{"id":638195,"date":"2010-02-25T13:20:05","date_gmt":"2010-02-25T12:20:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/?p=638195"},"modified":"2010-02-25T13:20:05","modified_gmt":"2010-02-25T12:20:05","slug":"pr-trick-wenn-anwalte-gutachten-persilscheine-sein-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/02\/25\/pr-trick-wenn-anwalte-gutachten-persilscheine-sein-sollen\/","title":{"rendered":"PR-Trick: Wenn Anw\u00e4lte-Gutachten Persilscheine sein sollen"},"content":{"rendered":"<p>Gro\u00df ist pl\u00f6tzlich die Aufregung um ein Gutachten der renommierten Kanzlei Gleiss Lutz f\u00fcr die Deutsche Bahn im Zusammenhang mit der S-Bahn-Aff\u00e4re.<\/p>\n<p>Also vorweg: Ein Gutachten einer Kanzlei &#8211; noch dazu bezahlt von einem Klienten &#8211; ist nie ein unabh\u00e4ngiges. Es kann ausgewogen sein oder sehr neutral ausfallen, aber es ist und bleibt nur ein Gutachten. So \u00e4hnlich wie die Pr\u00e4sentation einer Unternehmensberatung oder einer Werbeagentur.<!--more--><\/p>\n<p>Nun aber als Auftraggeber der \u00d6ffentlichkeit weismachen zu wollen, dieses Gutachten sei eine Art unabh\u00e4ngiges Gerichtsurteil ist lediglich ein &#8211; mieser &#8211; PR-Trick. Nicht mehr und nicht weniger. Gezeichnet Doktor Marlboro sagte man fr\u00fcher immer, wenn eine Studie nachweisen wollte, Rauchen sei unsch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Doch zugegebenerma\u00dfen zieht der Trick manchmal \u2013 so wie bei Talanx\/Gerling und Kanzlei Hengeler <a href=\"http:\/\/bit.ly\/9yNQfo\">http:\/\/bit.ly\/9yNQfo<\/a>, als der Versicherer mit dem Ver\u00f6ffentlichen seiner Abh\u00f6raktionen ein Gutachten aus dem Hut zauberte, dass die Abh\u00f6raktion sogar ihre Pflicht war. Dann hat das Unternehmen Gl\u00fcck und die Kanzlei \u2013 mit auch etwas Gl\u00fcck \u2013 nicht nur einen lukrativen Auftrag, sondern auch einen positiven PR-Effekt.<\/p>\n<p><strong>GLEISS LUTZ IST BEKANNT F\u00dcR SEINE ARBEITSRECHTLER<\/strong><\/p>\n<p>So beauftragte auch die Deutsche Bahn eine ihrer Kanzleien \u2013 Gleiss Lutz \u2013 damit, ihr ein Gutachten anzufertigen. Es scheint, man wolle sich mit Hilfe der Gleiss-Anw\u00e4lte selbst erst mal Klarheit verschaffen. Und zwar im eigenen Interesse. Klarheit \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge: \u00dcber die Vorgaben ehrgeiziger Manager an die Wartungsprofis der Bahn und \u2013 als deren Ergebnis &#8211; das heutige Desaster, den technischen Zustand der S-Bahn in Berlin. Sch\u00f6n, so ein Gutachten kann die Bahn ja in Auftrag geben. Dass sie Juristen beauftragt hat und keine Techniker, hat vermutlich diesen Grund: Die technischen M\u00e4ngel stehen au\u00dfer Frage, zu kl\u00e4ren ist aber, wie es soweit kommen konnte. Konkret, wer es so weit kommen lie\u00df. Und wer das nicht verhinderte. Und wer den Schaden bezahlen muss, sprich, ob und wen die Bahn so alles verklagen kann, um Schadenersatz zu fordern.<\/p>\n<p>\u201cDer Bericht enthalte deutliche Kritik an unternehmerischen Ma\u00dfnahmen des DB-Konzerns, und zwar in wichtigen Punkten\u201c, hei\u00dft es heute im Tagessspiegel.<\/p>\n<p>Zum Hintergrund: Die Kanzlei Gleiss hat besonders im Arbeitsrecht Expertise. Das k\u00f6nnte hierbei eine Rolle spielen. Zum Beispiel bei der Frage, ob es allein deshalb so gekommen ist, weil ehrgeizige Manager mit egoistischen Karriere-und Pr\u00e4mienzielen anderen Unternehmensangeh\u00f6rigen strikte finanzielle Vorgaben machten, die sie ihnen nicht h\u00e4tten machen d\u00fcrfen. Weil es bei den Vorgaben nicht um Sparma\u00dfnahmen ging \u2013 sondern um das Nichterf\u00fcllen von Pflichten. Das Unterlassen von turnusm\u00e4\u00dfig n\u00f6tigen Wartungen und\/oder Reparaturen an den Waggons etwa. Das spart auf den ersten Blick Geld, aber eben nur auf den ersten. Denn entstanden ist ja letzten Endes ein Millionenschaden. Sprich Manager, die einen Teil ihres Lohns \u2013 das ist durchaus \u00fcblich &#8211; als Erfolgspr\u00e4mie erhalten, bekamen diese Pr\u00e4mie vielleicht nicht etwa f\u00fcrs Erschlie\u00dfen kreativer Einnahmequellen oder Entwickeln neuer Produkte und Umsatzsteigerung, sondern f\u00fcrs Sparen.<\/p>\n<p><strong>WAS HEISST DENN SPAREN?<\/strong><\/p>\n<p>Und hier kommt die Definition des Sparens ins Spiel. Ist es ein Ersparnis, wenn man ein Markenprodukt wie Haribos Colorado-Mischung statt beim Supermarkt bei Aldi kaufe? Ich w\u00fcrde sagen ja, wenn man dasselbe Produkt f\u00fcr weniger Geld erh\u00e4lt. Also letztlich keine Einbu\u00dfe bei derselben Leistung.<\/p>\n<p>Aber ist es Sparen, wenn ich mir \u2013 respektive anderen wie den Kunden \u2013 nur etwas verkneife? Also Geld lediglich nicht ausgebe und die Leistung oder Handlung auch nicht erhalte? Das ist kein Sparen, sondern Ausgaben-Verzicht. Und dann muss man erst mal zusehen, wie hoch der Preis dieses Verzichts ist. Ist diese Leistung oder Handlung tats\u00e4chlich unn\u00f6tig, oder ist sie gar gesetzlich vorgeschrieben? Ist sie als Handlungspflicht vielleicht in den Dienstanweisungen der Techniker und Facharbeiter von jeher und aus gutem Grund verankert gewesen? So war es offenbar bei der Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten der Bahn. Denn Mitarbeiter, die ihre Pflicht erf\u00fcllen wollten (weil sie es nicht anders kannten und dazu da waren) und gegen derlei \u201eSpa\u00dfma\u00dfnahmen\u201c aufbegehrten, wurden von Vorgesetzten laut Presse desavouiert: Sie h\u00e4tten \u201eWahrnehmungsprobleme\u201c wurde denen entgegengehalten. Sie wundern sich \u00fcber das Wort Wahrnehmungsprobleme? Es ist eine Floskel, die im Arbeitsrecht geschulte Arbeitgeber, Personalchefs und Unternehmensjuristen gerne mal gebrauchen. Etwa in der Diskussion mit einem Arbeitnehmer, den man zum Unterzeichnen einer Abfindungsvereinbarung bringen will. Wenn derjenige sich auf Fakten zur\u00fcckziehen will und der Personaler ihn argumentativ dennoch an die Wand stellen m\u00f6chte. Steht in entsprechenden Ratgebern und ist Gang und G\u00e4be. Diesen Methoden standzuhalten, erfordert Aufgekl\u00e4rtheit und Mut.<\/p>\n<p>Dumm nur, wenn diese Floskel gegen gesetzliche Pflichten, Sicherheitsvorgaben und gegen die Gesetze der Technik zu Felde gef\u00fchrt werden: Dann kann man den angestellten Facharbeiter damit zwar schnell zum Schweigen bringen (und seine eigene Manager-Pr\u00e4mie auf diese Weise erh\u00f6hen) \u2013 aber die Tatsachen \u00e4ndert man damit nicht. Und die Tatsachen sind eben, dass ungewartete Waggons undsoweiter irgendwann zur tickenden, teuren Zeitbombe werden. Da hilft das Abb\u00fcgeln mit Arbeitsrechtler-Floskeln eben nix.<\/p>\n<p><strong>UNZUL\u00c4SSIGE ZIELVEREINBARUNGEN ?<\/strong><\/p>\n<p>Interessant sind also diese Fragen: Wie konnte man diese Einsparziele mit den Managern \u00fcberhaupt vereinbaren? Wer h\u00e4tte die vermeintlichen Einsparungen kontrollieren m\u00fcssen? Oder: Wenn nicht diese Einsparziele, sondern nur allgemein Einsparungen vereinbart waren, damit der Manager am Ende des Jahres noch einen ordentlichen Schnaps draufbekommt auf sein Gehalt \u2013 war das zul\u00e4ssig? Ketzerisch gefragt: Hat das Unternehmen seine F\u00fchrungskr\u00e4fte vielleicht sehenden Auges zu diesen dubiosen \u201eSparma\u00dfnahmen\u201c getrieben? Tr\u00e4gt es eine erhebliche Mitverantwortung? Ist nicht derjenige, der dem Esel die M\u00f6hre hinh\u00e4lt, der wahre Verursacher?<\/p>\n<p>Oder noch eine andere Frage: Wie konnten diese &#8211; immerhin Gesetzesverst\u00f6\u00dfe \u2013 jahrelang unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit geschehen? Gab es wirklich niemanden mit Verantwortungsbewusstsein und Mut auf F\u00fchrungsebene, der sich dem entgegenstemmen konnte? Auch das sind keine technischen, sondern unternehmens-organisatorische Fragen.<\/p>\n<p>War es nur der Faktor Zeit und die Zeitbombe, die durch ihr Platzen alles ans Tageslicht brachte? Man fragt sich automatisch: Wo noch? Wo noch wird die Sicherheit der Kunden, der Allgemeinheit, kurzfristigen egoistischen geldgierigen Karrierezielen einzelner geopfert? Auf der Autobahn? Im Flugverkehr? Auf Gro\u00dfbaustellen? Und die Kernfrage: Wer hat diese Fehlentwicklung letzten Endes zu vertreten?<\/p>\n<p><strong>GESCHASSTE MANAGER K\u00d6NNEN SICH SCHLECHTER WEHREN<\/strong><\/p>\n<p>Man las, die Manager seien flugs geschasst worden. Auch das ist g\u00e4ngige Methode: Wer gestern hei\u00df geliebt war, bekommt morgen Hausverbot \u2013 und versteht die Welt nicht mehr. Er steht nun also au\u00dfen vor, kann weder an seinen Schreibtisch noch an seinen Computer. Selbst seine Sekret\u00e4rin hat Angst, mit ihm in Kontakt zu sein. Sprich: Beweise, die er sich bis dahin nicht gesichert hatten und die ihm sp\u00e4ter vor Gericht helfen k\u00f6nnten, k\u00f6nnen sie nun auch nicht mehr sichern. Mehr noch: Die Lebenserfahrung spricht dagegen, dass sie auch nur eine Kopie ihres D&amp;O-Vertrages haben. Jenes Managerhaftpflichtvertrages, der sie sch\u00fctzen soll vor Inanspruchnahme f\u00fcr Managementfehler. Wom\u00f6glich kennen sie nicht mal den Namen des Versicherers geschweige denn die Ausschluss-Klauseln oder die H\u00f6he der Deckungssumme. Prost Mahlzeit, die Anwalts- und Gerichtskosten alleine k\u00f6nnen in so einem Fall schon den finanziellen Ruin bedeuten.<\/p>\n<p>Vor allem aber: PR-technisch ist dieses Schassen mit Hausverbot ein gelungener Schachzug des Unternehmens. Es wirkt so, als habe man die B\u00f6sewichte erkannt und die Selbstreinigung begonnen oder sogar schon vollzogen. Obs Bauernopfer sind, wei\u00df man in dem Moment nicht und ist auch nicht so wichtig in dem Moment. Die wei\u00dfe Weste der Firma ist wieder her gestellt. Und die Kunden sollen doch bittesch\u00f6n keine Angst mehr haben, mit der S-Bahn zu fahren. Das w\u00e4re das letzte, was das Unternehmen jetzt m\u00f6chte. Nicht nur Sch\u00e4den an Z\u00fcgen, sondern obendrein Einnahmeausf\u00e4lle wegen Vertrauensverlust.<\/p>\n<p>Und die andere Frage: Ist Berlin \u00fcberall ?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;und was passiert, wenn sich Unternehmen kaputt sparen. <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2010\/02\/25\/pr-trick-wenn-anwalte-gutachten-persilscheine-sein-sollen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[59,61,146,269,641,868,938,978],"class_list":["post-638195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-standard","tag-antwaltsgutachten-gleiss-lutz","tag-anwalte","tag-berlin","tag-deutsche-bahn","tag-kosten","tag-pr","tag-s-bahn","tag-sparmassnahme"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/638195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=638195"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/638195\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=638195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=638195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=638195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}