{"id":645540,"date":"2012-09-07T10:14:34","date_gmt":"2012-09-07T08:14:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=645540"},"modified":"2012-09-07T10:14:34","modified_gmt":"2012-09-07T08:14:34","slug":"zeigt-her-eure-ugg-boots-buchauszug-aus-christine-kollers-vorsicht-zickenzone-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/09\/07\/zeigt-her-eure-ugg-boots-buchauszug-aus-christine-kollers-vorsicht-zickenzone-2\/","title":{"rendered":"&#8222;Zeigt her Eure Ugg-Boots&#8220; &#8211; Buchauszug aus Christine Kollers &#8222;Vorsicht Zickenzone&#8220; (2)"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Tatort \u00bbSpielplatz\u00ab<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/Cover.zickenzone.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-645560\" title=\"Cover.zickenzone\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/Cover.zickenzone-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/Cover.zickenzone-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/Cover.zickenzone.jpg 434w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Zeigt her Eure \u00bbUgg\u00ab-Boots<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Spielpl\u00e4tzen unserer Republik finden die dollsten Sandkastenschlachten statt. Nur, hier sind es nicht die Kleinen, die sich Eimer und Schaufel um die Ohren hauen. Es sind die M\u00fctter, die sich gegenseitig die H\u00f6lle hei\u00df machen. Hier f\u00fchren \u00bbneurotische Glucken, hochn\u00e4sige Rabenm\u00fctter, \u00fcberengagierte Stillk\u00fche, radikale Rohkostschnipplerinnen, Vollzeitmamas und berufst\u00e4tige M\u00fctter einen Krieg, weil sie sich gegenseitig f\u00fcr das Schlimmste halten, was einem Kind passieren kann\u00ab, schreibt Ildik\u00f3 von K\u00fcrthy.<\/p>\n<p>Die meisten M\u00fctter w\u00fcrden von sich erst mal sagen, dass sie gut mit anderen M\u00fcttern auskommen. Na ja, mit einigen Ausnahmen. \u00dcberall sieht man sie in sch\u00f6nster Eintracht zusammensitzen und die K\u00f6pfe sch\u00fctteln: \u00bbWir sollen Zicken sein? Wir sind doch tolerant und solidarisch. Soll doch jede Mama so leben, wie sie es f\u00fcr richtig h\u00e4lt!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Sand-Manege<\/strong><\/p>\n<p>Wer schon einmal auf einem Spielplatz war, wei\u00df, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Als ich neu nach M\u00fcnchen zog, durfte ich das am eigenen Leib erfahren: Ich \u00f6ffnete das Gatter, betrat die Sand-Manege, suchte nach einer freien Bank und sch\u00fcttete meinem Nachwuchs eine Jute-T\u00fcte voll Plastik-F\u00f6rmchen aus. Und da standen sie, die M\u00fctter. In kleinen Gr\u00fcppchen zusammen gerottet. Auf der einen Seite die hippe M\u00fcnchner Chic, von Kopf bis Fu\u00df in den neuesten Zwirn gewickelt, die Sonnenbrille l\u00e4ssig im Haar und den Pappbecher mit dampfendem \u201eSoja Chai Latte to Go\u201c in der Hand. Sie schienen mit festgetackertem Grinsen zu demonstrieren: Schaut her, auch mit Kind geht alles locker flockig \u2013 w\u00e4re doch gelacht. Stattdessen wurde weniger gelacht und viel eher gewippt, geschaukelt und sich permanent der Sand von der knallengen wei\u00dfen Jeans gewischt. Auf der anderen Seite sah man erst Mal nur riesige Fahrradanh\u00e4nger mit lustigen, meterlangen bunten Fahnen. Dahinter standen riesige Rucks\u00e4cke auf den B\u00e4nken, prall gef\u00fcllt mit kleingeschnipselten Apfelst\u00fcckchen, Demeter-Karottensticks und glutenfreien Reiswaffeln. F\u00fcr die Kinder. Und eine gro\u00dfe T\u00fcte gelantinefreie Gummib\u00e4rchen. F\u00fcr die M\u00fctter neben den Rucks\u00e4cken. Die Nature-Moms waren etwas blass und ungeschminkt, daf\u00fcr mit ihren knallroten Allwetterjacken gegen pl\u00f6tzlich aufkommende Orkanb\u00f6en sintflutartige Regenf\u00e4lle bestens gewappnet. Mittendrin tummelten sich die aktiven Mamis, die ihren genervten Kindern eine Frisbee entgegenschleuderten oder eine Rolle am Reck vorturnten. \u201eSchau mal, Karl-Peter, das habe ich mit 9 Jahren in der Schule gelernt und kann es immer noch!\u201c Und ich mittendrin. Ich suchte mir eine Bank in der Sonne, packte meine Zeitung aus und begann zu lesen. Aber konzentrieren konnte ich mich kaum, mir schlackerten die Ohren vor lauter Spr\u00fcchen: \u201eHaste die gesehen? Wie kann man so einen riesen Kerl noch an die Brust lassen, der ist doch mindestens schon zwei. Ja hat die denn keinen Mann daheim, der das \u00fcbernimmt?\u201c raunte es von rechts. \u201eMeine Herren, jetzt kommt die schon wieder in neuen Schuhen daher gewatschelt. Und wenn gleich der Eiswagen vorf\u00e4hrt, guckt ihre Kleine wieder in die R\u00f6hre und darf nichts. Die steckt ihre ganze Kohle ins Outfit und h\u00e4lt die Kinder kurz, unm\u00f6glich!\u201c Damit war meine Nachbarin gemeint. Sie hat einen eigenen kleinen Schuhladen und nat\u00fcrlich jede Menge unterschiedlicher Modelle zur Verf\u00fcgung. Sie war ja ihr eigenes Werbeplakat. Aber das wussten die Zicken neben mir nat\u00fcrlich nicht und lie\u00dfen ihrem Neid freien Lauf. Dass ihre Tochter eine Milchunvertr\u00e4glichkeit hat und kein Eis essen darf, auch das kam den Zetertanten nicht in den Sinn. Hauptsache Senf absondern. Und gucken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Feldwebel Mama<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00d6ko-Fraktion be\u00e4ugte misstrauisch die Style-Ecke \u2013 und umgekehrt. Hektisch wurden die M\u00fctter, wenn sich pl\u00f6tzlich ein barf\u00fc\u00dfiges Kind in geringeltem Schafswollpulli auf den Spielturm verirrte, der bereits von einer Kinderschar in Mini-Moncler-Jacken besetzt war. Oder wenn ein Style-Kid gnadenlos Ahoi-Brause-Bonbons verteilte, und die kleinen Naturburschen Schlange standen. Unerh\u00f6rt. Ungesund. Dann war Krieg angesagt. Dann wurden die Mamas zu Feldwebeln, pfiffen ihren Nachwuchs zur\u00fcck zum eigenen Lager, auf der Stelle. Auch ich wurde mit Argusaugen von allen Seiten beobachtet: Wo kommt denn die her? Noch nie gesehen. Zu h\u00fcbsch, zu h\u00e4sslich, zu jung \u2013 oder: so alt und noch so kleine Kinder? Kein \u00bbGr\u00fc\u00df dich, hier ist noch ein Platz frei!\u00ab. Die Werte, die sich Eltern f\u00fcr ihre Kinder w\u00fcnschen wie Offenheit, Freundlichkeit, Respekt und Toleranz, die hatten die anderen M\u00fctter an diesem Tag ganz unten in ihren dicken \u00bbFj\u00e4llr\u00e4ven\u00ab-Rucks\u00e4cken oder in ihren cemefarbenen Chlo\u00e9-Bags versteckt. Daf\u00fcr lag Missbilligung ganz oben.<\/p>\n<p>Dann passierte es: Eine Mama aus der Trend-Liga kam in meine Richtung. Ihr Blick schien zu sagen: He, siehts gut aus, bist eine von uns! An diesem Tag kam ich frisch aus der Redaktion direkt auf den Spielplatz \u2013 f\u00fcr meinen Geschmack unpassend f\u00fcr so viel Sand. Anscheinend aber hatte ich mit meinen Klamotten genau den Geschmack der gestylten M\u00fctter getroffen. Da kam sie also in beigen Ugg-Boots und skinny Jeans auf mich zugetrabt. Unter ihrer 300-Euro-Marc Jacobs-Bluse blitzte ein teurer Push-up-BH durch, der mir ins Gesicht schrie: H\u00e4ngebusen nach dem Stillen? Nicht mit mir! Wir plauderten \u00fcber die s\u00fc\u00dfen Kleinen, \u00fcber unser Viertel, das immer mehr Familien anzieht. Ihr gefiel meine knallblaue Chino-Hose. \u201eZara, 29,90 Euro aus dem letzten SSV. Sieht man gar nicht, oder?\u201c Betretenes Schweigen. In dem Moment rutsche mir mein hellgrauer Riesenbeutel von der Schulter und sie starrte entsetzt auf das zerfetzte Innenfutter, dass unter der schweren Last von Trinkflaschen, Semmelt\u00fcten, Feuchtt\u00fcchern, \u00fcberreifen Bananen, Star Wars-Sammelalben, Playmobilm\u00e4nnchen, Bachbl\u00fcten-Rescue-Creme und Kastanien vom letzten Herbst zerrissen war. Das wollte ich ihr gerade erkl\u00e4ren. Aber da stiefelten die Uggs schon davon. In Richtung Modehaufen.<\/p>\n<p>Als ich beim n\u00e4chsten Mal in Jeans, Converse und Sweatshirt auf den Spielplatz kam, sprach mich eine der sportlichen Mamas an in der Hoffnung, f\u00fcr ihre Kinder einen Mitfu\u00dfballer gefunden zu haben und eine Gespr\u00e4chspartnerin f\u00fcr die lauen Spielplatznachmittage. Aber auch da war das Gl\u00fcck nur von kurzer Dauer. Erstens m\u00f6gen meine Jungs keinen Fu\u00dfball. Und zweitens war ich als v\u00f6llig unsportliche Mutter nicht die richtige, um \u00fcber Ski-Wochenenden, Wandertouren oder Reisen mit Zelt und Wohnmobil zu plaudern. Schon war ich aus dem Rennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Job-Mama gegen Nur-Mama<\/strong><\/p>\n<p>Da stand ich also, und wollte doch eigentlich nur \u00fcber den ganz normalen Alltagswahnsinn mit Kindern quatschen. Mit einer Mutter, einer Gleichgesinnten, egal was sie tr\u00e4gt, wo sie ihren Urlaub verbringt oder ob sie zum dritten Mal geschieden ist. Und ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich wieder zur\u00fcckversetzt in meine Teenagerjahre zu Zeiten der alten M\u00e4dchencliquen. Auch damals war es ein Pokerspiel: Geh\u00f6rt man dazu oder nicht? Wird man von den anderen akzeptiert und aufgenommen in die heilige Runde? Wenn Du Mama wirst, geht das ganze Spiel von vorne los. Wieder triffst Du auf eine Cliquenwirtschaft, wieder versuchst Du irgendwo dazuzugeh\u00f6ren, um die nicht enden wollenden Nachmittage auf dem Spielplatz mit jemandem zu teilen. Aber mit wem? Wo passt Du rein? Wer will Dich um sich haben? Wer denkt, Mama ist gleich Mama, hat sich aber gewaltig geschnitten. Da gibt es klare Linien: Ugg-Boots gegen Deichmann-Halbschuhe, Gem\u00fcseauflauf gegen Fertigpizza, Schulmedizin gegen Globuli, dick gegen d\u00fcnn, Job-Mama gegen Nur-Mama. Dazu konstruieren die Medien Bilder von uns neuen M\u00fcttern, immer locker, mit beiden Beinen im Job, obercool, drei Tage nach der Entbindung gertenschlank, beste Freundin, ambitionierte K\u00f6chin, stets verst\u00e4ndnisvoll gegen\u00fcber den Kindern, auch bei einem mit Ketchup verschmierten beigen Ledersofa. Und ich wei\u00df nicht: Wo ist mein Platz hier? Wer bin ich, wer will ich sein? Schon sind wir mittendrin im Schubladendenken. Und ordnen uns munter dazu: Will ich die trendy Latte-Macchiato-Mami sein? Oder die l\u00e4ssige Yo-Mama mit H\u00e4kelm\u00fctze, die keine Regeln kennt? Oder vielleicht die \u00fcberengagierte Elternbeiratsmami? Oder doch lieber die kreative Pippi-Langstrumpf-Mutti? Es gibt ja so viele M\u00f6glichkeiten. V\u00e4tern passiert so etwas nicht. Mein Mann wird wie alle anderen Papas einfach in Ruhe gelassen. Egal, was er macht. Ob er nun arbeitet, oder Elternzeit nimmt, Teilzeit jobbt oder erst um sieben abends das B\u00fcro verl\u00e4sst. Ob er einen Anzug tr\u00e4gt oder schlabbrige Jeans mit Turnschuhen. Auch mein Mann unterh\u00e4lt sich \u00fcber Kinder. Allerdings anders. Pragmatisch. Wie teuer ist euer Kindergartenplatz? Wo habt ihr eure Kinderfrau her? Oder man erz\u00e4hlt sich lustige Anekdoten von Museumsbesuchen und plaudert \u00fcber den letzten Kinobesuch in 3D. Es wird nicht verglichen, geprahlt, gel\u00e4stert, sich beschwert oder gestichelt. Bei V\u00e4tern fragt auch keiner nach, wie sie das mit den Kindern vereinbaren. Sie selber fragen sich das vielleicht manchmal. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Spielplatz: Als eine Freundin von mir aus einer kleinen Stadt nahe Mainz zu Besuch kam, sagte sie: \u00bbIn M\u00fcnchen sind die Mamas auf den Spielpl\u00e4tzen sehr schick angezogen. Bei uns w\u00fcrdest Du das nicht sehen.\u00ab Sie sagte das weder bewertend noch erstaunt. Es war nur eine Feststellung. Aber genau das gelingt vielen nicht. Da wird sofort die Nase ger\u00fcmpft, da werden Verleumdungen angezettelt, da wird getuschelt. Sind wir denn alle noch ganz dicht? Warum lassen wir nicht die Sch\u00f6nen sch\u00f6n sein, die \u00d6kigen nachhaltig und die Berufst\u00e4tigen einfach mal in Ruhe? H\u00f6ren wir auf, uns gegenseitig zu verunsichern oder vor Neid zu zerplatzen. Und lassen wir uns so, wie wir sind: Egal ob retro, cool, sportlich, gem\u00fctlich, crossover, wie von gestern, von morgen, sondern einfach, wie wir selbst!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_645545\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/christine.koller.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-645545\" class=\"size-medium wp-image-645545\" title=\"christine.koller\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/christine.koller-300x240.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/christine.koller-300x240.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/christine.koller.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-645545\" class=\"wp-caption-text\">Christine Koller, Journalistin, Buchautorin und Mutter<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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