Buchauszug Jutta Hoffritz: „Totentanz. 1923 und seine Folgen“

Buchauszug Jutta Hoffritz: „Totentanz. 1923 und seine Folgen“

Januar 1923 – Das Ruhrgebiet wird besetzt

Warum Ruhrbaron Hugo Stinnes an die Alster umzieht, weshalb das Berliner Glamour-Girl Anita Berber in Wien nicht mehr willkommen ist. Wie die Künstlerin Käthe Kollwitz eine Schaffenskrise überwindet und die NSDAP in München ihren ersten Parteitag abhält

 

Jutta Hoffritz (Foto: PR/ Michael Heck)

 

Das Jahr 1923 hätte gut anfangen können für Anita Berber.

Sie ist Berlins begehrteste Tänzerin. Auch in Hamburg hat sie Furore gemacht: Sie hat den Nackttanz auf die Reeperbahn gebracht.

Huren sah man dort, seit es den Hafen gibt, auch nackte Damen gab es zu bestaunen – aber eine, die barbusig tanzt wie Anita Berber, das war selbst in St. Pauli eine Sensation.

Jetzt Wien! Bei der Premiere im Konzerthaus tanzt sie Ende 1922 vor ausverkauftem Haus. »Tänze des Lasters« – hüllenlos! Den ganzen Dezember über stehen die Wiener Schlange, um die zarte Gestalt mit den kleinen festen Brüsten zu bewundern.

Ist es die Nacktheit selbst, die die Blicke auf sich zieht? Oder ist es der Gegensatz zwischen dem mädchenhaften Körper und der Morbidität der Darbietung?

Die »Tänze des Lasters« basieren auf Gedichten ihres Partners Sebastian Droste – expressionistische Gedichte. Sie tragen Titel wie »Morphium« und »Kokain« und beschreiben den Kampf mit der Sucht.

»Tanzender Schatten

Kleiner Schatten

Großer Schatten

Der Schatten

Oh – der Sprung über den Schatten

Er quält dieser Schatten

Er martert dieser Schatten

Er frisst mich dieser Schatten

Was will dieser Schatten?

Kokain«

So heißt es in dem Gedicht »Kokain« von Droste.

Als sich der Vorhang öffnet, sieht das Publikum den halb entblößten Körper Berbers am Boden liegen. Totenstille. Gerade scheint das Gift ihre bleichen Gliedmaßen zu durchdringen. Dann Zuckungen, Konvulsionen.

Langsam kehrt Leben in den mageren Leib zurück.

Zum »Danse Macabre« von Camille Saint-Saëns erhebt sich Anita Berber, die Arme noch hinterm Kopf verschränkt. Ihre Brüste beben. Mit angstgeweiteten Augen blickt sie in die Ferne. Der Rhythmus erfasst sie, trägt die schlanken Glieder mit sich fort. Sie bewegen sich immer schneller, zucken wie bei einer Marionette. Eine Marionette der Sucht.

»Der gesunde Körper kämpft gegen den vergifteten Körper«, notiert der tschechische Tänzer Josef Jenčík. Er ist Choreograf am Prager Nationaltheater. Nun sitzt er im Publikum und wird jeden einzelnen Schritt und jeden Sprung mitstenografieren. So etwas hat er noch nicht gesehen.

»Die Drehungen des Körpers um die eigene Achse unerhört langsam wie in Zeitlupe. Die stoßartigen Sprünge – wie Peitschenhiebe – enden immer in einem plastischen von Bildhauern erträumten Port de bras.«

Er kommt kaum hinterher mit dem Schreiben, auf der Bühne ist einfach zu viel los. Und als schließlich der Körper der Tänzerin »in einer riesigen Kaskade« zu Boden stürzt, sich dort zuckend bewegt, bis er schließlich in einen süßen Schlaf zu fallen scheint, ist der schreibende Choreograf vermutlich fast so erschöpft wie die Tänzerin selbst.

Für Anita Berber aber geht es am nächsten Morgen direkt weiter – im Fotoatelier von Dora Kallmus, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Madame d’Ora. Die berühmte Fotografin hat schon alle Blaublüter der Donaumonarchie für die Ewigkeit festgehalten und die gesamte Wiener Kunstszene. Auch von Anita Berber hat sie schon Aufnahmen gemacht. Jetzt plant sie ein Buch mit ihr.

Die Fotografin weiß natürlich, dass die großen Kinderaugen der Tänzerin geschminkt sind, genau wie ihre herzförmigen Lippen. Sie weiß, dass Berber sich die Achseln rasiert und die Schamhaare mit hautfarbenem Tuch abklebt, um ihr jungmädchenhaftes Aussehen zu unterstreichen. Und sie weiß, dass Anita Berbers Make-up – wenn die Beleuchtung nicht hundertprozentig stimmt – wie eine Maske wirkt. Dann sieht die verführte Unschuld aus wie ein billiges Flittchen.

Doch Madame d’Ora beleuchtet gut – und sie ist diskret. Sie ist ein Profi, die Gesellschaftsfotografin dieser Zeit.

Die Wiener Zeitungen berichten fleißig: über die ausverkauften Vorstellungen, aber auch darüber, wie sich die dreiundzwanzigjährige Anita Berber im Kaffeehaus eine Kokainspritze in den Oberschenkel jagt.

Und über die Verhaftung ihres Partners, Sebastian Droste. Man verdächtigt ihn, zwei deutsche Gräfinnen um Schmuck und Geld bestohlen zu haben. Das sorgt aber nur kurz für Ärger, denn ganz Wien verzehrt sich nach dem Duo.

Dass die beiden daraufhin Engagements mit drei Theatern gleichzeitig eingehen, bleibt dann aber doch nicht folgenlos. Man will die Tänzer ausweisen. Sie werden vor das Schiedsgericht der Internationalen Artistenorganisation zitiert. Anita Berber und Sebastian Droste geloben Besserung. Sie treten aber doch in allen drei Etablissements auf – und obendrein noch in einem vierten!

Dann werden sie erneut des Diebstahls verdächtigt – diesmal geht es um eine verschwundene Handtasche –, und so wird ihre Aufenthaltserlaubnis tatsächlich nicht verlängert. Am 5. Januar 1923 wird Sebastian Droste aus Österreich ausgewiesen und acht Tage später auch Anita Berber.

Als die Polizei kommt, tritt sie den Beamten nackt entgegen. Doch das nützt nichts. Sie wird abgeschoben.

Es ist keine gute Zukunft, die in Deutschland wartet: Die Mark verliert ständig an Wert. Die wachsende Anzahl der Nullen auf den Preisschildern wird die Deutschen zu der Einsicht zwingen, dass sie der Krieg, den sie mit einem Sieg beschließen und von den Verlierern finanzieren lassen wollten, nun selbst teuer zu stehen kommt.

Lange hat die Republik taktiert, hat darüber gestritten, ob und wie der Vertrag von Versailles zu erfüllen sei. Nun verlieren die Sieger die Geduld.

Im Jahr fünf nach Kriegsende wird Deutschland sich beugen müssen. In Berlin werden sich in diesem Jahr drei Kabinette verschleißen.

Die junge Republik radikalisiert sich.

Ende Januar 1923 hält die NSDAP in München ihren ersten Parteitag ab, im November wird Adolf Hitler dort erstmals nach der Macht greifen – noch ohne Erfolg. Und doch wird dies das Jahr der Wende werden: Ab 1923 ist Deutschland eine Demokratie auf Abruf.

 

(Foto: PR/HarperCollins)

Jutta Hoffritz: „Totentanz. 1923 und seine Folgen“ – 336 Seiten, 23 Euro, Verlag HarperCollins

 

Das Jahr 1923 beginnt schlecht, auch für Hugo Stinnes – aber der Mann weiß sich zu helfen.

Der Ruhrindustrielle ist zweiundfünfzig Jahre alt und auf dem Zenit seiner Macht. Er beschäftigt insgesamt 600 000 Menschen in einem Mischkonzern, der weit über Deutschlands Grenzen hinausreicht. Stinnes ist zu dieser Zeit der größte Arbeitgeber der Welt – und definitiv der mächtigste Unternehmer Deutschlands.

Ansehen lässt er sich das nicht. Der kleine Mann mit dem stechenden Blick und dem dichten dunklen Bart kleidet sich stets korrekt. Doch seine Anzüge sind so gewählt, dass sie ihm weder eine Inspektion seiner Bergwerke, Hochöfen und Schiffswerften übel nehmen noch seine vielen Reisen nach Berlin.

In Berlin-Mitte allerdings fallen Hosen ohne Bügelfalten auf. Einmal, als Stinnes das Hotel Esplanade am Potsdamer Platz betritt, will man ihn am Empfang abweisen. Solche Personen wie er seien hier nicht willkommen, bescheidet man ihm, worauf Stinnes ungerührt entgegnet: »Darüber entscheide ich, das Hotel gehört mir.«

Die typische Hemdsärmeligkeit eines Mannes, der sich alles selbst aufgebaut hat. Zwar hat schon sein Großvater mit Kohle gehandelt und der Vater in großem Stil Kohle gefördert. Es war eine familieneigene Grube, in der der junge Hugo das Kohlehauen lernte. Das anschließende Bergbaustudium in Berlin aber fiel kurz aus.

Hugo Stinnes ist erst siebzehn Jahre alt, als sein Vater stirbt. Er ist früh auf sich gestellt – und wenig angetan von der Vorstellung, die Firma mit seinem Vetter fortzuführen. Daher kauft er der Familie eine Zeche ab und zieht sein eigenes Geschäft auf.

 

Bald schon kommen neue Kohlefelder dazu. Er expandiert. Investiert in Stahl und in andere kohlenahe Branchen, hilft den Stromkonzern RWE aufzubauen – und lässt dessen Kraftwerk direkt über einer seiner Zechen errichten.

Nützlich bei alldem ist das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat, dem außer Stinnes auch all die anderen Ruhrbarone angehören. Ein Rohstoffkartell, das – ähnlich wie später die OPEC – dazu dient, die Konkurrenz einzudämmen, Macht und Profite zu mehren.

Stinnes hat auch gute Drähte in die Politik. Die nutzt er ab 1914. Wie die meisten Großindustriellen ist er erst gegen den Krieg – man hat schließlich Geschäft im Ausland zu verlieren. Aber das ändert sich.

Wenn schon Krieg, dann muss er sich auch lohnen, findet die Wirtschaft – und diktiert der Politik einen Wunschzettel mit Regionen, von deren Eroberung sie sich geschäftliche Vorteile verspricht.

Den Annexionisten – allen voran Hugo Stinnes – geht es um Rohstoffe. Dass die erzreiche französisch-belgische Montanregion mit auf der Wunschliste steht, ist daher kein Zufall, denn Stinnes betreibt ja Stahlwerke auf der anderen Seite des Rheins. Stinnes fordert auch Zwangsarbeiter, schließlich sind viele seiner Bergleute an der Front. Er bekommt seine Wünsche erfüllt – natürlich nur so lange, bis die deutschen Soldaten die Waffen strecken.

Nach dem verlorenen Krieg redet Stinnes trotzdem wieder mit. Überall.

Im November 1918, als die Zeichen auf Revolution stehen, wird einer gebraucht, der die Sprache der Arbeiter spricht. Als Sozialdemokraten und Kommunisten im Reichstag darum wetteifern, wer das Ende der Monarchie zuerst verkündet, als sich republikweit Arbeiter- und Soldatenräte bilden, da geht bei den Arbeitgebern die Angst um. Die Angst vor der Vergesellschaftung des Kapitals. Die Angst ums Eigentum. Die Arbeitgeber schicken Stinnes vor.

Hugo Stinnes, der Großindustrielle mit seinem grubentauglichen Anzug, setzt sich mit Carl Legien an einen Tisch. Legien ist Deutschlands oberster Gewerkschafter. Stinnes, der Arbeitgeber, versucht herauszufinden, womit die Arbeiter zu besänftigen seien. Er bietet eine Arbeitszeitverkürzung; einen Acht-Stunden-Tag, wie ihn die Gewerkschaften seit Langem fordern. Und er verspricht, die Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen als Gesprächspartner anzuerkennen.

Die Arbeiter lassen daraufhin ab von ihrer Forderung nach der Vergesellschaftung des Kapitals. Die Revolution ist abgesagt.

Der Deal der beiden so unterschiedlichen Männer wird als Stinnes-Legien-Abkommen in die Geschichte eingehen.

Und auch als Deutschland wenig später mit den Alliierten verhandelt, sitzt Stinnes wieder mit am Tisch. Selbst in Berliner Regierungskreisen finden das einige komisch. Doch es geht um Reparationen, da wird Wirtschaftskompetenz gebraucht – besonders als das Gold in Deutschland knapp wird und die Reparationen ab 1922 in Kohle und anderen Naturalien beglichen werden müssen.

Allerdings bleibt Deutschland dann gleich hinter seinen Verpflichtungen zurück. 1922 werden statt 13,8 Millionen Tonnen Kohle nur 11,7 Millionen geliefert und nur 65 000 statt 200 000 Telegrafenmasten.

Ob das an der Entkräftung der Arbeiter liegt – wie Hugo Stinnes argumentiert, als er größere Butter- und Kartoffelrationen für seine Bergleute fordert – oder daran, so die Alliierten, dass die Deutschen ihre Rohstoffe lieber selbst weiterverarbeiten? In diesem Fall kommt es zu keiner Einigung.

Am 11. Januar 1923 machen die Alliierten ihre Drohung wahr. 60 000 französische und belgische Soldaten marschieren ins Ruhrgebiet ein, um sich die Kohle zu holen.

 

Aber Stinnes hat rechtzeitig Wind davon bekommen.

Als die fremden Soldaten anrücken, ist das Kohlesyndikat verschwunden – und mit ihm alle Akten der Schlüsselindustrie. Stinnes hat sie in Waggons verpacken und abtransportieren lassen. Schließlich verfügt er auch über beste Kontakte zur Reichsbahn.

Das Kontor der Kohleindustrie, das seit der Jahrhundertwende im Herzen des deutschen Bergbaus beheimatet war – in Essen, schräg gegenüber dem Hauptbahnhof –, residiert nun in der Hansestadt Hamburg, weit weg von den Bergwerksschächten, direkt an der Außenalster, im vornehmen Hotel Atlantic. Auch dieses Hotel gehört Hugo Stinnes.

Es ist ein milder Januar, die Alster ist nicht zugefroren. Der blaue Himmel spiegelt sich auf der Wasserfläche. Möwen kreisen vor den weißen Fassaden der Stadt. Die Alsterdampfer lassen kleine Wölkchen aufsteigen, bevor sie am Jungfernstieg anlegen.

Kein Vergleich zum Ruhrgebiet mit seinen rauchenden Schloten, dieser Tag und Nacht wummernden und schmauchenden Industrieregion, in der selbst die Pfützen schwarz sind und jeder Atemzug nach Ruß und Kohle schmeckt.

Doch natürlich geschieht der Umzug des Kontors nicht der guten Luft wegen.

Es geht um Politik, wie sich einem Brief entnehmen lässt, den Stinnes eine Woche später an seinen Vertrauten Emil Kirdorf schreibt: »Ohne Sie und mich wäre das Kohlesyndikat nicht verlegt, und ohne die Verlegung wäre die Abwehr nicht so gegen den äußeren Feind in Gang gekommen, als es nun geschehen ist.«

Eine entscheidende Weichenstellung im Reparationskonflikt, wird später der amerikanische Historiker und Stinnes-Biograf Gerald D. Feldman urteilen, denn auf diese Weise sind »den Franzosen das Personal und die Informationen entzogen, die sie benötigten, um an die Kohle heranzukommen, deretwegen sie in das Ruhrgebiet einmarschiert« sind.

Die Aussicht, die Franzosen auszumanövrieren, versetzt Stinnes in Euphorie. Die Euphorie geht sogar so weit, dass er die Situation nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg mit den Befreiungskriegen vergleicht, als die Deutschen über Napoleon siegten:

»Es ist das ein Glück für unser Land, denn wie vor hundert Jahren beginnt sich nunmehr das Volk zusammenzuschließen im gemeinsamen Leid und im gemeinsamen Hass.«

Glaubt Hugo Stinnes wirklich, durch diesen Kniff die verlorenen Schlachten ungeschehen machen zu können?

Wohl nicht. »Selbstverständlich«, so Stinnes, werde die Großindustrie »eines Tages« zu Verhandlungen mit Frankreich kommen, weil ja Verständigung »so oder so« erfolgen müsse.

Weil er aber weiß, dass die Franzosen dringend auf deutschen Koks angewiesen sind, um das Eisenerz aus Lothringen zu Stahl zu verarbeiten, will er diesen Umstand nutzen, die Position der Deutschen zu stärken. In Stinnes’ Augen ist das die ideale Vorbereitung der anstehenden Verhandlungen.

 

Er will die Besatzer boykottieren. Und er ist nicht der Einzige. Es gibt viele, die den Versailler Vertrag von Anfang an ablehnten oder die Geldforderungen der Alliierten als zu hoch empfanden. Und seit Neuestem sind da auch noch diejenigen, die glauben, dass die Franzosen die Reparationen nur vorschieben, aber in Wirklichkeit die Grenze über den Rhein hinweg verschieben wollen.

Nichtstun ist verpönt in Deutschland, doch im Jahr 1923 werden die Industrie, die Verwaltung und die Infrastruktur zwischen Rhein und Ruhr über Monate lahmliegen. Selbst die sonst so braven Reichsbahner werden mitmachen, sie werden die Führerhäuser und Fahrkartenschalter verlassen, sie werden Schilder abmontieren, Stellwerke sabotieren und Loks und ganze Züge in unbesetzte Gebiete entführen.

Viele Bahnangestellte und andere Beamte werden später dafür ins Gefängnis gesteckt oder aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Und wer auf frischer Tat ertappt wird, riskiert nicht nur seine Heimat, sondern sein Leben. 150 000 Strafen werden die Besatzer verhängen. 137 Menschen sterben bei Streikscharmützeln – und werden wie Helden gefeiert.

Die Regierung in Berlin tut derweil alles, um den Boykott zu unterstützen. Sie bezahlt ihre Beamten im Ruhrgebiet fürs Nichtstun, und auch bei den streikenden Arbeitern subventioniert sie den Lohn. Kistenweise geben die Reichsbankfilialen in Essen und Umgebung frisches Geld heraus. Seit 1914 läuft die Notenpresse in Deutschland schneller als sonst, und nun läuft sie auf Hochtouren.

1923 – das fünfte Jahr des Friedens wird sich wie Krieg anfühlen, nur dass der diesmal nicht in fernen Schützengräben stattfindet, sondern in deutschen Fabriken, Kohlegruben, Banken und Bahnwärterhäuschen.

 

Auch für Käthe Kollwitz beginnt das Jahr 1923 düster.

Sie blickt hinaus auf den Platz vor ihrer Berliner Wohnung. Später einmal, nach ihrem Tod, wird der Ort ihren Namen tragen. Aber 1923 heißt er noch Wörther Platz. Eigentlich ist es eine schöne Ecke mitten im kleinbürgerlich-proletarischen Prenzlauer Berg mit seinen Pferdewagen und rumpelnden Straßenbahnen, den vielen Brauereien und Ausflugslokalen. Sogar eine grüne Wiese mit Bäumen gibt es unmittelbar gegenüber von ihrem Haus. Doch jetzt im Januar ist alles kahl da draußen.

Nur selten hört man rund ums Haus noch Kinderstimmen, manchmal im Treppenhaus oder vor dem Kohlenkeller: lachende Kinder, spielende Kinder, zahnende Kinder und zankende Kinder. Meist gefolgt von den Stimmen der Mütter oder denen der Nachbarinnen, die brüllen, dass die Kinder Ruhe halten sollen.

Dann wird es wieder still. Zu still.

Früher ist immer viel los gewesen, auch in der Kollwitz’schen Wohnung im zweiten Stock. Ganz am Anfang, als ihr Mann, Karl Kollwitz, von Königsberg nach Berlin kam, um hier als junger Mediziner Kassenarzt zu werden, hat alles in diesen vier Zimmern stattgefunden.

In einem Raum warteten seine Patienten, in einem zweiten behandelte er sie. Im dritten Zimmer schliefen Herr Doktor und seine junge Frau, und im vierten hatten sie ihre gute Stube.

Hier lagen ihre beiden Jungs im Stubenwagen, hier hat sie sie gestillt, mit ihnen am großen Tisch gesessen, gespielt oder Hausaufgaben gemacht, hier hat sie der Familie Suppe aufgetan. Und wenn es mal ruhig war, wenn alle Pflichten erledigt waren, packte sie auf diesem Tisch auch ihren Skizzenblock, Kohlestifte oder die Radiernadeln aus. Ein ständiger Kampf um Zeit und um den Platz auf dem Tisch.

Doch die Leute mögen das, was sie dort zu Papier bringt: Sie zeichnet die abgekämpften Arbeiter aus der Nachbarschaft, die ausgemergelten Mütter, die Schwangeren, die mit bangen Augen im Wartezimmer sitzen, die rosigen Kindergesichter, wenn alles gut ging. Und die hohlwangigen kleinen Gestalten, die durch ihren Hausflur getragen werden, wenn die Medizin nichts hat ausrichten können.

Als Käthe Kollwitz anfing mit der Kunst, da durften Frauen bestenfalls Blumen und Landschaften malen. Sie aber malte Bilder vom Weberaufstand. Und als Max Liebermann sie 1899 in Berlin ausstellen ließ und sogar für eine Medaille vorschlug, da lachte der Kaiser nur. Ein abenteuerliches Ansinnen, das Wilhelm II. sogleich abschmetterte: »Ich bitte Sie, meine Herren, eine Medaille für eine Frau, das ginge denn doch zu weit.«

Aber Wilhelm II. hat abgedankt. Er geht im Exil in Holland jetzt einem anderen Zeitvertreib nach: Holz hacken. Seit November 1918 ist Deutschland eine Republik, und auch kulturell weht ein neuer Wind.

Max Liebermann hat sich mit fortschrittlichen Künstlern zusammengeschlossen. Die Berliner Secession veranstaltet Ausstellungen in der Kantstraße. Käthe Kollwitz ist mit ihren Bildern von Anfang an dabei. Sie darf junge Malerinnen unterrichten, und seit 1919 darf sie sich sogar Frau Professor nennen. Sie ist jetzt auch Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Mit ihren fünfundfünfzig Jahren hat Käthe Kollwitz mehr erreicht, als sie je zu träumen wagte.

Ihr Vater hatte ja von Anfang an große Pläne für sie. Schon als sie ein Kind war, hat er ihre Kritzeleien aufmerksam betrachtet. Er hat sie ermutigt und ihr Zeichenstunden geben lassen, schon zu Hause in Königsberg. Später hat er sie nach Berlin gehen lassen, wo es eine Malschule für Frauen gab – sogar mit Anatomiekurs!

Als sie sich mit Karl verlobte, war der Vater bitter enttäuscht von ihr, seiner Tochter.

War er wirklich davon ausgegangen, dass sie ihr Leben allein der Kunst widmen würde? Dass sie die Liebe ganz außen vor lassen würde? Dass ihr dies vielleicht sogar vorbestimmt sei, weil ihr das Kokette nicht lag, weil die Natur ihr statt Liebreiz wache Augen und kräftige Hände mitgab?

»Er rechnete damit, dass, da ich kein hübsches Mädchen war, mir Liebessachen nicht sehr hinderlich in den Weg kommen würden; und darum war er wohl auch so enttäuscht und aufgebracht, als ich mich bereits mit siebzehn Jahren an Kollwitz band«, wird Käthe Kollwitz im Jahr 1923 in ihren Erinnerungen schreiben.

Sie denkt daran zurück, wie ungläubig der Vater reagierte, als er erfuhr, dass sie malen wollte und den Mann. Er sprach dann von den Mühen der Mutterschaft, die ihr die Kraft für die Kunst rauben würden. Sie solle sich das gründlich überlegen, hat er gesagt und sie für ein weiteres Jahr weggeschickt. Noch weiter weg, diesmal an die Malerinnenschule nach München. Kinder und Kunst, beides könne sie nicht haben, hat er gesagt.

Dass sie am Ende doch beides bekommen hat, hat er nicht mehr erlebt.

Inzwischen haben sie und ihr Mann im Haus in der Weißenburger Straße 25 noch Räume dazugemietet und sind aus der Arztpraxis im zweiten Stock nach oben ins dritte Obergeschoss gezogen. In einem der frei gewordenen Zimmer wohnt jetzt noch Käthes alte Mutter, die sie zu sich geholt haben, und auch die Krankenschwester, die sich um sie kümmert.

Außerdem gibt es noch die treue Lina, die Käthe Kollwitz im Haushalt unterstützt.

Die Kunst hätte jetzt also Platz und die Künstlerin die nötige Ruhe zum Arbeiten. Die Ruhe, die sie lange vermisst hat. Es ist ja etwas Wahres dran gewesen an den Warnungen des Vaters.

Aber jetzt schreit die Stille sie an – zumindest, wenn draußen gerade keine Pferdebahn vorbeirumpelt. Am liebsten möchte sie morgens gar nicht aufstehen, sich Tag und Nacht die Decke über den Kopf ziehen. Nur um diese Stille nicht zu hören. Nur um das Grau nicht zu sehen, da draußen, wo es früher grün war.

Sie leidet unter Depressionen. Sie leidet, seit ihr Sohn in Belgien gefallen ist.

1914 war das, nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn. Ihr älterer Sohn, Hans, Medizinstudent, meldete sich als Freiwilliger, und sein jüngerer Bruder, Peter, noch nicht einmal volljährig, wollte es ihm nachtun.

Hans, der bei den Sanitätern Dienst tat, kehrte aus dem Krieg zurück, Peter nicht. Noch bevor die Familie die erste Feldpost erreichte, bekamen sie Nachricht vom Tod ihres Jüngsten.

Die dunklen Monate des Jahres, zwischen Peters Tod Ende Oktober und seinem Geburtstag Anfang Februar, sind seither die schwerste Zeit für Käthe Kollwitz. Das Weihnachtsfest, der Jahreswechsel und die Aussicht auf ein neues Jahr ohne ihr Kind rauben ihr den Lebensmut.

Sie fühlt sich mitschuldig an seinem Tod, weil sie – anders als ihr Mann Karl – nicht versucht hat, dem Sohn den kindlichen Heldenmut auszureden.

Wie oft schon hat sie seither nachgelesen, was sie zu Kriegsanfang in ihr Tagebuch eintrug:

»An diesem Tage war es wohl auch, an dem Peter abends Karl bittet, ihn vor Aufgebot des Landsturms mitgehen zu lassen. Karl spricht mit allem dagegen, was er kann. Ich habe das Gefühl des Dankes, dass er so um ihn kämpft, aber ich weiß, es ändert nichts mehr.

Karl: ›Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen.‹

Peter leiser, aber fest: ›Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es.‹

Ich stehe auf, Peter folgt mir, wir stehen an der Türe und umarmen uns und küssen uns, und ich bitte den Karl für Peter. Dieses Opfer – zu dem er mich hinriss und zu dem wir Karl hinrissen.«

Sie und ihr Mann sind Christen, Mitglieder der Freien Gemeinde. Er ist immer schon Pazifist. Sie wird es – mit jedem Jahr des Krieges mehr. Und mit jeder Todesnachricht. Fast alle von Peters Freunden sterben an der Schwelle zur Volljährigkeit.

»Peter, Erich, Richard, alle stellten ihr Leben unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen Jünglinge. Die Folge war das Rasen gegeneinander, die Verarmung Europas am Allerschönsten.

Ist also die Jugend in all diesen Jahren betrogen worden? Hat man ihre Fähigkeit der Hingabe benutzt, um den Krieg zustande zu bringen? Wo sind die Schuldigen? Sind alles Betrogene?«, fragt sie 1916 in ihrem Tagebuch.

Der Tod des Sohnes hat Wunden hinterlassen. Wunden, an deren Heilung sie nicht mehr glaubt, wie sich einer Notiz vom 12. Oktober 1917 entnehmen lässt. Auch drei Jahre nach Peters Tod kreisen ihre Gedanken beständig um den Verlust des Kindes.

»Von da an datiert für mich das Altsein. Das dem Grabzugehn. Das war der Bruch. Das Beugen bis zu einem Grade, dass es nie mehr ein ganzes Aufrichten gibt«, schreibt sie.

Aber sie war immer eine Kämpferin. Jetzt kämpft sie gegen den Krieg. Für die Künstlerin Käthe Kollwitz wird der Krieg zum wichtigsten Thema.

Sie plant ein Denkmal für ihren Sohn – und ist doch wie gelähmt. Erst Jahre später wird das Denkmal fertig werden. Aber das Thema lässt sie nicht los.

1918 beginnt Kollwitz mit einer Serie von Holzschnitten, die sie »Der Krieg« nennt. Ein Blatt des Motivs »Die Freiwilligen« kennzeichnet sie mit den Initialen von Peter und seinen Freunden. Man sieht darauf den Tod, wie er die Trommel schlägt und die jungen Männer mit sich reißt. Bis Ende 1922 ist sie damit beschäftigt.

»In solchen Augenblicken, wenn ich mich mitarbeiten weiß in einer internationalen Gemeinschaft gegen den Krieg, hab ich ein warmes durchströmtes und befriedigtes Gefühl. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind«, schreibt sie am 4. Dezember 1922 in ihr Tagebuch.

Unmittelbar nach diesen Grafiken beginnt sie ein Anti-Kriegs-Plakat für den Internationalen Gewerkschaftsbund zu entwerfen.

»Jetzt, wenn möglich, lauter solche Arbeiten, die eine Wirkung in sich schließen«, notiert sie am 30. Dezember 1922.

Arbeit ist das Einzige, was sie aus der Depression reißt. Das ruhelose Agitieren gegen den Krieg wirkt wie eine Therapie.

Als die Tage länger werden, als das Licht zurückkehrt und draußen die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe aus der kahlen Erde recken, scheint es ihr besser zu gehen. »Ich bin dankbar, mich künstlerisch wieder lebendig zu fühlen.«

 

******

Das Jahr 1923 beginnt feierlich für Rudolf Havenstein: Am 6. Januar begeht er ein Jubiläum – genau fünfzehn Jahre steht er nun an der Spitze der deutschen Notenbank.

Mit seiner hohen Stirn und den gezwirbelten Schnurrbartspitzen sieht der Reichsbankpräsident ein bisschen aus wie Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser. Was wenig verwunderlich ist, denn die beiden sind fast derselbe Jahrgang: Wilhelm II. erblickte 1859 das Licht der Welt, der Jubilar im Jahr 1857.

Fünfundsechzig Jahre ist Havenstein alt und als preußischer Beamter seinem Kaiser ein Leben lang aufs Engste verbunden. Eigentlich, ja eigentlich begann die Verbundenheit sogar schon vor seiner Geburt, denn schon sein Vater, ein Jurist wie er selbst und Landgerichtsdirektor in Pommern, war ein kaisertreuer Patriot.

Doch nach dem verlorenen Krieg hatte man den Kaiser pensioniert, wohingegen der Reichsbankpräsident sein Amt getreulich weiter versieht.

Und gerade jetzt ist er im Begriff, eine der schwersten Aufgaben zu schultern, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zu vergeben hat: Havenstein soll Geld schaffen, Geld für die Reparationen, die die Sieger dieses Krieges fordern. Geld für das vom Kämpfen erschöpfte Land, das sich nun gegen Besatzer wehren muss.

Es ist keine leichte Aufgabe, in dieser Zeit Zentralbanker zu sein.

Man hat Rudolf Havenstein über die Jahre viele Ehrungen zuteilwerden lassen. Etwa die Anrede »Exzellenz« – und damit einhergehend den Titel des »Wirklichen Geheimen Rates«, mit dem Preußens Monarchen einst ihre engsten Berater auszeichneten. (Die junge Republik nutzte die Titel weiter, bis alle Briefköpfe und Bartträger aufgebraucht waren.)

Während des Ersten Weltkrieges kamen noch andere Ehrentitel hinzu – und Eiserne Kreuze der verschiedensten Klassen. Der Kaiser nannte ihn seinen »Generalfeldmarschall«, wissend, dass der Waffengang ohne Havenstein nicht möglich gewesen wäre! Im Volk hieß man ihn den »Geldmarschall«.

Getrieben von der Sorge, dass Deutschlands militärische Ambitionen an monetäre Grenzen stoßen könnten, hatte er 1914 die Golddeckung der Mark aufgehoben. Am Tag bevor Deutschland in den Krieg eintrat, erklärte der Zentralbankchef Deutschlands den Abschied aus dem Goldstandard. Sein Beitrag zur Mobilmachung. Jetzt konnte Deutschland so viel Geld drucken, wie es brauchte.

Havenstein sagte die Banken los aus der Verpflichtung, Papiergeld in Gold tauschen zu müssen. Und er schob dem unpatriotischen Kleingeist einen Riegel vor, den er bei den deutschen Sparern hatte beobachten müssen: Direkt nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo stürmten diese nämlich in Berlin und anderswo die Banken, um sich ihr Geld in Gold auszahlen zu lassen.

Wo käme man da hin, wenn jeder nach Belieben Gold hamstern könnte – in Zeiten nationaler Bewährung? Er wartete nicht mal die Zustimmung des Parlaments ab – denn die war ihm sowieso sicher.

Er, Rudolf Havenstein, würde den deutschen Sparer Vaterlandsliebe lehren!

Und tatsächlich schaffte er es, selbst denen, die schon Gold besaßen, ihre Schätze abzuluchsen. Zu Tausenden tauschten die Frauen zu Beginn des Krieges Ketten, Armbänder und sogar Eheringe gegen Eisenschmuck ein; die Männer ihre Uhren und Ehrenpokale.

»Gold gab ich für Eisen hin.« Diese Parole hatte schon einmal geholfen, den Krieg gegen die Franzosen zu finanzieren – damals, zu Napoleons Zeiten.

1914 war der Slogan wieder so populär, dass Emmerich Kálmán sogar eine Operette daraus machte. Eigentlich saß der Komponist ja gerade an der »Csárdásfürstin«. Doch er legte die verwickelte Liebeskomödie beiseite, um schnell ein Stück zur Mobilmachung zu komponieren: »Östreich, Deutschland sind ein Paar, wie noch auf der Welt keins war! Kommen wir und kommen die, fallt Europa auf die Knie! Östreich hier und Deutschland da, allweil heißt’s Viktoria!«, tönte es da im Dreivierteltakt. Premiere im Theater an der Wien, danach wurde das Stück auch in Deutschland rauf und runter gespielt.

Derweilen gab Reichsbankpräsident Havenstein neun Kriegsanleihen aus. In kleiner Stückelung, ab einem Monatslohn war man als Arbeiter dabei. Und damit auch wirklich alle zeichneten, spannte Havenstein neben den Banken auch die vielen Sparkassen ein. Er bewarb das Investment in den Krieg mit unzähligen Plakaten.

Auch als er 1916 eine Müdigkeit bei den Anlegern bemerkt, als sich die Anleihen plötzlich schlechter verkaufen, ließ er nicht locker.

Havenstein verdoppelte seine Anstrengungen.

Er reiste durchs Land und warb persönlich: »Kriegsanleihe zeichnen ist die allgemeine Wehrpflicht der Daheimgebliebenen«, predigte er 1917 in Frankfurt. »Wie unsere Söhne und Brüder draußen an der Front und auf der See dem wildesten Ansturm Halt gebieten und ihn niederringen, muss sich jeder auch in der Heimat bewusst sein, dass auch an ihn die Aufgabe gestellt ist, Treue zu halten dem großen herrlichen Vaterlande.«

Im August 1916 war sein Sohn Leutold gefallen.

Doch Havenstein arbeitete unermüdlich weiter.

Als ihm der Bürgermeister seines Geburtsortes Meseritz kondolierte, dauerte es Monate, bis er antwortete:

»… sehr herzlichen Dank für die gütige Teilnahme, die Sie mir beim Tode meines Sohnes bezeugt haben.«

Bei der Gelegenheit ging er auch auf die Ehrung ein, die ihm die Stadt Meseritz seiner beruflichen Verdienste wegen in Aussicht gestellt hat. Der vielbeschäftigte Havenstein erledigte im November 1916 beide Angelegenheiten in einem Aufwasch:

»… beehre ich mich ergebenst zu erwidern, dass es mir eine besondere Ehre und Freude sein wird, den Ehrenbürgerbrief meiner Vaterstadt entgegenzunehmen. Da ich an den Werktagen über meine Zeit nicht mit Sicherheit zu verfügen vermag, gestatte ich mir hierfür Sonntagmittag vorzuschlagen.«

Das Städtchen Meseritz, das heute zu Polen gehört, zur damaligen Zeit aber Teil des Deutschen Reiches war, liegt knapp 200 Kilometer von Berlin entfernt. Gerade mal einen Sonntag erübrigte der vielbeschäftigte und vielfach geehrte Mann für den Besuch dort.

Der Arbeitseifer des Reichsbankpräsidenten scheint durch nichts beeinträchtigt.

Im Gegenteil: Mit den vier Anleihen, die nun folgten, nahm er mehr Geld ein als mit den fünf davor.

Männer wie er formen den Ruf des preußischen Berufsbeamtentums.

Und doch wird später einmal vom Ruhm dieses eifrigen Beamten wenig bleiben.

Und das liegt unter anderem am Schwarzbrot.

Bei Kriegseintritt, im August 1914, kostete ein zwei Pfund schwerer Laib Brot 32 Pfennig. Nach Kriegsende, im November 1918, zahlte man schon 53 Pfennig dafür.

Seither sind die Preise weiter gestiegen – besonders seit dem Streit mit den Franzosen: Im Januar 1923 kostet ein Laib Brot 250 Mark. Und alles andere ist auch teurer geworden in Deutschland.

Keine leichte Aufgabe, in dieser Zeit Zentralbanker zu sein!

 

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*