{"id":642880,"date":"2012-01-10T15:07:07","date_gmt":"2012-01-10T14:07:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=642880"},"modified":"2012-01-10T15:09:32","modified_gmt":"2012-01-10T14:09:32","slug":"ein-manager-auf-dem-campingplatz-jorg-eschenbach-buchauszug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2012\/01\/10\/ein-manager-auf-dem-campingplatz-jorg-eschenbach-buchauszug\/","title":{"rendered":"Ein Manager auf dem Campingplatz: J\u00f6rg Eschenbach (Buchauszug)"},"content":{"rendered":"<h3>J\u00f6rg Eschenbach wagte den Selbstversuch: statt zu Beginn einer neuen Aufgabe in einer fremden Stadt &#8211; in M\u00fcnchen &#8211; in ein Boarding-House, eine m\u00f6blierte Wohnung\u00a0oder ein Hotel zu ziehen, nistete er sich lieber auf dem Campingplatz Thalkirchen ein.<\/h3>\n<h3>Warum? &#8220; Auf Nachfrage antwortet Eschenbach:<\/h3>\n<h3>&#8222;Da gibt es ohne Priorisierung mehrere Gr\u00fcnde:\u00a0<\/h3>\n<h3>1. Ich mu\u00dfte nach M\u00fcnchen, die erw\u00fcnschte Wohnung war aber noch nicht\u00a0fertiggestellt<\/h3>\n<h3>2. Ich hatte schon einige berufsbedingte Umz\u00fcge hinter mir und kenne daher die \u00fcblichen Interimsm\u00f6glichkeiten. Das ist extrem anonym, steril und langweilig.\u00a0<\/h3>\n<h3>3. Ich wollte meinen Hausstand auf das Minimum reduzieren, mein Umfeld einfach aber pers\u00f6nlich gestalten und mich frei bewegen und ern\u00e4hren k\u00f6nnen.\u00a0<\/h3>\n<h3>4. Ich wollte nach getaner Arbeit in eine andere Welt eintauchen und diese Dreimonatsl\u00fccke nutzen, einmal au\u00dferhalb des Urlaubs viele Leute kennenlernen, die aus anderen L\u00e4ndern und Kulturkreisen kommen.<\/h3>\n<h3>5. Sicher wollte ich mich mal komplett &#8222;erden&#8220; und testen, wie ich damit zurechtkomme (ich bin gut damit zurecht gekommen).<\/h3>\n<h3>6. Und dann die Aufgabe mit der Buchidee. Eine hohe Messlatte. Gelingt es mir ein Buch zu schreiben, das meine Situation und Gedankenwelt eindrucksvoll schildert? Kann ich mit meinem Buch den Leser erreichen und Spa\u00df beim Lesen erzeugen?&#8220;\u00a0<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Aus dem Selbstversuch wurde tats\u00e4chlich ein Buch und aus diesem Werk k\u00f6nnen Sie hier im Folgenden ein Kapitel lesen.<\/h3>\n<h3>\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Cover_Eschenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-642893\" title=\"Umschlag_Thalkirchenreport.indd\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Cover_Eschenbach-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Cover_Eschenbach-185x300.jpg 185w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Cover_Eschenbach-633x1024.jpg 633w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Cover_Eschenbach.jpg 402w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a><\/h3>\n<h3>\u00a0<\/h3>\n<h3>Am Parkautomaten<\/h3>\n<p><em>Mittwoch, 24. Juni 2009<\/em> \u2013 Der Regen l\u00e4sst allm\u00e4hlich nach, vorsichtshalber nehme ich trotzdem einen Schirm mit auf den Weg zum Waschhaus. Heute erledige ich die morgendlichen Routinen wieder im Schutz des regendichten Waschhausdaches.<\/p>\n<p>Mittags geht es mir \u00fcberdurchschnittlich gut. Mein Freund Hans aus M\u00fcnchen hat Mitleid und l\u00e4dt mich in ein M\u00fcnchner Innenstadt-Fine-Dining-Restaurant ein. Er hat wohl Sorge, ob man mir, dem Camper vom River, dort wohl auch Einlass gew\u00e4hren wird. Nicht dass er erwartet h\u00e4tte, ich k\u00e4me statt im grauen oder dunkelblauen Anzug und feiner Krawatte in Camperbekleidung, n\u00e4mlich Adiletten sockenfrei, blaue Baumwolltrainingshose leicht ausgebeult, mit ein paar Zahnpastaflecken drauf, labbriges Urlaubs-T-Shirt aus Jesolo und Caterpillar-Kappe. Nein, es geht um m\u00f6gliche eingetretene k\u00f6rperliche Ver\u00e4nderungen. Kopfbemoosung? Hunger\u00f6deme? Schwimmhautbildung an F\u00fc\u00dfen und H\u00e4nden? Geistige Verwirrnis?<\/p>\n<p>Nichts von alledem! Wenn sich auch einige Freunde ernsthaft Sorgen machten wegen meines an den Bahndamm verschleppten Wohnanh\u00e4ngers. Alles okay. Auch der Kopf! Nat\u00fcrlich hat man mich nicht zusammen mit meinem Wohnanh\u00e4nger entf\u00fchrt. Das Bahngleis ist weit. Keine Bedrohung. Aber es h\u00e4tte ja sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach ausgiebiger Begutachtung meines Zustandes steht dem geplanten Restaurantbesuch nichts mehr entgegen.<\/p>\n<p>Zuerst reichlich Fisch, was sollte ich, als einer, der am Fluss lebt, auch sonst zu mir nehmen, etwas Sauvignon Blanc vom Polz aus der S\u00fcdsteiermark und zum Abschluss noch einen Espresso; der sollte mich wachhalten bis zum heutigen Abend.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank, das hat gutgetan. Ich muss leider weiter. Notartermin in Stuttgart. Da ist pers\u00f6nliches Erscheinen notwendig. Ich parke mein Fahrzeug am M\u00fcnchner Hauptbahnhof. Inzwischen sch\u00fcttet der bayerische Himmel wieder gr\u00f6\u00dfere Wassermengen herab. Mein Kollege nimmt mich in seinem Auto mit nach Stuttgart, die R\u00fcckfahrt nach M\u00fcnchen ist per Bahn geplant.<\/p>\n<p>Und die beginnt Am Abend mit den \u00fcblichen Herausforderungen am Ticket-Automaten der Deutschen Bahn. Wie lange wirst du heute brauchen? Kommt deine Bahncard wieder raus? Wird die Kreditkarte akzeptiert? Hast du alles f\u00fcnf Mal richtig eingegeben. Wirst du mit einem g\u00fcltigen Ticket belohnt? Ja, keine Systemst\u00f6rung, alles richtig gemacht. Der Automat klopft mir anerkennend auf die Schulter. Die hinter mir Wartenden klopfen mit und seufzen erleichtert auf, auch sie haben heute noch eine Chance auf Reiseantritt.<\/p>\n<p>Der Zug kommt nicht p\u00fcnktlich, f\u00e4hrt aber p\u00fcnktlich ab. Das geht in Ordnung. Vorher war ich noch beim Burger King und habe einen USB-Stick in Form einer Pommes-T\u00fcte f\u00fcr vierneunundneunzig erstanden. Wie viel in die T\u00fcte passt? Das wei\u00df ich noch nicht.<\/p>\n<p>Ich sitze im Zug von Stuttgart nach M\u00fcnchen. Ein ganzes Abteil f\u00fcr mich. Die Sitzbank erinnert mich an meine Zugfahrten als Kind, ich erkenne den Schokoladenfleck, den ich hier vor einundf\u00fcnfzig Jahren hinterlassen habe. Die Heizung l\u00e4sst sich immer noch nicht regulieren. Im Abteil hat es tropische Temperaturen, der Schalter steht auf dem Gefrierpunkt. Daf\u00fcr knackt es alle vier Sekunden irgendwo in der Heizung. Bei einer Fahrzeit von 143 Minuten (ab 18:53 \u2013 an 21:16) knackt es also 2145mal bis M\u00fcnchen. Toll. Ich bin fasziniert.<\/p>\n<p>\u201eGuten Abend. Noch jemand zugestiegen?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Eschenbach2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-642896\" title=\"Eschenbach\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2012\/01\/Eschenbach2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><br \/>\n\u201eJa, ich.\u201c Strecke mein Ticket hin.<\/p>\n<p>Kritischer Blick und fachm\u00e4nnischer Zwick.<br \/>\n\u201eDanke sch\u00f6n, und gute Weiterreise.\u201c<\/p>\n<p>Die Pommes-T\u00fcte steckt jetzt im Computer. Sieht echt supergeil aus. Ich schreibe bis nach M\u00fcnchen. Der Tag ist eigentlich schon gelaufen, aber dann hat er doch noch was zu bieten. Oft sind es ja die kleinen Ereignisse, die das Leben so spannend machen.<\/p>\n<p>Komme leicht versp\u00e4tet so circa 21:30 am M\u00fcnchner Hauptbahnhof an. In meinem Magen knurrt es begehrlich. Ich kaufe ihm eine frische Brezel, die nicht mehr ganz frisch ist, aber wer ist noch wirklich frisch um diese Zeit. Brezel in die T\u00fcte, T\u00fcte in die Manteltasche.<\/p>\n<p>Leider muss ich den \u00fcberdachten Bahnhofsbereich Richtung Au\u00dfenparkplatz verlassen. Es regnet. So ganz fein. Ich beschleunige meine Schritte zum nahe gelegenen Parkplatz. Wo ist der Kassenautomat. Rechts neben der Garageneinfahrt, genau au\u00dferhalb der \u00dcberdachung. Wirklich geschickt angebracht.<\/p>\n<p>Ticket rein. WAOH! 48 Euro! Was? Quatsch! Kann nicht sein. Ticket raus, noch mal rein. 48 EURO. Ich dr\u00fccke die Ruftaste. Keine Antwort. Noch mal. Keine Antwort. Okay, jetzt checke ich mal die Tariftafel links der Garageneinfahrt. So klein geschrieben und nat\u00fcrlich unbeleuchtet, dass ich M\u00fche habe beim Lesen. Eine Stunde 3 Euro, ein Tag 22 Euro.<\/p>\n<p>Mein Auto steht seit 8 Stunden hier, macht maximal 22 Euro. Schei\u00dfe, da stimmt doch was nicht. Zur\u00fcck zum Automaten, Ticket rein. 48 Euro. Da steht eine Mobilnummer: \u201eW\u00e4hlen Sie bei St\u00f6rungen\u201c. Wenn das keine St\u00f6rung ist. Also krame ich mein Mobiltelefon aus der Tasche und w\u00e4hle: 0176-129669889.<\/p>\n<p>\u201eDie gew\u00e4hlte Rufnummer ist nicht vergeben\u201c, weist mich die weibliche Automatenstimme hin. \u201eBitte rufen Sie Ihre Auskunft elf-acht-drei-drei an.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0Ja, spinn ich den komplett, so ein Schei\u00dfladen. Habe ich mich im Dunkeln vielleicht vertippt. Ich gebe die Nummer erneut ein, vielleicht war da ein Neuner zu viel. Okay, jetzt klappt es. Rufzeichen. Ich warte. Nichts, keiner hebt ab.<\/p>\n<p>Ich gebe auf. Stecke Firmenkreditkarte rein. Das dauert! Was ist los, kommt die vielleicht auch wieder raus? Ich warte. Anzeige: Kreditkarte ung\u00fcltig, Fehler 912pg. Es regnet. Kreditkarte kommt aus dem Schlitz wieder zum Vorschein. Wenigstens das funktioniert.<\/p>\n<p>Okay, dann halt die private. Reingesteckt. Nichts. Same procedure. Kreditkarte ung\u00fcltig, Fehler soundso. Karte raus.<\/p>\n<p>Also dann bleibt nur noch das Bargeld. 50-Euro-Schein in den Geldschlitz: Rein und gleich wieder raus. Okay, Entschuldigung, jetzt muss es raus: So ein Oberschei\u00dfdrecksautomat, so eine beschissene Dreckskiste. Ich drehe den Schein um, noch mal rein, wieder raus.<\/p>\n<p>Halt, jetzt sehe ich was im Halbdunkel. Der nimmt nur F\u00fcnfer, Zehner und Zwanziger. Ja Himmelkreuzkruzifix. Hab ich nicht. Da muss ich wohl zur\u00fcck in den Bahnhof zum Wechseln.<\/p>\n<p>Ich gehe los, da sehe ich links neben der Einfahrt zu den Au\u00dfenparkpl\u00e4tzen noch ein Schild mit Tarifen. Und ich kanns kaum glauben. Kurzparker. 20 Minuten 2 Euro, macht 6 Euro die Stunde, macht in 8 Stunden: 48 EURO! Ja, so eine Pisse. Was hilft\u2019s, das habe ich beim Einfahren, m\u00f6glicherweise wegen des heftigen Regengusses, einfach nicht gesehen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in den Bahnhof. Dort in den ersten Laden: Burger King. Mein neuer Lieblingsladen, du kriegst dort alles, was du brauchst: Cola, Wraps, Burger, USB-Sticks, hoffentlich auch Wechselgeld.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich schon an der Reihe.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten Sie mir bitte den F\u00fcnfziger wechseln? Ich muss mein Parkticket zahlen.<\/p>\n<p>Ja gern, aber die Kasse ist zu, Sie m\u00fcssen bis zum n\u00e4chsten Kunden warten.<\/p>\n<p>Okay, okay. Haben Sie vielleicht einen Coca-Cola-USB-Stick f\u00fcr vierneunundneunzig?<\/p>\n<p>Haben wir USB-Sticks? (Ruf nach hinten)<\/p>\n<p>Nein, alles weg.<\/p>\n<p>Schade.<\/p>\n<p>N\u00e4chster Kunde: Double Big Burger, Cola XXXL, Chicken Wrap und was wei\u00df ich noch alles.<\/p>\n<p>Zack, die Kasse geht auf. Zwei Zwanziger, ein Zehner.<\/p>\n<p>\u00c4ih toll! Superfreundlich, danke und tsch\u00fcss.<\/p>\n<p>Raus in den Nieselregen, zum Kassenautomat. Zwanziger rein und wieder raus. Die jetzt von mir ausgesto\u00dfenen Fl\u00fcche \u00fcbersteigen die Vorstellungskraft eines anst\u00e4ndigen deutschen Lesers bei Weitem. Sie sind nicht erwachsenenfrei und auch nicht aufschreibbar. Kreuzverfluchteroberschei\u00dfdreck.<\/p>\n<p>Versteckte Kamera? Hat man mich schon entdeckt, den komischen Rivercamper? Ich kann nichts feststellen.<\/p>\n<p>Try-and-error-Versuche. Irgendwann ist das Schei\u00dfgeld endlich drin und das bezahlte Ticket wieder da. 30 Minuten Zahlvorgang, 30 Minuten Lebenszeit vergeudet und um eine Geschichte reicher. Wie sch\u00f6n kann das Leben sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1866\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/hankes-boersen-bibliothek\/files\/2011\/10\/twitter.jpg\" alt=\"\" width=\"25\" height=\"30\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Eschenbach wagte den Selbstversuch: statt zu Beginn einer neuen Aufgabe in einer fremden Stadt &#8211; in M\u00fcnchen &#8211; in ein Boarding-House, eine m\u00f6blierte Wohnung\u00a0oder ein Hotel zu ziehen, nistete er sich lieber auf dem Campingplatz Thalkirchen ein. 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