{"id":643791,"date":"2012-04-25T01:24:49","date_gmt":"2012-04-24T23:24:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=643791"},"modified":"2012-04-25T19:21:10","modified_gmt":"2012-04-25T17:21:10","slug":"weniger-lohn-gegen-meine-gesundheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/04\/25\/weniger-lohn-gegen-meine-gesundheit\/","title":{"rendered":"Weniger Lohn &#8211; gegen meine Gesundheit"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, da ist man fassungslos, was einem als Nachricht oder Pressemitteilung auf den Tisch flattert. Oder besser: in den PC geschossen wird, als Mail. Eins davon war heute die von einer Online Jobb\u00f6rse namens TalentFrogs, die mir bisher noch nicht begegnet war.\u00a0Doch was dann kam, schl\u00e4gt dem Fa\u00df den Boden aus. Die Headline lautete &#8222;Lieber Gehaltsk\u00fcrzung statt Burnout: 65 Prozent der Arbeitnehmer w\u00e4ren einverstanden.&#8220;<\/p>\n<p>Lassen Sie mich schon hier mal kurz rekapitulieren: Die Nachricht den Online-Jobb\u00f6rse unterstellt zun\u00e4chst mal, dass es f\u00fcr 100 Prozent Lohn\u00a0nur noch Jobs unter Dauerstress gibt. Jobs, die arbeitsverdichtet sind. Jobs, in denen Burnouts zur Tagesordnung geh\u00f6ren. Wo Arbeitnehmer ein Programm aufgeb\u00fcrdet bekommen, das nicht in der normalen Regelarbeitszeit und\u00a0ohne permanente Aufgeregtheit in einem\u00a0Job ohne Dauerstress zu schaffen ist.<\/p>\n<p>Und da ist was dran. Haben die Unternehmen doch auf breiter Flur in den vergangenen zehn Jahren Mitarbeiter entlassen, was das Zeug hielt. F\u00e4hige, Kompetente,\u00a0\u00c4ltere, J\u00fcngere, schlicht jeden, den man irgendwie los werden konnte &#8211; egal ob genau diese Qualifikation der Company danach fehlt oder nicht. Hauptsache weg von der Payrole. Hauptsache die Management-Sparziele werden daurch erreicht und man sichert sich in der F\u00fcrhungsebene so die eigene Pr\u00e4mie. Nach dem Motto &#8222;nach mir die Sintflut&#8220;.<\/p>\n<p>Im Detail: Die TalentFrogs-Befragung von rund 2.300 Jobsuchenden &#8211; also Leuten, die eine Job haben, aber einen anderen suchen\u00a0oder jenen Leuten, die arbeitslos sind &#8211; durch dieses Online-Unternehmen ergab: 65 Prozent der Befragten w\u00fcrden Abstriche am Gehalt sprich Einbu\u00dfen hinnehmen, wenn ihnen trotz Job ihre psychische Gesundheit erhalten bliebe und sie einen stressfreien Job f\u00e4nden. Oder jedenfalls einen Job, der bew\u00e4ltigbar ist in der vorgesehenen Zeit.<\/p>\n<p>Denn Jobs sehen heute anders aus als fr\u00fcher: Nach den Entlassungswellen wurde die Arbeit nicht weniger, sondern nur auf weniger Leute verteilt, sprich f\u00fcr den einzelnen wurde es erheblich mehr Programm. Wer sich noch auf dem Karussel hielt, war nach der dritten beobachteten Entlassungsrunde nicht mehr sicher, ob es ihm nicht besser t\u00e4te, wenn er auch zu den Geschassten geh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wird heute einer krank, und m\u00fcssen Kollegen f\u00fcr ihn einspringen und\u00a0seine Arbeit auch noch miterledigen, ist man\u00a0anschlie\u00dfend kollektiv sauer auf den Genesenen.\u00a0\u00a0Wer aus der Klinik zur\u00fcckkommt in den Job, braucht sich nicht mehr wundern, wenn wirklich kein Kollege zwischendurch nach seiner Gesundheit angefragt hat oder ihn mit Emphathie zur\u00fcck an Bord begr\u00fc\u00dft. Das scheint zum Standard zu werden.\u00a0<\/p>\n<p>Oder ein andere Beispiel: F\u00fcr gegenseitige Hilfestellungen ist keine Zeit mehr. Kommt einer mit dem neuen Windows-Programm nicht klar, hat er selbst schuld und braucht auf Kollegenhilfe gar nicht erst hoffen\u00a0&#8211; die haben auch keine Zeit f\u00fcr Nachhilfestunden. Ruft jemand an und will jemand in einer anderen Abteilung sprechen, ist es egal, wo derjenige am Ende landet und ob\u00a0ihm irgendjemand hilft\u00a0\u00a0&#8211; Hauptsache er ist aus der eigenen Telefonleitung verschwunden, die Zeit dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nettes\u00a0Beispiel am Rande: Rechtsanw\u00e4lte, die f\u00fcr ein Journalisten-Gespr\u00e4ch eigentlich lieber keine Zeit aufbringen &#8211; sind es doch keine billable hours, abrechenbare Stunden.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Thema. Die Firma, die weniger zahlt, aber daf\u00fcr nicht die Gesundheit ihrer Mitarbeiter kaputt macht, ist der attraktivere Arbeitgeber?<\/p>\n<p>Zum einen: wer garantiert, dass es so bleibt? Zum anderen ist es genau genommen eine Zumutung. Kein faierer Tauschhandel Lohn gegen Arbeit mehr, sondern die Formel hei\u00dft keine \u00dcberbelastung gegen weniger Lohn.<\/p>\n<p>Das liest sich anders in den verschiedenen Beste-Arbeitgeber-Rankings, wo jeder Platzierte freudestrahlend der \u00d6ffentlichkeit mitteilt, dass er ein wahrhaft begehrenswerter Arbeitgeber ist, habe ich noch nie den Punkt gelesen: Wir \u00fcberfordern unsere Leute nicht, unbotm\u00e4ssige Arbeitsverdichtung gibt\u00b4s hier nicht.<\/p>\n<p>Ganz nebenbei ist laut TalentFrogs den Frauen &#8211; so die Untersuchung &#8211; ihre Gesundheit wichtiger als M\u00e4nnern. 73 Prozent der Frauen sind eher bereit, ihrer Company ihre Gesundheit abzukaufen als M\u00e4nner mit 58 Prozent.<\/p>\n<p>Und nun lassen Sie mich ganz kurz einordnen:<\/p>\n<p>1. Seit geraumer Zeit kreist allerorten der Entlassungs-Hammer und jeder Mitarbeiter hat gelernt, dass er keineswegs unentbehrlich ist f\u00fcr seine Company.<\/p>\n<p>2. Dann wurden die Arbeitszeiten verk\u00fcrzt und von der Arbeitnehmerseite erkauft mit Gehaltsk\u00fcrzungen.<\/p>\n<p>Dumm nur, dass die Arbeit nicht weniger wurde und sie sich nicht nur\u00a0unendlich verdichtete, sondern mit weniger Leuten und h\u00f6herer Qualit\u00e4t verrichtet werden muss. Und vielen unbezahlten \u00dcberstunden.<\/p>\n<p>3. Die Wirtschaftskrise rechtfertige jahrelang ausbleibende Gehaltsrunden, die steigende Inflation sorgte f\u00fcr reale Lohnsenkungen.<\/p>\n<p>4. Die Arbeit artet mittlerweile allerorten in atemlose Hetze aus, jeder Urlaub wird vorher und nachher herausgearbeitet, von der Regelarbeitszeit tr\u00e4umen viele nur noch.<\/p>\n<p>5. Was ist die Folge? Burnouts. Diejenigen F\u00e4lle, die bekannt werden, machen schon jetzt mehr als zehn Prozent der Belegschaft aus.<\/p>\n<p>Fragt \u00fcberhaupt jemand nach der Verantwortung der Firmen f\u00fcr die Gesundheit ihrer Angestellten? Irgendwie nicht. Frei nach dem Motto dieser Lutschbonbons namens Fisherman\u00b4s Friend : &#8222;Sind sie zu stark, bist Du zu schwach.&#8220; Nebenbei bemerkt: Die Unternehmen feiern sich f\u00fcr das, was eigentlich der Anstand gebietet: Dass ihnen die langfristige Gesudheit ihrer Mitarbeiter nicht gleichg\u00fcltig ist, sondern dass sie \u00a0ihre F\u00fcrsorgerpflicht als Arbeitgeber ernst nehmen und ihnen die Gesundheit ihrer Leute am Herzen liegt.\u00a0Zum Beispiel bei Wettbewerben wie dem &#8222;Corporate Health Award&#8220;.<\/p>\n<p>Und was kommt jetzt? Die Arbeitnehmer finden die \u00dcberbelastung\u00a0&#8211; so jubelt TalentFrogs und beklatscht deren Gesundheitsbewusstsein &#8211;\u00a0normal und sind nachh alldem bereit, weiteren Gehaltsverzicht zu \u00fcben. 58 Prozent der M\u00e4nner jedenfalls. Lassen Sie mich raten: Wer Hypotheken f\u00fcrs Eigenheim als Hals hat, eine Familie ern\u00e4hren und Kinder durch die Ausbildung bringen muss, der kann es sich gar nicht leisten, Gehaltsabstriche zu machen f\u00fcr einen gesunderen Job.<\/p>\n<p>Von den Frauen dagegen, bei denen 73 Prozent der Arbeitnehmerinnen f\u00fcr einen gesunderen Job auf Lohn verzichten w\u00fcrden, sieht die Rechnung nochmal anders aus. Von ihnen hat im Durchschnitt ohnehin jede zweite heute gar keine Kinder &#8211; und kann es sich auch eher leisten, nur an sich und ihre Gesundheit zu denken. Je h\u00f6her auf der Karriereleiter, umso weniger M\u00fctter, umso weniger Kids.<\/p>\n<p>Kurz: das Ergebnis der Umfrage ist perfide. Erst macht man die Mitarbeiter jahrelang m\u00fcrbe, dann arbeiten sie l\u00e4nger f\u00fcr weniger Lohn und einem immer gr\u00f6\u00dferem Pensum mit immer weniger Kollegen. Bis sie so m\u00fcrbe sind, dass sie bereit sind, auch noch daf\u00fcr zu zahlen, das sie einen Job bekommen, der ihre Gesundheit nicht zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ein merkw\u00fcrdiges Tauschgesch\u00e4ft.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.talentfrogs.de\">www.talentfrogs.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, da ist man fassungslos, was einem als Nachricht oder Pressemitteilung auf den Tisch flattert. Oder besser: in den PC geschossen wird, als Mail. 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