{"id":643969,"date":"2012-05-15T12:06:18","date_gmt":"2012-05-15T10:06:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=643969"},"modified":"2012-05-15T12:12:52","modified_gmt":"2012-05-15T10:12:52","slug":"unternehmen-mussen-sich-vor-burnout-klagen-furchten-gastbeitrag-von-arbeitsrechtler-jorg-podehl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/05\/15\/unternehmen-mussen-sich-vor-burnout-klagen-furchten-gastbeitrag-von-arbeitsrechtler-jorg-podehl\/","title":{"rendered":"Unternehmen m\u00fcssen sich vor Burnout-Klagen f\u00fcrchten &#8211; Gastbeitrag von Arbeitsrechtler J\u00f6rg Podehl"},"content":{"rendered":"<div class=\"mceTemp mceIEcenter\">\u00a0<\/div>\n<p><em>\u00a0J\u00f6rg Podehl ist Fachanwalt f\u00fcr Arbeitsrecht und\u00a0Partner bei Peters Rechtsanw\u00e4lte in\u00a0 D\u00fcsseldorf\/Berlin<\/em><\/p>\n<p>Gestern war Burnout ein Thema f\u00fcr den Betriebsarzt, heute ist es eins f\u00fcr den Hausjuristen und die Arbeitsgerichte. Vorreiter dieser Entwicklung ist Gro\u00dfbritannien. Dort hat bereits ein Drittel der Betriebe eigene Verfahren zum Umgang mit sogenanntem <em>Work Related Stress <\/em>entwickelt, um Klagen wegen Gesundheitssch\u00e4den durch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Stress zu entgehen. Auch hier besch\u00e4ftigt Burnout immer h\u00e4ufiger die Arbeitsgerichte, h\u00e4ufig<strong> <\/strong>in Kombination mit Mobbing nach dem Motto: \u201eIch werde gemobbt und habe auch Burnout.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schwer zu stellende Diagnose: Burnout<\/strong><\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie beim Mobbing ist auch beim Burnout die Diagnose schwer zu stellen. Burnout als eine Kombination von k\u00f6rperlichen und geistigen Leiden reicht von einem Gef\u00fchl des Ausgebranntseins ohne krankheitswertige Beschwerden bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Deswegen ist es schwierig, die arbeitsrechtlich relevanten <em>Ursachen<\/em> f\u00fcr einen Burnout zu identifizieren und dem Arbeitgeber eine schuldhafte Vernachl\u00e4ssigung seiner F\u00fcrsorgepflicht nachzuweisen; die Grenzen zwischen fairer Belastung und krankmachender \u00dcberlastung am Arbeitsplatz sind flie\u00dfend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gefahr f\u00fcr Unternehmen: Burnout als Waffe<\/strong><\/p>\n<p>Es besteht die Gefahr, dass Arbeitnehmer das Argument \u201eBurnout\u201c missbr\u00e4uchlich einsetzen, daher m\u00fcssen Arbeitgeber nicht jedes mit Burnout begr\u00fcndete Verhalten hinnehmen: Schon 1998 hat das Landesarbeitsgericht (LAG) Sachsen-Anhalt entschieden, dass die erh\u00f6hte Missbrauchsgefahr bei der Behauptung psychischer Erkrankungen bei der Beweislastverteilung zugunsten des Arbeitgebers zu ber\u00fccksichtigen ist (LAG Sachsen-Anhalt v. 08.09.1998; Az.: 8 Sa 676\/97). Dieser Grundsatz gilt immer noch, doch das \u201eBurnout-Argument\u201c macht K\u00fcndigungsschutzklagen f\u00fcr Arbeitgeber t\u00fcckisch. Anfang Mai 2012 wurde<strong> <\/strong>beim Landesarbeitsgericht D\u00fcsseldorf der Fall einer Wuppertaler Betriebsr\u00e4tin mit einem widerruflichen Vergleich abgeschlossen. Sie war wegen Burnouts krankgeschrieben, hatte w\u00e4hrend ihrer Krankschreibung jedoch eine Segelreise unternommen und war hierf\u00fcr zur Strafe gleich fristlos gek\u00fcndigt worden (Az.: 11 Sa 807\/11). In erster Instanz hatte das Arbeitsgericht Wuppertal diese K\u00fcndigungen f\u00fcr unwirksam erkl\u00e4rt, da nicht nachgewiesen sei, dass die Reise der Genesung geschadet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_643973\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/05\/Podehl2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-643973\" class=\"size-medium wp-image-643973\" title=\"Podehl\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/05\/Podehl2-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/05\/Podehl2-199x300.jpg 199w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/05\/Podehl2.jpg 431w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-643973\" class=\"wp-caption-text\">Arbeitsrechtler J\u00f6rg Podehl<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unkontrollierbares Blau-Machen?<\/strong><\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Argumentation kommt auch in anderen F\u00e4llen vor: Der Arbeitnehmer behauptet, an einem Burnout zu leiden, macht in der Zeit seiner Krankschreibung aber eine Reise, verfolgt ein Vollzeitstudium oder h\u00e4lt Vortr\u00e4ge. Er tr\u00e4gt vor, der Arzt habe die Empfehlung gegeben, dass man alles tun k\u00f6nne, au\u00dfer zur regul\u00e4ren Arbeit zu gehen. Wenn dieses Verhalten Schule macht und erfolgreich ist, dann ist unkontrollierbarem \u201eBlau-machen\u201c T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist es f\u00fcr Arbeitnehmer riskant, leichtfertig mit den Begriffen Burnout und Mobbing um sich zu werfen. Dies zeigt eine Entscheidung des Arbeitsgerichts Mannheim. Dort hatte eine Betriebsr\u00e4tin im Fernsehen \u2013 nachgewiesenerma\u00dfen falsch \u2013 behauptet, bei Ihrem Arbeitgeber, einem M\u00f6belhaus, fielen die Arbeitnehmer wegen Burnout und Stress am Arbeitsplatz \u201ereihenweise\u201c um. Diese Behauptung war nach Ansicht des Arbeitsgerichts Mannheim in so einem Ma\u00dfe rufsch\u00e4digend, dass sie die fristlose K\u00fcndigung rechtfertigen konnte (Arbeitsgericht Mannheim v. 19.08.2008; Az.: 8 BV 11\/08).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Burnout-Therapie: Statt Altersteilzeit Kur, Psychotherapie, Coaching oder andere Arbeitsbedingungen<\/strong><\/p>\n<p>Ebenfalls vor dem Landesarbeitsgericht (LAG) D\u00fcsseldorf wurde bereits vor zwei Jahren der Fall eines Angestellten entschieden, der wegen Burnout in Altersteilzeit gehen wollte. Das LAG erkannte aber zu Recht, dass die Arbeitszeitreduzierung keineswegs die einzige und stets beste Methode zur Behandlung eines Burnout sei; im Einzelfall k\u00f6nnten eine Kur, Psychotherapie, Coaching oder die Ver\u00e4nderung der Arbeitsbedingungen geeigneter sein (LAG D\u00fcsseldorf v. 03.11.2010; Az.: 12 Sa 733\/10).<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00a0<\/p>\n<p><strong>F\u00fcrsorgepflicht wahrnehmen und Klagen vorbeugen<\/strong><\/p>\n<p>Verantwortungsvolle Arbeitgeber sind gut beraten, nach dem englischen Vorbild Grunds\u00e4tze zur Vorbeugung von Burnout aufzustellen, um ihrer <em>F\u00fcrsorgepflicht wahrzukommen und \u00dcberbelastungen entgegen zu wirken<\/em>. Hier besteht in Deutschland Nachholbedarf. Auch wenn die internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits vor zw\u00f6lf Jahren feststellte, dass eine Burnout-Pr\u00e4vention in deutschen Unternehmen ein wichtiges Thema sei, hat das Thema lange ein Schattendasein gef\u00fchrt. Mittlerweile gibt es auf nationaler wie auf europ\u00e4ischer Ebene Regelungsbestrebungen, die IG-Metall fordert eine Verordnung des Arbeitsministeriums, und Gewerkschaften und Betriebsr\u00e4te haben Burnout-Pr\u00e4vention zu einem Arbeitsschwerpunkt gemacht. Sie fordern auf der Grundlage des \u00a7 87 Abs. 1 Nr. 7 Betriebsverfassungsgesetz Betriebsvereinbarungen zur Pr\u00e4vention von Burnout am Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Bis die erste Schadenersatzklage eines Burnout-Gesch\u00e4digten von einem deutschen Gericht entschieden werden muss, d\u00fcrfte nur eine Frage der Zeit sein.\u00a0<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00a0<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00a0<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Folgende Grunds\u00e4tze sollten Arbeitgeber beachten:<\/strong><\/p>\n<p><strong>a) Schutz vor Stress:<\/strong> Ist f\u00fcr den Arbeitgeber eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Stressbelastung des Arbeitnehmers im Vergleich zu den gew\u00f6hnlichen Anforderungen erkennbar oder liegen bereits Anzeichen einer drohenden Krankheit vor, dann muss der Arbeitgeber wegen dieser deutlichen Anzeichen handeln und den Arbeitnehmer vor \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Stressbelastung sch\u00fctzen. Der Arbeitgeber ist dann verpflichtet, die Stressbelastung des Arbeitnehmers zu reduzieren und gegebenefalls andere Stressfaktoren auszuschalten. Hierzu kann auch das Angebot einer vertraulichen Beratung sinnvoll beziehungsweise notwendig sein.<\/p>\n<p><strong>b) Stress Audits<\/strong>: Begleitend k\u00f6nnen Gef\u00e4hrdungsbeurteilungen (<em>Stress Audits)<\/em> sinnvoll sein, die entsprechende Risiken zutage bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>c) Eigenverantwortung der Mitarbeiter st\u00e4rken<\/strong>: Eine Pflicht zum Einschreiten des Arbeitgebers sollte dem Arbeitgeber nur dann auferlegt werden, wenn erkennbare St\u00f6rungen und \u00dcberlastungen bei den Arbeitnehmern vorliegen. Die Eigenverantwortung der Mitarbeiter darf nicht am Arbeitsplatz aufh\u00f6ren. Jeder muss dazu beitragen, seine psychische Gesundheit beizubehalten.<\/p>\n<p><strong>d) F\u00fchrungskr\u00e4fte schulen:<\/strong> Dazu sollten \u2013 wie etwa Daimler es vormacht \u2013 F\u00fchrungskr\u00e4fte geschult werden, Anzeichen f\u00fcr pers\u00f6nliche Krisen der Mitarbeiter wahrzunehmen, aufzugreifen und bei Bedarf Kontakt mit einer Sozialberatung anzubieten. Das Helfen muss Teil der Unternehmenskultur werden. Auch die Mitarbeiter sollten in ihren Selbstmanagementf\u00e4higkeiten gest\u00e4rkt werden, um krankmachender \u00dcberlastung auch selbst vorbeugen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><\/strong>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Fazit: <\/strong>Unternehmen sollten nicht die Sichtweise f\u00f6rdern, dass der Begriff Burnout als Feigenblatt f\u00fcr fehlende Motivation am Arbeitsplatz herh\u00e4lt. Stattdessen sollten sie ihre F\u00fcrsorgepflicht ernst nehmen und \u00dcberbelastungen ihrer Mitarbeiter systematisch entgegenwirken. Damit beugen sie zugleich teuren und imagesch\u00e4digenden Burnout-Klagen vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0J\u00f6rg Podehl ist Fachanwalt f\u00fcr Arbeitsrecht und\u00a0Partner bei Peters Rechtsanw\u00e4lte in\u00a0 D\u00fcsseldorf\/Berlin Gestern war Burnout ein Thema f\u00fcr den Betriebsarzt, heute ist es eins f\u00fcr den Hausjuristen und die Arbeitsgerichte. Vorreiter dieser Entwicklung ist Gro\u00dfbritannien. Dort hat bereits ein &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/05\/15\/unternehmen-mussen-sich-vor-burnout-klagen-furchten-gastbeitrag-von-arbeitsrechtler-jorg-podehl\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[87,195,1633,1632],"class_list":["post-643969","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-arbeitsrecht","tag-burn-out","tag-jorg-podehl","tag-klagen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/643969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=643969"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/643969\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=643969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=643969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=643969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}