Buchauszug Mark Spörrle: „Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice“

Buchauszug Mark Spörrle: „Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice“

 

Mark Spörrle (Foto: Heyne Verlag/Vera Tammen)

 

 

Ich hatte einen Video-Call mit Kai. Jemanden wie Kai hätte man früher einen »harten Hund« genannt. Heute würde man wohl eher sagen, er sei ein »smarter Typ«. Kai weiß alles, ist immer bestens vorbereitet und stets so perfekt anzogen, als arbeite er permanent im Büro und erwarte jederzeit superwichtigen Besuch. Um ehrlich zu sein, Kai ist nicht nur so angezogen. Er arbeitet auch permanent im Büro und hat jede Menge superwichtigen Besuch.

Ich nicht. Ich arbeite von daheim aus. Und deshalb war ich so frei, das Online-Meeting mit Kai auf morgens acht Uhr zu legen. Nicht ganz fair vielleicht. Aber ich wusste: Jemand wie Kai konnte unmöglich zugeben, dass ihm ein Meeting zu früh angesetzt war.

Ich malte mir aus, wie er im Morgengrauen aufstand, sich eiskalt abduschte und in einen seiner zweiunddreißig schicken Anzüge quälte, um unausgeschlafen ins Büro zu eiern. Vielleicht vergaß er auch genau die Unterlagen, die er dringend für unser virtuelles Meeting brauchte und die er am Abend vorher noch im Bett durchgearbeitet hatte, bis er erschöpft eingeschlafen war. Er musste also noch einmal fluchend zurück, um die Sachen zu holen. Kam in Zeitstress, verpasste die nächste U-Bahn, warf sich in ein Taxi, das im Stau stecken blieb, erreichte mit knapper Not um kurz vor acht die Firma, rannte wie ein Irrer in sein Büro. Und schaffte es, während sein Computer hochfuhr, gerade noch, sein durchgeschwitztes blaues Hemd gegen eines der sieben frischen blauen Hemden in der untersten Schublade seines Schreibtischs zu tauschen. Ich weiß, das klingt jetzt charakterlich zweifelhaft, aber mir half diese kleine Fantasie.

Ich dagegen hatte mich am Vorabend noch gründlicher als Kai auf unser Gespräch vorbereitet. Was mich in meinem Schlafpensum nicht im Geringsten beeinträchtigte, da ich bis kurz vor acht gemütlich im Bett liegen konnte. Dann stand ich auf, wusch und frisierte mich flüchtig und schlüpfte in meine bereit hängende Ausstattung für frühe Video-Calls mit wichtigen Leuten: Weißes Hemd. Schickes blaues Sakko. Unterhose.

Ja, Unterhose.

Mehr braucht man im Homeoffice, ehrlich gesagt, nicht. Ich kannte den Erfassungsbereich meiner Laptopkamera. Und selbst, wenn er sich heimtückisch verstellt haben sollte, oder wenn – was noch nie passiert war und nie passieren würde – die Deckelbefestigung des Laptops plötzlich erlahmte und sich nach vorne neigen würde: Da war immer noch die Tischplatte.

So viel zu den Risiken der Hosenlosigkeit im Home­office.

Die Vorteile dagegen, ich hatte das gründlich analysiert, waren enorm: 1. Zeitersparnis. Nicht nur weil der Weg ins Büro wegfiel. Ein durchschnittliches In-die-Anzughose-Schlüpfen inklusive Reißverschluss-und-Knopf-Schließen erforderte bei mir zwischen zehn und dreißig Sekunden, je nach Tagesform, Wetteranfälligkeit, Reißverschlussqualität und Knopflochweite. 2. Unfallprävention. Ich verminderte das gesundheitliche Risiko des Hosenanziehens. Niemand will es zugeben, aber die Arztpraxen sind voll von Männern, die sich beim Hosenanziehen etwas eingeklemmt haben, oder sich verheddert haben und gestürzt sind. 3. Kostenersparnis. Ich hatte keinen Materialverschleiß und sparte Reinigungskosten. Eine Hose, die man nicht trägt, nutzt man nicht ab, muss man nicht waschen, trocknen, bügeln und/oder zur Reinigung bringen und wieder abholen. 4. Der Umweltaspekt! 5. Komfort. Es war ohne Hose einfach luftiger. Ein nicht zu unterschätzender Punkt. An dem Tag, als Kai und ich online aufeinandertrafen, sollten es 25 Grad werden. 6. Nachhaltigkeit. Eine Hose, die man nicht trägt, muss man gar nicht erst kaufen, auch nicht eine Größe größer, wenn man im Homeoffice unversehens zugenommen hat.

 

(Foto: Heyne Verlag)

Mark Spörrle: „Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice.“ Heyne Verlag, 192 Seiten, 12,– Euro  https://www.penguinrandomhouse.de/Taschenbuch/Unten-ohne/Mark-Spoerrle/Heyne/e595479.rhd

 

Zum Zeitpunkt meines Gesprächs mit Kai hatte ich also drei komplette Anzüge im Einsatz; sowie vier halbe, die lediglich aus einem Sakko bestanden. Und ich fühlte mich gut damit, diese bei Video-Call-Bedarf zwanglos mit einer Vielzahl von Unterhosen zu kombinieren.

Alles, womit Kai im Gegensatz zu mir noch punkten konnte, war, dass er bei unserer Unterhaltung vielleicht etwas wacher sein würde als ich. Weil er beim Rennen erst zur U-Bahn, dann zum Taxi und später durch die langen Flure bis zu seinem Büro seinen Kreislauf gehörig hochgepeitscht hatte. Doch auch auf dieses Handi­cap hatte ich eine Antwort: Ich machte mir einen doppelten Espresso extra.

Als wir uns dann pünktlich auf die Sekunde vor unseren Monitoren gegenübersaßen, hob und senkte sich Kais Brustkorb wie wild unter dem Sakko und dem sichtlich frischen, noch in Liegefalten geknifften Hemd – yes, ich hatte richtig gelegen!

»Guten Morgen, Kai, wie schön, dass wir reden!« Ich gab ihm keine Zeit, Atem zu holen oder gar schlagfertig zu werden, ging sofort in medias res, denn angeblich wartete schon der nächste Video-Call mit Kais ärgstem Rivalen. In Wahrheit wollte ich im Anschluss mit meiner Familie frühstücken.

Ich gestehe, ich setzte Kai ein bisschen unter Druck. Es ging um eine Kooperation, die für unsere beiden Unternehmen ganz offenkundig vorteilhaft war. Die Frage war nur, für wen der Vorteil ein bisschen größer ausfiel. Wer diktierte die Bedingungen? Der noch immer gehetzt wirkende Kai – oder mein durchs Homeoffice entspanntes, ausgeschlafenes Ich? Während ich von »anderen lukrativen Optionen« faselte, hörte ich meine Liebste in der Küche mit der Kaffeemaschine hantieren.

Und dann nutzte ich die Chance, als mein Handy brummte. Ich nahm den Anruf mit entschuldigender Geste an, bat Kai, eine Sekunde zu warten, und gab vor, »die andere Option« dran zu haben.

»Ich bin überrascht, dass Sie jetzt schon anrufen«, sagte ich dann ins Telefon. »Oh, ich verstehe … ja, das freut mich, das ist natürlich schön, dass Ihnen das wichtig … ach, DIE Chance?! Und wie viel würden Sie … Oh, das ist … vielen Dank, das ist groß­artig, wunderbar … Ich bin hundertprozentig sicher, die anderen werden Ihr Angebot genauso sehen, und damit können wir wirklich etwas auf die Beine stellen … Das würde mich auch sehr freuen, ich bin sicher, wir sprechen ganz bald …!«

Und während ich dem Anrufer überschwänglich für die weitreichenden Zugeständnisse dankte, signalisierte ich Kai gleichzeitig gestenreich meinen inneren Zwiespalt.

Die echte Anruferin, eine Frau, die sich für unser bei eBay-Kleinanzeigen eingestelltes Treppenschutzgitter interessierte, zweifelte unterdessen erst an ihrem, dann an meinem Verstand.

Kaum hatte ich aufgelegt, winkte meine Tochter ­Luise durch den Türspalt und signalisierte, dass das Frühstück längst fertig sei.

Ich tat, als ob meine Assistentin mich in den nächsten dringlichen Termin rufen wolle.

Meine Tochter griff sich nur stumm an den Kopf. Dass sie mich peinlich fand, kannten wir beide, das kam bei uns täglich vor. Dass sie allerdings dieses eine Mal die Tür nicht zuknallte (das tun Assistenten schließlich auch nur selten), rechnete ich ihr hoch an.

»Ich muss mich jetzt entschuldigen, lieber Kai«, sagte ich freundlich-geschäftsmäßig. »Du kannst gerne noch mal in Ruhe ein paar Tage über alles nachdenken; das gibt auch mir genug Zeit für die richtige Entscheidung …«

Kai unterbrach mich. Er sagte zu, sofort. Und war mit all meinen Bedingungen einverstanden. Er würde die Vereinbarung sofort nach unserem Telefonat unterzeichnen.

Das Homeoffice hatte gewonnen! Entspanntheit über Ehrgeiz triumphiert! Ich war wie beseelt. Wie im Rausch. Nicht nur mein Tag war gerettet, meine ganze Woche war es, ach, meine gesamte berufliche Zukunft!

Wir waren gerade dabei, den schönen Deal mit ein bisschen Small Talk abzuschließen, als Kai von der Seite sehr effektvoll einen Kaffee serviert bekam. Er erhob seine Tasse und prostete mir lächelnd zu. »Auf unsere Zusammenarbeit!«

Gerade wenn man sich nur digital trifft, darf das Menschliche nicht zu kurz kommen. Kleine Gesten der Verbundenheit sind sehr wichtig, erst recht, wenn man den Sieg davonträgt.

Leider hatte ich keine Assistentin und keinen Assistenten, der mir ebenso eine Tasse reichte, aber die Küche war ja gleich nebenan. »Sekunde«, lächelte ich und federte hoch, »Sekunde!«

Im nächsten Moment fror meine Hand an der Türklinke fest: Im Chatfenster prangte bildfüllend eine ­Micky Maus.

Die Micky Maus auf meiner Unterhose.

Und ich hörte Kais Lachen.

Es war das Lachen eines Mannes, der wusste, dass er das Spiel doch noch gewonnen hatte.

 

 

 

 

 

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