{"id":638819,"date":"2010-07-08T22:17:42","date_gmt":"2010-07-08T20:17:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/?p=638819"},"modified":"2010-07-08T22:17:42","modified_gmt":"2010-07-08T20:17:42","slug":"gastbeitrag-vom-autor-lars-reppesgaard-wenn-nur-ingeniere-google-fuhren-und-mit-strenger-denke-schon-mal-die-realitat-ubersehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/07\/08\/gastbeitrag-vom-autor-lars-reppesgaard-wenn-nur-ingeniere-google-fuhren-und-mit-strenger-denke-schon-mal-die-realitat-ubersehen\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag vom Autor Lars Reppesgaard: Wenn nur Ingenieure Google f\u00fchren &#8211; und mit strenger Denke schon mal die Realit\u00e4t \u00fcbersehen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: x-small\">Der Google-Chefentwickler Don Dodge gew\u00e4hrt k\u00fcrzlich  einen interessanten Einblick in das Arbeitsleben und das  Selbstverst\u00e4ndnis von Google. Sein Fazit: Die Ingenieure regieren \u2013 und  das ist auch gut so.\u00a0 Dabei weist Googles F\u00fchrungs- und Managementmodell  eklatante Schw\u00e4chen auf.<!--more-->Obwohl Verleger, Werbeagenturen, Handelsunternehmen und  Navigationsger\u00e4tehersteller miterleben, wie Google ihre  Gesch\u00e4fte durcheinander wirbelt und viele andere Branchen davor zittern,  dass sie ins Visier der Entscheider in Mountain View gelangen, ist  deutlich: Google gelingt nicht alles, wie in paar Beispiele zeigen.<br \/>\n1. Google baut mit Buzz einen Kommunikationsdienst auf, der per  Grundeinstellung eigenen Google Mail-Kontakte sichtbar f\u00fcr Dritte waren  und den selbst ein keineswegs technologie-skeptischer Beobachter wie  Robert Basic als \u201eIngenieursbrei\u201c bezeichnete.<br \/>\n2. Google startete vollmundig den Verkauf eines eigenen Smartphones \u00fcber  einen eigenen Online-Shop, das nur wenige Kunden fand und gnadenlos  Googles Defizite im Bereich von Kundendienst und Vertrieb aufzeigte.  Sang- und klanglos verabschiedete sich Google von diesem Experiment.<br \/>\n3. Google stie\u00df Politik und \u00d6ffentlichkeit in Deutschland vor den Kopf,  weil das Unternehmen ihnen nicht zum richtigen Zeitpunkt die zust\u00e4ndigen  Datensch\u00fctzer in angemessener Form dar\u00fcber informierte, dass man bei  Street View nicht nur Fotos schie\u00dft, sondern auch WLAN-Daten einsammelt.  Schlimmer noch: Google sammelte aufgrund von technischen Fehlern bei  seinen Street View-Fahrten Passw\u00f6rter, E-Mails und anderen pers\u00f6nliche  Daten\u00a0 ein und entdeckte dies aufgrund von lausigen internen  Revisionsprozessen nicht.<br \/>\nDrei Fehler \u2013 eine Ursache: Dodges Blog-Eintrag zeigt anschaulich, warum  Google aufgrund seines F\u00fchrungs- und Managementmodells geradezu dazu  verdammt ist, Fehler zu machen und sie immer wieder zu wiederholen.<br \/>\n\u201eDie Atmosph\u00e4re bei Google stahlt Selbstvertrauen, Erfolg, Optimismus,  Hingabe, harte Arbeit und Gewinnen aus. Es ist das \u00c4quivalent des  Arbeitsleben zum Mitspielen bei den New England Patriots* und zum  Gewinnen des Super Bowls. Diese Atmosph\u00e4re des Gewinnens sorgt daf\u00fcr,  dass jeder noch h\u00e4rter arbeitet und mehr erreicht, als er das anderswo  tun k\u00f6nnte\u201c, schreibt er.<br \/>\n\u00dcber die F\u00fchrungskultur beim Onlineriesen sagt er: \u201eDie Ingenieure  regieren!\u201c, wobei vor allem Programmierer \u2013 Software Engenieers \u2013  gemeint sind. \u201eIngenieure findet man auf allen Ebenen bei Google, das  f\u00e4ngt an der Spitze an. Fast alle im Top-Management bei Google haben  einen Ingenieurs-Hintergrund.\u201c Das gelte auch f\u00fcr Bereiche wie  Marketing, Vertrieb, Gesch\u00e4ftsentwicklung und Produktmanagement, bei  denen ein Informatikabschluss ja eigentlich nicht zwingend die  Vorrausetzung daf\u00fcr ist, in diesem Bereich qualifiziert zu sein.<br \/>\n\u201eDer Ingenieurs-Hintergrund bringt eine Strenge in die Prozesse, die  Annahmen hinterfragt und genaue Daten f\u00fcr den Entscheidungsprozess  verlangt. Das hei\u00dft nicht, dass jede Entscheidung perfekt sein wird,  aber sie wird auf Grundlage von Daten getroffen &#8230; nicht Meinungen.\u201c<br \/>\nNun ist es eine Sache, Dinge aufgrund einer m\u00f6glichst guten  Informationsgrundlage zu entscheiden. Was aber, wenn aber in einem  Umfeld, das ohnehin von Technologieeuphorie und der Auffassung, dass  alles machbar (und beherrschbar) ist, Zahlen grunds\u00e4tzlich eine gr\u00f6\u00dfere  Bedeutung beigemessen wird als Bauchgef\u00fchl, Empathie oder Argumente, die  auf philosophischen, sozialen oder politischen \u00dcberlegungen fu\u00dfen?<br \/>\nDann sehen Entscheider mitunter den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht, weil  nur eine Art des Diskurses erlaubt ist und der gesunde Menschenverstand  und das Bauchgef\u00fchl wenig Platz haben.<br \/>\nDer US-Werbeprofi Chris Matyszczyk f\u00fchrte als Beispiel den Besuch eines  Google-Manager in einer Pariser B\u00e4ckerei an.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/mail.vhb.de\/exchweb\/bin\/redir.asp?URL=http:\/\/news.cnet.com\/8301-17852_3-20008253-71.html\" target=\"_blank\">http:\/\/news.cnet.com\/8301-17852_3-20008253-71.html<\/a><br \/>\nEr fragte sich, was passieren w\u00fcrde, wenn ein Google-Manager herausfinden w\u00fcrde, dass der B\u00e4cker der k\u00f6stlichen Pastete, die er gerade  verzehrt, nur einen Abschluss in Arch\u00e4ologie h\u00e4tte. \u201e Ein echter Googler  w\u00fcrde dann nat\u00fcrlich die Paste weglegen und aus der B\u00e4ckerei gehen. Das  zumindest ist doch, was die Daten ihm raten w\u00fcrden, oder?\u201c<br \/>\nGoogle stellt die Objektivit\u00e4t \u00fcber alles. Aber in der Praxis gibt es  keine totale Objektivit\u00e4t, und Google sucht sie auch nicht, sondern  blendet bestimmte Wissenssph\u00e4ren, etwa die Geisteswissenschaften,  gezielt aus. Nicht umsonst weist der Managementberater Carsten Deckert <a href=\"https:\/\/mail.vhb.de\/exchweb\/bin\/redir.asp?URL=http:\/\/www.carsten-deckert.de\/2009\/10\/28\/knowledge-watch-gef%25C3%25A4hrliches-halbwissen\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.carsten-deckert.de\/2009\/10\/28\/knowledge-watch-gef%C3%A4hrliches-halbwissen\/<\/a><br \/>\ndarauf hin, dass man \u201eWissen, das nicht \u00fcber alle Wissensarten  ausgepr\u00e4gt ist\u201c,\u00a0 gemeinhin als Halbwissen bezeichnet.<br \/>\nDie Entscheidungen bei Google k\u00f6nnen au\u00dferdem falsch sein, weil die  Datenbasis fehlerhaft ist. Um etwa die Kosten von Googles Buchsuche zu  kalkulieren, scannten etwa Gr\u00fcnder Larry Page und Topmanagering Marissa  Mayer per Hand B\u00fccher ein und versuchten anhand des Aufwands zu  errechnen, was der Scan von 10 Millionen B\u00fcchern kosten w\u00fcrde. Mit  realen Kalkulationen hat so ein Verfahren nat\u00fcrlich nichts zu tun. Aber  irgendeine Zahl steht wenigstens am dem Bildschirm, wenn das Projekt  pr\u00e4sentiert wird.<br \/>\nDie Ergebnisse des Google-Halbwissens, dieses zu kurzen Denkens, zeigen  sich in der bereits umfangreichen Diskussion rund um Street View, oder  Form der gefloppten Google-Produkte. Auch dass technische Brillanz nicht  ausreicht, um ein Telefon zu vermarkten, dass auch Marketing, ein guter  Vertrieb und ein zuverl\u00e4ssiger Kundenservice, der sich auf mehr als nur  auf ein paar FAQs beschr\u00e4nkt, h\u00e4tte man ebenfalls vorher wissen k\u00f6nnen.<br \/>\nWenn Googles Ingenieurskult nur die Folge h\u00e4tte, dass das Unternehmen  bei ein paar Produkten daneben liegt, w\u00e4re es ein internes  Unternehmensproblem. Doch das, was Google tut, hat Folgen f\u00fcr viele ganz  reale Menschen, etwa die, die Google Informationen \u00fcber sich anvertraut  haben.<br \/>\nGoogle bedachte beispielsweise nicht, dass nicht alle Menschen davon  profitieren, wenn ihre Mailkontakte ohne Vorank\u00fcndigung per Default f\u00fcr  alle Buzz-Nutzer sichtbar sind &#8211;\u00a0\u00a0 etwa wenn gewaltt\u00e4tige Ehem\u00e4nnern ein  Interesse daran haben ihre entflohnen Ehefrauen aufzusp\u00fcren. Solche  Szenarien sind sicher nicht bei vielen Googlern im Lebensalltag pr\u00e4sent.  Also kommt man auch nicht darauf, diese Konstellationen mitzubedenken,  wenn man einen Dienst implementiert. Aber man m\u00fcsste es, wenn man  verantwortungsvoll Technologie entwickeln will.<br \/>\nWas Google tut, ist bedeutsamer f\u00fcr die Welt als das, was zum Beispiel  in einer Giesskannenfabrik geschieht. Deswegen muss die Frage erlaubt  sein, ob Google von der F\u00fchrungs- und der Firmenkultur her die Mittel  hat, Fehler zu erkennen und bei Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Dons  Blog-Eintrag ist f\u00fcr diese Diskussion eine interessante Quelle.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small\">Lars Reppesgaard<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/googlereport.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Cover-Google-Imperium.jpg\" alt=\"http:\/\/googlereport.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/Cover-Google-Imperium.jpg\" width=\"187\" height=\"276\" \/><\/p>\n<p>Im August erscheint die Neuauflage &#8222;Das Google-Imperium&#8220; von Lars Reppesgaard.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/Temp\/moz-screenshot-7.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>read: <a href=\"http:\/\/www.googlereport.de\/\">www.googlereport.de<\/a><br \/>\nfollow &#8222;reppesgaard&#8220; on twitter<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Google-Chefentwickler Don Dodge gew\u00e4hrt k\u00fcrzlich einen interessanten Einblick in das Arbeitsleben und das Selbstverst\u00e4ndnis von Google. 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