{"id":645322,"date":"2012-08-21T17:56:27","date_gmt":"2012-08-21T15:56:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=645322"},"modified":"2013-05-17T14:09:38","modified_gmt":"2013-05-17T12:09:38","slug":"paris-antwortet-nicht-weil-man-beleidigt-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/08\/21\/paris-antwortet-nicht-weil-man-beleidigt-ist\/","title":{"rendered":"Paris antwortet nicht &#8211; weil man beleidigt ist."},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum Deutsche und ihre benachbarten Nationen &#8211; trotz der\u00a0gemeinsamen Business-Sprache Englisch &#8211; sich manchmal so gar nicht verstehen und daran vor allem auch gute Projekte scheitern k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>B\u00fcros sind \u00d6sterreichern nicht nett genug. Ihre Gespr\u00e4chspartner treffen sie lieber in netter, ungezwungener Atmosph\u00e4re eines Kaffeehauses\u201c, erz\u00e4hlt Jungunternehmer Frank Westermann aus Krefeld, der in den vergangenen Jahren vier Jahre in Wien lebte und jetzt zwischen Berlin und Wien pendelt. \u201eMan plaudert \u00fcbers Wetter, Politik und Sport und gleitet irgendwann langsam \u00fcber zum eigentlich Thema des Treffens \u2013 der Schm\u00e4h rennt hei\u00dft es.\u201c Und wenn man es geschafft hat, die pers\u00f6nliche Atmosph\u00e4re zu kreieren, kommt man leichter in der Sache voran. In Wien gr\u00fcndete der 34-J\u00e4hrige mit seinen beiden \u00d6sterreichern Partnern Gerald Stangl und Michael Forisch 2011 das E-Health-Statup MySugr: Es hilft Diabetikern, mit einer App und einem Internet-Portal ihre schwere chronische Krankheit in Griff zu bekommen. Kunden sind Patienten, Krankenkassen und Pharmafirmen.<\/p>\n<div id=\"attachment_648938\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/frankwestermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-648938\" class=\"size-full wp-image-648938\" alt=\"Frank Westermann, Gr\u00fcnder von Mysugr\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/frankwestermann.jpg\" width=\"178\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/frankwestermann.jpg 178w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/08\/frankwestermann-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-648938\" class=\"wp-caption-text\">Frank Westermann, Gr\u00fcnder von Mysugr<\/p><\/div>\n<p>Auch Westermann wurde sich im vergangenen November mit dem MySugr-Investor, dem Business-Angel Johann Hansmann, im Cafe\u00b4 Biedermeier einig. Nachmittags bei mehreren Tassen Melange, dem \u00f6sterreichischen Capuccino. Man verhandelte die Details und einigte sich per Handschlag, das Schriftliche kam sp\u00e4ter. Soweit so typisch. Wiener Kaffeeh\u00e4user sind tats\u00e4chlich tags\u00fcber bev\u00f6lkert von Herren im Anzug &#8211; und nicht nur das legend\u00e4re Cafe\u00b4 Landtmann, dem Treffpunkt der Politiker.<\/p>\n<p>Westermanns Fazit: \u201eAlles ist hier ein St\u00fcck entspannter, der Umgang pers\u00f6nlicher und unverkrampfter \u2013 aber deshalb im Endeffekt nicht weniger ernsthaft.\u201c Nur der Weg dahin ist ein anderer. Das Interessante daran: Es dauert nicht einmal l\u00e4nger, hat der Rheinl\u00e4nder bei seinen Vertragsabschl\u00fcssen mit Unternehmen wie Sanofi-Aventis \u00d6sterreich und A1 Telekom Austria\u00a0 gelernt.<\/p>\n<p>&#8222;Wer im Ausland oder mit Ausl\u00e4ndern arbeitet, sollte sich \u00fcber Befindlichkeiten und Rituale anderer Nationen R\u00fccksicht vorher informieren, um nicht schon im Vorfeld Gesch\u00e4ftschancen zu zerst\u00f6ren,&#8220; r\u00e4t Business-Behaviour-Expertin Gabriele Schlegel, die etwa die Bundesbank-Mitarbeiter trainiert. Zum Beispiel in Asien: Dort werden kleine Geschenke als wichtiger Bestandteil von Gesch\u00e4ftsbeziehungen regelrecht erwartet. Verzichten Deutsche darauf, um nicht der Bestechung verd\u00e4chtig zu werden, reagieren Asiaten schon mal irritiert \u2013 nicht die beste Voraussetzung f\u00fcr einen Vertragsabschluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Franz\u00f6sische Meetings ist die Privatsph\u00e4re keineswegs tabu<\/strong><\/p>\n<p>Auch Franzosen ist der pers\u00f6nliche Kontakt erst mal wichtiger als der Deal. \u201eDer Deutsche f\u00e4ngt im Thema an, der Franzose h\u00f6rt im Thema auf\u201c, beschreibt es Michael Neumann, Managing Partner f\u00fcr Deutschland bei der franz\u00f6sischen Personalberatung Alexander Hughes. Bei franz\u00f6sischen Meetings werde die Agenda erst mal zur Seite geschoben und erst mal geplaudert. Zum Beispiel \u00fcber die Familie, da existiert in den meisten anderen L\u00e4ndern nicht dieselbe Grenze zur Privatsph\u00e4re wie in Deutschland. Dann erst folge ein lockeres Gespr\u00e4ch dar\u00fcber, was f\u00fcr wen wichtig ist und daraus ergibt sich dann beispielsweise eine Liste mit f\u00fcnf Punkten. Die sei dann der Hausaufgabenzettel f\u00fcr die Anw\u00e4lte zum Abarbeiten. Denn die Juristen kommen erst ganz am Ende hinzu, wenn die Vertragspartner schon mal essen gehen, erz\u00e4hlt Neumann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertr\u00e4ge als Diskussionsgrundlage<\/strong><\/p>\n<p>Der Personalprofi \u2013 er sucht Deutsche f\u00fcr Frankreich-Eins\u00e4tze und Franzosen f\u00fcr Deutschland \u2013 vergleicht: Vertr\u00e4ge \u00fcber einen Headhunter-Auftrag in Deutschland umfassen vier bis f\u00fcnf Seiten inklusive Kleingedrucktem. Franzosen kommen dagegen mit ein bis zwei Seiten aus. Denen geht\u00b4s nur darum: Was ist besprochen, was ist das Ziel, wie geht man vor, wie hoch ist das Honorar und wann ist Deadline. Ob es damit schlechter l\u00e4uft? Neumann meint nein, es l\u00e4uft genauso gut wie in Deutschland. Denn Franzosen sehen den Vertrag eher als eine Art Diskussionsgrundlage an. \u201eFranzosen sind viel flexibler. Sie reden mehr miteinander und einigen sich.\u201c Deutsche dagegen pochen auf Vertr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Wegen dieser Flexibilit\u00e4t kommt es zwischen Deutschen und Franzosen oft zu Verst\u00e4ndnisproblemen: Deutsche, die \u201enein\u201c sagen, meinen auch \u201enein\u201c. Franzosen, die \u201enein\u201c sagen, sind weniger rigoros. Neumann: \u201eFranzosen wollen reden und den pers\u00f6nlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht\u201c. Seit er das verstanden hat, fliegt er permanent zu seinen Gesch\u00e4ftspartnern nach Paris oder ruft sie an. \u201eDenn auf Mails reagieren Franzosen nicht so stark\u201c, dr\u00fcckt es Neumann diplomatisch aus.<\/p>\n<p>Neumann wunderte sich beispielsweise schon mal, warum seine Kollegen an der Seine seine Mails ignorierten. Die L\u00f6sung: Er war in ihnen stets direkt zum Thema gekommen und hatte sie damit pers\u00f6nlich ver\u00e4rgert. Denn Sympathie ist Franzosen erst mal wichtigen als ein guter Deal, sagt der Headhunter. Erst wenn diese Ebene stimmt, kann man auf die Fachebene kommen. Deutsche Direktheit m\u00f6gen Franzosen nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sechsmal das Meeting verschieben ist f\u00fcr Franzosen nichts Ungew\u00f6hnliches<\/strong><\/p>\n<p>Umgekehrt werden Deutsche im Umgang mit den Franzosen auch schon mal ungehalten. \u201eSchlie\u00dflich ist nicht jeder ist so flexibel und kann gut damit leben, wenn ein Meeting sechsmal verschoben wird\u201c, wei\u00df Sabine von Anhalt, Partnerin der Personalberatung Amrop Delta. \u201eDenn das kommt bei franz\u00f6sischen Unternehmen durchaus vor.\u201c Die H\u00e4lfte ihrer \u201eAuswahl-Arbeit bei der Kandidatensuche konzentriert sich darauf, ob jemand geeignet ist f\u00fcr die Firmenkultur des Kunden samt landsmannschaftliche Besonderheiten.\u201c Die H\u00e4lfte ihrer Suchaufgabe besteht aus fachlicher Auswahl, die andere H\u00e4lfte dem Abgleich von Firmenkultur mit Kandidaten-Typ.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Deutsche sind gewohnt, dass ihnen Fehler um die Ohren gehauen werden &#8211; Franzosen nicht<\/strong><\/p>\n<p>Denn \u201egrunds\u00e4tzlich stimmen die Klischees \u00fcber Franzosen, die man im Kopf hat\u201c, ist Neumanns Erfahrung. Der Deutsche ist akkurat, ingenieursgetrieben. Er hat das Image, dass er immer alles besser wei\u00df. Sein Vorteil aber ist: Man kann ihn problemlos auf Fehler hinweisen &#8211; ohne dass er es gleich pers\u00f6nlich nimmt. Deutsche sind es aus dem ihrem Unternehmensalltag gew\u00f6hnt, dass selbst im Meeting auch Fehler direkt oder indirekt angesprochen und angegangen werden. Das ist ein absolutes No-Go in Frankreich: Dort wird ein Fehler eines anderen nicht erw\u00e4hnt, &#8211; und wenn, dann allenfalls im Nebensatz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dezente Briten<\/strong><\/p>\n<p>So wie die Briten. Als eine junge Deutsche in London bei einem Medienunternehmen ihr erstes Feedback-Gespr\u00e4ch hatte, dachte sie danach, sie habe einen wirklich guten Job gemacht. Nur hier und da g\u00e4be es noch die M\u00f6glichkeit, sich zu verbessern. Nur weil ihr Bonus dann viel kleiner ausfiel als erwartet, merkte sie, dass man tats\u00e4chlich unzufrieden war mit ihr.<\/p>\n<p>Um diese Differenzen zu \u00fcberbr\u00fccken, bietet Michael, R\u00f6nitz, Inhaber der Business-Sprachschule Sprachcaffe in D\u00fcsseldorf, seinen Firmenkunden f\u00fcr ihre Manager auf dem Sprung ins Ausland Sprachkurse samt interkulturellem Training an. Im Falle seines Kunden Technip Germany, trainierte er gleich vier Deutsche auf einmal &#8211; mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Konzern hatte eine Firma in D\u00fcsseldorf \u00fcbernommen, die gemeinsame Firmensprache war englisch, doch man verstand nicht, wie der jeweils andere tickte. Und weil die Franzosen die Unternehmensk\u00e4ufer waren, wurden die deutschen ins Training geschickt &#8211; obwohl ihr Einsatzort D\u00fcsseldorf war. R\u00f6nitz: \u201eDie Deutschen sollten sich auf sie einstellen, nicht umgekehrt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn\u00b4s &#8222;im Prinzip gen\u00fcgt&#8220;\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Einen interessanten Unterschied zwischen deutscher und franz\u00f6sischer Arbeitshaltung macht R\u00f6nitz dar\u00fcber hinaus aus: \u201eIst ein Projekt zu 85-90 Prozent abgeschlossen, haben Franzosen keine Energie mehr, es sauber abzuschlie\u00dfen. Die letzten Feinarbeiten bleiben einfach unerledigt, die sind zufrieden, wenn es im Prinzip funktioniert.\u201c<\/p>\n<p>Nur unbeliebt sind Deutsche aber dennoch nicht im Ausland. Simon McDonald, der britischer Botschafter in Deutschland, berichtet, wie beeindruckend das Tempo deutscher Gesch\u00e4ftsleute sein kann. Ein britischer Anbieter feiner Teesorten und Schokoladen besuchte ihn vor kurzem in der Botschaft, nachdem er gerade in einem deutschen Kaufhaus gewesen war. Er hatte ein Paket mit Spezialit\u00e4ten vorausgeschickt und hoffte nun auf einen Termin mit einem Eink\u00e4ufer. Stattdessen wurde er ins B\u00fcro des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers dirigiert, und 30 Minuten sp\u00e4ter fand er sich in der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses wieder, wo er seine zuk\u00fcnftige Verkaufsfl\u00e4che absteckte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Deutsche Landmannschaften untereinander<\/strong><\/p>\n<p>Und manchmal, da sind selbst innerhalb Deutschlands die Mentalit\u00e4tsunterschiede riesig und sogar un\u00fcberbr\u00fcckbar: Enst Heilgenthal, Partner bei Gemini Executive Search in K\u00f6ln\u00a0besetzte schon mal dreimal nacheinander denselben Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerposten auf der schw\u00e4bischen Alp mit vielversprechenden Kandidaten &#8211; die alle nach kurzer Zeit Fersengeld gaben. Sie kamen aus dem Rheinland und Hessen, aber mit den Schwaben wurden sie einfach nicht warm.<\/p>\n<p><span class=\"smarterwiki-popup-bubble smarterwiki-popup-bubble-active smarterwiki-popup-bubble-flipped\" style=\"margin-left: -54px\"><span class=\"smarterwiki-popup-bubble-body\"><span class=\"smarterwiki-popup-bubble-links-container\"><span class=\"smarterwiki-popup-bubble-links\"><span class=\"smarterwiki-popup-bubble-links-row\"><a class=\"smarterwiki-popup-bubble-link\" title=\"Search DuckDuckGo\" href=\"http:\/\/duckduckgo.com\/?q=Wer%20-%20wie%20Werstermann%20-%20im%20Ausland%20Gesch%C3%A4fte%20macht%20oder%20mit%20Ausl%C3%A4ndern%20zusammen%20arbeitet%2C%20sollte%20auf%20Befindlichkeiten%20und%20Rituale%20der%20anderen%20Nation%20im%20Job%20R%C3%BCcksicht%20nehmen%2C%20um%20nicht%20schon%20im%20Vorfeld%20seine%20Gesch%C3%A4ftschancen%20zu%20zerst%C3%B6ren.\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"smarterwiki-popup-bubble-link-favicon\" alt=\"\" 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