{"id":638830,"date":"2010-07-11T13:43:15","date_gmt":"2010-07-11T11:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/?p=638830"},"modified":"2010-07-11T13:43:15","modified_gmt":"2010-07-11T11:43:15","slug":"family-business-bei-sarar-wie-das-turkische-modelabel-seinen-konzern-managed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/07\/11\/family-business-bei-sarar-wie-das-turkische-modelabel-seinen-konzern-managed\/","title":{"rendered":"Family-Business bei Sarar: Wie das t\u00fcrkische Modelabel seinen Konzern managed"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"\/Users\/CLAUDIA\/AppData\/Local\/Temp\/moz-screenshot.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Sarar ist in der T\u00fcrkei mit Abstand der gr\u00f6\u00dfte Textilproduzent und das  bekannteste Modelabel. Das Familienunternehmen hat \u00fcber 5\u00a0000 Besch\u00e4ftigte und  beliefert Marken wie Esprit oder Tommy Hilfiger. An die Spitze der  weltweit t\u00e4tigen Firma trat k\u00fcrzlich der 32-j\u00e4hrige  Firmenspross Emre, der schon mit zehn Jahren bei Vorstandssitzungen  dabei war. Sarar ist das typische Beispiel f\u00fcr ein t\u00fcrkisches Familienunternehmen, das andere Spielregeln hat als deutsche Familienunternehmen: Hier herrscht der Grundsatz, Familie geht vor. <!--more--><\/p>\n<p>Mit zehn Jahren musste Emre Sarar schon mit zu den  Vorstandssitzungen. Sein Vater schleifte ihn mit in die entscheidenden  Gremien des t\u00fcrkischen Familienunternehmens, obwohl er damals \u201enichts  verstand\u201c, erinnert sich der 32-J\u00e4hrige noch heute. Der Kleine musste  still dabeisitzen und zuh\u00f6ren. Damit nicht genug: Emre musste \u00fcberall in  der Firma mit ran. Packen, b\u00fcgeln, n\u00e4hen und putzen. Waren Schulferien  und seine Freunde durften an den Strand, rackerte Emre am Tag im Betrieb  \u2013 und sa\u00df dann abends in Meetings.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-638833\" src=\"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/files\/2010\/07\/ShowImage.aspx_.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"168\" \/> Sarar ist in der T\u00fcrkei mit Abstand der gr\u00f6\u00dfte Textilproduzent und  das bekannteste Modelabel. Andere Produzenten sind Orka Group, AVVA oder  Damat, die aber deutlich kleiner sind. Auch international hat Sarar  einen viel h\u00f6heren Stellenwert. Das Unternehmen besch\u00e4ftigt immerhin 5  500 Mitarbeiter und beliefert mit seinen Anz\u00fcgen und Hemden  internationale Marken wie Esprit, Marc O\u2019Polo oder Tommy Hilfiger und  fr\u00fcher auch Hugo Boss. Die Stoffe kommen aus Italien von Herstellern wie  Cegna oder Cerruti. Und doch ist Sarar ein Familienunternehmen, das  nach sehr eigenen Spielregeln gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>\u201eHeute verstehe ich, warum mein Vater mich so erzogen hat\u201c, erz\u00e4hlt  Emre Sarar. Und er sei \u201egl\u00fccklich dar\u00fcber, weil es eine  Langfrist-Investition\u201c f\u00fcr ihn war. Nicht nur weil er heute genau wei\u00df,  wie viele Anz\u00fcge auf eine Stange passen: Es sind 70. Mit 14 musste er  mal einen Lkw alleine entladen. 26 Stunden hat er gebraucht, das wei\u00df er  noch heute. Eine Investition war auch seine Zeit im Schweizer Internat \u2013  zum Kummer seiner Mutter, weil er doch noch so klein war. Oder das  Wirtschaftsstudium in Springfield\/Ohio. Mitten in der Pampa sollte er in  Ruhe lernen: Deutsch und Englisch. Wollte Emre nach Florida, so verbot  ihm das sein Vater: \u201eKeine Ablenkung\u201c war die Devise. Weil Emre die  Flugzeit nach Hause zu lang war, entschied er sich nach dem Studium  gegen die USA und ging lieber nach Deutschland, um von D\u00fcsseldorf aus  das Firmengesch\u00e4ft \u2013 Sarar Europe \u2013 auszubauen.<\/p>\n<p>In den vergangenen zehn Jahren er\u00f6ffnete Emre in Deutschland drei  Stores und gewann Kunden wie Cinque und Burberry. \u201eDer Name Sarar wurde  zum Begriff f\u00fcr hochwertige Mode\u201c, zollt ihm Petra Wassner,  Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft NRW Invest,  Respekt.<\/p>\n<p>Deshalb beriefen ihn auch Anfang dieses Jahres sein Vater und seine  beiden Onkel als CEO an die Unternehmensspitze. Jedenfalls nach au\u00dfen \u2013  und formal. Denn intern sitzen im Board der Firma sein Vater Celaleddin,  61, und seine Onkel Sebahattin, 52, und Cemalettin, 65 \u2013 und die haben  intern das Sagen.<\/p>\n<p>\u201eT\u00fcrkische Familienunternehmen wie wir denken in  50-Jahres-Zeitr\u00e4umen\u201c, erz\u00e4hlt Emre. Deutsche Familienunternehmer denken  in 15-Jahres-Zeitr\u00e4umen, vergleicht Tom R\u00fcsen,  Familienunternehmen-Experte an der Uni Witten-Herdecke. Kommt es  zwischen Emre und seinem Bruder zu Zwistigkeiten, hat er als \u00c4lterer das  letzte Wort. So wie bei seinem Vater und dessen Br\u00fcdern. Sebahattin ist  also Sarars graue Eminenz \u2013 egal, wie die Firmierung aussieht.<\/p>\n<p>Ihr Leben ist das Unternehmen: Alle drei Altvorderen beginnen ihre  Arbeit morgens fr\u00fch um halb sieben und verlassen als Letzte die Firma  nach 22 Uhr. Wochenende? Fehlanzeige. Jede Entscheidung \u2013 von der  Auswahl eines Prospekt-Papiers bis zur Suppe in der Firmenkantine \u2013  behalten sich die drei vor. So kann es passieren, dass der 65-j\u00e4hrige  Cemalettin dort zum Kochl\u00f6ffel greift und w\u00fcrzt. Oder dass er ein Auto  auf dem Hof putzt, w\u00e4hrend die Fahrer drum herum sitzen \u2013 und sich  notieren, wie sie diese Arbeit zu erledigen haben.<\/p>\n<p>Sarar produziert in Eskisehir \u2013 die Stadt mit 620\u00a0000 Einwohnern  liegt 200 Kilometer von Istanbul entfernt in Anatolien. Dort sind ihre  Fabriken und auch drei Einkaufscenter. Zudem betreibt Sarar 180  Modegesch\u00e4fte in 28 L\u00e4ndern. Zwar sind mit 87 Shops die meisten in der  T\u00fcrkei, doch die Internationalisierung geht voran. In Deutschland sind  Sarar-Shops in Berlin, Frankfurt und D\u00fcsseldorf. Emres Ziel: 2020 sollen  es weltweit 500 L\u00e4den sein.<\/p>\n<p>Begonnen hatte alles vor 66 Jahren in einem zw\u00f6lf Quadratmeter gro\u00dfen  Schneiderladen. Da n\u00e4hte Opa Abdurrahman zusammen mit seiner Frau  Anz\u00fcge. Heute verlassen t\u00e4glich 4\u00a0500 Anz\u00fcge, 1\u00a0000 M\u00e4ntel und 7\u00a0500  Hemden die Fabrik. Und es gibt eine Damenlinie, Strickwaren, Schuhe,  Socken, Taschen und G\u00fcrtel. Bald sollen Parfums und Kosmetik folgen.  Dazu geh\u00f6ren heute aber auch Tankstellen, Versicherungen, eine IT-Firma,  Autoh\u00e4user, eine Immobilienfirma und ein Hotel. Als der Opa vor 27  Jahren starb, arbeiteten bei Sarar erst 200 Mitarbeiter, die 100 Anz\u00fcge  am Tag n\u00e4hten. Heute macht Sarar 200 Millionen Euro Umsatz. \u00dcber den  Gewinn \u2013 typisch Familienbetrieb \u2013 wird nichts verraten.<\/p>\n<p>Ebenso typisch: \u201eT\u00fcrkische Familienunternehmen versorgen rigoros  zuerst alle Familienmitglieder und verschaffen ihnen Posten\u201c, wei\u00df Arist  von Schlippe, ebenfalls Familienexperte und Professor an der Uni  Witten-Herdecke. Bei Sarar leitet Emres Schwester G\u00f6zde, 35, Marketing,  Produktion, Verkauf und Werbung. Sein Bruder Emir, 26, f\u00fchrt jetzt das  Deutschland-Gesch\u00e4ft. Und es gibt zwei Cousinen Anfang 20, deren Vater  Onkel Sebahattin ist. Auch die werden \u2013 ganz nach der Familientradition \u2013  \u00fcber kurz oder lang in den Betrieb einsteigen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die eigenen Kinder versorgt das Familienunternehmen.  \u201eWir investieren auch in die Mitarbeiterkinder, bezahlen ihnen  Schulgeld, B\u00fccher oder ihr Studium\u201c, erz\u00e4hlt Emre. Denn: \u201eDas ist viel  Geld, aber es sind ja unsere Kinder.\u201c Seine Kinder? Ja, er meint das  genau so, wie er es sagt: Familie Sarar betrachtet die Mitarbeiter als  Familienangeh\u00f6rige. Arbeiten doch viele von denen schon in zweiter oder  dritter Generation bei ihnen.<\/p>\n<p>Was Emre Sarars Vision ist? Sein Traum ist, \u201ein Eskisehir eine  Universit\u00e4t zu bauen\u201c, erz\u00e4hlt er voll Stolz. Und ganz abwegig erscheint  die Erf\u00fcllung des Traums auch nicht zu sein: Zwei Volksschulen hat das  Familienunternehmen in Eskisehir schlie\u00dflich schon gebaut.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<div>\n<div>\n<p><em><strong>Beispiel Familienunternehmen Sarar aus der T\u00fcrkei:<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Zuerst bekommen alle Familienmitglieder einen Job<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Etliche Kinder von Familienunternehmern studieren am Lehrstuhl  f\u00fcr  Familienunternehmen an der Universit\u00e4t Witten-Herdecke, die sich  darauf  vorbereiten, die Firma ihrer Eltern eines Tages fortzuf\u00fchren.  Dabei  sind auch Kinder ausl\u00e4ndischer Familienunternehmen wie zum  Beispiel aus  der T\u00fcrkei.<\/p>\n<\/div>\n<p><!-- Start Artikel --><\/p>\n<div>\n<div>\n<p>Tom R\u00fcsen, Wissenschaftler am Lehrstuhl f\u00fcr  Familienunternehmen  beobachtet: T\u00fcrkische Studentinnen sind hier in  Deutschland &#8222;sehr  emanzipiert, autark, autonom und sehr modern. Doch  sobald bei ihnen  daheim in der T\u00fcrkei hinter ihnen die T\u00fcr ins Schloss  f\u00e4llt, sind sie  wieder in der traditionellen Position als Tochter des  Hauses. Dann haben  sie relativ wenig zu sagen. Insbesondere gegen\u00fcber  dem Vater und den  Br\u00fcdern haben sie es schwer.&#8220; Das Muster sei  klassisch: Gelebt werden  nach wie vor archaische Familienstrukturen.<\/p>\n<p>Der Konflikt liegt darin, dass die Kinder hervorragend ausgebildet   sind nach westlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, sich aber dennoch zu Hause archaischen   Strukturen unterwerfen m\u00fcssen. Insoweit widersprechen sich die Logiken   der beiden Sozialsysteme: Die Familienlogik sagt, dass der \u00c4lteste den   h\u00f6chsten Rang hat. Die Logik des Familienunternehmens jedoch definiert   den Rang \u00fcber die Position &#8211; und da hat der CEO die h\u00f6chste.<\/p>\n<p>&#8222;Dann verschwimmen die Logiken auf unklare Weise miteinander, wenn   die Position des CEO besetzt ist, aber in der Familienlogik der   Familien\u00e4lteste das Sagen hat&#8220;, erkl\u00e4rt Arist von Schlippe, Professor an   der Uni Witten Herdecke.<\/p>\n<p>Sind nach t\u00fcrkischen Gepflogenheiten die \u00c4ltesten der Familie   diejenigen, die tats\u00e4chlich die Entscheidungen in der Firma f\u00e4llen, so   sind sie durchaus vergleichbar mit deutschen Familienunternehmen und   Pionieren der ersten Generation &#8211; die nicht loslassen k\u00f6nnen. Selbst   wenn der Senior die Befugnisse formal abgegeben hat, mischt er sich noch   st\u00e4ndig ein. Dann sitzt er beispielsweise im Beirat und redet bei  allem  mit &#8211; doch der Sohn bremst ihn nicht, obwohl er als  Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer  verantwortlich und haftbar ist. Wer dagegen in dritter  Generation  Familienunternehmer ist, der l\u00e4sst eher los, beobachtet der   Wissenschaftler. &#8222;Und obendrein ist es oft problematisch, wenn der   Senior an den Erfolgsrezepten von vor 40 Jahren festhalten will&#8220;, so   R\u00fcsen.<\/p>\n<p>Von Schlippe erg\u00e4nzt: &#8222;W\u00e4chst dann das Unternehmen und es wird zum   Beispiel aus einer kleinen Schmiede ein gro\u00dfes Walzwerk, dann steigt die   Komplexit\u00e4t &#8211; aber die Mittel, mit denen diese Komplexit\u00e4t gehandhabt   wird, sind dieselben wie im Ehestreit&#8220;. Als Kehrseite der Medaille   werden in t\u00fcrkischen Familienunternehmen auch rigoros alle   Familienmitglieder versorgt, erz\u00e4hlt R\u00fcsen: &#8222;Da werden eher Leute in   Position gehoben, allein weil sie Familienmitglieder sind. In   Deutschland w\u00fcrde mittlerweile demgegen\u00fcber \u00f6fter nach Kompetenz und   nicht nach Herkunft eingestellt &#8211; was in der T\u00fcrkei vielfach Befremden   ausl\u00f6sen w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sarar ist in der T\u00fcrkei mit Abstand der gr\u00f6\u00dfte Textilproduzent und das bekannteste Modelabel. Das Familienunternehmen hat \u00fcber 5\u00a0000 Besch\u00e4ftigte und beliefert Marken wie Esprit oder Tommy Hilfiger. 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