{"id":643140,"date":"2012-02-15T14:45:46","date_gmt":"2012-02-15T13:45:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=643140"},"modified":"2012-02-15T14:45:46","modified_gmt":"2012-02-15T13:45:46","slug":"warum-punktlichkeit-kein-wert-an-sich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/02\/15\/warum-punktlichkeit-kein-wert-an-sich-ist\/","title":{"rendered":"Warum P\u00fcnktlichkeit kein Wert an sich ist"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<p><strong>&#8222;Der Rheinl\u00e4nder kommt um acht er\u00f6m&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Die GfK Marktforschung in N\u00fcrnberg befragt die Konsumenten regelm\u00e4ssig zu allerlei &#8211; oft auch zu wichtigen oder zumindest unterhaltsamen Themen. In diesem Falle befragte sie \u00fcber 2000 Konsumenten im Auftrag der\u00a0 &#8222;Apotheken Rundschau&#8220; zum Thema P\u00fcnktlichkeit. Keine tolle Idee, dies geh\u00f6rt zu den Fragen, bei denen man die Antwort im Vorhinein kennt. So wie: &#8222;Werden Sie gerne mies behandelt von Ihrem Chef?&#8220;.<\/p>\n<p>Die Deutschen zu befragen, ob sie P\u00fcnktlichkeit wichtig finden, ist ungef\u00e4hr so berechenbar, als fragte man Franzosen, ob sie gutes Essen entbehrlich finden.\u00a0 Franzosen huldigen dem Essen und Trinken nun mal mehr als andere Nationen. Auch wenn\u00b4s gar nicht immer besser schmeckt, so ist zumindest das Bohei, das sie darum machen, ziemlich zuverl\u00e4ssig. Und dass sie es schaffen, sich lang und breit auszutauschen \u00fcber das Essen &#8211; statt eines anderen Tischgespr\u00e4chs. Ebenso zuverl\u00e4ssig ist auch die Freude der Deutschen an minutengenauer P\u00fcnktlichkeit &#8211; sogar bei der Abendeinladung bei Freunden am Samstag. Acht ist Punkt acht und halb acht ist Punkt 19.30 Uhr &#8211; und nicht etwa 19.35 Uhr und wenn schon, dann eher 19.25 Uhr als 19.35 Uhr.<\/p>\n<p>Wenngleich laut dem Kabarettisten Konrad Beikircher zumindest die Rheinl\u00e4nder unter den Deutschen eine Ausnahme sind, &#8222;die kommen um acht er\u00f6m&#8220; &#8211; und er macht dabei eine gro\u00dfe ausladende Handbewegung, mit der er einen Halbkreis in die Luft malt. Und &#8222;acht er\u00f6m&#8220; meint, es kann auch ebensogut 20.30 Uhr sein -, ohne dass der Rheinl\u00e4nder dabei im mindesten unh\u00f6flich sein m\u00f6chte oder auch nur die Idee hat, der andere k\u00f6nnte es so ansehen. Er hat ja gesagt &#8222;um achter\u00f6m&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wo bleibt das akademische Viertel?<\/strong><\/p>\n<p>Was leider ganz aus dem Blickfeld geraten ist, ist das akademische Viertel. Da musste man in der Uni entweder ums s.t. (&#8222;sine tempore&#8220; beziehungsweise minutengenau) zur Vorlesung antanzen oder erst um &#8222;c.t.&#8220; (cum tempore &#8211; eine entspannte Viertelstunde sp\u00e4ter, f\u00fcr die man gerade dann besonders dankbar war, wenn es sich um die erste Vorlesung um acht Uhr fr\u00fch handelte, die dann eben tats\u00e4chlich erst um 8.15 Uhr startet).<\/p>\n<p>Die GfK jedenfalls hat erfahren: &#8222;Die gro\u00dfe Mehrheit der Deutschen h\u00e4lt nach wie vor auf P\u00fcnktlichkeit. Wer st\u00e4ndig zu sp\u00e4t kommt, gilt auch sonst nicht gerade als verl\u00e4sslicher Mensch.&#8220; 58 Prozent der Deutschen halten unp\u00fcntliche Leute auch f\u00fcr ansonsten unzuverl\u00e4ssig. Was nat\u00fcrlich ein Denkfehler &#8211; beziehungsweise Vorurteil &#8211; ist. Es gibt ja auch Menschen, die in ihrer Unp\u00fcnktlichkeit absolut zuverl\u00e4ssig sind. Ich habe Freunde, die nicht aus Deutschland stammen, die Samstagsabends zum Essen grunds\u00e4tzlich wenigstens eine halbe Stunde zu sp\u00e4t dran sind &#8211; aber im Job penibel auf Termineinhaltung gucken. Da sind sie durchgetaktet &#8211; und freuen sich, dass sie\u00a0 im Privatleben eben nicht dem Zwang unterliegen. Dass Wochenende ist. Und sie g\u00f6nnen sich lieber ein paar Minuten mehr, um sich noch besser oder liebevoller vorzubereiten auf ihre Abendeinladung: mit schicken Klamotten, gut duftend, immer mit gro\u00dfz\u00fcgigem Mitbringsel im Gep\u00e4ck &#8211; und obendrein locker. Wieviel wertvoller sind solche G\u00e4ste f\u00fcr einen gelungenen Abend gegen\u00fcber Auf-die-Minute-P\u00fcnktlichen, die abgehetzt ankommen und alles andere als locker, sondern angespannt und gehemmt sind. Kurz: P\u00fcnktlichkeit ist kein Wert an sich. Jaja ich weiss, es sei denn, man muss einen Zug erwischen oder p\u00fcnktlich im Theater sein. Aber das ist eben nicht dasselbe wie die oben beschriebene Abendeinladung, wo ja auch nicht alle G\u00e4ste um Punkt 23 Uhr auftstehen und gehen sollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Manchmal ist Unp\u00fcnktlichkeit sogar n\u00fctzlich<\/strong><\/p>\n<p>Und: ist es nicht f\u00fcr den Gastgeber einfacher, wenn nicht alle G\u00e4ste auf einmal und p\u00fcnktlich eintreffen? Es ist bedeutend weniger Stress, wenn man nicht gleichzeitig drei Blumenstr\u00e4u\u00dfe mit Vasen und Wasser versorgen, sechs Menschen miteinander bekannt machen und die ersten Drinks in die Hand dr\u00fccken\u00a0 und erste Gespr\u00e4chs-Br\u00fccken schlagen muss.<\/p>\n<p>Und, am Rande bemerkt: Als ich mit meiner Family einen \u00fcblen Autounfall mit Totalschaden hatte, rund 40 Kilometer vor D\u00fcsseldorf, und ich genau jenem oben beschrieben Freund deshalb die Geburtstagsfeier seiner Frau rasch per Handy absagen wollte, quatschte er nicht, sondern tauchte am Unfallort auf. Ungebeten, aber nat\u00fcrlich h\u00f6chst willkommen. Was z\u00e4hlt so ein heldenhafter Einsatz gegen seine Unp\u00fcnktlichkeit gegen\u00fcber seinen 20 G\u00e4sten im Restaurant, f\u00fcr die er erst eine Stunde zu sp\u00e4t da war? Richtig: die G\u00e4ste waren professionell versorgt und das Geburstagskind war ja noch da. Nur er selbst kam erst etwas sp\u00e4ter dazu.Und wir, als die Verunfallten. Wir kamen so richtig unp\u00fcnktlich, um 23 Uhr &#8211; aber das war nun Ehrensache gegen\u00fcber dem Gastgeber. Den eigenen Schrecken hintan zu stellen und nach einer Dusche eine Mini-Revanche zu geben. Wenigstens das. denn so einen Freundschaftsdienst vergisst man nie, auch nicht bei der tausendsten Unp\u00fcnktlichkeit. Gegen die kann man sich schlie\u00dflich wappnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: Vielleicht haben die b\u00f6sen Unp\u00fcnktlichen tats\u00e4chlich oft einen guten, respektablen Grund f\u00fcr den Ungehorsam gegen\u00fcber dem Zifferblatt ihrer Armbanduhr. Weil von der Werteskala gerade etwas anderes dazwischen kam, das tats\u00e4chlich vern\u00fcnftigerweise zuerst geregelt werden musste. Bei jungen Eltern, die zu sp\u00e4t kommen, weil kurz vor dem Abmarsch mit den gerade fertig angezogenen Kleinen eins die Windel voll gemacht hat, wird die\u00a0 Unp\u00fcnktlichkeit auch nicht gleich als Unh\u00f6flichkeit gegei\u00dfelt. Solche Unp\u00fcnktlichkeit gilt als politisch korrekt &#8211; und steht damit au\u00dfer Zweifel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Lieber ein unp\u00fcnktlicher Kollege als ein intriganter <\/strong><\/p>\n<p>Witzig ist, dass nach der GfK-Umfrage 90 Prozent der Befragten Unp\u00fcnktlichkeit als unh\u00f6flich empfindet. R\u00fccksichtsloses Verhalten im Job, Hilfe-Verweigern, Intrigieren, die vielen kleinen echten unsozialen Gesten &#8211; die scheinen nicht als unh\u00f6flich zu gelten. Hand aufs Herz: Wie oft h\u00f6rt man heute Menschen, die sich im Job \u00fcber kleine oder gr\u00f6\u00dfere Widerlichkeiten von Kollegen \u00e4rgern, den Satz: &#8222;Der hat einfach keine Kinderstube&#8220; oder &#8222;der ist einfach schlecht erzogen&#8220;?\u00a0 Fast nie. Und w\u00e4ren das nicht die wahren \u00c4rgernisse, nach denen die GfK uns mal befragen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Das alles soll nicht hei\u00dfen, dass man r\u00fccksichtlos gegen\u00fcber anderen und deren Zeit sein darf.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich wappne mich gegen ineffizientes Warten-M\u00fcssen mit ein paar Zeitungsartikeln in der Handtasche, die ich immer noch lesen wollte. Oder &#8211; wie es mancher Kollege, der twittert, auch tut: Mit Tweets lesen. Oder E-Mails auf dem Blackberry. Und manchmal ertappt man sich dann dabei, wenn man in einem Foyer auf den Gastgeber wartet, dass man eigentlich den Artikel lieber erst noch rasch zu Ende lesen w\u00fcrde, wenn der Betreffende &#8222;zu fr\u00fch&#8220; auftaucht. Fast immer findet sich heutzutage ganz schnell etwas, womit man die Wartezeit sehr sinnvoll ausf\u00fcllen kann.<\/p>\n<div>\n<p>Und noch etwas: Wer wartet nicht lieber auf etwas wirklich Gutes, das erst ein paar Minuten sp\u00e4ter bekommt, als etwas bestenfalls Durchschnittliches, das aber p\u00fcnktlich kommt?<\/p>\n<p>Was nat\u00fcrlich nicht im Umkehrschlu\u00df hei\u00dfen muss, dass etwas Unp\u00fcnktliches auch automatisch gut oder besser ist. Aber das ist dann eben wirklich \u00e4rgerlich, &#8211; etwas Unp\u00fcnktliches, das auch noch schlecht ist.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft es, demjenigen, der nicht auf die vereinbarte Minute gestiefelt und gespornt dasteht, etwas Gro\u00dfes entgegen zu bringen: Vertrauen. Das Vertrauen, in seine funktionierende Werteskala: Nach dem Motto, &#8222;bestimmt hat er seinen guten Grund daf\u00fcr&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>P\u00fcnktlichkeit im Zeugnis ist eine Beleidigung\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Und nicht zu vergessen: Was ist mit das Schlimmste, was man einem scheidenden Mitarbeiter ins Zeugnis schreiben kann? Richtig: dass er stets p\u00fcnktlich war.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Rheinl\u00e4nder kommt um acht er\u00f6m&#8220; Die GfK Marktforschung in N\u00fcrnberg befragt die Konsumenten regelm\u00e4ssig zu allerlei &#8211; oft auch zu wichtigen oder zumindest unterhaltsamen Themen. 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