{"id":639039,"date":"2010-09-05T16:08:00","date_gmt":"2010-09-05T14:08:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/?p=639039"},"modified":"2010-09-05T16:08:00","modified_gmt":"2010-09-05T14:08:00","slug":"niedlicher-arzte-lobbyisten-alarm-wegen-mediziner-exodus-da-muss-man-mal-dran-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/09\/05\/niedlicher-arzte-lobbyisten-alarm-wegen-mediziner-exodus-da-muss-man-mal-dran-arbeiten\/","title":{"rendered":"Niedlicher \u00c4rzte-Lobbyisten-Alarm wegen Mediziner-Exodus: &#8222;Da muss man mal dran arbeiten.&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"subheader\">Da &#8222;warnen&#8220; Bundes\u00e4rztekammer und Kassen\u00e4rztliche Bundesvereinigung vor drohendem \u00c4rztemangel mit &#8222;alarmierenden&#8220; Zahlen. Schon jetzt seien 5000 Stellen unbesetzt. Der Vizepr\u00e4sident der Bundes\u00e4rztekammer Frank Ulrich Montgomery erwartet gar &#8222;Wartelistenmedizin&#8220; &#8211; und sie belegen das mit einer neuen Arztzahlstudie. Ausgerechnet diese beiden Institutionen. Da reibt man sich die Augen und fragt sich, auf welchem Stern die Lobbyisten denn die ganzen Jahre wohl gelebt haben.<!--more--> Denn: \u00dcberraschend sind die\u00a0 Zahlen jetzt keineswegs, sondern sie sind seit Jahren klar.<\/div>\n<div>Als Ursache machen die Herren &#8211; nur f\u00fcr sie selbst vermutlich wiederum \u00fcberraschend &#8211; die hohe Abwanderungsquote frisch ausgebildeter \u00c4rzte aus. So, als ob jene aus purer B\u00f6swilligkeit verschw\u00e4nden und nicht selbst lieber in ihrer Heimat arbeiten w\u00fcrden. So, als lerne man mal so eben im Vorbeigehen eine schwierige Sprache wie norwegisch und nimmt ohne handfeste Gr\u00fcnde all die M\u00fchen so einer Umsiedlung samt seiner Familie auf sich.<\/div>\n<div>Immerhin schwant dem Chef der Kassen\u00e4rztlichen Bundesvereinigung Andreas K\u00f6hler, dass die stetige Abwanderung zum Beispiel etwas damit zu tun haben k\u00f6nnte, dass hierzulande der Job als Arzt mit einer Familie nur sehr schwer zu vereinbaren ist. Da hat er wohl recht, vor allem gemessen an den Nordl\u00e4ndern. Die machen erfolgreich vor, dass Arztberuf und Familie sehr wohl vereinbar sind. Doch sein einziger L\u00f6sungsvorschlag &#8211; f\u00fcr das ebenfalls altbekannte Problem &#8211; lautet: Man m\u00fcsse daran arbeiten.<a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/politik\/deutschland\/Gibt-es-in-Deutschland-bald-zu-wenig-Aerzte_aid_902076.html?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=politik\">http:\/\/www.rp-online.de\/politik\/deutschland\/Gibt-es-in-Deutschland-bald-zu-wenig-Aerzte_aid_902076.html?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=politik<\/a><\/div>\n<div>Was er damit wohl meint? Die Patienten und die Leser dieser Uralt-News d\u00fcrfen r\u00e4tseln.<\/div>\n<div>Auf die Idee, dass auch sie als Lobbyisten mit der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte etwas zu tun haben, kommen sie offenbar nicht. Ich frage mich: Wer, wenn nicht die eigenen Standesvertreter soll sich sonst um derlei Missst\u00e4nde k\u00fcmmern? Sind sie es nicht, die Fehlentwicklungen der Branche seit Jahrzehnten tatenlos zusehen?<\/div>\n<div>Die unmenschlichen Hierarchien im Krankenhausalltag sind ein Minuspunkt in Deutschland, der in den Kliniken anscheinend nicht auszumerzen ist. Eine Krankenschwester erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, wie entsetzt ein Mediziner  aus einem der Nordl\u00e4nder war, den sie bei einer Hospitanz hier in  Deutschland kennen lernte: der hatte Null Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die straffe  Hierarchie im deutschen Krankenhausalltag. Wo nicht mal die \u00c4rzte  untereinander auf Augenh\u00f6he miteinander umgehen &#8211; geschweige denn die  Mediziner und die Patienten. Soll man da nach heutigem  Demokratieverst\u00e4ndnis gerne arbeiten? Wenn man nach zehn Jahren  Investition in eine Ausbildung sich mit gut 30 Jahren dann ganz selbstverst\u00e4ndlich wie ein Dummie abkanzeln lassen  muss. Bei der Visite etwa, vor versammelter Mannschaft und Patienten obendrein?  Da kommt eins zum anderen und irgendwann hat auch der idealistischste  junge Arzt die Nase voll.<\/div>\n<div>Ein anderer handfester Grund ist die ungerechte Verg\u00fctung niedergelassener \u00c4rzte mit unerkl\u00e4rlichen Differenzen von Quartal zu Quartal, von Bundesland zu Bundesland und zwischen Operierenden und nicht-operierenden \u00c4rzten. Da bekommt ein Augenarzt im\u00a0 Bezirk Nordrhein sage und schreibe 16,03 Euro Flatrate &#8211; f\u00fcr drei Monate Behandlung eines Patienten &#8211; egal ob der ein, drei oder zehnmal kommt. Egal ob er mit einem teueren Ger\u00e4t einmal oder von mehreren mehrmals behandelt wird. Stellen sie mal solche Anspr\u00fcche an einen Taxifahrer oder den n\u00e4chsten Pizzab\u00e4cker. Operationen werden da deutlich besser bezahlt.<\/div>\n<div>Und so kommt es &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; , dass europaweit in Deutschland die meisten Operationen, durchgef\u00fchrt werden. Ob n\u00f6tig oder nicht, der Quersubventionierung des defizit\u00e4ten Bereichs konservative Behandlung dient es allemal. Und den braucht eine moderne Gro\u00dfpraxis eben als Pool, um sich daraus die zu-Operierenden herauszupicken. Alles klar? Ob`s die Patienten freut, fragt ohnehin niemand.<\/div>\n<div>Und werden dann mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit angebliche \u00c4rzteeinkommen &#8211; sch\u00f6n gestaffelt nach Arztgruppen\u00a0 &#8211; ver\u00f6ffentlicht, wird auch noch sch\u00f6n Stimmung gegen die mediziner gemacht &#8211; oft genug unbeabsichtigt: Wenn operierende und nicht operierende \u00c4rzte in einen Topf geworfen werden und dann der durchschnitt als Durchschnitt verkauft wird, ist klar, wenn den Nicht-operierenden, die die eigentliche t\u00e4gliche Betreuung der Patienten erldigen, schwer unrecht getan wird. Als n\u00e4chstes wird oft genug der Praxisumsatz als Arzteinkommen genannt &#8211; von dem dann nicht nur ein Arzt, sondern auch noch mehrere Helferinnen leen, Miete bezahlt wird, Ger\u00e4te angeschafft und teuer gewartet undundund.<\/div>\n<div>Zuguterletzt wird dann, wenn man irgendwie auf ein mutmassliches Arzteinkommen kommt, v\u00f6llig vergessen, dass der Vergleich mit dem Bruttogehalt eines Angestellten nur begrenzt taugt: Fehlt doch bei dem Angestelltengehalt der Betrag, den er gar nicht sieht, den der Arbeitgeber f\u00fcr ihn aber trotzdem\u00a0 monatlich abf\u00fchrt: Lohnnebenkosten genannt. Der halbe Beitrag etwa f\u00fcr die Krankenversicherungspr\u00e4mie etwa undsoweiter. Den muss ein Arzt ja auch aufbringen und als Altersvorsorge als Zwangsabgabe zahlen &#8211; nur den teilt kein Arbeitgeber mit ihm, den muss er alleine erwirtschaften und ist deshalb entsprechend h\u00f6her.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Doch weiter im Text:<\/div>\n<div>2 500 Jungmediziner sind allein 2009 ins Ausland ausgewandert, rechnen die Lobbyisten jetzt entsetzt vor, insgesamt seien rund 17 000 deutsche \u00c4rzte im Ausland &#8211; statt in der Heimat, wo sie nun fehlen w\u00fcrden. Auch das ist wiederum altbekannt: Wenn schon nordische L\u00e4nder seit Jahren eine eigene Anwerbestellen in Hamburg unterh\u00e4lt oder lange bekannt ist, dass jeder zehnte Arzt in der Schweiz zum Beispiel Deutscher ist. Nun wird Andreas K\u00f6hler wenigstens deutlich, nur leider nicht konkreter: Man m\u00fcsse daran arbeiten, dass sich die Arbeitsbedingungen bessern.<\/div>\n<div>Das sind zumindest neue T\u00f6ne.<\/div>\n<div>Wurden deutsche \u00c4rzte mal aufm\u00fcpfig, so konterten die eigenen Lobbyist bislang damit, dann w\u00fcrde man eben \u00c4rzte aus anderen L\u00e4ndern hierher holen.<\/div>\n<div>Doch diese Gastarbeiter-Taktik scheint das Problem nicht gel\u00f6st zu haben: Sprachprobleme, schlechtere Ausbildung und gar nicht genug Kandidaten, die hierher wollen, waren die Gr\u00fcnde. Mal ganz zu schweigen davon, wie moralisch es ist, anderen L\u00e4ndern die \u00c4rzte wegnehmen zu wollen &#8211; nur um die eigenen \u00c4rzte nicht so behandeln zu m\u00fcssen, dass sie zufrieden sind.<\/div>\n<p>In Gro\u00dfbritannien ist die \u00c4rzteknappheit so dramatisch, dass sich Online-Behandlung fest etabliert hat. Vielleicht m\u00f6gen sich die deutschen \u00c4rzte in der Schweiz, Norwegen oder sonstwo auf der Welt ja dann auch noch was hinzu verdienen &#8211; durch Internet-Behandlung deutscher Patienten. Die verstehen wenigstens ihre Sprache. Sp\u00e4testens wenn die Patienten keine andere Wahl mehr haben,\u00a0 m\u00fcssen sie sich dran gew\u00f6hnen. So wie die Briten auch. <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/gesundheit\/news\/Was-Online-Aerzte-taugen_aid_901597.html\">http:\/\/www.rp-online.de\/gesundheit\/news\/Was-Online-Aerzte-taugen_aid_901597.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da &#8222;warnen&#8220; Bundes\u00e4rztekammer und Kassen\u00e4rztliche Bundesvereinigung vor drohendem \u00c4rztemangel mit &#8222;alarmierenden&#8220; Zahlen. Schon jetzt seien 5000 Stellen unbesetzt. Der Vizepr\u00e4sident der Bundes\u00e4rztekammer Frank Ulrich Montgomery erwartet gar &#8222;Wartelistenmedizin&#8220; &#8211; und sie belegen das mit einer neuen Arztzahlstudie. 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