{"id":474946,"date":"2008-03-09T15:37:52","date_gmt":"2008-03-09T13:37:52","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/management\/kaputt-gespart-mit-der-falschen-prio-liste"},"modified":"2008-03-09T15:37:52","modified_gmt":"2008-03-09T13:37:52","slug":"kaputt-gespart-mit-der-falschen-prio-liste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2008\/03\/09\/kaputt-gespart-mit-der-falschen-prio-liste\/","title":{"rendered":"Kaputt gespart mit der falschen Prio-Liste"},"content":{"rendered":"<p>So langsam geht\u2019s ums schlichte \u00dcberleben der Patienten \u2013 nach immer neuen Einsparungs-Runden im Medizinwesen. Da meldet gerade der Newsletter von www.journalmed.de, dass die Not\u00e4rzte eine einheitliche 15-Minuten-Frist f\u00fcr ihre Eins\u00e4tze fordern. Da nickt der geneigte Leser und denkt, jawohl, klingt vern\u00fcnftig. Dumm nur, dass es in der Realit\u00e4t meist 26 Minuten dauert. Denn was so harmlos klingt, hat einen sehr ernsten Hintergrund. <!--more-->Dahinter verbirgt sich tats\u00e4chlich eine Tragik, die wohl den wenigsten Gesunden und Patienten bewusst ist \u2013 und dabei so typisch ist f\u00fcr den kopflosen Sparwahn, der auch in vielen Unternehmen regiert. Sparen, koste es was es wolle, ist die vorherrschende Devise. Manchmal gar die einzige. Auch wenn es gradewegs in den Untergang f\u00fchrt, auf lange Sicht. Egal.<br \/>\nDoch in diesem Fall, bei den Not\u00e4rzten, geht\u2019s um nicht nur um Lemming-Firmen und Arbeitspl\u00e4tze, sondern sogar Menschenleben: Da trifft also in 95 Prozent der Notf\u00e4lle der Notarzt erst nach 26 Minuten eintrifft, also zu sp\u00e4t. Und dies ist eine Verschlechterung, die auf das Konto all der Gesundheitsreformen der vergangene Jahre geht. Nur: Wieso bleiben die Notst\u00e4nde wie dieser so unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit? Warum geht niemand diesen und viele andere Missst\u00e4nde an? Wenn es doch um Leben und Tod geht. Und vor allem, wenn dies fr\u00fcher nicht so war. Wenn die Welt fr\u00fcher noch in Ordnung war und Notfall\u00e4rzte schneller, noch rechtzeitig, zur Stelle waren, um das zu tun, was ihre Aufgabe ist: Leben zu retten.<br \/>\nStattdessen lenken die Protagonisten des Gesundheitswesens mit Schauk\u00e4mpfen von den wahren Problemen ab \u2013 und man l\u00e4sst sie das sogar ungestraft tun und so davonkommen. Sie verteufeln zum Beispiel publikumswirksam Igel-Leistungen (die Vorsorgeuntersuchungen f\u00fcr Krankenkassenversicherte etwa, die heute Extra-Geld kosten &#8211;  mitsamt den Medizinern, die oft auch vern\u00fcnftige Vorsorge als Igel-Leistungen anbieten \u2013 um mit den Einnahmen letztlich querzusubventionieren. So, als w\u00e4ren die ein echtes Problem des Gesundheitswesens.<br \/>\nUnd das Ablenken gelingt &#8211; Gl\u00fcckwunsch zur PR-Strategie. Nur dass \u00c4rzte \u2013 anders als jeder Firmenlenker \u2013 nicht einfach eine Produktlinie einstellen k\u00f6nnen. Sie d\u00fcrfen nicht einfach sagen, diese oder jene Untersuchung rechnet sich nicht, also lassen wir sie doch einfach sein. Schlie\u00dfen wir die Abteilung, schicken die Mitarbeiter weg und machen nur noch mit den Ertragsbringern weiter. So wie ein Unternehmen es darf und tut. Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s. Zumindestens wirtschaftlich gesehen.<\/p>\n<p>Sagen wir mal zum Beispiel aus Medizinersicht: Operieren bringt auch heute noch gutes Geld, also operieren wir nur noch \u2013 statt langwierige Behandlungen zum Pauschalpreis zu einem Bruchteil der Kosten einer Operation auf uns zu nehmen. Die bringt n\u00e4mlich zum Beispiel f\u00fcr drei Monate Augenarztbehandlung in Nordrhein-Westfalen nach dem Motto \u201eall you can eat\u201c 29,70 Euro f\u00fcr das Arztunternehmen \u2013 egal wie oft der Patient in die Praxis kommt und egal mit welchen Ger\u00e4ten er behandelt wird. Und egal wie viele Mitpatienten dank Budgetierung dann noch ganz kostenlos behandelt werden und auch werden m\u00fcssen.<br \/>\nDoch zur\u00fcck zu den Schauk\u00e4mpfen: Auch Zertifizierungen geh\u00f6ren zum Ablenkman\u00f6ver dazu. Auch ein Riesenwust von Qualit\u00e4tsmanagement-Vorschriften (die auch dem letzten niedergelassenen Arzt noch die Lust auf seinen Job nehmen d\u00fcrften und obendrein viel verlorenes Geld kosten, das dann wiederum den Patienten und ihrer Behandlung entzogen wird). Da besch\u00e4ftigen sich jetzt Tausende von \u00c4rzten und Arzthelferinnen jetzt viele Stunden und f\u00fcr viel Geld mit so genannten Qualit\u00e4tsmanagement \u2013 mit vielen Dutzend Einzelvorschriften, so als sei bis dahin jede Arztpraxis ein schlampig gef\u00fchrter Laden gewesen. Super-Unterstellung. Klar, dass Geld und Arbeitszeit der Versorgung der Patienten am Ende abgehen, aber macht ja nichts. Kleiner Vergleich gef\u00e4llig: Die Brauerei Diebels vermeldete vor rund zw\u00f6lf Jahren stolz, sie sei nun ISO-zertifiziert. In der merkw\u00fcdigen Hoffnung, dass alle Biertrinker nun zur ihrem Iso-zertifizierten Alt greifen w\u00fcrden statt  zu Konkurrenzmarken. Tat aber keiner. Der gesunde Menschenverstand siegte \u00fcber halbgare Marketingideen und die Zertifizierungsindustrie. Und Diebels erklomm denn auch keine neuen Absatz-H\u00f6hen, schuf keine neuen Stellen und expandierte auch nicht. Ganz im Gegenteil, mehr als 30 Prozent Umsatzeinbusse folgten.<br \/>\nFazit 1: H\u00e4tte sich die Issumer Brauer nicht ablenken lassen von ihrem Bier und seiner Vermarktung statt sich auf irgendwelche Verfahrenszertifizierungen zu konzentrieren, w\u00fcrden sie heute vielleicht besser dastehen.<br \/>\nFazit 2: Machen die eigentlichen Player im Gesundheitswesen nicht langsam die wirklichen N\u00f6te klar und lassen sich weiter von dem Moloch ihrer eigenen Verwaltung unterjochen und die Zeit f\u00fcr ihre Patienten stehlen, sind sie mit schuld. Mit schuld am Tod von Notfallpatienten, die sterben, weil immer weniger \u00c4rzte und immer weniger Akut-Krankenh\u00e4user mit Notfallaufnahmen da sind.<br \/>\nFazit 3: Auch Unternehmen, denen Sparwahn wichtiger wird als die Kunden, also die Produkte und deren Qualit\u00e4t, werden es b\u00fc\u00dfen m\u00fcssen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.journalmed.de\/newsview.php?id=20586\">http:\/\/www.journalmed.de\/newsview.php?id=20586<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So langsam geht\u2019s ums schlichte \u00dcberleben der Patienten \u2013 nach immer neuen Einsparungs-Runden im Medizinwesen. Da meldet gerade der Newsletter von www.journalmed.de, dass die Not\u00e4rzte eine einheitliche 15-Minuten-Frist f\u00fcr ihre Eins\u00e4tze fordern. Da nickt der geneigte Leser und denkt, jawohl, klingt vern\u00fcnftig. Dumm nur, dass es in der Realit\u00e4t meist 26 Minuten dauert. 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