungen aufs Gleis (Chefsache eins). Und wenn<br \/>\ndieser Zug dann aus der n\u00e4chsten Kurve fl iegt, br\u00fcllen sie ihre Mitarbeiter<br \/>\nals Schuldige zusammen (Chefsache zwei). Das n\u00e4chste<br \/>\nhalbe Jahr sind sie dann damit besch\u00e4ftigt, ihre hausgemachte<br \/>\nIdiotie als ausgemachte Strategie zu verkaufen (Chef sache drei).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Diplomatensprache<\/strong>: Sagt ein Irrenhaus, wenn es tausend Mitarbeiter<br \/>\nrauswerfen will, dass es tausend Mitarbeiter rauswerfen<br \/>\nwill? Ach was, das hei\u00dft dann: \u00bbRationalisierung unserer \u00fcberalterten<br \/>\nMitarbeiterstruktur\u00ab (B\u00f6rsenkurs steigt!). Sagt ein Irrenhaus,<br \/>\ndass es keine Tarifl \u00f6hne mehr bezahlen, sondern billige Zeitarbeits-<br \/>\nSklaven durch die Hintert\u00fcr ins Unternehmen peitschen<br \/>\nwill? Ach was, das hei\u00dft dann: \u00bbWir gr\u00fcnden eine haus eigene Personal<br \/>\nService GmbH.\u00ab Mitarbeiter werden nicht \u00bbentlassen\u00ab, sondern<br \/>\n\u00bbfreigesetzt\u00ab. Sogar die eigene Pleite kommt noch als \u00bbvo r\u00fcbergehendes<br \/>\nLiquidit\u00e4tsproblem\u00ab daher. Klartext wird niemals<br \/>\ngeredet; denn die Wahrheit t\u00e4te weh!<br \/>\n<strong>Einheitsmeinung<\/strong>: Wie ein Trinker immer Durst hat, hat ein Chef<br \/>\nimmer recht. So besoffen seine Argumente auch klingen m\u00f6gen!<br \/>\nJe hochprozentiger die Dummheit seiner Aussagen, desto lieber<br \/>\nschlie\u00dft er sie mit dem Satz: \u00bbDazu kann es keine zwei Meinungen<br \/>\ngeben!\u00ab Wer dennoch abweichende Meinungen vertritt, etwa<br \/>\nzwei mal zwei ergebe in der Gewinnprognose vier (und nicht 40,<br \/>\nwie vom Direktor behauptet), der macht sich in Tateinheit mehrerer<br \/>\nDelikte schuldig: Majest\u00e4tsbeleidigung, Befehlsverweigerung,<br \/>\nDenkverbots-\u00dcberschreitung. Die K\u00f6pfe der Irrenhaus-<br \/>\nMitarbeiter sollen wie Rundfunkempf\u00e4nger in einem totalit\u00e4ren<br \/>\nStaat sein: Sie haben alle dasselbe zu empfangen. Wer eigene Ge-<br \/>\ndanken ausstrahlt, schlimmstenfalls vern\u00fcnftige, wird schnell als<br \/>\nFeindsender stillgelegt \u2013 durch Entlassung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Flaschenzug<\/strong>: Irrenh\u00e4user verf\u00fcgen \u00fcber einen starken Selbsterhaltungstrieb.<br \/>\nWie der Vampir das Licht meidet, so meiden sie die<br \/>\nVernunft. Aber wie verhindert man, dass ein Vern\u00fcnftiger in die<br \/>\nIrrenhaus-Direktion aufsteigt? Mit dem Flaschenzug. Sobald ein<br \/>\nIrrer bef\u00f6rdert ist, zieht er andere Irre nach oben, bevorzugt noch<br \/>\ngr\u00f6\u00dfere Dummk\u00f6pfe als sich selbst. Sie dienen ihm als Kontrastmittel<br \/>\nund lassen seine relative Intelligenz aufscheinen wie die<br \/>\nNacht ein Streichholz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfraumb\u00fcro<\/strong>: Alles, was die Arbeit behindert, steht in Irrenh\u00e4usern<br \/>\nhoch im Kurs. An erster Stelle: das Gro\u00dfraumb\u00fcro. Die<br \/>\nMitarbeiter werden wie eine Tierherde zusammengepfercht. Als<br \/>\nWachhunde dienen direktorentreue Insassen, die sofort anschlagen,<br \/>\nwenn jemand rechtzeitig in den Feierabend aufbrechen, ein<br \/>\nprivates Telefonat f\u00fchren oder schlecht \u00fcber die Irrenhaus-Direktion<br \/>\nreden will. Ein Gro\u00dfraumb\u00fcro ist ein Treibhaus f\u00fcr Ideen,<br \/>\netwa wie man dem Sitznachbarn, der immer ins Telefon br\u00fcllt,<br \/>\nseine Stimmb\u00e4nder verknoten k\u00f6nnte. Niemand lenkt hier mehr<br \/>\ndie Arbeit \u2013 alle lenken sich von der Arbeit ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Husten<\/strong>: Ein absichtsvolles Ger\u00e4usch, das Mitarbeiter von sich geben,<br \/>\nwenn sie am n\u00e4chsten Tag eine Krankmeldung einreichen<br \/>\nund sich einen sch\u00f6nen Tag machen wollen. Aus Direktoren-<br \/>\nSicht leiden Mitarbeiter ohnehin nur an einer Krankheit: dem<br \/>\nSchwindelanfall, der einer (gelogenen) Krankmeldung vorangeht.<br \/>\nAls Kranker anerkannt wird nur, wer mindestens an einer Beatmungsmaschine<br \/>\nh\u00e4ngt oder eine amtliche Sterbeurkunde vorlegen<br \/>\nkann. Das Wort \u00bbBurnout\u00ab wird in Irrenh\u00e4usern \u00fcbersetzt<br \/>\nmit: \u00bbFeuer ihn raus, er will nicht arbeiten!\u00ab<br \/>\n<strong>Interna<\/strong>: Als Willkommensgru\u00df schieben Irrenh\u00e4user dem Neuling<br \/>\neinen Knebel in den Mund. \u00c4hnlich wie bei der Mafi a wird er<br \/>\nzu absolutem Schweigen \u00fcber sein Gehalt und das Gesch\u00e4ftsmodell<br \/>\nverpfl ichtet. Eine \u00bbWettbewerbsklausel\u00ab soll ihn bis zur<br \/>\nn\u00e4chsten Eiszeit (die angesichts des Betriebsklimas nicht allzu<br \/>\nfern ist!) an die Firma fesseln. Und alles, was er bei der Arbeit<br \/>\nsieht, darf er nicht gesehen haben.<br \/>\nAls Interna gelten vor allem: die wahren Gesch\u00e4ftszahlen (die<br \/>\nimmer zwei Etagen tiefer wohnen als die ver\u00f6ffentlichten), die<br \/>\nAusraster der F\u00fchrungskr\u00e4fte (weil sie f\u00fcr Amnesty International<br \/>\ninteressant w\u00e4ren) und die strategischen \u00dcberlegungen des Managements,<br \/>\ndie sich mit Abstand am leichtesten verschweigen lassen:<br \/>\nEs gibt sie nicht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ja-Wort<\/strong>: Das Ja-Wort hat in Irrenh\u00e4usern eine doppelte Bedeutung.<br \/>\nZum einen will sogar die h\u00e4sslichste Firma vom Bewerber<br \/>\nwie eine h\u00fcbsche Braut umworben sein. Er hat sich vor ihr im<br \/>\nVorstellungsgespr\u00e4ch auf die Knie zu werfen (\u00bbWarum sollen wir<br \/>\ngerade Sie einstellen?\u00ab), ihr seine Liebe zu erkl\u00e4ren (\u00bbWas reizt Sie<br \/>\nan unserer Firma?\u00ab) und jeden Fu\u00dftritt, den man ihm per Stressfrage<br \/>\nverpasst (\u00bbWelche schlechten Eigenschaften w\u00fcrde Ihnen<br \/>\nIhr letzter Chef nachsagen?\u00ab), mit einer unverd\u00e4chtigen Antwort<br \/>\nzu kontern.<br \/>\nEbenso bedeutend ist das Ja-Wort im Alltag, denn es gilt als<br \/>\neinzige richtige Antwort auf Fragen des Managements. \u00bbIst der<br \/>\nProjekttermin einzuhalten?\u00ab \u2013 \u00bbJa!\u00ab \u00bbSind Sie mit meiner Entscheidung<br \/>\neinverstanden?\u00ab \u2013 \u00bbJa!\u00ab Doch Achtung: Sollte der Irrenhaus-<br \/>\nDirektor einmal fragen, \u00bbHaben Sie eine bessere Idee als<br \/>\nich?\u00ab, lautet die einzige lebenserhaltende Antwort: \u00bbNein!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kommunikation<\/strong>: Wer reden nicht will, aber schweigen nicht<br \/>\nkann, der \u00bbkommuniziert\u00ab. Am liebsten per E-Mail, damit genug<br \/>\nRaum f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse bleibt und m\u00f6glichst viele Unbeteiligte<br \/>\nper CC mit ins Ungl\u00fcck gerissen werden k\u00f6nnen. Das Wort<br \/>\n\u00bbMail\u00ab kommt von \u00bbM\u00fcll\u00ab, und Irrenhaus-Mails sind oft Giftm\u00fcll.<br \/>\nLeiharbeiter: Stamm-Insassen reagieren oft unsportlich, zum<br \/>\nBeispiel mit K\u00fcndigungsschutzklagen, wenn das Irrenhaus sie aus<br \/>\neiner Laune heraus feuert. Dagegen ist der Leiharbeiter wie ein<br \/>\nH\u00fctchen beim Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht-Spiel: f\u00fcrs Rauswerfen<br \/>\nbestimmt. Zwei Gelegenheiten bieten sich an, um ihn aus dem<br \/>\nSpiel zu kegeln: wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat.<br \/>\nOder wenn er \u2013 dieser faule Hund! \u2013 sie nicht getan hat (nat\u00fcrlich<br \/>\nwurde er nie eingelernt \u2026). Damit ihn dieses Schicksal nicht<br \/>\n\u00fcberrascht, versetzt man ihm schon vorher einmal pro Monat einen<br \/>\nSchock \u2013 per Gehaltszettel!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Meeting<\/strong>: Was tut ein ratloser Irrenhaus-Insasse, um ein Problem<br \/>\nzu l\u00f6sen? Er trommelt elf weitere Insassen zu einem Meeting zusammen.<br \/>\nDamit hat er die Ratlosigkeit verzw\u00f6lffacht, aber das<br \/>\nProblem nicht gel\u00f6st. Wer aus dem Meeting geht, hat zwar keine<br \/>\nSorge weniger als zuvor, aber ein Dutzend Feinde mehr. Sch\u00e4tzungsweise<br \/>\ndie H\u00e4lfte aller Mordpl\u00e4ne werden in Meetings geschmiedet.<br \/>\nDie andere H\u00e4lfte in den f\u00fcnf Minuten danach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nein<\/strong>: Die einzige Vokabel, die ein Irrenhaus-Direktor ben\u00f6tigt,<br \/>\num mit seinen Mitarbeitern zu reden. Sie ist die passende Antwort<br \/>\nauf alle W\u00fcnsche des Mitarbeiters \u2013 ob er mehr Gehalt, eine<br \/>\nBe f\u00f6rderung oder einen neuen Bleistift will. Der unerfahrene<br \/>\nDirek tor wartet ab, was der Mitarbeiter zu sagen hat, und schleudert<br \/>\nihm sein \u00bbNein\u00ab dann entgegen. Der erfahrene Direktor dagegen<br \/>\nagiert wie ein Westernheld beim Duell: Ehe der Mitarbeiter<br \/>\nden Mund aufmachen und einen Wunsch \u00e4u\u00dfern kann, zieht er<br \/>\nschon seine Waffe und sagt vorauseilend: \u00bbDie Antwort lautet:<br \/>\nNEIN!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Oberboss<\/strong>: Jeder Irrenhaus-Direktor hat noch einen Direktor<br \/>\n\u00fcber sich, einen Oberboss. Der IQ (Irrsinns-Quotient) steigt mit<br \/>\nder H\u00f6he der Hierarchie, was aber nicht bedeutet, dass der Fisch<br \/>\nvom Kopf her stinkt; die Oberbosse zeichnen sich vor allem durch<br \/>\nKopfl osigkeit aus. Erfolgreiche Manager erkennt man daran, dass<br \/>\nsie die Strategie des Unternehmens \u00f6fter als ihre Socken wechseln.<br \/>\nIhre Mitarbeiter treiben sie auf die Palme und den Aktienkurs auf<br \/>\nTeufel komm raus in die H\u00f6he. Leider kommt der Teufel meist<br \/>\nviel zu schnell raus und der Kurs saust viel zu schnell runter!<br \/>\nIhr Hobby ist das Fusionieren. Wenn sie gerade nicht fusionieren<br \/>\n\u2013 was selten der Fall ist \u2013, begr\u00fcnen sie verbrannte Fusionserde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prozesse<\/strong>: F\u00fcr alles, was \u00fcbers Spitzen eines Bleistiftes hinausgeht,<br \/>\nschreiben Konzern-Irrenh\u00e4user standardisierte Prozesse vor. Wer<br \/>\neinen Prozess durchl\u00e4uft, kann sich eine Fahrt in der Geisterbahn<br \/>\nsparen \u2013 so unheimlich ist das. Die Formulare sind l\u00e4nger als die<br \/>\nArbeitstage. Kein Mensch blickt durch. Aber wehe, der Insasse<br \/>\nsetzt ein Kreuz an der falschen Stelle! Dann steht bald ein Kreuz<br \/>\nhinter seinem Namen: Er ist f\u00fcr das Prozesssystem gestorben. Der<br \/>\nMeeting-Raum? Verweigert. Die Dienstreise? Abgelehnt. Die<br \/>\nDrucker-Patrone? Keine Chance. Bleibt nur: Bleistifte spitzen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Quartalszahlen<\/strong>: Das Denken eines Irrenhaus-Direktors reicht<br \/>\nimmer nur bis zu den n\u00e4chsten Quartalszahlen. Wie ein Affe im<br \/>\nBaum von Ast zu Ast, so hangelt er sich von Quartal zu Quartal.<br \/>\nAlle Einnahmen werden mit Gewalt nach vorne gezogen, alle Ausgaben<br \/>\nnach hinten verschoben. Bis die \u00c4ste seiner L\u00fcgen, an die er<br \/>\nsich klammert, immer br\u00fcchiger werden. Genau eine Sekunde,<br \/>\nbevor er abst\u00fcrzen w\u00fcrde, darf er das Unternehmen mit einem<br \/>\ngoldenen Handschlag verlassen (weil Abst\u00fcrze schlecht f\u00fcr die<br \/>\nB\u00f6rse sind). Mindestens f\u00fcnf Buchhalter werden als Bauernopfer<br \/>\nentlassen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Restrukturierung<\/strong>: Wenn eine Dummheit, die begangen wurde,<br \/>\ndurch eine noch gr\u00f6\u00dfere Dummheit ersetzt wird, spricht man von<br \/>\neiner Restrukturierung. Alles, was den Mitarbeitern bislang als<br \/>\nWeisheit gepredigt wurde, gilt jetzt als falsch. Die alten Manager<br \/>\nreden neuen Bl\u00f6dsinn, dessen Halbwertszeit gegen null tendiert.<br \/>\nRestrukturierungen f\u00fchren so lange zu weiteren Restrukturierungen,<br \/>\nbis Reanimierungen f\u00fcr die Firma n\u00f6tig werden. Diese \u00fcberl\u00e4sst<br \/>\nman zur Sicherheit dem Insolvenzverwalter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sparen<\/strong>: Mit M\u00e4rkten, mit Kunden, mit Zukunftschancen verschwendet<br \/>\nein Irrenhaus keine Sekunde. Hauptberuflich betreibt<br \/>\nes ein anderes Gesch\u00e4ft: das Sparen. Der Reiseetat schrumpft auf<br \/>\neine Gr\u00f6\u00dfe, die nicht mal f\u00fcr ein S-Bahn-Ticket reicht (Kundenbesuche<br \/>\nade!). Schreibtischlampen werden als verschwenderischer<br \/>\nLuxus enttarnt und in der Asservatenkammer eingelagert.<br \/>\nUnd Mitarbeiter-Planstellen sterben in einer solchen Geschwindigkeit<br \/>\naus, dass sie von Artensch\u00fctzern auf die rote Liste gesetzt<br \/>\nwerden. Erst wenn der letzte Kr\u00fcmel Gehirn weggespart wurde,<br \/>\ndarf ein Sparvorgang als vollendet gelten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tunnelblick<\/strong>: Ein Irrenhaus-Direktor sieht, was er sehen will. Am<br \/>\nliebsten: Fehler seiner Mitarbeiter. Wer jahrelang fehlerfreie Arbeit<br \/>\nliefert, h\u00f6rt nie ein Lob. Aber sobald der Anschein entsteht, er<br \/>\nk\u00f6nne einen Fehler begangen haben, st\u00fcrzt sich der Irrenhaus-<br \/>\nDirektor wie ein hungriger Tiger auf ihn. Ein Fehler liegt immer<br \/>\ndann vor, wenn ein Mitarbeiter das Falsche getan hat. Die Frage,<br \/>\nwer in aller (Manager-)Welt ihn zu diesem Bl\u00f6dsinn angestiftet<br \/>\nhat, wird vorsichthalber nicht gekl\u00e4rt!<br \/>\n<strong>Unternehmensberater<\/strong>: Was der Papst f\u00fcr die Kirche ist, ist der<br \/>\nUnternehmensberater f\u00fcr einen Irrenhaus-Direktor: die Unfehlbarkeit<br \/>\nin Person. Alles, was Mitarbeiter nach 20 Jahren noch<br \/>\nnicht wissen, wei\u00df der Junge im Konfirmandenanzug, der sich<br \/>\n\u00bbBerater\u00ab nennt, schon nach einem Tag. Wenn der Konfirmand<br \/>\nvorschl\u00fcge, die Kunden zum Mond zu schie\u00dfen, w\u00e4re Cape Canaveral<br \/>\nschon am n\u00e4chsten Tag gebucht. Gl\u00fccklicherweise lassen sie<br \/>\ndie Mitarbeiter meist billiger fl iegen, n\u00e4mlich: rausfl iegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen<\/strong>: Gegen\u00fcber den Insassen nicht vorhanden. Jeder Mitarbeiter<br \/>\nwird so lange als potenzieller Dieb, Blaumacher, Spesenbetr\u00fcger,<br \/>\nChefl \u00e4sterer und Betriebsspion gesehen, bis das Gegenteil<br \/>\nerwiesen ist. Das Gegenteil ist fr\u00fchestens dann erwiesen, wenn<br \/>\nder Mitarbeiter gefeuert ist. Gerne l\u00e4sst man Mitarbeiter von Detektiven<br \/>\nbeschatten, die ihnen \u00bbDelikte\u00ab nachweisen, die f\u00fcr eine<br \/>\nK\u00fcndigung reichen. Zum Beispiel k\u00f6nnte nach der Toilettennutzung<br \/>\nauffallen, dass weniger Klopapier auf der Rolle ist als zuvor.<br \/>\nIn diesem Fall ist von einem Diebstahl auszugehen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Werte<\/strong>: Nat\u00fcrlich gibt es Werte, die in den Irrenh\u00e4usern als heilig<br \/>\ngelten, da w\u00e4ren: der Wert der Immobilien, der Wert des Fuhrparks<br \/>\nund der Wert des Anlageverm\u00f6gens. Alle Werte stehen in<br \/>\nder Bilanz auf der Haben-Seite, Mitarbeiter stehen unter \u00bbSoll\u00ab.<br \/>\nUnd die ideellen Werte, der h\u00f6here Sinn? Darauf reimt sich: h\u00f6herer<br \/>\nGewinn!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zahlengl\u00e4ubigkeit<\/strong>: Was Mitarbeiter sagen, hat nichts zu hei\u00dfen.<br \/>\nAus ihrer Zwergenperspektive sehen sie alles falsch. Je lauter die<br \/>\nMitarbeiter jammern, desto richtiger war eine Entscheidung.<br \/>\nEbenso glaubt der Irrenhaus-Direktor: Wenn die Kunden laufen,<br \/>\ndann laufen sie nicht vor dem neuen Produkt weg (wie von den<br \/>\nMitarbeitern behauptet), sondern rennen der Firma die T\u00fcr ein.<br \/>\nDas meint er so lange, bis ihm die Zahlen in der Bilanz das Gegenteil<br \/>\nbeweisen, also fr\u00fchestens kurz vor der Pleite.<br \/>\nRote Zahlen sind f\u00fcr ihn wie rote Ampeln: Jetzt dr\u00fcckt er auf die<br \/>\nEtatbremse. Diese Bremse ist dort, wo die Mitarbeiter sind. Besser<br \/>\ngesagt: waren!<\/p>\n<p><strong>Der Link zum Buch<\/strong>:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/econ\/buch.php?id=42047&amp;page=suche&amp;auswahl=a&amp;pagenum=1&amp;page=buchaz\">http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/econ\/buch.php?id=42047&amp;page=suche&amp;auswahl=a&amp;pagenum=1&amp;page=buchaz<\/a><\/p>\n<p><strong>Interview mit Martin Wehrle auf thueringer-allgemeine.de<\/strong>:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.thueringer-allgemeine.de\/web\/zgt\/leben\/detail\/-\/specific\/Jede-dritte-Firma-ist-ein-Irrenhaus-auch-in-Thueringen-774128258\">http:\/\/www.thueringer-allgemeine.de\/web\/zgt\/leben\/detail\/-\/specific\/Jede-dritte-Firma-ist-ein-Irrenhaus-auch-in-Thueringen-774128258<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe: \u201eABC des Wahnsinns\u201c aus\u00a0Martin Wehrles Buch\u00a0\u00a0&#8222;Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus&#8220; Das ABC des Wahnsinns Was muss eine Firma tun, um als Irrenhaus zu gelten? 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