{"id":642935,"date":"2012-01-16T23:59:35","date_gmt":"2012-01-16T22:59:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=642935"},"modified":"2012-01-17T17:54:41","modified_gmt":"2012-01-17T16:54:41","slug":"wir-brauchen-nur-noch-wikipedia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/01\/16\/wir-brauchen-nur-noch-wikipedia\/","title":{"rendered":"Wir brauchen nur noch Wikipedia"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gastbeitrag: <\/strong><\/p>\n<p><strong>Johannes Weisser, Partner bei Avocado Law in Frankfurt hat \u00fcberraschende Vorschl\u00e4ge zur Abschaffung von Sachverst\u00e4ndigengutachten. Er fragt: Brauchen wir bald keine Richter mehr, sondern nur noch Wikipedia?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten war f\u00fcr letzte Wahr- und Weisheiten der Papst zust\u00e4ndig. Heute sch\u00f6pfen wir &#8211; und damit auch deutsche Richter &#8211; diese dagegen aus Wikipedia. Zweifel daran sind nicht erlaubt. Denn was in Wikipedia steht, ist schlie\u00dflich gerichtsbekannt und bedarf daher keines Beweises mehr (Paragraf 291 Zivilprozessordnung). So zumindest lautet die schlichte Logik, mit der das Amtsgericht K\u00f6ln einem Mieter, der um seine Gesundheit besorgt war,\u00a0 eine Mietminderung von 20 Prozent zusprach (Amtsgericht\u00a0K\u00f6ln, Aktenzeichen 201 C 546\/10).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hatte sich der b\u00f6se Vermieter zuschulden kommen lassen? Nun, er hatte, wohl dem damaligen Stand der Technik entsprechend, eine Innensanierung von Wasserleitungen in seinem Haus mit Hilfe von Epoxidharz vornehmen lassen &#8211; wobei aus dem Urteil nicht hervorgeht, auf welcher L\u00e4nge des hausinternen Wasserrohrsystems dies erfolgte. Dies, so der Richter, begr\u00fcnde einen Mangel der Mietsache, denn es sei schlie\u00dflich dank Wikipedia gerichtsbekannt, dass Epoxidharz verschiedene Stoffe enthalte, die als krebserregend verd\u00e4chtigt werden. Gerichtsbekannt sei weiterhin &#8211; ob auch diese Erkenntnis auf Wikipedia beruht, verschweigt das Gericht allerdings geflissentlich -, dass solche Stoffe \u201ebereits in geringsten Mengen zu St\u00f6rungen im endokrinen System f\u00fchren k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>K\u00f6nnen, wohlgemerkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wikipedia, die Quelle der Weisheit<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was lernt der prozessf\u00fchrende Anwalt und sein Mandant hieraus? K\u00fcnftig reicht es wohl aus, statt Beweisantr\u00e4gen nur noch auf die gerichtsbekannten Inhalte von Wikipedia zu verweisen. Klassische Beweismittel, wie etwa Sachverst\u00e4ndigengutachten, oder die Frage, ob ein Schaden tats\u00e4chlich im Einzelfall konkret zu bef\u00fcrchten oder gar bereits eingetreten ist, werden damit obsolet. Zur \u00dcberzeugung des Gerichts steht ja angesichts der in Wikipedia verk\u00fcndeten ewigen Wahr- und Weisheiten bereits fest, wie die Dinge liegen. Generationen von Justizministern m\u00fchen sich mit Reformen der ZPO zur Beschleunigung und Vereinfachung des Zivilprozesses, doch hier gelingt dies zur \u00dcberraschung des staunenden Publikums auch ganz ohne die helfende Hand des Gesetzgebers.<\/p>\n<p>Mein Vorschlag zur Vereinfachung: Angesichts dessen k\u00f6nnen die Paragafen 355ff. der Zivilprozessordnung dann ja eigentlich komplett gestrichen und durch einen einzigen Satz ersetzt werden.<\/p>\n<p>Frei nach dem Motti: Schlag\u2019 nach bei Wikipedia!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1866\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/hankes-boersen-bibliothek\/files\/2011\/10\/twitter.jpg\" alt=\"\" width=\"25\" height=\"30\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag: Johannes Weisser, Partner bei Avocado Law in Frankfurt hat \u00fcberraschende Vorschl\u00e4ge zur Abschaffung von Sachverst\u00e4ndigengutachten. 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