{"id":638242,"date":"2010-03-06T00:36:48","date_gmt":"2010-03-05T23:36:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/?p=638242"},"modified":"2010-03-06T00:36:48","modified_gmt":"2010-03-05T23:36:48","slug":"der-irrsinn-mit-dem-englisch-eine-wiederholung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/03\/06\/der-irrsinn-mit-dem-englisch-eine-wiederholung\/","title":{"rendered":"Der Irrsinn mit dem Englisch &#8211; eine Wiederholung"},"content":{"rendered":"<p>Hier ein Interview, das an Aktualit\u00e4t nur gewonnen hat, seit es vor drei  Jahren erstmals im Handelsblatt ver\u00f6ffentlicht wurde:<\/p>\n<h2><strong>\u201eWer  modern sein will, ist nur naiv\u201c<\/strong><\/h2>\n<div>\n<p>Management-Guru Reinhard Sprenger \u00fcber den Wahn, immer mehr in  Englisch statt auf Deutsch zu kommunizieren. Seine gewagte These: Nichts  bedroht Europa an seinen Wurzeln mehr als die Flut der  angloamerikanischen Sprachen.<\/p><\/div>\n<p><!-- Start Artikel -->\/\/ \/\/<\/p>\n<div>\n<div><cite>von Interview: Claudia T\u00f6dtmann<\/cite><\/div>\n<div>\n<div>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/bc1.handelsblatt.com\/ShowImage.aspx?img=1209576&amp;width=168&amp;height=168\" alt=\"Reinhard Sprenger.\" \/><\/div>\n<p>Reinhard Sprenger.<\/p><\/div>\n<p><em>Herr Sprenger, sprechen Sie gut Englisch?<\/em><\/p>\n<p>Ich lebe etwa ein Drittel des Jahres in den USA \u2013 bis jetzt habe ich  mein Bier immer noch bekommen.<\/p>\n<p><em>Dennoch kritisieren Sie, dass im deutschen Unternehmensalltag die  englische Sprache immer weiter Einzug h\u00e4lt. Dabei finden es die meisten  Unternehmen heute so selbstverst\u00e4ndlich, dass sie gar keine Zweifel  daran haben, wenn sie auf die englische Sprache umschwenken. Was  kritisieren Sie da?<!--more--><\/em><\/p>\n<p>Mit dem Englischen delokalisieren wir uns. Wir tun so, als k\u00f6nnte es  Unternehmen geben als ortlose und damit \u201esprachlose\u201c Existenzen. Aber  Unternehmen sind um die Idee der Zusammenarbeit herumgebaut und brauchen  eine kollektive Identit\u00e4t. Wenn wir aber wissen wollen, wenn wir \u201ewir\u201c  sagen, dann m\u00fcssen wir unsere sprachlichen Wurzeln ehren. Unsere Sprache  l\u00e4sst uns zu Hause sein, sie dient weniger der \u00dcbermittlung von  Information, sie schafft vor allem Beziehung und Zugeh\u00f6rigkeit. Das wird  immer \u00fcbersehen, man w\u00e4hnt sich modern und ist eigentlich nur naiv. Man  glaubt sich auf der H\u00f6he der Zeit und ignoriert sein biologisches  Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p><em>Hat das auch wirtschaftliche Konsequenzen?<\/em><\/p>\n<p>Die Unternehmen veranstalten eine freiwillige Selbstunterwerfung. Und  verkennen dabei, dass Sprache eine Kraftquelle ist. Mit der Sprache  steht also auch unser Selbstwertgef\u00fchl auf dem Spiel. F\u00fcr mich ist es  kein Zufall, dass die Schw\u00e4che der deutschen Wirtschaft mit der  allt\u00e4glichen Verbreitung der englischen Sprache zusammenf\u00e4llt.<\/p>\n<p><em>Eine gewagte These. K\u00f6nnen Sie die belegen?<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Genau diese scheinbare Selbstsicherheit, mit der englischen Sprache  immer richtig zu liegen, ist ein Symptom daf\u00fcr, was in diesem Land seit  langem falsch l\u00e4uft. Man bildet sich ein, F\u00e4higkeiten zu haben, die man  noch nie hatte \u2013 zum Beispiel: eine Nicht-Muttersprache perfekt zu  beherrschen. Lesen Sie Stellenanzeigen. Die sind vorzugsweise lieber in  schlechtem Englisch als in gutem Deutsch.<\/p>\n<p><!--nodist--><em>Lesen Sie weiter auf Seite 2: \u201eUnbemerkt \u00fcbernehmen  wir problematische Denkmuster\u201c.<\/em><\/p>\n<p><!--\/nodist--> <em>Sie f\u00fcrchten also um die Genauigkeit im Ausdruck?<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Ja, denn das Englische gaukelt Verstehen vor. In der Folge bem\u00fcht man  sich nicht mehr um weitere Differenzierungen. Man wird \u00fcbersicher, es  scheint ja alles klar zu sein, die blank geputzte Oberfl\u00e4che reicht. In  Wahrheit ist Wesentliches vom anderen nicht verstanden worden.  Andersherum: Spricht man verschiedene Sprachen und bedient sich  beispielsweise eines Dolmetschers, so akzeptiert man direkt die  M\u00f6glichkeit, nicht verstanden zu werden. Man respektiert den Unterschied  und bem\u00fcht sich wieder ums Verstehen.<\/p>\n<p><em>Also Sie warnen davor, un\u00fcberlegt dem Englischtrend Folge zu  leisten, nur um ja nicht sein Gesicht zu verlieren?<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Richtig, die Unternehmen finden es schick, m\u00f6glichst viel in Englisch  zu kommunizieren. Man sei ja jetzt \u201eglobal aufgestellt\u201c. Der Irrsinn  geht sogar in manchen amerikanischen Unternehmen so weit, dass sich  Deutsche mit Deutschen auf Englisch verst\u00e4ndigen. Nur weil Deutsch als  verstaubt und provinziell gilt.<\/p>\n<p><em>Geht es also tats\u00e4chlich nur um eine Mode?<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Keineswegs, es reicht weit tiefer. Das Englische wirkt auch auf unser  Denken. Unbemerkt \u00fcbernehmen wir problematische Denkmuster. Zum  Beispiel: \u201eIt makes sense\u201c hei\u00dft wortw\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u201eEs macht Sinn\u201c.  Dabei kann nichts Sinn machen \u2013 Sinn wird gegeben, zuerkannt, es ist  die Aktivit\u00e4t des Individuums. Mit \u201eIt makes sense\u201c wird einfach  Objektivit\u00e4t behauptet \u2013 und unterschl\u00e4gt, dass die Fakten auch ganz  anders bewertet werden k\u00f6nnen. Damit h\u00f6rt nicht nur das Sprechen auf,  sondern auch das Denken.<\/p>\n<p><em>Und Sie fordern nun was?<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Mir geht es nicht um kulturkritisches Lamento, schon gar nicht will  ich einen latenten Antiamerikanismus munitionieren. Es geht mir auch  nicht um Sprachreinigungsideen \u2013 die gibt es im deutschen Sprachraum  schon seit zweihundert Jahren. Aber die praktischen Auswirkungen auf  unser wirtschaftliches Handeln sind fatal. So nahm ich an einem Seminar  in S\u00e3o Paulo teil zum Thema Kreativit\u00e4t. Von den 25 Teilnehmern waren  die H\u00e4lfte Deutsche, die andere H\u00e4lfte waren Amerikaner beziehungsweise  Franzosen und Italiener. Interessant war, dass ab Nachmittag fast nur  noch die Amerikaner miteinander redeten. Zudem dominierte bei den  Vortr\u00e4gen das Plakative, das \u00fcbliche Fordern. Aber die wichtigsten  Unterscheidungen zu dem Thema, die auf das Strukturelle hinweisen, auf  die Bedingungen der M\u00f6glichkeit von Kreativit\u00e4t \u2013 das alles fand in den  Pausengespr\u00e4chen statt. Auf Deutsch. Viele Dinge lassen sich auf Deutsch  einfach besser ausdr\u00fccken, gerade weil die deutsche Sprache so  unterscheidungsreich ist.<\/p>\n<p><em>Dabei sollte doch die Schlichtheit der englischen Sprache das  Kommunizieren verbessern.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Ja, jedoch ist leider oft das Gegenteil der Fall. Nehmen Sie das  Beispiel \u201eLeadership\u201c. Darunter kann man extrem Unterschiedliches  verstehen. F\u00fcr Amerikaner bedeutet Leadership nicht selten einfach  Markenf\u00fchrung. Man muss also genauer hinschauen, die Worte kl\u00e4ren, und  sich nicht von der scheinbaren Schlichtheit der englischen Sprache  blenden lassen.<\/p>\n<p>Was fordern Sie?<\/p>\n<p>Da, wo es notwendig ist, m\u00fcssen wir Englisch sprechen, nat\u00fcrlich.  Aber es geht mir darum, Unterschiede zu ehren. Die Vielfalt zu erhalten.  Durch nichts ist Europa radikaler an den Wurzeln bedroht als durch die  gleichmachende Flut der angloamerikanischen Sprachen. Europa muss  unbedingt wieder lernen, f\u00fcr seine Traditionen und kulturellen  Eigenheiten einzustehen. Europa wird untergehen, wenn es nicht f\u00fcr seine  Sprachen k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung 2006<\/p><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reinhard Sprenger, meistgelesener Management-Experte in Deutschland, analysiert die Marotte, sich nur noch auf Englisch ausdr\u00fccken zu wollen. <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/03\/06\/der-irrsinn-mit-dem-englisch-eine-wiederholung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[293,323,413,451,911],"class_list":["post-638242","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-standard","tag-dolmetscher","tag-englisch","tag-fremdsprache","tag-geschaftssprache","tag-reinhard-sprenger"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/638242","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=638242"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/638242\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=638242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=638242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=638242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}